science in ancient egypt

 

Metadaten

Bezeichnung
Ostrakon Louvre E 3255
Weitere Bezeichnungen
abgekürzt zitiert als "O.Lvr"
Aufbewahrungsort
FR, Paris, Musée du Louvre
Erwerbsgeschichte

Stammt laut W. Westendorf aus der Sammlung Anastasi (Westendorf 1999, 61) und wurde 1872 zum ersten Mal von T. Devéria aufgelistet. Große Teile der Sammlung Anastasi wurden zwischen dem 23. und 27. Juni 1857 bei einer öffentlichen Auktion vom Louvre angekauft. Darunter befand sich auch das Ostrakon E 3255, denn in dem für den Verkauf erstellten Katalog ist das Objekt mit großer Wahrscheinlichkeit als Nr. 1083 zu identifizieren. Die Beschreibung als „Tesson de poterie portant 5 lignes, fragment d’un texte hiératique avec rubriques caractère de la XVIIIe dynastie“ (Lenormant 1857, 88) ist von allen dort beschriebenen Ostraka als einzige zutreffend für dieses Stück.

Herkunft
Ägypten, genaue Provenienz unbekannt
Datierung
Neues Reich, Ramessidenzeit, 19.–20. Dynastie, ca. 1292–1077 v. Chr.

Aufgrund der Paläographie datiert W. Spiegelberg das Ostrakon in die 18./19. Dynastie, wobei er betont, dass die Schrift weit weniger kursiv sei, als beim Berliner medizinischen Papyrus P 3038 (Spiegelberg 1893, 67 mit Anm. 3). Letzterer wird in die 19. Dynastie datiert. Der Zeitraum der 18./19. Dynastie umfasst in etwa die Zeit von 1540–1190 v. Chr. (bei Westendorf 1999, 61 als 1550–1200 v. Chr. eingetragen). M. Étienne, der Zugang zum Original hat, verweist für die Paläographie pauschal auf das Neue Reich (1550–1090 v. Chr.), andererseits in den beschreibenden Daten konkret auf die 19.–20. Dynastie (ca. 1293–1090 v. Chr.) (Étienne 2016, 260).

Textsorte
medizinische Rezepte
Inhalt

Reste von drei Rezepten zum Beräuchern eines erkrankten Ohres. Die Zutaten Damhirschgeweih, Krokodilskot, Froschhaar (?) und Schildkrötenpanzer sind unerwartet.

Ursprünglicher Verwendungskontext

Die sorgfältige Abschrift unter Verwendung von Rubren und mit wahrscheinlich drei unterschiedlichen Rezepten spricht gegen eine temporäre Erinnerungsnotiz, sondern für eine längerfristige Nutzung, vielleicht als private Nachschlagesammlung. Die Angabe „zweite [...]“ in der obersten Textzeile könnte als Hinweis auf mindestens ein weiteres Ostrakon verstanden werden.

Material
Keramik
Objekttyp
Ostrakon
Technische Daten

Die Tonscherbe hat eine Höhe von 8,5 und eine Breite von 13 cm (Devéria 1872, 189). Auf der konvexen Außenseite (Recto) befinden sich fünf Zeilen Text, von denen jedoch keine vollständig erhalten ist. Oben rechts ist ein kleines Stück abgebrochen, wodurch der Anfang der 1. Zeile mit der Überschrift fehlt. In den Zeilen 2–4 ist rechts noch ein unbeschrifteter Bereich vorhanden, Zeile 5 springt sogar ein wenig nach rechts aus, so dass der rechte Rand vermutlich weitestgehend vollständig ist. Links ist allerdings ein Stück des Ostrakons verloren, weil die Enden der Zeilen 2–5 unvollständig sind. Die Leserichtung verläuft von rechts nach links. Die konkave Innenseite (Verso) wird in der Literatur nicht erwähnt und ist deshalb zweifellos als unbeschriftet zu betrachten.

Schrift
Hieratisch

Ein Spruchtitel sowie die Mengenangaben sind rubriziert.

Sprache
Mittelägyptisch mit Neuägyptizismen

Die Ordinalzahl „zweitens“ wird mit der neuägyptischen Konstruktion r mḥ gebildet. Étienne weist darauf hin, dass der Hirsch im Neuen Reich in Ägypten (wahrscheinlich) ausgestorben war, die Redaktion des Textes also älter gewesen sein muss (Étienne, 2016, 260).

Bearbeitungsgeschichte

Der Text wurde zuerst von Th. Devéria als „pièce de comptabilité“ beschrieben (Devéria 1872, 189). Den medizinischen Inhalt erkannte W. Spiegelberg, der eine hieroglyphische Wiedergabe sowie einen Kommentar lieferte (Spiegelberg 1893, 67). F. Jonckheere gibt eine Transkription, eine französische Übersetzung sowie einen Kommentar auf der Grundlage der Edition von Spiegelberg in einer medizinhistorischen (Jonckheere 1953) und einer ägyptologischen Zeitschrift (Jonckheere 1954). Eine weitere hieroglyphische Wiedergabe nach Spiegelberg (Grapow 1958, 107) sowie eine deutsche Übersetzung (von Deines – Grapow – Westendorf 1958 I, 63) liegen im „Grundriss der Medizin der alten Ägypter“ vor. Diese Übersetzung wurde von W. Westendorf 1999 leicht aktualisiert (Westendorf 1999, 160). Zwei weitere französische Übersetzungen finden sich bei T. Bardinet (Bardinet 1995, 479) sowie M. Étienne (in: Charron – Barbotin 2016, 260 [115]). Erst A. Mudry publizierte eine Schwarz-Weiß-Abbildung des Ostrakons (Mudry 2006, 141, Abb. 6). Ein gutes Farbfoto, allerdings auf dem Kopf stehend, ist abgedruckt in Charron – Barbotin 2016, 260.

Editionen

- von Deines – Grapow – Westendorf 1958 I: H. von Deines – H. Grapow – W. Westendorf, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. IV,1. Übersetzung der medizinischen Texte (Berlin 1958), 63.

- von Deines – Grapow – Westendorf 1958 II: H. von Deines – H. Grapow – W. Westendorf, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. IV,2. Übersetzung der medizinischen Texte. Erläuterungen (Berlin 1958), 67.

- Devéria 1872: T. Devéria, Catalogue des manuscrits égyptiens. Écrits sur papyrus, toile, tablettes et ostraca en charactères hiéroglyphiques, hiératiques, démotiques, grecs, coptes, arabes et latins qui sont conservés au Musée égyptien du Louvre (Paris 1872), 189 (Nr. IX, 15).

- Grapow 1958: H. Grapow, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. V. Die medizinischen Texte in hieroglyphischer Umschreibung autographiert (Berlin 1958), 107.

- Jonckheere 1954: F. Jonckheere, Prescriptions médicales sur ostraca hiératiques, in: Chronique d’Égypte 29 (57), 1954, 46–61, hier: 53–56.

- Mudry 2006: A. Mudry, Otology in Medical Papyri in Ancient Egypt, in: The Mediterranean Journal of Otology 3, 2006, 133–142, hier: 141 mit Abb. 6.

- Spiegelberg 1893: W. Spiegelberg, Varia. III. Ein medicinischer Text auf einem hieratischen Ostracon, in: Recueil de Travaux Relatifs à la Philologie et à l'Archéologie Égyptiennes et Assyriennes 15, 1893, 67–69, hier: 67–68.

- Westendorf 1999: W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I 36,1 (Leiden/Boston/Köln 1999), 60–61, 160.

Literatur zu den Metadaten

- Étienne 2016: M. Étienne, Ostracon comportant un texte médical, in: A. Charron – C. Barbotin (Hrsg.), Savoir et pouvoir à l'époque de Ramsès II. Khâemouaset, le prince archéologue (Arles/Gent 2016), 260.

- Lenormant 1857: F. Lenormant, Catalogue d’une collection d’antiquités Égyptiennes (Paris 1857).

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Bearbeiter
Dr. Anke Ilona Blöbaum
Bearbeitungsdatum
09.07.2019

Übersetzung und Kommentar

Ostrakon Louvre E 3255

[1] Ein [anderes (?)]1 zweites (Heilmittel): Geweih vom Damhirsch2: 1, werde fein zerrieben3 […

1 [⸮k.t?] r:mḥ 2.⸮t?: Spiegelberg (in: RecTrav 15 (1893), 67) schlägt als Ergänzung k.t pẖr.t vor. Jonckheere (in: Sudhoffs Archiv 37 (1953), 278; CdÉ 29/57 (1954), 54) transkribiert fehlerhaft [k.t] pẖr.t. Der Verlauf der Bruchkante lässt darauf schließen, dass der oben abgebrochene Teil der Scherbe nicht besonders groß gewesen ist, daher war vermutlich kaum mehr als ein Quadrat für ein weiteres Wort zur Verfügung, was die Ergänzung von k.t nahe legt, wobei ebenfalls eine Ergänzung von pẖr.t zu erwägen ist, obschon der vermutlich zur Verfügung stehende Platz dafür recht knapp sein dürfte. Mit etwas Abstand zu den beiden Zahlstrichen ist am linken Rand der Scherbe noch ein Punkt zu sehen. Möglicherweise gehört er zum Zahlzeichen und ist als t zu lesen, vgl. [___] mḥ 2.t am Anfang eines Rezepts in pIfao H 48 verso, x+8: Herbin, in BIFAO 111 (2011) 197; Blöbaum, in: Papyrus Ifao H 48 verso: Übersetzung und Kommentar.
2 db n(.j) hꜣnn: „Geweih vom Damhirsch“ (Wb 2, 495.19–20; DrogWb 575); umfassend zu Damwild in Ägypten, s. Keimer, in: Mélanges Maspero I, 273–308; Dawson, in Journal of the Linnean Society of London 39 (1934), 137–145; Nibbi, in: GM 41 (1980), 61–66; Houlihan, in: JEA 73, 1987, 238-243; Wassell, Ancient Egyptian Fauna, 24–27; Osborn/Osbornová, Mammals of Ancient Egypt, 152–155; Kitagawa, in: JEA 94 (2008), 209–222; Bohms, Säugetiere, 88–90 [8]. Die Verwendung von Hirschhorn ist ebenfalls in Eb 259 in einem Mittel zum Kühlen des Kopfes bezeugt, (Popko, Papyrus Ebers: Übersetzung und Kommentar, Eb 259) sowie in zwei Rezepten zur Herstellung von Räuchermitteln in Bln 69 und 70 (Brose, Papyrus Berlin P 3038: Übersetzung und Kommentar, Bln 69, 70).
Die Identifikation von hnn als „Damhirsch“ erfolgte erstmals anhand von Darstellungen dieses Tieres im Grab des Baket in Beni Hassan (BH Nr. 15; Newberry, Beni Hasan II, Tf. 4). Bereits Rosellini hatte die Tiere als Damwild erkannt (Rosellini, Monumenti Civili, Atlas, Tf. 20 [3, 6] sowie Kommentar (Monumenti Civili I, 212): „cervo“, d.h. „Hirsch“). Weitere Darstellungen mit Beischrift bestätigen dies, so z.B. in der Mastaba von Ti (5. Dyn., Saqqara, Steindorff, Grab des Ti, Taf. 128) oder im Grab des Ahanacht (11. Dyn, Deir el-Berscha, Griffith/Newberry, El Bersheh II, 35, Taf. 16; eine Zusammenstellung des Materials bietet Keimer, Mélanges Maspero I, 277–288), auch wenn die Bezeichnung hnn im Grab des Ibi in Deir el Gebrawi ebenfalls bei der Abbildung von Steinböcken vorkommt (Davies, Deir el Gebrawi I, Taf. 11; Kanawati, Deir El-Gebrawi II, 45, Taf. 24). Spätestens bei Brugsch (Brugsch, Wb 3, 904) findet sich neben „Hirsch“ die Präzisierung „Cervus Dama (Linn.), der Dam-Hirsch, Hirsch; daim, cerf“.
Schon Rosellini (Monumenti Civili I, 212) ebenso wie später Keimer (in: Mélanges Maspero I, 295) verwies auf die koptische Bezeichnung ⲉⲓⲟⲩⲗ für Hirsch (bzw. allgemein für einen Geweih-/Hornträger; Crum, Dict., 77a: „hart, hind“: „Hirsch, Hirschkuh/Hinde“), die auf jꜣ~yw~rʾ (Wb 1, 38.16) zurückzuführen ist, s. Cerný, CED, 46; Vycichl, Dict. étym., 62; vgl. ebenfalls Vittmann, in: WZKM 86 (1996), 437; Quack, in: Fs Voigt, 310. Hoch (Sem. Words, 17 [1]) spricht sich eher für die Bedeutung „Widder“ aus. Das semitische Lehnwort tritt für die ägyptische Bezeichnung hnn ein und ist spätestens am Ende des Neuen Reiches sowie demotisch als ꜣywr (EDG, 1; CDD A, 2) belegt.
Laut Keimer (Mélanges Maspero I, 274, 295, 301) war der Damhirsch der einzige Vertreter der Familie der Hirsche (Cervidae) in Ägypten und dort vielleicht schon in der 18. Dynastie ausgestorben, s. hierzu auch Wassell, Ancient Egyptian Fauna, 25. Unsicherheit herrscht über die Damhirschart, die ursprünglich in Ägypten heimisch gewesen sein könnte. Hilzheimer (in: Zeitschrift für Säugetierkunde 1 (1926), 152–169) identifizierte auf der Basis von altägyptischen Darstellungen sowie einem aus Ägypten stammenden Geweih im Berliner Museum für Naturkunde (Nr. 27088) einen spezifisch ägyptischen Damhirsch, den er zu Ehren des damaligen Leiters des ägyptischen Museums in Berlin, Heinrich Schaefer, als Dama schaeferi bezeichnete. Dies ist heute nicht mehr akzeptiert, vielmehr geht man davon aus, dass es sich auch bei den ägyptischen Tieren um den Mesopotamischen Damhirsch (D. dama mesopotamica) handelt, s. Boessneck, Tierwelt, 39; Wassell, Ancient Egyptian Fauna, 26. Eine (Neu)bewertung und Analyse von Knochenbefunden lässt Kitagawa (in: JEA 94 (2008) 209–222) zu dem Schluss kommen, dass Damwild womöglich niemals in Ägypten heimisch war. Dies gründet sie auf zwei Hauptargumente: (1) Es gibt vor der 13. Dynastie keine sicheren Knochenbefunde aus Unterägypten. (2) Knochen vom Damwild treten insbesondere im Befund von Qantir/Piramesse auf, wobei der Schwerpunkt in den Schichten der 18. und 19. Dynastie liegt. Sowohl Knochen vom Mesopotamischen als auch vom Europäischen Damhirsch sind dort nachgewiesen, was auf Haltung und eventuell sogar Zucht von importierten Tieren deutet.
Die jüngsten Abbildungen von Damhirschen befinden sich im Grab des Petosiris in Tuna el-Gebel (Opferträger, Soubassement in der Kapelle: Lefebvre, Petosiris I, 148 [27], 182 [13], III, Taf. 35, 48, 49; Cherpion/Corteggiani/Gout, Pétosiris, 147–148 [scène 93, 26–28], 118 [scène 88, 11–13]). Aufgrund der Gestaltung des Geweihs könnte es sich hier auch um Darstellungen des Europäischen Damhirsches (D. dama dama) handeln. Die gesamte Dekoration des Grabes ist allerdings in einem stark griechisch beeinflussten Stil gestaltet (vgl. Lembke, in: Lembke/Prell, Petosiris-Nekropole I, 14), so dass die Gestaltung des Geweihs entweder auf griechische Vorbilder oder eventuell auch auf die Darstellung eines importierten Tieres zurückgeführt werden muss, vgl. hierzu Keimer, in: Mélanges Maspero I, 287.
3 nḏ nꜥꜥ: Vgl. MedWb 447 [Ia], 493, §1.

Ein anderes Räuchermittel wie das (davor): Exkremente vom Meseh-Krokodil4: 1, [… … …] Froschlaich (?)5: 1, werde das Ohr [damit] beräuchert.6

4 ḥs msḥ.w: Zur Verwendung von Exkrementen in Heilmitteln, s. Couchoud, in: Bulletin du Cercle lyonnais d’égyptologie Victor Loret 7 (1993), 25–38, bes. 27–28; Beck, Sāmānu, 212–213. Ein weiteres Beispiel zur Verwendung von Exkrementen des Meseh-Krokodils in der Ohrenheilkunde findet sich im pBrooklyn 47.218.49, Spruch P (Kol. x+13, 18: O’Rourke, Royal Book of Protection, 198 [MM]; Blöbaum, Papyrus Brooklyn 47.218.49: Übersetzung und Kommentar).
5 ⸮šn? qꜣ~rʾ~rʾ: Die Stelle ist schwierig zu verstehen: Jonckheere (in: Sudhoffs Archiv 37 (1953), 281; CdÉ 29/57 (1954), 55) liest šn n qrr mit Verweis auf šnj n mḥj.t in Eb 788 und schlägt die Bedeutung „frai de grenouille/Froschlaich“ vor, wobei allerdings in Eb 788 šnj „Gestank“ (Wb 4, 503.7; MedWb 859) vorliegt. Mudry (in: Otology in Medical Papyri in Ancient Egypt 3 (2006), 141) folgt Jonckheere. Westendorf (Handbuch, 160) übersetzt „Haar (?) (vom ?) Frosch“. Bardinet (Papyrus médicaux, 479) sowie Étienne (in: Charron/Barbotin, Khâemouaset, 260) trennen die beiden Ausdrücke, lassen aber šn unübersetzt.
Eine andere Möglichkeit der Auflösung wäre, die beiden Ausdrücke – ebenso wie Bardinet und Étienne – zu trennen, und am Ende der vorausgehenden Zeile (Z. 3) eine zu šn passende Ergänzung vorzunehmen, s. Grundriss der Medizin IV/2, 67; DrogWb 495 [IV, Anm. 1], 521 [§1]. Denkbar wäre z.B. [pr.t]-šnj. Nach Lüchtrath (in: Edfu: Bericht über drei Surveys, 127–130) ist pr.t-šnj vermutlich mit Beeren vom Phönizischen Wacholder (Juniperus phoenicea L.) zu identifizieren, siehe ausführlich Dils, in: BWL-Wortdiskussion. Schwierigkeiten macht bei dieser Lösung, dass nach šn keine Mengenangabe folgt und der Frosch dann als ganzes Tier gemeint sein muss. In Bezug auf [pr.t]-šnj kommt noch die Tatsache hinzu, dass bei der Angabe der Ingredienzien tierische und pflanzliche Produkte miteinander abwechseln würden, was sonst eher vermieden wird.
Ganz grundsätzlich wäre „Froschlaich“ inhaltlich eine gute Lösung und in gewisser Weise als auffindbare Ausscheidung von Fröschen mit den Exkrementen des Krokodils vergleichbar. Die Ergänzung šn [n] qrr von Jonckheere (in: Sudhoffs Archiv 37 (1953), 278; CdÉ 29/57 (1954), 54) ist allerdings aus paläographischen Gründen nicht möglich, denn die Gruppe, die er als Lücke angibt bzw. in der er den Genitiv ergänzt, ist gut zu erkennen. Allein die Lesung bereitet Schwierigkeiten. Spiegelberg (in: RecTrav 15 (1893), 67) ist sich nicht sicher und bietet – naheliegend nach šn – die Haarlocke (D3) versehen mit einem Fragezeichen an. Zusätzlich (ebd. Anm. 4) gibt er eine Umzeichnung der hieratischen Zeichen. Dies wird von Grapow (Grundriss der Medizin V, 107) – allerdings ohne den Hinweis auf das Hieratische – übernommen. Zu sehen ist deutlich ein schräger Strich, sehr ähnlich einem Abkürzungsstrich (Z5), mit einem kleinen Zeichen darunter, das gut als t-Brot (X1), Kügelchen (N33), Ei (H8) o.ä. zu lesen sein könnte. Mit Schreibungen der Haarlocke (vgl. Möller, Paläographie II, 7 [81]) hat die Gruppe zwar eine entfernte Ähnlichkeit, die allerdings m.E. nach nicht überzeugt. Ich lese daher ⸮šn? mit den Klassifikatoren Z5, das eventuell für die Frosch-Hieroglyphe eintritt, mit darunterliegendem N33 bzw. H8, und schlage mit aller gebotenen Vorsicht vor, hierin einen bisher unbekannten Ausdruck für „Froschlaich“ zu sehen. Möglicherweise ist auch der Anfang des Wortes mit dem Ende der vorhergehenden Zeile verloren gegangen. Die Bezeichnung für „Kaulquappe“ lautet ḥfn (Wb 3, 74), für „Laich“ ist m.W. weder swḥ.t „Ei“ (Wb 4, 73.1-74.1) noch ein anderer Begriff belegt. Da es offenbar neben der Verwendung von swḥ.t mit kꜣy (Hannig, HWB, 945b) und ḥḏw.yt (WCN 855217; Fischer-Elfert, Lit. Ostraka, 49, Anm. d; Hannig, HWB, 619b) noch zwei weitere Begriffe für Fischlaich bzw. -rogen gibt (vgl. Gamer-Wallert, Fische, 49–50), ist es denkbar, dass ebenfalls ein spezifischer Ausdruck für Froschlaich existiert haben könnte.
Alternativ erwägenswert zur Erklärung dieser Gruppe wäre möglicherweise eine ebenfalls sonst nicht belegte Schreibung des Begriffs ẖn.t „Haut, Tierfell, Schlauch“ (Wb 3, 367.12–14), der auch zur Bezeichnung von Fischhaut belegt ist (Gamer-Wallert, Fische, 48), oder eine Verbindung mit allerdings erst ptolemäisch belegtem snw „Zunge“ (Wilson, Ptol. Lexikon, 854).
Bei qꜣ~rʾ~rʾ („Frosch“: Wb Wb 5, 61.5-6; DrogWb 520–521) ist in der Hieroglyphentranskription von Spiegelberg (in: RecTrav 15 (1893) 67) sowie im Grundriss der Medizin V, 107 der Semogrammstrich nach dem Tierbalg (F27) zu ergänzen.
Allgemein zu Fröschen und Kröten in Ägypten, s. Hirschberg, in: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 110, 1980, 28–52; Boessneck, Tierwelt, 116–117; Wassell, Ancient Egyptian Fauna, 152; Ndigi, in: CCdE 6, 2004, 137–143; Vernus/Yoyotte, Bestiaire, 244–247, 757–758; Lobban, in: CCdE 7/8, 2005, 153–167; Le Men, in: Kyphi 5, 2006, 87–95; Faltings, in: GS Kaiser, 91–104.
Die Identifikation von qrr als „Frosch“ geht einerseits auf Belege der Personennamen Tꜣ-kr (Brugsch, Wb 7, 1235–1236) und Pꜣ-qrr (Steindorff, in: ZÄS 30, 1892, 63) mit dem Frosch als Determinativ bei kr/qrr sowie andererseits auf den Zeichenpapyrus von Tanis zurück, in dem die Hieroglyphe des Frosches als qrr aufgelöst wird (Griffith, Two Hieroglyphic Papyri from Tanis I, Taf. 1, Kol. 5.1). Schon Brugsch (ebd.) hat eine Bestätigung für die Identifikation im koptischen Nachfahr (S) ⲕⲣⲟⲩⲣ (m.) gefunden, dem in Übersetzungen griechischer Texte βάτραχος: „Frosch“ und in der Pariser Scala außerdem arab. ḍafdaꜥ/ḍifdiꜥ: „Frosch“ entsprechen. Brugsch (ebd.) verweist ferner auf die onomatopoetische Bildung qirqur „quaken“ (Vycichl, Dict. étym., 86–87) sowie auf die arabische dialektale Form qurr, die vor allem in Gegenden im Oman, Syrien und Nord-Jemen gebräuchlich ist (Behnstedt/Woidich, Wortatlas der arabischen Dialekte I, 380–383, [129], s.v. Frosch), und auch im südlichen Oberägypten vorkommt, wobei dort auch der Einfluss von regionalen Dialekten zu anderen Formen führt (Behnstedt, in WdO 12, 1981, 83 [3]). In den ägyptischen Oasen wurde das Wort mit Artikel (baqrūr) entlehnt, s. Behnstedt, ebd.; Vittmann, in: WZKM 81, 1991, 205; Schenkel, in: LingAeg 10, 2002, 9, Anm. 16; Behnstedt/Woidich, ebd., 384. Die ältesten Belege stammen aus dem Neuen Reich und sind syllabisch qꜣ~rʾ~rʾ geschrieben (pTurin Cat. 2002 = Pleyte/Rossi, Tf. 102 = DZA 30.401.870; oLouvre E 3255). Der Name qrr ist sicherlich selbst onomatopoetischen Ursprungs (s. Vycichl, Dict. étym., 86; Vernus/Yoyotte, Bestiaire, 78–79). Demotisch (EDG, 544, 546; CDD Q, 63–64) ist das Wort als qrr, qll, krr u.ä. belegt (vor allem in Personennamen). Zu einem demotischen Papyrusfragment vom Ende der ptolemäischen Zeit, das im Kontext von meteorologischen Omina einen Regen von Fröschen (qrr) erwähnt, s. Collombert, in: Acts of the 10th Intern. Congr. Dem. Studies, 15–26. Worin sich die verschiedenen Bezeichnungen für „Frosch“ ꜥbḫn/ꜥbnḫ, pgg.t und qrr unterscheiden und ob auch mal „Kröte“ gemeint sein kann (s. Vernus/Yoyotte, Bestiaire, 244–247, 757–758), ist noch unklar.
6 kꜣp.w msḏr.t [ḥr=s]: Vgl. MedWb 896 [I.a–b].

[… … …] [5] Panzer der Schildkröte:7 1, werde das Ohr [damit] beräuchert.

7 p(ꜣ)q.t n.t št.jw: „Schale/Panzer der Schildkröte“, s. DrogWb 195. Es ist unbekannt, ob der kleine und harte Panzer einer Landschildkröte (Testudo kleinmanni) oder der große, weichere Panzer der im Wasser lebenden Weichschildkröte (Trionyx triunguis) gemeint ist. Zur Verwendung von Teilen der Schildkröte in Heilmitteln, s. Leitz, Rabenblut, 66–67; zusammenfassend zur Schildkröte in rituellen und magischen Kontexten, s. Altenmüller, in: Fs Beinlich, 15–29; allgemein zur Schildkröte im Alten Ägypten, s. Boessneck, Tierwelt, 110–112; Wassell, Ancient Egyptian Fauna, 155–156.
Die Bezeichnung šṯw/štw (Wb 4, 557/559) für „Schildkröte“ war den frühen Ägyptologen durch die Formel „Es lebe Re, es sterbe die Schildkröte“ (Tb 161, vgl. Lüscher, Tb 151, 84) bekannt (z.B. Birch, Dictionary, 571), die den Hauptaspekt der negativen Konnotation des Tieres als Feind des Sonnengottes auf den Punkt bringt. Brugsch (Brugsch, Wb 4, 1408–1409) zweifelte noch, ob šet ein schlechtes Prinzip („Kakodaemon“) oder konkret das Tier (Trionyx aegyptiaca) bezeichnet.
Demotisch ist der Begriff bislang vielleicht nur in den Aussprachglossen št und šyt im Tebtynis Onomastikon in einem Abschnitt über Schildkröten und deren Körperteile belegt (Osing, Tebtunis I, 139–140). Die Verbindung von šṯw/štw mit kopt. ϫⲓⲧ (A) bzw. ϣⲓⲧⲥ, ϭⲓⲧⲥ (B) „land tortoise“ geht auf Dévaud zurück (Crum, Dict., 598b; Cerný, CED, 256; Vernus/Yoyotte, Bestiaire, 88) und wird von Vycichl (Dict. étym., 273) vorsichtig in Frage gestellt. Die Bedeutung „Landschildkröte“ (Testudo kleinmanni) von ϣⲓⲧⲥ/ϫⲓⲧ ist durch die griechische Entsprechung ἡ χελώνη: „Schildkröte“ (bildlich für Steinhügel) in der griechischen Version (Septuaginta) von Hosea 12.11 gesichert (Crum, Dict. 598b).
Etymologisch könnte štw/šṯw mit šṯ „bekleiden“ zusammenhängen, d.h. „der (in einem Panzer) Eingekleidete“ (ONB, 818, Anm. 1077; Vernus/Yoyotte, Bestiaire, 46–47: „celui qui est dans un sac“). Meistens ist im älteren Ägyptischen aber die Wasserschildkröte (Trionyx triunguis) gemeint. Das štw genannte Dekansternbild ist griechisch als σιτ überliefert (ONB, 880 und 890).