wšꜥ.w „Kauen“

Herkunft

wšꜥ.w: Die ägyptische Krankheitserscheinung wšꜥ.w ist eine Ableitung vom Verb wšꜥ, bei dem es sich klar um ein Verb der Nahrungsaufnahme handelt. Das ist auf der einen Seite gesichert durch die Klassifizierung mit dem Elefantenzahn (Gardiner Sign-list F19) und dem sitzenden Mann mit Hand am Mund (Gardiner Sign-list A2): Ersteres deutet auf einen Zusammenhang mit Zähnen hin, Letzteres auf Wörter der geistigen Betätigung oder der Nahrungsaufnahme. Die Kontexte der Belege bestätigen diesen Bedeutungsansatz.

(1) Der primäre Fokus des Verbs scheint auf dem Vorgang des Kauens zu liegen. Denn es gibt Stellen im Papyrus Ebers (Eb 25, Eb 314), in denen der Patient angewiesen ist, mit einem Heilmittel wšꜥ zu machen und es dann mit einer Flüssigkeit (als Schluckhilfe?) hinunterzuschlucken (sꜥm). Auch das wšꜥ-machen von Natron und Weihrauch im Rahmen ritueller Reinigungen etwa in Tb 172 meint zunächst das Kauen und nicht zwangsläufig auch das Hinunterschlucken.

(2) In einem erweiterten Gebrauch kann das Verb dann auch den gesamten Vorgang der Nahrungsaufnahme inklusive dem Hinunterschlucken bezeichnen. Denn es steht bspw. in den Pyramidentexten, PT 688, in einer Konstruktion parallel zu dem Verb wnm, dem allgemeinen Oberbegriff für „essen“; und in Edfu (Edfou VII, 122, 12–15) werden dem Horus „jꜣrr.t-Weintrauben mit Saft“ angeboten, und er soll die Flüssigkeit „hinunterschlucken“ (ꜥm) und die Trauben/Rosinen (wnš) wšꜥ-machen. Diese und die anderen Belege zeigen, dass wšꜥ sich auf die Aufnahme fester Nahrung bezieht. Die Tatsache, dass es zuerst in den Pyramidentexten belegt ist und auch sonst häufig in religiösen Texten, wie dem Totenbuch oder dem Ritualtext zur Niederwerfung des Apophis, vorkommt, sowie die Tatsache, dass auch Feuer wšꜥ machen kann, dürfte der Grund sein, weswegen bei Übersetzungen gelegentlich ein Verb des gehobeneren Sprachregisters (wie „verzehren“) verwendet wird, etwa in Wb 1, 370.9–12.

(3) Im Neuägyptischen kann es dann auch von Tieren gesagt sein: So wird in pLansing 6,6 der verzweifelte Bauer beschrieben, der morgens sein Gespann nicht mehr findet, weil Schakale damit wšꜥ gemacht haben, und im Märchen von Wahrheit und Lüge auf pChester Beatty II, Z. 3,3–4 wird jemand einem wilden Löwen vorgeworfen, der anscheinend – die Stelle ist etwas verderbt – sofort wšꜥ mit ihm macht. In diesen Fällen könnte man wšꜥ vielleicht mit „(auf)fressen“ oder „verschlingen“ übersetzen.

(4) Der demotische Nachfolger ist wš(e) (W. Erichsen, Demotisches Glossar (Kopenhagen 1954), 101), der koptische ⲟⲩⲱ(ⲱ)ϣⲉ, W. Westendorf, Koptisches Handwörterbuch, 2. Auflage (Heidelberg 2008), 282. Beide beziehen sich auf das Verzehren des Feuers.

Vorkommen

Das Substantiv wšꜥ.w ist bislang auf medizinische Texte beschränkt, scheint also ein Terminus technicus zu sein.

Der älteste Beleg, aus der 12.–13 Dynastie, stammt aus dem Veterinärmedizinischen Papyrus Kahun (dort nur mit dem Zahn und dem Wachtelküken geschrieben, was aber im Prinzip der Abkürung mit Zahn, w-Schleife und Pluralstrichen von Eb 615 entspricht). Dort ist der letzte noch erhaltene Krankheitsfall diesem Phänomen gewidmet, das zu unterschiedlichen Jahreszeiten an einem männlichen Rind auftritt oder zumindest zu unterschiedlichen Jahreszeiten an ihm beobachtet werden kann – die Beschreibung ist nicht eindeutig. Die Erscheinung geht mit krankhaften, aber nicht sicher spezifizierbaren Zuständen der Augen einher und soll mit einem Einschnitt oder Einstich behandelt werden.
Später taucht es nur in den großen Sammelhandschriften der späten 2. Zwischenzeit / des frühen Neuen Reiches auf: den Papyri Ebers, Hearst und Louvre E 32847. Außerdem kommt es noch je einmal auf pChester Beatty VI und auf pBerlin P 3038 vor, beide aus der 19. Dynastie. Das sollte jedoch nicht dahingehend missverstanden werden, dass dieses Phänomen zunächst bei Tieren beobachtet wurde und erst später dasselbe Konzept für dasselbe oder ähnliche Phänomen bei Menschen angewendet worden wäre. Vielmehr wird es Zufall sein, dass es nicht in den wenigen und bruchstückhaften (human)medizinischen Papyri des Mittleren Reiches vorkommt; und andererseits gibt es nur diesen einen veterinärmedizinischen Papyrus, so dass keine Aussage möglich ist, ob das Phänomen nicht auch noch in späterer Zeit bei Tieren beobachtet wurde.

In den (human)medizinischen Papyri kann wšꜥ.w prinzipiell an „allen Körperteilen“ (ꜥ.t nb.t) vorkommen, explizit genannt werden im Papyrus Ebers Beine und Knie (H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Erste Hälfte (r), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.1 (Berlin 1961), 223) und im pLouvre E 32847, Vso. 4,6–11 die Arme (T. Bardinet, Médecins et magiciens à la cour du pharaon. Une étude du papyrus médical Louvre E 32847 (Paris 2018), 182–183). In der Beschwörung einer kranken Brust (Eb 811) werden die Untoten beschworen, kein wšꜥ.w zu verursachen; d.h. es kann prinzipiell auch im Brustbereich auftreten. Mit Eb 742 ist zudem ein Heilmittel für einen Zahn gegeben, dessen Zahnfleisch an der Öffnung im Zustand wšꜥ ist – hier ist ein Partizip des Verbs verwendet, nicht das Substantiv, aber prinzipiell sollte diese Stelle mitberücksichtigt werden.

Ein Zweifelsfall ist Eb 662, ein Rezept gegen „wšꜥ.w eines mt-Gefäßes“. Mit mt.w sind alle strangartigen Teile im Inneren des Körpers gemeint, wie Adern, Venen, Sehnen, Nerven, Muskelfasern usw. – wenn B. Ebbell, Alt-ägyptische Bezeichnungen für Krankheiten und Symptome, Skrifter utgitt av Det Norske Videnskaps-Akademi i Oslo. II. Hist.-Filos. Klasse 1938 (Oslo 1938), 48–49 davon ausgeht, dass mt auch den Penis bezeichnen kann und auch Eb 662 zu den äußeren Krankheiten zu rechnen ist, dann nur deswegen, weil er für wšꜥ.w a priori die Bedeutung „jucken“ ansetzt (s.u.), was eben ein innenliegender Teil des Körpers nicht könne. Diese Behauptung wird von allen anderen Bearbeitern implizit oder explizit abgelehnt; H. Grapow, Anatomie und Physiologie, Grundriß der Medizin der alten Ägypter I (Berlin 1954), 75 verweist darauf, dass in den medizinischen Texten schon zwei Wörter für den Penis verwendet würden und ein drittes daher unwahrscheinlich wäre. Damit wäre Eb 662 ein möglicher Beleg dafür, dass wšꜥ.w auch im Körperinneren vorkommen kann. Wenn man dagegen die Rezeptüberschrift als Genitivus subjectivus interpretiert, dass also zunächst nur ein wšꜥ.w gemeint ist, das von einem mt-Gefäß verursacht wird, dann sagt Eb 662 nicht zwangsläufig aus, wo sich dieses wšꜥ.w manifestiert: das könnte auch die Körperoberfläche sein. Verkompliziert wird diese Teildiskussion durch pLouvre E 32847, in dem in zwei invokativen Passagen anscheinend doch mt den Penis bezeichnen kann: In Vso. 12,5 wird der Gott Chons angerufen, pri̯ m bꜣḥ mt sḫnti̯ m Wsjr: „der aus der Eichel des mt hervorkommt [sic, pri̯ m-bꜣḥ mt: „der vor dem mt hervorkommt“, ergibt keinen Sinn], der/das vorangebracht wurde (?) von (??? m=n?) Osiris“ (Bardinet, a.a.O., 199–200; seine Übersetzung von mt sḫnti̯ m Wsjr durch „phallus en érection d’Osiris“ umgeht die Übersetzungsschwierigkeiten). Und in Vso. 15,6 wird in einer Reihe von Göttern und anderen Entitäten auch das mt n bnn, das „mt des Erzeugers“ angerufen (Bardinet, ebd., 206). Mindestens die zweite Stelle verstärkt den Verdacht, dass mt tatsächlich gelegentlich den Penis bezeichnen kann, was dann auch für Eb 662 doch wieder möglich wäre. Ob auch die Stelle in Rto. x+5,4 hierzu zählt (so jedenfalls Bardinet, a.a.O., 64), in der das mt „gesalbt (gs) werden“ soll, ist dagegen unsicher – hier könnte genauso gut das für Eb 662 als Alternativinterpretation Gebotene zutreffen, dass nämlich nicht das mt selbst, sondern dessen Manifestation auf der Körperoberfläche gesalbt werden soll (das wäre bspw. denkbar, wenn in diesem konkreten Fall mt die Muskeln meint, die sich an der Körperoberfläche abzeichnen und ebenso wie in der modernen Medizin durch Salben behandelt werden können).

Ein weitaus gewichtigeres Argument statt Eb 662, dass wšꜥ.w auch im Körperinneren vorkommen kann, ist pLouvre E32847, Rto. x+1,2–3 (leider mit zerstörtem Anfang): Dort soll eine Frau mit einer bnn.t-Geschwulst/Geschwür während der Menstruation, wenn die „Wurzel des Kanals“ Eiter hat und die Lunge gefüllt ist (?), einen Dämon anrufen, der sich in ihrem Körper befindet und der in ihrem Leisten-/Beckenbereich (npḥ.w) wšꜥ macht (Bardinet, a.a.O., 48–49).

Ziel der Rezepte ist meist sgr.t wšꜥ.w: „stillen (wörtl.: still/stumm machen) von wšꜥ.w“. Das Verb sgr.t kommt sonst in den medizinischen Rezepten nur noch im Zusammenhang mit Husten vor und lässt daher an einen Reiz denken. Die pharmakologische Behandlung erfolgt stets durch Salben und Verbinden der betroffenen Körperstelle, wie es für äußere Erscheinungen üblich ist.

Insgesamt tritt wšꜥ.w oft zusammen mit šf.wt auf. Letzteres ist eine Ableitung von šfu̯: „anschwellen“ und bedeutet wohl eine Art Schwellung. B. Ebbell, Die ägyptischen Krankheitsnamen, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 64, 1929, 117–122, hier 117–122, vermutet darin „Nässen, nässende Hautflechte“, denn es komme oft mit „Jucken“ vor (wšꜥ.w, s.u.); Eb 565 ist ein Mittel „zum Herausholen des Wassers“ aus šf.wt, und Eb 567 = H 128 ist dazu da, das Wasser aus šf.wt abgehen zu lassen. Außerdem käme es am gesamten Körper vor, mit „Vorliebe für die unteren Extremitäten“. Aus diesen Gründen sei es wohl eine äußerliche Erscheinung. Nur in Eb 39 und 585 erscheint es im Körper, was Ebbell damit erklärt, dass šf.wt von den Ägyptern wie andere Symptome und Krankheiten als von einer Materia peccans, einer krankmachenden Substanz im Körper, verursacht gedacht würde und daher auch schon dort bekämpft werden könne. Dass šf.wt generell Nässen bedeutet, lehnt H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Zweite Hälfte (h), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.2 (Berlin 1962), 850 dagegen ab, weil das zu selten genannt ist und weil nie „Trocknen“ als Behandlung genannt sei; generell geht MedWb davon aus, dass šf.wt ein allgemeiner Begriff für eine Schwellung ist.
Weil in den Rezepten, in denen šf.wt und wšꜥ.w zusammen vorkommen, wšꜥ.w immer nach šf.wt genannt wird, nehmen H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Erste Hälfte (r), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.1 (Berlin 1961), 224 und W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 295 an, dass wšꜥ.w eine Folgeerscheinung von šf.wt ist. Dies war zunächst nur eine Hypothese, könnte aber nun durch pLouvre E 32847, Rto. 28,1–9 bestätigt werden, wo in einer Beschwörung die šff.yw und bnn.yw (und vielleicht weitere, in der Lücke stehende Entitäten?), d.h. wohl die für šf.wt bzw. bnn.wt verantwortlichen Dämonen, angerufen werden, neben anderen Dingen kein wšꜥ.w zu verursachen (Bardinet, a.a.O. 155–156). In dem Lehrtext über šf.wt auf pLouvre E32847, Vso. 4,6–11 wird wšꜥ.w ferner als Teil oder Begleiterscheinung genannt, Bardinet, a.a.O., 182–183. In Rto. 21,1–4 wird in einer Beschwörung gegen die „Chons-Geschwulst“ (ꜥꜣ.t n.t Ḫns.w) eine nichtägyptische Form des Thot als „Pavian des Berges Laban“ angerufen, seinen feurigen Atem u.a. gegen šf.wt, ꜥ(r)ꜥ.wt und wšꜥ.w einzusetzen. Sowohl šf.wt als auch wšꜥ.w sind also ferner konstituierende Elemente der Chons-Geschwulst (Bardinet, a.a.O., 135–137). Auch im anschließenden Spruch gegen das Blut, das wohl bei der Behandlung der Chons-Geschwulst fließt, werden diese drei Elemente angesprochen und sollen vertrieben/beseitigt (dr) werden, Bardinet, a.a.O., 142.

Weiterhin sei erwähnt, dass die Rezeptgruppe Eb 592–602, die mit „Heilmittel gegen ‚Blutfraß‘ (wnm-znf) und wšꜥ.w“ überschrieben ist, auch ein Heilmittel zum „Beseitigen eines ‚Blutnestes‘ (sš-n-znf)“ und eines zum Beseitigen von Blut von einer Körperseite, eines zum „Herannahen-Lassen (d.h. Hervorbringen? stkn) von Eiter“ und eines zum Beseitigen einer Krankheit, die „im Inneren des Körpers ist“ enthält. Auch nach pLouvre E 32847, Rto. x+25,5–6 befindet sich Eiter im wšꜥ.w, vgl. Bardinet, a.a.O., 151. Je nachdem, wie sich „Blutfraß“, dessen Identität noch unklar ist (s. den Kommentar dort), und wšꜥ.w zueinander verhalten, und wie sich die in der Rezeptgruppe genannten Einzelrezepte zu diesen beiden Erscheinungen verhalten, könnte dies weiteren Aufschluss über die Identität dieser Erscheinung geben.

Bedeutung

Rein von der Grundbedeutung des Verbs wšꜥ ausgehend, könnte man das Nomen wšꜥ.w zunächst wertneutral als „Kauen“, „Verzehr/Verzehren“ oder „Fressen“ übersetzen. Klassifiziert ist es meist mit dem Elefantenzahn allein (nur einmal noch zusätzlich mit dem Mann mit Hand am Mund) sowie mit Pluralstrichen, die aber keinen echten, grammatischen Plural anzeigen, sondern das Wort als Abstraktum klassifizieren. Im Rezept Eb 811 wird es statt mit Zahn und Pluralstrichen mit dem „schlechten Paket“ (Gardiner Aa2) und Pluralstrichen geschrieben, dem typischen Klassifikator medizinischer Texte für Krankheitserscheinungen, genauer: für Symptome und Urheber, vgl. T. Pommerening, Heilkundliche Texte aus dem Alten Ägypten: Vorschläge zur Kommentierung und Übersetzung, in: A. Imhausen – T. Pommerening (Hrsg.), Translating Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Greece and Rome. Methodological Aspects with Examples, Beiträge zur Altertumskunde 344 (Berlin, Boston 2016), 175–279, hier 192. In vier anderen Rezepten, Eb 556, 591, 592 und 662, wird es mit dem Mineralienkorn und Pluralstrichen geschrieben, eigentlich einem typischen Klassifikator für Samen, Früchte, Mineralien u.ä. kugel- und/oder körnerförmige Drogennamen, sowie einmal, in Bln 24, mit dem Ei und Pluralstrichen, was für Zähflüssiges gebraucht wird (s. zu beidem u.a. Pommerening, a.a.O., 194). Die Ägypter scheinen dem wšꜥ.w-Phänomen demzufolge mitunter auch eine stoffliche Qualität zugeschrieben zu haben. Dafür spricht wohl auch, dass es in der Beschwörung von Eb 811 zwischen wsš.t: „Ausscheidung“ und znf: „Blut“ genannt wird. Außerdem wird es in pLouvre E 32847, Rto. 28,3 in einer Aufzählung von schädlichen Entitäten, die nicht im Körper entstehen sollen, neben mw: „Wasser, Flüssigkeit“ und ry.t: „Eiter“ genannt (Bardinet, a.a.O., 156; nebenbei bemerkt wird es dort noch zusätzlich mit der knöchernen Harpunenspitze Gardiner Sign-list T19 klassifiziert, als ob es etwas Knöchernen oder Knochenhartes wäre; aber die Schreibung wäre zunächst an einem Foto zu prüfen, bevor sie als sicher gelten kann).

Die in der Literatur oft zu findende Bedeutung „Jucken“ u.ä. basiert auf L. Stern, Glossarium, in: G. Ebers (Hrsg.), Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die Arzeneimittel der alten Ägypter in hieratischer Schrift. Vol. 2 (Leipzig 1875), 1–63, hier 57b, der wšꜥ.w mit „prurigo; mordacitas“ übersetzte, d.h. mit „Juckreiz; Bissigkeit, Beißen, Stechen“, wobei zu beachten ist, dass Stern alle Wörter ins Lateinische und nicht ins Deutsche übersetzte und daher hinter „prurigo“ nicht der medizinische Fachterminus mit allen ihm innewohnenden Charakteristika stecken mag, sondern nur das allgemeine lateinische Substantiv, das sowohl medizinische wie metaphorische Bedeutungen haben kann, s. C.T. Lewis – C. Short, A Latin Dictionary (Oxford 1879), s.v. „prurigo“. Erstmals explizit als „Symptom“ bezeichnet und damit als medizinischer Fachterminus verstanden, findet sich das „Jucken“ in Ebbells Besprechung von šf.wt (B. Ebbell, Die ägyptischen Krankheitsnamen, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 64, 1929, 117–122). Sterns Bedeutung ist etwas apodiktisch vom Verb abgeleitet, das er ebd. mit „mandere, manducare, arrondere, inde cruciare“ übersetzte, d.h. als „kauen, nagen, und daher peinigen“; seine Assoziationskette für das Substantiv war also „Kauen“ > „Beißen“ > „Stechen“ > „Jucken“. Dass die späteren Übersetzungen des Wortes als „Jucken“ oder „Juckreiz“ direkt auf ihn zurückgehen, zeigt sich am deutlichsten in der Ebers-Übersetzung von H. Joachim, Papyros Ebers. Das älteste Buch über Heilkunde (Berlin 1890), der in 145, Anm. 1 die Gleichung „ušāu = prurigo“ gibt und es im Haupttext mit „Jucken“ übersetzt. Schon wenige Jahre später ist das Wort bei H.L.E. Lüring, Die über die medicinischen Kenntnisse der alten Ägypter berichtenden Papyri verglichen mit den medicinischen Schriften griechischer und römischer Autoren (Leipzig 1888), 35 ganz selbstverständlich als „Jucken und Kitzeln“ übersetzt und nicht weiter hinterfragt. W. Wreszinski, Der grosse medizinische Papyrus des Berliner Museums (Pap. Berlin 3038). In Facsimile und Umschrift mit Übersetzung, Kommentar und Glossar, Die Medizin der alten Ägypter 1 (Leipzig 1909), 53 (zu Bln 24) umschreibt die Bedeutung immerhin noch mit: „ein Leiden, das einen ‚kauenden‘ Schmerz hervorruft, also Jucken oder Stechen“. Im Wb 1, 370, 14 steht nur noch: „das Beissen, das Jucken (als Krankheitserscheinung)“, vgl. schon DZA 22.618.430. Ebbell, a.a.O. geht in seiner Besprechung des Wortes šf.wt davon aus, dass „wšꜥw unzweifelhaft die Bezeichnung für das Symptom ‚Jucken‘“ ist. Abschließend erwähnt er eine kurze Stelle bei G. Zoëga, Catalogus codicum Copticorum manu scriptorum qui in Museo Borgiano velitris adservantur (Romae 1810), 626–627, wo das Ende eines Rezeptes vorkommt, in dem mit ϣⲁⲃⲉ ein mögliches koptisches Derivat von šf.wt genannt ist, direkt gefolgt von einem Rezeptanfang gegen ⲯⲱⲣⲁ: „Scabies“ und ϩⲱⲕⲉ: „Jucken“(aber nicht ⲟⲩⲱ(ⲱ)ϣⲉ!). Obwohl von Ebbell nicht explizit mit wšꜥ.w verbunden, könnte man vermuten, dass ihn dieser Text in seiner Annahme, dass šf.wt von Jucken begleitet ist und im pEbers eben wšꜥ.w dieses Jucken ist, weiter bestätigte. Auch spätere Übersetzungen gehen schlicht von der Bedeutung „Jucken“ aus. So B. Ebbell, The Papyrus Ebers. The Greatest Egyptian Medical Document (Copenhagen, London 1937), 87 („itching“), F. Jonckheere, Le papyrus médical Chester Beatty, La médecine égyptienne 2 (Bruxelles 1947), 17 („le prurit“), G. Lefebvre, Essai sur la médecine égyptienne de l’époque pharaonique (Paris 1956), 99 („démangeaisons“). H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Erste Hälfte (r), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.1 (Berlin 1961), 223 geht dagegen wieder zur Grundbedeutung zurück und übersetzt mit „Fressen“; W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 295 vermutet aufgrund des Zusammenhangs mit šf.wt und des zweimaligen Vorkommens mit „Blut“ bzw. „Blutfraß“ (wnm-znf), dass es eine „Schwellung“ sein könnte, „die in ein fressendes Geschwür übergeht“. Vermutlich wegen der oben genannten, von den Ägyptern angenommenen stofflichen Qualität hat T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l’Égypte pharaonique, Penser le médecine (Paris 1995), 205 u.ö. wšꜥ.w stets mit „substances-qui-rongent“ übersetzt. Auch B. Lalanne – G. Métra, Le texte médical du Papyrus Ebers. Transcription hiéroglyphique, translittération, traduction, glossaire et index, Langues et cultures anciennes 28 (Bruxelles 2017), 236 sehen hierin „principes pathologiques qui rongent, qui mastiquent“.

Dr. Lutz Popko