Steingefäß des Chamchonsu (BM EA 37256)
Übersetzung und Kommentar
Steingefäß des Chamchonsu (BM EA 37256)
Horusstelen Sprüche B, C und A
Zwei Textkolumnen auf dem Bauch des Gefäßes, eine fast vollständig erhalten mit 11 Zeilen; von der zweiten ist nur die linke untere Ecke mit dem Ende von 5 Zeilen erhalten.
Spruch B
[Oh alter Mann, der] sich zu seiner Zeit [verjüngt], (oh) Greis, der als Jugendlicher agiert (wörtl.: den Jugendlichen spielt), mögest du veranlassen, dass Thoth zu mir auf [meine] Stimme hin kommt, [damit er für mich das Wildgesicht (Neha-her) vertreibt.] Osiris ist auf dem Wasser, das Horusauge ist bei ihm. Der große Flügelskarabäus ist als (?) Schutz/Abwehrer (??)1. Man wird dem, der auf dem 〈Wasser〉 ist, nicht zu nahe treten! Man wird Osiris auf (?) [dem Wasser]2 (?) nicht zu nahe treten! (oder: Man wird Osiris nicht zu nahe treten! Haltet [euch]2 fern!) [Versperrt] wurde euer Maul, blockiert/verstopft wurde euer Schlund, (ihr,) die auf dem Wasser seid, damit (?) Osiris an euch vorbeigehen kann. Seht, er ist auf dem Weg nach Busiris.
Zurück, du Rebell! [Erhebe nicht dein Gesicht! (?)3 Re steigt in] seine Barke (?)4, so dass er die Neunheit von Babylon sehen kann. Die Herren der Unterwelt stehen bereit, dich zu bestrafen. (Wenn) das Wildgesicht (Neha-her) kommt, dann wird euer Gesicht umgedreht werden, das (entsprechend) auf [euren Rücken] gestellt ist. [Euer Maul wird von Re verschlossen.] Euer Schlund wird von Isis5 blockiert.
Eine schreiende Stimme ist im Haus-der-Neith, ein Gejammer ist im Mund des Katers (oder: der Katze). Die Götter sagen „Was ist los? Was ist los?“ bezüglich (?) des Abdu-Fisches [bei seiner Geburt].
Wende deinen Schritt ab von mir (oder: meinetwegen), (du) Rebell! (Denn) siehe, ich bin Chnum, der Herr von Hur. Mögest du vernichtet werden in seinem Heiligtum,6 du (?), wegen dessen, was du getan hast in Anwesenheit der Neunheit! Wende dich doch ab beim (?) [...]! (Denn) ich bin ein Gott. Hui! Hui! 〈Re〉 ist wütend (deshalb). (?)
1 Schutz/Abwehrer (??) (⸮ḫsf?): Man erwartet die Faust (D49) in m ḫfꜥ=f „in seiner Faust“. Die Hieroglyphe ist nicht identifiziert, ähnelt in etwa einem Papyrusstängel 𓇅 (M13) oder einem nḏ-Zeichen 𓐩 (Aa27). Andrews, 303, Anm. 7 erwägt die Hieroglyphe des Spindels 𓍙 (U34) ḫsf.
2 Die Lücke kann nicht sicher gefüllt werden, weil diese Textversion zu sehr von den übrigen abweicht.
3 Auch hier ist die Lücke nicht sicher zu ergänzen. Ein Wachtelküken am Satzanfang ist unklar. Gehört es noch zu sbj, ist es ein Fehler für 〈j〉w (in jw Rꜥw ḥr ṯzi̯ r wjꜣ=f), ist es ein Fehler für m (Vetitiv: „Erhebe nicht dein Gesicht!“), oder ist es der Anfang von wṯs (man erwartet jedoch ṯzi̯)?
4 seine Barke (?) (⸢⸮wjꜣ?⸣=f): Die erhaltenen Zeichenspuren passen nicht wirklich zu wjꜣ.
5 Isis kommt in diesem Zusammenhang nur selten vor. Ein weiterer Beleg ist Horusstele Kairo CG 9403 (Gutekunst, Textgeschichtliche Studien, 196, Nr. 10.3A:2). Dort steht zuvor jw ḫtm rʾ=tn jn Rꜥw, was deshalb hier auch als Ergänzung vorgeschlagen wird (die Lücke am Ende von Z. 4 beträgt ca. 4 Quadrate, weshalb jw weggelassen wird).
6 Mögest du vernichtet werden in seinem Heiligtum (⸮ḥtm?=k m ḫm=f): Bislang ohne Textparallele. Die Zunge bei ḥtm könnte eine Verschreibung für den hieratischen Feind 𓏱 (Z6) sein. Man erwartet nicht, dass ein Feind im Heiligtum vernichtet wird.
Spruch C
Hüte dich vor dem Zwerg! Es ist der Zwerg. Hüte dich vor dem Zugehörigen (?)! Er ist der Zwerg aus Fayence, der 〈am〉 Hals der Neith ist. Halte dich fern von ihm! Zurück, [du, Nehaher!] Wende dein Gesicht ab! Die schreiende Stimme ist eine Klage (?). Ein großes Wehklagen kommt aus dem Mund (?) der Katze, wegen dessen, was du getan hast. 〈Nicht〉 ist es etwas, was 〈ange〉ordnet worden ist [vom Schöpfer].7 {Der vollkommene Phönix} 〈Sobek, der Große〉8, ist gegen dich herausgekommen. Er hat die Zerstückelung deines Leibes durchgeführt. Du sollst dich hüten, (es) zu wiederholen, (du) Rebell (?)! Du sollst abstürzen (?)!9
7 „Es bedeutet, dass die Hände abgeschnitten werden (?) [durch (?)] den vollkommenen Phönix (?).“ Unklare Stelle. In weiteren Handschriften von Spruch C steht n wdd.t pw jn jri̯-st „es ist nicht etwas, was angeordnet worden ist vom Schöpfer“. In diesen Versionen sind die zwei Hände Phoneme von wdd.t/wḏḏ.t. Auf dem Steingefäß sind die negativen Arme zu einer wꜣ-Schlaufe (V4) verändert, das wḏ-Zeichen (V24) zu einem Stoff-s (S29). Ob in dieser Textversion ausreichend Platz für jn jri̯-st ist, sei dahingestellt. Vielleicht wurde es verkürzt zu [jn] Sb{n}〈q〉, mit anschließend {nfr}〈ꜥꜣ〉 als Subjekt von pri̯(.w) r={t}〈k〉 „der Große ist gegen dich vorgegangen“.
8 {Der vollkommene Phönix} (⸮bn(.w)? nfr): Man erwartet Sbk ꜥꜣ „Sobek“.
9 Unklar. In mehreren Versionen von Spruch C findet sich im Anschluss an nkn ḏ.t die Formulierung zꜣu̯ tw sbj, allerdings ohne wḥm. Aber „Hüte dich, deine Verletzung zu wiederholen“ ist ebenfalls in Spruch B und C überliefert. Vermutlich sind hier mehrere Formeln durcheinander geraten. Die Lesung sbn ist geraten. Vielleicht wird sbj wiederholt und anschließend ist jnk oder ntk anzusetzen.
Spruch A
Ich bin (?) / du bist (?)10 Horus11, wenn er (?) aus Osiris hervorkommt, (er,) den Isis, die Göttin/Göttliche geboren hat. Besprich für mich mit deinem Namen!12 Rezitiere für mich mit deinem Zauber! Du sollst retten Chamchons13, der vergrößert/erhellt (?) das Gesicht/Herz (?) des Osiris, des Gottessohnes. Sei gegrüßt, du Erbe, 〈Sohn eines Erben〉! Sei gegrüßt, du Stier, Sohn eines Stieres, den Isis, die Göttin/Göttliche geboren hat.14 [...] kommen [...] er gibt (?) [...alle] Menschen (?) [...] Genosse ... [...] im Norden (?) [...].15
10 Ich bin / du bist (?) (⸮jnk?/⸮ntk?): Die Lesung ist nur geraten. Vielleicht ist auch eine gänzlich fehlgeratene Schreibung von (j:)nḏ 〈ḥr〉=k anzusetzen. Die nachfolgenden Sätze sind sicherlich aus Spruch A der Horusstelen entstanden, aber die Reihenfolge stimmt nicht.
11 Es sieht so aus, dass spätestens mit Ḥrw ein neuer Satz anfängt, z.B. ntk Ḥrw „Du bist Horus“? Der Ansprechpartner =k in den nächsten Sätzen ist Horus und nicht länger ein gefährliches Wesen wie Nehaher.
12 Dieser und der nächste Satz kommen aus Horusstelen Spruch A und zwar unmittelbar nach j:nḏ ḥr=k Ḥrw pri̯ m Wsjr msi̯.n Ꜣs.t nṯr.t.
13 Chamchons (Ḫꜣm-{sw}Ḫns.w): Ranke, PN I, 263.1.
14 Ende der Textkolumne.
15 Ende der Kolumne.
Bildbeischriften
Zwei Register mit Götterdarstellungen, im linken Bereich nach links orientiert, im rechten Bereich nach rechts.
Oberes Register
(Krokodil, darüber eine Schlange, beide nach links orientiert; ihnen gegenüber eine Gottheit (nur ein Fuß erhalten); keine Beischrift erhalten.)
(stehende Göttin mit Bogen und Pfeil; Kopf zerstört:) [Neith, die Große (?), die Gottes]mutter.1
(Göttin, die auf einer Schlange steht und Kopf und Schwanz in den Händen hält; Beischrift nicht erhalten.)
(Krokodil, darüber eine Schlange, beide nach rechts orientiert; Beischrift nicht erhalten.)
Unteres Register
(zwei + x Paviane mit verehrend erhobenen Händen und Sonnenscheibe auf dem Kopf zwischen zwei verehrenden Pavianen:) Gott anbeten, vier [Mal].
(stehende Göttin mit roter Krone, die zwei Krokodilen die Brust gibt:) Neith, die Gottesmutter.
(Skarabäus mit Menschenkopf und Hemhemkrone, der von der Göttin Maat verehrt wird:) Ptah-Soker.
(falkenköpfiger Gott mit Sonnenscheibe auf dem Kopf, der ein Messer vor sich in die Höhe hält:) Siese.
(ibisköpfiger Gott mit Atefkrone (?), der eine Buchrolle hält (?) und einen Rezitationsgestus macht; nach rechts orientiert:) Der Herr von Hermopolis.
1 Die Identifikation der Göttin ist unsicher. Andrews, 299 denkt eher an Astarte oder Waset. Sie verweist auf zwei Darstellungen einer Göttin mit Bogen und Pfeil auf Horusstelen, beide Male anonym.
