science in ancient egypt

 

Metadaten

Bezeichnung
Außensarg des Djehutinacht, B1Y
Weitere Bezeichnungen
Inv.-Nr. Yale: 1937.5903a-l
Aufbewahrungsort
USA, New Haven, Yale University Art Gallery
Erwerbsgeschichte

Der Sarg wurde im Januar 1920 in Kairo aus der Sammlung des Schweitzer Kaufmanns und Antikenhändlers André Bircher (1839–1925) durch den Anwalt und angehenden Ägyptologen Ludlow Seguine Bull (1886–1954) angekauft, der zu dieser Zeit Mitglied der University of Chicago Expedition war (Bull 1922–1923, 263; für den Ankauf durch Bull siehe Emberling – Teeter 2010, 46–47; für Ankäufe bei Bircher durch Breasted für die University of Chicago siehe Teeter 2015, 462). Der Sarg war schon mindestens seit 1914 in der Sammlung von Bircher (Newberry 1914, 36, Nr. 8), der seit den 1870er Jahren in Kairo wohnte und nach und nach eine Sammlung aufbaute, die im Jahr 1920 laut Breasted 17000 Objektnummern zählte (Teeter 2015, 462; für Bircher und seine Sammlung siehe Hagen – Ryholt 2016, 201–205). Es ist nicht unmöglich, dass Bircher den Sarg direkt oder über Umwege von Farag Ismaïn gekauft hat, der in den 1890er Jahren private Grabungen durchführte, u.a. 1897 in Deir el-Berscha (Hagen – Ryholt 2016, 214–215 mit Anm. 817 und 824; vgl. ebd. 201, Anm. 716). Bull bearbeitete die Texte auf dem Sarg für seine Dissertation (University of Chicago 1922: Bull 1922–1923, 263; Emberling – Teeter 2010, 46–47; eine biographische Skizze von Bull bei Larson 2010, 149). Seit 1925 war Bull an der Yale University in New Haven tätig (Larson 2010, 149), wo er den Sargtextherausgebern Gardiner und de Buck bei der Bearbeitung des Sarges half, dieser sich also vor 1935 in New Haven befand (de Buck 1935, x und xvii). Der Sarg wurde als „Anonymous Gift“ dem Yale University Art Gallery geschenkt und 1937 inventarisiert (Scott 1986, 72; Homepage Yale University Art Gallery). Er ist fast komplett, besteht aber aus einer Reihe von Einzelbrettern, die individuell inventarisiert wurden. Der Deckel fehlte schon bei Bircher (Bull 1922–1923, 263). In manchen Publikationen erscheint als Inventarnummer nicht 1937.5903, sondern 1950.645 (Lapp 1993, 178; Willems 2014, 248–249).

Herkunft
Oberägypten, Deir el-Berscheh

Der genaue Fundort ist nicht überliefert, aber seit Newberry im Jahr 1914 den Sarg bei André Bircher gesehen und nach Deir el-Berscheh verortet hat (Newberry 1914, 36), gilt Deir el-Berscheh als Fundort, obwohl Bircher selbst nichts über die Herkunft wusste und nur sagen konnte, dass er „had bought it many years before from natives“ (Bull 1922–1923, 263). Newberry hat 1891–1892 in Deir el-Berscha gearbeitet und dabei vor allem die Gräber des Mittleren Reichs dokumentiert. Ihm fiel bei Bircher der Name des Sargbesitzers Djehutinacht auf, der in Deir el-Berscha vielfach belegt ist und den Newberry mit dem Eigentümer von Felsgrab 1 (Gaufürst Djehutinacht VI.) verband. Außerdem erkannte Newberry bei Bircher einen weiteren Sarg aus dem Mittleren Reich, diesmal von einer Frau namens Zat-ipi (Newberry 1914, 36): Ein Sarg einer Frau Zat-ipi war von Daressy 1897 in Deir el-Berscha gefunden worden (Daressy 1900, 24: Grab C [Daressy] = Grab 17 [Kamal]).
Newberry gibt keine weiteren Hinweise für seine Annahme, dass der Sarg des Djehutinacht aus Deir el-Berscha stammt, aber es gibt zusätzliche Indizien. Bull vermerkt die Anordnung der Schriftbänder in dekorativen Hieroglyphen auf den Außenseiten, den Namen und die Orthographie des Namens sowie die Assemblagetechnik des Sarges (Bull 1922–1923, 265–267). Auch für Willems passt der Sarg typologisch zu den von ihm definierten Sarggruppen B und C aus Deir el-Berscheh (Willems 1988, 80). Leider kann der Sargbesitzer („Siegelbewahrer des unterägyptischen Königs“ und „Einziger Freund“) genealogisch nicht unter den belegten Personen von Deir el-Berscha eingeordnet werden. Er war laut Willems wahrscheinlich kein Gaufürst, kann daher nicht Djehutinacht VI. (Felsgrab 1 von Newberry) sein. Falls der Sarg des Djehutinacht gemeinsam mit dem Sarg der Frau Zat-ipi von Bircher zusammen angekauft wurde, kann vielleicht eine Verbindung zum Antikenhändler Farag Ismaïn gelegt werden, der in den 1890er Jahren private Grabungen durchführte, u.a. 1897 in Deir el-Berscha, und der 1899 einen großen Sarg („a very large one“) für eine Frau Zat-ipi besaß (Hagen – Ryholt 2016, 214–215 mit Anm. 817 und 824; vgl. ebd. 201, Anm. 716). Zwei etwa zeitgenössische Särge einer Frau Zat-ipi befinden sich in europäischen Sammlungen, einer seit 1901 im British Museum (Inv. Nr. EA 34259 [Länge 231 cm], angekauft von R. J. Moss & Co), ein anderer seit 1930 in Leiden (Leiden F 1930/6.1 [Maße 78 × 52 × 218 cm], sicherlich aus der Sammlung Bircher). Ist der Zat-ipi-Sarg von Farag Ismaïn identisch mit dem von André Bircher und Leiden oder ist er identisch mit dem im British Museum? Ist einer dieser beiden Särge identisch mit dem, der im November/Dezember 1897 von Daressy gefunden wurde (siehe Porter – Moss 1934, 183 [London/Daressy/Bircher?]; Lapp 1993, 276, Nr. B12 [London/Daressy] sowie 312, Nr. X14 [Leiden]; Willems 1988, 35, Nr. B4 [Bircher/Leiden]; Willems nennt den British-Museum-Sarg nicht)?

Datierung
Mittleres Reich, ca. 1980–1760 v. Chr.

Weil der exakte Fundort des Sarges unbekannt ist und der Sargbesitzer auch nicht in die Gaufürstenfamilien eingepasst werden kann, beruht die Datierung ausschließlich auf stilistisch-typologischen Überlegungen. Scott 1986, 72 datiert den Sarg ins Mittlere Reich, genauer „early Dynasty 12, ca. 1990 B.C.“. Das geht sicher auf Allen 1950, 17 zurück („early 12th dyn.“), aber weder Allen noch Scott begründen ihre Datierung. Lapp verzichtet auf eine Datierung, vermutlich weil ihm zu wenig Daten vorlagen (Lapp 1993, 278). Willems erkennt typologische Ähnlichkeiten mit seinen Sarggruppen B und C, die er in die spätere Regierung Sesostris I. (Willems 1988, 74) bzw. unter Amenemhet II. oder unmittelbar zuvor (Willems 1988, 75) verortet. Er verweist insbesondere auf Ähnlichkeiten mit Sarg B15C (= CG 28123) seiner Gruppe C (Willems 1988, 80). Das würde für die Zeit Amenemhets II. (1878–1843) oder frühestens kurz vor dessen Regierungsantritt sprechen.

Textsorte
magische Sprüche
Inhalt

Der uns hier interessierende Schlangenbeschwörungsspruch 434 (Kol. 122–124) befindet sich auf der Innenseite der Rückwand des Sarges (Kol. 86–215) im Bereich der Körpermitte (Lesko 1979, 49).

Übersicht der Schlangenbeschwörungssprüche auf B1Y:
Spruch 434: Kol. 122–124 (CT V, 283–285)

Material
Holz
Objekttyp
Sarg
Technische Daten

Der Sarg des „Sieglers des Königs von Unterägypten Djehutinacht“ (ḫtm.w-bj.tj) aus libanesischer Zeder ist fast komplett erhalten (Scott 1986, 72), aber heute in zwölf Einzelteile zerlegt und inventarisiert. Die Maße der einzelnen Inventarnummer sind (Höhe × Länge × Dicke; nach der Homepage der Yale University Art Gallery): a) 20 × 95,7 × 9,02 cm; b) 37,8 × 37,3 × 9,5 cm; c) 11,25 × 37,8 × 9,4 cm; d) 35,3 × 2,55 × 9,2 cm; e) unbekannt; f) 28,5 × 2,56 × 8,7 cm; g) 30,48 × 8,26 × 96,52 cm; h) 39 × 95,5 × 9,0 cm; i) 37,5 × 95,4 × 8,7 cm; j) 31 × 2,66 × 9,1 cm; k) 36,2 × 2,67 × 8,7 cm; l) 34 × 2,67 × 8,7 cm. Nach Bull 1922–1923, 263 hat der Sarg die Gesamtmaße 107,5 × 267 × 95 cm (Höhe × Länge × Breite), wobei der Deckel fehlt. Dies entspricht den Maßen eines Außensarges, wie Newberry 1914, 36 erkannt hat; Bull spricht von einem „outer or middle coffin, well constructed of regular planks from some Syrian coniferous tree“. Auffällig sind zahlreiche Werkzeug- und Brandspuren, die sehr wahrscheinlich von Grabräubern stammen. Laut Bull wurde Feuer verwendet, um den Sarg zu öffnen, was die Innendekoration stark beschädigte. Durch den unterschiedlichen Grad an Verkohlung von Holz und Bemalung blieb ein Teil des Textes trotzdem lesbar (Bull 1922–1923, 264).

Schrift
Kursiv-Hieroglyphisch

Der hier genutzte Sargtextspruch wurde in Kursivhieroglyphen von rechts nach links in Kolumnen auf der Innenseite der Rückwand aufgemalt (Bull 1922–1923, 264 und de Buck 1954 V 283c–285b). Es wurde schwarze und rote Tinte verwendet.

Sprache
Mittelägyptisch
Bearbeitungsgeschichte

Bull hat die Texte für seine Dissertation 1922–1923 bearbeitet (unpubliziert). Die Inschriften wurden für das Sargtextprojekt durch Gardiner und de Buck kopiert und von de Buck 1954 unter der Sigle B1Y ediert. Lapp 1993 benutzt nicht die Publikationsnummer B1Y der Sargtextpublikation, sondern in seiner Nummerierung ist der Sarg B28. Übersetzungen der Sprüche finden sich u.a. bei Faulkner (1977), Barguet (1986) und Carrier (2004). Stegbauer (2015) segmentiert den Schlangenspruch in Strophen und Verse und kommentiert ihn.

Editionen

- de Buck 1954: A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts. V. Texts of Spells 355-471, Oriental Institute Publications 73 (Chicago/Ill 1954), V 283b–285b.

Literatur zu den Metadaten

- Allen 1950: T. G. Allen, Occurrences of Pyramid Texts with Cross Indexes of These and Other Egyptian Mortuary Texts, Studies in Ancient Oriental Civilization 27 (Chicago 1950).

- Bull 1922–1923: L. S. Bull, The Religious Texts from an Egyptian Coffin of the Middle Kingdom, in: Abstracts of Theses. Humanistic Series 1, 1922–1923, 263–270.

- Carrier 2004: C. Carrier, Textes des sarcophages du Moyen Empire égyptien. Tome II: spells [355] à [787] (Monaco 2004), 1054–1051.

- Daressy 1900: G. Daressy, Fouilles de Deir el Bircheh (novembre-décembre 1897), in: Annales du Service des antiquités de l’Égypte 1, 1900, 17–43.

- de Buck 1935: A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts. I. Texts of Spells 1-75, Oriental Institute Publications 34 (Chicago/Ill 1935).

- Emberling – Teeter 2010: G. Emberling – E. Teeter, The First Expedition of the Oriental Institut, 1919–1920, in: G. Emberling (Hrsg.), Pioneers to the Past. American Archaeologists in the Middle East 1919–1920, Oriental Institute Museum Publications 30 (Chicago 2010), 31–84.

- Faulkner 1977: R. O. Faulkner, The Ancient Egyptian Coffin Texts. Volume II Spells 355 - 787 (Warminster 1977), 74.

- Hagen – Ryholt 2016: F. Hagen – K. Ryholt, The Antiquities Trade in Egypt 1880-1930. The H.O. Lange Papers, Det Kongelige Danske Videnskabernes Selskab. Scientia Danica. Series H, Humanistica, 4. Vol. 8, (Copenhagen 2016).

- Lapp 1993: G. Lapp, Typologie der Särge und Sargkammern von der 6. bis 13. Dynastie, Studien zur Archäologie und Geschichte Altägyptens 7 (Heidelberg 1993), 278, Kat.-Nr. B28. [falsche Inventarnummer 1950.645 angegeben]

- Larson 2010: J. A. Larson, Biographical Sketches of Expedition Participants, in: G. Emberling (Hrsg.), Pioneers to the Past. American Archaeologists in the Middle East 1919–1920, Oriental Institute Museum Publications 30 (Chicago 2010), 147–151.

- Lesko 1979: L. H. Lesko, Index of the Spells on Egyptian Middle Kingdom Coffins and Related Documents (Berkeley 1979).

- Newberry 1914: P. E. Newberry, Egyptian Historical Notes II, in: Proceedings of the Society of Biblical Archæology 36, 1914, 35–39.

- Porter – Moss 1934: B. Porter – R. L. N. Moss, Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Reliefs, and Paintings. IV. Lower and Middle Egypt (Delta and Cairo to Asyûṭ) (Oxford 1934), 183.

- Scott 1986: G. D. Scott III, Ancient Egyptian Art at Yale (New Haven 1986), 72.

- Stegbauer 2015: K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 166–167 (Spruch 11 = 434) (doi.org/10.11588/propylaeum.529).

- Teeter 2015: E. Teeter, Oriental Institute 11050 and 13652: A Tale of Two Stelae, in: R. Jasnow – K. M. Cooney (Hrsg.), Joyful in Thebes. Egyptological Studies in Honor of Betsy M. Bryan, Material and Visual Culture of Ancient Egypt 1 (Atlanta (GA) 2015), 461–469.

- Willems 1988: H. Willems, Chests of Life. A Study of the Typology and Conceptual Development of Middle Kingdom Standard Class Coffins, Mededelingen en Verhandelingen van het vooraziatisch-egyptisch Genootschap „Es Oriente Lux“ 15 (Leiden 1988).

- Willems 2014: H. Willems, Historical and Archaeological Aspects of Egyptian Funerary Culture. Religious Ideas and Ritual Practice in Middle Kingdom Elite Cemeteries, Culture and History of the Ancient Near East 73 (Leiden/Boston 2014).

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Bearbeiter
Dr. Peter Dils/Dr. Katharina Stegbauer
Bearbeitungsdatum
04.08.2020

Übersetzung und Kommentar

CT 434

Überschrift

[122] Den Rerek vertreiben:1

1. Strophe

Als Elende2 bin ich zum Haus der Elenden2 gekommen.
[123] Ich bin die, die sich befindet in den ḫꜣ.w3 des Horus (?)4.
Ich suche Osiris Djehutinacht.
Ich bin gesandt von diesem Großen, ⟨dem Herrn,⟩ Atum, der nicht sterben kann.

Nachschrift

Spruch für das Vorbeigehen an dem, der frisst ⟨in⟩ der ⸮Nekropole?.

1 Eine Überschrift findet sich nur in den Textzeugen: B2Bo und B1Y, S2C und M22C, wobei sie in den letzten drei Fällen zerstört ist.
2 ḥwr.t ist m.E. auf die Isis zu beziehen, die als arme Witwe nach Osiris sucht.
3 Die Bedeutung von ḫꜣ.w ist unklar.
4 Da das Grundmotiv des Textes die Suche der Isis nach ihrem Gatten ist (vgl. den nächsten Vers) muss  m.E. als Schreibung für Horus aufgefasst werden (vgl. B9C).

Übersetzung nach Stegbauer 2015, 166–167 (Spruch 11 = 434).