Papyrus Carlsberg 906
Übersetzung und Kommentar
Papyrus Carlsberg 906
Fragment A
Recto
A.1[---] die Herrin von Heliopolis. A.2[---] des Großen Hauses. A.3[---] (Göttin) [NN] im Tempel des Lobpreises. A.4[---] (Göttin) [NN], die Herrin von Terenouthis. A.5[---] (Göttin) [NN], die Herrin des „Feldes“. A.6[---] (Göttin) [NN], die Herrin von Aphroditopolis.
Verso
Etwa in der Mitte der Seite: zwei Zeilen Zeichenreste.
Fragment B
Recto
B.x+1[---] in1 der Abendbarke, der Herr2 der Furcht beim Eintreten [---] B.x+2[---] Unterwelt, als einer, der ihn abwehrt, der Gnädige [---] B.x+3[---] für sie die Bewohner der Finsternis, die nicht [---] B.x+4[---] er vernichtete und hält ab den Untoten,3 die Untote, [den Feind, ---] B.x+5[---] diese [Figur], die als Zeichnung (existiert), gezeichnet auf [---] B.x+6[---]. B.x+7[---]. B.x+8[---] diese [---]. Ein anderer Spruch:4 B.x+9[---]. B.x+10[---] ihren wirklichen Namen kennen [---] B.x+11[---] indem sie [geht/kommt] in ihrer wirklichen Gestalt [---] B.x+12[---]. [Ein anderer Spruc]h: Diese Figur, die [---] B.x+13[---] wahrhaftig. Ein anderer Spruch: O Feind, [---] B.x+14[---] Verklärte und Tote; es sind ja Wesen, die beseitigt/niedergehalten [werden ---] B.x+15[--- ihren Namen (?)] den er mit Ehrfurcht vor ihr nennt,5 den er … (?) nennt; Lobpreis [---] B.x+16[--- im(?)] Per-neser, mit gewichtigen/wirkungsvollen Heilmitteln6 im Haus des Horus, vor der die Ehrfurcht [--- ist ---] B.x+17[---]; jene beugt sich7 vor Pharao, l.h.g., …8 B.x+18[---] in seinen Gliedern. Es kommt jene/-s (?). B.x+19[--- in Zeichnung], gezeichnet. [---] B.x+20[---]-Schiff,9 werde rezitiert (?)10 zum Öffnen der Augen [---] B.x+21[--- Amu]lett zum Schutz des Leibes [---]
Verso
In der Mitte der Seite: zwei verwischte demotische Zeilen.11
1 m (m)sk.tt: In späterer Zeit herrscht bei msk.tt eine Schreibung ohne initiales m vor. Daher ist auch hier das ausgeschriebene m tendenziell eher als Präposition aufzufassen.
2 nb{.t} snḏ: Das t bei nb.t wird hier mit S. Töpfer, Magika Hieratika in Kopenhagen – Sprüche zum Schutz des Leibes auf pCarlsberg 906, in: M. Brose, et al. (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-Werner Fischer-Elfert, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde, Beihefte 7 (Berlin 2019), 1137-1157, hier 1146 nur als Füllzeichen aufgefasst.
3 So die Interpretation der Zeile von S. Töpfer, Magika Hieratika in Kopenhagen – Sprüche zum Schutz des Leibes auf pCarlsberg 906, in: M. Brose, et al. (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-Werner Fischer-Elfert, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde, Beihefte 7 (Berlin 2019), 1137-1157, hier 1147. Die Graphie von šnꜥ erklärt sie als fehlerhafte Ersetzung des Löwen, mit dem šnꜥ oft geschrieben wird (aufgrund einer Verwechslung der hieratischen Zeichen von Löwe und Pflug), durch das Phonogramm r. Als Ursache für diesen Fehler vermutet sie die Seltenheit des Wortes šnꜥ zur Abfassungszeit des Textes; daher habe der Schreiber wohl nicht gewusst, dass der Löwe eine rein graphische Erscheinung war und in dem Wort kein r vorkam.
Man könnte aber auch überlegen, ob doch šnꜥ r=f zu lesen ist und eine Partizipialkonstruktion vorliegt, die als direktes Objekt zu tm=f dient: „er vernichtete den, der von ihm abgehalten wird/werden soll, den Untoten, …“.
4 k(y) rʾ: Sic, nicht als Rubrum geschrieben, wie in den anderen Fällen dieses Papyrus. Die anschließenden Wörter sind nachträglich getilgt worden; in einem kann man noch mkw.t: „Schutz“ erkennen, s. auch S. Töpfer, Magika Hieratika in Kopenhagen – Sprüche zum Schutz des Leibes auf pCarlsberg 906, in: M. Brose, et al. (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-Werner Fischer-Elfert, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde, Beihefte 7 (Berlin 2019), 1137-1157, hier 1148. Sie vermutet ebenda, dass die Wörter getilgt wurden, weil sie als fehlerhaft angesehen wurden, oder weil man den Platz für eine Vignette brauchte (die aber letztendlich nicht gezeichnet wurde). In ihrer technischen Beschreibung des Fragments auf S. 1139 favorisiert sie die letztere Erklärung.
5 dm=f: S. Töpfer, Magika Hieratika in Kopenhagen – Sprüche zum Schutz des Leibes auf pCarlsberg 906, in: M. Brose, et al. (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-Werner Fischer-Elfert, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde, Beihefte 7 (Berlin 2019), 1137-1157, hier 1143 übersetzt beide Formen indikativisch: „er spricht (…)“ bzw. „er nennt (…)“. Das Verb dm kommt sehr oft in der Kollokation dm rn: „den Namen nennen/aussprechen“ vor. Daher wird hier alternativ das dm als Relativform aufgefasst, das sich auf ein in der Lücke davor stehendes rn beziehen könnte. Das Wort nach dem zweiten dm=f liest S. Töpfer, Magika Hieratika in Kopenhagen – Sprüche zum Schutz des Leibes auf pCarlsberg 906, in: M. Brose, et al. (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-Werner Fischer-Elfert, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde, Beihefte 7 (Berlin 2019), 1137-1157, hier 1143 und 1149 als tfy: „jene“. Das Hieratische lässt aber Zweifel aufkommen, ob das obere Zeichen wirklich ein reines t ist.
6 ꜥꜣ pẖr(.t): S. Töpfer, Magika Hieratika in Kopenhagen – Sprüche zum Schutz des Leibes auf pCarlsberg 906, in: M. Brose, et al. (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-Werner Fischer-Elfert, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde, Beihefte 7 (Berlin 2019), 1137-1157, hier 1143 beginnt damit einen Adjektivalsatz. Könnte vielleicht auch ein Epitheton vorliegen, sodass diese Zeile insgesamt eine Kette von Epitheta enthält?
7 ksi̯ tfj: So die Deutung von S. Töpfer, Magika Hieratika in Kopenhagen – Sprüche zum Schutz des Leibes auf pCarlsberg 906, in: M. Brose, et al. (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-Werner Fischer-Elfert, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde, Beihefte 7 (Berlin 2019), 1137-1157, hier 1143 und 1150. Oder ist es ksi̯.t(j)=fj: „der sich beugen wird“? Allerdings steht in der folgenden Zeile ein ebenso geschriebenes jyi̯ tfj, und laut J. Winand, Le verbe iy/iw. Unité morphologique et sémantique, in: Lingua Aegyptia 1, 1991, 357-387, hier 377 wird das sḏm.tj=fj von jwi̯/jyi̯ im älteren Ägyptisch vom Stamm jwi̯ gebildet, und im jüngeren Ägyptisch ist die Form überhaupt nicht mehr belegt. Sollte also in pCarlsberg 906 ein sḏm.tj=fj vorliegen, wäre in Zeile x+18 eher jwi̯.tj=fj zu erwarten statt *jyi̯.tj=fj. Da aber dort eben der Stamm jyi̯ steht, liegt wohl eher kein sḏm.tj=fj vor, und daraus ist zu schließen, dass auch das ksi̯ tfj in x+17, analog dazu, kein sḏm.tj=fj ist.
8 k: Das vereinzelte k am Ende der Zeile ist laut Töpfer, a.a.O., der Beginn eines weiteren ky rʾ: „Ein anderer Spruch“, das der Schreiber aber nicht zu Ende führte, weil es an dieser Stelle fehlerhaft sei. Und weiter: „Anders als in Z. x+8 wird der ‚Fehler‘ frühzeitig bemerkt, denn es sind keine Tilgungs-Spuren erkennbar.“ Man fragt sich aber, warum der Schreiber nur abgebrochen und nicht versucht hat, das k zu löschen. Eine andere Erklärung für das k kann allerdings nicht geboten werden, außer dass es sich vielleicht um eine neue Art einer metatextuellen Markierung handelt (Zusatz, Wiederholung, Auslassung, …), deren Bedeutung wegen des fragmentierten Zustandes nicht ersichtlich ist.
9 Vom ersten erhaltenen Wort(?) ist nur noch eine Barke erhalten. S. Töpfer, Magika Hieratika in Kopenhagen – Sprüche zum Schutz des Leibes auf pCarlsberg 906, in: M. Brose, et al. (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-Werner Fischer-Elfert, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde, Beihefte 7 (Berlin 2019), 1137-1157, hier 1150 vermutet, dass es sich bei diesem Schiff eher um eine Vignette handeln könnte, weil das Zeichen etwas größer geschrieben ist als der übrige Text. Sie überlegt, ob hiermit die in Zeile x+1 genannte msk.tt-Barke gemeint sein könnte. Andererseits wirkt die Barke nicht dermaßen viel größer; der leichte Größenunterschied könnte auch nur dadurch bedingt sein, dass der Schreiber das Zeichen etwas elaborierter schreiben wollte als die übrigen Hieratogramme und dadurch nur zufällig etwas raumgreifender geschrieben hat.
10 Unsicher ist auch die Lesung der Gruppe nach dem Schiff. Für das obere Hieratogramm schlägt S. Töpfer, Magika Hieratika in Kopenhagen – Sprüche zum Schutz des Leibes auf pCarlsberg 906, in: M. Brose, et al. (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-Werner Fischer-Elfert, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde, Beihefte 7 (Berlin 2019), 1137-1157, hier 1150-1151 die Lesungen mḥ: „füllen“ (Gardiner Sign-list V22), šd: „rezitieren“ (F30), ꜥrq: „umbinden“ (V62) oder šfd: „Buchrolle“ (V62) vor und tendiert zu Letzterem. Allerdings ist das Zeichen darunter ein deutliches r, und man fragt sich, ob eine „Buchrolle zum Öffnen der beiden Augen“ (so ihre Übersetzung auf S. 1144, mit Fragezeichen) nicht eher šdf n statt šfd r lauten würde. Ob man vielleicht doch šdi̯ lesen sollte? Die Schreibung ist für jedes der drei vorgeschlagenen Verben ungewöhnlich kurz.
11 Die Lesung der beiden Zeilen ist unklar; vgl. die Vorschläge bei S. Töpfer, Magika Hieratika in Kopenhagen – Sprüche zum Schutz des Leibes auf pCarlsberg 906, in: M. Brose, et al. (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-Werner Fischer-Elfert, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde, Beihefte 7 (Berlin 2019), 1137-1157, hier 1138. Sie bzw. Fabian Wespi, auf den sie sich bezieht, vermutet in der zweiten Zeile eine Blattnummerierung mḥ-1.