Papyrus Kahun London UC 32116A

Metadaten

Aufbewahrungsort
Europa » Großbritannien » (Städte K-N) » London » Petrie Museum of Egyptian Archaeology

Inventarnummer: UC 32116A

Erwerbsgeschichte

Der Papyrus stammt aus den Ausgrabungen W. M. F. Petries in Illahun und befindet sich deshalb seit 1890 in dem nach ihm benannten Museum in London.

Herkunft
Niltal von Kairo bis Assiut » zwischen Fajjum und Beni Hassan » westliches Ufer » el-Lahun (Illahun)

Das Papyrusfragment wurde während der Ausgrabungen der Arbeiter- und Priestersiedlung von El-Lahun (auch: Illahun) bei der Pyramide Sesostris' II. durch W. M. F. Petrie entdeckt (Collier – Quirke 2002, v–ix). Petrie nannte die Siedlung Kahun oder Medinet Kahun, was es ihm erlaubte, zwischen dem Pyramidenbereich (Illahun) und der Siedlung (Kahun) zu differenzieren (David 1998, ix–x; Luft 1998, 1). Er arbeitete dort zwischen April 1889 und Januar 1890 (Gallorini 1998, 42). Das Papyrusfragment gehört nicht zu einem der Konvolute, die aus den Grabungsunterlagen von Petrie oder aus der Publikation der Konvolut-Papyri durch Griffith identifizierbar sind, so dass der Fundort innerhalb der Siedlung nicht genauer bestimmt werden kann.

Datierung
(Epochen und Dynastien) » Pharaonische Zeit » Mittleres Reich » 12. Dynastie, (Epochen und Dynastien) » Pharaonische Zeit » Zweite Zwischenzeit » 13. Dynastie

Die Datierung des Papyrus basiert auf dem archäologischen Kontext des Fundorts. Dieser wurde in der Arbeitersiedlung Sesostris' II. (Beckerath 1997, 189: 1882–1872 v. Chr.; Hornung – Krauss – Warburton 2006, 492: 1845–1837 v. Chr.) in El-Lahun entdeckt. Laut Quirke florierte sie vor allem ab der zweiten Hälfte der 12. Dynastie in der Zeit 1850–1750 v. Chr. (Quirke 2005, 42). Die meisten datierbaren Verwaltungstexte aus El-Lahun stammen aus der späteren 12. Dynastie (ab Sesostris III. und vor allem Amenemhet III.), einige aus der 13. Dynastie (u.a. Sechemrechutawi [Sobekhotep I.?] und Sechemkare [Amenemhat V.?]) (siehe Ryholt 1997, Quellen 13.1.1, 13.17.6, 13.32.2, P.5.2) (Datierung der 13. Dynastie nach Beckerath 1997, 189: 1794/93–1648/1645 v. Chr.; nach Hornung – Krauss – Warburton 2006, 492: 1759–ca. 1630 v. Chr.). Eine genauere paläographische Datierung des Papyrus ist nicht möglich.

Textsorte
Inhalt

Vorder- und Rückseite enthalten Texte unterschiedlicher Natur. Das Textfragment auf dem Recto ist eine mythologische Erzählung, in der verschiedene Gottheiten auftreten: Horus, Isis, Nephthys und Seth (Collier – Quirke 2004, 13). Leider ist nicht genug erhalten, um den Inhalt zu bestimmen. Falls Horus gebissen oder gestochen wird (unsicher!), könnte es eine Historiole zu einer Beschwörung gegen eine Biss- oder Stichverletzung sein. Die ersten erhaltenen Zeilen auf dem Verso (in roter Tinte) könnten Verwendungsanweisungen für ein Amulett enthalten. Anschließend folgt in schwarzer Tinte eine Anrufung an den Mondgott in einer Beschwörung, die vielleicht zugunsten einer Frau durchgeführt wird. Es könnte also eine Beschwörung gynäkologischer Natur sein, was zum Mondgott passt, aber zu wenig ist erhalten, um zu entscheiden, ob die Frau schwanger ist (so allerdings Collier – Quirke 2004, 67).

Material
Organisch » Faser, Pflanzliche und Tierische » Papyrus
Objekttyp
Artefakt » Schriftmedien » Schriftrolle
Technische Daten

Das Papyrusfragment ist 10,9 cm hoch und weist eine Breite von 8,8 cm auf (Collier – Quirke 2004, 67). Es ist beidseitig beschrieben. Nur der untere Rand (Vorderseite) ist original erhalten. Auf der Vorderseite sind schwarze, horizontale Hilfslinien gezogen (3 sind erhalten), die darauf hinweisen, dass die Rolle ursprünglich für einen Verwaltungstext mit Abrechnungstabellen vorgesehen war (vgl. Parkinson 1991, xiv–xv). Solche Linien fehlen auf der Rückseite. Für die Beschriftung der Rückseite wurde der Papyrus in der Längsrichtung gedreht (der untere Rand der Vorderseite ist der obere Rand der Rückseite). Auf Vorder- und Rückseite sind jeweils 7 Textzeilen erhalten. Falls die Rolle ursprünglich 16 cm hoch gewesen sein sollte (halbe Standardhöhe im Mittleren Reich), dann ist von 5 Hilfslinien und 10 Textzeilen auf der Vorderseite auszugehen.

Schrift
Hieratisch

Der Text auf der Vorderseite ist auf dem erhaltenen Fragment nur in schwarzer Tinte in Zeilen geschrieben. Auf der Rückseite sind die ersten zweieinhalb Zeilen in roter Tinte, der Rest in schwarzer Tinte geschrieben (Collier – Quirke 2004, 67).

Sprache
Ägyptisch-Koptisch » Ägyptisch » Mittelägyptisch
Bearbeitungsgeschichte

Das Fragment wurde von Collier – Quirke 2004 ediert mit Photo, hieroglyphischer Umschrift, Transkription und Übersetzung. Sie identifizierten den Text auf der Vorderseite als literarisch, den Text auf der Rückseite als zugehörig zu den "Papyri for healing and health".

Editionen

- Collier – Quirke 2004: M. A. Collier – S. G. C. Quirke, The UCL Lahun Papyri. Religious, Literary, Legal, Mathematical, and Medical, British Archaeological Reports – International Series 1209 (Oxford 2004), 12–13 (Recto) und 66–67 (Verso).

Literatur zu den Metadaten

- Beckerath 1997: J. v. Beckerath, Chronologie des pharaonischen Ägypten, Münchner Ägyptologische Studien 46 (Mainz 1997).

- Collier – Quirke 2002: M. Collier – S. Quirke, The UCL Lahun Papyri: Letters, British Archaeological Reports – International Series 1083 (Oxford 2002).

- David 1998: R. David, Foreword: Petrie at "Kahun", in: S. Quirke (Hrsg.), Lahun Studies (Reigate 1998), ix–xiii.

- Gallorini 1998: C. Gallorini, A reconstruction of Petrie’s excavation at the Middle Kingdom settlement of Kahun, in: S. Quirke (Hrsg.), Lahun Studies (Reigate 1998), 42–59.

- Hornung – Krauss – Warburton 2006: E. Hornung – R. Krauss – D. A. Warburton, Ancient Egyptian Chronology, Handbook of Oriental Studies. I, 83 (Leiden/Boston 2006).

- Luft 1998: U. Luft, The Ancient Town of el-Lâhûn, in: S. Quirke (Hrsg.), Lahun Studies (Reigate 1998), 1–41.

- Parkinson 1991: R. B. Parkinson, The Tale of the Eloquent Peasant (Oxford 1991).

- Quirke 2005: S. Quirke, Lahun. A town in Egypt 1800 BC, and the history of its landscape (London 2005).

- Ryholt 1997: K. S. B. Ryholt, The Political Situation in Egypt during the Second Intermediate Period c. 1800-1550 B.C., Carsten Niebuhr Institute Publications 20 (Copenhagen 1997).

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Autoren
Dr. Peter Dils

Übersetzung und Kommentar

Recto: mythologische Erzählung

[x+1] ...] ihr [...]. [Daraufhin (?)] sagte [...
...] jeden [...].
Ich [...
...], der im Land (oder: auf Erden) ist [...
... beklei]det (?) mit einer Kopf[binde (?) ...1
[x+5] ...] Horus, stechen (?)2 [...
...] seine [Mutter(?)] Isis, (als?) sie gehört hat [...
...] diese [...].
Daraufhin sagte Nephthys zu Seth [...

1 ⸮[wn]ḫ? m sšd: Lesung und Übersetzung nach Collier/Quirke, 13. Die Übersetzung ist sehr unsicher, weil die Lesung [wn]ḫ fraglich und auch das Determinativ von sšd nicht erhalten ist. Es könnte also auch ein anderes Wort als "Kopfbinde" sein. Außerdem wird die Kopfbinde sonst nicht in Kombination mit dem Verb wnḫ verwendet.
2 nsq: Vom Determinativ des Wortes sind nur winzige Spuren erhalten, die allerdings mit dem Mann mit Hand am Mund (Gardiner A2) (siehe unten) vereinbar wären. Es gibt im Totenbuch Kap. 64 ein Verb unsicherer Bedeutung, das mit dem Mann mit der Hand am Mund determiniert ist (Lapp, Die prt-m-hrw-Sprüche (Tb 2, 64–72), Totenbuchtexte 7, Basel 2011, 92–93) und das Wb 2, 336.15 mit koptisch ⲗⲱⲕⲥ̄ vergleicht, aber für das es keine Übersetzung liefert (Wb 2, 336.15; vgl. schon einen Beleg in CT VII, 183o, das Van der Molen auch unübersetzt lässt). Das koptische Verb ⲗⲱⲕⲥ̄ bedeutet "to bite, pierce, stab" (Crum, CD, 139b) und wird u.a. von Schlangen und Skorpionen, aber auch von einem Holzsplitter und einem Speer gesagt (Vycichl, DELC, 96: "mordre, piquer"; Westendorf, KHWB, 77: "stechen, beißen"). Es ist bereits demotisch als lks belegt (Černý, CED, 71), weshalb der Zusammenhang zwischen nsq und ⲗⲱⲕⲥ̄ unsicher ist (Metathese und Veränderung des k-Lautes). Černý vermerkt keinen etymologischen Zusammenhang zwischen ⲗⲱⲕⲥ̄ und nsq, sondern zwischen ⲛⲟⲩϭⲥ und nsq (Černý, CED, 119). Das Verb ⲛⲟⲩϭⲥ bedeutet "be wroth; make wroth" (Crum, CD, 252b–253a), "erbittert sein; zürnen" (Westendorf, KHWB, 138, 528). Westendorf und Meeks, AL 77.2208 vermerken beide Etymologien. In der Nachfolge von Černý, CED, 119 ("bite(?)") übersetzen Westendorf und Meeks das Verb nsq als "beißen (?)" (KHWB, 528) bzw. "mordre (?)" (ALex 77.2207); ebenso Hannig "*beißen" (Hannig, HWB, 457 {16529}; * = unsicher). Das Verb fehlt bei Faulkner, CDME. Collier/Quirke, 13 übersetzen nsq mit "licking" (Partizip), was vielleicht nur geraten ist.
Neben dem mit alphabetischen Zeichen geschriebenen Verb nsq gibt es im pAnastasi I, Kol. 18.3 ein syllabisch geschriebenes und mit einem Messer determiniertes Substantiv, über das Wb 2, 336.16 schreibt "bildlich von boshaften Reden", ohne eine Übersetzung zu liefern. Wegen des Determinativs kommen andere Forscher zu folgenden Übersetzungen: Gardiner, EHT, 20* mit Anm. 4: "pointed (?) speeches" und "pointed sayings, pungent sayings"; Caminos, LEM, 561: "'pointed (?)' of sayings"; Lesko, DLE II, 34: "pungent sayings (?), pointed speeches (?)"; Fischer-Elfert, Streitschrift, 161, Anm. a: "Stichelei". Černý, CED, 119 führt das Substantiv auf eine Wurzel "'cut, prick, irritate' or sim." zurück, das sich koptisch als ⲛⲟⲩϭⲥ "erbittert sein; zürnen" erhalten haben soll. Meeks, ALex 77.2208 hat entsprechend für die Wurzel die Übersetzung "piquer (?)". Spätestens bei Černý, CED, 119 wird also ein Zusammenhang zwischen dem Verb nsq und dem syllabisch geschriebenen Substantiv nsq hergestellt. Das tut auch Fischer-Elfert, Streitschrift, 161, Anm. a, der über das Verb nsq auf koptisch ⲗⲱⲕⲥ̄ verweist. Brugsch, Hieroglyphisch-demotisches Wörterbuch VI, 658 hatte schon direkt vom Substantiv auf ⲗⲱⲕⲥ̄ verwiesen. Hannig übersetzt das Substantiv als "Beißen (als boshaftes Reden), Sticheleien" (Hannig, HWB, 458 {16530}; anders als das Verb nsq ist es nicht als unsicher markiert).

Verso

[x+1] ...] sein ...?...1, indem es geknotet und gesetzt/gelegt ist [an ...
...] vollständig (?), indem es versiegelt/verschlossen ist mit/über [...
...] ...?...

Oh Jah/Mond(gott) [...
...] neben [...
...] Frau [NN], geboren [von Frau NN, ...
...] ... [...
...]. Oh [...

1 mꜣ.t=f: Sofern diese Lesung von Collier/Quirke, 67 stimmt, ist unklar, welches Wort gemeint ist. Collier/Quirke übersetzen mit "which he tied (?)", aber ein Verb, das mꜣ oder mꜣt enthält, ist nicht bekannt (vgl. ḥmꜣṯṯ/ḥmꜣt und mꜣꜥ mit der Schnur V1 als Determinativ).