oLondon UC 31942
Übersetzung und Kommentar
Recto
[rt. 1]Er besprang sie, wie ein Stier bespringt.1 Er penetrierte sie, wie ein [Widder] penetriert.2 Dann3 [rt. 2]hielt [das Gift(?)] seinen Kopf nieder (oder: dann verdrehte4 [das Gift(?)] seinen Kopf), um (es/ihn?) in Augenschein zu nehmen.5 Der6 [---] liegt/legte7 sich auf sein(?)8 B[ett, weil er krank war]. [rt. 3](?) [Und (o.ä.)] er fiel auf den Boden. Da hörte9 Neith, die Herrin von Sais (?)10 [---].11 [rt. 4][---] Schriftstück am Himmel, während es seinen zwei Sichtweisen/Versionen unterliegt, erschreckend (?) [---] [rt. 5][---] auf seiner Rückseite, die andere auf seiner Vorderseite;12 das Gift wurde eingefangen. Dann [---] [rt. 6][---] bekleidet13 [---] [rt. 7][---] jede/Herrin beim Aussprechen [---]14 [rt. 8][---]15
Verso
Zeichnungen (unpubliziert)16
1 Oberhalb des p des zweiten pwy steht ein roter Punkt. Von Größe, Form und Farbe her handelt es sich um einen Verspunkt, aber er steht eigentlich viel zu weit über der Zeile, um zu ihr zu gehören.
2 ꜥmq=s ⟨ꜥ⟩mq: Die Parallelen bieten:
(1) pChester Beatty VII, vso 1,6-7: jw=f ḥr ꜥmq=st mj ꜥ[mq] [kꜣ].
(2) oDeM 1591,4-6: [jw=f ḥr pꜣi̯=st (…)], ꜥmq[=st m ꜥmq ---] n rhn.j.
(3) oDeM 1592, 3: [jw=f ḥr ꜥmq=s mj] ꜥmq (n) kꜣ.
(4) Stärker abweichend pTurin CGT 54076/002, rto 3-4: ꜥḥꜥ ꜥ[mq]=st m ꜥm[q --- n] rhn.j, Roccati, in: RdÉ 24, 1972, Taf. 14 und S. 155, https://papyri.museoegizio.it/o/402003 (Login nötig).
Die Parallelen zeigen, dass das Wort mꜥq auf dem Londoner Ostrakon ebenfalls als ꜥmq zu verstehen ist. Da die erste Zeichengruppe als Ligatur aus m-Eule über Arm geschrieben ist, wird hier eine Korrektur zu ⟨m ꜥ⟩mq einer Korrektur zu m ꜥ⟨m⟩q vorgezogen.
3 Quack (E-Mail vom 26.11.2024) erkennt am Ende von Zeile 1 noch Spuren von jw ⸢tꜣ mt⸣[.wt]. Auf den von Catriona Wilson (Petrie Museum, UCL) zur Verfügung gestellten Schnappschüssen ist nur noch ein Zeichen erkennbar, das ein Schilfblatt sein könnte, danach scheint das Ostrakon abzubrechen. Der in Zeile 2 folgende Satzrest erfordert aber dessen ungeachtet ein Subjekt.
4 dr kann hier kaum die Bedeutung „beseitigen, vertreiben“ haben, die im Zusammenhang mit Krankheiten und ähnlichen negativen Erscheinungen die naheliegende ist. Möglicherweise liegt hier eine Bedeutung vor, die der von Assmann vorgeschlagenen Grundbedeutung „niederhalten“ (Assmann, in: GM 6, 1973, 14) nähersteht. Quack (E-Mail vom 26.11.2024) denkt dagegen eher an die Bedeutung „verdrehen“ und vermutet, dass hier das Giftmädchen seinen Kopf verrenken muss, um Seth, der sie von hinten bespringt, in Augenschein nehmen zu können.
5 r mḥ: Lesung nach einem Vorschlag von Quack (E-Mail vom 26.11.2024).
6 pꜣ ⸢⸮___?⸣: Spiegelberg, Hieratic Ostraca and Papyri in the Ramesseum, Taf. 1a dachte an pꜣ-wn: „denn“, gefolgt von einem tlw. zerstörten Götternamen. Von Letzterem ist noch der Klassifikator, der Falke auf Standarte, erkennbar, den Spiegelberg, den früheren Transkriptionsgepflogenheiten folgend, als sitzenden Gott transkribierte (vgl. ENG, § 39). Zumindest in der Lesung pꜣ-wn dürfte ihm wohl Barbotin, in: Charron, Barbotin, Khâemouaset, le prince archéologue, 179 gefolgt sein, wenn er übersetzt: „(…) étant donné qu’elle était couchée sur leur […]“. Ein Pronomen der 3. Person Singular lässt sich aber in den Zeichenresten nicht erkennen. Gardiner, HPBM III, Text, 62, Anm. 8 vermutet die Krokodilschuppe (Gardiner Sign-list I6) anstelle von Spiegelbergs wn, und in dem von Spiegelberg nicht transkribierten Zeichen vor dem Götterklassifikator vermutet er ein Tierfell (beides mit Fragezeichen versehen). Darauf basiert Schneiders Vorschlag „Der Schwarze schläft auf ihrem […]“ (Schneider, in: Ugarit-Forschungen 35, 2004, 621). Wenn die hier vorgeschlagene Rekonstruktion des Satzendes korrekt ist, muss in jedem Falle eine Bezeichnung des Seth vorliegen
7 sḏr: Aufgrund der Zerstörungen und des nicht sicher zu lesenden Satzbeginns bleibt unklar, ob das Verb progressiv ((ḥr) sḏr) oder stativisch (sḏr(.w)) zu übersetzen ist. Ferner ist unsicher, ob vom „Schlafen“ oder vom reinen „Liegen“ die Rede ist.
8 pꜣy=⸢⸮f?⸣ ⸮ḥ[tj]?: Spiegelberg und Gardiner lasen pꜣy=w. Ob Spiegelbergs und Gardiners w-Schleife eigentlich eher ein f mit heute zerstörtem Schwanz ist, und ihre Pluralstriche eigentlich ein ḥ? Dann könnte die hier vorgeschlagene Phrase gestanden haben, vergleichbar zu pChester Beatty VII vso 1,7-8. Hier wäre dann gegenüber pChester Beatty VII der Satz ausgefallen, dass „Giftsame“ an die Stirn des Seth gesprungen wäre.
9 jri̯.n: Die Zeichengruppe, die Spiegelberg und Barbotin als rn lesen, sieht auf den Fotos des Petrie Museums eher wie ein Auge über n an. Das macht wiederum Gardiners Lesung des Götternamens als Neith (Gardiner, HPBM III, Text, 62, Anm. 8) wahrscheinlicher.
10 nb …: Das Wort nach nb ist nicht mit Sicherheit zu identifizieren. Ein Ortsname liegt nahe, und Gardiner, a.a.O. denkt an Sais, wobei seine Lesung sicherlich auch durch die Lesung des Götternamens zuvor als Neith beeinflusst ist.
11 Barbotin, in: Charron, Barbotin, Khâemouaset, le prince archéologue, 179 übersetzte die Zeile mit: „il descendit en séparant la nourrice, dame de [ ?]“. Er liest das Wort vor dem Verspunkt demzufolge als jwd: „trennen“, und der Beginn mit dem Böckchen sowie das Wortende mit den laufenden Beinchen (?; alternativ ist auch das Kuhohr denkbar) legen diese Interpretation tatsächlich nahe. Allerdings ist die Zeichengruppe dazwischen unklar, und trotz der Unklarheit ist eine Lesung des ersten Zeichens als d ausgeschlossen, weil es dafür links viel zu rund ist. Quack (E-Mail vom 26.11.2024) schlägt eine Ergänzung zu jwtn vor. Das Zeichen hinter dem Verspunkt hält er für die laufenden Beinchen oder das Kuhohr und vermutet, dass sḏm intendiert war, das in dem ähnlich formulierten Satz in der Version von pPhiladelphia CG 2006-4-1 rto (Silverman/Wegner, in: Fs O’Connor, Vol. 2, 403-424) steht.
12 Lesung der Wortreste vor dem ersten erhaltenen Verspunkt der Zeile nach einem Vorschlag von Quack (E-Mail vom 26.11.2024). Barbotin, in: Charron, Barbotin, Khâemouaset, le prince archéologue, 179 übersetzt: „un autre sur l’aile“. Die Zeichen hinter ḏnḥ ergeben jedoch keinen Flügel, die als Klassifikator für das Substantiv „Flügel“ nahezu obligatorisch sind. Vgl. die Form bei dem zweimaligen pwy in der ersten Zeile. Daher sollte man eher an das Verb denken (bestätigt durch Quack, a.a.O.); der erste Klassifikator könnte ein schlagender Arm sein. Die Lesung der Zeichen dahinter folgt ebenfalls Quack, a.a.O.
13 So bereits Spiegelberg, Hieratic Ostraca and Papyri in the Ramesseum, Taf. 1a und Barbotin, in: Charron, Barbotin, Khâemouaset, le prince archéologue, 179, bestätigt auf den Fotos des Petrie Museums. Die Zeichenreste davor sind noch unklar. Quack (E-Mail vom 26.11.2024) liest ḥꜣ ḥbs=s: „hinter ihren Kleidern“.
14 Spiegelberg, Hieratic Ostraca and Papyri in the Ramesseum, Taf. 1a und Barbotin, in: Charron, Barbotin, Khâemouaset, le prince archéologue, 179 haben die Zeichenreste als nb.t ḥr mḥ: „toute, en train d’emplir“ gelesen. Das nb.t ist deutlich; es scheint ein Nachtrag über der Zeile zu sein. Der Rest ist fraglich: Der Bogen und die Größe der Öffnung spricht eher gegen mḥ. Quack (E-Mail vom 26.11.2024) liest auf Basis der Parallele auf pPhiladelphia CG 2006-4-1 rto (Silverman/Wegner, in: Fs O’Connor, Vol. 2, 403-424) ḥr dm.
15 Quack (E-Mail vom 26.11.2024) liest m ḥm.t b〈n〉d m ꜥḥꜣ[.wtj]: „[indem du gegürtet bist] als Frau, und eingewickelt als Mann?“.
16 S. die kurze Bemerkung von van Dijk, in: Fs Hospers, 33 und 47, Anm. 10.
