Ostrakon Deir el-Medineh 1441
Übersetzung und Kommentar
oDeM 1441
Spruch zur Versöhnung eines Ahnengeistes
[1,1]Rechts:1 Er wird das Quartett [der] Ältesten(?), [der Herren des abgeschirmten Landes ---]2 ziehen [---]. [---], die im Himmel sind, und die, die aus der Unterwelt gekommen sind, [1,2]um herabzusteigen [zu ---] und um Re zu reinigen am Fest des 6. Monatstages. Man wird dir sagen: „Jubel (herrscht) unter den ‚Müden‘3 wegen [1,3](?) [---] zum Westen [---], dem Land des(?) Gerechten.“4 Der Spruch für die Achtheit am [Tage des] [1,4]Begräbnisses, das [für] Osiris NN bereitet wird, (ist es). ❡5 „Willkommen, willkommen! Du hast den Westen erreicht, du Gelobter [---]. [1,5][Die(?) Rinder ziehen]6 dich. Sängerin⟨nen⟩ sind vor dir. Räucherpfannen sind neben dir. [---] gießen [---] aus. [1,6]Süden/südlich [--- geöffnet wird (?)]7 dir der Weg.“ Die Herren der Unterwelt werden dir sagen: „Willkommen, [willkommen]! [1,7][---] ihre/sie.“ ❡
Links:8 [---] werden dir zujubeln [---] [1,8]die [---]. [Man] wird dir sagen: „[---] [1,9]Göttin [---] [---] Uferrand Götter [---] [1,10]große [---] [---] Osiris NN.“ ❡ Osiris [NN [1,11]---] [---] [___]-Gefäße, während du in den Westen (gehst o.ä.) [---] [1,12]Isis [---] [---] Maat [für(?)] dich(?) [---] Wasser/[___]-Gewässer des(?) Westens, [---] gemacht/tun/handeln [---] [2,1]Wenn du in die Gegenwart des Re eintrittst,9 sollst du10 [2,2]ihm den NN überweisen11. Du sollst kein Vergehen von ihm tadeln, (sondern) dich [2,3]seines guten Wesens erinnern. Du sollst veranlassen, dass sein Vieh freien Lauf12 hat, ohne dass [2,4]es (aber) vom Weg abweicht. Du sollst das srj13 dort süß sein lassen zusammen mit dem [2,5]Bierkrug. Ernte(?) und Jagdbeute sind im Speicher. Du sollst Zufriedenheit im Inneren des Hauses verbreiten, [2,6]ohne dass man (trübe) Gedanken fasse.14 Du sollst das Verderben beseitigen (und) Zuwendung15 (?) zeigen. Man handelt (ja) nach dem, was du gesagt hast. Du sollst Schädliches fortnehmen [2,7](und dafür) Nützliches gewähren, ohne dass deine Pläne säumig sind. Du sollst doch dafür sorgen, dass die Ernten16 auf dem Feld entstehen: Sie werden sich verhunderttausendfachen. [2,8]Ruft man zu einem, sind Tausend gekommen, und man zitiert17 dich vor Re, um dich wegen deines guten Wesens zu rühmen. Dein Herz soll froh sein über deine [2,9]Nützlichkeit. Man soll deine Tüchtigkeit loben. Man soll Olivenöl auf deinen rechten Arm geben und deinen linken bestreichen(?). [2,10]Man soll den Halskragen an deinen Hals knoten. [Man soll ---] legen [---].
[3,1]Rechte Ecke: [3,2]Der Westen wird sich für dich öffnen. Seine Tore [3,3]werden dich in Frieden empfangen. [3,4]Die Höhlenbewohner werden dir Lobpreis entgegenbringen. [3,5](Denn) du hast den bekleidet, der {verhüllt} ⟨nackt⟩18 war. [3,6]Die vier [3,7]Lampendochte, die im Morgenhaus sind, werden sich für dich entzünden. [3,8]Osiris [NN (?) ---]. ❡
[3,9][Linke Ecke:]19 [3,10]Die südlichen Tore [3,11]der Unterweltshöhle werden [sich] für dich [öffnen].20 Das Westgebirge wird sich für dich auftun. [3,12]Du wirst [3,13]durch die geheime Pforte hinein- und hinausgehen können, ohne dass [3,14]deine Ba-Seele weggenommen21 (???) wird. Mögest [3,15]du (?) zufrieden sein [über(?)] die Opfer auf dem Altar in der Gotteshalle(?), (o) Osiris NN.
1 wnm.j: Das Wort ist wohl ein Anbringungsvermerk und notiert, an welcher Wand im Grab die anschließende Passage aufgeschrieben werden soll, s. H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 84. Das Gegenstück smḥ.j steht in Zeile 1,7.
2 Ergänzung von H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 83 nach einem ähnlichen Text auf oDeM 1080. Da im Folgenden oft von Reinigung gesprochen wird, vermutet er in diesem Quartett die Reinigungsgötter Horus, Seth, Thot und Dunanui. Die Zerstörung des Satzendes erschwert die genaue Interpretation der Aussage ebenso wie das unvermittelt erscheinende Suffixpronomen =f – sofern es überhaupt dasteht, denn Posener versieht es mit einem Fragezeichen, und die Fotos der IFAO-Datenbank sind nicht gut genug, um diese Lesung zu prüfen. Gehört dieser Satz vielleicht gar nicht zum eigentlichen Text, sondern ist die Beschreibung einer Vignette?
3 H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 84 schlägt für jh.y und m wrḏ eine verbale, imperativische Übersetzung vor: „Jubel/freue (dich), werde nicht müde“. Außerdem fragt er sich, ob man am Beginn der folgenden Zeile „an [deinem Herzen]“ ergänzen kann, weist aber darauf hin, dass man dafür noch den Rest des sublinearen Abstrichs des k-Korbes erwarten würde und Posener auf nichts dergleichen hinweist. Das Wort wrḏ.w ist aber mit Falken auf Standarte und Pluralstrichen geschrieben. Beides müsste man streichen, wenn man wrḏ verbal auffasst. Daher wird hier eine alternative Übersetzung vorgeschlagen.
4 tꜣ n mꜣꜥ.tj: Fischer Elfert, a.a.O. übersetzt mit „Land der Gerechten“. Zunächst steht aber ein Singular mꜣꜥ.tj, kein Plural mꜣꜥ.tj.w. Derselbe Ausdruck tꜣ n mꜣꜥ.tj steht noch einmal in TT 218, K.A. Kitchen, Ramesside Inscriptions, Historical and Biographical. Vol. III (Oxford 1980), 710.2 als Apposition zu jmn.t(j)t: „Westen“ und wurde in C. Leitz, Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. III. p-nbw, Orientalia Lovaniensia Analecta 112 (Leuven 2002), 229b-230a als Beleg [15] dem Eintrag Mꜣꜥ.ty: „Der zur Maat gehörige“ zugeordnet.
5 Ergänzung des Zeilenendes mit H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 82. Er schließt die Wortfolge an den vorherigen, unvollständig erhaltenen Satz an: „die Sprüche der Achtheit am [Tage(?)] des Begräbnisses, das dem Osiris NN bereitet wird(?)“. Hier wird dagegen vorgeschlagen, sie als eigenständigen Satz analog zu der häufigen magischen Schlussformel „Ein Spruch für/gegen … ist es“ zu interpretieren. Die Wortwahl ist dafür zugegebenermaßen ungewöhnlich. Denn in dieser Formel wird in der Regel das Substantiv rʾ: „Spruch“ verwendet und dieses ohne Artikel verwendet.
6 Ergänzungen mit G. Posener, Catalogue des ostraca hiératiques littéraires de Deir el Médineh. Tome III (fasc. 2). Nos. 1410-1606, Documents de fouilles de l’Institut français d’archéologie orientale 20 ([Le Caire] 1978), Taf. 25 und H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 84.
7 „geöffnet“: So der Ergänzungsvorschlag von H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 84.
8 Wie das Pendant wnm.j: „rechts“ in Zeile 1,1 wird hier ein Anbringungsvermerk für die nachfolgenden Passagen vorliegen, s. H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 84.
9 jw=k (ḥr) ꜥq: Hier liegt wohl ein vorangestellter konditionaler (vgl. F. Junge, Das sogenannte narrative kontinuative jw=f ḥr (tm) sḏm, in: Journal of Egyptian Archaeology 72, 1986, 113-132, hier 128) oder temporaler (H. Satzinger, Neuägyptische Studien. Die Partikel ir. Das Tempussystem, Beihefte zur Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 6 (Wien 1976), 102) Umstandssatz vor.
10 jw=k und ḥn=k: Das Suffixpronomen bezieht sich auf den Gott, der in Kolumne 1 genannt gewesen sein muss, dessen Name aber zerstört ist. H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 75, Anm. a denkt hierbei an Thot, an den dann auch der folgende Text gerichtet ist.
11 ḥn=k: Die Teilparallele auf oBerlin P 14229 schreibt stattdessen ḥn: „gehen“.
12 nšjꜣ: Zum Verständnis des wohl verderbten Wortes s. H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986),75-76, Anm. c.
13 srj: Geschrieben 𓐠𓄿𓃭𓏤𓇋𓄿𓏛𓏥. H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986),76, Anm. d vermutet hierin eine Verschreibung für srm.t: „Dattelbier“. Seine Argumente für diese Gleichsetzung sind (1) die Kombination mit dem Verb nḏm, die auch für das srm.t-Getränk gut belegt ist; (2) die Kombination mit dem ꜥš-Krug, der vornehmlich für Bier verwendet wird, und (3) die Kombination mit m-jm, die den Ausfall des finalen m (die t-Endung war ohnehin schon verschwunden) erklären könnte. Sein Argument (2) ist etwas zu relativieren, da srm.t wohl eher den Pressrückstand von Datteln bezeichnet, gelegentlich auch einen Dattelbrei oder dicken Dattelsaft, jedenfalls kein Bier, s. den Lemmakommentar. Da aber ꜥš-Krüge wiederum nicht ausschließlich für Bier verwendet werden, ist dieses Argument nicht völlig auszuschließen. Dennoch sind auch andere Interpretationen denkbar; hier ist in erster Linie an pGenève MAH 15274 + Turin CGT 54063, Zeile 5,3-4 zu denken, wo ein 𓊃𓅭𓂋𓏤𓇋𓇋𓈒𓏥 geschriebenes magisches Requisit in ꜥš-Krügen aufbewahrt wird und bei Hundebissen (?) zur Anwendung kommt. Worum es sich dabei handelt, ist unsicher, aber es könnte sich um eine(n) der sr, sꜣr, sr.t oder sꜣr.t genannten Pflanze(nteile) handeln, s. den Lemmakommentar zu sꜣr.
14 Zur möglichen Bedeutung des Satzes s. H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 76-77, Anm. e mit Verweis auf Wenamun, 2,69. J. Assmann, Tod und Jenseits im alten Ägypten (München 2001), 185 mit Anm. 39 auf S. 554 fragt sich dagegen, ob sḫr.w ein Fehler für srḫ.w: „Anklagen“ (d.h. sḫr) ist: „ohne daß man Anklagen vorbringt“.
15 ḫꜣm: H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 77, Anm. f denkt aufgrund des zusätzlichen Mannes mit Hand am Mund an eine Bedeutung wie „Zuwendung, Zuneigung“. Auf S. 75 übersetzt er mit „Milde“.
16 skꜣ.w m sḫ.t: H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 75 und 77, Anm. h versteht die beiden Begriffe als semantische Ergänzungen: skꜣ(.t), das gerade gepflügte Land, das zu sḫ.t i.S. eines fruchttragenden Ackers wird. Interessanterweise gibt es aber auch ein Substantiv skꜣ, Wb 4, 316.10 = https://thesaurus-linguae-aegyptiae.de/lemma/146620, das nicht das Pflügen (und die damit verbundene Aussaat?) benennt, sondern das andere Ende des Arbeitsprozesses, die Ernte. Für diese Bedeutung gibt es nur sehr wenige Belege, auffälliger Weise sind aber zwei von ihnen mit dem neuägyptischen Artikel pꜣ verbunden.
17 ꜥš m-bꜣḥ GN: Zu der hier gewählten Nuance des Verbs s. H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986),79, Anm. b.
18 Emendation mit H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 80 und 81, Anm. c in Anlehnung an Tb 145.
19 Ergänzung mit H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 81-82.
20 Ergänzung mit H.-W. Fischer-Elfert, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte 9 (Wiesbaden 1986), 81-82.
21 ḫnfj: Bedeutung unsicher. Den teilweise zerstörten Klassifikator hat Posener als vornübergebeugten stehenden Mann transliteriert. Könnte es das Verb ḫnf, Wb 3, 291,9-10, https://thesaurus-linguae-aegyptiae.de/lemma/117960 sein, das parallel zu šdi̯ steht und daher vielleicht „wegnehmen“ o.ä. heißen könnte?
