science in ancient egypt

 

Metadaten

Bezeichnung
Papyrus Turin CGT 54053
Weitere Bezeichnungen
pTurin Cat. 2107/423 + Cat. 2105/355 + Cat. 2105/375 + Cat. 1964 + Cat. 2099/296 + Cat. 2048/034 + Cat. 2093/234 + unnummerierte Fragmente
Hinweis: Der gelegentlich zu findende Fehler Cat. 2049/296 statt des korrekten 2099/296 (bspw. Bellion 1987, 310, Roccati 2011, 17 beruht vermutlich auf der unsauberen und daher ambivalenten Beschriftung der Unterlage des Papyrus.

ID der Turiner Datenbank: 134564

TM 755028 (Recto)
Aufbewahrungsort
IT, Turin, Museo Egizio
Digitaler Katalog
Erwerbsgeschichte

Der Papyrus wird im Jahr 1824 von Jean-François Champollion als für seine Studien zur weiteren Entzifferung des Ägyptischen herangezogen und in seinem „2. Brief“ an den Duc de Blacas d’Aulps als „papyrus hiératique contenant les Litanies du dieu Ooh-Thôouth“ erwähnt (Champollion 1826, 46 [Kursivierung i.O.] und eine Zeile faksimiliert auf Taf. 15, Nr. A; der „Brief“ ist auf S. 129 datiert auf Dezember 1824); als Cat. 1964 identifiziert von Fabretti 1882, 256. Daher wird der Papyrus am wahrscheinlichsten Teil der ersten Sammlung von Drovetti sein, die im Oktober 1822 von der Academia della Scienze di Torino angekauft worden war (dazu Ministero della pubblica istruzione 1880, Bd. 3, XII–XIII), so die Vermutung in der Turiner Datenbank, papyri.museoegizio.it/!80915.

Herkunft
Oberägypten, Deir el-Medineh (?)

Die Datenbank des Museo Egizio gibt fragend Deir el-Medineh als Fundort an. Auch das dürfte auf der Annahme beruhen, der Papyrus sei Teil der Sammlung Drovetti; denn der Großteil der Papyri aus dieser Sammlung stammt aus Grabungen im thebanischen Raum und hier speziell in der Gegend von Deir el-Medineh (s. Roccati 2011, 11, Demarée 1993, 101).

Datierung
Neues Reich, Ramessidenzeit, 19.–20. Dynastie, ca. 1292–1077 v. Chr.

Die Datierung beruht auf paläographischen Kriterien, Roccati 2011, 253 findet Zeichenformen sowohl der 19. als auch der 20. Dynastie und tendiert allgemein zu einer Datierung in die 20. Dynastie.

Textsorte
magische Sprüche
Inhalt

Der Papyrus Turin CGT 54053 enthält ein langes Reinigungsritual, möglicherweise für einen bereits Verstorbenen, das angibt, von Thot selbst erdacht worden zu sein. Gegen Ende wandelt sich der Text eher in eine Thot-Aretalogie und einen Thot-Hymnus.

Ursprünglicher Verwendungskontext

Über den Verwendungskontext des medico-magischen Traktats lässt sich nichts sagen. Der Papyrus selbst ist sekundär für einige administrative Notizen wiederverwendet worden.

Material
Papyrus
Objekttyp
Papyrusrolle
Technische Daten

Der Papyrus ist sehr fragmentarisch und besteht aus 21 physisch nicht direkt aneinanderschließenden Fragmenten (bzw. noch mehr Fragmenten, wenn man die Fragmente, die physisch direkt aneinander anschließen, separat zählt). Aufgrund der Parallelität zu pTurin CGT 54050 kann jedoch der Umfang ungefähr rekonstruiert werden: Insgesamt hatte der Papyrus neun Kolumnen auf der Vorderseite und drei auf der Rückseite. Der freie Platz auf der Rückseite wurde sekundär für einige administrative Notizen verwendet.
Vom Haupttext ist von Kolumne 1 nur ein kleines Fragment mit Resten der ersten beiden Zeilen erhalten. Kolumne 2 ist komplett verloren. Auch die Kolumnen 3–5 sind nur in Form kleinerer Fragmente erhalten. Ab Kolumne 6 sind die Kolumnen vollständiger und über die gesamte Kolumnenhöhe erhalten. Die Höhe des gesamten Papyrus beträgt etwa 20 cm, die Höhe des Textes etwa 14 cm. Keine der Recto-Kolumnen ist über die gesamte Kolumnenbreite erhalten. Die zweite Verso-Kolumne ist extrem unregelmäßig: Die meisten Zeilen sind etwa 13,5 cm breit; Vso. 2 ist aber nur 12,5 cm breit, und Vso. 6 ist 24 cm breit.
Über die gesamte Höhe erhalten sind die Kolumnen Rto. 5–9 und Vso. 2–3. Von ihnen umfassen die Kolumnen Rto. 5, 8 und 9 jeweils 10 Zeilen, die Kolumnen Rto. 6, 7 und Vso. 2 nur 9 Zeilen. Vso. 3 umfasst nur eine einzige Zeile, was anzeigt, dass mit ihr der Text zu Ende war.
Die Orientierung der Texte auf Vorder- und Rückseite ist identisch, d.h. der Papyrus wurde über die Schmalseite gedreht.

Schrift
Hieratisch

Die Leserichtung verläuft von rechts nach links. Der Text enthält einige Rubra.

Sprache
Mittelägyptisch mit Neuägyptizismen

Der Recto-Text ist mittelägyptisch mit einigen neuägyptischen grammatischen Konstruktionen (v.a. neuägyptische Possessivpronomina).

Bearbeitungsgeschichte

Der Papyrus, oder besser gesagt: der später unter der Nummer Cat. 1964 geführte Teil des Papyrus, ist in der Ägyptologie schon früh bekannt und anfangs von wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung gewesen: Er findet sich bei Champollion 1826, 46 als „papyrus hiératique contenant les Litanies du dieu Ooh-Thôouth“ (Kursivierung i.O.), und der darin enthaltene Hymnus an den Gott Thot-Jah hat ihm geholfen, die Lesung der hieratischen Mondsichel als „Aah“/„Ooh“ (modern jꜥḥ) zu identifizieren und infolgedessen den letzten König der 17. Dynastie (heute als 1. König der 18. Dynastie gezählt) mit dem in griechischen Texten erwähnten Αμως/Αμωσις gleichzusetzen.
Vom Fragment Cat. 1964 wurde von Pleyte – Rossi 1869, Taf. 23–25 ein Faksimile von Recto und Verso publiziert. Roccati 1975, 245 meldet, dass im August 1969 dieser Papyrus zusammen mit anderen Fragmenten als Parallele zu pTurin CGT 54050 recto erkannt wurde. Im Jahr 2011 erfolgte die Publikation einer synoptischen hieroglyphischen Transliteration zusammen mit einer Übersetzung des Textes, weitestgehend basierend auf der vollständigsten Variante pTurin CGT 54050, durch Roccati (Roccati 2011). Abgesehen davon blieb der Papyrus bislang unbearbeitet.

Editionen

- Pleyte – Rossi 1869: W. Pleyte – F. Rossi, Papyrus de Turin (Leiden 1869), 1. Bd., 34–35, 2. Bd., Taf. 23–25 (nur Fragment Cat. 1964).

- Roccati 2011: A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 17–18, 37–45, 161–164, 198–251, 253.

Literatur zu den Metadaten

- Champollion 1826: J. F. Champollion, Lettres à M. le duc de Blacas d’Aulps relatives au Musée Royal Egyptien de Turin. Vol. 2. Suite des monuments historiques (Paris 1826).

- Demarée 1993: R. J. Demarée, Recent Work on the Administrative Papyri in the Museo Egizio, in: Anonymous (Hrsg.), Sesto Congresso internazionale di egittologia. Atti. Vol. II 2 (Torino 1993), 101–105.

- Ministero della pubblica istruzione 1880: Ministero della pubblica istruzione (Hrsg.), Documenti inedití per servire alla storia dei musei d’Italia. Bd. 3 (Firenze, Roma 1880).

- Fabretti 1882: A. Fabretti, Regio Museo di Torino. Antichità egizie. Vol. 1, Catalogo generale dei musei di antichità e degli oggetti d’arte raccolti nelle gallerie e biblioteche del Regno 1.1 (Torino 1882).

- Roccati 1975: A. Roccati, Scavi nel Museo Egizio di Torino. VII. Tra i papiri torinesi, in: Oriens Antiquus 14, 1975, 243–253.

- Roccati 1984: A. Roccati, Les papyrus de Turin, in: Bulletin de la Société Française d’Égyptologie 99, 1984, 9–27.

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Bearbeiter
Dr. Lutz Popko
Bearbeitungsdatum
24.04.2019

Übersetzung und Kommentar

Recto

[Rto. 1,1] [Anfang des Spruches zum Vollziehen der Reinigung, die Thoth]1, der Herr der Gottesworte, für die Götterneunheit [ausgeführt2 hat [Rto. 1,2] ---]: (oder: Anfang des Spruches ..., den Thot ... kreiert hat ...)
[O NN, den NN geboren hat,] zu dir [bin ich gekommen].3
Ich bin Thot [--- Atum ist/als sein leiblicher Sohn].4
[Rto. 2,1-x] [---]5

1 Ergänzung am Satzanfang mit Roccati nach pChester Beatty XVI und pTurin CGT 54050. Auf pChester Beatty XVI fehlt der Anfang des Titels vor j:jri̯. A.H. Gardiner, Hieratic Papyri in the British Museum. Third Series: Chester Beatty Gift. Bd. 2. Plates (London 1935), Taf. 71, der am Satzanfang aufgrund der noch fehlenden Parallele nur ergänzte, ergänzte danach noch die Genitiv-Nisbe, also rʾ n. Die Genitivnisbe ist von A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 91.1 nicht angegeben, kann aber vielleicht ebenfalls ergänzt werden.
2 jri̯.n: Das Bezugswort des (hier nur ergänzten, aber in pChester Beatty XVI erhaltenen) jri̯.n ist unsicher. Ist es die Reinigung, die Thot vollzieht? Oder ist es der Spruch, der von Thot kreiert wird?
3 Ergänzung nach der Parallele auf pChester Beatty XVI. Zur davon abweichenden Formulierung von pTurin CGT 54050 vgl. den Kommentar im TLA.
4 Ergänzung nach pChester Beatty XVI. Zu ḥr ḏs=f für einfaches ḏs=f s. Wb 5, 607.7.
5 Der Umfang der Zerstörung ergibt sich aus der Parallele pTurin CGT 54050, vgl. A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 17 und 97.48.

[Rto. 2,9] [Ach, möge Nechbet mit einem großen Schutz(amulett) kommen, ach, möge Uto [Rto. 3,1] mit reinem Wasser zu dir kommen], um [dich damit] zu reinigen, [so wie das, was sie für ihren Vater Re-Harachte auf den großen Felsen des Ostgebirges getan haben, [Rto. 3,2] wenn die] große [„Umringler“]-Schlange [erscheint, die einen Feuersteinblock von 30 Ellen (Länge? Höhe?) vor ihrer Gestalt hat.]6

6 Ergänzungen nach pTurin CGT 54050, Rto. 3,4-6, vgl. A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 97.47-51. Auf dem Fragment a (nach der Nummerierung von A. Gill, s. hier: http://papyri.museoegizio.it/!80915) ist der obere Kolumnenrand zu erkennen, so dass hier die erste Zeile einer Kolumne vorliegt. Nach dem Textumfang der Parallele zu schließen, ist es die dritte des Textes. Die genaue horizontale Verortung des Fragments innerhalb der Kolumne ist unklar; die Zeilenumbrüche sind aus pragmatischen Gründen ungefähr dort eingetragen, wo sie A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 97.48-50 angegeben hat. Ebenfalls aus dem Textumfang der Parallele und den späteren, besser erhaltenen Kolumnen schließt Roccati, ebd., 17, dass die ersten Kolumnen jeweils neun Zeilen lang waren. Daher auch die Verwendung einer Zeilennummer „2,9“ am Anfang des Satzes, die aber nur hypothetisch zu verstehen ist, um in Roccatis System zu bleiben.
Zur Übersetzung und Bedeutung des Satzes vgl. den Kommentar in pTurin CGT 54050.

[O (du), der (du) in Rosetau (b)ist, in der großen Halle von [Rto. 3,3] Cheri-aha, die (ihr)] in Busiris seid, [die (ihr) in Abydos seid, die (ihr) in Heliopolis seid, die (ihr) in Memphis seid, die (ihr) in Hermopolis seid, die (ihr) in Hutweret seid, die (ihr) in Herakleopolis seid, die (ihr) in Letopolis seid,] [Rto. 3,4] die (ihr) am Himmel seid, die (ihr) auf Erden seid, [die (ihr) in der Unterwelt seid, die (ihr) in euren Schreinen seid: Wendet eure Aufmerksamkeit NN, [Rto. 3,5] den NN geboren hat, zu!]7

7 Ergänzungen nach pTurin CGT 54050, Rto. 3,7-9. Die genaue horizontale Verortung des Fragments innerhalb der Kolumne ist unklar; die Zeilenumbrüche sind aus pragmatischen Gründen ungefähr dort eingetragen, wo sie A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 97.52-98.55 angegeben hat.

Ihr sollt ihn vor dem Hunger[n retten,8 vor dem Dürsten, vor Nacktheit, vor der Gewalt jeglichen Gottes und jeglicher Göttin, vor [Rto. 3,6] jeglicher Verunreinigung, vor jeglichem] (weiblichen) Geist [und jeglichem (männlichen) Geist,9 vor jeglicher Krankheit,]10 [ohne dass ihm irgendeine Angelegenheit, die sie hassen, geschieht!]

8 [nḥm]=f sw: Die Parallele bietet den Imperativ nḥm sw: „Rettet ihn“. Auf pTurin CGT 54053 ist dagegen nach dem schlagenden Mann, der der Klassifikator des sonst zerstörten nḥm sein muss, das Pronomen tn zu sehen. Daher muss hier ein Prospektiv [nḥm]=tn sw: „Ihr sollt ihn [retten]“ vorliegen.
9 [ꜣ]ḫ.t [nb.t ꜣḫ.y nb]: So die Reihenfolge auf pTurin CGT 54050, Rto. 10. Diese Reihenfolge weicht von der üblichen ab, in der zuerst der männliche Geist und dann der weibliche Geist genannt wird. C. Peust, Ladies and Gentlemen or Gentlemen and Ladies? On the order of conjoined gendered nouns in Egyptian, in: The Bulletin of the Australian Centre for Egyptology 17, 113-121, hier 113-121 äußerte auf Basis seiner Untersuchung von Reihungen gegenderter Nomina die Vermutung, dass die Reihenfolge [männlich] – [weiblich] im Ägyptischen keine Frage von vermeintlicher Bedeutung oder Hierarchie ist, sondern ein linguistisches Phänomen: Wenn das feminine Pendant eine Ableitung von einer männlichen Grundform ist, wie bspw. bei snsn.t: „Bruder“ und „Schwester“, findet sich in Aufzählungen die linguistische Reihenfolge [Grundform] – [Ableitung der Grundform], die eine biologische/soziale Reihenfolge [männlich] – [weiblich] suggeriert. Sind das männliche und weibliche Pendant dagegen nicht wurzelverwandt, wie bei ṯꜣ.yḥm.t: „Ehemann“ und „Ehefrau“ oder mw.tjt: „Mutter“ und Vater“, sind beide Reihenfolgen belegt: [männlich] – [weiblich] und [weiblich] – [männlich]. Das Bsp. ꜣḫ.y(t) nb.t ꜣḫ.y nb von pTurin CGT 54050 gehört in die erste Kategorie und würde damit eigentlich Peusts Vermutung widersprechen. Andererseits könnte hier auch ein stilistisches Spiel durch bewusste Abweichung von dieser Regel vorliegen.
10 Ergänzungen nach pTurin CGT 54050. Die genaue horizontale Verortung des Fragments innerhalb der Kolumne ist unklar; der Zeilenumbruch ist aus pragmatischen Gründen ungefähr dort eingetragen, wo ihn A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 98.56 angegeben hat.

[Siehe, NN, den NN geboren hat, ist ein Bote des Re.]
[Sachmet geleitend, ist er gekommen.]
[Er ist ein Gefolgsmann des Ptah.]
[Er ist ein Bote eines jeden Gottes und einer [Rto. 3,7] jeden Göttin.]
[Er ist es,] der dem Thot Nachricht bringt.
[NN, den NN geboren hat, kennt die geheime (Bücher)kiste, die in Heliopolis ist.]11

11 Ergänzungen nach pTurin CGT 54050, Rto. 3,10-12. Die genaue horizontale Verortung des Fragments innerhalb der Kolumne ist unklar; die Zeilenumbrüche sind aus pragmatischen Gründen ungefähr dort eingetragen, wo sie A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 98.59 angegeben hat.

[O Siegelbewahrer [Rto. 3,8] der Herren von Heliopolis, (hiermit) bringt er] diese [Pflanze] des (Ortes namens) „Gottesfeld“12, um [ihm] daraus ein Salbmittel(?) her⟨zu⟩stellen.
[Er hat die Große (Uräusschlange) zu der in der Höhle befindlichen (Gottheit), die in U-Poqer (bei Abydos) ist,13] gebracht, [indem er sie an den Kranz der Rechtfertigung,14] vor ihren Vater Re15, [setzt,] (und) indem er ⟨denen⟩, die in Busiris16  sind, [Opferbrote, und denen, die in Abydos sind, Kleidung]17 gibt.18
[Rto. 4,1 – Rto. 4,5] [---]
[Rto. 4,6] [---]19
[Rto. 4,7] [---]

12 sḫ.t-nṯr: Nach dem mythologischen Papyrus Brooklyn 47.218.84, Zeile 9,8 (D. Meeks, Mythes et légendes du Delta d’après le papyrus Brooklyn 47.218.84, Mémoires publiés par les membres de l’Institut français d’archéologie orientale 125 (Le Caire 2006), 21) liegt der Ort „Gottesfeld“ bei Bubastis im Ostdelta.
13 Wer die „in der Höhle in U-Poqer befindliche“ Gottheit ist, ist unklar. Das LGG nennt nur diesen Beleg in der Version von pTurin CGT 54050. Die Lesung jm.jt ist auch gar nicht sicher – das Hieratische könnte man auch jm.j lesen, mit Gardiner Z4 statt t. Zu maskulinen Gottheiten jm.j-ṯpḥ.t und jm.j-ṯpḥ.t=f s. C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd I. -y, Orientalia Lovaniensia Analecta 110 (Leuven 2002), 256b. Könnte mit „dem Gott von U-Poqer“ Osiris gemeint sein?
14 mꜣḥ n mꜣꜥ.t-ḫrw: Das Überreichen des „Kranzes der Rechtfertigung“ oder des „Siegeskranzes“ ist v.a. aus ptolemäischen Tempelinschriften bekannt, aber auch schon aus früheren Zeiten, und war Teil des Tempelrituals. Darin wurde der Kranz Göttern wie Horus, Osiris oder Re als Zeichen des Sieges über die Götterfeinde überreicht. Dem Verstorbenen wurden diese Kränze als Zeichen über das erfolgreich überstandene Jenseitsgericht mitgegeben, s. Jankuhn, LÄ III, 1980, 764, s.v. „Kranz der Rechtfertigung“. Archäologisch sind solche Kränze auf Mumien mehrfach nachgewiesen, s. P. Derchain, La couronne de la justification. Essai d’analyse d’un rite ptolémaïque, in: Chronique d’Égypte 30 (60), 225-287, hier 225, Anm. 1. Der Kranz, der in pTurin CGT 54050 beschrieben ist – mit der Uräusschlange „vor ihrem Vater“, d.h. vor dem Sonnengott Re bzw. der Sonnenscheibe –, entspricht am ehesten Derchains Typ VII, der einmal in Dendur als Gabe an den verstorbenen und vergöttlichten Pa-her belegt ist, s. Derchain, ebd., 228 und 286, Nr. 29. Der in pTurin CGT 54050 genannte Ortsname W-pqr bringt die Textstelle zudem in einen rituellen Kontext mit dem „Spell for bringing the garland of triumph during the wag-feast in Upeqer, the first month of the akhet-season, (day) 4“ im Totenbuch der Nodjmet vom Beginn der 21. Dynastie, vgl. dazu schon Derchain, ebd., 235 und ausführlicher G. Lenzo, The Two Funerary Papyri of Queen Nedjmet (P. BM EA 10490 and P. BM EA 10541 + Louvre E. 6258), in: British Museum Studies in Ancient Egypt and Sudan 15, 63-83, hier 70-71.
15 jt=sn Rꜥ: Der Göttername fehlt in pTurin CGT 54050.
16 Ḏd.w: Zur Diskussion, ob hier Busiris oder Mendes gemeint ist, s. den Kommentar in pTurin CGT 54050, Rto. 4,2 im TLA.
17 Zu den Ergänzungen und Emendationen s. die Parallele auf pTurin CGT 54050, Rto. 4,1-3.
18 Unter der letzten Zeile ist der untere Kolumnenrand erhalten.
19 An der oberen Abbruchkante von Fragment f (nach der Nummerierung von A. Gill, s. hier: http://papyri.museoegizio.it/!80915) = pTurin CGT 54053, Rto. 4,6 sind noch Zeichenreste erhalten, die A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 100.76 als t und f transliteriert und parallel zu dem Wort mntf von mntf zꜣ wꜥ msi̯{.w}.n{=f} ⸮jd(.t)? 2.t: „Er ist der einzige Sohn, den zwei Weibchen (?) geboren haben“ von pTurin CGT 54050, Rto. 4,9 setzt. Das ist allerdings nicht möglich, denn die Zeichenspuren passen nicht dazu. Vermutlich liegt nur ein Versehen vor, und Roccati meint eigentlich die zwei Zeichenreste an der oberen Abbruchkante von Fragment e, die tatsächlich als tf gelesen werden könnten, aber nach seiner Anordnung der Fragmente eigentlich schon zu Zeile 4,7 gehören.

[Unter der Vierzahl der Männ]er und [der Vierzahl der Frauen, die ⟨im⟩ Norden von Heliopolis sind, wuchs er auf.]
[Betritt sie (d.h. die Männervierzahl) die obere Menset, dann verlässt sie (d.h. die Frauenvierzahl) die [Rto. 4,8] untere Menset.]
Er ist das Ebenbild (???)20 [--- im Haus des H]errschers – er lebe, sei heil und [gesund].
[Er ist der Türhüter im Haus des großen Fürsten, der in Heliopolis ist.]
[Er ist die Hieroglyphe von Schu und Mut/Tefnut im [Rto. 4,9] Hut-Benbe]n, das Wort [(dessen?), der in seiner geheimen Gestalt im] prächtigen Isched-Baum ist, des[sen ureigensten Namen man nicht kennt.]21
[Er ist dort (im) Zustand (?) der Millionen [Rto. 5,1] und Hunderttausend]e Jahre vor ihm, [der Millionen Ellen von Dunkelheit auf jedem seiner Wege, von dem man nicht weiß, an welchem Ort er ist.]

20 Zur Frage, welches Wort nach mntf vorliegt, s. die Diskussion der Stelle in pTurin CGT 54050, Rto. 4,11. A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 101.79 schlägt in beiden Papyri vor, das erste Zeichen nach dem Pronomen als mdw-Stab zu lesen, doch sehen die Reste dieses Zeichens in der Zeile darunter (laut Roccati, ebd., 101.81 der Beginn von mdw.t) anders aus. Hier wird daher H.-W. Fischer-Elfert, Magika Hieratika in Berlin, Hannover, Heidelberg und München, Ägyptische und Orientalische Papyri und Handschriften des Ägyptischen Museums und Papyrussammlung Berlin 2 (Berlin 2015), 164 gefolgt, der eine Transliteration als mj vorschlägt. Da der Satz in pTurin CGT 54050 und in pBerlin P 23220 a-g unterschiedlich fortgesetzt wird („das lebende Ebenbild (???) des Re, der im Haus des Herrschers ... ist“ in pTurin, „das Ebenbild (???) des Amun, des Großen, des ḥw.t-ꜥꜣ.t, der im [---] ist” in pBerlin), wird hier keine Ergänzung vorgeschlagen.
21 Ergänzung weitestgehend nach pTurin CGT 54050, Rto. 4,11-12. Welcher Göttinnenname in pTurin CGT 54053 neben Schu genannt war, ist allerdings nicht sicher: pTurin CGT 54050 nennt die Göttin Mut; pTurin CGT 54068 (A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 48 und 101.80) und pBerlin P 23220 a-g, Zeile x+7 (H.-W. Fischer-Elfert, Magika Hieratika in Berlin, Hannover, Heidelberg und München, Ägyptische und Orientalische Papyri und Handschriften des Ägyptischen Museums und Papyrussammlung Berlin 2 (Berlin 2015), 160-161) nennen dagegen den eigentlich näherliegenden Namen Tefnuts, der Partnerin des Schu.

[Komm zu NN, den NN geboren hat!]22
[Mögest du ihn vor jeder bissigen ‚Maulschlange‘23 retten!]
[Rto. 5,2] Man soll sich seiner nicht bemächtigen!24
(Denn) er ist Sachmet.
[---] dort (?) [---] (?).25

22 Ergänzung nach pTurin CGT 54050, Rto. 4,13.
23 „Maulschlange“ ist nur ein Versuch, die ägyptische Bezeichnung zu übersetzen. Im Brooklyner Schlangentext kommt jedenfalls keine -Schlange vor, nur eine rʾ-bḏḏ-Schlange, die aber aufgrund der Zerstörungen der Stelle nicht identifiziert werden kann, s. C. Leitz, Die Schlangennamen in den ägyptischen und griechischen Giftbüchern, Akademie der Wissenschaften und der Literatur: Abhandlungen der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Klasse 6 (Stuttgart 1997), 139. Es liegt also wohl eine poetische Bezeichnung und kein taxonomischer Terminus technicus vor.
24 sḫm=tw: pTurin CGT 54050, Rto. 5,1 schreibt das sinnvollere sḫm=f: „Sie (nämlich die zuvor erwähnte Schlange) soll sich nicht seiner (nämlich des NN, Sohn der NN) bemächtigen!“
25 pTurin CGT 54050, Rto. 5,1 schreibt in Parallele zum vorigen Vers: nn nš.ṱ=f r=f mntf Stẖ ꜥꜣ-pḥ,tj: „Sie (nämlich die Schlange) soll nicht gegen ihn wüten! (Denn) er ist Seth, groß an Kraft.“ Während man die letzten Zeichenreste vor dem m-jri̯ des folgenden Satzes notfalls als Rest von pḥ.tj interpretieren könnte, passen die Zeichen davor weder zu ꜥꜣ noch zu Stẖ – und auch nicht zu jw (so A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 102.85), sondern zu jm. Anders als Roccatis Transliteration angibt, folgt danach aber keine Lücke, sondern gleich die Zeichenreste, die er als n.tj interpretiert. Man könnte sie tatsächlich als n.tj interpretieren, doch erwartet man keinen Relativkonverter vor dem Vetitiv m-jri̯.

Kommt nicht [zu NN, den NN geboren hat, weder als [Rto. 5,3] Ha]uch noch als Ge[genwin]d, weder als šm.yt-Hitze26 noch als [euer dḥr.t-Phänomen, weder als wbd.t-Verbrennung] noch als der Gluthauch, der aus dem Maul der Uräus-Schlange kommt, (auch nicht) als F[euer, das aus [Rto. 5,4] dem Mund der Bastet kommt], (oder) als die Flamme[n, die aus dem Mund der Sachmet kommen]!
[Ihr sollt nicht zu ihm kommen!]
[Ihr sollt euch nicht] seiner [bemächtigen, bis dass die Erde] hell wird und die Sonne [aufg]eht, um [dem Re seine] Botschaft zu verkünden!27
[Rto. 5,5] [Keine schlimme und üble Sache soll ihn befallen, um sich im Fleisch des NN, den NN geboren hat, einzunisten (wörtl.: um ihren Platz im Fleisch von (...) zu machen)!]

26 šm.w(t): Auf pTurin CGT 54050, Rto. 5,2 mit Doppelschilfblatt geschrieben: šm.y(t). Diese Schreibung ist identisch mit dem šm.y in pTurin CGT 54050 Rto. 5,11, das aufgrund des Artikels tꜣ feminin sein muss. Im Wb wurden beide Stellen als (einzige) Belege für šmj.t, Wb 4, 469.8, abgelegt. Da dieses Lemma also eventuell auf pTurin CGT 54050 beschränkt ist (J. Osing, Die Nominalbildung des Ägyptischen, Sonderschrift, Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Kairo 3 (Mainz 1976), 99 und 579, Anm. 473 kennt noch ein einmal belegtes koptisches Derivat ϣⲁⲙⲏ), fragt sich, ob es vielleicht eine Sonderschreibung des Terminus šmm.t: „Fieber“ der medizinischen Texte ist, zumal es hier zusammen mit dem dḥr.t-Phänomen(?) und der wbd(.t)-Verbrennung genannt ist, die beide ebenfalls in medizinischen Texten vorkommen. Das scheint auch R. Hannig, Großes Handwörterbuch Ägyptisch - Deutsch (2800-950 v. Chr.). Die Sprache der Pharaonen (Marburger Edition), Kulturgeschichte der Antiken Welt 64, 4. Auflage (Mainz am Rhein 2006), 889, s.v. {32898} zu vermuten, der bei dem Wort auf šmm.t verweist. Das šm.w von pTurin CGT 54053 würde wiederum zum entsprechenden šm.w der medizinischen Texte passen.
27 Ergänzung und Lesung der Zeichenreste mit pTurin CGT 54050, Rto. 5,3.

[Sopdu, der Herr des Ostens, möge dein Nest] zerstreuen, [Rto. 5,6] [und er möge dein Ei zerbrechen!]
[Verbirg dich nicht in all diesem Fleisch des NN, den NN geboren hat!]
[Siehe, er veränderte] seine Gestalt [Rto. 5,7] [zu (der des) Horus, des Vorstehers von Letopolis, des Oberarztes im Tempel des Re, des Gottes, der mich schicken ließ (???).]28
[Du] sollst aufhören, [Rto. 5,8] [am Knochen des Sohnes der] ... (?)29 zu kauen, dem Fleisch [des NN, den NN geboren hat]!

28 Ergänzung nach pTurin CGT 54050, Rto. 5,5.
29 mmmꜣ.w: Nur der untere Zeilenrand ist erhalten; zur vollständigen Schreibung s. pTurin CGT 54050, Rto. 5,6: Dort ist es geschrieben mit der doppelten Ligatur aus Eule+Arm sowie der Gruppe Sichel+Schmutzgeier, klassifiziert mit Kopf und Schlund des Rindes (Gardiner F10), dem Mann mit Hand am Mund (Gardiner A2) und den Pluralstrichen. Die Schreibung in pTurin CGT 54053 wird fast identisch gewesen sein: Die erste Ligatur aus Eule+Arm ist komplett verloren, aber von der zweiten ist noch der Arm erhalten. Die Ligatur aus Sichel+Schmutzgeier ist in der unteren Hälfte noch erhalten. Die Zeichenreste danach transliteriert A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 104.94 als zwei w-Schleifen, einen senkrechten Strich (d.h. der Rest eines Klassifikators?) und Pluralstriche. Der senkrechte Strich wird zu Gardiner F10 gehören. Was Roccati als Pluralstriche transliteriert, ist vielleicht eher der untere Abschluss des sitzenden Mannes mit Hand am Mund; jedenfalls ist die Linienführung, v.a. die Art des Abstriches jeder einzelnen Linie, ungewöhnlich für die Ligatur der Pluralstriche. Damit ist das Wort ebenso klassifiziert wie in pTurin CGT 54050; die beiden w-Schleifen davor dürften die größte Abweichung von der Graphie von pTurin CGT 54050 sein. Auch die Pluralstriche fehlen: Die Zeichenreste nach den Klassifikatoren werden nicht dazu gehören, sondern zu dem Schilfblatt des jwf, wie auch Roccati transliteriert.

[O jeglicher Schmerz, der an NN ist, den NN geboren hat:]30 Du sollst nicht [Rto. 5,9] [an] ihm verweilen in einem Verweilen!31
Niste dich nicht in ihm ein (wörtl.: Mache dir keinen Platz in ihm), oder ich [verrate (wörtl.: nenne) deine Gestalt und dein Wesen, weil] du gesagt hast:
[Rto. 5,10] Ich bin vortrefflich/wirksam32 wegen der rechten Sichel (wörtl.: des Horns) des Mondes.
[Sobald er zürnt, packe ich zu.]
[Sobald er sich zur Ruhe begibt, lasse ich los.]
[Trittst du] in den [Rto. 6,1] Himmel ein, [verspeist] du [alle Sterne, die in ihm sind.]
[Lässt du dich auf dem] Erdboden [nieder], wirst du die menschliche Nachkommenschaft zugrunde richten, [die darauf ist].33
[Rto. 6,2] Streckst du den Arm [zum Fremdland aus, tötest du alle Tiere,] die darin sind.
Legt man dich auf das Ufer des Mee[res, lässt du] [Rto. 6,3] die Fische34 [--- sterben, die darin sind].35

30 j mḥr nb n.tj ḥr mn msi̯.n mn.t: Approximative Ergänzung nach pTurin CGT 54050, Rto. 5,6. Auf pTurin CGT 54054, Fragment Cat. 2107/404, steht dagegen [---]=f ꜥ.t nb(.t) n(.t) mn msi̯.n mn.t: „[---] jedes Glied von NN, den NN geboren hat“, vgl. A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 56 und 104.94.
31 Auf pTurin CGT 54050, Rto. 5,6-7 folgt diesem Satz der Satz nn ⟨s⟩ḥnw.y.⸮t(w)?=kwj m ꜥ.wt=f m sḥnw: „Du sollst nicht beschäftigt sein (?, wörtl.: beauftragt werden?) in seinen Körperteilen in einem Auftrag (?)!“ (A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 105.95-96, die Parallele auf pTurin CGT 54054, Fragment Cat. 2106/388, Rto. 7 schreibt bw sḥnw.t=k m ḥꜥ.t=f m sḥnw, Roccati, ebd.).
32 mnḫ: Die Passage von pTurin CGT 54050 und die fast parallele Phrase in pLeiden I 350 sind vom Wb als Beleg für mnḫ: „auffädeln“ (d.h. hier übertragen: „aufgespießt“), Wb 2, 87.8-11 abgelegt worden: DZA 24.117.430 und DZA 24.117.440. Die hier gegebene Übersetzung folgt einem mdl. Vorschlag von H.-W. Fischer-Elfert, vgl. schon den Vorschlag auf DZA 24.117.430 und J.F. Borghouts, The Edition of Magical Papyri in Turin. A Progress Report, in: A. Roccati – A. Siliotti (Hrsg.), La magia in Egitto ai tempi dei faraoni: atti, convegno internazionale di studi, Milano, 29-31 ottobre 1985 (Verona 1987), 257-269, hier 265 („I feel quite well“). Y. Koenig, Magie et magiciens dans l’Égypte ancienne, Bibliothèque de l’Egypte ancienne (Paris 1994), 207 kehrt dagegen zu der Wb-Vermutung zurück: „Je suis empalé sur la corne“.
33 Die Sequenz „Lässt du dich auf dem Erdboden nieder, richtest du (...) zugrunde“ fehlt an dieser Stelle auf pTurin CGT 54054 und folgt erst der Sequenz: „Legt man dich auf das Ufer des Meeres, lässt du alle Fische sterben“.
34 pTurin CGT 54050 und pTurin CGT 54054 haben rm.w nb.w: „alle Fische“; pTurin CGT 54054 fügt dem zusätzlich noch ꜣpd.w nb: „(und) alle Vögel“ an. A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 106.102 interpretiert daher die Zeichenreste hinter dem rm.w von pTurin CGT 54053 ebenfalls als nb{.t}. Die Form der Zeichenreste passt allerdings weder dazu noch zu dem ꜣpd.w von pTurin CGT 54054.
35 Ergänzung des Zeilenendes von 6,2 weitestgehend nach pTurin CGT 54050, Rto. 5,9-10, der einzigen Version, in der dieser Satz erhalten ist. Dort beginnt die Apodosis mit jw=k ḥr ḏi̯.t mwt: „du lässt sterben“. Wären beide Texte vollkommen parallel, müsste am Ende von pTurin CGT 54053, Rto. 6,2 das Verb mwt stehen. Jedoch ist auf dem aktuellen Turiner Foto auf Höhe der 2. Zeile an der Abbruchkante des unnummerierten Fragments mit dem Beginn von Kolumne 7, d.h. auf einer Höhe, die dem Zeilenende von Rto. 6,2 entspricht, noch ein geschwungener Zeichenrest zu erkennen, der nicht zur typischen Form des Klassifikators von mwt passt. Leider ist weder das Verb mwt noch das Nomen mwt auf diesem Papyrus erhalten, so dass unklar ist, wie es in diesem Text geschrieben war und ob das Zeichen doch dazu passen würde. Auch die anderen Wörter, die denselben Feindklassifikator erhalten, mit dem mwt geschrieben wird, sind in diesem Text zerstört, so dass unklar ist, ob er darin eine besondere Form hatte. Solange dies nicht geklärt ist, sollte man von der Möglichkeit ausgehen, dass in pTurin CGT 54053 an dieser Stelle ein anderes Verb gestanden hat.

[Dann wirst du der Hitze des Re-Harachte ausgesetzt, der] täglich 1000 Tiere verspeist, ohne [satt zu werden vom] [Rto. 6,4] Verspeisen (???).36
Dann [---] Kopf von NN, den NN geboren hat.37
Und wenn du wiederholt kommst,38 [um ihn zu schädigen (?), um (ihn)] wach [zu machen] [Rto. 6,5] in der Nacht, [(und) um Verunreinigung herbeizuführen am hel]lichten Tage39,40 wird man dich in der Nekropole aufsuchen, [und man wird] dich in deinem [Grab] suchen, [und man] wird dich nicht [Rto. 6,6] nordwärts fahren lassen41 und man wird [dich] nicht [südwärts fahren lassen, und] man wird dir den Mond am Himmel entgegenstellen und Seth auf der Erde.

36 Ergänzung von sꜣꜣ nach pTurin CGT 54068, s. A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 107.104-105. Auf pTurin CGT 54050 fehlt dieser Satz. Das entsprechende Fragment von pTurin CGT 54068 bricht allerdings auch mit dem Klassifikator von sꜣꜣ wieder ab, so dass unklar ist, was danach stand. Wenn dieses Wort auch in pTurin CGT 54053 nach nn ergänzt werden kann, dann kann, nach der Rekonstruktion der beiden darüber liegenden Zeilen zu schließen, zwischen diesem Wort und dem Zeilenende, d.h. zwischen diesem Wort und dem wšꜥ der folgenden Zeile, nur wenig mehr folgen: höchstens noch eine Präposition, wie bspw. das bei sꜣi̯ oft stehende m. Das wšꜥ kann dann eigentlich nur passives Partizip („von dem, was gekaut wird“) oder Infinitiv sein. Eine Relativform („das, was er kaut“) müsste wšꜥ.t=f lauten und ist daher auszuschließen.
37 Der Satz ist auf pTurin CGT 54050 nicht vorhanden und auf den Versionen, die ihn bieten, nirgends komplett erhalten. pTurin CGT 54054 hat nach kꜣ noch den Rest von tm: „nicht sein“ oder „vollständig sein“ stehen. Da der vorige Satz dort aber anders endet als in pTurin CGT 54053, nämlich mit [---]A2 qs=k: „deinen Knochen [kauen(?)]“, ist es möglich, dass er auch anders fortfuhr und pTurin CGT 54053 vielleicht etwas anderes als kꜣ tm [---] stand.
In pTurin CGT 54068 steht in der Lücke noch mḥr nb: „jedes Leiden“, doch auch hier ist aufgrund der Zerstörungen unklar, inwieweit das für pTurin CGT 54053 angenommen werden kann.
38 ḫr jr wḥm=k r jyi̯ [---]: pTurin CGT 54050, Rto. 5,11 schreibt jr jwi̯: „Wenn du kommst“.
39 mtr.t wird traditionell als „Mittag“ aufgefasst, s. Wb 2, 174. 6-7, R.O. Faulkner, A Concise Dictionary of Middle Egyptian (Oxford 2002 (Repr. 1962)), 121, R. Hannig, Großes Handwörterbuch Ägyptisch - Deutsch (2800-950 v. Chr.). Die Sprache der Pharaonen (Marburger Edition), Kulturgeschichte der Antiken Welt 64, 4. Auflage (Mainz am Rhein 2006), 398, {14299}-{14300}. Diese Bedeutung geht auf H. Brugsch, Die Phallusgruppen in der hieroglyphischen Schrift. Schluss, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 1, 31-38, hier 35 zurück, der es mit koptisch ⲙⲉⲉⲣⲓ, ⲙⲉⲣⲓ verglich, das eben „Mittag“ bedeutet (vgl. W. Westendorf, Koptisches Handwörterbuch, 2. Auflage (Heidelberg 2008), 99), und die Bedeutung für die älteren Sprachstadien mithilfe von pSallier I, Rto. 5,1 und pAnastasi I, 17,8 untermauerte, wo im unmittelbaren Zusammenhang von Hitze die Rede ist. Dass damit eine konkrete Uhrzeit, wohl die Mittagszeit, gemeint ist, kann auch mithilfe von anderen Stellen bezeugt werden, etwa mit der Prophezeiung des Neferti, 51-52, wo gesagt wird, dass man nicht wisse, wann mtr.t passiert und man nicht den Schatten der Sonne (d.h. sein Fehlen?) ausmachen könne. Allerdings kann im Demotischen und Koptischen das Wort auch allgemeiner den Tag im Gegensatz zur Nacht (grḥ) bezeichnen (W. Erichsen, Demotisches Glossar (Kopenhagen 1954), 192, Westendorf, ebd.), und diese allgemeinere Bezeichnung ergibt auch in pTurin CGT 54050, Rto. 5,12, wo es ebenfalls der Nacht gegenübergestellt ist, besseren Sinn als „Mittag“. Auch an anderen Stellen würde ein breiter gefasstes „Tag“ gut passen. So fragt sich, warum von der mit dem faulen Schreiberschüler verglichenen Antilope in pLansing, Rto. 3,9 gesagt wird, dass sie die „Mittagszeit“ nicht beim Pflügen verbringe (also nicht arbeiten würde). Gemeint ist doch sicher, dass sie den lichten Tag, den Arbeitstag nicht beim Pflügen verbringt, zumal vermutlich auch ein Bauer in der Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht, eine kurze Pause gemacht haben wird. Und von Sethos I. und Ramses III. wird gesagt, dass sie jung seien „wie Re, wenn er mtr.t bringt“ (DZA 24.457.430, DZA 24.457.450), was allgemein auf den lichten Tag besser passt als auf die Mittagszeit, zu der Re nach ägyptischen Vorstellungen vom Sonnenlauf schon nicht mehr ganz jung ist.
Fischer-Elfert (mdl. Mitteilung) merkt dagegen an, dass Dämonen zur Mittagszeit keinen Schatten werfen und dann besonders gefährlich sind.
40 [r thi̯.ṱ=f r jri̯.t r]s.w[t] und [r jri̯.t ꜥb.w n mt]r.w: Ergänzungen nach pTurin CGT 54050, Rto. 5,11-12.
41 [mtw=tw w]⸢ḫꜣ⸣=k m pꜣy=k [jz mtw=tw t]m ḏi̯.t ḫdi̯=k: Ergänzung weitestgehend nach pTurin CGT 54050, Rto. 5,12. Dort ist der erste Konjunktiv etwas länger und fügt hinter pꜣy=k jz noch n.tj tw=k m-ẖnw=f ein. Dafür ist auf pTurin CGT 54053 die Lücke aber zu klein. Möglicherweise hat dieser Relativsatz daher gefehlt, wie es auch auf pTurin CGT 54068 der Fall zu sein scheint, s. Roccati, Magica Taurinensia, 108.180-109 und http://papyri.museoegizio.it/!305.

Siehe, [NN, den NN geboren hat,] [Rto. 6,7] ist dieser Abdju-Fisch, [der an der Spitze der Barke des] Re [ist].
Und er ist der Zwerg aus Fayence, der am Hals des [Geb] ist.42
[Neith, bereite (?) dich auf ihn vor!]
[Rto. 6,8] Er ist dieser Skarabäus mit [vier Flüg]eln.43
Diese seine Ba-Seele ist die Ba-Seele des Osiris.
Diese seine Ba-Seele ist Banebdjed.
Diese seine Ba-Seele ist [die Ba-Seele des Re.]44

42 Zu dieser Stelle vgl. den Kommentar im TLA zu pTurin CGT 54050, Rto. 5,14-6,1.
43 jm.j 4 n dnḥ.w: Die vollständig erhaltene Parallele pTurin CGT 54050 ist mit DZA 50.144.010 eher so zu lesen als jm.jw n dnḥ.w: „scarabeo alato“ (A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 163.112-113).
44 A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 110.113-114 suggeriert, dass nur bꜣ=f pn | Ḥr.j-š=f: „Diese seine Ba-Seele ist Herischef“ dastand. Allerdings ist die Lücke am Zeilenende lang genug, um denselben Text wie pTurin CGT 54050 zu enthalten.

[Er] [Rto. 6,9] ist Herischef, der Herr von [---]45.
Er ist die Vierheit der Goldfalken, die an der Spitze der Barke46 sind und seinen Schutz ausüben.
[Ruft er zum Himmel, dann] [Rto. 7,1] antworten sie ihm.
Ruft er zur Unterwelt, dann antworten sie ihm, nämlich Amset, Hapi, Duamut[ef und Qebehsennuef.]
[Dann wird seine Ba-Seele] [Rto. 7,2] an den Himmel [versetzt] und sein Leichnam in die Unterwelt, [wie (es) mit Osiris], dem Sohn der Nut, (geschehen) ist.

45 Das Epitheton fehlt in pTurin CGT 54050, Rto. 6,1.
46 wjꜣ: In pTurin CGT 54050, Rto. 6,2 ist es spezifischer die wjꜣ n Rꜥ: „die Barke des Re“.

O (ihr) Götter des südlichen Himmel, (ihr) Götter des [nördlichen] Himmels, [ihr Götter des westlichen Himmel, (ihr) Götter des] [Rto. 7,3] östlichen Himmels: Kommt zu NN, den NN geboren hat!47
Er ist es, der das Udjat-Auge des Horus zu ihm brachte, (indem) er die Hoden [des Seth zu ihm] legte, [der die Götter in ihre Tempel setzte] [Rto. 7,4] und die seligen Verstorbenen [in] ihre Gräber, der in Frieden [eintritt] und in Frieden herauskommt, ohne dass mein Arm abgewehrt wird [durch irgendeinen Gott oder irgendeine Göttin, durch irgendeinen Widersacher [Rto. 7,5] oder irgendeine Widersacherin.]

47 j nṯr.w n p.t rsj(.t) nṯr.w n p.t mḥ.t(j.t) nṯr.w n p.t jmn.t(j).t nṯr.w n p.t jꜣb.t(j).t: Die Lücke am Ende der Zeile ist lang genug, um alle Himmelsrichtungen zu ergänzen. Auf pTurin CGT 54050, Rto. 6,3 werden dagegen nur die Götter des nördlichen und des östlichen Himmels angerufen. Die hier vorgeschlagene Reihenfolge der Himmelsrichtungen entspricht der häufigsten Reihenfolge ägyptischer Texte, vgl. G. Posener, Sur l’orientation et l’ordre des points cardinaux chez les Égyptiens, in: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen: Philologisch-Historische Klasse 1965 (2), 69-78, hier 74 und 78. Die theoretisch ebenfalls denkbare Ergänzung wäre: Süden – [Westen] – [Norden] – Osten, d.h. im Uhrzeigersinn. Diese Reihenfolge ist allerdings bislang nicht belegt.

[---] sein/ihn [---], indem sie (?) ohne einen Gott sind:48
Sein Kopf ist Re,
sein(e) Ohr(en) sind Ba[nebdjed],49
[sein rechtes Auge ist Nechbet,]
[Rto. 7,6] [sein linkes Auge ist Wadjet,]
seine obere [Lippe] ist Neret-schepset, während seine untere (Lippe) Weret ist,
[sein Nacken ist Weret-Hekau,]
[Rto. 7,7] [sein Schlagarm zur Rech]ten ist Horus,
sein linker Arm ist Seth,
sein Rücken ist Mon[th,]
[seine Flanke zur Rechten ist Schu,]
seine [linke] Flanke [Rto. 7,8] [ist] Chonsu,
[sein] Ki[nn(?) ist wie(?) Sachmet,]
sein [---]50 ist Geb, der von selbst entstand,
sein Oberarm ist Nut, die die Götter geboren hat,
[seine Nase ist Thot,]

48 In pTurin CGT 54050 lautet der Satz m=kj nn-wn ꜥ.wt nb(.t) n mn msi̯.n mn.t šwi̯ m nṯr: „Siehe, es gibt keine Körperteile des NN, den NN geboren hat, die ohne einen Gott sind“. In pTurin CGT 54053 ist vor dem šwi̯ ein =f erkennbar, so dass dort etwas anderes gestanden haben muss. Die Varianten pTurin CGT 54054 und pTurin CGT 54070, die beide stark fragmentiert sind, haben vor šwi̯ noch [---] ꜥ.t jm=f: „[---] Körperteil an/in ihm“ erhalten. Allerdings bot pTurin CGT 54053 wohl noch eine andere Version, denn die Zeichenreste unmittelbar vor dem =f passen auch nicht zu jm.
49 Anders als A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 113.125 (vielleicht missverständlich) suggeriert, kann der Zeilenwechsel von 7,5 auf 7,6 nicht direkt nach dem teilweise ergänzten Banebdjed des vorigen Satzes erfolgen, weil dieser die Zeile 7,5 nicht bis zum Ende füllt.
50 pTurin CGT 54050, Rto. 6,7 nennt an dieser Stelle die ḫrr-Halspartie, die aber mit dem „Phönix, der von selbst entstand“, identifiziert wird. Da in pTurin CGT 54053 der Gottesname abweicht, könnte auch ein anderer Körperteil gestanden haben.

sein [Hati]-Herz ist Chepri,
[Rto. 7,9] sein Kehlkopf(?)51 ist Meret [---]52
die Lendenregion (?)53 seines Rückens ist Satis und Anuket,
seine Zunge ist Os[iris,]
[seine Zähne sind Upuaut,]
seine 5 Finger [sind das große Pantheon54,]
[seine [Rto. 8,1] anderen 5 sind das] kleine [Pantheon,]
[sein] Bauch [ist Neith, die Herrin von Sais,]
[seine Milz,] seine Lunge55, seine Leber, (und) seine Eingeweide sind Amset, Hapi, Dua[mutef [Rto. 8,2] und Qebehsennuef,]
[sein Hinterteil ist Geb (?),]56
sein Phallus ist Min-[Kamutef,]
[sein recht]er [Oberschenkel] ist Isis,
sein linker (Oberschenkel) ist Nephthys,57
seine Kniescheibe ist Selket,58
sein{e} {Zunge} ⟨Unterschenkel⟩ ist [Rto. 8,3] [Nefertem,]59
[die Sohlen seiner Füße sind Geb,] der Vater der Götter.60

51 ꜥšꜥš ist, wie sein feminines Pendant ꜥšꜥš.t, bislang in den medizinischen Texten nicht belegt. W. Guglielmi, Die Göttin Mr.t. Entstehung und Verehrung einer Personifikation, Probleme der Ägyptologie 7 (Leiden 1991), 107 vermutet hierin eine Nominalbildung von ꜥš: „rufen“ mit einer Reduplikation nach dem Schema ABAB; das Nomen bezeichne „als ‚Ruferin‘ sehr treffend den Kehlkopf, der wohl auch hier wieder die Speiseröhre miteinschließt.“
52 Auf pTurin CGT 54050, Rto. 6,8 folgt dem Namen der Göttin noch ein problematisches Attribut, was man vielleicht in šmꜥ.w zu emendieren hat (s. die Diskussion im TLA), so dass dort die Mr.t-šmꜥ.w, die „Meret von Oberägypten“ genannt war.
53 Auf pTurin CGT 54050, Rto. 6,8 beginnt der Satz mit tꜣ dp.ṱ. Hier könnte in leicht verderbter Form dasselbe gestanden haben: Das d ist optisch auf ein t verkürzt; der Klassifikator ist contra Roccati wohl nicht die Buchrolle, sondern Fleischstück über Pluralstrichen. Interpretationsschwierigkeiten bereitet einzig der Schmutzgeier vor dp.t. Er füllt die gesamte Zeilenhöhe aus und kann daher nicht zum Artikel tꜣ gehören, weil dieser im Hieratischen als t über Schmutzgeier geschrieben ist. Ob beim Kopieren dieses Textes das nicht sehr häufige Wort dp.t, das hier zudem, in dieser Aufzählung unüblich, mit dem Artikel kombiniert ist, verschliffen wurde und der Schreiber glaubte, ein Wort ꜣtp vor sich zu haben?
54 „Pantheon“: Wörtl.: „Götterneunheit“. Diese Zahl ist aber nicht immer wortwörtlich zu nehmen, sondern meint die Gesamtheit der Götter. Da diese „Neunheit“ hier mit den 5 Fingern gleichgesetzt wird, scheint eine Übersetzung wie „Pantheon“ passender.
55 wfj: So deutlich auf dem aktuellen Turiner Foto erkennbar, s. auch schon DZA 22.302.710 und A.H. Gardiner, Ancient Egyptian Onomastica. Vol. II (Oxford 1947), 246*, 598b. Die Zeichenreste davor müssen dann zur Schreibung von nnšm=f oder zu suffixpronomenlosem nnšm (vgl. das ebenfalls ohne Suffixpronomen geschriebene ms.yt = mjz.t) gehören, ohne dass sie genau transliteriert werden könnten.
Die anschließend genannten vier Horussöhne werden mit den Körperteilen identifiziert, die sie als Kanopengottheiten bewachen; gegenüber pTurin CGT 54050, Rto. 6,9-10 ist die Leber in der Aufzählung um noch eine Position nach hinten gerutscht, denn für sie ist eigentlich Amset verantwortlich, der als erster Horussohn genannt wird.
56 Ergänzung nach pTurin CGT 54050, Rto. 6,10. Da allerdings die Zuordnung der Körperteile zu den einzelnen Göttern gelegentlich von pTurin CGT 54053 abweicht, kann hier die Zuordnung zu Geb nicht als gesichert gelten.
57 In pTurin CGT 54050, Rto. 6,11 ist der linke Oberschenkel Hathor zugeordnet.
58 In pTurin CGT 54050, Rto. 6,11 werden die Kniescheiben (dort pluralisch geschrieben) Tait zugeordnet.
59 Die Zunge ist schon einmal, in Rto. 7,9, genannt und mit Osiris identifiziert. Vermutlich liegt in 8,2 nur eine Verschreibung für sḏḥ, den „Unterschenkel“, vor, der in pTurin CGT 54050, Rto. 6,11 an dieser Position der Aufzählung steht.
60 Ergänzung nach pTurin CGT 54050, Rto. 6,11.

[Keine schlimme und üble Sache soll ihn angehen!]
[Keine] Krankheit soll ihn [befallen]!
(Denn) er ist Thot, der Große, der Sohn des Re61 ⟨auf⟩ dem Thron des Atum!
[Rto. 8,4] [Er ist bei Re am Himmel.]
[Dem Onnophris – LHG – hat er die Unterwelt überwiesen, um den Herzensmüde]n (?)62 [den Nordwind zuzuführen (wörtl.: zu geben)], (um) ihre seufzenden (?) Herzen (zu) beruhigen, (um) Re an den [östlichen] Horizont(berg)en [Rto. 8,5] [des Himmels] aufgehen [und ihn an den westlichen Horizont(berg)en des Himmels untergehen (zu) lassen, (und) um den Mond an den südlichen Himmel zu setzen,] dessen Abbild man [nicht kennt].

61 zꜣ n Rꜥ: J. Černý, Notebook. MSS 17.151 (unpubliziert), liest bꜣ n Rꜥ: „Ba-Seele des Re“, und tatsächlich sieht das Hieratische des pTurin CGT 54053 danach aus. In der Parallele pTurin CGT 54050 steht aber deutlich zꜣ n Rꜥ, und dieses Epitheton ist, im Gegensatz zu bꜣ (n) Rꜥ, auch öfter für Thot belegt, s. C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. VI. -s, Orientalia Lovaniensia Analecta 115 (Leuven 2002), 86a, s.v. A.w.
62 sḥtp jb.w=sn jhꜣm.w: Die Parallele pTurin CGT 54050, Rto. 6,13 hat sḥtp jb.w n jhꜣm.w: „(um) die Herzen der Seufzenden (zu) beruhigen“ (A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 117.139); und pTurin CGT 54054, Fragment Cat. 2107/404g, Zeile 7 schreibt: [sḥt]pj (?) mit Falke auf Standarte jb.w=sn [---]: „der (göttliche) Beruhiger (???) ihrer Herzen“ (???). Auf pTurin CGT 54053 sind vor sḥtp an der Abbruchkante des Papyrus noch deutlich Pluralstriche zu erkennen. Möglicherweise ist in dieser Version der Nordwind nicht dem (singularischen) Herzensmüden (wie in pTurin CGT 54050), sondern einer Personengruppe zugeführt worden – ob vielleicht den wrḏ.w: „Müden“ (Wb 1, 338.8), wenn man von einer möglichst geringen Abweichung ausgehen will? Oder gehören die Pluralstriche ans Ende eines Kompositums wrḏ.w-jb: „die Herzensmüden“? In jedem Fall dürfte sich das =sn dieser Version auf diese Personengruppe bezogen haben, und das dürfte wohl auch den Plural jb.w der Version pTurin CGT 54050 erklären.

Ich bin Thot, der große Ibis63 in diesem deinem Namen [Rto. 8,6] [---] (oder: Ich bin Thot – „großer Ibis“ ist dieser dein Name – [---] (?))
[Ich bin Thot, ---] ???64, während er das Land zusammenknüpft,65 das aufgelöst war, und während er es (gut) lenkt.
[Rto. 8,7] [---] der Weisungen eingeholt sowie(?) Horus und Seth gerichtet hat.66
[Rto. 8,8] [---] [der die Sprachen von] Fremdland zu Fremdland [unterschiedlich gemacht hat(?)],67 der ihre (Haut)farben verschieden (???)68 gemacht hat.
[Rto. 8,9] [---]69 der/den, der im Ei ist, (oder sogar?) während er (noch?) im Bauch ist.70

63 pTurin CGT 54050, Rto. 6,14 schreibt: jnk Ḏḥw.tj hꜣb wr.w m rn=f pwy n hꜣb.w: „Ich bin Thot, den die Großen geschickt haben in diesem seinem Namen als Ibis.“ Auch pTurin CGT 54054 scheint nach dem Gottesnamen hꜣb: „schicken“ statt hꜣb.w: „Ibis“ zu schreiben; zumindest sind an der Abbruchkante vor wr noch die laufenden Beinchen erhalten, die auf ein Verb der Bewegung hindeuten. Da aber pTurin CGT 54053 rn=k statt des rn=f von pTurin CGT 54050 und 54054 schreibt, kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, dass derselbe Satz vorliegt. Daher wird hier keine Emendation vorgenommen.
64 bḫn: Unklar. Gardiner, DZA 50.130.990 transliteriert folgende Gruppen: b über n, unleserliche Zeichengruppe, nw+w, doppelte diagonale Linie (Z4) über Buchrolle. A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 42 und 118.144 vermutet eher b und über einem langen n, nw+w und Buchrolle (das Zeichen über der Buchrolle hat er vergessen). Die Gruppe nw+w am Wortende spricht tatsächlich dafür, unmittelbar davor ein n zu haben und die untere waagerechte Linie von Gardiners unleserlicher Gruppe als linke Hälfte eines sehr langen n zu interpretieren. Auf dem Turiner Foto wirkt es dagegen so, als wären es zwei getrennte Linien. Unsicher bleibt auch das : Andere Transliterationsmöglichkeiten, wie d oder r, sind nicht völlig auszuschließen. Einen Übersetzungsvorschlag bieten weder Gardiner noch Roccati, und die Klassifizierung mit Buchrolle passt zu keinem Wort mit dem möglichen Konsonantenbestand.
65 ṯs=f tꜣ: Es gibt die Phrase „das Land gut verwalten“ o.ä. (Wb 5, 398.16). Das anschließende ṯt: „auflösen“ spricht aber dafür, dass ṯs hier seine Grundbedeutung „verknoten“ u.ä. hat. Zum „Zusammenknoten“ von Ländern, d.h. speziell von Ober- und Unterägypten, vgl. Wb 5, 397.22.
66 Der hintere Teil der erhaltenen Phrase spielt auf Thots Rolle im Streit zwischen Horus und Seth um die Nachfolge des Osiris und damit die Herrschaft über Ägypten an.
Ob der Satz hier endet oder auf der folgenden Zeile noch weiterging, ist unklar.
A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 118.145-119.147 fügt in seiner Textsynopse diesen Passus an einer Position ein, die in pTurin CGT 54054 mit jnk Ḏḥw.tj pꜣ [---]: „Ich bin Thot, der [---]“ beginnt und nach längerer Lücke auf [---] Rꜥ n=f: „[---] Re zu ihm“ endet, also einen neuen „Ich-bin-Thot“-Absatz bildet.
67 [---] ḫꜣs.t r ḫꜣs.t: Gardiner, DZA 50.130.990 verweist auf „Zettel 10“ = DZA 50.131.010 = pTurin CGT 54053, Vso. 3,1 (A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 123.190): wpi̯{.t} ns.w{t} n ḫꜣs.t r ḫꜣs.t: „der (du) die Sprachen von Fremdland zu Fremdland unterschiedlich gemacht hast!“ Roccati, ebd., 119.147-148 ordnet diesen Teilsatz einer „Ich-bin Thot“-Sentenz zu, die auf pTurin CGT 54054 mit jnk Ḏḥw.tj sṯni̯ beginnt und dann abbricht. Als Bindeglied zwischen diesen beiden Teilsatzfragmenten führt er die Stele BM EA 551 aus dem memphitischen Grab des Haremhab an, wo Thot gepriesen wird als: sṯni̯ ns n ḫꜣs.wt nb.t: „der die Sprache(n) aller Fremdländer voneinander scheidet“. Zu dieser Stele s. British Museum, EA 551 und G.T. Martin, The Memphite Tomb of Ḥoremḥeb, Commander-in-chief of Tutankhamūn. Vol. I. The Reliefs, Inscriptions, and Commentary, Egypt Exploration Society, Excavation Memoir 55 (London 1989), Taf. 21-22 und S. 29-31 mit weiterer Literatur. Die zitierte Passage steht in Z. 19 des Haupttextes. S. auch den Kommentar zu Vso. 3,1.
68 mnsnḥ: Die Lesung ist zweifelsfrei, und dem Kontext nach muss es „unterscheiden“, „verschieden machen“ o.ä. heißen. Die Umschreibung mit jri̯ scheint zudem zu bestätigen, dass ein Verb mit mehr als drei Wurzelkonsonanten vorliegt, da die Periphrase des Partizips mit jri̯ tendenziell zuerst bei Verben mit mehr als drei Radikalen belegt ist (s. F. Junge, Einführung in die Grammatik des Neuägyptischen (Wiesbaden 1996), 101). Dennoch ist ein fünfradikaliges Verb (das w ist möglicherweise als bedeutungsloser Zusatz des Hieratischen zu werten; das j ist mit größter Wahrscheinlichkeit ein reiner Raumfüller), das nicht über eine Reduplikation gebildet ist, verdächtig.
Andere Lösungen kommen nicht ohne Emendationen aus: Man könnte überlegen, ob zu Beginn mn⟨.t⟩: „Art und Weise“ vorliegt. Vgl. vielleicht sogar den Schreibfehler mns auf der Piye-Stele, Z. 31 (wenn auch viel später und hieroglyphisch), N.-C. Grimal, La stèle triomphale de Pi('ankh)y au Musée du Caire. JE 48862 et 47086-47089, Mémoires publiés par les membres de l’Institut français d’archéologie orientale 105 (Paris 1981), 50-51 und 60, Anm. 128. So könnte man sogar die Gruppe mnsn als mn{s}⟨.t⟩ n: „Art von ...“ klären. Nur was wäre der Rest? ḥw: „Ausspruch“ (d.h. insgesamt dann *„der die Art (ihres) Ausspruchs und ihres Charakters erschafft“?) wird im Hieratischen jedenfalls anders geschrieben, und sonstige Wörter, die ḥw lauten, sind überhaupt nicht sinnvoll einzubinden. Es gibt auch ein Verb snḥ: „binden, fesseln“. Aber was sollte *jri̯.y mn⟨.t⟩ snḥ jwn.w: „der die Art des Fesselns/Bindens ihres Charakters/ihrer (Haut)farbe erschafft“ bedeuten?
69 A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 119.149 lässt diesen Satz mit einem neuen jnk Ḏḥw.tj: „Ich bin Thot“ beginnen.
70 Hier wird der Schöpferaspekt des Thot angesprochen sein, der den Lebewesen Atemluft gibt, während sie noch „im Ei“ sind. So auch schon die Vermutung des Wb, wo diese Stelle als DZA 29.065.950 als Beleg für diese Phrase (Wb 4, 73.10) abgelegt ist. Diese Aussage kann auch von Menschen getroffen werden: Auch ein König kann bspw. metaphorisch als „(noch) im Ei“ erobern. Die Nebeneinanderstellung von „im Ei“ und „in den Bäuchen“ im hiesigen Satz ist daher nicht zwangsläufig eine Parallelisierung, um sowohl eierlegende wie lebendgebärende Lebewesen abzudecken, sondern könnte ebenso gut als Steigerung verstanden werden.

Ich bin Thot, der die Genauigkeit(?) kennt [Rto. 8,10] [---]71 die Sache, in diesem deinem Namen „(Der zur) Schreibpalette (Gehörige)“.
Das Hati-Herz der Götter ist ... (?)72 [Rto. 9,1] durch seinen Ausspruch in diesem deinem Namen „Thot“.
[---] er/ihn in/mit/als [---] [Rto. 9,2]73 Verhasstes tun.74

71 Dem Aufbau ägyptischer Wortspiele nach muss in der Lücke ein Wort mit der Konsonantenfolge gs gestanden haben. Ein Vorschlag kann nicht gemacht werden.
72 dḥr.y: Der Konstruktion nach liegt in diesem Satz ein Wortspiel mit dem Namen Ḏḥw.tj vor. Das spricht dafür, dass dḥr.y diesen Satz einleitet. A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 164.150-152 versteht dagegen gstj dḥr.y als zweiteiligen Ausdruck und übersetzt ihn mit „Tavolozza di coio“. Allerdings ist gstj der Teil des Schreibsets, in dem die Farben mit Wasser gemischt werden, wie mehrere Beischriften zu Darstellungen dazu zeigen, und nicht etwa eine Schreibtafel. Und dass gstj aus Holz und nicht aus Leder ist, beweist, neben archäologischen Funden, auch die Klassifizierung mit dem Ast. Ferner kann dḥr auch nicht das Substantiv „Leder“ sein, weil dieses immer mit dem Tierfell klassifiziert wird, wohingegen das dḥr.y in pTurin CGT 54053 mit einer Buchrolle geschrieben ist. Ob es allerdings stattdessen das Verb „bitter sein“ ist, wie Gardiner, DZA 50.130.990 annimmt, ist ebenso unsicher, denn dieses wird auch nicht mit der Buchrolle klassifiziert, sondern mit dem „schlechten Vogel“; die Graphie mit Buchrolle auf dem Schreibungszettel DZA 31.448.590 ist natürlich nur die hiesige Stelle.
73 Zur Positionierung des kleinen, unverbundenen Fragments s. den Kommentar zu Vso. 1,1.
74 Gardiner, DZA 50.130.990 erwägt eine inhaltliche Ergänzung zu „[welcher vernichtete] den(,) der hässliches thut“. Ähnlich relativisch versteht auch A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 164.152-153 das jri̯.t msdd, ohne aber eine Ergänzung der Lücke vorzuschlagen. Ob man jri̯.t allerdings als Partizip interpretieren kann, ist unsicher, weil man dafür das t tilgen müsste.

Ich bin Thot, derjenige mit bedächtiger (wörtl.: kühler) Rede, mit unversehrter Hand, mit vollkommener/m [---] [---] in diesem deinem Namen [---].
[Rto. 9,3] [--- sein Norden reicht bis zum Oz]ean (???)75, der Süden reicht bis (wohin) der Wind (weht), sein Osten ist, (wo) die Sonne aufgeht, sein Westen ist, [(wo) die Sonne(?) untergeht(?).]
[---] jeder [---] an diesem schönen Tag [---] [Rto. 9,4] zur Rechten (?; wörtl.: „auf der Steuerbordseite“)76 von Re.
Wie Thot existiert, so existiert auch er, (nämlich?) NN, den NN geboren hat [---].
[---] [x]-gesichtiger (Gott),77 Herr [---] [Rto. 9,5] der für den Bedarf der ...-Personen78 gesorgt hat, der ... (?)79 des Himmels.

75 Die Verbindung rs.j r-ꜥ ṯꜣw: „... bis (wohin) der Wind (weht)“ ist belegt in (1) rs.j r-ꜥ ṯꜣw: „der Süden reicht bis dahin, wo der Wind weht“, d.h. mit substantivischem rs.j; (2) tꜣš rs.j r-ꜥ ṯꜣw: „die südliche Grenze reicht bis dahin, wo der Wind weht“; (3) hyn.w rs.j r-ꜥ ṯꜣw: „seine südliche Grenze reicht bis dahin, wo der Wind weht“ (hieroglyphisch nur ptolemäisch, s. P. Wilson, A Ptolemaic Lexikon. A Lexicographical Study of the Texts in the Temple of Edfu, Orientalia Lovaniensia Analecta 78 (Leuven 1997), 601; sonst oft Demotisch, v.a. in der Beschreibung der Lage von Grundstücken, s. die Belege für hjn.w, Lemma-Nummer 3751 im TLA). Wenn nur zwei Himmelsrichtungen genannt sind, ist die Reihenfolge Süden – Norden. Sind alle vier Himmelsrichtungen genannt, gibt es die Reihenfolgen Süden – Norden – Osten – Westen und, weit häufiger, Süden – Norden – Westen – Osten. Nur einmal, in pKairo CG 54125, gibt es die ungewöhnliche Reihenfolge Norden – Westen – Süden – Osten. Das bedeutet, normalerweise folgt auf den Süden unmittelbar der Norden. Das ist in pTurin CGT 54053 nicht der Fall. Es wäre daher möglich, dass der Norden hier gar nicht genannt ist oder dass er in der Lücke vor oder hinter der erhaltenen Passage genannt war – da die Reihenfolge in jedem Fall ungewöhnlich wäre, kann nicht gesagt werden, was wahrscheinlicher ist. Dennoch wird hier tendenziell und vorsichtig erwogen, ihn wider die ägyptische Hierarchie der Himmelsrichtungen in der Lücke am Ende von 9,2 und damit an erster Stelle zu ergänzen: Könnten die am Beginn von 9,3 erhaltenen Klassifikatoren, die auf eine Gewässerbezeichnung hinweisen, zu einer Phrase wie mḥ.t.t r-ḏrw wꜣḏ-wr: „der Norden reicht bis an die Grenzen des großen grün-blauen (Meeres)“ gehören? Vgl. dazu, wenn auch in „klassischer“ Reihenfolge Süden – Norden und aus viel späterer Zeit, nämlich der Perserzeit, DZA 21.529.710: rs.j r-ꜥ ṯꜣw mḥ.t.t r-ḏrw wꜣḏ-wr jmn.tt r ḥjp(.t) n jtn [jꜣb.tt] wbn=f m šw: „der Süden reicht bis dahin, wo der Wind weht, der Norden bis zu den Grenzen des großen grün-blauen (Meeres), der Westen bis zum (Ende des) Laufs der Sonnenscheibe, [der Osten] ist da, wo er als Schu aufgeht“.
76 Unklar bleibt, was mit der „Steuerbordseite“ des Re gemeint ist. Üblicherweise wird jm.j-wr.t im wörtlichen Sinne aus Ausdruck der Schifffahrt verwendet, oder er dient in übertragener Bedeutung in Ortsbeschreibungen als Ausdruck für die rechte Seite oder den Westen (und damit gelegentlich auch die Nekropole). Immerhin einmal, in Tb 174, wird Sia oder der (mit Sia identifizierte) Tote „auf der Steuerbordseite von Re“ verortet.
77 ḥr-ḥr: Vielleicht weniger „sui volti“ (A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 164.159-161) als eine Bezeichnung für einen zwei- oder mehrgesichtigen Gott. Vgl. etwa den „(Gott) mit 4 Köpfen auf seinem Hals“ des pChester Beatty XV, Fragment B, 1,2 (s. im TLA). Der anschließende Zeichenrest könnte zu einem nb gehören und den Beginn eines Götterepithetons bilden: „Herr von [---]“. Auf pTurin CGT 54069 steht vor jri̯.y der Rest des Ortsnamens Jwn.w: „Heliopolis“, vgl. Roccati, ebd., 121.160. Ob man diese beiden isolierten Wörter zu einem nb-Jwn.w: „Herrn von Heliopolis“ zusammenfügen kann, oder ob die Lücken in beiden Fragmenten größer sind, ist allerdings völlig unklar.
78 ꜣb_.w: Der hintere Teil des Wortes ist partiell zerstört und dadurch unlesbar. Ein sitzender Mann ist erkennbar, so dass eine Personenbezeichnung vorliegt. In der Zeichengruppe davor scheint in der unteren Zeilenhälfte eine Sonnenscheibe gestanden zu haben. Gardiner, DZA 50.131.000 und A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 164.159-161 vermuteten eine ungewöhnliche Schreibung für ꜣb.t: „Familie“.
79 __m: Hinter dem Personenklassifikator und den Pluralstrichen des vorherigen Wortes folgt ein hohes, hakenförmiges Zeichen. Gardiner, DZA 50.131.000 transliteriert es als s. Zusammen mit dem folgenden m und den beiden anschließenden Zeichen, die er als sitzenden Mann auf dem Stuhl (Sign-list A50) transliteriert, liest er Sm, d.h. wohl „Sem-Priester“ als Götterepitheton. Roccati, ebd., 43 121.160 und 164.159-161 transliteriert das fragliche Zeichen dagegen als Falke auf Standarte, das dann ein weiterer Klassifikator des vorangegangenen Wortes wäre. Das anschließende m versteht er als Präposition, und Gardiners Mann auf Stuhl liest er als Schiff + Logogrammstrich: „nella barca in cielo“. Das fragliche Zeichen ähnelt allerdings weder Gardiners s (das sonst keine Unterlänge hat und oben weniger rund und geschlossen ist) noch Roccatis Falke auf Standarte (vgl. die Formen in Zeile 9,1 und 9,3 oder in dieser Zeile im nächsten Satz). Eine Alternative kann jedoch nicht angeboten werden. Die Zeichen nach dem m werden mit Gardiner als Mann auf Stuhl interpretiert, mit dem es mehr Ähnlichkeiten hat als mit dem Schiff. Er wäre in dem Fall Klassifikator des vorangegangenen, auf m endenden Wortes.

Ich bin Thot, lieblich an [---] [Rto. 9,6] täglich, der gekommen ist, um NN, den NN geboren hat, vor (jeder) bösen und schlimmen Sache zu retten [---]

[--- NN, den] NN [geboren hat], [Rto. 9,7] an jedem Morgen, so wie die Kenntnis80 um das wirklich groß(artig)e Schutzmittel beim Entfernen(?)81 [---]
[---]
[Rto. 9,8] er wird geschützt und er wird behütet, um täglich sein Herz zu erfreuen, und Weihrauch aufs Feuer82 geben [---]
[---] [Rto. 9,9] Götter und Göttinnen, die Majestät des Jah-Thot beim ersten Mal (d.h. bei der Schöpfung) [---]
[Rto. 9,10] Gegrüßt seist du, Jah-Thot, in diesem deinem Namen als der, der [---] zufriedenstellt [---]!

80 mj rḫ: Lesung mit Gardiner. DZA 51.131.000. Ebenso J. Černý, Notebook. MSS 17.151 (unpubliziert),. Roccati liest mj.tt.
81 [_]ḥrj: Lesung mit Gardiner, DZA 51.131.000 und A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 43. Auf dem aktuellen Turiner Foto sind die Tintenreste zu stark verblasst. Gardiner vermutet sḥri̯: „entfernen, beseitigen“, Roccati ḥrj allein und übersetzt ebd., 164.164-166 mit „respingere“.
82 r ḫ.t: Lesung mit A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 43. Das passt besser zu den Zeichenresten als Gardiners Vorschlag auf DZA 51.131.000 (zwei Götterklassifikatoren mit dem zꜣ-Vogel dazwischen).

Verso

[Vso. 1,1]1 [---] sie / indem sie [---]
[Vso. 1,2] [---] Gesicht(?) ... (???), du / indem du [---]2
[Vso. 1,3] [---] [zurückweich]en / [abwend]en (?)3 ... [---]
[Vso. 1,4] [---] schön [---]
[Vso. 1,5-x] [---]
[Vso. 2,1] Gegrüßt seist du, Jah-Thot, der (du) den Kampf vom westlichen Himmel vertreib(s)t!
[Vso. 2,2] Gegrüßt seist du, Jah-Thot, der (du) den Aufruhr am östlichen Himmel beseitig(s)t!
[Vso. 2,3] Gegrüßt seist du, Jah-Thot, der (du) die Grabkammer in der Nekropole erleuchte(s)t!
[Vso. 2,4] Gegrüßt seist du, Jah-Thot, der [sich] selbst gebar, ohne dass das bemerkt wurde!
[Vso. 2,5] Gegrüßt seist du, Jah-Thot, in diesem deinem Namen als der, der aus dem Scheitel (des Seth) hervorkam!4
[Vso. 2,6] Gegrüßt seist du, Jah-Thot, der (du) für den Bedarf der Beiden Länder (d.h. Ägyptens) sorg(s)t und sie erleuchte(s)t, (als) Dunkelheit herrschte und es keine (Mond)scheibe5 darin gab!
[Vso. 2,7] Gegrüßt seist du, Jah-Thot, der (du) die Opferbrote der Götter andauern lässt (???)!
[Vso. 2,8] Gegrüßt seist du, Jah-Thot, groß an Schrecken in allen Ländern!
[Vso. 2,9] Gegrüßt seist du, Jah-Thot, der (du) für jedermann Vortreffliches getan ha(s)t!
[Vso. 3,1] Gegrüßt seist du, Jah-Thot, der (du) die Sprachen von Fremdland zu Fremdland unterschiedlich gemacht ha(s)t!6

1 Positionierung des Fragments und damit Zählung als erste Verso-Kolumne mit A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 17-18, 43 und 122. Da es auf Vorder- und Rückseite beschrieben ist, kann es nur hinter dem Hauptfragment von Kolumne Rto. 9 platziert werden, entweder als Teil dieser Recto-Kolumne (so Roccati) oder als einziges Fragment einer weiteren Recto-Kolumne. Denn auf der Rückseite der gesamten Rolle endet der Text mit der ersten Zeile von (Roccatis) Kolumne 3, die auf der Rückseite von Rto. 8 steht, und der Rest des Versos ist leergeblieben bzw. sekundär für administrative Notizen verwendet worden. Ein Fragment, das auf der Rückseite einen Teil des Haupttextes trägt, muss daher links von Recto 9 platziert werden.
Die Positionierung erweist sich allerdings als strukturell problematisch, denn die erste vollständig erhaltene Kolumne des Verso-Textes (Roccatis Kolumne Vso. 2) und die einzige Zeile der folgenden Kolumne (Roccatis Kolumne Vso. 3) enthalten eine Anrufung an Thot, die in jeder Zeile mit j:nḏ ḥr=k Jꜥḥ-Ḏḥw.tj: „Gegrüßt seist du, Jah-Thot“ beginnt. Auch die letzte Zeile von Rto. 9 beginnt schon mit dieser Formel und wirkt damit wie der Beginn dieses Hymnus. Zusätzlich ist das j:nḏ ḥr=k in den Zeilen Verso 2,1-6 abwechselnd rot und schwarz gehalten; erst ab Zeile 2,6 ist sie immer schwarz. Nun ist das j:nḏ ḥr=k von Kolumne 9,10 schwarz, dasjenige von Vso. 2,1 rot, so dass sich die letzte Zeile von Rto. 9 auch in dieser Hinsicht in das System des Hymnus einpassen würde. Dieses System wird nun allerdings durch das kleine Textfragment mit Roccatis Kol. Vso. 1 durchbrochen. Denn dass es den Rest einer ansonsten komplett verlorenen Kolumne mit weiteren Anrufungen nach dem Muster j:nḏ ḥr=k Jꜥḥ-Ḏḥw.tj enthält, ist unwahrscheinlich, weil v.a. die beiden jws grammatisch nicht in dieses Muster passen.
2 Das Hieratische ist klar lesbar, kann aber in keinen sinnvollen syntaktischen Zusammenhang gebracht werden.
3 A. Roccati, Magica Taurinensia. Il grande papiro magico di Torino e i suoi duplicati, Analecta Orientalia 56 (Roma 2011), 43 transliteriert das zweite erhaltene Zeichen als 10 n: „10 von ...“; auf S. 122.173 und 164.173 schlägt er stattdessen grg vor: „fondando (?)“. Das Hieratogramm sieht seinem ersten Vorschlag ähnlicher als dem zweiten. Noch ein dritter scheint möglich: Könnten es die umgekehrt laufenden Beinchen, Gardiner Sign-list D55, sein? Zu einer Form mit ausgeprägtem waagerechten Querstrich s. G. Möller, Hieratische Paläographie. Die ägyptische Buchschrift in ihrer Entwicklung von der fünften Dynastie bis zur römischen Kaiserzeit. Bd. 2. Von der Zeit Thutmosis’ III. bis zum Ende der einundzwanzigsten Dynastie, 2 (Osnabrück 1965 (= 1927)), Nr. 121, die Form des pHarris I. Dann könnte hier der Rest des Verbs ḥmi̯: „zurückweichen“, tnm: „abwenden“ oder das Kausativum eines dieser beiden Verben vorliegen.
4 Eine Anspielung auf die Entstehung der Mondscheibe während des mythischen Kampfes zwischen Horus und Seth um den Thron Ägyptens, vgl. dazu die Version des pChester Beatty I, 12,11-13,1: Horus schwängert Seth, indem er ihn Lattich essen lässt, auf dem sein Samen ist. Auf Befehl des Thot kommt der Samen u.a. als „goldene Scheibe“ (jtn n nbw) aus dem Scheitel (wp.t) des Seth hervor, und als Seth erbost zugreifen will, nimmt ihm Thot die Scheibe weg und setzt sie sich auf seinen Kopf. S. zu diesem Mythos auch A. Erman, Beiträge zur ägyptischen Religion, in: Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (45), 1142-1153, hier 1142-1144 mit der Stelle aus pTurin CGT 54053 und weiteren (aber noch nicht des pChester Beatty I, der zu der Zeit noch nicht bekannt war).
5 Da Thot der Mondgott ist, wird jtn hier nicht die „Sonnenscheibe“ meinen, sondern die „Mondscheibe“, mit deren Hilfe er den dunklen Nachthimmel erhellt. Zu jtn als Mondscheibe s. Wb 1, 145.8, und zu jtn als Scheibe allgemein s. A. von Lieven, Scheiben am Himmel – Zur Bedeutung von ı͗tn und ı͗tn.t, in: Studien zur Altägyptischen Kultur 29, 277-282, hier 277-282.
6 Zu Thot als dem Schöpfer der Sprachvielfalt s. bereits oben in Rto. 8,8 und (unter Einschluss der vorliegenden Stelle) auch J. Černý, Thoth as Creator of Languages, in: Journal of Egyptian Archaeology 34, 121-122, hier 121-122 und S. Sauneron, La différenciation des langages d’après la tradition égyptienne, in: Bulletin de l’Institut Français d’Archéologie Orientale 60, 31-41, hier 32-33. Das von Černý und Sauneron erwähnte Leipziger Ostrakon ist oÄMUL 3954 (mdl. Mitteilung K. Seidel). Dort steht in Z. 6: [j:]nḏ ḥr=k Jꜥḥ-Ḏḥw.tj wpi̯ ns n ḫꜣs.t r k.t: „Gegrüßt seist du, Jah-Thot, der (du) die Sprachen von (einem) Fremdland zum anderen unterschiedlich gemacht hast!“

administrative Texte (unpubliziert)

Auf der Rückseite der Fragmente Cat. 2105/305+2105/375+2107/423, Cat. o. Nr. sowie Cat. 2093/234, d.h. auf der Rückseite von Rto. 7 und 6 (NB: Bei Roccati ist die Reihenfolge der Fragmente vertauscht: Das von ihm S. 43 oben [d.h. im Querformat betrachtet rechts] abgebildete Fragment muss eigentlich unten = links angeordnet sein).
Es sind mindestens drei Kolumnen von Abrechnungen (?) erkennbar. Das von Roccati transliterierte Stück enthält mehrere Summenangaben und einmal vielleicht das Wort pꜣw.t: „Opferbrote“ (?). Auch die mittlere, von Roccati nicht transliterierte Kolumne könnte eine Summe erhalten, und in der zweiten Zeile steht vielleicht noch einmal pꜣw.t.