Papyrus Ramesseum VIII

Metadaten

Wissensbereiche
Alternative Namen
Papyrus London BM EA 10761 Papyrus Ramesseum 8 TM 380890
Aufbewahrungsort
Europa » Großbritannien » (Städte K-N) » London » British Museum

Inventarnummer: BM EA 10761

Erwerbsgeschichte

Der Papyrus wurde 1896 bei den von der British School of Archaeology in Egypt finanzierten und von W. M. Flinders Petrie und J. E. Quibell durchgeführten Grabungen im Ramesseum gefunden. 1956 wurde er zusammen mit einem größeren Konvolut der Ramesseumspapyri von der British School of Archaeology in Egypt und von A. H. Gardiner, dem die Bearbeitung übertragen worden war, an das British Museum in London gestiftet (ausführlich zur Erwerbungs- und Bearbeitungsgeschichte siehe u.a. Leach 2006, 225–227; Gardiner 1955, 1–6).

Herkunft
Niltal südlich von Assiut bis zum 1. Katarakt » Theben » westliches Ufer » Ramesseum

Der Papyrus wurde von J. E. Quibell im Jahre 1896 innerhalb des Ramesseums am Fuße eines bereits geplünderten Grabschachts gefunden (Quibell – Paget – Pirie [Quibell] 1898, 3–4, Taf. 1–3; Parkinson 1991, XI–XIII, XXVI–XXVIII; Parkinson 2009, 139–140). Dieser Grabschacht gehört zu einer Nekropole aus der Zeit des Mittleren Reiches bis zum Anfang der 18. Dynastie (Leblanc 2005, 33–34; Nelson 2006, 115–117, 127; Parkinson 2009, 139–140), die in der 19. Dynastie durch den Totentempel („Millionenjahrhaus“) Ramses’ II. überbaut wurde. Der Schacht, in dem die Papyri gefunden wurden, liegt laut Quibell unter einem der Ziegelmagazine an der Nordwest-Ecke des Ramesseums (Parkinson 2009, 139–140), unter Magazin 5 auf dem Plan von Quibell (Quibell – Paget – Pirie [Quibell] 1898, Taf. 1), nach heutiger Zählung STI.SA.08. Eine exakte Lokalisierung innerhalb dieses Magazins ist bislang nicht gelungen, da der Fundort auf dem Plan von Quibell nicht eindeutig verzeichnet ist und mehrere Schächte in Betracht kommen (eine vergebliche Suche bei Nelson 2006). Laut einer neu entdeckten Notiz von Newberry aus dem Jahr 1938 (Downing – Parkinson 2016), der bei der Auffindung der Papyri zugegen war, befand sich der Schacht im beschrifteten Korridor des Grabes des Sehetepibre (Porter – Moss 1964, 679), der unter den Magazinräumen 5–7 des Ramesseums nach dem Plan von Quibell läuft, nach heutiger Zählung unter STI.TR bis STI.SA.08. Sollte dies zutreffen (Newberry widerspricht dezidiert Quibell [Quibell – Paget – Pirie [Quibell] 1898, 3], der den Papyrus-Schacht nicht mit diesem Grab verbindet), kann der Schacht oder sein Inhalt schwer zum ursprünglichen Grab des Sehetepibre gehört haben, denn Letzteres wird früher datiert als das Papyruskonvolut, d.h. der Priester (ḥm-nṯr) Sehetepibre kann nicht der ursprüngliche Eigentümer der Ramesseumspapyri gewesen sein (Downing – Parkinson 2016, 40–41). Eine neue archäologische Untersuchung des Grabes des Sehetepibre wäre erforderlich, um Klarheit zu bekommen.
Der Papyrus befand sich zusammen mit 23 weiteren Papyri und einem Bündel Schilfrohr in einer Holzkiste (Auflistung der Papyri bei Parkinson 2009, 151–153, Tab. 6.1) auf dem Boden des Schachtes. Die Papyri enthalten medizinische, medico-magische und magische Texte, aber auch literarische Texte (z.B. Beredter Bauer und Sinuhe), liturgische Texte (z.B. Dramatischer Ramesseumspapyrus und Sobek-Hymnus) sowie administrative Texte wie die Semna-Dispatches. Heute ist dieses Papyruskonvolut auf das British Museum in London und das Ägyptische Museum und Papyrussammlung in Berlin verteilt. Das Schilfrohrbündel, bei dem es sich um Rohmaterial für Schreiberbinsen handelt, wird im Manchester Museum aufbewahrt (Inv.-Nr. 1882). Der Verbleib des Holzkastens, der mit weißem Stuck überzogen und mit der Zeichnung eines Schakals dekoriert war (Quibell – Paget – Pirie [Quibell] 1898, 3), ist unbekannt (z.B. Leach 2006, 225, Anm. 2). Hermann 1957, 113, Anm. 1 erwähnt eine Nachricht von Anthony J. Arkell, dem damaligen „honorary curator“ der Petrie Collection, dass dieser Kasten vermutlich mit den anderen Objekten von Flinders Petrie in die Sammlung des University College London liegen könnte: Flinders Petrie hatte im Jahr 1913 seine Sammlung dem University College London verkauft, und nachdem sie im 2. Weltkrieg ausgelagert worden war, widmete sich Arkell Anfang der 1950er Jahre dem Auspacken, Katalogisieren und Ausstellen der Objekte (s. Smith 1981, 146). Die Sammlung war daher Hermann noch nicht zugänglich (s. Hermann 1957, 113, Anm. 1) und die Verifizierung dieser Vermutung steht noch aus.
Weiterhin wurden verschiedene magische Gegenstände im Schacht gefunden. Ein Überblick der Fundsituation findet sich bei Geisen 2018, 2–7; eine Auflistung der von Quibell genannten Objekte mit ihren modernen Inventarnummern findet sich ferner auch schon bei Parkinson 1991, XII–XIII und Kemp – Merrillees 1980, 166.

Datierung
von: (Epochen und Dynastien) » Pharaonische Zeit » Mittleres Reich » 12. Dynastie bis: (Epochen und Dynastien) » Pharaonische Zeit » Zweite Zwischenzeit » 13. Dynastie

Die Datierung des Papyrus basiert zum einen auf der Einordnung des archäologischen Fundkontextes, zum anderen auf text- bzw. konvolutinteren Überlegungen. Die Nekropole, in der das Konvolut gefunden wurde, kann in das Mittlere Reich und die frühe Zweite Zwischenzeit datiert werden (Leblanc 2005, 33–34; Nelson 2006, 115–116; Parkinson 2009, 71). Über die im Grabschacht gefundenen Objekte ist keine chronologische Eingrenzung möglich, da viele dieser Gegenstände in Bestattungen des späten Mittleren Reiches gut belegt sind, teils sogar bis in die frühe 18. Dynastie fortlaufen (Parkinson 2009, 143–145). Laut Geisen 2018, 7, 10–15 würden Streufunde in der Umgebung sowie die Grabfunde selbst in Kombination mit Informationen aus den Papyri für eine Datierung der Bestattung in die mittlere 13. Dynastie sprechen.
Die Papyri selbst sind unterschiedlichen Alters und erstrecken sich paläographisch (hieratisch) über einen Zeitraum von etwa einem Jahrhundert (Gardiner 1955, 1–2; Parkinson 2009, 149). Einen Terminus post quem für die Zusammenstellung des Konvoluts geben der Papyrus Ramesseum VI (Sobek-Hymnus) mit der Nennung Amenemhets III. (12. Dynastie, ca. 1818–1773 v. Chr.) sowie das Onomastikon auf Papyrus Ramesseum D, das ein mit dem Namen Sesostris’ III. (ca. 1837–1818 v. Chr.) gebildetes Toponym aufweist. Die älteste Gruppe bilden mit R.B. Parkinson die kursiv-hieroglyphischen Texte aus der späten 12. Dynastie, zu denen bspw. Papyrus Ramesseum V gehört (Parkinson 2009, 149). Die jüngsten Texte gehören in die späte 13. Dynastie (bis ca. 1630 v. Chr.), da sie dem mathematischen Papyrus Rhind und dem Papyrus Boulaq 18 paläographisch aufgrund der runden Formen und stärkeren Verwendung von Ligaturen nahestehen (Parkinson 2009, 150).
Papyrus Ramesseum VIII gehört paläographisch in die späteste Gruppe (vgl. die Ausführungen von Parkinson 2009, 150  mit seiner Tabelle auf S. 152–153).

Textsorte
magische Sprüche
Ursprünglicher Verwendungskontext

Der Fundzusammenhang und die Herkunft aus einem gesicherten archäologischen Kontext erlauben eine detailliertere Betrachtung. Der Papyrus war Bestandteil eines Konvoluts von 24 Papyri und befand sich zusammen mit einem Bündel von 118 Schilfrohren (Schreibbinsen) von je ca. 40 cm Länge in einem Holzkasten. Auf diesem Kasten war das Zeichen eines Schakales zu erkennen, das als Schreibung für den Priestertitel ḥr.j-sšt „Hüter des Geheimnisses“ gelesen werden kann. Es ist daher anzunehmen, dass der Besitzer ein Priester war (Parkinson 2009, 141; Parkinson 1991). Unter den weiteren im Grabschacht gefundenen Objekten befanden sich ein aus einem Kupfergemisch gefertigter Schlangenstab, der mit menschlichen Haaren umwickelt ist (Fitzwilliam Museum, Cambridge, E.63.1896), die Elfenbeinfigur eines Zwerges, der ein Kalb trägt (University of Pennsylvania, Museum of Archaeology and Anthropology, E.13405), sowie diverse magische Objekte im Manchester-Museum (Fayencefigur eines nackten Mädchens (Inv.-Nr. 1787), eine aus Elfenbein gefertigte Klapper (Inv.-Nr. 1796), eine Fayencefigur in Gestalt eines Pavians (Inv.-Nr. 1835) sowie ein Djed-Pfeiler-Amulett (Inv.-Nr. 1838) (Parkinson 2009, 141–145)). Diese Utensilien stellen nach A.H. Gardiner „the professional outfit of a magician and medical practitioner“ (Gardiner 1955, 1) dar. Dazu passt, dass die Mehrheit der Papyri (15 der 24 Papyri) medizinische, medico-magische oder magische Inhalte aufweisen. Der Inhaber war demnach vermutlich ein Arzt und Magier, der auch Priesterfunktionen innehatte, oder umgekehrt ein Priester, der auch als Magier und Arzt agierte (Gnirs 2009, 128–156; Morenz 1996, 144–146; Geisen 2018, 15–29, Meyrat 2019, 196–199).
Das differierende Alter der Papyri und die verschiedenen Arten von Texten (medizinisch/magisch, literarisch, liturgisch, administrativ) lassen vermuten, dass die Papyri über mehrere Generationen gesammelt und vererbt wurden, bis der letzte Eigentümer sie als Grabbeigabe erhielt (Parkinson 2009, 149). Die administrativen Angaben auf dem Verso von Papyrus Ramesseum III und Papyrus Ramesseum IV zeigen, dass eine sekundäre wirtschaftliche Nutzung dieser medizinischen Papyri vorliegt, was wiederum nahelegt, dass die Papyri – zumindest in Teilen – aus verschiedenen Quellen zusammengetragen wurden und die Identifizierung des letzten Inhabers als Arzt daher nicht zwingend notwendig ist.

Material
Organisch » Faser, Pflanzliche und Tierische » Papyrus
Objekttyp
Artefakt » Schriftmedien » Schriftrolle
Technische Daten

Der Papyrus ist, wie auch die anderen Ramesseumspapyri, aufgrund der Lagerung in der feuchten Umgebung des Grabschachts in einem schlechten und fragmentarischen Zustand (Leach 2006, 227). Papyrus Ramesseum VIII ist „nearly the longest magical text in the collection [der Ramesseumspapyri, L.P.]“ (Gardiner 1955, 11–12). Erhalten sind die Reste von 15 Recto-Kolumnen (das Verso blieb unbeschriftet); die Angabe „fourteen pages“ bei Gardiner 1955, 12 ist missverständlich und es ist anzunehmen, dass er an dieser Stelle die Zahl der Fragmente meint, weil Kol. 14 und 15 auf demselben Fragment liegen. Während die letzte Kolumne so schmal ist, dass sie wohl als letzte des Textes zu verstehen ist, ist es nicht unwahrscheinlich, dass am Anfang Text fehlt (s. die Begründung in der Diskussion zum ersten Satz). Der Papyrus weist zahlreiche Zerstörungen auf und ist insbesondere vertikal mehrfach gebrochen. Fast immer finden sich diese Brüche auch in den Interkolumnien, so dass nicht bei allen Kolumnen sicher ist, ob sie wirklich direkt aufeinanderfolgten, oder ob dazwischen unter Umständen weitere Kolumnen fehlen. Es sind einige charakteristisch geformte Zerstörungen erkennbar (bspw. der vertikale Riss durch Kolumne 1,2 und 3; die Zerstörung im oberen Teil von Kolumne 4 und 5; oder die beiden vertikalen Risse durch Kolumne 9), die den Versuch lohnenswert erscheinen ließen, den aufgerollten Zustand zu rekonstruieren. Aufgrund des fragmentierten Zustands ist es nicht möglich, Gesamtmaße zu geben. Der obere und untere Seitenrand ist meist erhalten, und der Papyrus ist etwa 12 cm hoch (Meyrat 2019, 41); die Fotos auf der Website des BM sind vermaßt, und rechnet man die Längen aller Fragmente zusammen, kommt man auf etwa 205,5 cm Länge. Hierzu ist noch die unbekannte Länge der in den Kolumnenzwischenräumen verlorenen Stücke hinzuzuaddieren, sofern die Fragmente nicht direkt aneinander anschließen. Aktuell sind die einzelnen Fragmente in Glasrahmen von 22,9 cm × 17,7 cm Größe verglast (s. die Angaben der Website).

Schrift
Hieratisch

Der Text ist größtenteils in waagerechten Zeilen geschrieben (von rechts nach links, wie für Hieratisch üblich), enthält aber zumindest am Textanfang zwischen den einzelnen Kolumnen noch einzelne senkrechte Zeilen. Die Kolumnenbreite ist unregelmäßig, wobei die letzte erhaltene Kolumne besonders schmal ist und daher die original letzte des Textes sein könnte. Dieselbe Unregelmäßigkeit findet sich auch beim Layout: Neben Kolumnen mit Annäherung an „Blocksatz“ (bsp. Kol. 4 und 5) gibt es auch solche mit „Flattersatz“. Gelegentlich ist bei Übergängen von einem Spruch zum anderen die Verwendung eines Absatzes zu sehen; an einigen anderen Stellen könnte dieselbe Entscheidung nur aufgrund des fragmentierten Zustandes nicht mehr sichtbar sein oder deswegen, weil die letzte Zeile des alten Spruches zufällig die ganze Zeile ausfüllte.
Neben normaler schwarzer Tinte verwendete der Schreiber auch rote, und hier v.a. im Umfeld eines Spruchwechsels, wobei nicht nur der neue Spruchanfang rot gesetzt wurde, sondern gleichzeitig auch das jeweils vorangehende Spruchende.

Sprache
Ägyptisch-Koptisch » Ägyptisch » Mittelägyptisch

Die erhaltenen Satzkonstruktionen sprechen für Mittelägyptisch.

Bearbeitungsgeschichte

Die Bearbeitung der Papyri sollte zunächst durch F. Ll. Griffith erfolgen, wurde dann aber an P. Newberry übergeben, der erste konservatorische Maßnahmen durchführte und erste Abschriften anfertigte (Gardiner 1955, 2; Leach 2006, 226). Auf Vermittlung A. H. Gardiners wurde die Restaurierung dann an H. Ibscher (Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Berlin) übertragen, der sie restaurierte, ordnete und rahmte; konkret Papyrus Ramesseum VIII wurde 1904–5 bearbeitet (Leach 2006, 233 und 239). Da P. Newberry kein weiteres Interesse an der philologischen Bearbeitung hatte, gingen die Papyri schließlich in den Privatbesitz von A. H. Gardiner über, den W. M. Flinders Petrie als geeignet für die Veröffentlichung ansah. A. H. Gardiner schreibt dazu: „realizing, that the cost of conservation and publication would be considerable, Petrie himself suggested that if I acquitted myself of both obligations, I could regard the papyri as my own and dispose of them as I thought best“ (Gardiner 1955, 2). Um die aufwendigen Konservierungsmaßnahmen bezahlen zu können, verkaufte A. H. Gardiner 1910 Papyrus Ramesseum D mit dem Onomastikon an das Berliner Ägyptische Museum. Den Papyrus Ramesseum A, der die Geschichte des Beredten Bauern und den Sinuhe enthält, hatte A. H. Gardiner bereits 1906 dem Berliner Ägyptischen Museum überlassen – unter der Bedingung, dass das Museum die Kosten für die Publikation tragen würde (Leach 2006, 226).
Im Jahr 1986 wurde die Aufbewahrung der Ramesseumspapyri, und so auch von Papyrus Ramesseum VIII, geprüft. In diesem Zusammenhang wurde in den Frames 1–9 sowie 11 die Kartonnage, auf die Ibscher die Fragmente befestigt hatte, durch neue „archival quality card“ ersetzt. Frame 10 wurde zwar geöffnet, aber sofort wieder geschlossen, weil die Fragmente lose waren. Ähnliches wurde auch in den Frames 12–14 beobachtet, so dass sie ungeöffnet blieben (Leach 2006, 239). Auf den Farbfotos der Website des BM ist bei diesen Frames noch der gelbliche (alte) Karton zu erkennen.

Im Jahr 1955 legte A.H. Gardiner eine Edition der Ramesseumspapyri in Fotografie und tlw. in hieroglyphischer Transliteration vor, wobei allerdings viele der kleineren Fragmente unberücksichtigt blieben. Auch verzichtete er auf eine hieroglyphische Transliteration der Papyri Ramesseum I–V, da diese von J. W. B. Barns bearbeitet wurden (Barns 1956). Gardiners Edition enthält Fotos aller Fragmente von pRamesseum VIII (Taf. 33–39). Außerdem bietet er in seiner knappen Vorstellung des Papyrus (S. 11–12) ein paar vereinzelte übersetzte Phrasen und Sätze.
Eine Gesamtbearbeitung der magischen Ramesseums-Papyri, auch von Ramesseum VIII, legte Meyrat 2019, spez. 41–74, 307–323, vor.

Editionen

- Gardiner 1955: A. H. Gardiner, The Ramesseum Papyri (Oxford 1955), 11–12, Taf. 33–39.

- Meyrat, 2019: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 41–74, 307–323.

Literatur zu den Metadaten

- Barns 1956: J. W. B. Barns, Five Ramesseum Papyri (Oxford 1956).

- Downing – Parkinson 2016: M. Downing – R. B. Parkinson, The Tomb of the Ramesseum Papyri in the Newberry Papers, The Griffith Institute Oxford, in: British Museum Studies in Ancient Egypt and Sudan 23, 2016, 35–45.

- Geisen 2018: C. Geisen, A Commemoration Ritual for Senwosret I. P. BM EA 10610.1-5/P. Ramesseum B (Ramesseum Dramatic Papyrus), Yale Egyptological Studies 11 (New Haven, CT 2018).

- Gnirs 2009: A. M. Gnirs, Nilpferdstoßzähne und Schlangenstäbe. Zu den magischen Geräten des so genannten Ramesseumsfundes, in: D. Kessler et al. (Hrsg.), Texte – Theben – Tonfragmente. Festschrift für Günter Burkard, Ägypten und Altes Testament 76 (Wiesbaden 2009), 128–156.

- Hermann 1957: A. Hermann, Buchillustrationen auf ägyptischen Bücherkästen, in: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts. Abteilung Kairo 15, 1957, 112–119.

- Kemp – Merrillees 1980: B. J. Kemp – R. S. Merrillees, Minoan Pottery in Second Millennium Egypt, Sonderschrift des Deutschen Archäologischen Instituts. Abteilung Kairo 7 (Mainz 1980).

- Leach 2006: B. Leach, A Conservation History of the Ramesseum Papyri, in: Journal of Egyptian Archaeology 92, 2006, 225–240.

- Leblanc 2005: C. Leblanc, Recherches et travaux réalisés au Ramesseum durant la mission d’octobre 2004 à janvier 2005, in: Memnonia 16, 2005, 19–45.

- Morenz 1996: L. D. Morenz, Beiträge zur Schriftlichkeitskultur im Mittleren Reich und in der 2. Zwischenzeit, Ägypten und Altes Testament 29 (Wiesbaden 1996).

- Nelson 2006: M. Nelson, La tombe d’une nourrice royale du début de la XVIIIème dynastie découverte au Ramesseum. Concession funéraire STI.Sa05/pu01, in: Memnonia 17, 2006, 115–129.

- Parkinson 1991: R. B. Parkinson, The Tale of the Eloquent Peasant (Oxford 1991).

- Parkinson 2009: R. B. Parkinson, Reading Ancient Egyptian Poetry. Among Other Histories (Chichester, Malden, MA 2009).

- Porter – Moss 1964: B. Porter – R. L. B. Moss, Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Reliefs, and Paintings. Vol. I. The Theban Necropolis. Part 2: Royal Tombs and Smaller Cemeteries (Oxford 1964).

- Quack 2014: J. F. Quack, Totenbuch und Getreideabrechnung. Von der Vereinbarkeit von profanen und religiösen Texten auf einem Schriftträger im Alten Ägypten, in: J. F. Quack – D. C. Luft (Hrsg.), Erscheinungsformen und Handhabungen heiliger Schriften, Materiale Textkulturen 5 (Berlin 2014), 111–135.

- Quack 2019: J. F. Quack, Das Streben nach Gunst im Alten Ägypten, in: Thots Infoheft 23, 2019, 16–28.

- Quibell – Paget – Pirie [Quibell] 1898: J. E. Quibell – R. F. E. Paget – A. A. Pirie [Quibell], The Ramesseum / The Tomb of Ptah-Hetep, British School of Archaeology in Egypt and Egyptian Research Account [2] (London 1898).

- Smith 1981: H. S. Smith, The Reverend Dr Anthony J. Arkell, in: Journal of Egyptian Archaeology 67, 1981, 143–148.

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Autoren
Dr. Lutz Popko

Übersetzung und Kommentar

Anfang

[---]1

1 Die erste erhaltene Passage des Papyrus ist eine senkrechte Textzeile, die Mahlzeiten des Gottes Hedj-hetep erwähnt. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 51 weist zwar auf den hohen Zerstörungsgrad dieser Zeile hin, vermeint aber dennoch, hierin den Titel des Textes zu haben. Das ist jedoch aus zwei Gründen unwahrscheinlich:
(1) Auch zwischen den waagerechten Kolumnen 2 und 3 sowie zwischen 3 und 4 befindet sich je eine senkrechte Textzeile. Im letzten Fall enthält sie einen Satz, der schon am Ende von Kol. 3 beginnt. Auch die senkrechte Zeile zwischen Kol. 2 und 3 beginnt keinen neuen Textabschnitt, sondern gehört zu dem Rubrum, das in Kol. 2 beginnt und sich bis in Kol. 3 fortsetzt. Daher ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch die senkrechte Textzeile vor Gardiners und Meyrats Kol. 1 in einer heute komplett verlorenen, davor liegenden Kolumne begann.
Dass sich weiter hinten im Text keine weiteren senkrechten Zeilen finden, könnte reiner Zufall sein, der sich im fragmentierten Erhaltungszustand begründet.
(2) Die Tinte der senkrechten Zeile wirkt im Vergleich zu der anschließenden Kolumne mit waagerechten Zeilen blasser. Auch das spricht dafür, dass der Schreiber schon ein Textstück geschrieben hatte, als er an dieser Textzeile ankam, und das erhärtet den Verdacht, dass sie nicht den Anfang des Textes bildet.
An der rechten Abbruchkante des Papyrus sind zwar trotz der breiten leeren Fläche keine Spuren einer solchen Kolumne erhalten, aber das spricht nicht gegen die Möglichkeit, weiteren Text davor zu rekonstruieren. Denn auch der Zwischenraum der senkrechten Zeile zum nachfolgenden, waagerechten Textblock ist relativ groß und auch die beiden anderen senkrechten Zeilen auf dem Papyrus sind durch einen größeren Zwischenraum von den jeweils vorangehenden waagerechten Textblöcken getrennt.

Schutzzauber (?)

[senkrechte Kolumne 1] [---] Mahlzeiten/Bankette des (Gottes) Hedj-hetep1.

[1, x+1]2 [---] [---] beim Vorüberziehen (?; oder: mit/auf den Ausflüssen(?))3 des (Gottes der) Nilflut. Mein Schutz ist dein Schutz. Meine Gunst [und meine Beliebtheit] sind deine [Gunst] und deine Beliebtheit. Mein Schutz ist der Schutz des Horus von [Buto]4 im Tempel. [1, x+5] Mein Schutz ist der Schutz5 des Sokar von Rosetau im Tempel, des Herischef von Herakleopolis im Tempel, des Thot von Hermopolis im Tempel (und) dieser 4 Götter [in(?)] ihren [Städten/Heiligtümern(???)]. Jauchzen und Jubel sind im ...6 des Ziehens(?). Aus [---] bin ich herausgekommen, ... (?)7 eines jeden [2,1] [---] bin ich eingetreten. Nordwärts und südwärts fahren [---] mit/unter ihm / infolgedessen, ohne dass er [---] hat. Das Tiefblaue (Meer)8 [---] auf/an/durch ihn.
O Osiris Onnophris9, Oberhaupt [---]10 Untoter, Untote, usw. Lass mich wohlbehalten sein, lass mich wohlbehalten sein, [2,5] [---] zu (?) dieser Zeit und ebenso (?) [___] des (?) Kopfes (?), wobei es gezwirnt (?), an einem Papyrusstängel-Amulett aus Fayence richtig/sorgfältig festgemacht (?) (und) auf einen Faden aus nḏ-Gewebe [aufgefädelt] werde.
Dieser Spruch werde gesprochen, wobei er in einer Kopie (?) (auf) einem leeren Papyrusblatt verschriftlicht werde,11 (dieses) mit der Hand verschlossen und auf eine Schnur aus sjꜣ.t-Stoff aufgefädelt12 (und) mit dem grünen/papyrusstängelförmigen Fayence(amulett) [zusammengefügt (?)] werde, [senkrechte Zeile 2] werde an ... gegeben (?).13  [---] Spruch [---] auf [---] [3,1] [---] Brot, Bier, jede Sache, bekleidet (?)14 [---] für diese / dieser fünf Götter ‚über dem Jahr‘15. [---] sagte:16 [---]
[3,5] Werde getrunken von dem Mann, nachdem er [---] dort/damit eine Straußenfeder (?), um die Hitze17 [jedes] Körperteils abzuschneiden18.

1 Lesung des Gottesnamens mit Meyrat. Zu Hedj-hetep vgl. B. Backes, Rituelle Wirklichkeit. Über Erscheinung und Wirkungsbereich des Webergottes Hedjhotep und den gedanklichen Umgang mit einer Gottes-Konzeption im Alten Ägypten, Rites égyptiens 9 (Turnhout 2001), und M. Zecchi, The God Hedjhotep, in: Chronique d’Égypte 76 (151–152), 2001, 5–19, hier 5–19 mit älterer Literatur. Die Stelle in pRamesseum VIII ist Backes’ Belegsammlung (a.a.O., 5–15) noch hinzuzufügen. Hedj-hetep ist der Gott der Webkunst; seine Funktion im vorliegenden Text, und was es mit seinen Mahlzeiten auf sich hat, kann aufgrund der Zerstörungen nicht bestimmt werden.
Zur Vokalisierung des Gottesnamens gegenüber der traditionell verwendeten Form „Hedj-hotep“ und zur Deutung als „Der mit leuchtender Opfergabe“ (im Anschluss an das LGG) s. J.F. Quack, Der Weber als Eunuch im Alten Ägypten, in: J.F. Quack – A. Berlejung – J. Dietrich (Hrsg.), Menschenbilder und Körperkonzepte im Alten Israel, in Ägypten und im Alten Orient, Orientalische Religionen in der Antike 9 (Tübingen 2012), 519–526, hier 519 (Hinweis Quack).
Quack (E-Mail vom 05.08.2021) erwägt dagegen, die vordere Namenshälfte statt als Meyrats Keule + Buchrolle über t eher als Docht + Gardiner Aa5 zu lesen und als „Apis“ zu deuten. G. Möller, Hieratische Paläographie. Die ägyptische Buchschrift in ihrer Entwicklung von der fünften Dynastie bis zur römischen Kaiserzeit. Bd. 1. Bis zum Beginn der achtzehnten Dynastie, 2 (Osnabrück 1965 (= 1927)), Nr. 390 führt zwar eine dem Zeichen auf pRamesseum VIII ähnliche, aber doch nicht identische Form für Aa5 an. In der Mitte von Zeile 3,9 ist, kurz vor einer Abbruchkante, zumindest die rechte Hälfte von Aa5 erhalten, die dort etwas anders aussieht als das fragliche Zeichen an der hier vorliegenden Stelle.

2 [1, x+1]: Wo der Papyrus über die ganze Höhe erhalten ist, hat er 8 (Kol. 2), 9 (Kol. 4–14), 10 (Kol. 3) bzw. 11 (Kol. 15) waagerechte Zeilen. Das bedeutet, dass der Text am Anfang zwischen acht und zehn Zeilen schwankt und am Ende mit elf Zeilen das Maximum erreicht (was vermutlich ein Zeichen dafür ist, dass der Schreiber dort am Ende ankam, s. auch den Kommentar zum Textende) und ansonsten konstant neun Zeilen aufweist. Die erste (erhaltene) Kolumne liegt mit neun Zeilen genau innerhalb der Standardzeilenzahl des Papyrus. Da aber gerade am Anfang die Zeilenzahl schwankt und nicht ausgeschlossen werden kann, dass hier auch ursprünglich 10 (oder mehr) Zeilen gestanden haben, wird Meyrats Zeilenzählung als „x+1“ etc. gefolgt.

3 stꜣ.w: Das Wort ist mit dem „schlechten Paket“, Gardiner Sign-list Aa2, sowie einem Arm klassifiziert. Den waagerechten Strich darunter transliteriert P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 307 als Pluralstriche; diese Form ist auch sonst im Text für die Pluralstriche belegt. Alternativ wäre an ein n zu denken. Meyrat, a.a.O., 42 und 51 („en halant“) sieht in dem Wort eine Schreibung für sṯꜣ: „ziehen, herbeiführen“, Wb 4, 351.7–353.17, und verweist darauf, dass in späten Texten manche Göttinnen Hapi aus seiner Höhle sṯꜣ: „ziehen“ sollen (C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. VI. s, Orientalia Lovaniensia Analecta 115 (Leuven 2002), 704b–c). Die Klassifizierung von sṯꜣ ist ungewöhnlich, weil v.a. der für dieses Wort typische Klassifikator der laufenden Beinchen fehlt. Allerdings weist Meyrat, a.a.O., 41 darauf hin, dass sich generell viele ungewöhnliche Schreibungen auf pRamesseum VIII finden. Schwierig zu erklären bleibt aber die explizite Pluralmarkierung, die eher für ein Substantiv spricht und an einem mittelägyptischen Infinitiv unerwartet ist. Dieses Substantiv könnte entweder sṯꜣ lauten, wenn das Wachtelküken und die Pluralstriche einen grammatischen Plural markieren, oder sṯꜣ.w, mit dem Wachtelküken als Ableitungsendung eines singularischen Substantivs und der Pluralmarkierung als Teil der Klassifikation.
(1) Wb 4, 354.8–9 führt ein Substantiv sṯꜣ.w an, das mit Pluralstrichen geschrieben ist und gerade auch in Kombination mit der Präposition m verwendet wird. Es handelt sich dabei um eine Substantivbildung von sṯꜣ: „ziehen“: „das Ziehen“; die Pluralstriche gehören darin also zur Klassifizierung des Abstraktums. Dieses Wort kommt bislang nur in der Jenseitsliteratur des Neuen Reiches vor und evtl. einmal in der Erzählung vom „Sporting King“, Zeile C1, 4 (s. im TLA). Gezogen werden in den entsprechenden Texten im Normalfall die Götter; aber vom Kontext her ist meist ein Ziehen durch die Unterwelt gemeint, was zu Hapi weniger passt. Außerdem besteht hier ein ähnliches Problem wie bei dem einfachen Verb: Dieses Substantiv ist mit den laufenden Beinchen klassifiziert, die in pRamesseum VIII auffälligerweise fehlen.
(2) Daneben gibt es ein Substantiv sṯꜣ.w (Wb 4, 355.13 + evtl. 14), das mit expliziter w-Endung und Pluralstrichen geschrieben wird, also ein echter oder scheinbarer Plural ist, und das mit dem „schlechten Paket“ klassifiziert werden kann (allerdings ohne zusätzlichen schlagenden Arm geschrieben). Dieses Wort kommt im Totenbuch, genauer: in Tb 17, vor und bezeichnet etwas, was Seth dem Horus ins Gesicht „wirft“ (wdi̯) (vgl. Urk. V, 32–33 und G. Lapp, Totenbuch Spruch 17, Totenbuchtexte. Synoptische Textausgabe nach Quellen des Neuen Reiches 1 (Basel 2006), 116/117a–b). H. Brugsch, Hieroglyphisch-demotisches Wörterbuch. Bd. IV (Leipzig 1868), 1334 verbindet es mit koptisch ⲥⲁⲧ: „Kot“ und gibt daher als Bedeutung: „Schmutz, Unrath, ordure, excréments“. (S. zu diesem Wort J. Černý, Coptic Etymological Dictionary (Cambridge 1976), 164, s.v. ⲥⲟⲧ, der es aber nicht von sṯꜣ.w, sondern von sḏꜣ.w aus pBerlin 10482, Rto. 19 [= D. Meeks, Année lexicographique. Tome 1. 1977 (Paris 1980), 77.4035] ableitet, und W. Westendorf, Koptisches Handwörterbuch, 2. Auflage (Heidelberg 2008), 198, s.v. ⲥⲁⲧ und 199, s.v. ⲥⲟ(ⲟ)ⲧ, der an ein Derivat von sti̯: „ausgießen“ denkt.) Diese Übersetzung „Schmutz“ findet sich noch bei H. Grapow, Das 17. Kapitel des ägyptischen Totenbuches und seine religionsgeschichtliche Bedeutung (Berlin), 24 (als „Schmutz (o.ä.)“), H. Grapow, Religiöse Urkunden. Ausgewählte Texte des Totenbuches [Übersetzung zu V,1–208], Urkunden des Ägyptischen Altertums V (Leipzig 1917), 14 (als „Schmutz“) und noch als Möglichkeit auf den Reiterkarten DZA 29.856.940 und DZA 29.857.060 des Wb (als „Schmutz (?)“).
Eine fast identische Passage wie in Tb 17 kommt im Grab des Antefoker aus dem Mittleren Reich vor; B. Gunn, Review of: Davies, N. de Garis 1920. The tomb of Antefoḳer, vizier of Sesostris I, and of his wife, Senet (no. 60). Theban Tombs Series 2. London: George Allen & Unwin, in: Journal of Egyptian Archaeology 6 (4), 1920, 298–302, hier: 301 mit Anm. 10 übersetzt das Wort mit „wound“, weil er keinen Beweis für die Bedeutung „Schmutz“ findet, aber ein Wort sṯꜣ im pEbers kennt (gemeint ist Wb 4, 355.10–11 = H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Zweite Hälfte (h), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.2 (Berlin 1962), 820), „which is common enough in the meaning ‚wound,‘ ‚bruise‘“. Diese „common“ Bedeutung stammt offenbar aus der Übersetzung von H. Joachim, Papyros Ebers. Das älteste Buch über Heilkunde (Berlin 1890), der einzigen vollständigen Übersetzung des pEbers, die zu diesem Zeitpunkt existierte: Joachim, a.a.O., 119 übersetzt tatsächlich sṯꜣ am Ende von Eb 535 sowie in den Rezepten Eb 536, 540 und 542 mit „Wunde“. Joachim übersetzt dieses sṯꜣ jedoch uneinheitlich: An früheren Stellen des pEbers (Eb 518, 522, 530 und 531 = Joachim, S. 115–118) bietet er „Ausfluss“ und einmal „Ausfluss(wunde)“ an. (Vielleicht aufgrund einer vermeintlichen Verbindung zu sti̯: „ausfließen“? Der Wechsel zur Übersetzung „Wunde“ findet bezeichnenderweise am Ende von Eb 535 statt, wo von einer rʾ n sṯꜣ: „Öffnung des sṯꜣ“ die Rede ist, was ihm wohl für einen „Ausfluss“ nicht passend schien.) An späteren Stellen (Eb 766d und 767) übersetzt er (S. 167) es mit „Geschwür“. L. Stern, Glossarium, in: G. Ebers (Hrsg.), Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die Arzeneimittel der alten Ägypter in hieratischer Schrift. Vol. 2 (Leipzig 1875), 1–63, hier 41b gibt als Bedeutung dagegen nur „genus ulceris“. Obwohl Joachims Übersetzung „Wunde“ also nicht gesichert ist und nur eine von drei Möglichkeiten ist, wie er dieses Wort übersetzt, wandert sie (vielleicht über den Umweg Gunn) als „Verwundung o.ä.“ ins gedruckte Wb, also das Wort von Tb 17, und löst die alte DZA-Vermutung „Schmutz (?)“ ab. Vor hier aus wandert sie dann in die übrigen Wörterbücher: R.O. Faulkner, A Concise Dictionary of Middle Egyptian (Oxford 2002 (Repr. 1962)), 255: „injury“, R. van der Molen, A Hieroglyphic Dictionary of Egyptian Coffin Texts, Probleme der Ägyptologie 15 (Leiden 2000), 582–583: „injury, wound“, R. Hannig, Großes Handwörterbuch Ägyptisch – Deutsch (2800-950 v. Chr.). Die Sprache der Pharaonen (Marburger Edition), Kulturgeschichte der Antiken Welt 64, 4. Auflage (Mainz am Rhein 2006), 581, Nr. {31463}: „Verwundung“, C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd I. y, Orientalia Lovaniensia Analecta 110 (Leuven 2002), 422c, s.v. jryw-sṯꜣw: „Die zu den Wunden gehören“.
[Nb: Der Terminus der medizinischen Texte, auf dem dieser Bedeutungsansatz basiert, wird dagegen in Wb 4,0355.10–11 als „krankhafte Erscheinung: Schwellung o.ä.[;] auch bei Wunden“ aufgenommen. B. Ebbell, Alt-ägyptische Bezeichnungen für Krankheiten und Symptome, Skrifter utgitt av Det Norske Videnskaps-Akademi i Oslo. II. Hist.-Filos. Klasse 1938 (Oslo 1938), 47–48 bringt bezüglich des medizinischen Terminus dagegen Argumente für eine Übersetzung als „Sekret“ vor (also vergleichbar zu Joachims „Ausfluss“), v.a. weil es im Zusammenhang mit Wunden vorkomme und einmal (in Eb 767) vom Ohr „ausgesendet“ (hꜣb) werde: „(...) man kann sich schwer denken, daß etwas anderes aus dem Ohr oder einer Wunde heraussickern kann.“ Er leitet es als das „Ausgesickerte“ von sṯꜣ: „fließen“ ab. Dieser Vorschlag „Sekret“ wird im MedWb 2, 820 übernommen.]
Das sṯꜣ.w von Tb 17 sowie dessen Vorläufer A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts IV. Texts of Spells 268–354, Oriental Institute Publications 67 (Chicago 1951), 236 (Sargtextspruch 335), der Wb noch unbekannt war, übersetzt M.S.H.G. Heerma van Voss, De oudste versie van Dodenboek 17a. Coffin Texts spreuk 335a (Leiden 1963), 30 mit Anm. 7 dann mit „schade“, „beschadiging“. Diese Übersetzung scheint eine Abstrahierung von Gunns Vorschlag zu sein, den er in Anm. 7 nennt; die Übersetzungen von MedWb 2 erwähnt er zwar, geht aber nicht weiter darauf ein. R.O. Faulkner, The Ancient Egyptian Coffin Texts. Vol. I. Spells 1–354 (Warminster 1973), 263 und U. Rößler-Köhler, Kapitel 17 des ägyptischen Totenbuches. Untersuchungen zur Textgeschichte und Funktion eines Textes der altägyptischen Totenliteratur, Göttinger Orientforschungen IV.10 (Wiesbaden 1979), 218 übernehmen dagegen in ihren Übersetzungen von Sargtextspruch 335 wieder Gunns Vorschlag: „wound“ bzw. „Wunde“; vgl. ebenso N. Gräßler, Konzepte des Auges im alten Ägypten, Studien zur Altägyptischen Kultur, Beihefte 20 (Hamburg 2017), 119. Allerdings hatte schon H. te Velde, Seth, God of Confusion. A Study of his Role in Egyptian Mythology and Religion, Probleme der Ägyptologie 6 (Leiden 1967), 34–37 Zweifel an dieser Übersetzung vorgebracht. Er merkt zurecht an, dass der Neuvorschlag von MedWb (d.h. eigentlich von Ebbell) zur Bedeutung des medizinischen sṯꜣ Gunns Interpretation des sṯꜣ des Antefoqer und damit des Tb die Basis entziehe. Te Veldes Ansicht nach sei der ganze Kontext, in dem das Wort vorkommt, bislang nicht richtig erkannt worden: Die fragliche Passage steht als Glosse zu der Aussage, dass das Auge „gefüllt“, d.h. geheilt, worden sei, nachdem es ẖks gemacht worden war „am Tag des Kampfes der beiden Rivalen“ (d.h. Horus und Seth). Dieses Verb ẖks kommt nur an dieser Stelle vor, und Wb denkt an eine Art Verletzung oder Beschädigung, eben weil es ein Zustand ist, der das Auge nicht „voll“ erscheinen lässt (vgl. Wb 3, 400.16 und 401.1). M.S.H.G. Heerma van Voss, De oudste versie van Dodenboek 17a. Coffin Texts spreuk 335a (Leiden 1963), 29 mit Anm. 12 vermutet konkreter, dass das Verb eine Variante des seltenen Verbs hqs (Wb 2, 503.3) sei, das in einigen Textvarianten stattdessen verwendet wird, und übersetzt mit „nadat het verkleind was“. Das Verb hqs scheint tatsächlich eine Verkleinerung oder Reduktion auszudrücken, denn im Beredten Bauern wird es wie ein Antonym zu wbn: „überquellen“ verwendet. Die Übersetzung „reduzieren“ passt auch gut als Gegensatz zu „voll sein“, und mit dieser Begründung zweifelt te Velde, a.a.O., 36–37 an, dass an dieser Stelle die Nuance auf einer „Verletzung“ oder „Beschädigung“ des Horusauges läge [NB: seine anschließende Diskussion zu nknk.t und nkk.t ist für die vorliegende Frage irrelevant, weil diese Begriffe sich auf andere Stellen des Tb beziehen.] Außerdem vermutet te Velde in dem Ausdruck wḏi̯ sṯꜣ eine Kausativbildung analog zu wḏi̯ nkn. Infolgedessen wird die Präposition m in der Phrase m/m-ḫt wḏi̯.t=f sṯꜣ.w m ḥr n Ḥr.w nicht von wḏi̯, sondern von sṯꜣ regiert, und sṯꜣ m bedeute te Velde zufolge „drag out“, „pull out“, „flow out“. Es sei also gar nicht davon die Rede, dass Seth dem Gesicht des Horus etwas zufüge, sondern umgekehrt etwas von ihm wegnähme, und er schlägt als Übersetzung vor: „after Seth had withdrawn“ und im nächsten Absatz schreibt er: „It is not impossible that by the discharge of the eye tears are meant“. Insgesamt läge eine Anspielung auf den Vergewaltigungsakt des Horus durch Seth vor, der hier beendet würde, und er erwähnt einen von A.H. Gardiner, Hieratic Papyri in the British Museum. Third Series: Chester Beatty Gift. Bd. 1. Text (London 1935), 62, Anm. 10 erwähnten Text (= W. Spiegelberg, Hieratic Ostraca and Papyri Found by J. E. Quibell in the Ramesseum, 1895–6, British School of Archaeology in Egypt and Egyptian Research Account [2*] (Sonderband) (London 1898), Taf. 1–2 = oUC 31942, s. D.P. Silverman – J.H. Wegner, A Late Egyptian Story in the Penn Museum, in: Z.A. Hawass – J.E. Richards (Hrsg.), The Archaeology and Art of Ancient Egypt. Essays in Honor of David B. O’Connor, Vol. 2 2, Supplément aux Annales du Service des Antiquités de l’Egypte 36.2 (Le Caire 2007), 403–424, hier 406 und 410), in dem das Opfer einer Vergewaltigung ebenfalls an Kopf und Augen verletzt würde. Seine Interpretation dieser Stelle hat einiges für sich, müsste aber etwas modifiziert werden:
(a) wḏi̯ sṯꜣ ist sicher kein Kausativ von sṯꜣ, denn der Kausativ wird entweder mit dem Präfix s gebildet oder mithilfe von rḏi̯. Die von te Velde erwähnt Parallele wḏi̯ nkn ist zu streichen, denn nkn ist an dieser Stelle höchstwahrscheinlich das ebenso belegte Substantiv, so dass dort keine Kausativbildung Verb + Verb vorliegt, sondern Verb + substantivisches direktes Objekt.
(b) Die Phrase m/m-ḫt wḏi̯.t=f sṯꜣ.w m ḥr n Ḥr.w steht parallel zu m/m-ḫt jṯi̯.t Ḥr.w ẖr.wj Stẖ: „als/nachdem Horus die Hoden des Seth packte“. Vermutlich dürfte in beiden Fällen der Beginn einer Handlung gemeint sein und nicht einmal die Beendigung einer Handlung und einmal der Beginn.
Es wäre daher zu überlegen, ob man die fragliche Stelle verstehen sollte als „als/nachdem er (d.h. Seth) Ausflüsse (vgl. vielleicht den deutschen, wenn auch in diesem Zusammenhang zu flapsigen, Ausdruck ‚Rotz und Wasser‘) in das Gesicht des Horus gelegt hat“, oder singularisch/abstrakt: „als/nachdem er (d.h. Seth) Ausfluss/ein Ausfließen in das Gesicht des Horus gelegt hat“. Beides rückt die Stelle erneut, wie schon von Gunn vorgeschlagen, in die Nähe des medizinischen Terminus, wäre aber mit Ebbells/MedWbs Übersetzungsvorschlag vereinbar. Der Kommentar *46 bei U. Rößler-Köhler, Kapitel 17 des ägyptischen Totenbuches. Untersuchungen zur Textgeschichte und Funktion eines Textes der altägyptischen Totenliteratur, Göttinger Orientforschungen IV.10 (Wiesbaden 1979), 177 zeigt, dass sie sṯꜣ.w als grammatischen Plural versteht; es ist aber ebenso nach wie vor denkbar, dass die Pluralstriche, wie beim medizinischen Terminus, zur Klassifizierung der Flüssigkeit resp. des Abstraktums gehören und nur ein scheinbarer Plural vorliegt. Es scheint so, als könne man dieses Wort lexikologisch näher zu dem medizinischen Terminus sṯꜣ rücken.
(c) Die von te Velde erwähnte Stelle, in der bei einer Vergewaltigung auch Kopf und Augen betroffen wären, ist eine stark zerstörte Parallele zur Legende um Seth und Anat; Quack (E-Mail vom 05.08.2021) zufolge ist dort aber nicht das Opfer, sondern der Täter betroffen, was einen Vergleich mit der CT/Tb-Stelle ausschließt. Das ändert jedoch nichts daran, dass in der CT/Tb-Stelle Horus der Betroffene von wḏi̯ sṯꜣ ist.
Sofern man die Bedeutung „Ausflüsse; Ausfließen“ akzeptiert, wäre es möglich, in pRamesseum VIII, 1, x+2 dasselbe Wort anzusetzen: Es wäre dann von den Ausflüssen oder dem Fließen des Hapi die Rede, und die Klassifikatoren wären nur aufgrund der Verwendung des Begriffs in Sargtextspruch 335 beeinflusst. Vgl. hierzu vielleicht auch DZA 29.856.730 mit einer Inschrift im Grab des Iamu-nedjeh aus der 18. Dynastie, in der die Götter ihn mitnehmen (šdi̯) auf die sṯꜣ.w n mw: „Ausflüsse (?) des Wassers“.
(3) Dasselbe oder ein ähnliches Wort stꜣ.w kommt ferner in der Lehre des Amenemhet aus dem Mittleren Reich, § H8a, vor (Wb 4, 355.12; die auf DZA 29.857.190 genannte weitere Stelle aus der Lehre des Cheti nach pSallier II, 9,4–5 ist wohl zu emendieren, vgl. den Kommentar zur Stelle von P. Dils im TLA). Wb listet es zusammen mit dem eben diskutierten sṯꜣ.w Nr. (2) auf, erwägt aber die Möglichkeit, dass es eigentlich verschiedene Wörter sind. In seiner Lehre berichtet Amenemhet, dass er nachts von einem Kampf der Leibwache überrascht wurde und schließt: m=k sṯꜣ.w / sṯꜣ.w=j ḫpr(.w) jw=j m-ḫmt=k (...): „Siehe, das / mein sṯꜣ.w ist geschehen, als ich ohne dich war (...)“. Im Zusammenhang mit der Diskussion um den Mord an König Amenemhet hat auch diese Stelle einige Diskussion nach sich gezogen. Wb vermutet: „Mordversuch, Angriff auf jem.“. A. Scharff, Der Bericht über das Streitgespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele, Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München 1937.9 (München 1937), 15 vermutet: „Ob man (...) sčꜣ·w [in der Lehre des Amenemhet, L.P.] konkret mit ‚Mordversuch‘ übersetzen kann, wörtlich ‚das Hingeschlepptwerden‘ nämlich ‚zum Tode‘?“
G. Posener, Littérature et politique dans l’Égypte de la XIIe dynastie, Bibliothèque de l’École des hautes études, Sciences historiques et philologiques 307 (Paris 1956), 67 mit Anm. 11 erwägt dagegen einen Zusammenhang mit sṯꜣ im Sinne von „extraire“ (Wb 4, 352.10–12) und stellt einen Zusammenhang mit dem hier als Nr. (2) diskutierten Wort, konkret in A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts IV. Texts of Spells 268–354, Oriental Institute Publications 67 (Chicago 1951), 236–7a, her, das verwendet würde „pour l’arrachement des yeux“. M. Lichtheim, Ancient Egyptian Literature. A Book of Readings. Vol. I. The Old and Middle Kingdoms (Los Angeles, CA 1973), 137 übersetzt kommentarlos mit „bloodshed“; man kann vermuten, dass diese konkrete Übersetzungsnuance ebenfalls von Nr. (2) inspiriert ist, ähnlich wie bei Posener. Ihr Übersetzungsvorschlag könnte von Wb.s Bedeutung „Verwundung“ abgeleitet sein. Dieselbe Überlegung zeigt sich deutlich in Faulkners Übersetzung „my injuries“ in W.K. Simpson, The Literature of Ancient Egypt. An Anthology of Stories, Instructions, and Poetry, new edition (New Haven, London 1973), 195 (ebenso R.O. Faulkner, A Concise Dictionary of Middle Egyptian (Oxford 2002 (Repr. 1962)), 255, wo es nur einen Eintrag für das Nomen sṯꜣ gibt und die Lehre des Amenemhet als erster Beleg angegeben ist; Tobin übersetzt das Wort dagegen als „ruin“ in W.K. Simpson, The Literature of Ancient Egypt. An Anthology of Stories, Instructions, Stelae, Autobiographies, and Poetry, third (New Haven, London 2003), 169).
W.J. Murnane, Ancient Egyptian Coregencies, Studies in Ancient Oriental Civilization 40 (Chicago 1977), 247 mit Anm. 27 schlägt „eruption“ vor; mit Verweis auf sṯꜣ: „Sekret“ der medizinischen Texte (H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Zweite Hälfte (h), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.2 (Berlin 1962), 820) erwägt er eine noch allgemeinere Übersetzung „excrescence“ oder „abominable things“ (für letztere Variante verweist er auf A. Erman, The Ancient Egyptians. A Sourcebook of Their Writings. Translated by Aylward M. Blackman, Harper Torchbooks / The Academy Library (New York 1966), 73 [non vidi]; aber diese Übersetzung gibt auch schon F.L. Griffith, The Millingen Papyrus (Teaching of Amenemhat). With Note on the Compounds Formed with Substantivised n, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 34, 1896, 35–51, hier 44). Auch H. te Velde, Seth, God of Confusion. A Study of his Role in Egyptian Mythology and Religion, Probleme der Ägyptologie 6 (Leiden 1967), 35–36 lehnt eine Übersetzung als „Mordversuch“ ab und denkt an: „dying, being drawn to the underworld“ (vergleichbar zu Scharff).
Wieder etwas abstrakter ist dann die ebenfalls kommentarlose Übersetzung von E. Blumenthal, Die Lehre des Königs Amenemhat (Teil I), in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 111, 1984, 85–107, hier 94: „Anschlag“. Dieselbe Übersetzung gibt zwar auch K. Jansen-Winkeln, Das Attentat auf Amenemhet I. und die erste ägyptische Koregentschaft, in: Studien zur Altägyptischen Kultur 18, 1991, 241–264, hier 246, er weist aber in der zugehörigen Anmerkung 23 darauf hin, dass die genaue Bedeutung des Wortes unsicher sei und Übersetzungen wie „Anschlag“, „Angriff“ oder „Mord“, d.h. eine gewalttätige und/oder juristische Nuance, allein von der jeweiligen Interpretation dieser Stelle gestützt seien.
P. Vernus, Future at Issue. Tense, Mood and Aspect in Middle Egyptian: Studies in Syntax and Semantics, Yale Egyptological Studies 4 (New Haven 1990), 109 mit Anm. 11 vermutet eine euphemistische Ableitung von sṯꜣ: „ziehen“ und schlägt „withdrawal“ vor. Die genaue Stoßrichtung, wohin dieses „withdrawal“ geht, liefert erst R.B. Parkinson, The Tale of Sinuhe and Other Ancient Egyptian Poems, 1940–1640 BC (Oxford 1997), 210, Anm. 12: „‚withdrawal‘ of the mummy into its tomb“; die Stelle sei nur eine Andeutung der tatsächlichen Vorgänge, nämlich der Ermordung des Königs. Anders als bei Poseners Vorschlag wäre es also keine Bewegung aus einem Ort heraus, sondern in einen Ort hinein (vgl. unten Obsomer). Außerdem erwähnt Parkinson auch die mögliche Übersetzung „injury“, sieht also darin wieder dasselbe Wort wie im Totenbuch. In seiner Übersetzung der Stelle wählt er allerdings das Wort „passing“.
P. Vernus, Sagesses de l’Égypte pharaonique, La Salamandre (Paris 2001), 167 übersetzt dann, ähnlich wie Blumenthal, mit „attentat (?)“, gesteht aber S. 174, Anm. 40 ebenfalls die Unsicherheit der Bedeutung ein. Die Klassifizierung mit dem „schlechten Paket“ sieht er beeinflusst von dem medizinischen Terminus sṯꜣ: „Sekret“ (MedWb 2, 820); aber das ist bislang nur in pEbers und einmal in pmedLondon belegt, wohingegen auch das Wort der Sargtexte, auf die Posener explizit verwiesen hatte, so klassifiziert sein kann. Die Graphie kann also auch von hier Nr. (2) beeinflusst sein. Vernus vermutet ferner in dem nur partiell erhaltenen Wort sṯ[ꜣ](?) aus pNaga ed-Deir 3737, Kol. 5 (Brief an den Toten Meru) dasselbe Wort, das er dort mit „pr[éjudice]“ übersetzt. (Dieselbe Vermutung findet sich schon bei W.K. Simpson, The letter to the dead from the tomb of Meru (N 3737) at Nagꜥ ed-Deir, in: Journal of Egyptian Archaeology 52, 1966, 39–52, hier 41 und 46, der „discomfiture (?), un-doing, injury“ vorschlägt.) C. Obsomer, Sésostris Ier. Étude chronologique et historique du règne, Connaissance de l’Égypte ancienne 5 (Bruxelles 1995), 114–115 nennt zwar kurz frühere Interpretationen des Wortes als „Mord, Attentat“ u.ä. und erwähnt auch Murnanes Vorschlag einer an den medizinischen Gebrauch angelehnten Übersetzung, verweist anschließend aber auf den Gebrauch des Verbs sṯꜣ zum Ausdruck einer feierlichen „Einführung“ u.ä. in den Texten der 12. Dynastie. „Le nom sṯꜣw désignerait alors une ‚introduction‘ ou une ‚intrusion‘ – impromptue – d’agresseurs dans les mêmes appartements royaux.“ (Die Übersetzung „intrusion“ ist bspw. übernommen bei N. Favry, Sésostris Ier et le début de la XIIe dynastie. Karnak – Abydos – La mer rouge – La Nubie, Les grands pharaons (Paris 2009), 36; dagegen lehnt sie P. Dils in seinem Kommentar zur Stelle im TLA ab, weil sie nicht mit dem Suffixpronomen der 1. Person Sg. vereinbar ist, die das Wort in den meisten Versionen der Passage hat.)
Die gegebenen Interpretationen für die Stelle in der Lehre des Amenemhet spiegeln daher verschiedene Bedeutungen des Verbs sṯꜣ wieder:
(a) Ein passives „Gezogen-Werden“ (vgl. vielleicht Wb 4, 651.13–15: den Toten bei der Bestattung ziehen): Scharff, te Velde. Das ist einem intransitiven sṯꜣ: „Dahinziehen“ in der Bewegungsrichtung ähnlich (Wb 4, 352.18–22): Parkinson(?).
(b) Ein „Herausziehen“ (Wb 4, 352.10–12; vgl. vielleicht auch intransitives sṯꜣ in Wb 4, 354.2 und auch das sṯꜣ der medizinischen Texte scheint diese Nuance zu haben, MedWb 2, 819): Posener, Murnane, annähernd auch Lichtheim; Vernus (?).
(c) Ein „Hineinziehen“ (vgl. die Bedeutung „herbeiführen“: Wb 4, 353.1–15; auch das Ziehen des Toten bei der Bestattung hat letztlich diese Nuance): Vernus (?), Parkinson, Obsomer, Favry.
Unter diesen Voraussetzungen wäre dieses Wort (3) dann vielleicht eher in die Nähe von sṯꜣ.w: „das Ziehen“ (hier Nr. (1)) zu stellen – trotz des anderen Klassifikators, der durch den negativen Kontext der Lehre bedingt sein könnte. Andererseits ist das sṯꜣ.w von Sargtextspruch 335 / Tb 17 (hier Nr. (2)) derart spezifisch auf eine Episode aus dem Streit zwischen Horus und Seth beschränkt, dass man überlegen könnte, ob das homographe Wort aus der Lehre des Amenemhet (hier Nr. (3)) eher damit identisch ist (vielleicht in abstrahierter Bedeutung, vgl. Griffiths „abominable things“?) und durch die Verwendung gerade dieses Begriffes aus einer derart spezifischen Episode des Horus-und-Seth-Mythos die Angleichung des Königs an Horus sowie diejenige seiner Angreifer an Seth induziert ist.
In pRamesseum VIII kann allerdings diese erweiterte (Sub-?)Bedeutung nicht vorliegen.
NB: Feder geht in seiner Übersetzung des späten pBremner-Rhind = pBM EA 10188, Zeile 3,1 im TLA davon aus, dass dort dasselbe Wort wie in der Lehre des Amenemhet vorliegt: sṯꜣ sṯꜣ.w: „Das Attentat (gegen Osiris) ist herbeigeführt worden!“ (Das Substantiv oder die gesamte Phrase ist mit Pluralstrichen und dem Ersatzstrich für den Gefallenen geschrieben.) Diese Annahme ist allerdings alles andere als sicher.
J. Osing, Der spätägyptische Papyrus BM 10808, Ägyptologische Abhandlungen 33 (Wiesbaden 1976), 46–47 und 53 vermutet schließlich in dem koptischen Wort ⲥⲁⲧ in Zeile 2 von pBM EA 10808 (vgl. S. 259) ein Derivat des ägyptischen sṯꜣ.w: ⲱ ⲥⲣⲟ ⲥⲏⲃ ⲛ̄ⲟⲩⲉⲛⲁϥⲣ (...) ⲛ̄[---] | ⲥⲁⲧ ⲛⳓϥⲧ ⲛ̄ⲡⲥⲟⳓⲛ ⲛ̄ⲁⲧⲟⲣⲉ ⲧⲉⲛⲧⲣⲟ = o srw.t sbj n Wnn-nfr (...) m[---] sṯꜣ.w n-ḫft-n pꜣ sḫn n Ḥw.t-Ḥr.w tꜣ nṯr.t ꜥꜣ: „O Sro, (du) Feind des (Osiris) Wenen-nefer (...), d[ie du] ein sṯꜣ.w [gemacht o.ä.] hast gegen den Gefährten der Hathor, der großen Göttin“. Bezüglich der Lücke erwägt Osing zwar das wḏi̯ von Tb 17 (ⲩⲉⲧ-), votiert aber dann aufgrund der Lückenlänge für ein kürzeres jri̯ (ⲣ-), d.h. ⲱ ⲥⲣⲟ ⲥⲏⲃ ⲛ̄ⲟⲩⲉⲛⲁϥⲣ (...) ⲛ̄[ⲥ ⲣ]ⲥⲁⲧ ⲛⳓϥⲧ ⲛ̄ⲡⲥⲟⳓⲛ ⲛ̄ⲁⲧⲟⲣⲉ ⲧⲉⲛⲧⲣⲟ; und in seiner Übersetzung entscheidet er sich, basierend auf dem Wort der Lehre des Amenemhet, für die „Attacke“, die hier gegen den Gefährten der Hathor durchgeführt wird (übernommen von W. Westendorf, Koptisches Handwörterbuch, 2. Auflage (Heidelberg 2008), 540). Quack (E-Mail vom 05.08.2021) hat jedoch noch ein Anschlussstück gefunden, dass zeigt, dass am Zeilenanfang vor ⲥⲁⲧ noch ein stand, was Osings Ergänzung ausschließt.

4 Ergänzung des Ortsnamens mit P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 52 und 307.

5 Der Satzanfang mk.t=j mk.t: „Mein Schutz ist der Schutz von...“ von Zeile 1, x+5 bezieht sich auch auf die Zeilen x+6 bis x+8; dort ist am Anfang der Zeilen so viel Platz freigelassen, wie diese drei Wörter in Zeile x+5 einnehmen. Der Schreiber hat demzufolge quasi mit einem „hängenden Einzug“ gearbeitet und hat die intendierte Wiederholung auch nicht durch Wiederholungspunkte markiert (sofern diese nicht rein zufällig alle genau in dem senkrechten Riss lagen und daher heute verloren wären). Vgl. für dieses Layout im Konvolut der Ramesseumspapyri pRamesseum XII (P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 334–335) und außerhalb dieses Konvoluts die Hymnen auf Sesostris III. auf pUC London 32157 Rto. = pKahun LV.1, Kol. 2–4 (F.L. Griffith, The Petrie Papyri. Hieratic Papyri from Kahun and Gurob (Principally of the Middle Kingdom). Vol. II. Plates (London 1898), Taf. 1–3, M. Collier – S. Quirke, The UCL Lahun Papyri. Religious, Literary, Legal, Mathematical and Medical, BAR International Series 1209 (Oxford 2004), Begleit-CD und https://www.ucl.ac.uk/museums-static/digitalegypt/lahun/kinghymns.html [17.08.2020]).

6 ḥꜣ.yt: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 42 und 307 schlägt eine Lesung als jn.yt: „refrain“ vor, gesteht aber S. 52 ein, dass das sehr unsicher sei. Tatsächlich ist die Lesung des ersten Zeichens als Gefäß auf Beinchen, Gardiner Sign-list W25, zweifelhaft. Dem Hieratischen fehlt nämlich der vordere Fuß, den das Hieratogramm im Generellen und auf diesem Papyrus im Speziellen zeigt. Zwar fehlt auch dem Zeichen am Anfang von Zeile 12,2 dieser Fuß, aber immerhin geht dort der senkrechte Strich am unteren Ende nach vorn rechts weg, wohingegen er in 1,x+9 nach links weggeht, so dass sich die Graphie von der diskutablen Passage unterscheidet. Auch Meyrats Lesung der Ligatur nach dem Doppelschilfblatt als t über Sonnenscheibe + Pluralstrichen ist fraglich. J.F. Quack (E-Mail vom 05.08.2021) schlägt stattdessen t über den laufenden Beinchen vor. Generell möchte er die Fragmente weiter auseinanderrücken und erwägt eine Ergänzung zu hꜣ.yt𓂻. Der Zeichenrest vor den beiden Schilfblättern passt sehr gut zu einem Schmutzgeier, und die Ligaturen von Arm + Korb in mk.t, Zeile 1,x+3 – x+5, bräuchten in der Tat mehr Platz als in der derzeitigen Montage, wenn man sie mit denselben Ligaturen in denselben Wörtern am Beginn von Zeile 1,x+3 und 1,x+5 vergleicht. Jedoch ist dann, wenn man die Fragmente dementsprechend weit auseinanderrückt, die Lücke noch immer nicht lang genug für die von Quack vorgeschlagene Ergänzung zu Hausgrundriss (an der linken Abbruchkante des vorderen Fragments) und Schmutzgeier (an der rechten Abbruchkante des mittleren Fragments). Könnte das vordere Zeichen der Docht oder – angesichts des anschließenden Schmutzgeiers wahrscheinlicher – die Papyrusstaude sein? Doch für Letztere fehlt der charakteristische kleine, schräg nach vorn weggehende Querstrich auf halber Zeichenhöhe, den das Hieratogramm auch in diesem Papyrus aufweist, s. Zeile 6,4 und 7,5. Auch die Lesung des letzten Zeichens als laufende Beinchen scheint nicht sicher, ohne dass ein Alternativvorschlag vorgebracht werden kann.

7 ____: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 308 transliteriert das Hieratische als n ẖn. Das hieratische Zeichen, das er als Tierbalg versteht, unterscheidet sich jedoch stark von dem Hieratogramm in dem klaren m-ẖnw von Zeile 8,4.
Für die Zeichenreste danach schlägt J.F. Quack (E-Mail vom 05.08.2021) eine Ergänzung zu nṯr=sn vor. Es gibt jedoch noch winzige Zeichenreste vor und am Fuß des von ihm als Flaggenmast verstandenen Zeichens, die am Original geprüft werden müssten und aktuell diesen Lesungsvorschlag nicht sicher machen. Dementsprechend ist auch nicht völlig sicher, ob das s der Beginn eines Suffixpronomens =sn ist oder das Wortende, das von einem teilzerstörten Klassifikator abgeschlossen wird.

8 wꜣḏ-wr: Zur Übersetzung als „Tiefgrünes“ oder sogar „Tiefblaues“ statt der ägyptologischen Standardübersetzung „Großes Grünes“ s. W. Schenkel, Die Farben aus Sicht der Alten Ägypter, in: P. Dils – L. Popko (Hrsg.), Zwischen Philologie und Lexikographie des Ägyptisch-Koptischen. Akten der Leipziger Abschlusstagung des Akademienprojekts „Altägyptisches Wörterbuch“, Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse 84 (3) (Leipzig, Stuttgart 2016), 166.

9 Der Gott Osiris Onnophris wird hier in seiner Funktion als Schutzgottheit erwähnt sein: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 52 verweist auf die Nennung dieser Gottheit in pChester Beatty V, Vso. 4,10–5,2 in einem Spruch gegen Kopfschmerzen. Vor dem Hintergrund der Schutzformel in der vorherigen Kolumne wäre zu überlegen, ob in pRamesseum VIII in der folgenden Lücke etwas wie „Rette mich vor ...“ (nḥm wj m-ꜥ ...), „du mögest beseitigen ...“ (dr=k ...) oder „komme gegen ...“ (mj n=k r ...) gestanden hat, wobei die Kürze der Lücke für eine der beiden letzteren Möglichkeiten spricht. Danach wird man vielleicht noch den „Feind“ und die „Feindin“ ergänzen können, also ḫft.j ḫft.t, oder ḫft.j pf, wie in pRamesseum C. An der Bruchkante vor m(w)t m(w)t.t ist noch ein Zeichenrest erhalten, der zum Kopf der Hornviper gehören könnte, und dahinter ist der Rest eines Schrägstriches erhalten, der vielleicht zu dem klassifizierenden Ersatzstrich gehören könnte. Es ist daher verführerisch, tatsächlich zu [ḫ]⸢f⸣t.t zu ergänzen. Andererseits sind keine Spuren eines erkennbar, sodass letzte Zweifel bleiben.

10 Direkt hinter ḥr.j-dp weist der Papyrus ein Loch auf, das groß genug wäre, um noch eine weitere hieratische Gruppe zu enthalten. Da zudem die Zeilen ungleichmäßig lang sind, kann demzufolge nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob die Zeile mit ḥr.j-dp endete oder ob sie dahinter noch eine Zeichengruppe mehr enthielt: Ohne eine weitere Zeichengruppe wäre die Zeile genauso lang wie die darüber liegende (2,2), mit einer weiteren Zeichengruppe wäre sie genauso lang wie die darunter liegende (2,4).

11 snn šw n-mꜣ(w) ist zunächst widersprüchlich: šw n-mꜣw bezeichnet ein leeres, noch unbeschriebenes Papyrusblatt, auf das religiös-magische Sprüche geschrieben werden sollen (Wb 4, 428.9), wo sie nicht durch einen älteren Text „kontaminiert“ werden und an Wirkung verlieren können. Dagegen ist snn ein Begriff aus der Verwaltung und scheint sich auf schon beschriebene Dokumente zu beziehen. In der Inschrift des Mes aus der frühen Ramessidenzeit wird damit jedenfalls eine Kopie bezeichnet, die angefertigt und im Gericht gelagert wird, s. A.H. Gardiner, The Inscription of Mes. A Contribution to the Study of Egyptian Juridical Procedure, Untersuchungen zur Geschichte und Altertumskunde Aegyptens 4.3 (Leipzig 1905), 10 und 22, Anm. 69. Dagegen wendet J.J. Janssen, Requisitions from Upper Egyptian Temples (P. BM 10401), in: Journal of Egyptian Archaeology 77, 1991, 79–94, hier 82–83, Anm. a ein, dass die von Gardiner gegebene Bedeutung „copy“ nicht immer passe und dass snn wohl eine allgemeinere „record“, „list“ oder „document“ bezeichne. Janssens Vorschläge geben Auskunft über den Charakter der niedergeschriebenen Texte („record“ und „list“) bzw. überhaupt über den Umstand, dass es ein beschriebenes Objekt ist („document“). Weder das eine noch das andere kann in pRamesseum VIII zutreffen: Ersteres nicht, weil es sich nicht um ein administratives Schriftstück handelt, Letzteres nicht, weil der Papyrus dezidiert „leer“, d.h. unbeschrieben, sein soll. Möglicherweise ist daher doch Gardiners Vorschlag „Kopie“ treffender, denn was in pRamesseum VIII beschrieben wird, ist de facto das Kopieren des Spruches, der auf pRamesseum VIII niedergeschrieben ist, auf ein „neues Papyrusblatt“. Das syntaktische Verhältnis zwischen snn und šw n-mꜣw ist vermutlich dasjenige einer Badalapposition, was den Fokus der Bedeutung von snn auf den materiellen Aspekt schiebt – möglicherweise ist es dieser Aspekt, der snn von mj.tj, der „Abschrift, Kopie o.ä.“ (Wb 2, 39.10–11), unterscheidet (NB: mit dem Verweis auf die Existenz des Begriffes mj.tj hatte P. Kaplony, Der Schreiber, das Gotteswort und die Papyruspflanze. Mit neuen Untersuchungen zum unterägyptischen Königtum, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 110, 1983, 143–173, hier 169, Anm. 207 die Bedeutung „Kopie“ für snn abgelehnt).

12 mn[ḫ]: Die Ligatur aus mn und n ist noch teilweise erhalten. Danach folgt eine kleine Lücke von einem halben bis einem Schreibquadrat Länge, und danach der Rest eines Zeichens, das P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 308 als Ast, Gardiner Sign-list M3, transliteriert. Möglicherweise handelt es sich dabei aber eher um den Meißel, mit dem mnḫ: „auffädeln“, Wb 2, 87.8–11, geschrieben sein kann, so dass hier dasselbe Verb vorliegt wie in Zeile 6 (dort von Meyrat nur ergänzt). Während dort das Fayenceamulett auf ein dp.t n.t nḏ aufgefädelt werden soll, wird hier das Papyrusamulett auf ein ꜥ.t n.t sjꜣ.t. aufgefädelt und dann irgendwie mit dem Fayenceamulett zusammengebracht: Könnte in der Lücke vor ḥnꜥ ein entsprechendes Verb gestanden haben, vielleicht ṯs: „verknoten“ oder, da dieses zu kurz für die Lücke ist und üblicherweise mit anderen Präpositionen als ḥnꜥ konstruiert wird, mit dmḏ: „vereinigen, zusammenfügen“ o.a.?

13 ḏi̯ r: Rein spekulativer Deutungsvorschlag der ersten beiden Zeichen der senkrechten Zeile (P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 308: offen gelassen + Hand) aufgrund dessen, was in vergleichbaren Nachschriften magischer Texte steht. Nach einem ḏi̯ r erwartet man eigentlich einen Körperteil, meist den Hals (ḫḫ), wozu aber die Zeichenreste nicht passen. Die Gruppe aus n(?), und der Schreibgruppe darunter (Meyrat: ḥꜣ.t) ähnelt sehr stark dem ꜥnḫ=j am Ende der senkrechten Zeile zwischen Kol. 3 und 4, aber zum einen lassen sich die Zeichen darüber nicht als das notwendige Henkelkreuz deuten, und zum anderen ließe sich ein nḫ=j nicht in den Kontext einbinden.

14 ḥbs: Nur mit dem kombinierten Stoffstück Gardiner Sign-list S28 (𓋳) geschrieben. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 43 sieht hierin eine Akkürzung für ḥbs: „vêtements“, was er hinter jḫ.t nb.t als weiteren Posten der Aufzählung anfügt. Die Verbindung jḫ.t nb.t ist jedoch eher das letzte Element solcher Aufzählungen. Daher wird hier vorgeschlagen, darin stattdessen eine Abkürzung für das Verb „bekleiden“ zu sehen, ohne dass dies allerdings den Zusammenhang erhellen würde.
Die Zeichenreste danach liest Meyrat als n, den Anfang des Artikels pꜣ und auf dem neuen Fragment t und doppelte diagonale Linie Gardiner Z4, sowie ein weitere n und nfr. Bis auf das weitere n ist keine der Lesungen sicher.

15 nṯr.w 5 ḥr.(j)w-rnp.t: Die „Götter über dem Jahr“ sind die Götter der fünf Epagomenentage: Osiris, Isis, Seth, Nephthys und Haroëris; die Lesung der Zahl ergibt sich hauptsächlich aus diesem Umstand.

16 Direkt nach ḏd.n beginnt eine Lücke zwischen den beiden Hälften der Kolumne, die nach derzeitiger Montage ungefähr eine Schreibgruppe lang ist und damit theoretisch ein kurzes Wort enthalten haben könnte. Hinter der Lücke enthält diese Zeile zwar keinen weiteren Text, aber insgesamt sind die Zeilen dieser Kolumne unterschiedlich lang, so dass dieser Umstand allein kein Argument dafür wäre, dass die Zeile direkt nach dd.n umbricht.
Die Wortreste am Anfang von Zeile 3,4 sind unlesbar.

17 r šꜥd: Lesung mit Meyrat.

18 šꜥd šmm.t ist eine ungewöhnliche Kollokation. Ob die Lesung richtig ist?

Neuer Spruchteil mit weiterem Schutzzauber (?)

[Anmerkung: In pRamesseum VIII findet sich einige Male ein Übergang von einem Textabschnitt zum anderen in der letzten Zeile eines mehrzeiligen Rubrums, so in Zeile 4,4, 10,7 und wohl auch in 5,5 und 6,8. Wenn man das als Regel für diesen Papyrus ansieht, könnte man auch für 3,7 den Beginn eines neuen Textabschnitts postulieren. Der unvermittelte Anfang spricht dagegen dafür, dass das Folgende noch zum Vorherigen gehört, also eher ein neuer Abschnitt als ein komplett neuer Spruch beginnt.]

Was neun Tage lang zu rezitieren ist:
„Pass auf!“ – vier Mal –, so sage ich. „Nein!“ [---]1. Die Kinder des A[pis] sollen nicht geschlagen werden! (Ebenso) soll ich nicht [3,10] geschlagen werden! [Ich] soll nicht übrig gelassen werden! Ich [soll nicht be]kämpf[t werden]! Es soll nicht [senkrechte Zeile 3] irgendeine schlimme [und böse] Sache gegen mich entstehen, so dass ich leben kann [---]!
[---] [---] [---]2
[4,1] [---] ... (?) [---] Widersacher/Retter (???) [---] Frauen zu (?) den Ehemännern [---] davon zum Richtplatz der Verbrecher, die [---] be[strafen(?)]; sie [verschlucken] ihren Schatten in einem Augenblick, wie das, was den Feinden angetan wird [---].
Dieser Spruch [4,5] we[rde] sieben Mal am Tage (?)3 [---] gerieben [---] ... Brot [---] Bier mit Myrrhe und Fayence [---], nachdem er seinen Kopf und jeden seiner Körperteile damit eingerieben hat.

1 Nach mbj folgt eine kurze Lücke mit Zeichenresten, von denen derjenige hinter der Lücke ein sitzender Mann oder ein t sein könnte. Danach kommt ein und nach einer weiteren kurzen Lücke eine liegende Kuh, die P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 309 als Gardiner Sign-list E4 identifiziert, die aber vielleicht auch ein etwas gedrungenes E92C, eine stehende Kuh mit Geißel, aber ohne Kopfschmuck, sein könnte. Die beiden danach noch erkennbaren kurzen waagerechten Linien scheint Meyrat als Teil der Kuh interpretiert zu haben.
Er ergänzt an dieser Stelle den Namen der Hesat. Jedoch ist über der Lücke nach dem noch ein Zeichenrest erhalten, der schlecht zu den Schreibungen dieses Göttinnennamens passt und dem Kopf einer Hornviper ähnelt.

2 Auf dem Fragment mit Kolumne 4 sind an der rechten Abbruchkante des Papyrus Zeichenreste erhalten: auf Höhe von Zeile 4,4 und auf Höhe von Zeile 4,9. Auch die zwei winzigen dunklen Punkte auf Höhe von Zeile 4,6 könnten noch Zeichenreste sein. Diese Zeichenreste werden alle zu einer Passage zwischen den heutigen Kolumnen 3 und 4 gehören. Ob nur eine oder mehrere Kolumnen zerstört sind, lässt sich jedoch nicht feststellen. Immerhin wird man sagen können, dass diese Zeichenreste zu waagerechten Zeilen gehören und nicht zu einer vereinzelten senkrechten Zeile wie etwa nach Kolumne 3. Denn die Abbruchkante vor Kolumne 4 verläuft relativ gleichmäßig von oben nach unten, und würden diese Zeichenreste zu einer senkrechten Zeile gehören, müssten noch weitere Reste über mehr oder weniger die gesamte Kolumnenhöhe erhalten sein.

3 hrw ⸢___⸣[_] sjn [---]: Die absolute Übersetzung von hrw ist unsicher, wird aber durch 6,5 unterstützt.
P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 310 ergänzt in der Lücke nach hrw ein r, liest den Zeichenrest danach als Zahlzeichen „10“ und ergänzt in der anschließenden schmalen Lücke vor sjn ein m. Diese Rekonstruktion ist jedoch unsicher und die Zerstörung des Papyrus in der Mitte des senkrechten Zeichens mag einen falschen Eindruck von seiner ursprünglichen Form vermitteln.
Das sjn danach kann vielleicht, parallel zu dem sjn.n=f in der folgenden Zeile, ebenfalls zu sjn[.n=f] ergänzt werden. Während dieses zweite sjn.n=f die Applikation des Mittels anspricht, gehört das erste aber vielleicht eher zur Verarbeitung. Beide Gebrauchsweisen sind auch aus den medizinischen Texten bekannt, s. H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Zweite Hälfte (h), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.2 (Berlin 1962), 716–717.
Die Lesung der Zeichenreste am Ende von Zeile 4,5 folgt Meyrat, ist aber völlig unsicher.

Zauberspruch

Spruch zum Vorübergehen1 eines Mannes2 am/durch Zauber (???):
Ein Vorübergehender geht vorüber. Wer mich übergangen hat, kann nicht vorübergehen.3 Ich bin der Phönix. Geh an mir vorbei, satt/gesättigt (?)4 ... [---] mich [---]5 [5,1]6 [---]; ich gelangte zu denen, die enthüllt sind (?)7; erblinden (?) [---] jeglichen Zaubers, indem gegen mich agiert (?) wird. Es ist [---]8 Horus durch Seth [---]9 Tag der Trübsal. Rufen [---]
[---] er wünscht seinen [---] (?).10

1 zni̯: „vorbeigehen, passieren“: Das Verb zni̯ kann sowohl transitiv wie auch intransitiv verwendet werden. Bei einer Lesung des Wortes danach als „Mann“ liegt wohl eher der intransitive Gebrauch vor, weil mit dem „Mann“ sicher der Betroffene gemeint ist, ähnlich wie in den medizinischen Texten. Daher wird nicht davon die Rede sein, irgendeinen Menschen – aus welchen Gründen auch immer – passieren i.S.v. meiden zu können, sondern es wird davon die Rede sein, dass der Betroffene an etwas vorübergeht. Zugegebenermaßen ist diese Lösung problematisch: Das zu Meidende wird in diesem Fall nämlich entweder in der Überschrift nicht angesprochen, was semantisch unbefriedigend ist, oder es muss in m ḥkꜣ.w vorliegen; und in letzterem Fall könnte man zwar auf Wb 3, 456.10: „an Bösem vorbeigehen, es meiden“ verweisen, aber dieses ist nur einmal, zudem in einem neuägyptischen Text, belegt: jw zni̯.kwj m ḏw.t nb.t (pLeiden I 347, 7–8).
Liest man das Hieratogramm nach zni̯ mit Meyrat als sḏr, ist die Phrase ambivalent: Bei einem intransitiven Gebrauch wäre sḏr das semantische Subjekt, bei einem transitiven Gebrauch wäre es semantisches Objekt. Im letzteren Fall wäre die Beobachtung zu berücksichtigen, dass das Verb in Texten des Alten und Mittleren Reiches immer die Bedeutung „to transgress, to ignore“ hat (B.G. Ockinga, The Burden of Khaꜥkheperrēꜥsonbu, in: Journal of Egyptian Archaeology 69, 1983, 88–95, hier 93–94 [Hinweis Fischer-Elfert]). In Verbindung mit negativen Dingen, v.a. mit mn.t: „Krankheit o.ä.“, meint zni̯, auch schon in der Prophezeiung des Neferti, ein Durchstehen (Wb 3, 455.9, 12, 456.10). Das wird am deutlichsten in der Restaurationsstele des Tutanchamun, wo inmitten der Beschreibung der chaotischen Zustände vor seinem Regierungsantritt steht: wnn tꜣ m zni̯(.t) mn.t: „Das Land machte ein Leiden durch“, Urk. IV, 2027.11, vgl. dazu u.a. J. Assmann, Tutanchamun und seine Zeit, in: Ma'at 1, 2004, 24–33, hier 24–30 (NB: Mittelägyptisch drückt geminiertes wnn normalerweise eine futurische Bedeutung aus, vgl. A. H. Gardiner, Egyptian Grammar. Being an Introduction to the Study of Hieroglyphs, 3rd, rev. edition (Oxford 1957 (Repr. 2001)), § 118.2, was im Kontext der Stele aber nicht möglich ist; für wnn zum Ausdruck eines andauernden Zustands – u.a. mit diesem Satz als Bsp. – s. J. P. Allen, Middle Egyptian. An Introduction to the Language and Culture of Hieroglyphs (Cambridge, New York 2000), 278. Neuägyptisch lässt sich der Satz nicht erklären.) Möglicherweise kann man diese Bedeutung mit der von Ockinga festgestellten verbinden: Wenn eine Krankheit durchlitten wird, kann man sie am Ende hinter sich lassen und muss sie nicht mehr beachten. Der Spruch von pRamesseum VIII ist dann also ein magisches Hilfsmittel gegen ein (krankhaftes?) Daliegen, wobei aus der Einleitung allein noch nicht deutlich hervorgeht, ob der Spruch dazu dienen soll, diesen Zustand ignorieren zu können, ihn also von vornherein abzuwehren, oder ob er dazu dient, ihn mit gutem Ausgang durchstehen zu können.

2 s: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 310 liest das entsprechende Hieratogramm, wie auch sonst in diesem Papyrus, als sḏr und übersetzt zni̯.t sḏr auf S. 44 mit „passer un someil“. Quack (E-Mail vom 05.08.2021) denkt bei dem Hieratogramm eher an die Himmelshieroglyphe und fragt sich, ob „magisch den Himmel durchziehen“ zu lesen ist. Für die Himmelshieroglyphe fehlt jedoch der charakteristische zweite Querstrich, den das Hieratogramm allgemein und speziell auch in diesem Papyrus hat, s. die Formen am Ende von 2,3 und 12,8. An anderen Stellen dieses Papyrus schlägt Quack in derselben Mail vor, das Hieratogramm als s: „Mann“ zu interpretieren.

3 Übersetzungsvorschlag von Quack (E-Mail vom 05.08.2021). Er schlägt vor, n zni̯.n | zn[n] wj zu lesen und „wer mich übergeht, kann nicht vorübergehen“ zu übersetzen. Es fragt sich jedoch, ob man am Anfang von 4,9 wirklich ein zweites n ergänzen kann oder ob in dem Fall nicht noch Reste davon erhalten sein müssten.
P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 310 liest dagegen am Ende von 4,8 nicht n zni̯.n, sondern n zni̯.t. Das übersetzt er auf S. 44 kommentarlos mit „ne pas passer“. Hierbei ist unklar, ob das der von A. H. Gardiner, Egyptian Grammar. Being an Introduction to the Study of Hieroglyphs, 3rd, rev. edition (Oxford 1957 (Repr. 2001)), § 307.1 notierte Gebrauch von n zur Negierung des Infinitivs ist, den Gardiner aber nur für Fälle kennt, in denen zwei Infinitive parallel negiert werden, oder ob Meyrat nur die Wörter als solche übersetzen wollte, ohne auf eine bestimmte syntaktische Interpretation abzuzielen.

4 sꜣ ist ohne Klassifikatoren geschrieben, sofern die folgende, nur noch teilweise vorhandene Ligatur(?) nicht dazu gehört. Die Identifizierung ist daher nicht sicher. Die fraglichen, teilweise zerstörten Zeichen liest Meyrat als ḏ.t: „Leib“, aber das obere Zeichen ist zu waagerecht für die Kobra.

5 Ob Kolumne 5 direkt an Kolumne 4 anschloss, lässt sich allein auf Basis der Fotos nicht sagen, sondern müsste anhand des Faserverlaufs geprüft werden. Aus diesem Grund müssen die syntaktischen Grenzen als unsicher gelten.

6 [5,1]: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 311 zählt die Zeilen dieser Kolumne als x+1 usw. Sowohl das Zeilenende, an dem über 5,1 eine größere freie Papyrusfläche erhalten geblieben ist, als auch der Join mit der folgenden, eindeutig über die gesamte Höhe erhaltenen Kolumne 6 zeigen jedoch, dass über 5,1 keine weitere Zeile stand und sie tatsächlich die erste dieser Kolumne ist.

7 spr.n=j kfi̯.w: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 44 liest spr.n=j ḥbs.w=j: „j’ai atteint mes vêtements“, aber das ist nicht idiomatisch: spr meint ein Erreichen eines Ortes oder von Personen, nicht ein Erhalten von Objekten. Daher wird hier vorgeschlagen, das Kleidungsstück als Logogramm für kfi̯ zu lesen; „enthüllen“ wäre in der Nähe von „erblinden“ zumindest nicht ganz ausgeschlossen, vgl. Wb 5, 119.5: „das Gesicht enthüllen“.

8 P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 311 und 44 liest das Verb vor Horus als ꜥq=tw: „Horus est pénétré par [Seth]“, aber diese Bedeutung ist für ꜥq nicht belegt.

9 Die kleine Lücke am Beginn von Zeile 5,4 wird nicht ganz von dem h des hrw allein gefüllt. Meyrat, a.a.O. ergänzt daher dort noch die Präposition m: „[au j]our de l’affliction“. Üblicherweise werden aber solche Zeitangaben im Mittelägyptischen nicht mit Präpositionalphrasen, sondern mithilfe von Substantiven im absoluten Gebrauch gebildet.

10 Die Zeichenreste am Beginn der nächsten Zeile möchte P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 311 und 44–45 zur Präposition ḥr ergänzen. Doch die Rubra in pRamesseum VIII gehen meist, soweit erkennbar, mit einem Spruchwechsel einher, und der neue Spruch beginnt dabei jeweils – erneut: soweit erkennbar – mit einer neuen Zeile und nicht innerhalb einer Zeile. Daher wird hier postuliert, dass contra Meyrat auch in diesem kurzen Rubrum ein Spruchwechsel vorliegt und mit Zeile 5,5 ein neuer Spruch anfängt. Die Zeichenreste am Beginn dieser Zeile könnten auch zu rʾ n passen.

Spruch zum Abwenden eines Zaubers

[5,5] [Spruch (?) zum] Abwenden1 eines Zaubers, der [---] ist/war:
Der Zauber ist ge[___]2; der/die/das [---]3 ist ge[kommen (o.ä.)]. Dieses Feuer soll(?) aus Mende[s] gegen mich kommen.4 Er [macht ...] ... (?), weil ich ausgesandt (?) wurde. Ich bin wahrhaftig ein Gefolgsmann/Kämpfer (?)5. (Mein?) Herz jubelt über ihn/es angesichts von jedem Mann. Es ist Re(?), der mich Seth [---],6 ohne ihr gegenüber / deswegen milde zu sein. Ich veranlasse, dass [er/sie/es]7 ihn/es [... (macht)] gegen mich, (und?) dass [er/sie/es] ihn [... (macht)] gegen mich. Es ist Seth, der 〈Sohn〉 der Nut, der sich zu der begab (?)8, die ihn erschaffen hat, und der sich [zu ...] begab9 (?)8, [der/die ... ] den Gecko. Sie sollen(?) töten [6,1] [---] sie am Ort ... (?) [---]. Sie mögen sich [aller] Magier und aller Magierinnen bemächtigen. Der, der ihn/sich [---] (?), bringt (?) die Myrrhe zu Schesemu, zu Wadjet (?), [---], [---] Horus, dessen Knie müde ist.10 Er gibt es dem Hungrigen. Der Ungepflegte (?)11 [---] bringen zu dem Nackten [6,5] [---] der in dieser Schale ist.12
Dieser Spruch werde vier Mal am Tage (?)13 gesprochen für 9 Tage. Er wird ge[___]t [---] den Gecko14 zusammen mit ... (?)15; werde an die [---]16 der Tür des Hauses gegeben (?), der/die/das(?) ihn(?) stärkt.17

1 Das Verb spnꜥ, das Kausativum von pnꜥ: „umwenden“, ist bislang nur vier Mal belegt: Es ist je einmal im Papyrus Ebers und Papyrus Edwin Smith im Zusammenhang mit Kosmetika belegt und bezeichnet wohl eine Verschönerung der Haut; in Kom Ombo lässt der Krokodilgott Sobek die Schiffe spnꜥ machen, also „umstürzen“ (DZA 29.138.730); und im Papyrus Salt 825, Zeile x+10,10 (neu = 5,10 alt) wird eine „geheime Schrift“ für das spnꜥ ḥkꜣ.w genannt; dort steht das Verb parallel zu ṯꜣz (ṯꜣz.w), smn (ṯꜣz.w) und rdḥ (šn), dem „knoten“ und „bannen“ von Beschwörungen sowie dem „zurückhalten“ oder „einschüchtern“ des Erdkreises (vgl. P. Derchain, Le Papyrus Salt 825 (B.M. 10051), rituel pour la conservation de la vie en Égypte, Académie royale de Belgique. Classe des Lettres et des Sciences Morales et Politiques. Mémoires. Collection in-8°, Deuxième série 58 (Bruxelles 1965), 139 und 7*). Derchain übersetzt spnꜥ als „faire échouer“.

2 Nach der aktuellen Rekonstruktion ist die Lücke zwischen wn und ḥkꜣ(.w) nur etwa drei Schreibgruppen lang und kann kaum mehr als ein Subjekt von wn und die Einleitung des ersten Satzes nach dem Rubrum enthalten haben. Die noch erhaltene w-Schleife am Ende der Lücke spricht für ein Verb; die beiden waagerechten Zeichenreste davor schließen jedoch ein t aus, so dass wohl kein tw vorliegt. Ob man an eine kompakte Schreibung von ḫpr.w denken kann?

3 Von dem Wort nach ḥkꜣ(.w) sind noch die laufenden Beinchen erhalten, aber eine Rekonstruktion ist nicht möglich.

4 Es ist unerwartet, dass der Sprecher sich wünscht, dass ihm Flammen entgegenschlagen – weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart oder Zukunft. Man könnte zwar auch an eine Konstruktion pri̯ r: „kommen zu“ (Wb 1, 519.4–7) m „... aus“ (Wb 1, 519.1) denken und übersetzen: „Dieses Feuer kommt zu mir aus Mendes“. Aber die Kollokation „Feuer kommt gegen NN“ ist in magischen Texten gut belegt.
In jedem Fall könnte in diesem Satz ein realweltliches und als magisches Utensil verwendetes Feuer (vgl. die Deixis von ḫ.t tn!), vielleicht an einer Fackel oder einem Öllämpchen, als aus Mendes kommend bezeichnet worden sein.

5 nḏs: Lesung und Ergänzung mit P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 311. Quack (E-Mail vom 05.08.2021) schlägt dagegen eine Lesung nḏ vor, wozu jedoch die Zeichenreste am Zeilenende nicht gut zu passen scheinen. Nichtsdestotrotz ist Meyrats Übersetzung „Je suis pauvre en Maat“ (S. 45) inhaltlich wenig befriedigend. Zu nḏs als Personenbezeichnung s. generell D. Franke, Kleiner Mann (nḏs) - was bist Du?, in: Göttinger Miszellen 167, 1998, 33–48, der die häufige Interpretation als „freier Mann“ oder gar (intellektueller) „Bürger“ kritisiert und aufzeigt, dass diese Personen im Mittleren Reich keineswegs frei waren. Er zeigt auf, dass sie eher als Getreue bzw. Gefolgsleute zu verstehen sind und damit der Bezeichnung šms.w nahekommen (S. 46), und dass hier ein Fokus ihres (Selbst-)Verständnisses auf dem Kriegshandwerk liegt (S. 45–47), weswegen er ihnen in diesen Kontexten die Konnotation „tolles Kerlchen, Held“ (S. 45) zuspricht. Vgl. dazu auch R.O. Faulkner, A Concise Dictionary of Middle Egyptian (Oxford 2002 (Repr. 1962)), 145, der für nḏs jqr das Übersetzungsangebot „valiant warrior“ gibt.
In pRamesseum VIII würde sich die Bedeutung „Gefolgsmann“ gut mit dem vorangehenden Satzteil verbinden lassen, in dem der Sprecher ausgesandt wird. Gleichzeitig lässt die Bedeutung „Kämpfer“ o.ä. daran denken, dass auch das Wort ꜥḥꜣ.w: „Krieger“ laut J.F. Borghouts, Ancient Egyptian Magical Texts. Translated, Nisaba 9 (Leiden 1978), 100, Anm. 1 als Bezeichnung des „heroic conjurer or sufferer“ gebraucht werden könne.

6 Satzübersetzung unsicher. Analyse auf Grundlage der folgenden Zeile, s. dort. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 311 und 44–45 lies rḏi̯ statt Rꜥw, kann aber keine Übersetzung anbieten. Der senkrechte Strich an der Bruchkante hinter dem r ist vielleicht der Rest des Falken auf Standarte.

7 Nach derzeitiger Platzierung der rechten und linken Hälfte der Kolumne ist nach ḏi̯=j nur etwa ein Schreibquadrat zerstört. Das enklitische Personalpronomen nach der Lücke spricht für das Paradigma rḏi̯=f sḏm=j sw: „er veranlasst, dass ich ihn höre“, so dass sie trotz ihrer Kürze ein Verb und ein eigenes Subjekt enthalten haben muss.

8 rḏi̯ sw r: Zur Bedeutung „sich begeben“ (persönl. Vorschlag Fischer-Elfert) s. Wb 2, 468.11; unsicher bleibt diese Übersetzung deswegen, weil die wenigen Belege mit r + Substantiv damit immer den Ort benennen, an den man sich begibt, aber keine Person, zu der man sich begibt. Auch sonst benennt rḏi̯ r „etwas an eine Örtlichkeit, auf eine Stelle geben“, nicht „jmd. etwas geben“ – das ist normalerweise rḏi̯ n. Dieser Unterschied zeigt sich in den magischen und medizinischen Texten darin, dass Heilmittel und Amulette oft nicht „an (den Körperteil) NP des Patienten gegeben“ (rḏi̯ r NP (n.j) s), sondern „dem Patienten an seinen (Körperteil) NP gegeben“ (rḏi̯ n s r NP=f) werden.
9 Das zweite rḏi̯ ist tlw. verschmiert, aber es ist unklar, ob der Schreiber versucht hat, etwas zu korrigieren, oder ob das nur ein Tintenfleck ist, den der Schreiber vergeblich zu entfernen versucht hat und dabei das dastehende Wort selbst mit verschmierte. Aufgrund der Kürze der Stelle kann jedenfalls kaum etwas Anderes als rḏi̯ dort gestanden haben.

10 nnj pd=f: Ein höchst ungewöhnliches Epitheton.

11 ẖzꜣ: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 45 und 57 denkt an den ẖzꜣ(.yt)-Balsam, sicher inspiriert von der zwei Zeilen zuvor genannten Myrrhe. Das Wortende ist allerdings nicht erhalten, so dass auch andere Übersetzungen infrage kommen. Hier wird daher das Wort ẖzꜣ: „ungepflegt, ungesalbt sein“ vorgeschlagen, inspiriert von dem Graffito des Djehutinacht-anch (R. Anthes, Die Felseninschriften von Hatnub. Nach den Aufnahmen Georg Möllers, Untersuchungen zur Geschichte und Altertumskunde Aegyptens 9 (Leipzig 1928), Nr. 12 = DZA 28.358.870), wo in Zeile 12–13 dem Hungrigen Nahrung, dem Ungesalbten wrḥ-Salbe und dem Nackten Kleider zugewiesen werden.

12 Die Ergänzung der Wort- und Zeichenreste danach zu n.tj m folgt P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 312. Bei š pn handelt es sich aber vielleicht eher um eine Schale als um einen See. Denn das Demonstrativpronomen pn verweist entweder auf etwas Vorgenanntes – und es ist zumindest kein passendes Bezugswort erhalten – oder auf etwas, das außerhalb des Textes liegt und damit ein magisches Utensil sein kann, ähnlich wie das Feuer in Zeile 5,6.

13 hrw n hrw 9: Die Interpretation des Punktes vor der 9 (von Meyrat offengelassen) als Sonnenscheibe und damit als Logogramm für hrw: „Tag“ ist unsicher, zumal dasselbe Wort vor dem n mit einer sehr deutlichen Sonnenscheibe und einem Logogrammstrich geschrieben wurde. Vgl. aber dieselbe Kurzschreibung bei hrw 9 in Zeile 3,7.

14 [___] ḥntꜣsw ḥnꜥ s.t: Mit ḥntꜣsw: „Eidechse; Gecko“ könnte eine Droge bzw. ein magisches Utensil gemeint sein, vgl. dazu H. Grapow – H. von Deines, Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VI (Berlin 1959), 355–356 und zur apotropäischen Eigenschaft auch P. Vernus, Lézard, in: P. Vernus – J. Yoyotte (Hrsg.), Bestiaire des pharaons (Paris 2005), 334-336, hier 335. Zur Verwendung von tier- oder menschengestaltigen Wachs- und Tonfiguren, die Krankheiten aufnehmen sollen, vgl. bspw. L. Popko, Some notes on Papyrus Ebers, ancient Egyptian treatments of migraine, and a crocodile on the patient’s head, in: Bulletin of the History of Medicine 92 (2), 2018, 352–367, hier spez. S. 361.
Die Präposition ḥnꜥ erfordert davor ein Verb wie „(das Gecko mit der Einwirkungsstelle) vereinigen“ o.ä., was zumindest in medizinischen Kontexten unüblich ist.

15 s.t ist beide Male so geschrieben wie in Zeile 6,1 (in zerstörtem Kontext) und 6,8, wo Meyrat die Zeichengruppe als Thron + t über Hausgrundriss transliteriert. In 6,6 folgt dem Wort jedoch beide Male ein Arm, weswegen Meyrat an s.t-ꜥ, die „Einwirkungsstelle“, denkt und statt des Hausgrundrisses die Pluralstriche liest. Quack (E-Mail vom 05.08.2021) zweifelt diese Lesung an, weil hierfür eigentlich noch der Logogrammstrich hinter dem Arm zu erwarten wäre. Genau genommen fehlt dafür nicht nur der Logogrammstrich, sondern auch noch ein Klassifikator, wie der schlechte Vogel (+ Pluralstriche), mit dem s.t-ꜥ in den medizinischen Texten klassifiziert wird. Sollte hinter dem zweiten s.t das Zeichen unter dem Arm vielleicht gar kein r sein, wie Meyrat es transliteriert, sondern der schlechte Vogel? Aber hinter dem ersten s.t fehlt er auch weiterhin, und am Fehlen des Logogrammstrichs ändert das nichts. Bleibt man bei der Interpretation als r, ist zudem die Gruppierung mit dem Arm darüber auffällig und lässt eher an eine Lesung ḏi̯(.w) r nḫ[_]t | ꜥꜣ n pr denken: „Werde gegeben an (...).“ Infolgedessen läge für dieses zweite s.t eine Transliteration als Thron + t über Hausgrundriss, also wie in 6,1 und 6,6, näher. Gleiches müsste dann aber wohl auch für das erste s.t von Zeile 6,6 gelten, was jedoch die Einkonsonantenzeichen , b und n zwischen den beiden s.ts unerklärt zurückließe. Weiterhin würden beide s.ts dann einfach einen unspezifischen „Ort“ bezeichnen, und konkret der erste müsste semantisch sinnvoll „mit“ (ḥnꜥ) dem Gecko zusammengebracht werden können. Die Möglichkeit, dass man hinter dem ersten s.t statt des Armes ein n liest und dadurch [___] ḥntꜣsw ḥnꜥ s,t n bn s.t erhielte: „[---] den Gecko zusammen mit dem Ort des ...“ scheidet jedenfalls aus, weil das n in diesem Text sonst immer links waagerecht anfängt und weil dann immer noch die Bedeutung dieses bn offen bliebe. Für dieses schlägt P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 45 und 58, Anm. 241, einem Vorschlag von Ritner folgend, eine Ergänzung zu b〈j〉n vor, dass er als Attribut zum vorangehenden s.t-ꜥ versteht: „un effet négatif“. Doch neben der Ergänzung eines Schilfblattes würde das zusätzlich die Ergänzung des klassifizierenden schlechten Vogels erfordern (s. die Schreibung in der senkrechten Zeile hinter Kol. 3) sowie vermutlich auch der t-Endung, da sich das Wort auf das feminine s.t-ꜥ bezöge. Schwer anzuschließen wäre auch bei Meyrat ferner sein direkt folgendes s.t-ꜥ, das koordinierend versteht: „un effet négatif et un effet (...)“.

16 Hinter nḫ[_]t bricht der Papyrus ab; doch machen es die darüber und darunter stehenden Zeilen wahrscheinlich, dass allenfalls eine Endung und/oder Klassifizierung fehlte, aber kein weiteres Wort. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 45 geht davon aus, dass ein Vertreter der Wortfamilie nḫt: „stark sein“ vorliegt, konkret das Substantiv: „contre la force“. Dieser Vorschlag ist aber nicht unproblematisch, weil hierfür der für diese Wortfamilie typische Ast unter dem n fehlt. Daher könnte auch ein anderes mit nḫ- beginnendes Wort vorliegen; und die Position des t sowie die kleine Zerstörung darüber lassen es auch denkbar erscheinen, zwischen nḫ und t noch einen weiteren Radikal zu ergänzen und in dem t selbst eine Endung zu sehen. Falls man den Arm und das r davor wirklich als ḏi̯(.w) r auffassen kann, muss dieses nḫ[_].t ein Substantiv sein; und falls man die erste Zeichengruppe der folgenden Zeile, einem weiteren Vorschlag von Quack (a.a.O.) folgend, als Genitivnisbe n.t liest, muss es genauer gesagt ein feminines Substantiv sein. Folgt man dagegen Meyrats Interpretation, könnte das Wort ein Substantiv oder eine Verbform (mit ꜥꜣ n pr als Subjekt oder Objekt) sein. Eine sinnvolle Übersetzung kann aber nicht angeboten werden; auch nicht bei einer Lesung nḫt.

17 Die gesamte Aussage von Zeile 6,7 ist unklar:
(1) ꜥꜣ n pr ist eher die Tür des Hauses als der „pilier de la maison“ (P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 45), ohne dass das den Sinn der Passage erhellt. Klassifizierungen der Tür mit dem Ast finden sich gelegentlich schon seit dem Alten Reich und in ramessidenzeitlichen Papyri häufiger, s. DZA 21.632.820.
(2) n.tj ḥr smn.t=f: Quack (a.a.O.) erwägt, statt Meyrats smn ꜥ=f eher smn.t=f zu lesen, weil Meyrats der Logogrammstrich fehlen würde. (Quacks Alternativvorschlag, r=f zu lesen, scheidet dagegen aus, weil dem smn dann ein direktes Objekt fehlen würde.) Dessen ungeachtet bleibt die Passage unklar, denn bereits die syntaktischen Bezüge sind ambivalent: Der Relativkonverter n.tj könnte sich sowohl auf das „Haus“ als auch auf die „Tür des Hauses“ oder auf das letzte Wort der vorigen Zeile beziehen, falls es ein maskulines Substantiv ist. Das Bezugswort des Suffixpronomens =f dürfte wohl der Nutznießer des Spruches sein. Jedoch bleibt die Frage unbeantwortbar, inwieweit ihn die Haustür „stärken“ kann, weshalb andere Bezüge nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden können.

Spruch zum Abwehren eines Zaubers

Worte zu sprechen, die Zauber abwehren (können):1
Als ich an meinem wirklich perfekten Wohnort erwachte, fand ich meine Lebenskraft / mein Selbst (?)2 [---]. Wer mich (normalerweise) hasst, verfiel in Zuneigung zu mir.3 [7,1] Ich will/werde dort/damit eine Zeichnung anfertigen. (???)4 Zugrunde gehen [---] Zuneigung wegen [meiner] Finger(fertigkeit), Beliebtheit wegen (scil.: der Geschicklichkeit) meiner Hand, Jubel [über ---] [---] mit meiner Haarlocke.5 Juble über ihn/es! Ich will/werde meine [---] erfragen. Es sind der Stadtgott (und?) mein Chnum,6 die mich zu einem Erfolgreichen (wörtl.: zum Erfolg) großziehen,7 und meine Meschenet, die mich zur Gelehrsamkeit erzieht. ... (?) [---] mit seinem Kleinvieh; Geheimnisse [7,5] [---] Re.8 Die Weiße Säbelantilope ist gefallen (?), klein und groß (?) [---] Nack[ter] [---] im Übel (?).9 Meine Gemahlinnen10 waren voller Liebenswürdigkeit. Die [---] (und) die Feinde: Hathor ... (?)11 fällte sie. Freude über mich herrscht unter allen Menschen,12 die auf mich blicken, so wie man über den König jubelt im Jahr seiner Krönung, so wie die Kinder tanzend jubeln am Tag des [---]
Sei du gegrüßt, Sobek, [Sohn] der Neith, (und auch du,) Hathor, ... (?)! Sie möge Re bringen [zu ---] [8,1] [---] bringen/holen [---] (Gottheit) [NN] zu Horus [---]. Die [---] sind in/bei mein(en) Glied(ern).13 Widersetze dich (?) am/im (oder: Mache angenehm) [---] meine Abgaben (?). Zuneigung ist auf meinem Leib gewachsen.14 Sie ist über meine Brust gequollen wie (zu den) Kindern/Nachkommen des Löwenpaares [---]15 (?).16 Sie ist aus meinem Leib getrieft(?)17 als(?) Lotos(duft?) (oder: Sie ist über meinen Leib ausgebreitet in der Art von Lotos).
Als Min erschienen, wende ich mich ihm (d.h. dem Lotos?) zu.18 Mein Kopf ist eingerieben/gesalbt wie (der des) Herischef. Sein Schutz ist mir gewährt worden. Seht, derjenige, der den Menschen Anweisungen erteilt, ist im Inneren von Chemmis! Die (Männer), die gegen mich kämpfen, [8,5] die (Frauen), die gegen [mich] kämpfen, die (Männer), die mich verzaubert haben, die (Frauen), die mich verzaubert haben, diejenigen, die [---] geschlachtet haben, diejenigen, die [---] zerlegt haben: Sie sind(?) vor Hemen19 (gebracht).20
Dieser Spruch werde vier Mal gesprochen [über] einem Krokodil aus Ton und über einem Stier aus Ton, eingelegt in einige Wüstendatteln(?), an jedem Tag, den er (d.h. der Anwender des Spruches) wünscht. Er soll dabei sagen:21
„Merke22 du auf, meine Mutter Isis! Siehe doch, der Kampf ist ausgebrochen (?, wörtl.: aufgesprungen)23 und der Aufruhr ist angestachelt (? wörtl.: aufspringen gemacht)23; die Menge ist [---] (und) [der Hofstaat(?)] ist angestachelt!“ –  
(Isis:) „Du sollst dich nicht fürchten, mein Sohn Horus! Siehe, [9,1]24 ich habe die Menge verwirrt, ich habe [den/die/das ---] der Leute zerbrochen, ich habe dir den Schutz angeknüpft, ich habe für dich ihr(e) Herz(en) durchzogen25 wegen jenes (scil.: feindlichen) Mannes.
Bringen ... von ihm (?), um etwas zu erfragen von [---] (des?) Isdes, nachdem ich das Kapitel verschlossen26 hatte, ohne ihre nws-Diademe(?)27 zu zerbrechen, ohne die (Dinge) zu erschlaffen zu lassen, unter denen sie sich befinden (?)28. (Denn) ich bin Horus. Ich will nicht aufgerieben/zermalmt werden (?). Ihr Gift soll über [9,5] mich keine Macht erlangen!
Isdes soll sich nicht erheben in (der Halle der) Beiden Wahrheiten [---] zu mir, nachdem ihr Mund geöffnet wurde.29 Sie sollen sagen:
„Erhebe dich von deinem Bauch! Dein ist jede gute Rechtfertigung an diesem Tag.“
Jener Mann, der schlecht gegen meinen Namen/Ruf gesprochen hat, ist gefallen wegen all dessen, was er in schlechter Weise gegen mich sagte. Er fiel wegen all dessen, was er in schlechter Weise gegen mich sagte, auf seine Oberseite. Ich bin als Horus eingetreten, (als) der Gerechtfertigte, der Herr der Großen Krone (Oberägyptens). Isis ist vor mir. Nephthys ist hinter mir. [10,1] [---] gesund [---] jener [---] das, was [er in schlechter Weise] sagte (?), vor jedem Beamten.30 Sein Ausspruch ist sein Verbrechen. [---] sie. Sein Herz, es [---] all das, was er in schlechter Weise gegen mich sagte, vor jedem Beamten usw.
[10,5] [---] Verbrechen [---] ich erfrage das, was sagte [---] Mann vor jedem Beamten.31

1 Aufgrund des Zeilenwechsels dürfte hiermit ein neuer Zauberspruch eingeleitet werden. Die Formel ḏd-mdw ist für diesen Zweck zugegebenermaßen unüblich; viel häufiger wird sie zur Einleitung von Rezitativen von Zaubersprüchen verwendet.

2 gmi̯.n=j kꜣ=j erinnert an den AR-Personennamen Gmi̯.n=j-kꜣ=j/Kꜣ=j-gmi̯(.w).n=j, H. Ranke, Die ägyptischen Personennamen. Bd. I. Verzeichnis der Namen (Glückstadt 1935), 341.2. Jenseits davon scheint die Kollokation von gmi̯ mit dem Ka nicht belegt zu sein. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 58 vermutet, dass in pRamesseum VIII das Wiedererlangen der Lebenskraft („vigueur“) oder der Lebensgeister („esprits“), der Gelassenheit o.ä. („calme“) oder des Selbst („moi“) gemeint sein könnte.
Die Bedeutung des Ka ist auch nach jahrzehntelanger Forschung bislang nicht eindeutig zu fassen. Er ist eine der Konstituenten des ägyptischen Körpers, neben der Ba-Seele, dem Schatten, dem Leichnam u.a. Er kann das „eigentliche und wirkliche Selbst [bezeichnen], das den Menschen zu Leb­zeiten wie ein Schatten oder Schutzgeist begleitet und das er sich und der Nachwelt in den Bildern seiner Grabanlage vor Augen stellen kann“ und zu dem der Alte Ägypter nach seinem Tode geht (vgl. J. Assmann, Der Ka als Double, in: V.I. Stoichita (Hrsg.), Das Double, Wolfenbütteler Forschungen 113 (Wiesbaden 2006), 59–78; das Zitat auf S. 62); der Oberhofmeister von Memphis Amenophis verflucht einen potenziellen Übeltäter damit, dass er von seinem Ka getrennt würde (a.a.O., 65); die Trennung vom Ka ist also etwas, was sich kein Ägypter wünschte. Gleichzeitig ist der Ka auch das verbindende Element zwischen den einzelnen Generationen, speziell dasjenige zwischen Vater und Sohn (a.a.O., 67–68).

3 Rein hypothetischer Übersetzungsvorschlag; genaue Syntax aufgrund der Zerstörungen vor msdd und am Anfang von 7,1 unsicher.

4 Übersetzung höchst unsicher; die Zerstörungen am Ende von Kol. 6 und dem Beginn von Kol. 7 erschweren das Verständnis.
Das „Schreiben eines Schriftstücks“, zẖꜣ zẖꜣ.w, kommt in ägyptischer Phraseologie überraschend selten vor, ist aber gerade in magischen Kontexten belegt, in denen ein Papyrusamulett mit bildlichen Darstellungen versehen werden soll. Vgl. den spätzeitlichen pBrooklyn 47.218.156, x+5,7: ḏd-mdw ḥr sšm pn n.tj m zẖꜣ.w zẖꜣ.w ḥr ḏmꜥ n-mꜣw: „Zu rezitieren über diesem sšm.w-Bild, das als Zeichnung (vorliegt), die auf einem neuen Papyrusblatt gezeichnet ist“ (s. im TLA), oder in Tb 144 im ptolemäerzeitlichen pTurin Cat. 1791, 25: ḏd-mdw ḥr sšm pn n.tj m zẖꜣ.w zẖꜣ m ztj ḥr ḏꜣḏꜣ.t n wjꜣ n Rꜥw: „Zu rezitieren über diesem sšm.w-Bild, das als Zeichnung (vorliegt), die mit Ocker über das Kollegium der Barke des Re gezeichnet wurde.“ (s. ebenfalls im TLA). Für ein weiteres Bsp. s. R. Nyord, Seeing Perfection. Ancient Egyptian Images Beyond Representation, Cambridge Elements: Elements in Ancient Egypt in Context (Cambridge 2020), 14, Fig. 4, und vgl. seine Ausführungen S. 13–16. Es wäre auch denkbar, in diesen Beispielen einen syntaktischen Einschnitt zwischen den beiden zẖꜣ vorzunehmen und das zweite futurisch zu übersetzen: „Zu rezitieren über (...). Werde gezeichnet auf (...)“ (Vorschlag Quack, E-Mail vom 05.08.2021). In dem Fall wären jedoch das Bild, über dem der magische Spruch rezitiert werden soll, und dasjenige, das am Ende gezeichnet werden soll, nicht identisch, wohingegen das sonst der Fall ist.
Ansonsten finden sich „aufgeschriebene Schriften“ noch in der Inschrift des Mes aus der frühen Ramessidenzeit (DZA 28.724.990).

5 Ergänzungen mit P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 313. Meyrat, a.a.O., 45–46 vermutet am Zeilenende ḥ〈n〉zk.t=j: „ma tresse“. Doch man fragt sich auch nach dem Sinnzusammenhang.

6 jn nṯr-nʾ.tj: Lesung des Hieratischen mit P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 313 und 45–46. Während Meyrat in jn die Präposition zur Markierung eines Agens sieht („par le dieu local“), wird hier aus zwei Gründen vorgeschlagen, darin die Einleitung einer jn-Konstruktion zu sehen:
(1) Wenn die Interpretation des vorherigen Satzrestes korrekt ist, ist darin das Agens bereits genannt; ein zweites, durch jn angeschlossenes, ist unnötig und grammatisch auch nicht möglich.
(2) Die auf jn folgenden Verbalkonstruktionen šdd wj und rnn.t wj sind Partizipien; das jw in der Mitte von Zeile 7,4 ist trotz aller Zerstörung der Passagen sicher als syntaktischer Einschnitt erkennbar. Würde daher der Satz erst mit dem Götternamen Chnum beginnen (so Meyrats Auffassung der Syntax), hätte er kein erkennbares Prädikat. Dieses Problem lässt sich lösen, indem man die Stelle wie hier als jn-Konstruktion erklärt. Die Frage, ob man das Fehlen eines zweiten jn vor Msḫn.t als Ellipse erklären kann oder ob es fehlerhaft ausgefallen ist, bspw. verursacht durch den Zeilenwechsel, bliebe weiteren, stilistischen Untersuchungen vorbehalten.
Hauptsächlich der auf jn folgende nṯr-nʾ.tj stört den Parallelismus und damit die hier vorgeschlagene Interpretation. Dass der Göttername eine Apposition von nṯr-nʾ.tj ist, ist unwahrscheinlich – in dem Fall wäre die umgekehrte Reihe, erst der Göttername und dann ein Epitheton, korrekter. Es wäre daher zu diskutieren, ob ein Kopierfehler vorliegen könnte, etwa indem in der Vorlage ein allgemeines jn nṯr-nʾ.tj ... gestanden hat, das beim Kopieren durch einen konkreten Gottesnamen ersetzt wurde, ohne den ursprünglichen „Platzhalter“ zu löschen. Eine solche Erklärung würde ein wichtiges Schlaglicht auf die ursprüngliche Herkunft des Papyrus oder zumindest des konkreten Spruches werfen, denn dann müsste der Spruch seine jetzige Form in einer Stadt bekommen haben, in der Chnum der Ortsgott war.

7 H̱nm.w=j šdd wj r wꜣḏ: Einem Vorschlag von Quack folgend (S. 58, Anm. 243), versteht Meyrat diese Passage als: „mon Khnoum qui m’élève vers le bonheur“. Angesichts der Tatsache, dass gerade in magischen Kontexten auch eine Verbindung šdi̯ r: „retten, bewahren vor“ (Wb 4, 563.9) existiert und wꜣḏ: „grün“ ein Euphemismus für „rot“ im Sinne von „gefährlich“ sein kann (J.F. Quack, Mit grüner Tinte rot schreiben?, in: Göttinger Miszellen 165, 1998, 7–8), könnte man sich fragen, ob hier diese ungewöhnliche Kollokation bewusst gewählt wurde, weil sie auch verstanden werden könnte als „Chnum errettet mich vor der Gefahr“.

8 Unklare Satzreste. Das „Kleinvieh“ könnte hier auch metaphorisch die Menschen als „Vieh Gottes“ meinen (persönl. Mitteilung Fischer-Elfert).

9 Unklare Satzreste. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 313 und 45–46 liest die ersten Worte als mꜣ-ḥḏ ḫr(y)t nḏs: „petit oryx de sacrifice“. Damit dachte er wohl an eine Verbindung ähnlich zu kꜣ n ḫr.yt: „Opferstier“ (Wb 3, 322.11). Von dem t nach ḫr ist auf dem Foto jedoch nichts zu sehen, so dass wohl das Verb ḫr: „fallen, niederfallen“ zu lesen ist. Meyrat, a.a.O., 59 erwähnt, dass die Säbelantilope als Tier der Wüste (und damit des chaotischen Auslands) prinzipiell ein feindliches Wesen darstellt, das rituell getötet wird, auch, um das Auge des Re zu besänftigen. Diese Deutung ist auch bei der hier vorgeschlagenen alternativen Lesung der Stelle möglich.

10 ḥm.wt=j: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 59 vermutet hier die Frauen des wenig später genannten Gottes Sobek, die namentlich auf pRamesseum VI vorkämen. Allerdings scheint sich das Suffixpronomen der 1. Person Singular weiter oben in der Kolumne auf einen menschlichen Sprecher zu beziehen, v.a. wenn Meyrat, a.a.O., 58 darauf verweist, dass Anreden wie „mein Chnum“ oder „meine Meschenet“ die Eltern des menschlichen Sprechers benennen könnten. Daher könnten hier analog dazu eben die Ehefrauen eines menschlichen Sprechers gemeint sein. Der Plural deutet entweder Polygamie an, die es nur in der oberen Bevölkerungsklasse – was ein Schlaglicht auf das Setting dieses Spruches werfen könnte –, oder er bezieht sich auf mehrere aufeinanderfolgende Ehefrauen, auch wenn dieser Fall nur begrenzt belegt ist (als Hypothese bei D. Franke, Altägyptische Verwandtschaftsbezeichnungen im Mittleren Reich, Hamburger Ägyptologische Studien 3 (Hamburg 1983), 61).

11 ⸮___?: Das Epitheton der Hathor erscheint noch einmal in Zeile 7,9. Doch obwohl es in Zeile 7,9 fast vollständig erhalten ist, ist es nicht identifizierbar. Die letzte Gruppe sieht aus wie zweimal G38 übereinander – könnte es zꜣ.t-Gb: „die Tochter des Geb“ (C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. VI. s, Orientalia Lovaniensia Analecta 115 (Leuven 2002), 110c–111a) sein? Das hohe, geschwungene Zeichen davor könnte vielleicht eine Kobra als Klassifikator eines Epithetons sein, was aus dem vertikalen Zeichen davor ein Logogramm machen würde. Quack (E-Mail vom 05.08.2021) überlegt stattdessen, ob das geschwungene Hieratogramm eine Ligatur aus t und Ersatzstrich sein könnte.
Die Form des Zeichens davor erinnert an das Hieratogramm für wḏꜥ, das jedoch in Zeile 9,5 in der unteren Hälfte etwas anders aussieht. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 59 hat im Vorfeld seiner Publikation „un grand nombre d’hypothèses“ ventiliert, „mais aucune ne nous semble satisfaisante à ce jour“.

12 jw ršu̯=tw n=j jn r(m)ṯ(.t) nb.t: Wörtlich: „Man freut sich über mich seitens aller Menschen.“

13 Übersetzung unsicher. Die Ligatur nach s ist in der oberen Hälfte fast komplett zerstört; die untere könnte ein t sein, aber auch ein schmal geschriebenes r. Quack (E-Mail 05.08.2021) schlägt sḫr.w: „Zustände“ vor, aber der kleine Zeichenrest vor der Buchrolle passt nicht zur hieratischen Form der Plazenta.
Die Transliteration der Ligatur danach folgt Quack, ebd.

14 Ergänzung und Übersetzung nach einem Vorschlag von Quack (E-Mail vom 14.11.2019). P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 46 und 60 hatte dagegen gelesen: j[w ...].wt rdı͗t mḥ ḥr ḥꜥw=ı͗: „placer du lin sur mes membres“ (seine hieroglyphische Transliteration auf S. 315 ist entsprechend zu korrigieren).

15 An der Abbruchkante sind schwarze Tintenreste erhalten, die noch zum Ende dieses Satzes gehören müssen, weil mit der neuen Zeile auch ein neuer Satz anfängt.

16 Ergänzung und Übersetzung nach einem Vorschlag von Quack (E-Mail vom 14.11.2019). P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 46 hatte dagegen gelesen: jw=s ṯtf.tı͗ ḥr mndty=ı͗ mı͗ msdmt srf[t ...]: „elle a débordé sur mes joues comme de la galène chaude [...]“. Das „Löwenpaar“ kann als Bezeichnung von Schu und Tefnut dienen (C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. IV. nbth, Orientalia Lovaniensia Analecta 113 (Leuven 2002), 654). Diese bilden die zweite Generation der Großen Götterneunheit von Heliopolis; deren Kinder sind Geb und Nut, und deren Enkel und Urenkel sind die Götter des Osiriskreises: Osiris, Isis, Seth, Nephthys und Horus.

17 Die Transliteration des Verbs als folgt einer Idee von Quack (E-Mail vom 05.08.2021), der aber ebenfalls eingesteht, dass das erste waagerechte Zeichen eher nach einem n als nach einem z aussieht. Die Lesung folgt Meyrat. Im letzteren Fall gibt es mehrere Wörter, die diesbezüglich zu diskutieren sind:
(1) Wb 2, 337.12–338.3 kennt ein Verb : „verdrängen, vertreiben, verstoßen“ u.ä., das entweder mit den laufenden Beinchen allein, mit Fisch und laufenden Beinchen oder mit Vogel und laufenden Beinchen klassifiziert ist. Einen ptolemäerzeitlichen Beleg kennt H. Ranke, A Late Ptolemaic Statue of Hathor from her Temple at Dendereh, in: Journal of the American Oriental Society 65 (4), 1945, 238–248, hier 242–243 mit Anm. 39. T. Schneider, Beiträge zur sogenannten „neueren Komparatistik“, in: Lingua Aegyptia 5, 1997, 189–209, hier 199–200 will es mit hebräisch nḥj/w: „nach einer Seite gehen, leiten“, ugaritisch nḥ(w): „sich wohin begeben“ und arabisch naḥā: „seinen Weg richten, sich wenden nach; beiseite schieben, entfernen, beseitigen“ verbinden. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 46 stellt auch den Beleg aus pRamesseum VIII, 8,3 hierzu („elle a été chassée de mes membre au moyen de lotus“); auf S. 74 vermutet er in diesem Satz eine Anspielung auf „un exorcisme“, möglicherweise eines Fieberdämons.
(2) Außerdem kennt Wb 2, 337.11 noch ein gleichradikaliges Verb, das mit drei Körnern klassifiziert ist und das Kehren von Korn zur Worflerin bezeichnet. H. Altenmüller, Die sog. Kornspeicher in den Ernteszenen des Alten Reiches, in: Studien zur Altägyptischen Kultur 14, 1987, 1–26, hier 22 diskutiert dieses Wort inklusive den bis dahin vorgeschlagenen Übersetzungen. In den bildlichen Darstellungen, denen diese Handlung beigeschrieben ist, wird ihm zufolge „das für das Worfeln bestimmte Korn aus dem an der Seite geöffneten Kornbehälter kraftvoll und mit Nachdruck herausgeschaufelt“; aus diesem Grund schließt er sich P. Montet, Les scènes de la vie privée dans les tombeaux égyptiens de l’Ancien Empire (Strasbourg 1925), 228 an, der „puiser l’orge“ übersetzt und dieses Verb mit Nr. (1) verbindet.
(3) Ein weiteres zu diskutierendes Wort findet sich in pd’Orbiney, 14,1. Dort macht Bata nš m ḥꜥ.w=f nb: „ an all seinen Gliedern“, während sein Bruder Anubis ihn wiederbelebt. Das Wort ist mit der landenden Ente klassifiziert. Wb 2, 338.4 nimmt es als eigenes Lemma mit der Bedeutung „erschauern, erzittern“ auf, erwägt aber (auf DZA 25.304.050), es mit : „verdrängen“ (hier Nr. 1) zu verbinden, weil auch dafür die Schreibung mit (Beinchen +) landendem Vogel belegt ist (nur ein Beleg in der 19. Dynastie: DZA 25.303.910). Ein weiterer Beleg für dieses Verb (3) kommt in pLeiden I 348, Vso. 3,1, in einer Beschwörung einer Brandwunde vor, in der das Gesicht des Horus nicht machen soll. J.F. Borghouts, The Magical Texts of Papyrus Leiden I 348 (Leiden 1971), 34 übersetzt „let your face not tremble“ und verweist auf S. 186, Anm. 459 konkret auf pd’Orbiney. Außerdem nennt er noch zwei weitere Belege (oMichaelides 4, Rto. 6; s. H. Goedicke – E.F. Wente, Ostraka Michaelides (Wiesbaden 1962), Taf. 53 und pBoulaq 3, x+6,21, S. Töpfer, Das Balsamierungsritual. Eine (Neu-)Edition der Textkomposition Balsamierungsritual (pBoulaq 3, pLouvre 5158, pDurham 1983.11 + pSt. Petersburg 18128), Studien zur spätägyptischen Religion 13 (Wiesbaden 2015), Taf. 12–13), von denen aber das zweite zu streichen ist, weil dort : „Ausfluss“ steht, s. Töpfer, a.a.O., 124 und 150, Anm. em. Auch wenn er es nicht explizit sagt, scheint er dieses Verb ebenfalls mit Nr. (1) zu verbinden; denn in oMichaelides 4 scheint, soweit es sich aufgrund der Zerstörungen sagen lässt, eine Bedeutung „vertreiben, wegstoßen“ besser zu passen als „erschauern“; und sowohl dieser Beleg als auch der von pLeiden sind mit landender Ente und Beinchen klassifiziert, also so, wie einmal auch Nr. (1). Die Interpretation der Stelle in pLeiden I 348 ist insofern schwierig, als dort in einem Vetitiv verwendet wird: m=k js m nšw ḥr=k zꜣ=j Ḥr.w zꜣ=j: „Siehe doch, mache nicht dein Gesicht, mein Sohn Horus, mein Sohn!“ Diese Konstruktion spricht zunächst dafür, dass transitiv ist und ḥr=k als direktes Objekt hat. Allerdings ist das Verb des pd’Orbiney, in dem Borghouts dasselbe wie dasjenige des pLeiden sieht, zweifellos intransitiv. Dieser Unterschied in der Valenz des Verbs könnte aufgelöst werden, indem man in pLeiden eine Konstruktion wie in A. H. Gardiner, Egyptian Grammar. Being an Introduction to the Study of Hieroglyphs, 3rd, rev. edition (Oxford 1957 (Repr. 2001)), § 340 und § 343 Obs. annimmt: „Sei/Mache nicht in Bezug auf dein Gesicht, mein Sohn Horus, mein Sohn!“ Es sei ferner darauf hingewiesen, dass das m vor sehr schmal in die Zeile gequetscht wurde und daher ein Nachtrag ist. Zunächst stand demzufolge ein affirmatives m=k js nšw ḥr=k zꜣ=j ..., in dem das „Gesicht“ problemlos das grammatische Subjekt eines intransitiven Verbs sein kann: „Siehe doch, dein Gesicht möge sein/machen ...!“ Der Schreiber könnte dann sekundär durch Hinzufügung des m als Imperativ des Negativverbs jmi̯ die Aussage ins Gegenteil verkehrt haben, ohne zu beachten, dass der Satz dadurch grammatisch falsch wird, weil das explizit geschriebene „Gesicht“ in einem Vetitiv nicht (mehr) das grammatische Subjekt sein kann. Man könnte sich freilich aus der Affäre ziehen, indem man behauptet, dass der Schreiber eigentlich ein optativisches jmi̯ nš ḥr=k im Sinn gehabt hat, bei dem das nominale Subjekt regulär hinter dem Negativkomplement steht (A.H. Gardiner, Egyptian Grammar. Being an Introduction to the Study of Hieroglyphs, 3rd, rev. edition (Oxford 1957 (Repr. 2001)), § 343), dass er aber das Verb jmi̯ aus reinen Platzgründen auf ein m reduzierte.
(4) Schließlich gibt es noch ein Wort : „ausströmen, ausfließen“ (H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Erste Hälfte (r), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.1 (Berlin 1961), 483, vgl. die Substantive : „Speichel o.ä.“, Wb 2, 337.8; nš.w als Krankheitserscheinung Wb 338.11; das Substantiv nš.w Wb 338.12; nš.wt: „Schleim (der Nase)“, Wb 2, 338.13; und den nš.w-Topf, Wb 2, 338.14–15 und s. J. Osing, Die Nominalbildung des Ägyptischen, Sonderschrift, Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Kairo 3 (Mainz 1976), 169 sowie 674–675, Anm. 745). Dieses Verb und davon abgeleitete Substantive können auch nẖ geschrieben sein, s. MedWb 1, 477 und Wb 2., 318.14–16; eine mögliche Graphie nḫj nennt P. Derchain, Bébon, le dieu et les mythes, in: Revue d’égyptologie 9, 1952, 23–47, hier 34. Dieses Verb ist mit dem spuckenden Mund klassifiziert und im pEdwin Smith, Fall 41, Glosse E mit pri̯: „herauskommen“ erklärt. Derchains nḫj ist mit dem Phallus klassifiziert (genauer gesagt: es ist klassifikatorlos und wird von m-bꜣḥ gefolgt, was Derchain als Fehler für einen Phallus-Klassifikator versteht) und steht anstelle eines wtṯ: „zeugen“ einer älteren Textparallele. J. H. Breasted, The Edwin Smith Surgical Papyrus. Published in Facsimile and Hieroglyphic Transliteration with Translation and Commentary. Vol. 1. Hieroglyphic Transliteration, Translation and Commentary, Oriental Institute Publications 3 (Chicago 1930), 390 sieht in diesem eine Ableitung bzw. ein intransitives Äquivalent von Nr. (1) mit der Bedeutung „to issue“.
Trotz des anderen Klassifikators ist zu erwägen, in dem von pRamesseum VIII ebenfalls eine solche intransitive Bedeutung zu sehen. Die Aussage des Satzes wäre damit parallel zum vorherigen Satz zu sehen, in dem die Liebe über die Brust quillt (ṯtf). Gleiches gilt für Nr. (3), den Beleg aus dem Brüdermärchen des pd’Orbiney: Die von Wb 2, 338.4 gegebene Bedeutung „erschauern, zittern“ ergibt sich jedenfalls nur aus dieser Stelle. Aber statt an all seinen Gliedern zu zittern, könnte Bata dort auch schwitzen: Es ist nämlich davon die Rede, dass Anubis eine Schale mit Wasser füllt und das Herz des Bata hineinlegt; nachts saugt sich das Herz dann mit Wasser voll, woraufhin Bata eben macht, die Schale mit Wasser und seinem Herzen leert und es dadurch wieder in sich aufnimmt. Wenn man als „ausschwitzen“ o.ä. versteht, würde das die Verbindung von Bata und seinem zu dem Zeitpunkt noch physisch von ihm getrennten Herzen betonen: Sein Herz saugt sich voll und dieses Wasser strömt durch Bata hindurch und sogar aus ihm wieder heraus. Auch in pLeiden I 348 scheint eine Übersetzung als „ausströmen“ nicht undenkbar: Das Verb kommt in einer Beschwörung einer Verbrennung (wbd.t) vor; Horus soll nicht machen in seinem Gesicht. Statt zu zittern könnte hier Horus auch Flüssigkeiten von sich geben, in diesem Fall könnte man an Gewebswasser von Brandblasen denken.

18 Lesung des Satzanfangs unsicher. Meyrats pẖr sieht eher wie eine hieratische Plazenta aus. Zudem ist die Kombination von pẖr und r unüblich, kommt aber immerhin einmal, in pRamesseum IV, Fragment Dii, 2 vor: jw pẖr r ky=s mnḏ: „(Man) wende sich ihrer anderen Brust zu.“ (o.ä.). S. J.W.B. Barns, Five Ramesseum Papyri (Oxford 1956), Taf. 19, https://www.britishmuseum.org/collection/object/Y_EA10757-6 [letzter Zugriff: 25.11.2020] und http://sae.saw-leipzig.de/detail/dokument/papyrus-ramesseum-iv/ [letzter Zugriff: 25.11.2020].

19 Die Lesung des Gottesnamens ist unsicher. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 315 liest Ḥmnnn, Quack (E-Mail vom 05.08.2021) erwägt Jmn-Rꜥ. Beides ist gleichermaßen unsicher: Meyrats Vorschlag ignoriert den halbrunden Zeichenrest(?) vor dem klassifizierenden Falken auf Standarte, Quacks Vorschlag (𓇋𓏠𓈖𓅆𓇳𓅆) erklärt nur eines der beiden senkrechten Zeichen nach mn und lässt den Logogrammstrich nach der Sonnenscheibe vermissen.
Die Gottheit Hemen wird in pRamesseum IV, C.25 als Sohn der Göttin Isis angesehen und scheint auch in anderen Texten mit Horus zu verschmelzen; er gilt als Feind des Seth, der bei dessen Gefangennahme hilft. Im Grab des Anchtifi von Moalla wird er als Gottheit genannt, in deren Gegenwart Grabräuber als „Opfertiere“ hingerichtet werden (ohne dass Hemen selbst hier als strafende oder richterlich auftretende Gottheit erscheint), s. H. Willems, Crime, Cult and Capital Punishment (Mo'alla Inscription 8), in: Journal of Egyptian Archaeology 76, 1990, 27–54, hier 43–53.

20 Syntax unsicher. Die gegebene Übersetzung inklusive Emendation versucht nur, die Satzreste in einen möglicherweise sinnvollen Zusammenhang zu bringen.

21 In pRamesseum VIII findet mehrmals am Ende eines Rubrums ein Wechsel zu einem neuen Spruch oder einer Folgerezitation statt. Der erste Satz von Zeile 8,8 folgt dagegen übergangslos auf denjenigen von 8,6–7 und auch der Zusatz jm=f verbindet beide Sätze. Aus diesem Grund geht der vorige Spruch hier sicherlich weiter, aber der Satz von 8,8 leitet zumindest einen neuen Spruchteil ein.

22 jꜥn.w n=t: Wb 1, 41, 11–12 vermutet in jꜥn.w einen Ausdruck für „Kummer“ o.ä., gibt aber für jꜥn.w n=k die Übersetzung „Preis dir!“ (mit Fragezeichen). B. Gunn, Review of: Egyptian Letters to the Dead, mainly from the Old and Middle Kingdoms. Copied, translated and edited by Alan H. Gardiner and Kurt Sethe. London: at the Offices of the Egypt Exploration Society, in: Journal of Egyptian Archaeology 16, 1930, 147–155, hier 151 denkt, dass jꜥn.w die Bedeutung „attention, consideration, solicitude“ haben könnte und daher sowohl „a kind of salutation“ sein könne als auch „an expression of anxious sympathy“.

23 snhp ist das Kausativum des Verbs nhp, das intransitiv ein Springen (bspw. von Fischen) oder ein Pulsieren, Zucken (von Gefäßen im Körper) bezeichnen kann und transitiv etwas in Bewegung versetzt (bspw. die Sonnenstrahlen am Morgen oder das Gift im Körper, das zutage kommen soll). Das von derselben Wurzel abgeleitete Verb nhp mit Phallus-Klassifikator bezeichnet das „Bespringen“ (in AR-Szenen etwa das Bespringen der Kuh durch den Stier; später auch auf den Menschen übertragen). Das kausative snhp scheint eine ähnliche Bedeutung zu haben wie das transitive nhp: „etwas in Bewegung versetzen“ o.ä. und insofern eher eine faktitive als kausative Bedeutung zu haben (s. zu dieser Unterscheidung W. Schenkel, Tübinger Einführung in die klassisch-ägyptische Sprache und Schrift (Tübingen 2012), 184).

24 [9,1]: Es besteht eine geringe Möglichkeit, dass die Kolumne nicht direkt an die vorige anschließt. Denn vor dem ḏd, mit dem Zeile 9,6 beginnt, ist direkt an der Abbruchkante ein schwarzer Rest erhalten, der zu dem letzten Zeichen einer besonders langen Zeile einer vorhergehenden Kolumne gehören könnte – besonders lang deswegen, weil vor den Zeilen 9,1–9,5 noch mehr vom Interkolumnium erhalten ist als in 9,6–9,9, ohne dass dort ebenfalls Zeichenreste erhalten wären. Sollte der fragliche Tintenfleck tatsächlich ein Zeichenrest einer besonders langen Zeile sein, kann diese unmöglich zur Kolumne 8 gehören. Denn gerade die Kolumnen 8,6 und 8,7 enthalten ein Rubrum; außerdem endet Zeile 8,6 definitiv, Zeile 8,7 höchstwahrscheinlich vor der linken Abbruchkante, so dass der Tintenfleck vor 9,6 nicht das Ende einer dieser beiden Zeilen bilden kann.

25 swtwt.n=j n=k ḥꜣ.tj=sn ḥr s pf: Bedeutung unklar. Das Verb swtwt muss an dieser Stelle mehr bedeuten als zielloses „sich ergehen, spazieren“ (vgl. Wb 4, 77.12–18), wie das anschließende n=k zeigt. Von dem Verb ist bislang keine transitive Bedeutung belegt, so dass mit dem Ausfall einer Präposition zu rechnen ist. Üblicherweise wird der Ort, an dem das Agens wandelt, mithilfe von m angeschlossen, so auch im Fall von Körperteilen, vgl. den „Untoten“, der auf pBudapest 51.1961, 2,7 und 2,8 „in den Waden umherzieht“ (swtwt m sst.w) oder das Gift, das auf pGeneve MAH 15274, Recto 4,5 „in irgendeinem Körperglied von NN, Sohn der NN, umherzieht“ (swtwt m ḥꜥ.w nb n mn msi̯.n mn.t). Wenigstens einmal auf der Stele Kairo CG 34504 aus der Zeit Ramses’ II., Zeile 1, wird auch ḥr verwendet (s. die Belege im TLA).
Quack (E-Mail vom 05.08.2021) vermutet dagegen in swtwt eine Verschreibung für stwt und schlägt eine Übersetzung „ich habe dir ihre Herzen geneigt gemacht“ vor, jedoch heißt stwt „ähnlich machen“, nicht „geneigt machen“.

26 ḫtm.n=j ḥw.t: Normalerweise bezeichnet ḫtm das Abschließen und Versiegeln einer realen Sache, nur einmal, im Buch vom Durchwandeln der Ewigkeit, hatte das Verb auch metaphorisch als „eine Sache (konkret: das Gemetzel) abschließen, beenden“, Wb 3, 352.2.

27 nws: Bezeichnet nach bisheriger Auffassung königliche und göttliche Kopftücher, Diademe oder Kopfbinden. K. Goebs, Untersuchungen zu Funktion und Symbolgehalt des nms, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 122, 1995, 154–181, hier 155–156 vermutet sogar, dass nws eine andere Bezeichnung für das Nemes-Kopftuch sein könnte oder vielleicht sogar dasselbe Wort unter Annahme eines Wechsels von w zu m. Eine nws überschriebene Kopfbedeckung erwähnt auch G. Jéquier, Les frises d’objets des sarcophages du Moyen Empire, Mémoires publiés par les membres de l’Institut français d’archéologie orientale 47 (Le Caire), 6, die er, obwohl sie zwischen ꜥfn.t und nms genannt ist, für eine mögliche Verschreibung von nms selbst hält. Die Kombination mit dem Verb sḏ: „zerbrechen“ in pRamesseum VIII könnte dafür sprechen, dass nws von festerer Natur ist (Hinweis Fischer-Elfert), sofern man diesem Verb hier nicht eine übertragene Bedeutung zusprechen möchte.

28 ẖr.w=sn: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 47 vermutet die Hoden (die ohne Klassifikator geschrieben wären). Dieser Satz ist allerdings parallel zum vorherigen konstruiert, so dass der Wechsel von den Kronen/Diademen zu den Hoden etwas abrupt wirkt. Aus diesem Grund wird ẖr.w hier als Reversed Nisbe verstanden und als allgemeine Umschreibung anderer Kopfbedeckungen angesehen.

29 P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 64–65 vermutet in den „beiden Wahrheiten“ eine Abkürzung für die „Halle der beiden Wahrheiten“, in der die Wägung des Herzens des Verstorbenen stattfindet und über sein Jenseitsschicksal entschieden wird. Zum Gott Isdes vgl. M.A. Stadler, Weiser und Wesir. Studien zu Vorkommen, Rolle und Wesen des Gottes Thot im ägyptischen Totenbuch, Orientalische Religionen in der Antike 1 (Tübingen 2009), 278–281, der dessen große Nähe zum Gott Thot schon im Mittleren Reich aufzeigt. Nach Tb 18 gehören Thot, Osiris, Anubis und Isdes zum „großen Gerichtshof“ bei der „Durchführung der Abrechnung“ (s. im TLA und unter http://totenbuch.awk.nrw.de/spruch/18). Der „Lebensmüde“ bittet darum, dass Thot ihn beurteilt, Chons ihn verteidigt, Re ihm zuhört und Isdes ihn in der „heiligen Kammer“ verteidigt (pAmherst 3 + pBerlin P 3024, Kol. 22–27).

30 Satzgrenzen unklar.

31 Syntax unklar.

Zauberspruch für den Kopf

Spruch zum Beschwören eines Kopfes:
„Fürwahr, Haroëris, wie geht es [dir]?“1, sagt(e) Nut.
(Horus:) „Ich bin einer, der an seinem Kopf leidet und (der) seinen Kopf sowie alle seine Körperteile beschwört und standhaft(?)2 macht, (oder: Ich bin einer, der an seinem Kopf leidet und der das, was seinen Kopf sowie alle seine Körperteile leiden lässt, beschwört,) bevor sie gekommen sind. [11,1]3 Der [---] (ist es), den man zu mir bringt.“
[Seine] Mutter [Nut, die ---], klagte(?)4 zwei Mal. Das Elend(?)5  wurde beseitigt, die Gesundheit6 wurde herbeigebracht. Das zugehörige ...(?)7 [wurde ---].
Ach, Isis, [die ---,]8 (und?) Iaqes, Herr von Temat, mögen(?) sich mir nähern9! Sie möge mir (die Amulette) ‚Wohlbefinden‘ und ‚Gesundheit‘10 bringen, die er selbst getragen hat, [11,5] die an(?) (seinem) Körper, d.h. seinen11 Schultern,12 gewesen waren13 und seinen oberen Wirbelsäulenbereich bedeckten. Isis, [die ---,]14 (und?) Iaqes, Herr von Temat, sollen doch herbeikommen15! Er möge [---]16 die Allherrin17 und die Fürstin der Göttinnen. Mach ... in den/die Fremdländer/-n!18 Mach (dich) auf den Weg!19 Es ist Haroëris, der an seinem Kopf leidet und (der) seinen Kopf beschwört und standhaft(?)20 macht. (oder: Es ist Haroëris, der an seinem Kopf leidet und der das, was seinen Kopf leiden lässt, beschwört.)
Setz dich! Iss! Halte inne! (?)21 [12,1] Setz dich! Trink! [---] [bis/bevor (?)] wir zu ihr kommen (oder: [---] das, wozu du gekommen bist).
Wir bringen ein Portion(?) šzp.t-Melone (?) [---] Vögel.22 Sie brachte / Bring/-t zu ihr [---] / [NN] bringt zu ihr ... (?) als geliebter/s (?); diese Pflanze ... (?)23 Neues(?)24 mit/als(?) Flüssigkeit(?)25 dieses(?) deines Körpers.26
[12,5] So will ich dem/der [---] (die Amulette) ‚Wohlbefinden‘ und ‚Gesundheit‘ geben, die ich selbst getragen habe, die an(?) (meinem) Körper, d.h. meinen Schultern, gewesen waren und [meinen] oberen Wirbelsäulenbereich bedeckten.27
(Das ist das) Bereiten von Schutz für die Gesundheit (oder: Schutz und Gesundheit) [von/für] NN, den NN geboren hat. (Das ist das) Vorbeiziehen (scil.: des Übels?) an(?) dir, so wie die Wolken vorbeiziehen [---]28 dieser [---]29 sie schlägt30. Kommen [---] wie das Federpaar des [---] Vögel.31 [13,1] [---] Docht [---] ihre Körper [---] Mein Körper/Schlaf (?) wird ge[___], Herz [---] [---] Zeit des [---] Herz(?) [---] Spruch gegen einen [---] aus Ton,32 was vom Herzen zurückgehalten wird (?; oder: was zu dem Herzen eilt)33, um zu / gegen [---] [13,5] Die Flamme zum Verdauungstrakt des(?) Horus tragen [---] auf den Rücken, eilend [---].
Dieser Spruch werde gesprochen über einem Docht, der brennt [---], der durchtränkt ist mit Wachs, der [---].

1 Ergänzung basierend auf P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 49–50 und 66, hauptsächlich aufgrund der folgenden Antwort. Statt seines ntk erfordert die interrogative Adverbiale aber eher ein jw=k.

2 smn (ohne Klassifikator geschrieben): Einen Körperteil „(be)festigen“ kann man nach dem Papyrus Ebers mit den Zähnen, den mt.w-Gefäßsträngen und – im magischen Spruch Eb 360 – auch mit den abgeschlagenen Köpfen, vgl. H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Zweite Hälfte (h), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.2 (Berlin 1962), 753. Auch andere Körperteile können wieder smn: „befestigt“ werden (Wb 4, 132.20). Insgesamt scheint smn in diesen Gebrauchsweisen eher kurative Bedeutung zu haben. Angesichts des anschließenden, bi-referentiellen (Schenkel) bzw. kompletiven (Werning) n jyi̯.t=sn wäre aber zu überlegen, ob in pRamesseum VIII nicht auch die Konnotation „standhaft machen“ (Wb 4, 132.24–27) mitschwingt: Haroëris leidet zwar schon an seinem Kopf, macht ihn aber standhaft, bevor (das eigentliche Leiden?) überhaupt eintritt.
Da smn hier ohne Klassifikator geschrieben ist (in demselben Satz in 11,9 ist er von P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 318 nur ergänzt), sollte noch als Alternative in Betracht gezogen werden, dass gar nicht das Kausativum von mn: „bleiben“, sondern ein Kausativum von mn: „leiden“ vorliegt. In pLeiden I 348, Rto. 11,4 wird das Kausativum von mn zwar mithilfe von rḏi̯ mn=f: „veranlassen, dass er leidet“ gebildet (s. J.F. Borghouts, The Magical Texts of Papyrus Leiden I 348 (Leiden 1971), 24 und Taf. 11 sowie im TLA), aber allgemein scheint diese Kausativbildung von mn nicht sehr häufig zu sein: Der TLA kennt in der 15. Aktualisierung vom 31.10.2014 nur diesen einen Beleg. Zum Nebeneinander von mit dem Präfix s gebildeten Kausativen und mit rḏi̯ gebildeten Kausativen in den medizinischen Texten s. W. Westendorf, Grammatik der medizinischen Texte, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VIII (Berlin 1962), § 466; die Existenz eines mit rḏi̯ gebildeten Kausativums von mn schließt also nicht aus, dass es auch ein smn-Kausativum geben könnte. Erklärt man die Form als Kausativum von mn: „leiden“, könnte die t-Endung die Feminin-Endung eines Partizips sein, das an dieser Stelle die Funktion eines Objekts von šni̯ einnimmt: „der das beschwört, was seinen Kopf und seine Körperteile leiden lässt“. Ein Verb smnw negativer Bedeutung (leider mit zerstörtem Klassifikator) findet sich auch unter einer Liste von Verben des Leidens sowie einigen Substantiven feindseliger Zustände (wie „Streit“) im späten Tebtynis-Onomastikon (Hinweis Fischer-Elfert), s. J. Osing, The Carlsberg Papyri 2. Hieratische Papyri aus Tebtunis I, CNI Publications 17 (Copenhagen 1998), Bd. 1, 70 und 72, Anm. z sowie Bd. 2, Taf. 2+2A, Fragment B.3, Zeile 14.

3 Kolumne 11 scheint direkt an Kolumne 10 anzupassen – zumindest passt die markante, nach unten rechts weggehende schräge Bruchkante rechts von Zeile 11,9 in Form und Winkel gut zu der Bruchkante links neben 10,9. Auch die horizontalen Papyrusfasern der beiden Fragmente passen gut zueinander, soweit sich das anhand der Fotos beurteilen lässt. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 48 deutet dagegen durch seine Zeichensetzung an, dass er Zeile 11,1 nicht direkt an 10,9 anschließt.

4 ḥꜣi̯: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 48 geht von der Partikel aus: „Si seulement la mère [...]“. Die Kombination von ḥꜣ mit n + Suffixpronomen ist zwar gut belegt, aber die Kombination mit n + Nomen scheint bislang nicht vorzukommen. Der Haken unter dem n ist auch nicht ein von Meyrat übersehenes Suffixpronomen der 1. Person Singular, sondern der hintere Arm + Fuß des Mannes mit Hand am Mund, vgl. die Form zwei Zeilen weiter unten. Hier wird daher das Verb ḥꜣi̯: „klagen“ vorgeschlagen; zu Schreibungen mit Mann mit Hand am Mund s. den Schreibungszettel DZA 26.463.380.
Die danach erhaltenen Zeichenreste verführen zu einer Ergänzung als mw.t[=f Nw.t]: „[seine] Mutter [Nut] klagte“, aber dafür ist die Lücke ein wenig zu groß. Denkbar wäre, dass Nut hier noch ein Epitheton trägt. Die zunächst denkbar erscheinende Alternative mw.t [n(.j) Ḥr-wr]: „Mutter [des Haroëris]“ ist weniger wahrscheinlich, weil die Zeichenspuren zwischen Abbruchkante und Götterklassifikator nicht zu wr passen.

5 ḥwrr: Ein sehr seltenes Wort, das bislang einmal in den Sargtexten belegt war. R. O. Faulkner, The Ancient Egyptian Coffin Texts. Vol. II. Spells 355–787 (Warminster 1977), 185, Anm. 2 zu Spruch 582 vermutet zurückhaltend „poverty(?)“. Aber da es in pRamesseum VIII snb, der „Gesundheit“, gegenübergestellt wird, scheint es wohl eine allgemeinere Bedeutung, vielleicht „Elend“, zu haben. So auch P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 48: „misère“ (was allerdings Faulkners „poverty“ ebenfalls miteinschließt).

6 snb: Möglicherweise liegt hier schon eine Anspielung auf das snb-Amulett vor, wie drei Sätze weiter unten.

7 qf: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 318, 48 und 67 schlägt die Ergänzung zu qfqf.t vor. Das würde davor allerdings nur noch eineinhalb bis zwei Schreibgruppen offenlassen, in die der komplette Satzbeginn passen müsste. Außerdem passt auch der klassifizierende schlagende Arm nicht zu qfqf.t. Alternativen können aktuell nicht gegeben werden: Das anschließende jr.j erfordert ein Substantiv und die Kürze der Lücke ein dementsprechend kurzes. Ob der Tintenrest über dem schlagenden Arm zu einem Phonogramm gehört, vielleicht zu einer t-Endung, oder ob er Teil der Klassifikation selbst ist, muss offenbleiben. Ebenso unsicher bleibt die Lesung der erhaltenen Phonogramme: Meyrat liest das Zeichen über dem f als q, aber auch ein d ist nicht ganz ausgeschlossen.

8 In der Lücke zwischen Isis und Iaqes wird wohl ein Epitheton zu Isis gestanden haben. Ob noch mehr, ist unklar. Es ist denkbar, dass Isis und Iaqes hier gemeinsam als Subjekt von šmi̯ auftreten, aber im folgenden Satz handelt nur Isis allein.

9 Semantisch bezeichnet šmi̯ ein allgemeines „Gehen“, jedenfalls kein „Kommen“. Eingrenzungen auf Richtung und Art der Bewegung ergeben sich durch Kollokationen mit verschiedenen präpositionalen Erweiterungen und andere Kontexten, s. explizit I. Hafemann, Zum Zusammenspiel von Semantik und Syntax ägyptischer Verben, in: Lingua Aegyptia 10, 2002, 151–210, hier 194. In pRamesseum VIII dürfte die Nuance am wahrscheinlichsten auf einer erwünschten räumlichen Annäherung an den Redner liegen.

10 wḏꜣ.w snb.w: Es liegen zweifellos Wortspiele vor, denn mit den beiden Amuletten werden auch „Wohlbefinden“ (wḏꜣ) und „Gesundheit“ (snb) gebracht.

11 rmn.wj=f bqs.wj=f: Das Bezugswort des maskulinen Suffixpronomens ist unklar. Es ist wohl eher Haroëris gemeint, der die Amulette vielleicht während seiner Heilung getragen hat, statt Iaqes. Zur Schreibung von bqs s. 12,6; das Wortende wird in 6,7 entsprechend zu vervollständigen sein.

12 ḥꜥ(.w) rmn[.wj]=f: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 48 und 68 vermutet einen direkten Genitiv: „les membres des ses ép[aules]“ und verweist auf pLeiden I 348, Rto. 11,7–8, wo die Amulette wn ḥr.j rmn=k: „〈auf〉 der Oberseite deiner Schulter waren“. Es ist allerdings bislang nicht ersichtlich, dass nach ägyptischen anatomischen Vorstellungen rmn-Schultern noch weiter in einzelne ḥꜥ-Glieder unterteilt wurden. Daher wird eher eine reine Koordination oder eine Badalapposition vorliegen.

13 pꜣu̯ wnn r ḥꜥ.w: „am Körper gewesen sein“: vielleicht eher so zu lesen als pꜣu̯ wnn n ḥꜥ.w: „qui étaient pour les membres“ (so P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 48). Denn vor dem Hintergrund, dass die Aussage durch pꜣu̯ dezidiert in die Vergangenheit gesetzt ist, passt eine Aussage über mögliche Anbringungsorte besser als eine Aussage über Nutzen und Zweck der Amulette.
Zur Erklärung der Form pꜣu̯ wnn als Partizip + Infinitiv vgl. A.H. Gardiner, The Origin of the Coptic Negative ⲙⲡⲉ, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 45, 1908, 73–79, hier 76 für dieselbe Konstruktion in Sinuhe B25–26.

14 Das erste Zeichen nach dem Namen der Isis sieht aus wie der Rest der zꜣ-Ente, so dass man an das Epitheton zꜣ.t-Nw.t: „Tochter der Nut” denken könnte, das Isis in pRamesseum VII, Fragment O, Kol. x+5 trägt. Allerdings scheint die Lücke etwas zu kurz für diese Ergänzung, und die Ergänzungen in den Zeilen 11,4 und 11,5 sprechen dagegen, die beiden Fragmente etwas weiter auseinander zu schieben und die Lücke dadurch zu vergrößern. Je nachdem, wie der Name des Iaqes geschrieben ist, könnte man spekulieren, ob Isis hier vielleicht als Tochter des Iaqes bezeichnet würde. Allerdings ist ein derartiges verwandtschaftliches Verhältnis bislang nicht belegt und es gibt auch keinen Beleg dafür, dass Iaqes ein Beiname des Geb, des im Osirismythos üblichen Vaters der Isis, sein könnte.
Denkbar wäre auch, die fraglichen Zeichenreste als wr zu lesen. Aber die Lücke ist zu kurz für das Epitheton wr.t-ḥkꜣ.w: „Zauberreiche“, und die Zeichenreste nach der Lücke passen nicht dazu.

15 Zwischen spr und r=f befindet sich noch ein schwarzer Fleck, der allerdings auf dem Foto des British Museum verwischt wirkt und nicht sicher identifizierbar ist. Ob hier ein fehlerhaftes Suffixpronomen, vielleicht ein =f nachträglich auszuwischen versucht wurde?

16 [___]=f: Unter der Annahme, dass diese Passage parallel zu 11,3–4 konstruiert ist, könnte in der Lücke ein optativisches Verb zu ergänzen sein. Dieses muss sehr kurz und transitiv sein; die noch erhaltenen Zeichenreste lassen sich jedoch nicht ergänzen. Ob schlicht ein weiteres jni̯? Dann wären die Göttinnenepitheta metaphorisch zu verstehen, vielleicht ebenfalls als Amulette: „Er möge die (Amulette in Gestalt der) ‚Allherrin‘ und (der) ‚Fürstin der Göttinnen‘ bringen!“

17 Das Epitheton nb.t-r-ḏr ist bislang für Isis, die Wr.t-ḥkꜣ.w, Hathor, Sachmet, die S.t(j)t-Wr („Stellvertreterin des Großen“) u.a. belegt (C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. IV. nbth, Orientalia Lovaniensia Analecta 113 (Leuven 2002), 170a); als ḥnw.t-nṯr.wt können Isis, Anukis, Bastet, Mut, Hathor, die Uranfängliche, Šsm.tt, Tꜣ-jr.t-pr-Tm, Tꜣ-sn.t-nfr.t-Tfn.t, Tait, Nut und andere Göttinnen bezeichnet werden (C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. V. , Orientalia Lovaniensia Analecta 114 (Leuven 2002), 191c). P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 68 vermutet, dass hier Nut gemeint ist, die sich eingangs des Spruches nach dem Befinden des Haroëris erkundigt hat.

18 Satz unklar. Wohl kein jri̯ ḏw n ḫꜣs.wt: „Fais donc du mal aux pays étrangers“, wie P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 48 diese Passage versteht. Denn die Partikel js scheint in derartigen Verbalsätzen nicht vorkommen zu können, und ḏw wäre mit dem Berg allein ungewöhnlich kurz geschrieben. Möglicherweise ist Meyrats Berg nur ein Klassifikator eines nicht identifizierbaren Wortes.

19 Wörtl.: „Mache (deine) Gänge!“

20 smn: Vielleicht ist in der kurzen Lücke eher ein t zu ergänzen, wie in 10,9, statt eine Buchrolle. Zur Bedeutung des Verbs s. die Diskussion dort.

21 Sehr unsicher. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 318 gibt das fragliche Zeichen als Arm mit der Handfläche nach unten wieder (Gardiner Sign-list D41). Auf S. 48 übersetzt er mit „Fin“, versieht diese Übersetzung aber – zurecht – mit einem Fragezeichen. Die Strophen-Endmarkierung grḥ ist sonst in diesem Papyrus nicht belegt, und der Spruch ist auch nicht zu Ende, sondern geht in der nächsten Kolumne weiter. Daher wird hier – ebenfalls mit Fragezeichen – das Verb grḥ „aufhören“ (vgl. Wb 5, 182.8–11) vorgeschlagen.

22 Syntax aufgrund der Zerstörungen unklar. Unsicher ist auch, ob das noch tlw. erhaltene n nach dem nw-Topf mit Beinen ein phonetisches Komplement oder ein Infix .n ist. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 48 vermutet Letzteres; aber in Zeile 11,4 kann es – sofern diese kaputte Stelle richtig analysiert ist – nur ein phonetisches Komplement sein. Auch in Zeile 12,3 geht Meyrat davon aus, dass das erste auf jni̯ folgende n nur ein phonetisches Komplement ist.

23 jnḫ.w: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 319 und 48–49 liest ẖꜣ.w: „écrasée“. Die erste Zeichengruppe sieht jedoch eher aus wie der Tilapia über n und nicht wie der Spitznasennilhecht. Vgl. die Schreibungen von sjn in Zeile 4,5 und 4,6.
Das tlw. zerstörte Zeichen über dem Schwanz des Fisches gibt Meyrat als schlagenden Arm wieder, so dass man an eine Schreibung von sjn denken könnte, bei der das s und die komplementierende Rispe beim Zeilenwechsel vergessen wurde. Oder ist es das alte Verb jn(n): „schneiden“?
Allerdings ist Meyrats schlagender Arm viel runder als an anderen Stellen und erinnert eher an die Plazenta. Ein Word jnḫ bereitet jedoch Deutungsschwierigkeiten, weil diese Konsonantenfolge nicht üblich ist: In NR-Versionen des Uschebti-Spruches wird ein Gerät namens jnḫ erwähnt, das laut H. D. Schneider, Shabtis. An Introduction to the History of Ancient Egyptian Funerary Statuettes with a Catalogue of the Collection of Shabtis in the National Museum of Antiquities at Leiden, Collections of the National Museum of Antiquities at Leiden 2 (Leiden 1977), Vol. 1, 151 ein Messer ist; er verbindet es mit dem nẖꜣ-Messer von Wb 2, 306.5. Außerdem gibt es im Alten Reich noch die in ihrer Bedeutung ungeklärten Personennamen Jnḫ und Jnḫ.j, H. Ranke, Die ägyptischen Personennamen. Bd. I. Verzeichnis der Namen (Glückstadt 1935), 38, 14–15. Keines dieser Wörter bringt die Lesung in pRamesseum VIII voran; zudem wäre dort das Wort dann ohne Klassifikatoren geschrieben.
Meyrat, a.a.O., 68 diskutiert ferner ein in Zeile 12,4 vorkommendes Wort wnḫ. Dieses findet sich aber weder in seiner hieroglyphischen Transliteration auf S. 319 noch in seiner Transkription und Übersetzung auf S. 48–49. Sollte dieses wnḫ ein weiterer Lesungsvorschlag zum Zeilenbeginn sein? Die Reste der ersten Zeichengruppe der Zeile passen jedoch nicht zu wn.
Das Hieratogramm nach den Pluralstrichen von jnḫ.w(?) dürfte die Ligatur aus Eule + Arm sein, so auch Meyrat, a.a.O., 319. Er liest (S. 48–49) mj: „prends“. Je nachdem, wie man die Wortreste in der vorigen Zeile liest, käme auch die Präposition m-ꜥ: „von, durch“ infrage. Dann müsste das nächste Wort ein substantivischer Ausdruck sein.
Der mittlere Teil der Zeile, nach dem Hieratogramm aus Eule + Arm, ist tlw. zerstört und daher schwer zu lesen. Meyrat, a.a.O., 319 transliteriert: n, s, kurze Lücke, b, Arm über t. Für die anschließenden zwei Zeichengruppen bietet er keinen Vorschlag; dann folgen ein Schmutzgeier, gefolgt von einem t sowie der Buchrolle über Pluralstrichen, ein m (so jedenfalls auf S. 48) und dann ein Wort srf.w. In seiner Übersetzung (S. 48–49) schlägt er für das n am Anfang die Präposition vor (d.h. mj n: „prends pour“), was allerdings ausgeschlossen ist, wenn man die Ligatur als Präposition m-ꜥ interpretiert. Außerdem ist auch sein s fraglich: Zwar befindet sich an der Position des rechten Schafts ein Riss im Papyrus, der diesen zerstört haben könnte, aber links daneben müsste eigentlich noch etwas mehr vom linken Schaft erhalten sein, der bei dem s in diesem Text relativ weit nach unten gezogen ist. Außerdem scheint noch von dem vermeintlichen s eine kleine diagonale Linie nach unten links wegzugehen, die den Abstrich des anschließenden, teilweise zerstörten Zeichens überschneidet.
Dieses scheint im Wesentlichen aus einer waagerechten Linie zu bestehen, dessen rechts Ende eben einem Abstrich nach unten links ausläuft und dessen linkes Ende nach der schmalen Lücke über dem Fuß des b erhalten ist. Darüber sind an der Abbruchkante weitere Tintenreste erhalten; ob sie zu einem Aufsatz über der waagerechten Linie gehören oder zu einem separaten Zeichen, ist nicht zu entscheiden.
Der Arm über dem t hinter dem b ist vielleicht eher ein Klassifikator als ein Phonogramm.

24 Für das Zeichen vor dem Schmutzgeier bietet Meyrat keine Transliteration an. Die Kombination mit dem Schmutzgeier und der Buchrolle macht jedoch eine Lesung als Sichel und damit als mꜣ(w).t recht wahrscheinlich; zur Form der Sichel vgl. diejenige in mꜣꜥ-ḫrw am Anfang von Zeile 9,9. Die Zeichengruppe davor ist partiell zerstört und bleibt unidentifizierbar.

25 Bei srf.w hat Meyrat sicher an das bislang nur aus ptolemäischen Texten belegte srf, eine „Bez[eichnung] für Wasser“, Wb 4, 197.11–13, gedacht. Das sehr kurze erste Zeichen unter dem Türriegel spricht eigentlich eher für ein t und damit für eine Lesung als stf statt srf (etwas besser noch zu erkennen bei Gardiner, a.a.O.). Damit wäre eine Entsprechung unter den Wörtern von Wb 4, 342.5–13 zu suchen.

26 Die beiden Zeilen 12,3 und 12,4 sind komplett unsicher:
Das Verb am Anfang von Zeile 12,3 könnte ein sḏm.n=f mit pronominalem Subjekt sein; ein sḏm.n NP oder sḏm NP mit nominalem Subjekt, das hinter einem pronominalem indirekten Objekt n=s und damit schon in der Lücke steht; oder ein Imperativ.
Nach der Lücke stehen in Zeile 12,3 der Hausgrundriss, der am wahrscheinlichsten ein Klassifikator eines ansonsten zerstörten Wortes ist; ein „3“-förmiges Zeichen, das ein schmales m sein könnte; ein Zeichen, das wie eine w-Schleife aussieht (und so auch von P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 319 transliteriert wird); ein zweites, etwas breiteres „3“-förmiges Zeichen, das ein weiteres m (so Meyrat) oder eine Ligatur (bspw. n:t) sein könnte; ein Zeichen, das Meyrat als Messer über t transkribiert; sowie ein tlw. zerstörter sitzender Mann. Die Zeichenfolge aus m, Messer, t und sitzendem Mann interpretiert Meyrat, a.a.O., 48–49 als m dm.t=j: „avec mon couteau“. Allerdings ist der sitzende Mann eher derjenige mit Hand am Mund, Gardiner Sign-list A2, als der einfache sitzende Mann A1 (besser erhalten auf dem älteren Foto bei A.H. Gardiner, The Ramesseum Papyri. Plates (Oxford 1955), Taf. 38). Damit scheidet eine Interpretation als Suffixpronomen aus. Eine Kombination aus Messer und sitzendem Mann mit Hand am Mund passt zu dem Verb dm: „aussprechen, nennen“, Wb 5, 449.8–450.6. Anders als dm.t: „Messer“ benötigt dieses Verb aber ausgeschriebene Phonogramme. Das m davor könnte zwar dazu passen, und Meyrats t unter dem Messer könnte auch ein etwas nach hinten gerutschtes w vor dem Messer sein. Aber es findet sich kein d vor dem m. Quack (E-Mail vom 05.08.2021) schlägt Hacke + r vor, was zu einem Vertreter der Wortfamilie mri̯: „lieben“ führt. Wenn das vorangehende Zeichen wirklich ein m ist, müsste mri̯ eine nominale Form sein; für das Wort mrw.t: „Liebe, Beliebtheit“ fehlt jedoch die Endung (vgl. die Schreibungen in 1,x+4 und 7,2). Jedoch ist auch dessen Lesung keineswegs sicher, denn hier scheinen sich zwei Zeichen zu überlagern, so dass vielleicht eine Korrektur vorliegt.

27 Zur Übersetzung vgl. den Kommentar zu nahezu demselben Satz in Zeile 11,4–5. Wer in 12,5 die Amulette empfängt, ist unklar. Die Lücke ist so kurz, dass eigentlich nur ein Suffixpronomen hineinpasst; die noch erhaltenen Zeichenreste an der Abbruchkante passen aber zu keinem richtig (allenfalls =tn würde zu halbwegs zu den drei übereinanderliegenden Tintenresten passen).

28 Von den Wörtern zwischen jgp und pn sind nur Zeichenreste erhalten. Das letzte Zeichen vor pn ist die Sonnenscheibe. Das verführt zunächst zur Lesung hrw pn: „dieser Tag“, doch ist hrw in diesem Papyrus, außer in manchen Kombinationen mit Zahlenangaben, immer mit Gardiner Z1 nach der Sonnenscheibe geschrieben.

29 Zwischen pn und ḥḥ befindet sich eine kleine Lücke, die mehrere kurze oder ein längeres Wort enthalten haben kann. An beiden Abbruchkanten sind noch Wortreste erhalten, lassen sich aber nicht rekonstruieren. Meyrat transliteriert das letzte Zeichen vor ḥḥ als b, was dann zu einem klassifikatorlosen Wort gehören müsste. Was er als b ansieht, könnte aber auch der Rest einer waagerechten Linie des Zeichen bzw. der Zeichengruppe davor sein. Das letzte Zeichen vor dem ḥḥ ist daher vielleicht auch nur ein senkrechter Strich.

30 ḥḥ: Vgl. Wb 3, 152.9–10. Daran wird auch P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 49 gedacht haben: „ils frappent“. Das Wort ist wohl mit ḥwi̯: „schlagen“ zu verbinden. In Meyrats Transliteration der Klassifikatoren (a.a.O., 319) ist der Mann mit Würdenstab (Gardiner Sign-list A21) in den alten Mann (Gardiner Sign-list A19) zu korrigieren, s. Gardiners Kommentar in der Zeichenliste. Die Schreibung des Wortes in pRamesseum VIII, 12,8 entspricht damit derjenigen im Schiffbrüchigen, Kol. 36–37.

31 Ob der Satz mit der Zeile endet oder in der folgenden Kolumne weiterging, ist aufgrund der Zerstörungen unklar. Von den Zeichenresten in der Lücke transliteriert Meyrat einzig ein n; Quack (E-Mail vom 05.08.2021) erwägt konkreter ein n über Pluralstrichen und dahinter ein m.

32 rʾ r: Der Schreiber hat alle Zeichen separat geschrieben, d.h. es liegt keine Ligatur zwischen dem r von und dem darunterliegenden Zeichen vor, wie bspw. bei dem rʾ n(.j) in Zeile 10,7. Das untere Zeichen zeigt demzufolge einen deutlichen Anstrich, der es wie ein r erscheinen lässt (so auch P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 321) und nicht wie ein n, auch wenn es etwas anders aussieht als das r des unmittelbar darüber. Wenn die Übersetzung des [___] n.t sjn korrekt ist, ist das tlw. zerstörte und tlw. unleserliche Wort wohl ein magisches Utensil, wie das Krokodil aus Ton und der Stier aus Ton in Zeile 8,7 (die kurze Lücke wird vielleicht die Klassifikatoren enthalten haben). Unklar bleibt jedoch der Zusammenhang, denn diese Zeile ist schwarz geschrieben und gehört daher noch nicht zur Nachschrift. Es wird hier also keinesfalls die Anweisung vorliegen, dass der Spruch über einer Figur aus Ton gesprochen werden soll, zumal „Spruch über (etw. sprechen)“ auch üblicherweise mit der Präposition ḥr gebildet wird.

33 Wenn in der Lücke nach sjn: „Ton“ die zu diesem Wort gehörenden Klassifikatoren zu ergänzen sind, stellt sich die Frage, ob der Platz auch noch für das von Meyrat, a.a.O. ergänzte s und damit eine Lesung des anschließenden Wortes als [s]jn möglich ist. Sollte das nicht der Fall sein, käme angesichts der Schreibung nur das sehr seltene Verb jnj: „verweilen, zögern“ o.ä. (Wb 1, 92.18–19) infrage. Eine Konstruktion dieses Verbs (reflexiv mit Pronomen ṯw) mit anschließendem r findet sich in A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts I. Texts of Spells 1–75, Oriental Institute Publications 34 (Chicago 1935), 231d; R.O. Faulkner, The Ancient Egyptian Coffin Texts. Vol. I. Spells 1–354 (Warminster 1973), 48 und R. van der Molen, A Hieroglyphic Dictionary of Egyptian Coffin Texts, Probleme der Ägyptologie 15 (Leiden 2000), 39 schlagen dafür vor: „hold back from“: jmi̯=k jn ṯw r=j: “hold yourself back from me”.

Neuer Spruch

O Bezopfter, o Bezopfter!1 O Fähiger mit mehr Namen als die Ba-Seelen von Heliopolis, [---] mein Vater ist Re, meine Mutter ist Hathor, [---]2 Kommen des Seth gegen mich [---]3 gekommen aus/als [---] der Gestalt(?), indem sie entstanden ist (?) [---] [---] [14,1] der Haarzopf der Hathor [---] Sie wird nicht gefunden [---] usw. „Mein [---]“, werde gesagt – zwei Mal.
[---]
[---] auf/über/beim [---] machen das Land (???) [---] [14,5] ge[___]t auf/über [---] Spruch für [---].

1 Der „Bezopfte“ ist laut P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 70 der Krokodilgott Sobek. In dem Zopf vermutete er ein „attribut hathorique“ und erklärt die Tatsache, dass hier ein Krokodil einen Haarzopf tragen kann, mit der Nähe der Kulte von Sobek und Hathor in Gebelein, wo er die Herkunft der Ramesseumsbibliothek verortet (vgl. S. 200).

2 Die Zeichenreste nach dem Namen der Hathor ergänzt Meyrat, 321 und 49 zu zꜢu̯ r: „prends garde à l’arrivée de Seth contre moi“.

3 Die letzten erkennbaren Zeichenreste in Zeile 13,8 ergänzt Meyrat, a.a.O. zu m=k: „Vois“. Der Abstrich des vermeintlichen k-Korbes passt aber nicht zu den sonstigen Schreibungen auf diesem Papyrus, s. allein das m=k am Ende von Zeile 8,9.

Neuer Spruch

Soll ich (etwa) 7 Knoten [knüpfen]?1 Soll ich [---]2 bekämpfen? Soll ich die Besatzung (der Sonnenbarke) (?) [---]3 Re [behindern (o.ä.)]? Soll ich die zwei Steuerruder auf dem Deck4 der Götterbarke lähmen [---] usw.?
Ich werde also keine 7 Knoten knüpfen. Ich werde [nicht ---] bekämpfen. Ich werde die Besatzung (der Sonnenbarke) (?) nicht von Re wegfahren (?).5 Ich werde also [15,1] die zwei Steuerruder auf dem Deck der Götterbarke nicht lähmen. Ich werde dann sagen:
[15,5] „Steig hinab und fahre Re mit/im/als [---]6 vom See7 weg!“
Dieser Spruch werde gesprochen über einem Knotenamulett aus rʾ-(jꜣꜣ.t)-Gewebe (?)8, das zu 4 Knoten verknotet ist. (Und) dieser Spruch werde gesprochen [15,10] über einem Knotenamulett/einem Faden [---], ge[___] (?) [---].9

1 Zur Lesung und Ergänzung des Satzbeginns (tlw. schon P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 323) vgl. dieselbe Sequenz in der übernächsten Zeile.
Die Übersetzung dieser affirmativen Passage als unmarkierte Frage ist ein reiner Vorschlag, basierend auf dem unmittelbaren Anschluss des affirmativen Gegenstücks in Zeile 14,8.

2 ꜥḥꜣ.y: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 50–51 vermutet ein pluralisches Substantiv: „combattants“. Es liegt jedoch wohl eher ein Verb vor: Die Wortsequenz am Anfang von Zeile 14,6 scheint identisch zu sein mit derjenigen von Zeile 14,8, mit affirmativen Aussagen in 14,6 und dem negierten Gegenstück in 14,8. Nun befindet sich in 14,8 eine kleine Lücke zwischen ṯs=j ṯs.t 7 und ꜥḥꜣ, in der nur noch ein kleiner Zeichenrest in der unteren Zeilenhälfte erhalten ist. Diese Abweichung in der Wortfolge zwischen 14,6 und 14,8 lässt vermuten, dass auch die Lücke in 14,8 die Negationspartikel nn enthielt, dass man dort also nn ṯs=j ṯs.t 7 [nn] ꜥḥꜣ.y lesen muss und in 14,5 demzufolge das affirmative Gegenstück ṯs=j ṯs.t 7 ꜥḥꜣ.y. Das hat zur Folge, dass ꜥḥꜣ.y in beiden Fällen ein Verb, genauer: ein sḏm=f, sein muss. Der kleine Punkt direkt hinter dem Klassifikator des ꜥḥꜣ.y von Zeile 14,6 – von Meyrat als t interpretiert –, könnte der sitzende Mann und damit das Suffixpronomen =j sein. Die Schreibung des Verbs mit Doppelschilfblatt ist zugegebenermaßen unerwartet.

3 Der vorliegende Satz findet sein negiertes Pendant in Zeile 14,9: nn s[q]di̯=j sqd.wt m-ꜥ Rꜥw, und man ist verführt, die Lücken in Zeile 14,6–7 dementsprechend zu rekonstruieren. Die Zeichenreste vor und hinter der kleinen Lücke in 14,6 ließen sich zwar gut zu einem s und einem d von sqdi̯ ergänzen, aber die Zeichen danach passen nicht hierzu: Über Meyrats Arm ist noch ein winziger Tintenpunkt erkennbar; aber für eine Transliteration als Schiff über sitzendem Mann, wie in Zeile 14,9, sind sich die Formen dennoch zu unähnlich. Dasselbe wie für das Verb gilt für den Anfang von Zeile 14,7: Ein Teil der erhaltenen Zeichenreste ließen sich, parallel zu 14,9, als m-ꜥ interpretieren, aber es scheint doch noch mehr als nur das dazustehen.
Trotz der Unsicherheiten wird man aber dennoch in den Zeichen vor sqd.wt das Ende eines Verbs erkennen dürfen. Unter der Annahme, dass hier eine Götterbedrohung vorliegt (vgl. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 72), wird dieses Verb eine Art der Behinderung ausdrücken. Zum Vorschlag, in sqd.wt nicht die „Überfahrt“, sondern die „Schiffsmannschaft“ zu sehen, s. den Kommentar zu 14,9.

4 Das – hier wie in 15,3 – klassifikatorlose ḥr.w kann aus technischen Gründen nicht den Bug des Schiffes (Wb 3, 127.7–8) bezeichnen, weil es der Ort ist, an dem sich die Steuerruder befinden. Stattdessen muss es entweder Umschreibung oder, umgekehrt, ein bislang nicht belegter Fachterminus für das Schiffsdeck, die „Oberseite“ des Schiffsrumpfes, sein. Man könnte auch an einen Fehler oder eine maskuline Variante zum ḥr.jt: „Dollbord“ denken, doch ist das Steuerruder eigentlich nicht daran befestigt.

5 Ergänzungen mit P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 323. Auf S. 50 übersetzt er diese Passage mit: „je ne guiderai pas la course loin de Rê“. Man erwartet im vorliegenden Kontext eine positive Aussage, d.h. der Sprecher verspricht, eine negative Handlung *nicht* durchzuführen, vgl. den folgenden Satz. Während Meyrat von dem Substantiv sqd.wt: „Fahrt“ u.ä. ausgeht, wird hier vorgeschlagen, sqd.wt trotz fehlendem Personenklassifikator als Beleg für die „Schiffsmannschaft“ zu sehen; Schreibungen ohne sitzenden Mann finden sich in manchen Totenbuchhandschriften.

6 Das Satzende ist teilweise zerstört und nicht sicher zu übersetzen. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 323 und 50–51 liest Zeile 15,6 als mk wj m-ꜥ š: „protège-moi du lac“. Die Form des hieratischen Zeichens unter dem Arm unterscheidet sich allerdings von allen k-Körben auf diesem Papyrus. Zu der Zeichengruppe mk in der Wortfamilie „beschützen“ vgl. die Schreibungen von mkw.t: „Schutz“ in Zeile 1,3–5. Eine sinnvolle Alternative kann zugegebenermaßen nicht angeboten werden.

7 Es ist unklar, von welchem See die Rede ist. Meyrat, a.a.O., 73 vermutet, dass hier der Leidende selbst spricht und vor diesem See bewahrt werden möchte; er verweist auf den See aus Feuer (š n(.j) sḏ.t) aus den Sargtexten und Tb 17, der als Ort der Strafe dient, und vermutet, dass in pRamesseum VIII ein ähnlicher Ort gemeint sein könnte.

8 Am Anfang von Zeile 15,8 muss eine Gewebebezeichnung gestanden haben, und der noch erhaltene Wortanfang lässt an das rʾ-jꜣꜣ.t-Gewebe (Wb 2, 393.13) denken. Es gibt auch noch eine -Binde (Wb 2, 393.11), aber die ist bislang nur in ptolemäischen Texten belegt. Sollte in pRamesseum VIII wirklich das rʾ-jꜣꜣ.t-Gewebe vorliegen, wäre es verführerisch, nicht ṯs.t n.t rʾ-jꜣꜣ.t, sondern ꜥꜣ.t n.t rʾ-jꜣꜣ.t zu lesen. Aber der Spruchanfang, an dem vom Knoten (ṯs) von Knotenamuletten (ṯs.t) die Rede ist, spricht dafür, auch hier ṯs.t zu lesen.

9 Die Kolumne ist einerseits viel schmaler als die übrigen, enthält aber andererseits zwei Zeilen mehr. Beides zusammengenommen ist ein Indikator dafür, dass die letzte Kolumne des Papyrus vorliegt: Der Schreiber hatte sie vermutlich nicht mehr so breit angelegt, weil er am Ende seines Textes angekommen war und die Kolumne komplett füllen wollte, hat dann aber doch etwas enger schreiben müssen, um nicht doch noch mit den letzten Wörtern die nächste Kolumne anfangen zu müssen.