Statue der Isis lactans in Göttingen

Metadaten

Wissensbereiche
Aufbewahrungsort
Europa » Deutschland » (Städte A-G) » Göttingen » Sammlung des Archäologischen Instituts der Universität

Inv. Nr. 3

Erwerbsgeschichte

Seit 1862 im Besitz des Archäologischen Instituts der Universität Göttingen, zuvor in der Mineralogischen Sammlung der Universität (Karig 1962, 54).

Herkunft
(unbekannt)
Datierung
von: (Epochen und Dynastien) » Pharaonische Zeit » Spätzeit » 26. Dynastie bis: (Epochen und Dynastien) » Griechisch-Römische Zeit » Hellenistische Zeit » Ptolemäerzeit

Die Datierung beruht auf stilistischen, bildtypologischen, textgeschichtlichen und orthographischen Kriterien, die kein einheitliches Bild vermitteln. Laut von Bissing stammt das Objekt wegen der „naturalistischen rundlichen Körperformen“ aus „der ersten Ptolemäerzeit“ (Bissing 1934, 145). Karig akzeptiert die Datierung von von Bissing als „frühe Ptolemäerzeit“ (Karig 1962, 56). Er verweist auf die plastischen Ausarbeitungen des Körpers der Isis, des Horuskindes und der Reliefdarstellung des Horuskindes auf dem Krokodil, die für eine ptolemäische Datierung sprechen (Karig 1962, 56 und 57). Für die Kombination von Isisstatue mit dem Horusstelenmotiv nennt er als Vergleichsstück die Kalksteinstatuette Kairo CG 39304 aus Sais, welche Daressy als „travail grossier d’époque ptolémaïque“ beschreibt (Daressy 1906, 327; Karig 1962, 57). Die Kalksteinstatuette aus Sais stellt Isis lactans dar; es befinden sich Hathorköpfe auf den Seiten des Thrones sowie eine Horusstele auf der Rückseite. Nach Meinung von Karig passen außerdem auch die hieroglyphische Zeichenwahl sowie die Orthographie als chronologische Indizien für eine Datierung in die Ptolemäerzeit (Karig 1962, 59). Gutekunst übernimmt die Datierung „Ptolemäisch“ von Karig. Er weist jedoch auf textgeschichtliche (einige Formulierungen des Horusstelenspruchs B könnten vielleicht auf die Textversion Kf-D der texttypologischen Mittelphase zurückgehen, d.h. auf die 26.-28. Dynastie) und orthographische Besonderheiten (die Schreibung des Namens Orisis) hin, die eine Abschrift einer älteren Vorlage vermuten lassen könnten (Gutekunst 1995, 317-318). Laut Sternberg-El Hotabi (1999, I, 98, Anm. 42) weisen gerade die von Gutekunst beobachtete textgeschichtliche Version von Spruch B sowie die Orthographie des Namens Osiris auf die Saitenzeit hin. Sie datiert daher das Stück in ihre typologische Mittelphase, d.h. 26.-29. Dynastie (1999, II, 102), wobei die Kombination einer Götterstatue mit Horusstele für sie eine Innovation der Saitenzeit darstellt. Dass das Horuskind seitwärts schreitet, ist laut Sternberg-El Hotabi nur für die Zeit vor der 30. Dynastie belegt. Vielleicht ist die Verwendung der hieroglyphischen Form Aa13 statt Aa15 ein Indiz für eine präptolemäische Datierung.

Textsorte
Rezitation(en) » Beschwörung(en)
Inhalt

Die Inschrift kombiniert den Anfang des Horusstelentextes B mit einem Satz, der das Krokodil Maga, Sohn des Seth, abhält. Der Text hat den Schutz vor Krokodilen zum Ziel.

 

Horusstelentext B: Reaktive/kurative Magie, Beschwörung, Schutz auf dem Wasser, Osiris, Reisende, Wassertiere, Nehaher.

Der sogenannte „Spruch B“ der Horusstelen und Heilstatuen hat zum Ziel, einen Reisenden auf dem Wasser zu schützen, insbesondere vor Krokodilen. Er fängt mit einer Anrufung seitens einer Ich-Person (ein Magier?) an den Sonnengott/Schöpfergott an. Dieser möge Thoth ausschicken, damit er die Ich-Person sowie Osiris, der auf dem Wasser ist, vor dem Krokodil Nehaher beschütze. Hier hört der Text von Spruch B auf und es wird gesagt, dass Maga, ein weiterer Krokodildämon, „zurückgepusht“ werde/worden ist (das verwendete Verb ist ein Lehnwort). Der Text beschließt mit einer Warnung, die erneut auf Spruch B zurückgeht: Wenn man dem Bildnis (?) des Horus zu nahe tritt (ist die Horusstele gemeint?), dann tritt man dem (mächtigen und schützenden) Horusauge zu nahe.

Ursprünglicher Verwendungskontext

Die Statue gehört zu einer Gruppe von kleinen, thronenden Göttinnen- und Götterstatuen, die magische Sprüche oder eine Horusstelendarstellung auf dem Sockel oder auf dem Thron tragen (Kákosy 1987, 176). Vielleicht ist das Objekt eine Votivweihung in einem Isisheiligtum, vielleicht handelt es sich um eine Statuette für eine Kapelle, die für den Schutz von Reisenden auf dem Wasser vorgesehen war.

Material
Nicht Organisch » Stein » Kalkstein
Objekttyp
Artefakt » Skulptur » Statue / Figur
Technische Daten

Maße: Höhe 11 oder 11,5 cm, quadratischer Basis von 3,5 cm (von Bissing 1934, 144, Anm. 2).

Thronende Isis lactans. Die Göttin trägt eine dreiteilige Perücke. Ein kleiner Aufsatz mit Durchbohrung auf dem Kopf musste eine separate Krone aufnehmen. Der Oberkörper und die Füße des gestillten Horuskindes fehlen, ebenso der linke Arm der Göttin (antike Beschädigungen?). Das Horuskind hält einen Krummstab in der rechten Hand, die linke Hand fehlt. Die Steinoberfläche ist sorgfältig geglättet, die Figuren gut ausgearbeitet. Auf der Rückseite des Blockthrones findet sich eine einfach gehaltene Darstellung des seitwärts schreitenden, nackten Kindes, das auf einem einzigen Krokodil steht und gefährliche Tiere in den Händen hält. Über dem Kind ist ein Beskopf. Auf den beiden Seiten des Thrones sind je 5 Zeilen mit Hieroglyphen eingraviert. Jede Zeile ist 3 cm lang und 6,5 mm hoch. Die Inschrift fängt auf der rechten Thronseite (Objektperspektive) an und endet auf der linken Thronseite.

Schrift
Hieroglyphen

„Die Hieroglyphen werden in einfachem Umriß ohne Innenzeichnung gegeben und sind daher oft weitgehend vereinfacht“ (Karig 1962, 57). Die Inschriften auf der rechten Thronseite (Objektperspektive) sind zur Vorderseite hin orientiert, die der linken Thronseite zur Rückseite.

Bearbeitungsgeschichte

Die Isisstatuette wird zunächst durch von Bissing 1934 mittels Fotos bekannt gemacht. Karig 1962 hat sie beschrieben, übersetzt, kommentiert und Fotos von allen Seiten veröffentlicht. Gutekunst 1995 hat die Inschriften für seine textgeschichtliche Untersuchung von Horusstelenspruch B herangezogen. Quack 2018 kommentiert den Satz, der das Krokodil Maga nennt. Wagner 2016 transkribiert und übersetzt den Text erneut.

Editionen

- J.S. Karig, Die Göttinger Isisstatuette, in: ZÄS 87, 1962, 54-59 und Taf. IV [P,U,Ü,K].

Literatur zu den Metadaten

- Borla 1997: M. Borla, in: E.A. Aslan (ed.), Iside. Il mito, il mistero, la magia, Mailand 1997, 221 (Nr. IV.201) [*P].

- Bissing 1934: F.W. von Bissing, Eine Stele des Horos auf den Krokodilen aus einer Aedicula konstantinischer Zeit, in: Egyptian Religion 2, 1934, 140-147 (hier: 144-145, mit 4 kleinen Fotos zwischen S. 142 und 143) [P,K].

- Daressy 1906: G. Daressy, Statues de divinités (Catalogue général des antiquités égyptiennes du Musée du Caire, Nos 38001-39384), Le Caire 1906.

- Gutekunst 1995: W. Gutekunst, Textgeschichtliche Studien zum Verjüngungsspruch (Text B) auf Horusstelen und Heilstatuen, Diss., Trier 1995, 75, 310, 317-318, 369 [K].

- Kákosy 1987: L. Kákosy, Some problems of the magical healing statues, in: A. Roccati und A. Siliotti (Hrsg.), La magia in Egitto ai tempi dei faraoni, Milano 1987, 174 (nur Nennung im Inventar der Heilstatuen).

- Quack 2018: J.F. Quack, Eine magische Stele aus dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe (Inv. H 1049) (Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Nr. 58), Heidelberg 2018, 32 [K].

- Sternberg-El Hotabi 1999: H. Sternberg-El Hotabi, Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte der Horusstelen (Ägyptologische Abhandlungen 62), Wiesbaden 1999. Teil I: Textband, 98; Teil II: Materialsammlung, 102 [K].

- Wagner 2016: M. Wagner, Der Sarkophag der Gottesgemahlin Anchnesneferibre (Studien zur spätägyptischen Religion 16), Wiesbaden 2016, 77 [U,Ü,K].

Autoren
Dr. Peter Dils
Autoren (Metadaten)
Dr. Peter Dils

Übersetzung und Kommentar

Statue der Isis lactans in Göttingen

Rechte Thronseite

Oh alter Mann, der sich zu seiner Zeit verjüngt,
(oh) Greis, der (seine) Verjugendlichung macht,
mögest du veranlassen, dass Thoth zu mir auf meine Stimme hin kommt,
damit er für mich das (Krokodil) Wild〈gesicht〉 (Neha-her) vertreibt.
Siehe, Osiris ist auf dem Wasser;

Linke Thronseite

das Horusauge ist bei ihm; der große Flügelskarabäus ist in 〈seiner〉 Faust.
Maga, der Sohn des Seth, werde „zurückgepusht“1 von dem, der auf dem Wasser ist.
Wenn man diesem Bildnis (?)2 des Horus zu nahe tritt, tritt man dem Horusauge, dem Mond (oder: dem weinenden/verfinsterten(?) Horusauge), ebenfalls zu nahe.

1„zurückgepusht“ (ꜥmṯ.tw): Wb. 1, 187.10 „sich abwenden o.ä.“, kopt. ⲱⲙϫ (Černý, CED, 228 „wean“; Vycichl, DELC, 249 „sévrer”; Crum, CD, 524a „to wean“). Semit. Lehnwort, belegt ab der 25. Dyn. (Taharqa). Das Verb ꜥmṯ/ꜥmḏ ersetzt im Ritual für den Abwehr des Bösen (Urk. VI) in der neuägyptischen/demotischen Übersetzung die in der älteren Textversion verwendeten Verben ḥmi̯ (Urk. VI, 95.7; 123.5), sḥmi̯ (Urk. VI, 73.18; 137.18), ḫsf (Urk. VI, 103.6; 117.2; 139.14) und sjntj (Urk. VI, 139.6) (Vernus, in: BIFAO 75, 1975, 45, Anm. aak; Vernus, in: RdE 41, 1990, 203 § 27.1). Siehe auch Quack, in: ZDMG 146, 1996, 512 (zur semit. Wurzel ꜥms, עמס; „heben; tragen“, vgl. Phön. ꜥms „wegtragen“). Laut Quack, Eine magische Stele, 32 ist ꜥmṯ.tw eher eine Verbalform mit der Passivendung .tw und wohl nicht ein Imperativ mit dem enkl. Personalpronomen 2. P. Sg. (Imperativ + Enkl. Pron. bei Karig, Wagner).

2 diesem Bildnis (((r)) tꜣ ⸮dnj.t/tj.t?): Das r wurde nachträglich und klein eingefügt. Das Zeichen nach dem Demonstrativum tꜣ sieht wie die halbe Kartusche 𓍸/ (V11: dnj.t) aus, scheint hier jedoch für die zwei Strichen unter dem Udjatauge 𓂇/ (D17) tj.t zu stehen (Karig verweist auf tj.t in Wb. 5, 240.13 für den umgekehrten Irrtum: tj.t als Schreibung von dnj.wt). Vgl. Gutekunst, Textgeschichtliche Studien, 163, Anm. 3.2, der allerdings die Lesung tꜣ dp.t n.t Ḥrw „das Schiff des Horus“ vorzieht (mit dem Schiff P13 um 90° gedreht), nach einem Vorschlag von Altenmüller, in: OMRO 46, 1965, 30, Anm. 3. Altenmüller spricht im Zusammenhang mit dem „Schiff des Horus“ von einer „früheren Fassung“ von Horusstelentext B, für die es jedoch keine weiteren Belege gibt.