science in ancient egypt

 

Metadaten

Papyrus Carlsberg VIII, Verso Papyrus Carlsberg VIII, Verso Link
Bezeichnung
Papyrus Carlsberg VIII
Aufbewahrungsort
DK, Kopenhagen, Ägyptologisches Institut der Universität Kopenhagen
Erwerbsgeschichte

Der Papyrus wurde wohl in den 1930er Jahren von der Papyrus Carlsberg Collection erworben (Iversen 1939, 4), da die meisten Ankäufe, finanziert von der Carlsberg Foundation, zwischen 1931 und 1938 getätigt wurden. Im Jahre 1939 wurde die Sammlung durch die Carlsberg Foundation an die Sammlung des Ägyptologischen Instituts der Universität Kopenhagen übergeben, wo der Papyrus Carlsberg VIII seitdem untergebracht ist (Westendorf 1999, 48).

Herkunft
Ägypten, genaue Provenienz unbekannt
Datierung
Neues Reich, Ramessidenzeit, 19.–20. Dynastie, ca. 1292–1077 v. Chr.

E. Iversen datiert den Papyrus etwa in die 19.–20. Dynastie: "two different hands, most probably dating from the time about the 19–20th dynasty", das Verso schränkt er zusätzlich auf die 19. Dynastie ein (Iversen 1939, 5–6). Sein Vorschlag basiert auf der Paläographie und Grammatik des Textes. Die Orthographie erinnert ihn an diejenige des medizinischen Papyrus Berlin P 3038, den W. Wreszinski (seinerseits ebenfalls aufgrund paläographischer Vergleiche) in die 19. Dynastie datierte. Zu dieser Datierung passen auch die Grammatik und Lexik des Textes, die zwischen dem Mittel- und Neuägyptischen stehen. H. Grapow datiert die Niederschrift "etwa um 1200 v. Chr." ohne diese Einschränkung weiter zu begründen (Grapow 1955, 95; ebenso die Homepage der Carlsberg Papyri). W. Westendorf gibt als Zeit der Niederschrift "um 1250–1150 v. Chr." an (Westendorf 1999, 48). Der Text selbst könnte dagegen E. Iversen zufolge noch älter sein, denn der generelle Charakter erinnert ihn an die Papyri von Kahun aus dem Mittleren Reich (Iversen 1939, 6). Der Papyrus wäre damit vielleicht eine Abschrift eines älteren Textes.

Textsorte
medizinische Sammelhandschrift
Inhalt

Das Recto des Papyrus besteht aus zahlreichen Textfragmenten zugehörig zu zwei Textkolumnen einer ophthalmologischen Abhandlung. Der Erhaltungszustand des Textes ist so schlecht, dass E. Iversen ihn als "unfortunately too damaged to be of any value or interest" beschreibt und deshalb nicht näher untersucht hat (Iversen 1939, 4). Jedoch fiel ihm auf, dass es sich um ein Duplikat eines Kapitels aus dem Papyrus Ebers handelt: "Almost word for word identical with the corresponding chapters in papyrus Ebers" (Iversen 1939, 4). S. Schiødt, die den Text für ihre Master-Arbeit behandelt hat, konnte u.a. eine Behandlung von Wimpernscheuern (Trichiasis) identifizieren (Beck 2016). Zur Behandlung der verschiedenen Augenleiden werden neben medizinischen Rezepten auch mythologische Historiolae (der Mythos vom Sonnenauge und der Kampf zwischen Horus und Seth) eingesetzt (Dils – Popko 2018, 72–73).
Auf der Rückseite des Papyrus finden sich Reste von Geburtsprognosen, die Parallelen zum Papyrus Berlin P 3038 und Papyrus Kahun VI.1 aufweisen (Iversen 1939, 5). Die Prognosen sind nach dem Schema rḫ (Überschrift) – jr mꜣꜣ=k (Untersuchung) aufgebaut. Durch das jr wird ein bestimmter Fall vorausgesetzt und aus den gefundenen Gegebenheiten ein Ergebnis gewonnen. Daran schließt sich keine "klassische Diagnoseform" an, da die Untersuchung bereits auf die Beantwortung der Frage abzielt. "Vielmehr stehen die verschiedenen Möglichkeiten auch formal parallel nebeneinander, was zu der allgemeinen Form: Wenn A, dann A1, wenn B, dann B1 und wenn C, dann C1" führt (Westendorf 1999, 87).
An die gynäkologischen Passagen schließen sich ab Kolumne 2,6 weitere Texte von unbekanntem medizinischen Inhalt an, die durch das Wort sp.w "Mittel" eingeleitet werden (Westendorf 1999, 48).

Material
Papyrus
Objekttyp
Papyrusrolle
Technische Daten

Beim Papyrus Carlsberg VIII handelt es sich um eine Gruppe von 12 Fragmenten eines medizinischen Traktats. Davon sind bislang drei größere zusammengehörige Fragmente des Versos mit einer Länge von 40 cm publiziert (Tait 1991, 132). Da der Papyrus horizontal gebrochen ist, liegt er in einer oberen und einer unteren Hälfte vor, wobei die obere rund 10 cm in der Höhe misst und die untere 9,5 cm. Daraus ergibt sich eine Gesamthöhe von wenigstens 20 cm (Iversen 1939, 5; Grapow 1955, 95; Westendorf 1999, 48). Insgesamt haben sich auf zwei Blättern Klebungen erhalten. Vom Text auf dem Verso haben sich zwei Textkolumnen erhalten, wobei der Anfang der ersten Kolumne fehlt, ebenso das Ende der zweiten Kolumne. E. Iversen hat Kolumne 1 als "Fragment A" benannt, Kolumne 2 als "Fragment B + C". Er rekonstruiert die Länge der Zeilen von Kolumne 2 auf ca. 30 cm (23 cm sind erhalten) und vermutet, dass auch die erste Kolumne 30 cm breit war (17 cm erhalten). Auf allen drei Fragmenten befinden sich Rubra (Iversen 1939, 5).

Schrift
Hieratisch

Der Text ist schwarz mit Rubra. Die Handschriften von Recto und Verso sind unterschiedlich und lassen sich auf verschiedene Schreiber zurückführen.

Sprache
Mittelägyptisch mit Neuägyptizismen

Der Text auf dem Verso weist eine Vermischung von klassischen Formen mit denjenigen aus einer jüngeren Sprachstufe auf. Beispiele für Letzteres sind die Verwendung des Infinitivs nach der Negativpartikel tm anstelle des mittelägyptischen Negativkomplements, die Verwendung des neuägyptischen Artikels pꜣ oder der häufige Wegfall der Präposition r in futurischen Satzkonstruktionen (Iversen 1939, 4–6; Westendorf 1999, 48).

Bearbeitungsgeschichte

Bislang ist lediglich eine Teilpublikation der größeren Fragmente des Versos erarbeitet und veröffentlicht worden. Diese legte E. Iversen im Jahre 1939 mit Fotos, hieroglyphischer Transkription sowie Übersetzung vor. Außerdem fertigte er einen Kommentar zum Inhalt an, der sich insbesondere der Frage nach der möglichen Tradierung altägyptischer Medizin in das europäische Abendland widmete (Iversen 1939, 4). Seitdem erfolgte keine Neubearbeitung unter Berücksichtigung aller Fragmente und auch die Untersuchung und Edition des Rectos stellt bislang ein Desiderat dar. S. Schiødt hat die Vorderseite mit dem Augentraktat als ihre Master-Arbeit behandelt (Schiødt 2016) und arbeitet im Rahmen ihrer Dissertation weiter an dem Papyrus (Dils – Popko 2018, 72–73).

Editionen

- Iversen 1939: E. Iversen, Papyrus Carlsberg No. VIII. With Some Remarks on the Egyptian Origin of Some Popular Birth Prognoses, Historisk-Filologiske Meddelelser 26,5 (København 1939).

Literatur zu den Metadaten

- Beck 2016: M. A. Beck, Bull fat, bats blood, and lizard poop were the drugs of choise in ancient Egypt, in: ScienceNordic 24.12.2016 (http://sciencenordic.com/bull-fat-bats-blood-and-lizard-poop-were-drugs-choice-ancient-egypt [17.01.2019]).

- Dils – Popko 2018: P. Dils – L. Popko, Neue Texte zur (alt)ägyptischen Medizin, in: Denkströme. Journal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig 19, 2018, 58–82, hier: 72–73.

- Grapow 1955: H. Grapow, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. II. Von den medizinischen Texten. Art, Inhalt, Sprache und Stil der medizinischen Einzeltexte sowie Überlieferung, Bestand und Analyse der medizinischen Papyri (Berlin 1955), 95, 141.

- Schiødt 2016: S. Schiødt, Papyrus Carlsberg 8: Ægyptiske øjenremedier i den senere medicinske tradition in: Papyrus. Ægyptologisk tidsskrift 36/2, 2016, 18–25.

- Tait 1991: W. J. Tait, Handlist of published Carlsberg Papyri, in: P. J. Frandsen (Hrsg.), The Carlsberg Papyri. I. Demotic Texts from the Collection, Carsten Niebuhr Institute Publications 15 (Kopenhagen 1991), 132.

- Westendorf 1999: W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I, 36,1 (Leiden/Boston/Köln), 48–49, 87.

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Bearbeiter
Anne Herzberg, M.A.
Bearbeitungsdatum
12.07.2019

Übersetzung und Kommentar

Fall Carlsberg I: ein Rezept zum/gegen das (?) Schwangerwerden1

[A,1] [... ... ...] sie wurde wirklich2 (?) schwanger3 [wegen (?)] irgendetwas4 (oder: Sie kann wirklich nicht schwanger werden wegen irgendetwas).
Es sind ihr in der Vergangenheit (?)5 [A,2] [... ... ...] mit einem Mal.
Dann sollst du für sie zubereiten: [... ... ...] schwanger.
Ist nicht [... ... ...]?6

1 Thematik von Fall Carlsberg I: Rezept Grundriss der Medizin V, 478 (siehe auch: Grundriss der Medizin IV/1, 278 & IV/2, 212) ordnet den ersten Fall nicht als Geburtsprognose ein, sondern sieht in den erhaltenen Textzeilen die Reste eines Rezepts zur Empfängnisverhütung.
2 "wirklich": Vgl. Iversen, Papyrus Carlsberg VIII, 9, Anm. 3. Die Lesung und noch mehr die Übersetzung der Zeichenreste sind unsicher und wurden weder in Iversens Hauptübersetzung noch vom Grundriss der Medizin übernommen.
3 "sie wurde wirklich (?) schwanger" oder "sie kann wirklich nicht schwanger werden": Das erste erhaltene Zeichen ist ein Strich, darüber ist noch eine Spur eines kleineren Zeichens erkennbar. Ob der Strich ein n ist, bleibt fraglich. Ob es sich bei n šzp.n=s um eine, auf eine Präposition n folgende sḏm.n=f-Form handelt oder um ein genitivisches n mit sḏm.n=f, kann aufgrund des fehlenden Kontextes nicht ausgemacht werden. Falls in der Anfangslücke eine Negation stand n sḏm.n=f, dann würde es heißen: "Sie kann nicht anfangen schwanger zu werden". Vgl. für die Negation den Satz nn šzp r jwr.t "ohne zu empfangen um schwanger zu werden" in Fall Bln 192 (= pBerlin P 3038, Vso 1.1–2; nach Grundriss der Medizin IV/2, 211). Laut Iversen, Papyrus Carlsberg VIII, 9, Anm. 2 lassen die erhaltenen Zeichenreste jedenfalls keine Rekonstruktion der Negation nn in der Satzanfangslücke zu, aber die negative Konstruktion n sḏm.n=f würde ausreichen. Das setzt voraus, dass der für die sogenannten negativen Arme (Sign-List D35) erforderliche Punkt über dem Strich weit nach oben gerutscht wäre.
4 "irgendetwas": Vgl. Fall Bln 195 (= pBerlin P 3038, Vso 1.7–8): "Wenn es nicht der Fall ist (?), so wird sie nicht gebären, denn ihr hat sich irgend etwas ⟨entgegen⟩gestellt (?)" (Grundriss der Medizin IV/1, 274). Die Lücke vor jḫ.t-nb.t scheint nur für eine Präposition wie m zu reichen, was zu den Spuren passen könnte.
5 "in der Vergangenheit (?)": Iversen transkribiert die Zeichen nach der hieratischen Gruppe pꜣ als Einkonsonantenzeichen , n und s. Grundriss der Medizin IV/2, 212, Anm. 5 schlägt dagegen vor, Iversens vielleicht als große Buchrolle zu verstehen, und verweist für den Kotext auf das Rezept Eb 831 (= pEbers 96.16–17): jr ḫꜣi̯=k z.t pꜣu̯ n=s hꜣi̯.t (j)ḫ.t (...) "Wenn du eine Frau untersuchst, der etwas abgegangen ist (...)". Grundriss der Medizin vermutet in pꜣ also eine Schreibung des Hilfsverbs pꜣu̯ "etwas in der Vergangenheit getan haben". Siehe dazu auch Westendorf, Grammatik, §324 aa. Eine solche Interpretation ist unsicher, weil dieses Hilfsverb sonst nicht mit der Buchrolle determiniert wird (Hannig, Handwörterbuch. Marburger Edition, 287 nennt die Buchrolle als Determinativ, aber sie steht nicht im Wb, nicht auf dem Schreibungszettel DZA 23.111.860, nicht in Faulkner, CDME, nicht in Hannig, Ägyptisches Wörterbuch, I–II. Die Buchrolle steht im MedWb, 257, aber es betrifft dort unsere Textstelle Carlsberg I.).
6 "Ist nicht ...": Westendorf, Grammatik, §366, I und §430, 2 vermutet hierin einen durch die Partikel jn-jw eingeleiteten Fragesatz und zieht den Vergleich zu Eb 3 (pEbers 2,3) jn-jw tr sḫꜣ.w.n=k "Erinnerst du dich denn?". (Als Einleitung einer negierten Frage auch schon im Grundriss der Medizin IV/2, 212 verzeichnet). Westendorf, Handbuch Medizin, 418, Anm. 701 verweist auf die Verwendung von Fragen in Konditionalsätzen (also in etwa: "Wenn [sie] nicht [..., dann ...]").

Fall Carlsberg II: eine Geburtsprognose1

[A,3] [Ein anderes Unterscheiden einer, die gebären wird, von einer, die nicht gebären wird.]
[Du sollst (etwas blockförmiges?)] in ein ꜥnḏ.t-Behältnis2 aus Stoff [geben] [zusammen mit (?) ... und (?)] Sand der Uferbänke nach Art [A,4] von [... ... ...
[Die Frau möge ihr Wasser]3 täglich darauf4 (d.h. auf die Säckchen) [geben], wobei sie (die Säckchen) gefüllt sind [mit ... ... und] Datteln.
Wenn sie (d.h. die Säckchen) Maden5 erzeugen [A,5] [... ... ...], dann wird sie nicht gebären.
[Wenn sie (die Säckchen) keine] Maden [erzeugen], dann wird das, was sie gebären wird, leben.
Wenn [... ... ...]6

1 Der Hauptbestandteil der Rezeptmischung, die in ein Behältnis aus Stoff gegeben werden soll, ist nicht erhalten. Lediglich der letzte Teil der Anweisung ist überliefert. Westendorf rekonstruiert den nicht erhaltenen Satzanfang folgendermaßen: "[Du sollst ihren Kot (?)], einen Klumpen (?), [geben] in ein Säckchen (ꜥnḏ.t) aus Stoff [zusammen mit] Sand des Ufers". Er nimmt damit an, dass der Kot der Frau die Hauptkomponente des Stoffgemischs in dem Behältnis ausmachte (Westendorf, Handbuch Medizin, 437; vgl. schon Iversen, Papyrus Carlsberg VIII, 10). Eine entsprechende Parallele findet sich dafür jedoch nicht. Westendorfs Ergänzung "[zusammen mit]" füllt die Lücke von 4 Quadraten nicht aus.
2 "Behältnis": Eine Parallele für die Verwendung dieses Behältnisses findet sich im pEbers 93, 13–16 = Eb 786 (DZA 21.889.730). Diese Angabe indiziert jedoch eher, dass es sich um ein Gefäß aus wasserundurchlässigem Material handelt: "Du sollst veranlassen, dass ein neues Andjet-Gefäß und ein neuer Chentu-Krug, indem sie mit Wasser vom Tau gefüllt sind, die Nacht über stehen bleiben." Das Determinativ und die Spezifizierung n.j ḥbs in Papyrus Carlsberg VIII suggerieren, dass hier eine aus Stoff gefertigte Variante des Gefäßes Verwendung gefunden hat. MedWb 145 listet es deshalb als ein von ꜥnḏ.yt separates Lemma auf mit der Bedeutung "[Beutel?]".
3 "Wasser lassen auf": Der Satzanfang ist nicht erhalten. Ein Vergleich zu Fall Bln 199 (= pBerlin P 3038, Vso 2.2–5) gibt Hinweise auf den Inhalt der Prognose. So ist im Berliner Text ebenfalls von Datteln und Ufersand als Bestandteil einer Mischung die Rede, auf die die Frau ihren Harn geben soll. Zwar liefert der Berliner Text keine parallele Satzkonstruktion, aber genug Informationen, dass Iversen einen Vorschlag liefern konnte, welches Verb, Subjekt und Objekt am Ende der Lücke zu ergänzen sind. Die Festlegung auf eine bestimmte grammatische Konstruktion scheint kaum möglich zu sein; zumindest aufgrund des Kontextes ist eine prospektivisch-optativische Konstruktion die wahrscheinlichste Lösung.
4 ḥr=sn "darauf/auf sie (pl.)": Die Verwendung des Suffixpronomens der 3. Ps. Pl. lässt vermuten, dass es sich dabei um mehr als ein Säckchen handelt, dessen Inhalt die Frau mit ihrem Urin befeuchten soll. Während das erste Säckchen Ufersand enthielt, ist der Inhalt des zweiten, welches im vorhergehenden Satz durch mj sḫr.w eingeleitet wird, aufgrund der Zerstörung des Papyrus nicht überliefert.
5 "Maden": laut MedWb 303–304 tritt der fnṯ-Wurm innerhalb des Korpus der medizinischen Texte sowohl in Rezeptüberschriften (Fälle H 196; Bln 19; Ram III B3) als auch in den magisch konnotierten Abschnitten (Fälle L 14; 30; 55) auf und stellt einen Krankheitserreger dar, dessen Behandlung hauptsächlich äußerlich erfolgt. Das Auftreten des Wurms ist laut MedWb 304 §1 zudem regelmäßig im Zusammenhang mit Wasser bzw. nässenden Wunden (jy ẖr mw "die mit Wasser kommen") zu bemerken. Von seiner ursprünglichen Bedeutung abgeleitet, kann der fnṯ-Wurm daher auch ein "wurmähnliches Gebilde, das offenbar aus geronnener Flüssigkeit (Eiter o.ä.) besteht", oder die "wässrige Absonderung einer Wunde" umschreiben (MedWb, 303–304 und 741). Auch Leitz, Magical and Medical Papyri, 60, Anm. 81 verweist mit Bezug auf pKöln 3547 III:3 (Kurth, in Kurth – Thissen – Weber, Kölner Äg. Papyri I, 1980, 23 und v.a. 39, n. 102) darauf, dass "Wurm" auch "wurmähnliches Gebilde", hier "Krampfader" bedeuten kann. Vgl. Westendorf, Handbuch Medizin, 400: "ein unklarer Krankheitserreger; ein wurmähnliches Gebilde; eine Fliegenmade".
Die Tatsache, dass etwas Würmer erzeugt, scheint als Zeichen für Unfruchtbarkeit gewertet zu werden. So heißt es in Fall L 14: jr jri̯=[sn] [fnṯ].w nn wn jt m tꜣ r-ḏr=f nn jri̯.t ḥtp.w-nṯr jm=f n nṯr.w "Wenn [sie fnṯ-Würmer] hervorrufen (wörtl. machen), dann wird es kein Korn im ganzen Land (mehr) geben, dann gibt (es) kein Darbringen von Opfergut davon für die Götter". Die Entstehung von Maden oder Würmern aus dem mit Urin befeuchteten Stoffgemenge findet allerdings keine inhaltlichen Parallelen in anderen altägyptischen medizinischen Texten.
6 "Wenn [... ... ...]": Nachdem die beiden oben genannten Bedingungen sowohl den Fall einer ausbleibenden oder unterbrochenen Schwangerschaft, als auch einer positiv ausgehenden Schwangerschaft beschreiben, stellt sich die Frage, was in der nicht erhaltenen dritten Bedingung zu erwarten ist. Grundriss der Medizin IV/2, 210 schlägt vor, dass hier der Fall einer Totgeburt beschrieben wird: "das, was sie gebären wird, wird nicht leben". Allerdings finden sich dazu keinerlei Parallelkonstruktionen im gesamten Text.

Fall Carlsberg III: eine Geburtsprognose

[Ein anderes Unterscheiden einer, die gebären wird, von einer, die nicht gebären wird.]1
[A,6] [Dann sollst Du] Gerste (und) Emmer in einen Beutel aus Stoff [geben] [A,7] [... ... ...
[Die Frau möge] täglich [ihr Wasser] darauf [geben]2.
[... ... ...]
[... ... ...]
[A,x+1] ... ... ...] von Datteln.3
[Wenn sie gänzlich wachsen, dann wird sie gebären.]4
[A,x+2] [Wenn die Gerste wächst], dann wird sie einen männlichen Nachkommen (wörtl. männlichen Sohn)5 gebären.
[... ... ...]6
[A,x+3] [Wenn sie wachsen], nämlich diese beiden, dann wird das, was sie gebären wird, [zu] zahlreichen [(weiblichen) ... werden(?)]7.
Wenn sie nicht [wachsen, dann wird sie niemals gebären].8

1 "[Ein anderes Unterscheiden ...]": Die Ergänzung des verlorenen Satzanfangs beruht auf der Tatsache, dass alle folgenden Prognosen das gleiche Schema aufweisen. Allerdings hat Iversen, Carlsberg VIII, 13, die Länge der Lücke – aus Gründen, die er nicht näher erläutert – mit "maybe 8 gr[oups]" angegeben. Das ist allerdings zu wenig, um die gesamte Phrase zu rekonstruieren und reicht allenfalls, um msi̯.t r tm.t msi̯.t unterzubringen (vgl. dazu: Iversen, Carlsberg VIII, 4, Anm. 2).
2 "[Die Frau möge ihr Wasser geben]": Der Text ist an dieser Stelle stark zerstört und weist große Lücken auf. Die Rekonstruktion des verlorengegangenen Anfangs sowie der zahlreichen Lücken basiert auf dem Vergleich zur Schwangerschaftsprognose Bln 199 (Grundriss der Medizin V, 474); zur grammatischen Konstruktion vgl. die Diskussion in Fall Carlsberg II A,3–A,5.
Die Länge der Lücke im Anschluss ist unbekannt. Einerseits schreibt Iversen "an uncertain number of lines missing" (Iversen, Carlsberg VIII, 13 und Pl. I), andererseits vermerkt er in einer Fußnote "probably not more than one⟨;⟩ x+1 might even be the beginning of line 7" (Pl. I, Anm. 1).
3 "[... ... ...] von Datteln": In Fall Bln 199 (= pBerlin P 3038, Vso 2.3) heißt es: jt bd,t jwḥ z,t m mw,yt=st rꜥ-nb mj bjnr mj šꜥ,t m ꜥrf sn,w "Gerste und Emmer; die Frau befeuchte (es) täglich mit ihrem Urin genauso wie Datteln, genauso wie Sand, in zwei Beuteln." (Grundriss der Medizin V, 474 & Grundriss der Medizin IV/1, 275). Die in Fall Carlsberg III noch lesbaren Zeichenreste von bnr "Dattel" sowie vielleicht die Erwähnung von Gerste und Emmer in Zeile A, 6 (sofern diese zur selben Prognose gehört wie x+1) deuten darauf hin, dass diese Textstelle eine inhaltliche Parallele von Fall Bln 199 (Grundriss der Medizin V, 474 & Grundriss der Medizin IV/1, 275) darstellt. Die Verwendung von Sand und Datteln im Rahmen eines Schwangerschaftstests ist bereits aus der Prognose Carlsberg II (A, 3–5) bekannt.
4 "[Wenn sie gänzlich wachse ...]": Ergänzung durch Iversen, 13–14 und nach Fall Bln 199 (Grundriss der Medizin V, 474 & Grundriss der Medizin IV/1, 275) unter Anpassung der Orthographie der Pronomina an die Konventionen des Papyrus Carlsberg VIII. Die Ergänzung wird so von Westendorf, Handbuch Medizin, 437 übernommen, nicht jedoch vom Grundriss der Medizin. Tatsächlich muss die von Iversen vorgeschlagene Rekonstruktion als unsicher gelten, denn in der von ihm vorgeschlagenen Schreibung würde sie nur ungefähr Zeile x+1 ausfüllen. Vom Beginn der nächsten Zeile (x+2) sind, verglichen mit dem oberen Teil von Fragment A, nach Iversens Rekonstruktion der Zeilenlänge etwa 12 Schreibgruppen zerstört. Der Beginn des nächsten Satzes würde von dieser Lücke nur etwa fünf Gruppen, also gerade einmal die Hälfte, füllen. Daher wäre es möglich, dass die Lücke anders zu ergänzen ist oder dass der Satz noch eine Erweiterung enthielt.
5 "ein männlicher Nachkomme": Ob die Textstelle wie von Iversen, Papyrus Carlsberg VIII, 13, Anm. 1 vorgeschlagen mit zꜣ ṯꜣ,y "männlicher Nachkomme" zu ergänzen ist, kann aufgrund der Zerstörung dieser Textstelle nicht mit Sicherheit ausgemacht werden. Die Kollokation der beiden Wörter zꜣ und ṯꜣ,y (Wb 5, 345.15) findet durchaus Parallelen: während Bln 199 (= pBerlin P 3038, Vso 2.4: Grundriss der Medizin V, 474) nur ṯꜣ,y "Knabe" (Wb 5, 344, 14–15) verwendet, kann nicht sicher konstatiert werden, ob bei Kah 31 (Grundriss der Medizin V, 470) zꜣ ṯꜣ,y "männlicher Nachkomme" oder nur ṯꜣ,y "Knabe" zu ergänzen ist. Die Spuren hinter zꜣ in pCarlsberg VIII würden allerdings gut zum ṯꜣ-Vogel passen.
6 "[... ... ...]": Der Übersetzungsvorschlag von Iversen, Papyrus Carlsberg VIII, 14 gibt folgende Reihenfolge der Sätze "If both sprout, she will give birth; if the wheat sprouts, she will give birth to a boy; (...........); if the barley sprouts, she will give birth to a girl; if they do not sprout, she will not give birth at all." Westendorf, Handbuch Medizin, 437 folgt dem weitestgehend, variiert aber die Sätze: "[Wenn die Gerste wächst], so wird sie einen Sohn gebären. [Wenn sie wachsen] beide zusammen (...), so wird [sie] viele [Töchter ?] gebären. Wenn sie nicht [wachsen, so wird sie niemals gebären]." Wenn Iversens Rekonstruktion der Zeilenlängen korrekt ist, wäre die Lücke nach den letzten erhaltenen Worten von Zeile A,x+2 und den ersten Zeichenresten von Zeile A,x+3 lang genug, einen ganzen Satz zu enthalten. Iversens Übersetzungsvorschlag berücksichtigt diese Lücke; Westendorfs Übersetzung suggeriert dagegen, dass gar nichts fehlen würde. Der Platz würde etwa gut für die Prognose "Wenn der Emmer wächst, dann wird sie eine Tochter gebären" reichen; die folgende Prognose zur Geburt vieler Töchter wäre dann eine Erweiterung dieser Prognose. Alles in allem ist dies jedoch zu unsicher, als dass die Lücke entsprechend rekonstruiert werden könnte.
7 "zahlreiche [Töchter (?)]": Die Rekonstruktion des Satzendes gestaltet sich aufgrund des hohen Grades der Zerstörung sehr schwierig. Der noch erhaltene Satzteil sollte dem Schema in Carlsberg II A,5: jw msi̯.t=s r ꜥnḫ "das, was sie gebären wird, wird leben" entsprechen, da bei einer Rekonstruktion als Futur III-Konstruktion sowohl das Suffixpronomen als auch das r zu ergänzen wären (also jw=⟨s⟩ (r) msi̯[.t]). Vom vorletzten Wort des Satzes ist das Frauendeterminativ erhalten. Westendorf, Handbuch Medizin, 437 ergänzt "viele [Töchter ?]" (mit Fragezeichen).
8 "[dann wird sie niemals gebären]": Die Ergänzung des verlorengegangenen Satzendes beruht auf der Tatsache, dass es sich um eine Parallelkonstruktion zu Kol. A,x+7 – B,1 und Kol. B,3 handelt. Der vorliegende Satz schildert, in Bezug auf den vorhergehenden, jedoch die entsprechend umgekehrte Situation, in der Gerste und Emmer nach dem Befeuchten nicht wachsen. Die Frau ist in diesem Fall nicht gebärfähig.

Fall Carlsberg IV: eine Geburtsprognose

[A,x+4] [Ein anderes Unterscheiden einer, die gebären wird], von einer, die nic[ht gebären wird].1
Du sollst veranlassen, dass eine Knoblauchzehe2 die Nacht über eingetaucht ist [A,x+5] [... ... ... in] ihren Intimbereich3 bis zum Tagesanbruch.
Wenn in ihrem Mund Geruch4 entsteht, dann wird sie gebären.
Wenn [A,x+6] [... ... und es entsteht kein Geruch in ihrem Mund, dann wird] sie niemals [gebären].5

1 "[Ein anderes Unterscheiden ...]": Zur Ergänzung dieses Satzes siehe Carlsberg III, A,5 und vor allem Carlsberg V, A,x+6, da hier die komplette Satzkonstruktion erhalten ist.
2 "Knoblauchzehe": ṯꜣ ist im medizinischen Kontext auch als Klümpchen und in der Verbindung mit dem Wort ḥḏ "Zwiebel/Knoblauch" als Bestandteil dieser Pflanze anzutreffen, vielleicht "Knolle oder "Zehe". Das Pflanzen-Determinativ M2 weist ebenfalls darauf hin, dass es sich um ein pflanzliches Produkt handelt. Wb schreibt: "von den kleinen Zwiebeln des Knoblauchs" (Wb 5, 342.1).
ḥḏ beschreibt wortwörtlich eine helle (Gemüse)pflanze und kommt in den medizinischen Anweisungen sehr häufig zur Anwendung (Bardinet, Papyrus médicaux, 244). Während Loret die Pflanze als "Zwiebel" (Allium cepa) identifiziert, gibt das Wörterbuch daneben auch die Übersetzung als "Knoblauch" (Allium sativum) an (Wb 3, 212.5–9). Zur Bedeutung und Verwendung von Zwiebel und Knoblauch im Alten Ägypten, siehe: Germer, Flora, 192 und 195. Der medizinisch verwendete Teil der Pflanze – die Knoblauchzwiebel – besteht aus 6–10 Zehen, die von einer weißen Hülse umschlossen sind. Der Körper einer Zwiebel ist von einer rot-bräunlichen Zwiebelschale umgeben, und weist rötlich-weißes Zwiebelfleisch auf. Laut Keimer wird daran eindeutig die Verbindung zwischen ḥḏ (weiß) und ḥḏ.w (Zwiebel) ersichtlich (Keimer, Gartenpflanzen, 56). Jedoch könnte in diesem Zusammenhang auch die weiße Hülle des Knoblauchs als namensgebend angeführt werden, weshalb dieser Aspekt nicht als Identifizierungsmerkmal herangezogen werden sollte. Keimer weist außerdem darauf hin, dass die ägyptische Schreibung für Knoblauch ḫṯn lautet und sich bis ins Koptische ϢϪΗΝ tradiert hat (Keimer, Gartenpflanzen, 60–61).
Ein Vergleich zu Kah 28 (Grundriss der Medizin V, 469) zeigt, dass das Medizinalprodukt in den Bauch (ẖ.t) eingeführt werden sollte: rḏi̯.ḫr=k ṯꜣ n,j ̣ḥḏ.w [...] m ẖ.t [...] f "Du sollst eine Knoblauchzehe [...] in den Bauch [...] geben". Aufgrund der Verwendung der Präposition m und weil rḏi̯ NN m ẖ.t nach Wb 2, 466.28 als Umschreibung für "Speisen in den Mund stecken" dient, vermutet Westendorf, Handbuch Medizin, 434, Anm. 768, dass der Knoblauch durch orale Verabreichung in den Bauch gelangte. Westendorf verweist aber auch auf die Variante einer vaginalen Einführung und schließt sich damit Bardinets Deutung an (Papyrus médicaux, 224): "La méthode préconisée dans le même but par Kah. 28 (var. Carlsberg IV) utilise une gousse d'ail, placée dans le vagin, et dont l'odeur doit se retrouver dans la bouche.". Der Papyrus Carlsberg verwendet das Wort jwf anstelle von ẖ.t, welches als Umschreibung des weiblichen Genitals dient (siehe MedWb, 31). Aus diesem Grund ist eine vaginale Verabreichung, etwa vergleichbar mit einem Zäpfchen, anzunehmen.
3 "Intimbereich": jwf=s: Laut MedWb, 31 stellt das Wort jwf "Leib, Fleisch" einen Euphemismus der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane (Vulva) dar. Vaginale Verabreichungen sind dementsprechend aus medizinischen Texten häufiger bekannt, so etwa in Form von Eingüssen (wḏḥ m jwf=s), Applikationen (rḏi̯ m jwf=s) und Beräucherungen (kꜣp).
4 "Geruch": Bardinet, Papyrus Médicaux, 224 nimmt an, dass die altägyptische Vorstellung von einem freien Durchgang zwischen Mund und Uterus einer Frau ausgeht (vgl. Grapow, Anatomie, 88, 90). Durch die im Text genannte Vorgehensweise konnte geprüft werden, ob ein freier Durchgang durch den Körper besteht. Riecht man die Knoblauchzehe am nächsten Morgen aus dem Mund der Frau, so ist sie gesund und in der Lage Kinder zu gebären. Riecht sie jedoch nicht aus dem Mund, so ist die Verbindung im Körperinneren blockiert und die Frau somit nicht gebärfähig (Siehe dazu auch: Westendorf, Handbuch Medizin, 434, Anm. 768 und 437, Anm. 781). Das Konzept einer Verbindung zwischen der oberen Körperöffnung (Nase/Mund) und der unteren (Vulva), spiegelt sich auch in der religiösen Vorstellung wieder, dass der Sonnengott am Morgen aus dem Unterleib der Himmelsgöttin Nut hervorkommt und am Abend durch den Mund der Göttin wieder aufgenommen wird (Grapow, Anatomie, 88). Bei der vorliegenden Prognose geht es demnach prinzipiell um die Frage, ob die Frau Kinder kriegen kann oder nicht, weshalb es heißt nn msi̯=s r nḥḥ "dann wird sie niemals gebären". Es handelt sich hingegen nicht um einen Test, der prüfen soll, ob eine Frau aktuell schwanger ist.
5 "Wenn [... ... ..., dann wird] sie niemals [gebären]": Die Ergänzung des Textes erfolgt nach Westendorf, Handbuch Medizin, 437, Anm. 781 und 434, Anm. 768 und ist aus inhaltlicher Perspektive auch die naheliegende, jedoch passen die noch erkennbaren Zeichenspuren des Wortes nach jr eigentlich nicht zum hieratischen tm. Sie gehören eher zu einem hohen Zeichen, gefolgt von einem runden Zeichen. Ob hier ḥ[ḏ-tꜣ] "Was den Tagesanbruch betrifft, ohne dass in ihrem Mund Geruch entstanden ist ..." oder "Wenn [das Land] hell [wird, ohne dass ...]" ergänzt werden darf bleibt fraglich.

Fall Carlsberg V: eine Geburtsprognose

Ein anderes Unterscheiden einer, die gebären wird, von einer, die nicht gebären wird.
Du sollst sie mit K[ot1 von ...] beräuchern2 [A,x+7] [... ... ...] ihren Intimbereich.
Wenn sie sich vor dem Ausscheiden (?) aus ihrem Mund erbricht3, dann wird sie [B+C,1] niemals gebären.
Wenn sie [vor dem] Ausscheiden (?)4 Winde aus ihrem After lässt5, dann wird sie gebären.6

1 "Kot": In Anlehnung an die Prognose Bln 195 (Grundriss der Medizin V, 471; MedWb 363.9) rekonstruiert Iversen das Räuchermittel als "Kot des Nilpferdes" (ḥs dbj), siehe: Iversen, Payprus Carlsberg VIII, 22, Anm. 5; Westendorf, Handbuch Medizin, 438, Anm. 782. Tatsächlich ließe sich der Zeichenrest nach der Präposition ḥr als oberer Teil eines hieratischen ḥ interpretieren. Die von Iversen selbst rekonstruierte Lücke am Beginn der Zeile ist jedoch etwas zu lang, sodass die Rekonstruktion von ḥs dbj nicht ohne Zweifel bleibt. Die Verwendung von Kot findet sich laut MedWb 358–363 §1 auch in anderen medizinischen Texten; es listet mehr als 15 verschiedene Tierkotarten auf, die als Droge verwendet werden können. In der Hauptsache handelt es sich um Mittel zur äußeren Anwendung. Der Berliner Papyrus dokumentiert die Beräucherung einer Frau mit Nilpferdkot im Rahmen einer Geburtsprognose (Bln 195 = pBerlin P 3038, Vso 1.7). Ob jedoch tatsächlich Exkremente gemeint sind, oder es sich um den Namen eines Medizinalproduktes handelt, dessen Inhalt nicht bekannt ist, kann nicht ausgemacht werden. Quack vermutet, dass Weihrauch und andere Aromastoffe in ägyptischen medizinischen Texten mit dem Decknamen "Kot" versehen werden konnten (J. F. Quack, in: OLZ 94, 1999, 495; J. F. Quack, in: Medizinhistorisches Journal 28, 2003, 9).
Da Bln 193 und Bln 194 (= pBerlin P 3038, Vso 1.3 und 1.5; Grundriss der Medizin V, 471) die bddw-kꜣ-Pflanze (Flaschenkürbis, siehe: Pommerening, in: Glotta 86, 2010, 40–54 bes. 53; DrogWb 189–190) als ein Brechmittel erwähnen, welches prüfen soll, ob die Frau gebärfähig ist, und auch im nächsten Satz von Erbrechen die Rede ist, schlägt Westendorf, Handbuch Medizin, 438, Anm. 782 vor, dass diese Droge ebenfalls im vorliegenden Text zum Einsatz gekommen sein könnte. Allerdings stellt er auch richtig fest, dass diese Pflanze im Berliner Text als Schluckmittel oder Einguss in die Vagina der Frau verabreicht wurde und nicht als Räuchermittel.
2 "beräuchern": Im vorliegenden Textabschnitt soll die Frau beräuchert werden, sodass der Rauch des Räuchermittels in ihre Vulva eindringen und im Körper bis zu den oberen Körperöffnungen (Mund, Nase, Augen) aufsteigen kann. Das Beräuchern des weiblichen Genitalbereichs findet auch in anderen medizinischen Texten Anwendung, so etwa in Eb 793 und Eb 795 (= pEbers 94.4–5 und 94.8) oder in pEdwin Smith 21,3. Hier heißt es jeweils: rḏi̯ ꜥḳ ḥtj-jr.j r (ẖnw) jwf=s "Werde Rauch davon in ihr Genital eingelassen". Die Anwendung dient der Überprüfung des freien Durchgangs im Inneren des Körpers der Frau, der als Hinweis auf ihre Gebärfähigkeit gedeutet wird.
3 "erbrechen": Aufgrund der Parallele zu Bln 193 und 194, wo es heißt: jr qrjꜣ=s msi̯=s jr ḏꜥ=s n msi̯=s r nḥḥ bzw. jr qꜣs=s msi̯=s jr ḏꜥ=s n msi̯=s pw, ist anzunehmen, dass qjs "erbrechen" nicht in nominaler Form vorliegt ("Erbrechen machen"). Es scheint sich hingegen um ein Verb zu handeln, sodass in der vorliegenden Form eine neuägyptische periphrastische Konstruktion postuliert werden kann: jri̯=f sḏm. So scheint es auch Iversen, Papyrus Carlsberg VIII, 23, Anm. 1 zu sehen, der ḏꜥ "Winde lassen" als Verb bezeichnet.
Die Bedingung "wenn sie erbricht, dann wird sie gebären; wenn sie Winde macht, dann wird sie nicht gebären" findet sich auch in den Geburtsprognosen von Bln 193 und Bln 194 (Grundriss der Medizin V, 471), jedoch in umgekehrter Folgerung (Westendorf, Handbuch Medizin, 435): in den beiden Berliner Prognosen korrespondieren die körperliche Reaktion des Erbrechens (qꜣs/qjs) und die Fähigkeit ein Kind zu gebären auf der einen Seite und Blähungen (ḏꜥ) sowie Unfruchtbarkeit auf der anderen. Im vorliegenden Textabschnitt soll die Frau jedoch beräuchert werden, um Ausscheidungen zu veranlassen (Grundriss der Medizin IV/2, 210). Dringt der Rauch in ihre Vulva ein, steigt im Körper bis zu den oberen Körperöffnungen (Mund, Nase) auf und evoziert dort ein Erbrechen, so weist dies darauf hin, dass die Frau nicht gebärfähig ist. Damit untermauert auch die vorliegende Prognose das Konzept eines freien Durchgangs zwischen oberer (Mund, Nase, Augen) und unterer (After, Genitalbereich) Körperöffnung (vgl. wie bereits in Carlsberg IV A,x+5–x+6).
4 "vor dem Ausscheiden (?)": Da andere medizinische Textzeugen mit vergleichbarem Inhalt die Adverbialphrasen m tꜣ ꜣ.t "zu der(selben) Zeit" (Bln 195) und ḥr ꜥ.wj "sofort" (Kah 11) verwenden, möchte Iversen, Papyrus Carlsberg VIII, 23, Anm. 4, die Adverbialphrase m tp n(,j) ḫꜣꜥ, die er selbst nicht einordnen kann, mit "at once" übersetzen. Dass ḫꜣꜥ eine substantivierte Form des Verbs ḫꜣi̯ "untersuchen" sein könnte (Wb 3, 223.2–3), kann aufgrud des Determinativs (D 54) ausgeschlossen werden. Stattdessen wird wohl eher eine abgeleitete Bedeutung von ḫꜣꜥ "werfen, hinauswerfen" vorliegen. Grundriss IV/1, 276 übersetzt die besagte Wortgruppe mit "am Anfang des Ausscheidens" und argumentiert dahingehend, dass damit die erste von mehreren möglichen Ausscheidungen gemeint sein könnte (Grundriss IV/2, 210). Westendorf, Handbuch Medizin, 438 geht auf diesen Interpretationsansatz nicht näher ein und übersetzt stattdessen "am Anfang der Äußerung". Einen Kommentar zu diesem Übersetzungsvorschlag, der recht unwahrscheinlich sein dürfte, liefert er jedoch nicht.
5 "Winde lassen": Aufgrund der Parallele zu Bln 193 und 194, wo es heißt: jr qrjꜣ=s msi̯=s jr ḏꜥ=s n msi̯=s r nḥḥ bzw. jr qꜣs=s msi̯=s jr ḏꜥ=s n msi̯=s pw, ist anzunehmen, dass ḏꜥ "flatulieren" nicht in nominaler Form vorliegt ("Winde machen"). Es scheint sich hingegen um ein Verb zu handeln, so dass in der vorliegenden Form eine neuägyptische periphrastische Konstruktion postuliert werden kann: jri̯=f sḏm. So scheint es auch Iversen, Papyrus Carlsberg VIII, 23, Anm. 1 zu sehen, der ḏꜥ "Winde lassen" als Verb bezeichnet.
6 Die Bedingung "wenn sie erbricht, dann wird sie gebären; wenn sie Winde macht, dann wird sie nicht gebären" findet sich auch in den Geburtsprognosen von Bln 193 und Bln 194 (Grundriss der Medizin V, 471), jedoch in umgekehrter Folgerung (Westendorf, Handbuch Medizin, 435): in den beiden Berliner Prognosen korrespondieren die körperliche Reaktion des Erbrechens (qꜣs/qjs) und die Fähigkeit ein Kind zu gebären auf der einen Seite und Blähungen (ḏꜥ) und Unfruchtbarkeit auf der anderen. Im vorliegenden Textabschnitt soll die Frau jedoch beräuchert werden, um Ausscheidungen zu veranlassen (Grundriss der Medizin IV/2, 210). Dringt der Rauch in ihre Vulva ein, steigt im Körper bis zu den oberen Körperöffnungen (Mund, Nase) auf und evoziert dort ein Erbrechen, so weist dies darauf hin, dass die Frau nicht gebärfähig ist. Damit untermauert auch die vorliegende Prognose das Konzept eines freien Durchgangs zwischen oberer (Mund, Nase, Augen) und unterer (After, Genitalbereich) Körperöffnung (vgl. wie bereits in Carlsberg IV A,x+5–x+6)

Fall Carlsberg VI: eine Geburtsprognose

Ein anderes Unterscheiden einer, die gebären wird, [von einer, die nicht gebären wird.]
[B+C,2] Du sollst veranlassen, dass sich die Frau in den Durchgang ihrer Tür1 stellt im [... ...].
Dann sollst du ihre beiden Augen ansehen.2
Wenn [du sie (die Augen)] erblickst, [B+C,3] [indem das eine wie (das Auge) eines Asiaten ist,] das andere wie (das Auge) eines Nubiers, dann wird sie niemals gebären.
Wenn [du] sie in einer (einzigen, d.h. gleichen) Färbung [siehst], dann wird sie gebären.

1 "in den Durchgang ihrer Tür": Wreszinski begründet diese Positionierung der Frau damit, dass sie zu Untersuchungszwecken zwar im Licht (also nicht im Inneren des Hauses) stehen möge, ihre Augen aber nicht von der Sonne getroffen werden sollen (Wreszinski, Londoner Med. Papyrus und Pap. Hearst, 109; Westendorf, Handbuch Medizin, 436). Der Lichteinfall hätte Einfluss auf die Pupillengröße und somit das Aussehen der Augen, da sich die Pupillen unter Einfluss des Sonnenlichts stark verkleinern, während sie sich im Dunkeln weiten, um mehr Licht aufnehmen zu können. Durch die Positionierung der Frau im Türdurchgang konnte dementsprechend eine durchschnittliche Pupillengröße erreicht werden, die als optimale Grundlage für die Untersuchung diente.
2 "sich die Augen ansehen": Wie die oben genannten Fälle Carlsberg IV A,x+4–x+6 und Carlsberg V A,x+6–B+C,1 könnte auch eine Anomalie der Augenfarbe auf eine Blockade innerhalb des freien Durchgangs zwischen den oberen (Mund, Nase, Augen) und unteren (After, Genitalbereich) Körperöffnungen hinweisen. Ist die Verbindung unterbrochen, so weisen die Augen der Frau eine unterschiedliche Färbung auf und die Frau ist demnach unfruchtbar. Sind die Augen hingegen gleichfarbig, so funktioniert die Verbindung und die zu untersuchende Frau wäre in der Lage Kinder zu gebären.

Fall Carlsberg VII: eine Geburtsprognose

[Ein anderes Unterscheiden einer, die gebären wird,] [B+C,4] von einer, die nicht gebären wird.
Du sollst veranlassen, dass sie trinkt [(ein Getränk/Maß bestehend aus) ...1]: 1/8 (Dja), frische Datteln: 1/64 (Oipe = 1 Dja), [getrocknete] Datteln: [B+C,5] [x (Dja), ...: x (Dja), ...: x (Dja)], Dattelbier:2 1/8 (Dja), Wein: [x (Dja) ...].
[Wenn sie ... ... ...] vor dem Ausscheiden, dann wird ⟨sie⟩ niemals gebären.
[B+C,6] [Wenn sie ... ... ..., dann] wird sie gebären.3

1 "ein Getränk/Maß bestehend aus": b[___] -8: Iversen, Papyrus Carlsberg VIII, 26, Anm. 2 schlägt, mit Verweis auf Bln 193, vor bdd.w-kꜣ "Flaschenkürbis (siehe dazu: Pommerening, in: Glotta 86, 2010, 40–54, bes. 53) als Drogenbezeichnung zu ergänzen. Obwohl das b als Anfangsbuchstabe noch erhalten ist, scheint die Rekonstruktion nur schwer vorstellbar, da gerade einmal vier Schriftquadrate verloren sind, die für die Unterbringung von bdd.w-kꜣ nicht ausreichend sind. Iversen schlägt wahrscheinlich aus diesem Grund das kürzere bdd.w als Alternative vor. Westendorf, Handbuch Medizin, 438, Anm. 784 hält Iversens Vorschlag für unwahrscheinlich, da die folgenden Drogen zunächst zu einem Trankmittel verarbeitet werden sollen. Er vermutet, dass auf das noch erhaltene b eine Maßangabe folgt, etwa in Form von bꜣw, bꜣd.t oder bḏꜣ "dass sie trinkt ein ?-Maß, gefüllt mit ...". Entgegen Westendorfs Annahme scheint die vorliegende Satzkonstruktion jedoch durchaus eher eine Drogenbezeichnung zu erfordern und nicht eine Maßgabe.
2 "[...] Dattelbier": [___] n.w srm,t: Iversen, Papyrus Carlsberg VIII, 26 ergänzt in seiner hieroglyphischen Transkription [mw n],w "Wasser von", ohne dies jedoch näher zu kommentieren. Während die Reste eines nw-Topfes noch erkennbar sind, kann für die Ergänzung von mw "Wasser" kein Anhaltspunkt gefunden werden. Grundriss der Medizin IV/2, 210 (Anm. 4) und Westendorf, Handbuch Medizin, 438 kommentieren die Textstelle nicht eigehender.
3 "[Wenn sie ... ... ..., dann] wird sie gebären": [... ... ... jw]=s r msi̯.t: Westendorf, Handbuch Medizin, 438 ergänzt hier, wahrscheinlich in Anlehnung an Carlsberg V B+C,1: [jr jri̯.y =s {w}ḏꜥ m pḥ,(wy)t =s m tp n(,j) ḫꜣꜥ jw]=s r msi̯.t "Wenn sie [vor dem] Ausscheiden Wind[e] aus ihrem After lässt, dann wird sie gebären."

Fall Carlsberg VIII: ein Rezept

Mittel zur [... ... ...] Früchte vom nḏm-Baum: x (Dja), Früchte [B+C,7] [... ... ...]