science in ancient egypt

 

Metadaten

Papyrus Hearst Papyrus Hearst Link
Bezeichnung
Papyrus Hearst
Weitere Bezeichnungen
Papyrus Hearst 1
Apis-ID 4970
Aufbewahrungsort
USA, Berkeley, University of California, Bancroft Library
Digitaler Katalog
Erwerbsgeschichte

Der Papyrus wurde im Herbst des Jahres 1901 einem Bauern aus der Umgebung von Deir el-Ballas abgekauft. Genauer schreibt G. A. Reisner: "In the spring of 1901, a roll of papyrus was brought to the camp of the Hearst Expedition near Dêr el-Ballâs by a peasant of the village as a mark of his thanks at being allowed to take sebaḥ from our dump heaps near the northern kom. (...) He said that he had found the roll while digging for sebaḥ two years before, that he had put it away in a cupboard in his house and forgotten it. (...) The man attached no value to the papyrus. He did not come again until sent six months later; and he gratefully accepted the price given him without any attempt whatever at bargaining." [lies sebaḫ statt sebaḥ laut Errata] (Reisner 1905, 1).
Seit 2001 wird der Papyrus im Center for the Tebtunis Papyri der Bancroft Library der University of California at Berkeley aufbewahrt. Für den Zeitraum vor 2001 sind keine definitiven Inventarangaben des Papyrus bekannt, außer dass er vom allgemeinen Handschriftenbestand (Hinweis auf Nachfrage bei M. Zellmann-Rohrer, Center for the Tebtunis Papyri) der Bancroft Library in das Center for the Tebtunis Papyri transferiert worden ist. Benannt wurde der Papyrus nach P. A. Hearst (1842–1919), der Mäzenin der Grabungen der University of California in Deir el-Ballas (Nunn 1996, 35).

Herkunft
Oberägypten, Deir el-Ballas

Ein ägyptischer Bauer entdeckte den aufgerollten Papyrus nach eigener Aussage etwa im Jahre 1899 in den Siedlungsresten bei Deir el-Ballas inmitten von Häuserruinen zwischen dem südlichen Kôm und der südlichen Nekropole, als er nach organischem Dünger (Sebakh) grub. Die Papyrusrolle befand sich laut dem Bauern als einziges Objekt in einem Keramikgefäß, dessen Typ sich aufgrund einer ungenügenden Beschreibung nicht identifizieren ließ. Der exakte Fundkontext des Papyrus ist im Gelände nicht erhalten und kann auch nicht mehr nachvollzogen werden. G. A. Reisner zweifelt aber nicht an den Angaben des Bauern, weil dieser dem Papyrus keinen großen Wert zuwies (und der daher, so wohl die Implikation von G. A. Reisners Argument, keinen Grund hatte, Fundumstände und Fundort zu verschleiern; Reisner 1905, 1).
Im Frühjahr 1901 brachte er den Papyrus zum Lager der P. A. Hearst Expedition in Deir el-Ballas, die dort von Januar 1900 bis November 1902 mit Unterbrechungen Grabungen durchführte (zur Grabungsdauer siehe Lacovara 1997, 6). Der in ein Kopftuch gerollte Papyrus wurde durch A. Lythgoe in Vertretung von G. A. Reisner, dem Leiter der Ausgrabungen, in Empfang genommen (Reisner 1905, 1) und der Bauer später vergütet.

Datierung
Späte Zweite Zwischenzeit bis Anfang Neues Reich, 17.–18. Dynastie, Zweite Hälfte des 16. Jh. v. Chr.

Die Datierung beruht auf paläographischer Grundlage. G. A. Reisner möchte den Papyrus aufgrund der Paläographie des Textes chronologisch in die Nähe des Papyrus Ebers, d.h. das Ende der Zweiten Zwischenzeit oder den Anfang des Neuen Reiches, datieren (Reisner 1905, 1). G. Möller bezeichnet den Papyrus Hearst als "so gut wie gleichaltrig, vielleicht um ein Unbedeutendes jünger" als den Papyrus Ebers, wobei er den Papyrus Ebers in die Regierung des Ahmose oder den Anfang der Regierung Amenhoteps I. einordnet (Möller 1909, 20). W. Wreszinski verweist in seiner Datierung auf eine Mitteilung von G. Möller, dass dieser den Papyrus "jetzt etwas später als den Pap. Ebers ansetzen möchte, etwa die Zeit kurz vor Thutmosis III." (Wreszinski 1912, V). W. Westendorf ordnet sowohl den Papyrus Hearst als auch den Papyrus Ebers an den Anfang des Neuen Reiches, etwa 1550 v. Chr. (Westendorf 1999, 22, 35; das dort zusätzlich angegebene, scheinbar präzise Datum „Um 1550 v.Chr.“ entspricht nur dem Anfangsjahr des Neuen Reiches in einem inzwischen überholten chronologischen Modell, stellt also keine genaue Datumsangabe dar).
Zur Unterstützung der paläographischen Datierung verweist G. A. Reisner auf die archäologischen und architektonischen Hinterlassenschaften, die – abgesehen von koptischen Elementen – aus der Zeit der 12. bis 18. Dynastie stammen (Reisner 1905, 1). Spätere Grabungen aus den 1980er Jahren fassen den chronologischen Rahmen sogar noch enger: späte Zweite Zwischenzeit und frühe 18. Dynastie (Lacovara 1997, 6–7; Lacovara 1999, 244–246).

Textsorte
medizinische Sammelhandschrift
Inhalt

Bei dem Text auf dem Recto des Papyrus handelt es sich um eine Sammlung von Rezepten, die rund 260 unstrukturierte Einzeltexte umfasst. Aufgrund dieser Tatsache lassen sich die jeweiligen Texte nicht zu verwandten Gruppen gliedern. Ein Drittel – rund 90 Einzeltexte – weist inhaltliche Parallelen zum Papyrus Ebers auf (Westendorf 1999, 35). Dabei handelt es sich allerdings nicht um reine Textduplikate, vielmehr ergänzen die Aussagen des Papyrus Hearst die des Papyrus Ebers (Reisner 1905, 1; Westendorf 1999, 35–36).

Ursprünglicher Verwendungskontext

G. A. Reisner äußert die Vermutung, dass der Papyrus einst einem Arzt vor Ort als Nachschlagewerk gedient haben könnte: "The Hearst papyrus, found in a mudbrick house in a provincial town, probably served as a book of reference for the local physician, and, less carefully arranged than Ebers, seems to have been made for this very purpose." (Reisner 1905, 4). W. Wreszinski bemerkt, dass der Text vor allem aus Rezepten besteht, die in ihrem Format so stark reduziert sind, dass sie nur von einem Arzt verstanden werden konnten. Auch die Tatsache, dass Diagnosen sowie die ausführlichen Anleitungen zur Behandlung von Patienten weitestgehend fehlen, spricht dafür, dass der Text kein Nachschlagewerk für die Allgemeinheit, sondern für einen ausgebildeten Arzt als Leser bestimmt war (Wreszinski 1912, V). Die Verwendung des Halbformats, dessen handliche Größe von der praktischen Benutzbarkeit des Papyrus zeugt, unterstützt diese Vermutung zusätzlich.

Material
Papyrus
Objekttyp
Papyrusrolle
Technische Daten

Der Papyrus misst 17,2 cm in der Höhe (Halbformat) (Reisner 1905, 1). Die Kolumnenbreite liegt zwischen 18 und 23 cm (Reisner 1905, 1); die Länge des ganzen Papyrus wurde aber anscheinend beim Entrollen nicht nachgemessen, da die erste Kolumne in zwei Stücke gerissen war und die Kolumnen 16–18 unvollständig sind. H. Grapow gibt die Länge mit „etwa 3,50 m an“ (Grapow 1955, 92; ebenso Westendorf 1999, 35). Heute ist der Papyrus auf 18 Glasrahmen verteilt; einer pro erhaltener Kolumne. Sofern die Fotos bei G. A. Reisner maßstabsgetreu sind, könnte die Gesamtlänge der erhaltenen Teile bei ca. 3,57 m liegen.

Von der heute als Nr. 1 gezählten Kolumne fehlen jeweils die ersten 3 cm des Zeilenanfangs (Rekonstruktion nach der Edition von W. Wreszinski), und sie bildet auch nicht den Anfang des Textes. Wie viele Kolumnen am Anfang zerstört sind, ist unklar. G. A. Reisner bezweifelt, dass mehr als 1–2 Seiten des Papyrus am Anfang verloren sind, ohne dies weiter zu begründen (Reisner 1905, 1). H. Grapow spricht nur von „mehreren Kolumnen verloren“ (Grapow 1955, 92). Der Schluss hingegen ist weitestgehend erhalten geblieben. Lediglich die letzten drei Kolumnen (Kol. 16-18) sind teilweise beschädigt; die Zerstörungsspuren erklärt G. A. Reisner wie folgt: „The roll was brought to Lythgoe, brutally tied up in the end of a native head-cloth (šuga), and had, of course, been carried in a similar manner from the place where it was found to the village. The damage done to pages XVI to XVIII which were on the outside of the roll was due to this treatment.“ (Reisner 1905, 1). Die 18. Kolumne ist zugleich die letzte. Sie besitzt nur drei Zeilen Text, deren letzte mit der Schlussformel des Schreibers jwi̯=f pw m ḥtp: „Dies(er Satz bedeutet, dass) es zufriedenstellend (ans Ende) gekommen ist“ ab (Westendorf 1999, 35).

Das Verso des Papyrus ist unbeschrieben. Bei der Auffindung war der Papyrus so aufgerollt, dass der Textanfang sich innen und das Textende sich an der Außenseite der Rolle befand. Zu erwarten wäre eigentlich die umgekehrte Situation.

Schrift
Hieratisch

Die Leserichtung verläuft in waagerechten Zeilen von rechts nach links. Die Verwendung von Rubra zur Markierung von Rezeptüberschriften ist erkennbar.

Sprache
Mittelägyptisch
Bearbeitungsgeschichte

Der Papyrus wurde durch G. A. Reisner und L. Borchardt entrollt. Die Ähnlichkeit zu Papyrus Ebers wurde dabei von L. Borchardt erkannt und von H. Schäfer bestätigt. G. A. Reisner lieferte im Jahre 1905 die Erstveröffentlichung mit einer Einführung, einer Gliederung des Textes in 269 Rezepte, einem Glossar und einer kompletten fotographischen Reproduktion. Bei der Erstellung des Glossars griff er auf die Hilfe von K. Sethe zurück (Reisner 1905, Vorwort und S. 1). Eine hieroglyphische Transkription des Hieratischen und die Übersetzung des Textes ins Deutsche erfolgte im Jahre 1912 durch W. Wreszinski. Er nummerierte um in 260 Rezepte. Eine erste inhaltliche Besprechung des Textes findet sich bei C. Leake. Im Rahmen des "Grundriss der Medizin der Alten Ägypter" wurde der Text Rezept um Rezept und im Abgleich mit Papyrus Ebers erneut ins Hieroglyphische transkribiert, übersetzt, kommentiert sowie grammatisch und lexikographisch analysiert, wobei die ursprüngliche Anordnung der Rezepte durch die Strukturierung des Grundrisses nach modernen Krankheitsbildern verschleiert wurde.
Der sehr gute Erhaltungszustand, die zahlreichen Parallelen zum Papyrus Ebers sowie die nicht überprüfbaren Fundumstände ließen den Verdacht aufkommen, dass es sich um eine Fälschung handeln könnte (tebtunis.berkeley.edu/collection/medical). Dieser Vermutung wird vom Center for the Tebtunis Papyri jedoch widersprochen: "we can say that at present there are no serious doubts on the authenticity of the papyrus" (Hinweis von M. Zellmann-Rohrer, Center for the Tebtunis Papyri).

Editionen

- Bardinet 1995: T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l'Égypte pharaonique. Traduction intégrale et commentaire (Paris 1995), 198–213, 375–408.

- Deines – Grapow – Westendorf 1958: H. von Deines – H. Grapow – W. Westendorf, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. IV,1. Übersetzung der medizinischen Texte (Berlin 1958), 11–12, 16–25, 32–33, 35–36, 39–40, 66–67, 70–75, 78, 81, 84, 86, 97–99, 102–104, 106, 117, 119–120, 123, 125–126, 130, 132, 134–136, 138, 140, 143–144, 146–148, 152–154, 156–158, 160, 166, 169, 200–203, 208, 210–211, 230, 232, 234–238, 243, 248, 250–251, 253–255, 257–260, 264, 266, 289, 297–300, 302–304, 308, 310–311, 313–314, 316.

- Deines – Grapow – Westendorf 1958: H. von Deines – H. Grapow – W. Westendorf, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. IV,2. Übersetzung der medizinischen Texte. Erläuterungen (Berlin 1958).

- Deines – Westendorf 1961: H. von Deines – W. Westendorf, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. VII,1. Wörterbuch der medizinischen Texte. Erste Hälfte (Berlin 1961), 406.

- Grapow 1955: H. Grapow, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. II. Von den medizinischen Texten. Art, Inhalt, Sprache und Stil der medizinischen Einzeltexte sowie Überlieferung, Bestand und Analyse der medizinischen Papyri (Berlin 1955), 88–90, 108–112.

- Grapow 1958: H. Grapow, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. V. Die medizinischen Texte in hieroglyphischer Umschreibung autographiert (Berlin 1958), 19–21, 27–40, 43–44, 57–59, 61–63, 67–69, 112, 114, 118–129, 134–135, 140, 144–149, 170–172, 178–182, 185, 205–206, 209–210, 215, 218, 220, 229, 232, 234–236, 238–241, 244–245, 251, 256–260, 267, 269–271, 275–276, 278, 282, 291, 296, 349–355, 362, 365–368, 399–401, 404, 406–408, 410–411, 416–417, 425, 428–430, 433, 435, 438–440, 443–445, 452, 456–457, 498, 513–514, 516–517, 519–521, 524–525, 530–532, 534–537, 539–540, 544.

- Leake 1952: C. D. Leake, The Old Egpytian Medical Papyri, Logan Clendening Lectures on the History and Philosophy of Medicine 2 (Lawrence 1952), 13–14, 47–98.

- Reisner 1905: G. A. Reisner, The Hearst Medical Papyrus. Hieratic Text in 17 Facsimile Plates in Collotype with Introduction and Vocabulary, University of California Publications in Egyptian Archaeology 1 (Leipzig 1905).

- Westendorf 1999: W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I 36,1 (Leiden/Boston/Köln 1999), 22, 35–37.

- Wreszinski 1912: W. Wreszinski, Der Londoner medizinische Papyrus (Brit. Museum Nr. 10059) und der Papyrus Hearst. In Transkription, Übersetzung und Kommentar, Die Medizin der Alten Ägypter 2 (Leipzig 1912).

Literatur zu den Metadaten

- Lacovara 1997: P. Lacovara, The New Kingdom Royal City (London 1997), 6–7.

- Lacovara 1999: P. Lacovara, The Hearst Excavations at Deir el-Ballas. The Eighteenth Dynasty Town, in: K. A. Bard – S. B. Shubert (Hrsg.), Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt (London/New York 1999), 244–246.

- Möller 1909: G. Möller, Hieratische Paläographie. Die ägyptische Buchschrift in ihrer Entwicklung von der fünften Dynastie bis zur römischen Kaiserzeit. I. Bis zum Beginn der achtzehnten Dynastie (Leipzig 1909), 20.

- Nunn 1996: J. F. Nunn, Ancient Egyptian Medicine (London 1996), 35.

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Bearbeiter
unbestimmt
Bearbeitungsdatum
28.11.2017

Übersetzung und Kommentar

Übersetzung folgt - Translation is forthcoming