Turin Cat. 3031

Metadaten

Wissensbereiche
Alternative Namen
TopBib 801-794-550 Trismegistos TM 109219
Aufbewahrungsort
Europa » Italien » (Städte Q-Z) » Turin » Museo Egizio
Digitaler Katalog
Erwerbsgeschichte

Die Heilstatue wurde laut Silvio Curto im Jahr 1862 von einem gewissen Giuseppe Spina dem Museum von Turin geschenkt. Die Information auf der Homepage Turin, dass sie Teil der Sammlung Drovetti war, ist falsch. Auch die Herkunftsangabe bei Kákosy 1999, 93 als „Gift of Dr. (Maurizio) Bussa“ scheint nicht zu stimmen (E-Mail der Kuratorin Susanne Töpfer an Peter Dils, 09. April 2024).

Herkunft
(unbestimmt)

Es ist unbekannt, wo die Statue gefunden oder erworben wurde. Interne Kriterien, die sie verorten könnten, gibt es nicht.

Datierung
von: (Epochen und Dynastien) » Pharaonische Zeit » Spätzeit » 30. Dynastie bis: (Epochen und Dynastien) » Griechisch-Römische Zeit » Hellenistische Zeit » Argeaden ("Makedonierzeit")

Objekttypologisch werden Heilstatuen meistens in die 30. Dynastie bis in die (frühe) Ptolemäerzeit datiert (Chen 2020, 38-40). Eine genauere Datierung erscheint nicht möglich. Datierbare Heilstatuen sind im 4. Jh. v. Chr. belegt (Kartusche von Nektanebos II. auf der Heilstatue des Anchhapi Kairo JE 41677; Kartusche von Philippus Arrhidaeus auf der Heilstatue des Djedher Kairo JE 46341) (Kákosy 1999, 15). Kákosy nimmt an, dass alle von ihm publizierten Heilstatuen ins 4. Jh. v. Chr. zu datieren sind: stilistische Ähnlichkeiten sowie ikonographische Ähnlichkeiten mit den Darstellungen auf der Metternichstele (Kartuschen des Nektanebos II.) führen ihn dazu (Kákosy 1999, 31). Daher seine Datierung von Turin Cat. 3031 „most probably 4th century B.C.“ (Kákosy 1999, 93). Die Homepage von Turin übernimmt diese Datierung als „400-300 BCE; End of the Late Period - early Hellenistic Period.“ Textgeschichtlich gehört Spruch B zur „P-L-Version“, die laut Gutekunst 1995, 282 und 284 bislang nur in seiner textgeschichtlichen „Hochphase“ belegt ist, d.h. „Spätdyn. – Frühptol. (ca. 400-250/200?) (Gutekunst 1995, 34). Gutekunst 1995, 374 datiert das Stück ohne genauere Begründung als „<Früh?>ptol.“ bzw. er übernimmt aus der Literatur die Angabe „ptolemäisch“ oder „Ptol.?“, scheint aber konkret an die frühe Ptolemäerzeit (bzw. die Argeadenzeit) zu denken (Gutekunst 1995, 284 und 289). Sternberg El-Hotabi setzt die Horusstele der Statue objekttypologisch in ihre „Frühe Hochphase“ (d.h. 380-280 v. Chr.), wobei die stilistische Ausarbeitung des Körpers des Horuskindes („die für die Ptolemäerzeit typischen bewegten Konturen des Horuskindes mit vorgewölbter Brust, eingezogener Taille und Kniepartie sowie tief eingesenktem Nabel“ sind „zwar tendenziell angelegt, jedoch noch nicht voll entwickelt“) für die spätdynastische/frühptolemäische Zeit passt (1999, I, 106; II, 110). Im jüngsten Turiner Katalog 2015 wird der Zeitraum 370-330 v. Chr. vorgeschlagen (Text von S. Connor und F. Facchetti; ebenso Museo Egizio 2017, 240).

Textsorte
Rezitation(en) » Beschwörung(en)
Inhalt

Die Dekoration besteht aus einer Beschriftung mit magischen Sprüchen sowie aus Darstellungen von Gottheiten oder Göttergruppen mit einer Schutzfunktion, die teilweise mit identifizierenden Beischriften versehen sind.

- Vorderseite Horusstele: Beischriften zum Falken auf dem Papyrusstängel sowie zum Horuskind, jeweils mit einer Bitte um Schutz vor Schlangen, Skorpionen, Taranteln (?) und Krokodilen.

- Rechte Seite (Schmalseite der Horusstele, Rückseite und Gewand): Horusstelen Spruch B.

- Linke Seite (Schmalseite der Horusstele, Rückseite und Gewand): Horusstelen Spruch A, gefolgt von einem kurzen, unbekannten Spruch, bei dem die goldene Göttin (Hathor?) eine Rolle spielt, sowie einem kurzen Spruch gegen Schlangen (entspricht Spruch XI des Socle Béhague).

 

Horusstelentext B: Reaktive/kurative Magie, Beschwörung, Schutz auf dem Wasser, Osiris, Reisende, Wassertiere, Nehaher.

Der sogenannte „Spruch B“ der Horusstelen und Heilstatuen hat zum Ziel, einen Reisenden auf dem Wasser zu schützen, insbesondere vor Krokodilen. Er fängt mit einer Anrufung an den Sonnengott/Schöpfergott an, der Thoth schicken möge, um das Krokodil Nehaher abzuwehren. Dann wird gesagt, dass Osiris auf dem Wasser ist und das (schützende) Horusauge bei sich hat. Die gefährlichen Wassertiere, die also Osiris oder jeden sonst, der auf dem Wasser ist, angreifen wollen, werden es mit dem Horusauge zu tun bekommen. Anschließend spricht der Zauberer/Beschwörer die gefährlichen Wassertiere, insbesondere das Krokodil Nehaher, direkt und in imperativischer Form an. Sie sollen Osiris nicht angreifen oder ihnen werde der Kopf zum Rücken hin umgedreht bzw. ihnen drohe die Vernichtung. Er sagt, dass eine Vierergruppe von Göttern Osiris und den Reisenden beschützt, denn sie haben Maul, Schlund, Zunge und Augen der Wasserbewohner unwirksam gemacht. Der Zauberer identifiziert sich anschließend mit Chnum und befiehlt dem Angreifer zurückzuweichen, sonst werde er zerstückelt. Zwei mythologische Passagen mit einem lauten Schrei in Heliopolis, in der ein Kater und der Abdu-Fisch eine Rolle spielen, und mit einem zweiten lauten Schrei in Nedit, wo Osiris ermordet wurde, werden eingeflochten, weil Re deshalb sehr wütend geworden sei und die Zerstückelung des Rebellen auf dem Wasser befohlen habe.

 

Horusstelentext A: Reaktive/kurative Magie, Horus-Sched, Thoth; dwꜣ-Verehrung

Ein von Thoth ausgesprochener Spruch zur „Verehrung“ des Horus, um ihn zu „verklären“. Die Ich-Person (Thoth als Magier) begrüßt den jugendlichen Horus und bittet ihn, dass er mit seiner Magie und seinen Zaubersprüchen kommen möge, um die gefährlichen Tiere in der Wüste, im Wasser und in den Höhlen abzuwehren (zu Kies oder Topfscherben unter den Füßen gemacht) und um das Gift im Patienten zu beschwören. Wenn das Gift gegen Horus (als Patienten) vorgehen sollte, dann soll er (Horus mit seiner Magie) umgekehrt gegen das Gift vorgehen. Er möge den Patienten wiederbeleben, damit sein (des Horus) Ansehen entstehe und er als Horus-Sched („der Retter“ oder „der Beschwörer“) angerufen werde.

 

Beschwörung zweier Schlangen.

Reaktive/kurative Magie, Beschwörung, Gift, sḏḥ.w-Schlange, Stierschlange

Beschwörung des Giftes von zwei Schlangen, die mit einem Metallspeer unschädlich gemacht werden. Der Beschwörer fordert das Gift auf, auszufließen, und er wird das Feuer der Entzündung löschen.

Ursprünglicher Verwendungskontext

Von einigen Heilstatuen ist bekannt, dass sie in einem Tempel aufgestellt waren (nachgewiesener Fundort oder so laut Inschriften: Heilstatue des Djedher Kairo JE 46341), weshalb das für die übrigen auch angenommen wird (alg: Kákosy 1995). Die Sockelvorrichtung der Heilstatue des Djedher sowie Texte auf der Statue Tyszkiewicz verdeutlichen, dass Wasser über die Statue gegossen wurde, welches durch den Kontakt mit den magischen Texten und Darstellungen heilende Kräfte bekam und anschließend getrunken wurde.

Material
Nicht Organisch » Stein » Steatit/Speckstein
Objekttyp
Artefakt » Skulptur » Statue / Figur
Technische Daten

Material: Steatit (Homepage Turin; Museo Egizio 2015 und 2017); Serpentinit (?) (Kákosy 1999, 93); „calcare grigio con patina rosso-scura“ (Fabretti, Rossi, Lanzone, 1882, 412), daher „grauer Kalkstein“ (Sternberg-El Hotabi, II, 110; Chen 2020).

Maße: Höhe 23+x cm; Breite 11 cm; Tiefe 18 cm.

Geschätztes Gewicht: 30 kg (Chen 2020, 36, Anm. 56).

Heilstatue eines stehenden Mannes in langem Gewand, der eine Horusstele/Horuscippus vor sich hält. Der ganze Oberkörper des Mannes fehlt (absichtlich weggemeißelt). Auch die Füße unterhalb des langen Lendenschurzes sind weggemeißelt und durch einen „Steg“ ersetzt, mit dem die Statue in einen separaten Sockel (nicht erhalten) eingefasst gewesen war. Die Identität des Mannes, zweifellos ein Würdenträger, ist verloren. Der Rücken ist in der Mitte wie ein ganz flacher Rückenpfeiler ausgearbeitet. Horusstele, Sockel der Horusstele, Gewand und Rückenpfeiler sind komplett mit Texten und Darstellungen versehen.

Schrift
Hieroglyphen
Bearbeitungsgeschichte

Die Statue wird im Museumskatalog von Fabretti 1882 gelistet. Golenischeff 1877 kennt die Inschriften und benutzt sie als Parallele für die Sprüche A und B der Horusstelen. Lanzone 1884 hat Zeichnungen und Beschreibungen der Dekoration angefertigt, aber die Texte sind dort kaum lesbar. Klasens 1952 identifizierte einen Spruch als Textparallele für Spruch XI des Socle Béhague. Kákosy & Cihó 1985 verwenden die Statue für denselben Spruch (mit Textsynopse). Kákosy 1987 hat die Statue in seinem Inventar der Heilstatuen aufgenommen. Erst dank der Publikation von Kákosy 1999 sind die Texte und Darstellungen für die weitere Forschung zugänglich. Gutekunst 1995 konnte die Texte durch Vermittlung von Kákosy für seine Bearbeitung von Horusstelen Spruch B verwenden. Chen 2020 hat sie für seine Studie der Heilstatuen verwendet.

Editionen

- L. Kákosy, Healing Statue Turin Cat. 3031, in: L. Kákosy (Hg.), Egyptian Healing Statues in three Museums in Italy (Turin, Florence, Naples) (Catalogo del Museo Egizio di Torino. Serie prima - Monumenti e testi, Vol. IX), Turin 1999, 15-16, 91-107 und Taf. XXVII-XXXIII [P,H,Ü,K].

Literatur zu den Metadaten

- M. Chen, Healing Statues in the Late Period Egypt. Creating Elite Commemoration in a Religious Context, Los Angeles 2020, 138, 158, 178, 179, 206, 220-221, 262, 277 (Nr. 34) [K].

- A. Fabretti, F. Rossi, R.V. Lanzone, Regio Museo di Torino. Antichità Egizie (Catalogo generale dei musei di antichità e degli oggetti d’arte raccolti nelle gallerie e biblioteche del regno. Serie 1. Piemonte), Vol. I, Torino 1882, 412 (Nr. 3031) [Erwähnung und Kurzbeschreibung].

- W. Golenischeff, Die Metternichstele in der Originalgrösse, Leipzig 1877, 1, 6 (Text C), 12 (Text H), 19 [Ü als Textparallele der Sprüche A und B].

- W. Gutekunst, Textgeschichtliche Studien zum Verjüngungsspruch (Text B) auf Horusstelen und Heilstatuen, Diss. Georg-August-Universität Göttingen (Trier 1995), 76, 81, 84, 89, 284, 289, 290, 374 [K].

- L. Kákosy, Some Problems of the Magical Healing Statues, in: A. Roccati und A. Siliotti (Hgrs.), La Magia in Egitto ai tempi dei faraoni. Atti Convegno internazionle di studi, Milano 29-31 ottobre 1985, Verona 1987, 171-186 (hier: 176) [Erwähnung in der Auflistung von Heilstatuen].

- L. Kákosy und M Cihó, Fragment of a magical statue in Iaşi (Roumania), in: Oriens Antiquus 24, 1985, 45-53 [Ü,H mit Textsynopse für Spruch XI des socle Béhague].

- L. Kákosy, Ouroboros on Magical Healing Statues, in: T. DuQuesne (ed.), Hermes Aegyptiacus. Egyptological Studies for B.H. Stricker (Discussions in Egyptology. Special Number 2), Oxford 1995, 123-129 mit Abb. auf 127 (plate II) [P Rückseite].

- L. Kákosy, Heilstatuen in den Tempeln, in: D. Kurth (Hrsg.), 3. Ägyptologische Tempeltagung. Systeme und Programme der ägyptischen Tempeldekoration (Ägypten und Altes Testament 33,1), Wiesbaden 1995, 91-98 [K alg.].

- A. Klasens, A magical statue base (socle behague) in the Museum of antiquities at Leiden, in: Oudheidkundige Mededelingen uit het Rijksmuseum van Oudheden te Leiden 33, 1952, x, 1, 4, 51, 63 (Siglum T2) [H,Ü mit Textsynopse für Spruch XI].

- R.V. Lanzone, Dizionario di mitologia egizia, Torino 1881-1884, 588-590 und Taf. CCXVIII-CCXXI [Lithographien der 4 Seiten].

- J. Malek, Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Statues, Reliefs and Paintings. VIII. Objects of Provenance not Known. Part 2. Private Statues (Dynasty XVIII to the Roman Period). Statues of Deities, Oxford 1999, 956 (Nr. 801-794-550) [B].

- H. Sternberg-El Hotabi, Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte der Horusstelen (Ägyptologische Abhandlungen 62), Wiesbaden 1999. Teil I, 106; Teil II: Materialsammlung, 110 und Taf. XVI [P,K].

- Museo Egizio, Torino 2015 (= 2016), 184 (Fig. 232) [P Vorderseite].

- Museo Egizio. Un viaggio visuale. A visual journey, Torino 2017, 120 und 240 (120) [P Vorderseite].

Online-Ressourcen
Autoren
Dr. Peter Dils
Autoren (Metadaten)
Dr. Peter Dils

Übersetzung und Kommentar

Turin Cat. 3031

Horusstele, Vorderseite (A)

(rechts vom Horuskind (Objektperspektive), Beischrift beim Falken auf dem Papyrusstängel:Horus,-der-sich-auf-seinem-Papyrusstängel-befindet, der große Gott, Herr des Himmels. Mögest du den Schutz bereiten für den, der eine Bissverletzung hat, (für) den, der auf dem Land ist und dem, der 〈auf dem〉 Wasser ist. Mögest du für mich das Maul verschließen von jeder männlichen Schlange, jeder weiblichen Schlange, jedem (giftigen) Gewürm, jedem Skorpion, die mit ihrem Maul beißen und mit ihrem Schwanz stechen. Mögest du jeden Mann/Menschen und jedes Stück Vieh, der/das mit einer Bissverletzung zu mir gekommen ist (?), retten.

(links vom Horuskind (Objektperspektive), Beischrift beim Nefertemstab oder beim Horuskind:) Horus, der Beschwörer/Retter, der große Gott: Mögest du für mich (das Maul von) allen -Schlangen, die mit ihrem Maul beißen, verschließen. Mögest du den Schutz dem mit einer Bissverletzung, der auf dem Land oder auf dem Wasser ist, bereiten, so wie du den Schutz des Osiris an jedem seiner Orte bereitest. Mögest du für mich alle Krokodile auf dem Fluß, alle Löwen auf dem Plateau, alle männlichen Schlangen, alle weiblichen Schlangen, alle Taranteln (?)1 und (alle Tiere), die mit dem Maul verschlingen,2 abwehren.

1 Taranteln (?) ((j)ndš.w): Goyon, Recueil de prophylaxie, 55, Anm. 6 hat dieses von Kákosy nicht erkannte Wort als jntš-Tier identifiziert.

2 (alle Tiere), die mit dem Maul verschlingen (ꜥm-[⸮m?-]rʾ.w): scheint mit dem Tierfell determiniert zu sein, d.h. ein Kompositum zu bilden. Goyon, Recueil de prophylaxie, 55, Anm. 6 liest ꜥm-rꜣ.w und übersetzt mit „les ‚dévorants de gueule‘“, d.h. mit einer nfr-ḥr-Konstruktion. Zwischen dem Kopf und Schlund des Rindes (F11 𓄉) und dem Mund (D2𓏤1 𓂋) ist senkrecht noch ein halbes Quadrat verfügbar, das mit einer Präposition m gefüllt werden könnte, z.B. mit Aa56.

Rechte Seite (B)

Horusstelen Spruch B

(Textverlauf von der Oberseite und rechten Schmalseite der Horusstele, über den Sockel der Horusstele (rechte Seite) und die Rückseite der Horusstele zum Mantel des Würdenträgers.)

[Oh alter Mann, der sich] zu seiner Zeit [verjüngt], (oh) Greis, der als Jugendlicher agiert (wörtl.: den Jugendlichen spielt), mögest du veranlassen, dass Thoth zu mir auf meine Stimme hin kommt, damit er für mich das Wildgesicht (Neha-her) vertreibt. Osiris ist auf dem Wasser; das Horusauge ist bei ihm; der große Flügelskarabäus steht mit gespreizten Flügeln (schützend) über ihm. Die Große (d.h. die Gotteshand-Göttin?) ist [als?] seine Faust1, den die Götter (schon) als nḫn-Kind geboren haben (?)2Wenn man dem, der eine Bissverletzung hat, zu nahe tritt, dann tritt man dem weinenden/verfinsterten (?) Horusauge ebenfalls zu nahe.

Zurück mit euch, (ihr) Wasserbewohner, [Feind], jener/Feindin, (Un)-Toter/Wiedergänger, [(Un)-Tote/Wiedergänger]in, Widersacher, Widersacherin und so weiter! Erhebt nicht eure Gesichter, (ihr) Wasserbewohner, bis Osiris an euch vorbeigegangen sein wird (oder: so dass Osiris an euch vorbeigehen kann)! (Denn) siehe, er ist auf dem Weg nach Busiris. Versperrt wurde [euer] Maul; [blockiert/verstopft wurde euer Schlund!] [Zurück mit dir, (du) Rebell!] Erhebe [nicht] dein Gesicht gegen den, der 〈auf〉 dem Wasser ist, 〈den, der〉 eine Bissverletzung hat! Sie sind Osiris (wenn er) hinaufsteigt (wört.: beim Hinaufsteigen) zu seiner Barke, um die Neunheit von Babylon zu betrachten! Die Herren der Unterwelt stehen bereit, dich zu bestrafen. [Falls das Wild]gesicht gegen O[siris] (?) [vorgeht, während] dieser auf dem Wasser und das Horusauge bei/über ihm ist, dann wird euer Gesicht umgedreht werden, auf euren Rücken gesetzt (d.h. zum Rücken hin orientiert). [Oh] (ihr) Wasserbewohner, euer Maul wurde von Re verschlossen. Euer S[chlund] wurde von Sachmet verstopft/blockiert. Eure Zunge wurde von Thoth abgeschnitten. Eure Augen wurden von Heka geblendet.

Die Vierergruppe jener großen Götter, die den Schutz des Osiris bereiten, sie sind es, die den Schutz dem, der auf dem Wasser ist, und dem, der eine Bissverletzung hat, bereiten, (d.h. den Schutz) aller Menschen und allen Kleinviehs, die heute auf dem Wasser sind, so dass (?) der, der [eine Bissverletzung hat und der, der auf] dem Wasser ist, wohlbehalten hervorkommen3. Der Schutz des Himmels mit Re in seinem Innern ist der Schutz des großen Gottes vorn im Sarg, ist der Schutz dessen, der eine Bissverletzung hat, und dessen, der auf dem Wasser ist.

Eine aufschreiende Stimme ist im Haus-der-Neith; eine laute Stimme ist [im Großen-Haus; ein gro]ßes [Gejammer] ist im Mund des Katers (oder: der Katze). Die Götter und Göttinnen sagen: „Was ist los? Was ist los?“ bezüglich (?) des Abdu-Fisches bei seiner Geburt. Bremse für mich deine Schritte, (oh) Rebell! (Denn) ich bin Chnum, [der Herr von Herwer. Hüte] dich davor, deine Verletzung (oder: dein Leid) ein zweites Mal zu wiederholen, wegen dessen, was mit dir gemacht wurde (?; oder: was du getan hast) in Anwesenheit der Großen Neunheit! Wende dich doch ab! Weiche doch von mir! (Denn) ich bin Thoth. Hui! Hui!

Oh Re! Bekanntlich hast du nicht (mehr) den Lärm eines heftigen Geschreis gehört seit dem Abend auf jenem Ufer von Nedit. (Es ist) die Stimme jedes Gottes [und jeder Göttin.]4

1 Die Große ist [als?] seine Faust (wr m ḫfꜥ=f bzw. wr.t m ḫfꜥ=f): Siehe Gutekunst, 158. Borghouts, Ancient Egyptian Magical Texts, 111, Anm. 292 vermutet, dass in Textversionen mit wr (ohne t) vielleicht die Kobra-Göttin gemeint ist, aber sagt zugleich, dass das nachfolgende Epitheton eher zur Himmelsgöttin Nut passt. D.h. für ihn ist wr als wr.t zu lesen. Schon Seele, in: JNES 6, 1947, 47, Anm. 44 schreibt für eine Horusstele in Chicago (Inv. 16881), dass wr „written as if it were the name of a goddess“ ist (hieroglyphischer Text nicht publiziert). Auf Horusstele Moskau I.1.a.4963 (Hodjash und Berlev, Nr. 184) steht wr.t (ohne Determinativ), auf Horusstele Milano, Castello Sforzesco 983.63.1 (Sist, in: OrAnt 22, 1983, Taf. XVI) sogar t(ꜣ) wr.t (ohne Determinativ).

2 geboren haben (?) (msi̯.n): Gutekunst erklärt nicht, wie die Form msi̯.n grammatisch zu deuten ist, obwohl sie mehrfach belegt ist. Eigentlich kann nur nṯr.w das Subjekt sein. Gutekunst, 265 versteht die Form von msi̯ ohne n als Partizip zu wr bzw. ꜥpy wr oder eventuell zu =f und mit nṯr.w als direktem Objekt: „der große Sonnenkäfer Api ist in seiner (= Osiris) Faust, der, welcher die Götter (schon) als Kind erschaffen hat.“

3 so dass (?) der, der [eine Bissverletzung hat und der, der auf] dem Wasser ist, wohlbehalten hervorkommen (r pri̯ n.tj [ẖr] [dm.t] [n.tj] ḥr mw wḏꜣ): Gleiche Formulierung auf Heilstatue Turin Cat. 3030. Die Variante mit r wird nicht bei Gutekunst, 119 aufgelistet.

4 Ende des Spruchs fehlt wegen Platzmangel oder stand auf den verlorenen Füßen oder dem verlorenen Sockel.

Linke Seite (C)

= Horusstelen Spruch A und zwei weitere Sprüche

(Textverlauf von der Oberseite und linken Schmalseite der Horusstele über den Sockel der Horusstele (linke Seite) zur Rückseite der Horusstele.)

Bildbeischriften (D-G)

Sockel Vorderseite (D)

Rückenpfeiler (E)

Rechte Seite (F)

Linke Seite (G)