science in ancient egypt

 

Metadaten

Gynäkologischer Papyrus Gynäkologischer Papyrus Link
Bezeichnung
Gynäkologischer Papyrus Kahun
Weitere Bezeichnungen
Gynäkologischer Papyrus
Papyrus London UC 32057
Aufbewahrungsort
GB, London, University College, Petrie Museum of Egyptian Archaeology
Erwerbsgeschichte

Der Papyrus stammt aus den Ausgrabungen W. M. F. Petries und befindet sich deshalb seit 1890 in dem nach ihm benannten Museum in London.

Herkunft
Unterägypten, Illahun

Der Papyrus wurde im April 1889 als Teil eines Papyruskonvoluts, genannt Papyruskonvolut VI, während der Ausgrabungen eines Wohnhauses der Arbeitersiedlung von Illahun durch W. M. F. Petrie entdeckt (Westendorf 1999, 77; Griffith 1898 I, 5), vermutlich in einem Wohnhaus in der Häuserreihe N (Gallorini 1998, 48 mit Anm. 49 [sic für Anm. 53]; Collier – Quirke 2002, vi und viii). In einer späteren Publikation sind Collier & Quirke vorsichtiger, was den Fundort von Papyruskonvolut VI angeht, weil es eine Vermischung der Konvolute IV und VI gegeben zu haben scheint und die Häuserreihe N ("in the middle block of these buildings") vielleicht Konvolut IV betrifft (Collier – Quirke 2006, 4-5). Zu Konvolut VI gehörten außerdem Briefe, Verwaltungslisten und ein Fragment der Geschichte von Horus und Seth (eine Auflistung in: Collier – Quirke 2006, 3).

Datierung
Mittleres Reich, 12. Dynastie, ca. 1939–1760 v. Chr.

Die Datierung des Papyrus basiert auf dem archäologischen Kontext des Papyrus-Fundorts. Dieser wurde in einem Wohnhaus der Arbeitersiedlung Sesostris' II. (Beckerath 1997, 189: 1882–1872 v. Chr.; Hornung – Krauss – Warburton 2006, 492: 1845–1837 v. Chr.) in Illahun entdeckt. Ein Teil der im gleichen Konvolut gefundenen Verwaltungstexte stammt aus den Regierungsjahren 21 und 43-46 (Collier – Quirke 2006, 3), für die nur die Regierungszeit Amenemhet III. in Betracht kommt. Die Nennung eines 29. Regierungsjahres auf der Rückseite des gynäkologischen Papyrus – vermutlich des Königs Amenemhets III., wenn der genannte Cheti mit demjenigen aus dem 43. Regierungsjahr dieses Königs identisch ist, wie Griffith, 65 vermutet – liefert einen chronologischen Anhaltspunkt (terminus ante quem) für die Datierung des Textes auf der Vorderseite. W. Westendorf datiert den Papyrus deshalb in die Zeit um 1850 v. Chr. (Westendorf 1999, 8); die Regierungszeit Amenemhets III. fällt nach Beckerath 1997, 189 in die Jahre 1853–1805 v. Chr., nach Hornung – Krauss – Warburton 2006, 492 in die Jahre 1818–1773 v. Chr.

Textsorte
medizinisches Fachbuch
Inhalt

Der Papyrus enthält ausschließlich Texte über Frauenkrankheiten und Schwangerschaft und ist somit eine Art Fachbuch wie z.B. Papyrus Edwin Smith und keine Sammelhandschrift wie z.B. Papyrus Ebers. Der Text besteht aus zwei Teilen. Die ganzen Kolumnen 1 und 2 sind mit šsꜣw-Lehrtexten gefüllt (insgesamt 17, davon 9 in Kol. 1 und 8 in Kol. 2), bestehend aus einer Überschrift, einer Diagnose im Zusammenhang mit der Gebärmutter und einer Behandlung. Die beschriebenen Symptome wie Sehstörungen, Nackenleiden, Zahnschmerzen, Hörstörungen und Gliederschmerzen werden dabei allesamt auf Fehlfunktionen der inneren weiblichen Geschlechtsorgane zurückgeführt bzw. als Begleiterscheinung von Genitalleiden gewertet und dementsprechend behandelt. Die Geschlechtsorgane können beräuchert oder mit Eingüssen behandelt werden. Daneben werden aber auch Trankmittel und Einreibungen der betreffenden Körperstellen verordnet. Die dritte Kolumne enthält 16 oder 17 Texteinheiten (Fälle 23 und 24 sind vielleicht nur 1 Fall), die aber weder formal noch inhaltlich einheitlich oder strikt geordnet sind. Die meisten haben in irgendeiner Form mit Schwangerschaft zu tun. Einige sind Schwangerschaftsprognosen (Fälle 19–20 und 26–32), andere sind Mittel zur Empfängnisverhütung (Fälle 21–22), eine isolierte Texteinheit ist ein šsꜣw-Lehrtext bezüglich des Uterus (?) (Fall 25), noch andere sind unklare Erkrankungen der Frau oder zu zerstört, um bestimmt werden zu können (Fälle 18, 23/24, 33-34) (Westendorf 1999, 9–11). Die Rückseite der dritten Kolumne enthält einen aufgeklebten Reparaturstreifen mit dem Ausschnitt eines administrativen Textes aus dem 29. Regierungsjahr eines nicht genannten Königs, der aber nur Amenemhet III. sein kann (Griffith 1898 I, 5 und II, Taf. 26a; Westendorf 1999, 8).

Ursprünglicher Verwendungskontext

Die Reparaturmaßnahme auf der Rückseite des Papyrus könnte zum einen darauf hinweisen, dass der Papyrus so stark in Anspruch genommen wurde, dass er dadurch brüchig geworden ist. Zum anderen impliziert diese Tatsache aber auch, dass der Papyrus trotzdem noch verwendet werden sollte (www.digitalegypt.ucl.ac.uk/med/healingpapyri.html).

Material
Papyrus
Objekttyp
Papyrusrolle
Technische Daten

Der Papyrus misst ca. 1 m in der Länge und 32,5 cm in der Höhe (Hochformat). Insgesamt haben sich drei Blätter erhalten, die aus ca. 50 Einzelfragmenten zusammengesetzt wurden. Der Anfang des Papyrus (rechts) weist einen zwar beschädigten, aber insgesamt recht breiten vorgelagerten Schutzrand auf. Der linke Rand ist nicht erhalten. Die unterste Zeile der drei Kolumnen ist jeweils nur teilweise beschriftet und jede Kolumne fängt mit einem neuen Fall an. Man kann also nicht aus der nur teilbeschrifteten letzten Zeile der dritten Kolumne schließen, dass keine weiteren Kolumnen mehr folgten und der vorliegende Teil somit das Ende des Textes markiert (anders: Westendorf 1999, 8). Der Papyrus ist in drei Textkolumnen gegliedert. Die Kolumnen 2 und 3 fangen jeweils nach dem Klebestreifen der Papyrusblätter an, bei Kolumne 1 ist das nach dem Foto nicht sicher erkennbar. Die erste Kolumne umfasst 29 Zeilen und ist bis auf einige geringfügige Lücken gut erhalten. Der mittlere Teil der zweiten Kolumne ist bis zum unteren Rand ausgebrochen, sodass von den ursprünglich 30 Zeilen lediglich 7 Zeilen vollständig überliefert sind. Die dritte Kolumne ist am stärksten in Mitleidenschaft gezogen, liegt in 46 Einzelfragmenten vor und enthält 28 Zeilen. Die Länge der einzelnen Textzeilen nimmt in den Kolumnen 1 und 2 von oben nach unten hin zu, so dass der Kolumnentrennsteg oben breit und unten schmal ist. Auch die Kolumnenbreite nimmt zu: die Textzeile in Kolumne 1 ist bis max. 23 cm lang, in Kolumne 2 bis 30,5 cm und in Kolumne 3 bis 35,6 cm.
Die Rückseite des Papyrus wurde sowohl in der ersten als auch in der dritten Kolumne mit wiederverwendeten Papyrusstreifen zusätzlich verstärkt. Der Text dieser Streifen ist nach innen gerichtet, ausgenommen der Streifen in der dritten Kolumne mit einer administrativen Notiz aus der Zeit Amenemhets III. Der Papyrus wurde aus technischen Gründen in zwei Teilen verglast, Frame 1 mit den Kolumnen 1–2 und Frame 2 mit der Kolumne 3.

Schrift
Hieratisch

Die Leserichtung verläuft von rechts nach links. Die Verwendung von Rubra ist zu bemerken. Der Text ist ohne horizontale Hilfslinien geschrieben und der Schreiber hatte teilweise Schwierigkeiten, die Horizontalität der Zeilen sowie einen gleichmäßigen Zeilenabstand zu halten.

Sprache
Mittelägyptisch
Bearbeitungsgeschichte

Mit seiner Publikation zum Korpus der von W. M. F. Petrie entdeckten Kahun-Papyri, legte F. L. Griffith eine erste hieroglyphische Umsetzung aus dem Hieratischen sowie eine Übersetzung des Textes ins Englische vor, vermischt mit Latein für die die Geschlechtsorgane betreffenden Bereiche (Griffith 1898 I, 5–11 und Taf. 5–6). Der Text wurde vollständig im Rahmen des Projekts Grundriss der Medizin der Alten Ägypter ausgewertet (inkl. hieroglyphischem Text, thematisch organisierter deutscher Übersetzung, Wörterbuch, Grammatik). Im Jahre 1975 erfolgte eine neuerliche Übersetzung ins Englische durch J. Stevens (Stevens 1975, 949–952), später kamen eine französische (Bardinet 1995, 437–443) und eine neue deutsche Übersetzung (Westendorf 1999, erneut thematisch organisiert) hinzu. M. Collier und S. Quirke veröffentlichten im Jahre 2004 die in der Sammlung des University College London aufbewahrten literarischen und wissenschaftlichen Kahun-Papyri (Collier – Quirke 2004, 54–57). Neben den wichtigsten Metadaten zu den einzelnen Objekten lieferten sie sowohl eine Umzeichnung als auch eine hieroglyphische Abschrift, eine wissenschaftliche Transkription/Umschrift, eine Übersetzung sowie Farbfotos der einzelnen Fragmente. Eine Übersetzung des Textes ins Englische (die zudem mit Hörproben versehen ist), eine Transkription des Textes in Hieroglyphen sowie eine Fotografie des Papyrus finden sich auf der Internetseite des University College, London (www.digitalegypt.ucl.ac.uk/med/birthpapyrus.html).

Editionen

- Collier – Quirke 2004: M. A. Collier – S. G. C. Quirke, The UCL Lahun Papyri. Religious, literary, legal, mathematical, and medical, British Archaeological Reports – International Series 1209 (Oxford 2004), 58–64.

- Griffith 1898 I: F. L. Griffith, The Petrie Papyri. Hieratic Papyri from Kahun and Gurob (principally of the Middle Kingdom). I. Text (London 1898), 5–11.

- Griffith 1898 II: F. L. Griffith, The Petrie Papyri. Hieratic Papyri from Kahun and Gurob (principally of the Middle Kingdom). II. Plates (London 1898), Tf. 5–6.

- Stevens 1975: J. Stevens, Gynaecology in Ancient Egypt. The Papyrus Kahun. A Translation of the Oldest Treatise on Gynaecology that has survived from the Ancient World, in: The Medical Journal of Australia 2, 1975, 949–952.

Literatur zu den Metadaten

- Beckerath 1997: J. v. Beckerath, Chronologie des pharaonischen Ägypten. Die Zeitbestimmung der ägyptischen Geschichte von der Vorzeit bis 332. v. Chr., Münchner Ägyptologische Studien 46 (Mainz am Rhein 1997).

- Collier – Quirke 2002: M. A. Collier – S. G. C. Quirke, The UCL Lahun Papyri. Letters, British Archaeological Reports – International Series 1083 (Oxford 2002), v–xiii.

- Collier – Quirke 2006: M. A. Collier – S. G. C. Quirke, The UCL Lahun Papyri. Accounts, British Archaeological Reports – International Series 1471 (Oxford 2006), 3–5.

- Gallorini 1998: C. Gallorini, A reconstruction of Petrie’s excavation at the Middle Kingdom settlement of Kahun, in: S. Quirke (Hrsg.), Lahun Studies (Reigate 1998), 42–59.

- Hornung – Krauss – Warburton 2006: E. Hornung – R. Krauss – D. A. Warburton, Ancient Egyptian Chronology, Handbook of Oriental Studies 83 (Brill/Leiden/Boston 2006).

- Westendorf 1999: W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I 36,1 (Leiden/Boston/Köln 1999), 8–11, 412–417, 426, 429–435.

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Bearbeiter
Dr. Ines Köhler
Bearbeitungsdatum
30.11.2018

Übersetzung und Kommentar

Kah 1

[1.1] Heilkunde1 [für eine Frau, deren Augen] krank2 sind; sie kann nicht sehen und leidet an ihrem Nacken:
So sollst du dazu sagen: Die Überflüsse(?)3 des Uterus in ihren beiden Augen sind das.
So sollst du dagegen handeln: Sie werde mit Weihrauch beräuchert und mit frischem Öl/Fett. (Es) werde ihre Vulva damit beräuchert. (Es) werden ihre beiden Augen mit den jns.t-Beinpartien von gn.w-Vögeln4 beräuchert.
[1.5] So sollst du sie frische Eselsleber essen lassen.

1 Der Papyrus beginnt ohne jegliche Einleitung mit einer Reihe von Lehrtexten „šsꜣ.w“ (Kah 1–17), es folgen Fruchtbarkeits- und Schwangerschaftsprognosen oder Prognosen zur Bestimmung des Geschlechts des ungeborenen Kindes. Wie in den nachfolgen Sprüchen ist nur šsꜣ.w rubriziert.
Rechts vor und über dem Beginn der ersten Zeile sind drei Zeichen einer senkrechten Kolumne zu erkennen. Darüber scheint sich eine waagerechte Linie zu befinden, s. das Foto auf der CD, die Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri beiliegt. Angesichts des Inhalts des Textes wäre es verführerisch, in den beiden letzten Zeichen ein sehr kursives pẖr + r oder t und damit das Wort pẖr.t: „Heilmittel“ zu lesen. Allerdings würden dafür die Klassifikatoren fehlen und die Zeichenreste darüber lassen sich in diesem Kontext nicht sinnvoll interpretieren. Höchstwahrscheinlich liegt wohl nur der Rest eines derjenigen Papyri vor, die als Makulatur zur Verstärkung des Papyrus verwendet wurden, s. dazu Griffith, 5. Das deuten auch Collier & Quirke auf der Falttafel an und die Klebekanten zwischen der 1. Kolumne und diesem Notizfragment sind auch auf dem Foto zu erkennen. Collier & Quirke schlagen eine Transliteration als Kornmaß U 10 (eigentlich U 9, da U 10 erst in der 18. Dynastie auftritt), die mr-Hacke und ein r vor, versehen aber alles mit Fragezeichen.

2 „krank“: Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 58 und Falttafel lesen mn, wobei die phonetischen Zeichen weitestgehend in der Lücke stehen. Griffith, 6 und Tf. V sowie Grundriß der Medizin V, 457 und MedWb 377 lesen m(ḥ)r. Das erste Zeichen ist eine halb beschädigte Ligatur von mn + n oder von m + r. Der relativ kurze obere Strich würde tatsächlich besser zur m-Eule als zum mn-Brettspiel passen, wenn man mit den Schreibungen von m(ḥ)r in Zl. 1.5 und von mn in Zl. 1.8 (x2) vergleicht.

3 ḏd.ḫr=k r=⸢s ḫꜣꜥw⸣/[s]⸢ḥꜣ⸣ pw: Durch die Zerstörung ist die Stelle nicht eindeutig zu lesen. In Analogie zu den folgenden Sprüchen lässt sich sicher ḏd.ḫr=k r=⸢s⸣ lesen und ergänzen. Griffith, pl. V sowie Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 58 transkribieren ḏd.ḫr=k r=s ḫꜣꜥw pw und übersetzen „You should say of it ‚it is discharges of the uterus in her eyes‘.“ Westendorf, Handbuch Medizin, 412 + Anm. 674 und Westendorf, Grammatik, 62, Anm. 1 liest dagegen sḥꜣw und übersetzt „Überflüsse(?)“ und vergleicht mit Fall Kah 8 (Kol. 1.27), wo das Demonstrativpronomen tfꜣ in tfꜣ pẖr.t n.t dr sḥꜣw n.j jd.t einen Rückbezug braucht. Westendorfs Vorschlag ist allerdings ziemlich fraglich, weil das Wort sḥꜣw zwei senkrechte Zeichen für s und für ḥꜣ voraussetzt und auf dem Photo nur der Fuß eines solchen Zeichens erkennbar ist. Allerdings ist auch die Lesung ḫꜣꜥw nicht ohne weiteres mit den Spuren vereinbar: man erkennt ein senkrechtes Zeichen (für ḫꜣ?), die Füße von zwei Vögeln ( und w), eine schmale Lücke und beschädigte Pluralstriche (s. die Schreibungen in Kol. 1.10, 1.24 und 2.2).

4 gn-Vögel: Goldamsel, Pirol. s. dazu Vernus, Bestiaire, 392; DrogWb 537 f.; Wilson, Ptol. Lexikon, 1101.

Kah 2

Heilkunde für eine Frau, deren Uterus schmerzt, während (sie) geht (wörtl. beim Gehen)1:
So sollst du dazu sagen: „Was ist das, was du riechst?“ Wenn sie zu dir sagt: „Ich rieche Braten“2, so sollst du dazu sagen: „Das sind Ergüsse (?)3 des Uterus.“
So sollst du dagegen handeln: Sie werde beräuchert mit irgendetwas, das sie als Braten riecht.

1 m ḫpi̯: Die Übersetzung wird verschieden diskutiert; Hauptunterschied dabei ist, wer das Agens von m ḫpi̯ ist. So übersetzen Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 58: „Examination of a women who is ill from her uterus wandering“. Die Idee, dass die Ägypter die griechisch, hippokratische Vorstellung vom wandernden Uterus teilten, bzw. vielmehr ihr Urheber seien, ist in der Ägyptologie weit verbreitet, s. Rodabaugh Suvorov, The Kahun papyri in Context: The ‘Floating Uterus’, in: R. Dann e.a. (eds.), Current Research in Egyptology 2004. Dagegen s. Bednarski, Hysteria revisited. Women’s public health in Ancient Egypt, in: A. McDonald, C. Riggs, Current Research in Egyptology 2000, BARS 909, Oxford 2000, 16 „It seems unlikely, that ancient Egyptian medicine, as encapsulated in P. Kahun and P. Ebers, subscribed to the notion of a Greek-styled wandering womb“. Parkinson 1991, Voices of Ancient Egypt, 79 dagegen übersetzt „Safeguarding a woman, whose vagina is sore during movement.“

2 „Ich rieche Braten“: Westendorf, Handbuch Medizin, 413, Anm. 677 nimmt die Veränderung des Geruchsinn als Hinweis auf Gebärmutterhalskrebs. Der angegebene Literaturverweis Ritter, Neurologie, 544 bezieht sich allerdings auf andere Symptome, wie „Nackensteife, Stauungspapille … und Eintrübung des Bewußtseins“.

3 nmsw: Westendorf, Handbuch Medizin, 413 übersetzt „Ergüsse“, ohne Fragezeichen; Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 58 „wrappings (?)“. Die Bedeutung „Ergüsse (?)“ geht auf MedWb 462 zurück, zum einen, weil die Bearbeiter des Grundrisses einen Zusammenhang mit mnsꜣ: „Samenerguss“ (Determinativ: Penis mit Samenerguss) vermuten, zum anderen, weil ḫꜣꜥ.w: „Ausscheidung“ in ähnlichem Zusammenhang gebraucht wird.

Kah 3

Heilkunde für eine Frau, die an ihren beiden Hinterbacken leidet, an ihrer Schamgegend und am Ansatz ihrer Oberschenkel1:
So sollst du dazu sagen: [1.10] Überschüsse(?)2 des Uterus sind das.
So sollst du dagegen handeln: Erdmandeln: 1/64 (Heqat = 1 MR-Dja)3, šꜣšꜣ-Früchte: 1/64 (Heqat = 1 MR-Dja)3, Kuhmilch: 1 Hin.
(Es) werde gekocht, abgekühlt und zu einer Masse gemacht. (Es) werde an vier Morgen getrunken.

1 pḥ.wj=sj kns=s wꜣb.w n mn,tj=sj: Vermutlich der Bereich zwischen Anus und Vulva, evtl. soll der Damm gemeint sein?

2 ḫꜣꜥ: „Ausscheidungen“, deren Form/Zustand (fest oder flüssig?) fraglich ist.

3 1/64 Heqat: Westendorf, Handbuch Medizin, 413 liest „5 ro“; Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 58 lassen die Maßeinheit untranskribiert als Symbole stehen wꜥḥ + šꜣšꜣ + und übersetzen „… a measure of carob fruit, a measure of pellets …“.

4 jri̯ m (j)ḫt wꜥ.t: Die Frage bleibt, ob aus der Erdmandel, den šꜣšꜣ-Früchten und der Milch ein Tee, eine Suppe o.ä. gekocht werden soll, das getrunken werden kann. Erdmandel ist reich an Ballaststoffen; die šꜣšꜣ-Früchten sind als Ingredienz u.a. bei Magenbeschwerden belegt (so z.B. in pEbers 36.4–44.12 [Eb 188–220] bei Verstopfungen). Die Beschwerden, die sich (vermutlich) am After, unspezifisch an der Schamgegend (evtl. am Damm?) und am Ansatz der Oberschenkel lokalisieren lassen, könnten auch von einer Beeinträchtigung oder Beschwerden beim Stuhlgang sprechen.

Kah 4

Heilkunde für eine Frau, die ⟨leidet an⟩1 ihrer Schamgegend, ihrer Vulva, der Umgebung ihrer Vulva zwischen ihren Hinterbacken:
So sollst du dazu sagen: Eine große Schwellung/Ausdehnung infolge der Geburt ⟨ist das⟩.
So sollst du dagegen machen: Neues Öl: 1 Hin-Maß.
(Es) werde an [1.15] [ihre] Vagina und an ihre [___] gegossen.

1 Ergänzung ⟨mn⟩ nach Westendorf, Handbuch Medizin, 413. Ort des Leidens ist wie in Kah 3 vermutlich die Region des Damms.

Kah 5

Heilkunde für eine Frau, die an ihren jbḥ-Zähnen und nḥd.t-Zähnen1 leidet; sie kann nicht ihren Mund [öffnen]:
So sollst du dazu sagen: Das sind tjꜣ.w-Schmerzen2 des Uterus.
So sollst du dagegen handeln: Du musst [sie] beräuchern mit Öl/Fett und Weihrauch in einem ḏꜣḏꜣ-Topf. (Es) werde Urin eines qmꜣ-artigen Esels in ihre [Vulva?] gegossen, an seinem 2. Tag, nachdem er ihn ausgeschieden hat.
Wenn sie an ihrer Unterleibsregion leidet bis hin zu ihren Sichelbeinen3 und bis hin zu ihren Hinterbacken: [1.20] Das ist ein hoffnungsloser Fall (eine unheilbare Krankheit).4

1 jbḥ- und nḥd.t-Zähne: Westendorf, Handbuch Medizin, 413 (mit Verweis auf S. 166) nimmt an, dass es sich bei den jbḥ-Zähnen um die Schneidezähne, bei den nḥḏ.t-Zähne um die Reibezähne handelt. Dazu auch Weeks, Anatomical Knowledge, 37–38 sowie Bardinet, Dents et machoires.

2 tjꜣ.w: Eigentlich „akute Schmerzen“, Wb 5, 241.4; MedWb 937. Die Spezifizierung „Kaumuskelverkrampfungen“ (Westendorf, Handbuch Medizin, 413), „toothache“ (Strouhal e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 108) erklärt sich nur aus der vorherigen Erwähnung der Zähne. S. dazu auch Fischer-Elfert, Abseits von Maat, 142, Anm. 91 und 143 mit Anm. 94 (Verweis auf Bardinet, Dents et mâchoires dans les représentations religieuses et la pratique médicale de l'Égypte ancienne, 1990, 166).

3 ẖꜣb.w: Eigentlich „Schlüsselbein“ (Wb 3, 362.2; MedWb 681; Walker, Anatom. Term., 274), aber Westendorf, Handbuch Medizin, 414, Anm. 681 schreibt: „Hier wohl nicht die Schlüsselbeine gemeint, sondern die ebenfalls gekrümmten Schambeine.“ Rodabaugh Suvorov, Kahun Papyri in Context, 139 übersetzt „clavicles“. Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 59 übersetzen: „If she aches in her front from her navel to her buttocks, …“.

4 bṯw pw: Wesentlich für diese Krankheit scheint die implizite Gefahr der Verschlechterung der Erkrankung (tjꜣ.w?) zu sein (schlechte Prognose).

Kah 6

Heilkunde für eine Frau, die an allen Körperteilen Schmerzen hat und die an den Höhlen ihrer beiden Augen leidet:
So sollst du dazu sagen: Das ist eine Verengung1 des Uterus. Es ist ihr überhaupt (?) nicht möglich, Bier (?) zu trinken infolge einer frischen Geburt.2
So sollst du dagegen handeln: 1 (?) Portion (?)3 von Brei und Wasser. Werde getrunken 4(?)4 Morgen lang.

1 gꜣ.t: Eigentlich „Engpass“ im topographischen Sinne; nur selten in Verbindung mit Körperteilen, z.B. der Kehle (pBM EA 9997+10309 3.23–5.4), auch als krankhafter Zustand des Herzen Wb 5, 151.14. Dagegen wird in pEbers und pSmith in Zusammenhang mit Magenbeschwerden ḥns „eng sein; schmal sein“ (Wb 3, 116.12–16) verwendet.

2 Bier trinken infolge einer Geburt: Westendorf, Handbuch Medizin, 414, Anm. 483 interpretiert es so, dass die Patientin eine Aversion gegen Bier hat. Aversion gegen bestimmte Geschmäcker oder Gerüche nach der Geburt kann ein Begleitsymptom während einer Schwangerschaft sein, das individuell verschieden lange anhält.

3 ḥsb 1: „1 (?) Portion (?)“: Griffith, 7 und Tf. V gibt als Hieroglyphe V19, schreibt aber „can hardly be the khar of the Rhind Papyrus = 20 heqt, nor the [V19] (khar?) of the later documents = 16 heqt. These are approximately equivalent to the English bushel: our [V19] must be a much smaller bag, basket or packet“ und mit „packet(?)“ übersetzt er auch (d.h. V19 und der Ideogrammstrich werden als zusammengehörig betrachtet). Er betrachtet das Ganze also wie ein Maß. Das Zeichen sieht jedoch nicht wie Möller, Paläographie I, Nr. 471 aus. Grundriß der Medizin V, 460 verwendet die Hieroglyphe Aa2. Grundriß der Medizin IV/1, 268 transkribiert ẖpꜣ und belässt Aa2 und den Ideogrammstrich ebenfalls zusammen (Grundriß der Medizin IV/2, 203, Anm. 6 zu Kah 6). DrogWb 414 s.v. ẖpꜣ (?) bietet keine Übersetzung und auch DrogWb 6–7 s.v. ꜣḥ bietet keine Erklärung. Diese findet sich bei Westendorf, Handbuch Medizin, 414: „Portion (?) (ḥsb ?) von Brei“. Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, Falttafel geben als Hieroglyphe Aa2 mit Fragezeichen (!), sie transkribieren sb 1 n ꜣḥ und übersetzen „1 portion (?) of dough (?)“ (S. 59). Sie trennen also Aa2 und den Ideogrammstrich in 2 Wörter auf.

4 4: Der erste Strich ist erhalten, anschließend folgt eine kleine Lücke. Diese ist jedoch zu klein, um die Zahl 4, wie sie in Kol. 1.12, 2.3 und 3.11 geschrieben ist, zu fassen. Auch die ebenfalls beschädigte 4 (?; oder ist es eine 3 ?) in Kol. 2.21 und 2.25 passt kaum hinein. Die Zahl müsste schon wie die Zahl 4 in Datumsangaben (Möller, Paläographie I, Nr. 659) geschrieben sein, um in die Lücke zu passen. Griffith, Tf. V zeichnet einen Strich, er übersetzt mit „drink [four ?] mornings“ (S. 7). Grundriß der Medizin IV/1, 268 gibt „vier“ als halbzerstört/unsicher an (zwischen halben eckigen Klammern); Grundriß der Medizin V, 460 ergänzt die Zahl in einer Lücke, mit Fragezeichen. Westendorf, Handbuch Medizin, 414 hat „[vi]er“. Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 59 beschränken sich auf: „Drink 1[+x] mornings“.

Kah 7

Heilkunde für eine Frau, die an ihren beiden Füßen und ihren beiden Beinen nach dem Gehen leidet:1
So sollst du dazu sagen: Das sind Ausscheidungen2 des Uterus.
So sollst du dagegen handeln: (Es) werden ihre beiden Füße und Beine [1.25] mit Schlamm/Lehm3 eingerieben, bis dass sie gesund wird.

1 Lehrtext, der Beschwerden beim Gehen behandelt, s.a. R.-A. Jean & A.-M. Loyrette, À propos des textes médicaux des Papyrus du Ramesseum nos III et IV – II: la gynécologie (1), in: S. Aufrère (Hrsg.), Encyclopédie religieuse de l’univers végétal. Croyances phytoreligieuses de l’Égypte ancienne, Vol. 3, OrMonsp 15 (Montpellier 2005), 351–489, hier 406–429. Ähnlich auch Kah 12 und 13 und pRam III A 7–8.

2 ḫꜣꜥ.w: „Ausscheidungen“ nach Westendorf, Handbuch Medizin, 414, MedWb 648, s. Kah 3.

3 ꜥmꜥ.t: Schlamm, Lehm als Salbmittel auch in pEbers 67.17–18. Griffith zeichnet für ꜥmꜥ.t als Determinativ das Brot X4 und Pluralstriche (vgl. Möller, Paläographie I, Nr. 556 als Determinativ des pꜥ.t-Gebäcks); Grundriß der Medizin V, 460 nimmt das Landzeichen N23 mit Pluralstrichen (Möller, Paläographie I, Nr. 324). Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri haben ein Oval mit Fragezeichen. In pEbers 67.17 [Eb 482] steht dasselbe Zeichen, das in DZA 21.720.250 mit einem nw-Topf wiedergegeben wird (deshalb mit Topf in Wb I, 185.12). DrogWb 90 und Grundriß der Medizin V, 371 haben auch beim pEbers das Landzeichen N23.

Kah 8

Heilkunde für eine Frau, die an ihrem Nacken leidet, ihrer Unterleibsregion (und) ihren beiden Ohren; sie kann nicht ein Wort hören:
So sollst du dazu sagen: Das sind Verrenkungen (besser: Krämpfe?)1 des Uterus.
So sollst du dagegen handeln: Gleich jener3 Heilkunde zum Vertreiben von Überflüssen des Uterus.

1 nry.w: Westendorf, Handbuch Medizin, 414 übersetzt „Verrenkungen“. Das Wort ist ein Hapax Legomenon. In pEdwin Smith steht nrw.t. Siehe MedWb 467: „Zuckungen, Verrenkung“.

3 Das Demonstrativpronomen tfꜣ verweist laut Westendorf, Handbuch Medizin, 414, Anm. 684 auf Fall Kah 1.

Kah 9

Heilkunde für eine Frau, die an ihrer Vulva (und) an all ihren Körperteilen leidet, wie eine, die geschlagen wurde1:
So sollst du dazu sagen: [___]2 des Uterus ist es.
So sollst du dagegen handeln: (Es) werde Öl/Fett gegessen, [bis] dass sie gesund werde.

1 mj.tt ḥwi̯.t: Westendorf, Handbuch Medizin, 414, Anm. 685 „…, die (vom Embryo) geschlagen worden ist.“ Damit lehnt er sich an Eb 206a an, in dem es um ein Magenleiden geht: „Wenn du einen Mann mit einer Verstopfung seines Magens untersuchst […] wenn du ihn (also) untersuchst (und) du seinen Magen verstopft vorfindest wie (den) eine(r) Frau, die [Objekt] ein Ungeborenes [Agens/Subjekt] boxt, (wobei) sein Gesicht/seine Körperoberfläche (das des Patienten) verschrumpelt ist …“. Während im pEbers eine klare Lokalisation vorliegt (Bauch), erstreckt sich das Leiden in Kah 9 über alle Glieder. Durch den erwähnten Uterus liegt eine Verbindung nahe, doch ist sie nicht zwangsläufig. Auch ohne die Annahme des Ungeborenen als Agens/Subjekt von ḥwi̯.t ergibt sich Sinn: „… eine Frau, die leidet … an allen Körperteilen, wie als ob sie geschlagen worden wäre.“

2 s__w: Das Lemma ist in MedWb 1026 bei den zerstörten Wörtern als „Krankheitserscheinung“ eingetragen. Dort wir die Schleife V12 als unsichere hieroglyphische Wiedergabe des hieratischen Zeichens vermerkt. Griffith, Tf. V und Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri haben V12 ohne Fragezeichen. Das Zeichen in der Mitte könnte zur zꜣ-Gans passen. Westendorf, Handbuch Medizin, 414 übersetzt mit „[Verschiebungen?]“. Denkt er an das Verb sꜣt, das von gebrochenen Konchen und Wundrändern in pEdwin Smith gesagt wird (MedWb 713), oder denkt er an „Verschiebungen“, weil im vorherigen Fall von „Verrenkungen(?)“ die Rede ist (vgl. die Wirbelverletzungen in pEdwin Smith, wo allerdings wnḫ folgt)? Vgl. auch ssꜣw: „schwinden lassen“ in MedWb 795.

Kah 10

[2.1] Heilkunde für eine Frau, die am Urin leidet1 wie [(an) Überfluss (?)] des Harns und an Nässen:
So sollst du dazu sagen: [Das sind] Ausscheidungen (?)2 [des Ute]rus.
So sollst du dagegen handeln: Langbohne, „Haarfrüchte“, mw.t-Teile (Wurzelstock/Knolle?) der gꜣ.w-Pflanze (Zyperngras?).
(Es) werde fein zerrieben (und gegeben) in 1 Hin-Maß verwässertem Bier; (es) werde gekocht; (es) werde getrunken 4 Morgen lang. Sie soll den Tag verbringen, indem sie liegt und hungert;3 sie soll früh auf sein, um 1 Hin-Maß desselben Mittels zu trinken; sie soll den Tag verbringen, [2.5] indem sie hungert bis die Zeit nach dem Frühstück gekommen ist.4

1 mn mw.yt: Westendorf, Handbuch Medizin 415 ergänzt „… am Harn leidet wie [an Überfluss] des Harns und Nässen“. Er verweist (S. 415, Anm. 686) auf sḥꜣw (Zl. 1.27 = Kah 8) und auf ḥꜣw (Eb 264: mwy.t n.t ḥꜣw). Beide Wörter würden in der Lücke passen, aber sḥꜣw ist mit „schlechtem Paket“ und Pluralstrichen, ḥꜣw mit dem Personendeterminativ geschrieben. Vgl. dazu auch Eb 273 (mn=f ḏꜣd.yt). S. dazu auch Strouhal e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 150.

2 ḫꜣꜥ.w: Das erste Zeichen ist nicht klar zu lesen. Möglich wäre Gardiner Sign M12 (ḫꜣ); so transkribieren Griffith, Tf. V sowie Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 59 ḫꜣꜥ.w [pw n(,j)] jd.t, in Anlehnung an Kah 3 (Zl. 1.10) und Kah 7 (Zl. 1.24). Westendorf, Handbuch Medizin, 415, Anm. 688 dagegen lässt die Stelle unübersetzt, da „Wohl kaum ḫꜣꜥ.w wie Fall 3 und 7 zu lesen, wie es Griffith Taf. V und Grapow, Gmed V 461 vermuten.“ Auch Griffith selbst (S. 8) nennt es „a very doubtful reading“ und hat Fragezeichen bei den Zeichen M12, G1 und D54. Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri versehen nur M12 mit einem Fragezeichen. Grundriß der Medizin V, 461 kommt komplett ohne Fragezeichen aus.

3 „den Tag verbringen, indem sie liegt“: Griffith, Kahun Papyri, 8 versteht sḏr.t ḥqr.t als syntaktisch parallel oder ḥqr.t von sḏr.t abhängig: „Let her spend the day lying down fasting.“ Dem folgen Grundriß der Medizin IV/2, 269 („(Und zwar) möge ⸢sie⸣ den Tag verbringen, indem sie liegt (und) hungert.“) und Westendorf, Handbuch Medizin, 413 („(und zwar) möge [sie] den Tag verbringen, indem sie liegt (und) hungert.“). Grundriß der Medizin IV/2, 204, Anm. 3 merkt aber dazu an: „Das Liegen könnte sich auch auf die Nachft beziehen vor dem Morgentrunk.“ So ist dann auch die Übersetzung von Bardinet, Papyrus médicaux, 439 zu verstehen: „[Elle] restera au repos sans manger“. Da er direkt „et se lèvera le matin (...)“ anschließt, suggeriert er, dass die Anweisung lautet, die Frau solle die Nacht ruhig zubringen. Das Verb wršu̯ meint aber immer „tagsüber verweilen (bei einer Sache)“, so dass wohl wirklich eher ein Fastentag als eine Fastennacht gemeint ist. Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 60 („She spends one day and night fasting“) und Strouhal e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 108 („She should spend a day and night fasting“) scheinen wršu̯ und sḏr parallel aufzufassen – das ist zwar belegt, erfordert aber eigentlich, dass bei beiden Verben ein Subjekt steht, also wršu̯=s sḏr=s.

4
nw n-sꜣ jꜥ.w-rʾ: D.h. sie soll vier Tage fasten und dabei jeweils morgens zum Frühstück 1 Hin des Heilmittels trinken. Griffith, Tf. V sowie Grundriß der Medizin V, 461 und MedWb 707 lesen die zusammengesetzte Präposition n-sꜣ. Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri haben auf ihrer hieroglyphischen Falttafel nw n(.j) tr jꜥ.w-rʾ, aber in ihrer Umschrift (S. 60) steht nur nw n jꜥ-r: „until the arrival of breakfast time“. tr wäre jedoch nicht ohne phonetischen Komplemente geschrieben worden.

Kah 11

Heilkunde für eine Frau, die nur liegen will; sie erhebt sich nicht und lässt sich nicht davon abbringen (wörtl. vernachlässigt es nicht)1:
So sollst du dazu sagen: Das sind Zugriffe2 des Uterus.
So sollst du dagegen handeln: Es werde veranlasst, dass sie 2 Hin-Maß des ḫꜣ.wy-Trunks3 trinke. Es werde veranlasst, dass sie es sofort wieder ausspuckt4.

1 ḥr [sf]ꜣ.t=f: Von dem Wort nach ḥr ist der Anfang zerstört. Die Reste zu Beginn lassen sich nicht rekonstruieren; Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 60 ergänzen Gardiner Sign D46, lesen [sd]ꜣ=f „zittern“ (Wb 4, 365.15–366.12) und übersetzen „not streching when she shakes it“. Westendorf, Handbuch Medizin, 416 liest sfꜣ „vernachlässigen; langsam sein“ (Wb 4, 114.8) „nicht läßt sie von ihm (dem Liegen?) ab (n jw-s ḥr [sd]ꜣ=f ?)“. Die Crux daran ist das Suffix =f und dessen unklares Bezugswort – insofern ist eher Westendorf als Collier & Quirke zu folgen. Andererseits endet die Zerstörung mit G1-G41; nähme man das D46 als Beginn an, ließe sich auch dfꜣ=f ergänzen. Bisher als Hapax im Kagemni belegt im Sinne von „träge sein“.

2 ꜣmm.w: Vermutlich abgeleitet von ꜣmm „ergreifen, zugreifen“ (Wb 1, 10.17–21).

3 ḫꜣ.wy: Westendorf, Handbuch Medizin, 415, schlägt „Dämmerungstrank“ vor, abgeleitet von ḫꜣwj: „Abend“.

4 qꜣs: „erbrechen“, vor allem in medizinischen Texten belegt. Die Bedeutung ergibt sich draus, das es oft in Zusammenhang mit Magenleiden zu finden ist (pEbers 36.4–4.12 [Eb 188–220]).

Kah 12

Heilkunde für eine Frau, die an ihren beiden Beinen [leidet]:1
So sollst du da[ran] geben: Tücher aus feinem Leinen,2 getränkt mit Myrrhe [---]. [Wenn --- und ihr Geh]en besser ist, dann mache nichts weiter für sie. Das bedeutet Gesundung. Wenn (aber) [---] kommt,3 (dann) bedeutet das [---].
[So sollst] du dagegen [handeln]: [2.10] mhwj-Droge4 von neuem Öl/Fett. (Es) werde gegossen [---] ihr [---]. (Es) werde Myrrhe ins [Innere (?)] ihrer [Vulva (?)] gegeben, nachdem dieses gemacht worden ist.

1 [ḥr mn] wꜥr.tj=sj$: Aus dem Nachfolgendem lässt sich schließen, dass die Frau Schwierigkeiten beim Gehen hat: „Ihre Beine geben nach?“. Hier wird eine Behandlung von isolierten Schmerzen im Bein vorgestellt, s. Strouhal, e.a., Medicine of the Ancient Eyptians, 143.

2 stp.w n ḥꜣ.tyw: Vermutlich als Beinwickel.

3 jr jyi: Hier die negative Entwicklung: Die Beinwickel haben nicht geholfen.

4 mh.wy: Westendorf, Handbuch Medizin, 415 übersetzt „Milchfett“. DrogWb 279–281 lässt es noch unübersetzt, verweist aber auf Breasted, Surgical Papyrus, 287, der es als „milk“ übersetzt und meint „it is possible that it means ‚cream‘“, vielleicht wegen mhj: „Milchkrug“ und mhj.t: „Milchkuh“.

Kah 13

Heilkunde für [eine Frau, die leidet an --- und] ihren beiden Beinen und an ihrer einen Seite ihres […]1:
So sollst du dazu sagen: Eine Beugung [des Uterus ist das (?). ---]2
[So sollst du dagegen handeln:] „Haarfrüchte“, Mönchspfeffer, mw.t-Teil der gj.w-Pflanze (Zyperngras?)3 [---].
[---] die Seite, an der sie daran leidet.4 [(Es) werde veranlasst], dass sie darauf (d.h. auf dieser Seite) liegt. Wenn (es) (d.h. das Leiden?) wiederkehrt/umherwandert (?) zu [---], [dann ---] 2 (Portionen)5. [2.15] Sie soll kauen [---] 2 [Portionen(?)]6, geteilt in [--- in] ihr [___]-Körperteil.
Wenn sie [Weiches (?)] ausscheidet, [dann] mache nicht für sie irgendwelche Sachen [---] ihr [---] geschwollen.
So sollst du deinen Finger [dar]auf geben. Findest du (?)7 es hart [---] auf dem Uterus: Ein hoffnungsloser Fall ist das!8

1 wꜥr.tj=sj wꜣ,t=s wꜥ,t [...]=s: Westendorf, Handbuch Medizin, 415, Anm. 690 schlägt als Ergänzung „Unterleib“ vor: „Der wahrscheinlich auf w endende und ohne Determinativ geschriebene Körperteil könnte eine Kurzform (Auslassung) von ẖrw-ẖ.t sein, vgl. ẖrj in Eb 178.“ Gemeint wäre also ẖrw oder ẖrj. Das betreffende Wort ist auf den aktuellen Photos mehr zerstört als auf dem alten Photo bei Griffith, Tf. V, wo die w-Schleife noch gut erkennbar ist.

2 qꜥḥ.w [...]: Die Ergänzung „Beugung [des Uterus]“ erscheint in Analogie zu den vorherigen Diagnosen nicht abwegig, so auch Westendorf, Handbuch Medizin, 415.

3 mw.t n(.j) gj.w: Westendorf, Handbuch Medizin 416 schlägt „Knolle, Wurzelstock“ (der gj.w-Pflanze) vor.

4 wꜣ.t mn.t=s st ḥr=s: Westendorf, Handbuch Medizin 416 schlägt als Ergänzung vor „[werde verbunden] damit die Seite, an der sie daran leidet“. Es bleibt allerdings unklar, was aus den Ingredienzien hergestellt werden soll (Brei, Tee, Wickel …). Das Determinativ des Weges bei wꜣ.t ist eindeutig erkennbar auf den Photo Griffith, Tf. VI.

5 2: Die Zahl ist eindeutig auf dem Photo bei Griffith, Tf. VI.

Liegt hier das gleiche Zeichen wie in Zl. 1.22 vor (ḥsb)? Griffith zeichnet ein teilzerstörtes V19; Grundriß der Medizin V, 462 hat ebenfalls V19, mit Fragezeichen. Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri lassen die Stelle offen.

7 „Findest du es hart“: Griffith, Tf. V ergänzt eine Präposition r vor gmm=k, übersetzt aber auf S. 8, als ob er ein jr: „wenn“ ergänzt, oder ob er nichts ergänzt und ein uneingeleitetes gmm=k eines Konditionalsatzes ansetzt (s. dazu Westendorf, Grammatik, §230.2). Dieser konditionalen Auffassung folgen Grundriß der Medizin IV/1, 270 (sicher ohne (j)r, vgl. Grundriß der Medizin V, 463; die Lücke ist für ein r auch ziemlich klein), Westendorf, Handbuch Medizin, 416 und Strouhal e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 109. Bardinet, Papyrus médicaux, 440 interpretiert es dagegen als Fortsetzung von rḏi̯.ḫr=k: „Tu devras mettre ton doigt sur cela et constater que cela est dur“. Diese Übersetzung ist jedoch zweifelhaft: Zwar kann ein nominales (Westendorf: „imperfektivisches“) sḏm=f ein sḏm.ḫr=f fortsetzen (Westendorf, Grammatik, §228.2). Aber hier wäre diese Konstruktion unerwartet, weil ein sḏm.ḫr=f eher ein Resultat ausdrückt, wohingegen gmm=k hier eine weitere Beobachtung einleitet. Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 61 nehmen Griffiths Idee auf und ergänzen ein r. Sie interpretieren r gmm=k allerdings nicht konditional, sondern als r sḏm=f: „until you find it is firm“. Das ist zwar grammatisch möglich (s. Westendorf, Grammatik, §229.1), aber der damit ausgedrückte, üblicherweise konsekutive oder temporale, Zusammenhang scheint hier nicht vorzuliegen.

8 Strouhal, e.a., Medicine of the Ancient Eyptians, 144 nimmt an, dass es sich hierbei um einen (fühlbaren) Tumor handelt, der nicht heilbar ist.

Kah 14

Heilkunde für eine Frau, die Durst hat [---]:
So sollst du da[gegen] handeln: Gemaischter Pflanzenbrei: 1/64 (Heqat = 1 MR-Dja), gegorener Pflanzenbrei: [1/64 (Heqat = 1 MR-Dja)], [---].
[2.20] [---] ganz und gar.

Kah 15

Heilkunde für eine Frau, deren Unterleibsregion geschwollen ist1:
[So sollst du dazu sagen: Das ist ein --- des Uterus (?).]
[So sollst du] da[gegen handeln]: Malachit: 1/64 (Heqat = 1 MR-Dja).
(Es) werde fein zerrieben; (es) werde gekocht mit Kuhmilch und mh[wj]-Droge (?) (oder: in einem Hin-[Topf]).2 [(Es) werde getrunken/eingegossen --- an] 4 (?)3 [Morgen/Tagen].

1 kns=s šf.w [...]: S. dazu Strouhal, e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 147. Das Wo innerhalb der „Schamgegend, Unterleibsregion“ lässt sich nicht genauer lokalisieren.

2 m hnw oder mhwj: Griffith, Tf. V hat m + h (gefolgt von Grundriß der Medizin V, 463 und Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri). An der Unterseite von h ist jedoch ein horizontaler Strich erkennbar, der auf ein n hinweist. Statt einer Ergänzung zu mhwj: „Milchfett(?)“ ist also auch hn[w] möglich. Vgl. Kol. 1.11: jrṯ.t jḥ hnw 1.

3 4 (?): Ergänzt nach Westendorf, Handbuch Medizin, 416: „[werde getrunken/eingegossen in ihre Vulva an] vier (?) [Morgen/Tagen]". Analog zu Kah 6 ist es wahrscheinlich, dass sich die Behandlung über vier Morgen/Tage hinzieht; allerdings sind nur drei Striche lesbar, davor ist eine Zerstörung. Vgl. diese Schreibung (Lücke-Punkt-Strich-Strich) mit der Schreibung von 4 (?) in Kol. 2.21 (Strich-Punkt-Lücke-Strich).

Kah 16

Heilkunde für eine Frau, die an all ihren Körperteilen leidet und an der Höhlung [ihrer] beiden Augen, [---] sie/ihre [---] ist km/kmt-krank:
So sollst du dazu sagen: Die km.t/kmtw-Krankheitserscheinungen des Uterus sind das.
So sollst du dagegen handeln: Öl/Fett: 1/64 (Hekat = 1 MR-Dja), [---] [Wüstendattel]n (?), Weintrauben, angeritzte Sykomorenfrüchte, jwḥw-Körnerfrucht, „Haarfrüchte“, [---]. [(Es) werde] fein [zerrieben]; [2.25] (es) werde gekocht. (Es) werde an 4 (?) Tagen getrunken.1

1 Die relativ allgemein gehaltenen Symptome (Schmerzen am ganzen Körper, wobei den Schmerzen an den Augen eine besondere Bedeutung zugemessen wird) lassen sich nicht weiter spezifizieren und werden mit einem Tee behandelt, der 4 (?) Tage lang getrunken werden soll. Für die Zahl 4 vgl. die ebenfalls beschädigte Zahl 4 in Kol. 2.21 (am Zeilenende).

Kah 17

Heilkunde für eine Frau, die Blut [hat (?) ---] Gebärmutter1 und leidet an ihrem Kopf, ihrem Mund und einer Seite/Erhebung (?)2 ihrer Hand:
[So sollst] du dazu [sagen]: [Das ist ---].
So sollst du dagegen handeln: (Es) werde für sie der (Fuß)boden bestrichen.3 (Es) werde Bodensatz von süßem [Bier] auf ihn (den Boden) gegeben [---].
[Wenn] ihr nicht irgendetwas4 herabsteigt/herausfällt/abgeht, so sollst du Dattelsaft5 geben, msš-gemacht, auf die Oberseite [dieses Bodensatzes ---], (also) auf das Obere davon. (Es) werde veranlasst, dass sie darauf sitzt.
Wenn ihr (wiederum?) nicht irgendetwas abgeht, so sollst [du] veranlassen, dass [---] gekocht wird; [---]6; (es) werde abgekühlt. (Es) werde veranlasst, dass [sie es] trinkt.
[2.30] [Wenn] ihr aber nun Blut, Wasser oder Überflüsse7 abgehen, ⟨bedeutet das, dass sie gesundet (?)⟩8.

1 znf [---] mw.t-rmṯ ...: Strouhal, e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 180 schlägt vor, dass es sich hierbei um Blutungen handelt, die durch eine nicht erfolgte Nachgeburt, also dem Ausstoßen von Plazenta und Eihäuten, bedingt ist. mw.t-rmṯ kann sowohl „Plazenta“ wie auch „Uterus/Gebärmutter“ bedeuten (Wb 2, 54.18–19; DrogWb 234 f.; MedWb 364; Westendorf, Handbuch Medizin, 420, Anm. 702), hier scheint „Plazenta“ mehr Sinn zu ergeben, da im pKahun für „Uterus“ konsequent jd.t gebraucht wird.

2 „Seite/Erhebung (?) ihrer Hand“: Die Lesung des ersten Wortes ist unsicher. Griffith, Tf. V hat hier Gardiner Sign V36 (Möller, Paläographie I, Nr. 590) gezeichnet und liest auf S. 9 ḥnt: „end“ (of her hand) (vgl. zu diesem Lemma Meeks, AL 77.2733 und Wilson, Ptolemaic Lexikon, 658-659 s.v. ḥnt: „streams of water“). Grundriß der Medizin V, 464 hat dagegen die šw-Feder (mit Fragezeichen); s. auch Grundriß der Medizin IV/2, 205, Anm. 2 zu Kah 17 und MedWb 1008. Grundriß der Medizin IV/2 vermutete hierin das Lemma šw.t: „Seite“; dem folgt Bardinet, Papyrus médicaux, 440: „bord (?) de sa main“. Westendorf, Handbuch Medizin, 416 schlägt „Erhebung (?) (šw.t ? Handrücken?) ihrer Hand“ vor, leitet es also vielleicht von der Wurzel šwi̯: „sich erheben“ ab. Auf S. 174 in der Beschreibung der Anatomie ist er noch etwas zurückhaltender und schreibt „Seite/Erhebung (?) der Hand“, also tlw. noch dem Vorschlag des Grundrisses folgend. Tatsächlich ist einmal, in pEdwin Smith 8,2 [Sm 20], schon der Ausdruck sꜣ n ḏr.t für den „Handrücken“ belegt.
Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri zeichnen auf der Falttafel zwar ebenfalls eine Feder mit Fragezeichen, wie der Grundriß; in der Umschrift und Übersetzung (S. 61-62) folgen sie aber Griffiths Vorschlag ḥnt: „palm of heir hand“. Strouhal e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 110 dürften in derselben Tradition stehen, wenn er „palm of her hand“ übersetzt.
Das hieratische Zeichen sieht tatsächlich der šw-Feder ähnlicher als dem ḥn-Kasten; zudem wird ḥn.t: „Handfläche“ nicht mit dem Kasten geschrieben, so dass der Vorschlag des Grundrisses wahrscheinlicher ist, was auch immer genau unter der „Seite der Hand“ zu verstehen ist. Dieselbe Gruppe steht in Kol. 3.19 (Kah 29).

3 sẖr zꜣ.ṯw: Den „Fußboden mit etwas bestreichen“ scheint ein bereits standardisiertes Behandlungsverfahren zu sein, bei dem nur das Mittel, mit dem der Boden bestrichen wird, weiter angegeben werden muss. Möglich ist es, dass damit eine grundsätzliche Reinigung des Bodens impliziert ist.

4 (j)ḫ.t nb.t: „irgendetwas": Gemeint ist vermutlich die Austreibung der Plazenta. Falls diese Behandlung nicht zum erwarteten Ergebnis führt, erfolgt eine weitere Behandlung.

5 „Dattelsaft“: Es steht dieses Wort da: bnj.w: „Dattelsaft/-sirup“, nicht „Datteln“, wie Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 62 sowie Strouhal e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 110 übersetzen. Die Bedeutung des folgenden Wortes ist unklar; sicher nicht „pressed“, wie Strouahl e.a. übersetzen. (Oder ist ihr „pressed dates“ eine Übersetzung von bnj.w allein? Dann hätten sie aber das fragliche Wort gänzlich unterschlagen.) Vermutlich auch nicht „entkernt“ wie Westendorf, Handbuch Medizin, 417 annimmt, weil dies als weitere Spezifizierung zu „Dattelsaft“ nicht passt.

6 Vermutlich wird in der Lücke eine weitere Behandlung mit einem Getränk beschrieben.

7 Die Bedeutung von sḥꜣ.w ist „Überflüsse (?)“ (vgl. Kah 8, 19); die genaue Bedeutung bleibt trotz des Kontexts hier schwammig.

8 Ergänzung am Satzende nach Westendorf, Handbuch Medizin, 417. Strouhal e.a., Ancient Egyptian Medicine, 181 vermuten eher im Gegenteil, dass die genannten Ausflüsse auf ein noch ernsteres Problem hindeuten könnte.

Kah 18

[3.1] Etwas anderes, um eine [Fra]u (?) zu entkleiden/entblößen von/mit [___]: (oder: Etwas anderes gegen Überflüsse (?) von einer Frau (?) in/von [___]: (?))1
Die Hälfte eines bꜣd.t-Gefäßes2 mit Milch [von ___]3, [die (andere) Hälfte (?)] eines bꜣd.t-Gefäßes mit [___]. [---]
(Es) werde gehärtet(?) und an ihre Vagina gegossen.

1 Der Inhalt dieses Falles ist leider unklar. Griffith, Tf. VI ergänzt k.t r sḥꜣj [z].t m h[y]: „Ein anderes (Mittel), um eine [Frau] zu entblößen durch (ihren) Mann“. Westendorf, Handbuch Medizin, 431, Anm. 752 meint, dass die Lücke nach sḥꜣj zu klein ist, um das Wort z.t: „Frau“ zu enthalten, aber das dürfte kein Problem sein. Er fragt sich, „Ob es darum geht, die Vulva bzw. den Uterus freizumachen von einem Verhütungsmittel (vgl. Bln 192)“. Tatsächlich könnte [kꜣ].t auch in die Lücke passen. Für [jd].t ist das t zu groß. Eine andere, weniger wahrscheinliche Möglichkeit ist, dass ein weiteres Rezept (k(j).t(j)) zur Behandlung von sḥꜣw „Überflüssen(?)“ (vgl. Kah 8, 17) vorliegt.

2 Bei dem bꜣd.t-Gefäß handelt es sich um eine Art Schale oder Tiegel. Wb 1, 432.9 vermutet einen Schöpflöffel, daher kommen Breasteds (Surgical Papyrus, 495) und Faulkners (CD, 79) „dipper“. V. Loret, in: Mélanges Maspero I/2, 861-862 sah hierin einen der beiden sprachlichen Vorläufer (der andere ist laut ihm das bḏꜣ-Gefäß) für das aus ptolemäischen Inschriften bekannte btj, ein Gefäß oder eine Gussform (Loret: „cuillère“; vgl. zu dem Lemma auch Wilson, Ptolemaic Lexikon, 336), und das koptische ⲃⲏⲧⲉ: „Schuppe“. Als etymologische Randnotiz verweist er auf den vermutlichen Zusammenhang von lateinisch cochlearium < griechisch κοχλιάριον: „Löffel“ und κοχλίας, was eine Schnecke mit spiralförmiger Schale bezeichnet, sowie κόχλος, womit Schalentiere mit spiralförmiger Schale bezeichnet werden (s. die entsprechenden Einträge in Liddl/Scott/Jones, Greek-English Lexicon). Nach Osing, Nominalbildung, Bd. 2, 798-799 handelt es sich bei bḏꜣ und bꜣd.t um eine maskuline und feminine Ableitung eines nicht belegten, aber rekonstruierbaren Verbs *bḏꜣ: „krümmen, biegen“ o.ä., „wobei das Benennungsmotiv für diese Gefäße deren ausgebauchte und am Rand weit überkragende Form gewesen sein muß“ (S. 790).
Die Lesung des Klassifikators ist unsicher und wird daher vom Wb, dem Grundriß der Medizin V, 495 und MedWb 1, 242 offengelassen. Griffith, Tf. VI gibt es als die rückwärtslaufenden Beinchen, Gardiner D 55, wieder (oder handelt es sich nur um das untransliteriert gelassene hieratische Zeichen?); klar dann als D 55 auf der Falttafel von Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri. Für eine Gefäßart scheint dies aber ungewöhnlich. Loret, ebd., gibt es mit F 143A wieder; Osing, Nominalbildung, Bd. 2, 788 spricht sich dagegen dezidiert dafür aus, dass es sich um die hieratische Form der Muschel, Gardiner L6, handelt. Das ptolemäische btj ist mit einem Schmelztiegel oder Metallstück klassifiziert.

3 „Milch [von ...]“: In der kurzen Lücke könnte eine Spezifizierung der Milch gestanden haben. Die Zeichenreste passen aber nicht gut zu dem häufigen jrṯ.t jḥ: „Kuhmilch“, vgl. die Schreibung in Zeile 1.11.

Kah 19

Erkennen einer, die gebären wird, am Uterus der Schwangeren:1
Wenn Monat um Monat wiederkehrt und [ihre Menstruation?] eintritt, [---] [---] der Stillenden (?) [---]. (oder: [---] des Zu-Fall-Kommens [---].)2

1 Strouhal, e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 165 „According to the title, it is probably a pregnancy test based on the appearance or absence of a menstrual period, or a determination of the date of the childbirth.“
Übersetzung der Rezeptüberschrift mit Griffith, Kahun Papyri, 9, Grundriß der Medizin IV/1, 276, Westendorf, Handbuch Medizin, 432 und Bardinet, Papyrus médicaux, 440. Die Übersetzungen von Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 62 („Determining the child to be born in the uterus of the woman.“) und Strouhal e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 110 („Determining the baby in the uterus of a woman.“) unterscheidet sich davon in zwei Aspekten: (a) Sie fassen das Verbaladjektiv msi̯.tj=sj als Umschreibung des noch ungeborenen Kindes auf, also sozusagen als „das, was geboren werden wird“, und nicht, wie Griffith u.a., als Umschreibung der Frau, die schwanger werden wird. (2) Sie lesen und übersetzen das letzte, logographisch geschriebene Wort als z.t: „Frau“ anstelle von bkꜣ.t: „Schwangere“. Ihre Übersetzung hat den Vorteil, m jd.t n.t ... sinnvoller anschließen zu können, nämlich als adverbiale Erweiterung des Kindes – es wäre das Kind im Uterus der Mutter, also das noch ungeborene Kind gemeint. Allerdings sind beide Abweichungen sprachlich problematisch: (1) Das Verbaladjektiv msi̯.tj=sj heißt: „die, die gebären wird“, nicht „das, was geboren werden wird“. Zudem würde ein Partizip, wenn es sich auf das ungeborene und daher noch nicht im Geschlecht spezifizierbare Kind bezieht, grammatisch maskulin sein, da das Altägyptische bei geschlechtsunspezifischen Ausdrücken die maskuline Form wählt. Die Form msi̯.tj=sj ist dagegen feminin. (2) Das Wort z.t: „Frau“ ist nie logographisch allein mit der sitzenden Frau geschrieben und wird auch im pKahun immer mithilfe der Standardschreibung z + t + abgekürzte Form der sitzenden Frau geschrieben. Daher wird hier Griffith u.a. zu folgen sein, die eher zu bkꜣ.t: „Schwangere“ tendieren, auch wenn dieses Wort bislang ebenso wenig so abgekürzt vorliegt. Obwohl Möller, Paläographie I, Nr. 61 dieses Zeichen als Beleg für die einfache sitzende Frau, Gardiner B1, ablegt, und es den anderen Belegen sehr ähnlich sieht, transliterieren Griffith, Grundriß der Medizin und Collier & Quirke das Zeichen eher mit B2A. Insgesamt ist damit eher der Standardübersetzung als derjenigen von Collier & Quirke sowie Strouhal e.a. zu folgen.

2 sbn.t: Es gibt zwei sehr abweichende Interpretationen des letzten Satzfragments:
- Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 62 übersetzen: „[...] of the suckling woman (?)“. Das bezieht sich auf das Lemma sbn.t: „Säugende, Stillende“, Wb 4, 90.2; auch „säugende Kühe“ in den PT (Wb 4, 90.1). Dann wäre der Fisch ein phonetisches Determinativ. Evtl. Zusammenhang zwischen dem Stillen und eingeschränkter Empfängnis (das milchbildende Hormon Prolaktin hat empfängnisverhütende Wirkung)? Für die Zeichenreste und die Lücke nach $sbn.t$ machen sie keinen Vorschlag, geben sie in der Transkription und Übersetzung nicht einmal an.
- Westendorf, Handbuch Medizin, 432 dagegen übersetzt und ergänzt: „Wenn Monat auf Monat wiederkehrt, indem [ihre Menstruation?] eintritt […], [das sind Fälle/Anzeichen] von Misslingen (der Empfängnis/der Schwangerschaft). [Sie wird] nicht [gebären].“ Das heißt, er liest die Zeichenreste als Negation nn und ergänzt zu nn [msi̯=s]. Dieselbe Phrase nimmt aber in den Zeilen 3.17 und 3.24 mehr Platz ein, als hier zur Verfügung stünde.

Kah 20

[Was] eine (Frau) [angeht], die geschlagen wurde1 infolge eines Rezepts des Schwanger-Werdens2, nachdem (?) abgebrochen ist die Wiederkehr [---]3:
(Es) werde fein zerrieben. (Es) werde geseiht durch Tücher in gegorenem Pflanzenbrei. (Es) werde gegossen mit $mhwj$-Milchprodukt [---] [3.5] Weihrauch, neues Öl/Fett, [Dattel]n4, süßes Bier. (Es) werde in das Innere eines Mörsers und ins Feuer gegeben. So sollst [du] beräuchern [---] mit einem Süß-an-Mund-Mittel5.

1 Ägyptisch ḥwi̯.t: Grundriß der Medizin IV/2, 220, Anm. 2 zu Kah 20 verweist auf Eb 206a und Westendorf, Handbuch Medizin, 432, Anm. 758 auf Kah 9 und damit indirekt auch auf Eb 206a: „eine Frau, nachdem ein Ungeborenes (?) sie getreten (wörtl.: geschlagen) hat“ (s. die Übersetzung und Diskussion dort). Damit nehmen sie an, dass die Frau Objekt von ḥwi̯: „schlagen“ ist und es um eine Frau geht, die vom ungeborenen Kind geschlagen, getreten oder durch das Kind anderweitig belastet ist. Auch Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 62 („a woman stricken by a prescription“) und Strouhal e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 110 („a woman] is affected by a prescription“) gehen davon aus, dass die Frau das Objekt ist; anders als der Grundriß ergänzen sie aber kein „Ungeborenes“ o.ä. und suggerieren dadurch, dass ḥwi̯ in Kah 20 eine abgeschwächte Bedeutung besitzt: „betroffen sein“ o.ä.
Bardinet, Papyrus médicaux, 282 vermutet im Embryo von Eb 206a eher das Objekt als das Subjekt von ḥwi̯: „schlagen“: „une femme dont l’enfant qu’elle portait en son sein a été brisé“; dementsprechend vermutet er auch in Kah 20, dass es um ein Embryo geht, der zu Schaden gekommen ist, nämlich durch das Heilmittel: „[la femme dont l’enfant a été] brisé avec le remède“ (S. 441).
Eine wie von Collier & Quirke sowie Strouhal e.a. angenommene, abgeschwächte Bedeutung ist für ḥwi̯ allerdings bislang nicht belegt. Aber es fragt sich ebenso, wie man Westendorfs Frau, „die (vom Embryo) geschlagen wird infolge von Heilmitteln des Schwangermachens“ verstehen soll. Denkt er an Schwierigkeiten, die auftreten können, wenn eine Frau Schwangerschaftsmittel einnimmt, obwohl sie schon schwanger ist? Aber da über die schwangerschaftsbewirkende Mittel so gut wie nichts bekannt ist (zu den wenigen Hinweisen s. Westendorf, Handbuch Medizin, 427), verbietet sich jede Spekulation über deren Wirksamkeit und Nebenwirkungen.

2 pẖr.t n(.j)t sjwr: „Heilmittel des Schwanger-Werdens“. Zwar sind Prognosen, d.h. das frühe Erkennen einer Schwangerschaft, überliefert, aber Heilmittel zur Förderung einer Schwangerschaft über Kah 20 hinaus nur in zwei Andeutungen, s. Westendorf, Handbuch Medizin, 427.

Westendorf, Handbuch Medizin, 433, Anm. 760 überlegt, ob sich das vor der Lücke noch erhaltene p zu p[ẖr.yt]: „Periode“ (Wb 1, 548.7) ergänzen lässt: „Wiederkehr (ihrer Periode)“. Allerdings ist erstens die Bedeutung „Periode“ im Sinne von „Menstruation“ für dieses Wort nicht belegt, und zweitens wird es nicht mit einem zusätzlichen p vor dem Dreikonsonantenzeichen pẖr geschrieben.

4 „[Dattel]n“: Es ist noch genug vom Wortende erhalten, um diese Ergänzung abzusichern. So ergänzen auch die bisherigen Übersetzer. Die von Bardinet, Papyrus médicaux, 440, Westendorf, Handbuch Medizin, 433 und Strouhal e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 110 zusätzliche, noch vor „Datteln“ angegebene Lücke im Text ist allerdings zu streichen: Die Lücke wird gut vom Wort „Datteln“ gefüllt, vgl. die Schreibung in Zeile 3.8.

5 nḏm rʾ: Westendorf, Handbuch Medizin, 433 übersetzt „Mundgeruch-Verbesserungsmittel“ und verweist auf den Zusammenhang von Räucherung und Mund-Pille in Eb 853.

Kah 21

Nicht [schwanger sein lassen (?)].1
Kot eines Krokodils.2
(Es) werde zerstoßen in gegorenem Pflanzenbrei3. (Es) werde eingetaucht [---].

1 Rezept zur Kontrazeption. Ergänzung von sjwr nach Westendorf, Handbuch Medizin, 426, ebenso Guitier, BIFAO 101, 2001, 223. Die Entscheidung sjwr folgt Westendorf; Guitier hielt sowohl rḏi̯ jwr als auch sjwr für möglich. Der noch erhaltene Klassifikator spricht tatsächlich eher für sjwr; so auch MedWb 715. MedWb 950 führt die Passage auch noch unter tm rḏi̯ auf; allerdings ist die Lücke für *tm [rḏi̯ sjwr] nicht lang genug, vgl. sjwr in Kah 20, 3 Zeilen darüber. Möglicherweise ist die Aufführung an verschiedenen Stellen des MedWb noch darauf zurückzuführen, dass Grundriß der Medizin IV/1, 277 mit „Nicht ⸢Zulassen, daß ...“ übersetzt (also tm rḏi̯ [...] favorisiert hat), der zugehörige Kommentar in Grundriß der Medizin IV/2, 211 aber die Alternative sjwr ins Spiel bringt. Eine Unsicherheit in der Ergänzung bringt noch der kleine Zeichenrest vor dem Klassifikator mit sich, der von seiner Form her nicht zu dem Schilfblatt gehören kann, auf das der Wortstamm in Kah 20 endet. Ob er sich zu dem r ergänzen ließe, das in Kah 20 fehlt? Oder ist es ein etwas spitz geratener obere Bogen der w-Schleife? Dies würde etwas besser zur Position in der oberen Zeilenhälfte passen.
Aus der Entscheidung für sjwr ergibt sich noch die zusätzliche Frage nach der grammatischen Form: Bei sjwr muss es sich um das Negativkomplement handeln; die Form tm + Infinitiv wird man in diesem frühen Text noch ausschließen können. Das Negativkomplement ist aktivisch; Westendorf, Grammatik, §377.b zitiert zwar Edels Vorschlag, das Negativkomplement als im Genus verbi prinzipiell indifferent aufzufassen, und zitiert auch einen einzelnen möglichen, von Sethe genannten Beleg für eine passive Form nach tm, schließt aber am Ende ein passives Negativkomplement aus. In Kah 21 wäre daher tm sjwr zunächst wörtlich mit „Nicht schwängern“ zu übersetzen. Da das Rezept in einem gynäkologischen Traktat steht, ist allerdings auszuschließen, dass hier ein Verhütungsmittel des Mannes angesprochen wird; auch dies wird ein Verhütungsmittel für Frauen sein, so dass rein kontextuell auch ein passivisches *„Nicht geschwängert werden“ gemeint sein wird. Es wäre vielleicht auch zu prüfen, ob sjwr neben der üblichen faktitiven Bedeutung („schwanger machen, schwängern“) in Ausnahmefällen auch kausative Bedeutung („schwanger sein lassen“) haben könnte, vgl. zu dieser Unterscheidung Schenkel, Einführung (grün), 184. In dem Fall könnte man die Stelle als „Nicht schwanger sein lassen“ verstehen, was auch als Überschrift zu einem Verhütungsmittel für Frauen denkbar ist.
Familienplanung im Alten Ägypten bestand aus verschiedenen Möglichkeiten der Fertilitätskontrolle: der Empfängnisverhütung (natürliche Verhütung, mechanische Verhütung und chemische Verhütung (von hormoneller Verhütung kann nicht die Rede sein)), der Abtreibung und zumindest in griechisch-römischer Zeit (für die ältere Zeit lässt die Quellenlage keine Aussage zu) auch der Aussetzung. Fertilitätskontrolle war offenbar Frauensache; die Rezepte beziehen sich stets auf Frauen.
Methoden der Verhütung finden sich auch in pEbers 93.6–8 [Eb 783], pEbers 94.10–14 [Eb 797–799]; pRam IV C 2–3; Bln 192 (vs 1.1–2), DemBln (S. 53f. Nr. 15) (?) (Übersetzung z.B. bei Guitier, BIFAO 101, 2001, 220–226), s. dazu R.-A. Jean & A.-M. Loyrette, À propos des textes médicaux des Papyrus du Ramesseum nos III et IV. I: La contraception, in: S. Aufrère (Hrsg.), Encyclopédie religieuse de l’univers végétal. Croyances phytoreligieuses de l’Égypte ancienne, Vol. 2, OrMonsp 11 (Montpellier 2001), 537–592.

2 „Krokodilskot“: Guitier, in: BIFAO 101, 2001, 232 erwähnt, dass Kot, „tojours à visée contraceptice“, immer wieder angewendet worden sei, verweist aber konkret nur auf DrogWb 285, das (seinerseits wieder nur unter Verweis auf Gesenius, Empfängnisverhütung, 1995, S. 4 [non vidi]) nur den Gebrauch von Elefantenkot „bei den Arabern“ zum Zweck der Verhütung nennt. Konkret im Fall des Krokodilskots von Kah 21 erwägt Guitier eher einen magischen Grund für die Verwendung: Das Krokodil sei u.a. ein Tier des Seth; und weil dieser ein Gegner der geordneten Welt und damit auch der (menschlichen) Natur sei, könnte der Kot eines sethischen Tieres als empfängnisverhütend aufgefasst worden sein.

3 Bezüglich des in Kah 21 ebenfalls verwendeten Pflanzenbreis erwägt Guitier, ebd., 228 die Möglichkeiten, (a) dass dieser eine antibiotische Wirkung gehabt haben und dadurch der septischen Natur des damit vermischten Krokodikots entgegengewirkt haben könnte, oder (b), dass der Pflanzenbrei eine ähnlich klebrige Wirkung gehabt haben könnte wie das von Dioskurides in einem Empfängnisverhütungsmittel genannte Gummiharz und schlicht das Eindringen des Spermas verhindert haben könnte. Seine Ausführungen hat jedoch einen Schwachpunkt: Die von ihm angenommene klebrige Natur hängt einzig vom Vergleich mit dem Gummiharz des Dioskurides ab. Dieser unterliegt aber dem Missverständnis – hervorgerufen durch die Standardübersetzung „mucilage“, „Pflanzenschleim“ –, dass ḥsꜣ ein gummiartiges, zähflüssiges Pflanzenprodukt ist. Vgl. dazu den Kommentar zu ḥsꜣ.

Kah 22

Ein anderes Rezept:
1 Hin Honig.
(Es) werde [in] ihre Vulva gegossen. (Es) werde dies mit einer Lösung (?) von Natron gemacht.

Kah 23+24

Ein anderes [Rezept ---]:1
[(eine Droge, sie werde irgendwie verarbeitet) ---] mit gegorenem Pflanzenbrei. (Es) werde in ihre Vulva eingegossen.
Das ist das Vertreiben des tjꜣ.w-Krampfs (infolge) des Uterus.2
Gebrochenes (?) von Datteln auf [---]. (Es) werde gründlich zerkleinert und in süßes Bier (gegeben). [(Es) werde veranlasst,] dass sie sich darauf setzt, indem ihre beiden Oberschenkel geöffnet sind.

1 Westendorf, Handbuch Medizin, 430 zieht Kah 23 und 24 zusammen – anders als im Grundriß der Medizin und auch in den neueren Publikation wie Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 59 oder Strouhal, e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 110, 158, die ein weiteres Mittel zur Kontrazeption annehmen, das an die vorangegangen anschließt.
Der Beginn von Kah 24 (zweigliedriger pw-Satz) würde allerdings eine ganz untypische Einleitung in einen neuen Lehrtext o.ä. bedeuten, so dass es sinnvoll erscheint, ihn an Kah 23 anzuhängen. Auch wenn Kah 23+24 mit k.t „ein anderes (Rezept o.ä.)“ beginnt, muss es sich nicht zwangsläufig um ein weiteres Rezept zur Kontrazeption (das gleichzeitig auch gegen tjꜣ.w-Schmerzen hilft) handeln; zum Einen fist die Überschrift nicht vollständig erhalten, zum Anderen steht Kah 23+24 vor einem Lehrtext für eine Frau, die an Hitze(?) leidet.

2 dr tjꜣ.w pw n(.j) jd.t: Westendorf, Handbuch Medizin, 430, Anm. 750 sieht darin einen durch Schmerzen ausgelösten Kaumuskelkrampf, so auch in Kah 33.

Kah 25

Heilkunde1 für eine Frau, [deren ---] brennt [---], [3.10] (wobei) ihre Augen entzündet2 sind:
ḫpr-wr-Pflanze.
(Es) werde zerstoßen in ꜣb-Teil3 der mstꜣ-Flüssigkeit. (Es) werden F[asern]4 [damit?] befeuchtet. [Es werde in ihre Vulva gegeben] an 4 Morgen.
So sollst du veranlassen, dass sie sich setzt auf Wasser von [einem ___] (und) Wasser aus einem See.
(Es) werde veranlasst, dass [---].

1 Kah 25, mit einer Überschrift als šsꜣ.w-Lehrtext, aber einem folgendem Rezept, wirkt hier zwischen den Rezepten zur Kontrazeption und den Prognosen irgendwie deplatziert und wäre eher am Anfang des Papyrus, vergesellschaftet mit den anderen šsꜣ.w-Lehrtexten, zu erwarten. Zusammen mit dem nur schwer zuzuordnenden Kah 23+24 fällt Kah 25 hier aus der Reihe.

2 ḏꜣ: „Krankhafter Zustand der Augen“, nach Hannig, HWb, Marburger Edition, 1069 {39484}; Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 59 übersetzen „bleary“ (triefäugig, trübe, verschwommen); Westendorf, Handbuch Medizin, 417 „entzündet“.

3 ꜣbw nach DrogWb 4 ein Medikament; vgl. jꜣb DrogWb 9–10. Westendorf, Handbuch Medizin, 494 und 577 nimmt an, dass es zu ꜣb (+ Gardiner Sign D54) „aufhören, verweilen, sich trennen“ gehört, und übersetzt die Phrase mit „Abgestandenes der mstꜣ-Flüssigkeit“. So ähnlich auch in pEbers 35.11 [Eb 181]. Westendorf, Handbuch Medizin, 417, Anm. 696. Dagegen lesen Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 63 ẖꜣ ḥr jꜣb n(,j) ms-tꜣ und übersetzen: „grated on the left side of the birth-brick(?)“. Eine Schreibung ms-tꜣ für msḫn.t: „Geburtsziegel“ ist jedoch bislang nicht bekannt.

4 ftt: „Faserbausch(?)“, nach MedWb 308; DrogWb 210. Colliers & Quirkes Lesung f[d]q wäre zwar den Zeichenresten nach auch nicht ganz unmöglich, aber ihr „sever (?)“ lässt sich nicht in den Kontext einbinden.

Kah 26

Erkennen einer (Frau), die schwanger werden wird, gegenüber einer, die nicht schwanger werden wird:
So sollst du frisches Öl/Fett [machen (?)] auf [ihre] ⸢Brust⸣ (?) [---].1
So sollst du sie (d.h. die Brust, die Frau?) [betrachten?].
Wenn ⟨du⟩ die Gefäße ihrer Brust prall (?)2 findest, so sollst du dazu sagen: Das bedeutet Geburt!
Wenn du sie (d.h. die Gefäße) pulsierend (?)3 findest, so sollst du dazu sagen: Sie wird verzögert4 gebären!
Aber wenn ⟨du⟩ sie (d.h. die Brust) findest wie die Haut5 [von ... (?), dann wird sie nicht gebären(?).]

1 Westendorf, Handbuch Medizin, 433 ergänzt: „Du sollst neues Öl (mrḥ.t) [geben] auf [ihre Brust am Abend]. Dann sollst du sie (die Frau) [betrachten].“

2 ḫꜣšꜣ: (Hapax) „prall“(?), Westendorf, Handbuch Medizin, 433. Der Klassifikator ist teilweise zerstört und wird von Griffith sowie Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri als Gardiner Sign Aa2 „schlechtes Paket“ transliteriert. Westendorf, Handbuch Medizin, 433, Anm. 762 schlägt vor, eher Nase (D20) oder Bogen (Aa32) zu sehen (Möller, I, Nr. 90 bzw. 437), vielleicht wegen des Photos in Griffith, Tf. VI, aber die Spuren auf dem Farbphoto (CD-Rom) von Collier & Quirke passen doch eher zu Aa2.

3 knkn: „krankhafter Zustand der Brustgefäße“, Wb 5, 134.10. Dem Kontext nach handelt es sich keineswegs um einen krankhaften Zustand der Brust. Westendorf, Handbuch Medizin, 433, Anm. 764 schlägt „pulsierend(?)“ vor, hergeleitet von knkn „schlagen“.

4 wdfi̯: Westendorf, Grammatik, §333.4 erkennt ein Verbalnomen mit der Funktion eines Adverbs. Inhaltlich nimmt Westendorf, Handbuch Medizin, 433, Anm. 765 an, dass der Geburtsvorgang entweder lange dauern wird, oder dass eine Geburt (oder Schwangerschaft?) noch nicht so bald ansteht.

5 mj jnm: D.h. wenn du sie (die Brust) weich vorfindest, dann wird sie nicht gebären.

Kah 27

[3.15] Eine andere Methode:
So sollst du veranlassen, dass sie sich auf den Fußboden setzt, der mit Bodensatz von süßem Bier bestrichen ist und [auf den] Mehl (?) von Datteln1 gegeben ist.
[Wenn sie wiederholt (?)] erbricht,2 so wird sie gebären.3
Was nun die Anzahl jedes Erbrechens angeht, das aus ihrem Mund kommen wird: Die Anzahl der (oder: [ihrer]) Gebur[ten bedeutet das]!4 [---] (?)
[Wenn] [sie] nun nicht [erbricht], wird sie niemals gebären.

1 „Mehl (?) von Datteln“: Ist teilweise zerstört. Westendorf, Handbuch Medizin, 433 ergänzt das erste Wort zu dq.w „Pulver, Mehl“, DrogWb 582. Zunächst denkbar wäre auch eine Ergänzung zu dqr „Frucht (allg.)“, Wb 5, 495.8–196.1, mit anschließender Übersetzung „… und auf dem (irgendeine) Frucht und Dattel gegeben ist“, so Strouhal, Medicine of the Ancient Egyptians, 111 und Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 63. Allerdings wäre es ungewöhnlich, dass direkt nebeneinander eine ganz unspezifische Frucht und ganz spezifisch Datteln erwähnt worden sein sollten.

2 [---] qjs: Ergänze vermutlich jr wḥm=s qjs, denn im nächsten Satz wird die Anzahl des Erbrechens thematisiert. In Bln 193 und 194 steht jr qjs/qꜣs=s.

3 Erbrechen gehört zwar zu einem der (unsicheren) Symptome einer Schwangerschaft, aber dem induziertem Erbrechen liegt vermutlich eine weitere Idee zugrunde: Der weibliche Unterleib wird als Behälter (für den Fötus, für „Flüssigkeiten“) metaphorisiert, der nach unten und nach oben offen ist. In dem Sinne korreliert alles, was unten geschieht, mit dem, was oben geschieht. Erbrechen hängt so damit zusammen, dass sich der Fötus im Mutterleib eingenistet hat. Diesem Muster folgend erklärt sich auch, warum es eine Bedeutung hat, wenn einer Frau, der eine Zwiebel(?) an den Unterleib gelegt wird, deren Geruch in der Nase hat (s. Kah 28) oder die Vagina beräuchert wird, um Leiden an den Augen zu heilen (Kah 1).

4 tnw qjs nb: Offenbar besteht ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Erbrechen und der Anzahl der erwarteten Kinder.

Kah 28

Eine andere Methode:1
So sollst du eine [___]2 Knolle Zwiebel/Knoblauch(?) auf den Bauch geben von seinem [___] dort (?) [---].
[Wenn (?) ---], in dem/der du ihn (d.h. den Geruch) findest,3 so sollst du dazu sagen: Sie wird gebären.4
Wenn du ihre Nase5 nicht [---] findest,6 dann wird [sie] nie[mals gebären].

1 Ein weiteres Mittel für einen Schwangerschaftstest, bei dem Zwiebeln (?) eine Rolle spielen; so ähnlich auch in pCarlsberg VIII, 4.

2 Unleserliche Gruppe von 2 kleinen Zeichen. Westendorf, Handbuch Medizin, 434, Anm. 767 vermutet, dass es ein Adjektiv zu „Knolle“ oder zu „Zwiebel/Knoblauch(?)“ sein kann.

3 [jr] [...] gmi̯.y=k sw jm=f: Westendorf, Handbuch Medizin, 434 liest hier: „[Wenn] du ihn (den Geruch der Knolle) an ihr (der Nase der Frau) findest, ...“, aber unmittelbar vor gmi̯ ist ein senkrechter Strich erhalten, der nicht zu jr passen kann. In Grundriß der Medizin IV/2, 207, Anm. 1 zu Kah 28 wird mit einer Relativform übersetzt: „in dem (d.h. dem Mund?) du ihn (d.h. den Geruch?) findest“. In Kah 31 (Kol. 3.23) lautet die Relativform gmi̯.y=k (j)ḫ.t ḥr=s.

4 jw=s r msi̯.t: S. dazu Anm. zu Kah 27: Erbrechen gehört zwar zu einem der (unsicheren) Symptome einer Schwangerschaft, aber dem induziertem Erbrechen liegt vermutlich eine weitere Idee zugrunde: Der weibliche Unterleib wird als Behälter (für den Fötus, für „Flüssigkeiten“) metaphorisiert, der nach unten und nach oben offen ist. In dem Sinne korreliert alles, was unten geschieht, mit dem, was oben geschieht. Erbrechen hängt so damit zusammen, dass sich der Fötus im Mutterleib eingenistet hat. Diesem Muster folgend erklärt sich auch, warum es eine Bedeutung hat, wenn einer Frau, der eine Zwiebel(?) an den Unterleib gelegt wird, deren Geruch in der Nase hat (s. Kah 28) oder die Vagina beräuchert wird, um Leiden an den Augen zu heilen (Kah 1).

5 Für die Lesung šr.t (so auch MedWb 864) siehe die Geburtsprognose in Kol. 3.22. Statt šr.t könnte man eventuell auch fnḏ oder msd.t lesen. Die Umschrift von Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 63 als ḫnt=s ist abzulehnen.

6 jr tm=k gmi̯ šr.t=s [...]: Westendorf, Handbuch Medizin, 434 ergänzt: „Wenn du nicht findest [ihren Geruch an] ihrer Nase, ...“, aber die Lücke zwischen gmi̯ und šr.t ist wahrscheinlich zu klein, um diese Ergänzung zu ermöglichen.

Kah 29

Eine andere Methode:1
So sollst du nach ihr (?) auf ihrer Hand (?) greifen, indem die Erhebung (?)2 deines Fingers auf der Oberseite ihres mnjꜣ-Körperteils ist.
[Wenn] das Ge[fäß] (?) kräftig pulsiert (?)3, [3.20] so [wird sie gebären].4
[Wenn] ⟨es⟩ nicht kräftig pulsiert (?), so wird sie niemals gebären.

1 Ein weiteres Mittel für einen Schwangerschafts- oder Fruchtbarkeitstest, bei dem der Puls eine Rolle spielt. Tatsächlich haben schwangere Frauen einen schnelleren Puls, da zusätzlich ca, 1,5 Liter Blut durch den Körper der Mutter fließen.

2 Die Stelle ist teilweise zerstört und nur mit Zweifel zu ergänzen. Bereits die Lesung des Hieratischen ist unsicher:
(a) Griffith transliteriert in Hieroglyphen nḏri̯.ḫr=k r=s ḥr sp.t=s ḥn.t ḏbꜥ=k ḥr ḥr.w mnjꜣ=s (...).
(b) Der Grundriß der Medizin V, 469 schlägt vor: nḏri̯.ḫr=k r=s ḥr ẖ.t(?)=s šw.t(?) ḏbꜥ=k ḥr ḥr.w mnjꜣ=s (...).
(c) Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, transkribieren auf ihrer Falttafel: nḏri̯.ḫr=k r=s ḥr sp.t=s wnmj.t(?) ḏbꜥ=k ḥr ḥr.w mnjꜣ=s (...).
Der Hauptunterschied liegt in der Lesung des teilweise zerstörten Wortes nach r=s ḥr und des nicht eindeutig lesbaren Wortes vor ḏbꜥ. Dementsprechend unterschiedlich fallen die Übersetzungen aus:
(1) Griffith übersetzt: „strike (?) thou as to her upon her lip (?), the tip (?) of thy finger upon the top of her menaa [shoulder? or part of arm] (...)“. Er merkt aber an, dass die Lesung sp.t: „Lippe“ „doubtful“ sei, und bietet als Alternative „palm of the hand“. Das wäre jedoch šsp, was wegen des rekonstruierbaren ts nicht infrage kommt. An welches Wort er bei ḥn.t (wohl eher das gemeint als jwn.t, das im Hieratischen etwas anders aussieht) dachte, was seinem „the tip (?)“ entsprechen muss, ist unklar. Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 63 folgen in Transkription und Übersetzung weitgehend Griffith (die Auslassung von ḥr vor ḥryw dürfte ein reiner Tippfehler sein, da es in der Übersetzung auftaucht). Sie übersetzen: „You should pummel for it on her lip, the tip of your finger on the top of her mnı͗ꜣ“. Dabei ignorieren sie interessanterweise ihre eigene hieroglyphische Transliteration, die wnmj.t (?) statt Griffiths ḥn.t bietet. Das heißt, sie hätten eigentlich sp.t=s wnmj.t: „ihre rechte Lippe (?)“ und dürften stattdessen nur „your finger“ anstelle von „the tip of your finger“ übersetzen. Auch Strouhal e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 111 folgen Griffiths Lesung, wenn sie auch größere Sicherheit der Übersetzung suggerieren: „you should pull her by her lip, your fingertips on her shoulder.“
(2) Grundriß der Medizin IV/2, 273 übersetzt insgesamt zurückhaltender: „Du sollst greifen (nḏr) nach ihr auf ihrem ...-Körperteil, indem das ... deines Fingers oben auf ihrem mnjꜣ-Körperteil ist.“ Obwohl der Grundriß also ẖ.t: „Bauch, Leib“ statt sp.t: „Lippe“ liest (mit Fragezeichen), will er dies nicht als sicher verstanden wissen, vgl. auch Grundriß der Medizin IV/2, 207, Anm. 1 zu Kah 29. Für das Wort vor ḏbꜥ=k verweist Grundriß, ebd., Anm. 2 auf dasselbe Wort in Kah 17. Dort hat Grundriß der Medizin das Wort šw.t: „Seite“ vermutet. Auf diesen beiden Ideen basierend, übersetzt dann Bardinet, Papyrus médicaux, 442: „Tu devras la pincer sur le ventre, le bord (?) de ton pice étant placé au-dessus de son fœtus (menia, littéralement: ‚celui qui palpite‘)“.
(3) Westendorf, Handbuch Medizin, 434 mit Anm. 769 interpretiert ganz anders. Seine Übersetzung lautet: „Du sollst ihre Hand ergreifen (und sie führen) über ihren Bauch (?), indem die Erhebung (?) (šw.t ? die Kuppe?) deines Fingers auf der Oberseite der Pulsstelle (am Unterarm) (mnjꜣ) ist.“ Die Umschrift von Westendorf wird also lauten: nḏri̯.ḫr=k ḏr.t=k ḥr ⸮ẖ.t?=s ⸮šw.t? ḏbꜥ=k ḥr ḥrw mnjꜣ=s: Er will die Hieroglyphen D46 (d) + X1 (t) erkennen und hält damit eine Lesung ḏr.t=s: „ihre Hand“ statt des bisherigen r=s für sicher. Jedoch ist X1 nicht vorhanden und auch der für ḏr.t erforderliche Ideogrammstrich fehlt. In der Lesung ẖ.t und šw.t folgt er dagegen dem Grundriß, gibt aber beides als unsicher an. Bei der Übersetzung von šw.t weicht er etwas vom Grundriß ab, indem er darin nicht das Lemma „Seite“ sieht, sondern es wohl von šwi̯: „sich erheben“ abgeleitet wissen will (vgl. seine Übersetzung „Erhebung (?)“ für Kah 17) und in Kah 29 an die „Kuppe“ denkt. Auch eine Lesung ꜥ=s „ihr Arm“ erfordert eigentlich einen Ideogrammstrich. Mit Blick auf die folgende Aufforderung, den Puls zu messen, scheint es deutlich mehr Sinn zu ergeben, die Hand als die Lippe zu ergreifen, weshalb hier ḏr.t statt sp.t gelesen wird und auch die von Westendorf vermutete Lesung ẖ.t „Bauch“ nicht zutreffen wird.
Bezüglich der Satzsyntax bietet die Lesung von Westendorf den Vorteil, dass nach nḏri̯.ḫr=k das direkte Objekt steht, aber er muss eine Auslassung von „und sie führen“ hinnehmen. Laut Wb 2, 383.16–18 kann nḏri̯ im frühen Ägyptischen mit einer Präposition m oder r statt eines direkten Objekts gebildet werden, z.B. nḏri̯ r ꜥ: „an jemandes Arm/Hand fassen“ (Pyr Spruch 412, PT 724d = DZA 25.678.310). So scheint Grundriß der Medizin IV/1, 273 zu verstehen: „Du sollst greifen (nḏr) nach ihr auf ihrem ...-Körperteil, indem das ... deines Fingers oben auf ihrem mnjꜣ-Körperteil ist.“

3 [n]hq: Ergänzt nach Westendorf, Handbuch Medizin, 434. Der Klassifikator von nhq ist nicht eindeutig; es kann sich um die gerollte Schnur (V1), den Topf (W24), das Irrigationszeichen (N23) oder die Buchrolle (Y1) handeln, s. Westendorf, Handbuch Medizin, 434, Anm. 770. Die Übersetzung von nhq als „kräftig pulsieren“ ist eine Vermutung von Westendorf nach dem Zusammenhang, die eine Vermutung von Griffith, S. 10 wieder aufnimmt: „[If she] twitches (?)“. MedWb 470 bietet keine Übersetzung. Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 63 haben „to hurt“.
Die Spuren des anschließenden Wortes sind vielleicht als mt zu lesen.

4 Ergänzung des Satzendes und des folgenden Satzbeginns mit Westendorf, Handbuch Medizin. Sie würde die Lücke perfekt ausfüllen.

Kah 30

Eine andere Methode:1
Dieses Kalb des Horus [---] Seth (?). Ich bin an [der Stelle?] von Horus und vice versa. Du mögest herabsteigen zum dem Ort, an dem du gerne bist(?).
(Es) werde [dieser] Spruch gesprochen [über ---].2
Wenn (es) herabsteigt aus ihrer Nase, dann wird sie gebären.
Wenn (es) herabsteigt aus ihrer Vulva, dann wird sie gebären.
Wenn (es) nicht [herabsteigt aus ihrer Nase oder aus ihrer Vulva, wird] sie niemals [gebären].

1 Eine weitere Methode für einen Schwangerschafts- oder Fruchtbarkeitstest, der mit einem magischen Spruch beginnt, der auf Horus und das Kalb des Horus referiert. Damit soll ein Mittel, das der Frau in irgendeiner Form appliziert werden soll, besprochen werden. Der Text ist nur fragmentarisch überliefert. Ergänzungen nach Westendorf, Handbuch Medizin, 434.

2 ḏd.tw rʾ: Griffith, Tf. VI gibt als vorhanden an. Auf dem aktuellen Farbfoto von Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri ist es nicht mehr identifizierbar. Westendorf, Handbuch Medizin, 434 ergänzt: „Es werde [dieser] Spruch gesprochen [über ein Mittel, das der Frau verabfolgt wird.]“

Kah 31

Eine andere Methode:1
Wenn du ihr Gesicht2 frisch3 findest (wörtl.: siehst, indem es frisch ist) – in einer Frische3 jedoch, indem du Dinge4 auf ihr (d.h. der Frau, nicht das Gesicht) findest wie [---, so wird sie einen] Knaben [gebären].
Wenn du aber Dinge auf ihren Augen siehst, so wird sie niemals gebären.

1 Ein weiteres Mittel für einen Schwangerschafts- oder Fruchtbarkeitstest, der noch darüber hinausgeht, indem auch eine Prognose zum Geschlecht des Babys gegeben wird.

2 Westendorf, Handbuch Medizin, 434, Anm. 771 weist darauf hin, dass ḥr „Gesicht“ polysem auch die „Haut, Körperoberfläche“ bedeuten kann. Vgl. dazu pEbers 87.4–5 [Eb 715], pHearst 10.15–16 [H 154] und pSmith vs 21.6, die parallel ein Schönheitsrezept belegen; verschönert wird hier (vermutlich relativ synonym, da in enger meronymischer Relation): ḥr „Gesicht“ (pSmith) = jnm „Haut“ (pHearst) = ḥꜥ.w „Körper“ (pEbers).

3 Das ägypytische Adjektiv wꜣḏ kann sowohl „grün“ als auch „frisch“ bedeuten. Griffith, 10 ging noch, einem Vorschlag Ermans folgend, von der Bedeutung „grün“ aus, vgl. auch DZA 29.073.680. Grundriß der Medizin IV/1, 274 und MedWb 164 tendiert dagegen zur Nuance „frisch“, auch wenn MedWb die Möglichkeit „grün“ noch nicht ganz ausschließen will. Westendorf, Handbuch Medizin, 434 gibt beim ersten wꜣḏ noch beide Alternativen, beim zweiten nur noch „Frische“. Die übrigen Übersetzungen bleiben bei „frisch“; auch Bardinets etwas freies „particulèrement (?) intègre (?)“ geht auf diese Bedeutung zurück.

4 „Dinge“ wird von Feucht, Das Kind im Alten Ägypten, Frankfurt 1995, 99 als Schwangerschaftsflecken (chloasmen uterinum), d.h. verstärkte Pigmentierung auf Stirn, Kinn und um die Mundpartie, gedeutet. Das Auftreten dieses Symptoms gilt hier als Hinweis auf das Geschlecht des Babys.

Kah 32

Erkennen einer (Frau),1 die schwan[ger ist, gegenüber einer, die nicht schwanger ist (?):]2
[3.25] [---] genauso wie jener (zuvor genannte) Finger auf dem mnjꜣ-Körperteil.

1 Schwangerschaftstest, der in seinem wenig erhaltenen Text Kah 29 ähnelt und mit dem Demonstrativpronomen pfꜣ auch darauf zurückverweist.

2 Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri, 64 transkribieren n.tt r iw[...] und übersetzen „a woman who will conceive“. Es ist jedoch kein r vorhanden, so dass eine Ergänzung n.tt r jw[r] (mit Infinitiv) nicht möglich bzw. erforderlich ist. Vgl. allerdings Kah 26 (Kol. 3.12): sjꜣ n.tt r jwj/jwr r n.tt nn jwr[=s]. Da die Länge der Lücke am Zeilenende nicht bestimmt werden kann, ist unklar, ob es in Kah 32 nur darum geht, eine Schwangere zu erkennen, oder ob zwischen einer Schwangeren und einer Nicht-Schwangeren unterschieden werden soll. Falls vor mj.tt in der nächsten Zeile nichts oder z.B. nur jri̯=k gestanden hat, würde die Lücke am Anfang von Zl. 3.25 so gut wie ausreichen für die Differenzierung zwischen einer Schwangeren und einer Nicht-Schwangeren.

Kah 33

Nicht zulassen, dass eine Frau [___] (?) schreit / einen tjꜣ-(Kaumuskel)-Krampf bekommt:1
Langbohnen.
(Es) werde zerrieben in/zu [---]2 an/zu ihre (beiden?) Zahnreihen am Tag, an dem sie gebiert.
[Das ist] das Beseitigen des tjꜣ.w-(Kaumuskel-)Krampfes.
Wirklich prima, millionenmal erprobt!

1 Ähnlich wie Kah 23+24 geht es bei diesem Rezept um die Behandlung eines tjꜣ-Kaumuskelkrampfes. Als Ingredienz wird die Langbohne angegeben, deren Zubereitung nur teilweise überliefert ist. Relativ klar ist hier der Kontext, in dem der Krampf auftritt: hrw.w n(.j) msi̯ =s „der Tag, an dem sie gebären wird“. Der Zusatz šs mꜣꜥ ḥḥ n [sp] „Wirklich prima, millionenmal erprobt“ legitimiert das Rezept. Tatsächlich kann das Verkrampfen der Kiefermuskulatur den Geburtsvorgang erschweren, s. a. Strouhal, e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 145.
Nach z.t: „Frau“ sind noch zwei rote Zeichenreste zu erkennen, die also noch zur Überschrift gehören müssen. Die Länge der Lücke ist durch die Aktennotitz auf der Rückseite relativ sicher, vgl. zu ihr Griffith, Tf. 26A (unten rechts) und dazu das Foto auf der beiliegenden CD von Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri. Es kann nur ein sehr kurzes Wort fehlen. Am Ende fehlt ein größeres Zeichen. Ergänze vielleicht das Adverb wr: „sehr“?

2nḏ m: Ein häufiger Zubereitungshinweis ist nḏ m jḫ.t wꜥ.t: „(es) werde zu einer Masse zerrieben“, eventuell aufzulösen als nḏ (jri̯) m jḫ.t wꜥ.t: „(es) werde zerrieben (und) zu einer Masse (gemacht)“. Griffith hat m mit einem Fragezeichen versehen, aber es ist eindeutig ein Vogel, allenfalls ein -Geier, kein w.

Kah 34

[Heilkunde (?) für]1 eine Frau, (deren) Harn in einem schlimmen Zustand ist:
Wenn der Harn kommt, [---], dann nimmt sie ihn wahr (d.h. er ist schmerzhaft?). Er/sie (d.h. der Harn, das Harnen oder die Frau, deren Zustand) wird genauso bleiben bis in Ewigkeit.

1 Der Anfang ist zerstört; die Ergänzung mit [šsꜣ.w] z.t „Heilkunde/Lehrtext für eine Frau“ orientiert sich an den vorangegangen Kah 1–17 und muss hypothetisch bleiben. Gegen diese Ergänzung könnte sprechen, dass sie die Lücke am Zeilenanfang nicht ausfüllt. Die Frau hat Problem mit ihrem Urin, vermutlich in der Art einer Blasenentzündung (Zystitis), s. Strouhal, e.a., Medicine of the Ancient Egyptians, 150.

Unplatziertes Fragment A

[---] [---] auf/Gesicht (?) [---] ? [---] 4 (?); kopulieren (?) [---] Husten/husten (?) [---] [---]1

1 Die Platzierung des Fragments A ist unbekannt; weder die Position auf der Tafel von Griffith noch auf derjenigen von Collier & Quirke soll offenbar einen Vorschlag suggerieren. Griffith, S. 11 schreibt, dass es vielleicht zu einer anderen Seite gehören könnte. Es wäre aber auch zu prüfen, ob es vielleicht in die große Lücke der 2. Kolumne passen könnte.
Keines der Wörter und Wortfragmente ist zweifelsfrei zu übersetzen. Von der Zahl in Zeile x+3 sind nur drei Striche erhalten, doch Griffith ergänzt noch einen vierten – sicher weil die Zahl 4 in den medizinischen Texten üblicher ist als die Zahl 3. Das Foto auf der CD von Collier & Quirke, UCL Lahun Papyri lässt dagegen keinen Rest eines vierten Striches erkennen.
Auf dem Foto und der Falttafel von Collier & Quirke ist oberhalb von Fragment A noch ein weiteres, nummernloses Fragment untergebracht, auf dem sich nur winzigste Zeichenreste erhalten haben.