science in ancient egypt

 

Metadaten

Bezeichnung
Ostrakon Strasbourg H. 115
Weitere Bezeichnungen
O. Strasbourg BNU H. 115
Aufbewahrungsort
FR, Strasbourg, Bibliothèque Nationale et Universitaire
Erwerbsgeschichte

Art und Zeitpunkt des Erwerbs sind nicht bekannt (Beck 2015, 127 mit Anm. 345).

Herkunft
Ägypten, genaue Provenienz unbekannt

Viele der Ostraka in Strasbourg stammen aus den Grabungen von Quibell im Ramesseum. Nach Koenig 1997, 1 sind die Straßburger Ostraka, die von dort stammen, fast ausschließlich Tongefäßscherben, so dass Ostrakon Strasbourg H. 115 vermutlich nicht aus dem Ramesseum stammt, denn das Objekt ist aus Kalkstein. Diese Art von Kalksteinostraka stammt aber zum allergrößten Teil aus Theben, weshalb eine thebanische Herkunft wahrscheinlich ist.

Datierung
Neues Reich, Ramessidenzeit, 19.–20. Dynastie, ca. 1292–1077 v. Chr.

Die Datierung erfolgte anhand der Paläographie (Koenig 1997, 10; Beck 2015, 127 mit Anm. 347).

Textsorte
magische Sprüche
Inhalt

Der Text ist eine verkürzte Parallele zur Beschwörung pLeiden I 343 + I 345 rt. 6,2–8,10 (genau: rt. 7,6–8,8), mit wenigen Abweichungen. Inhaltlich handelt es sich um einen Abwehrzauber gegen die Samanu-Krankheit.

Ursprünglicher Verwendungskontext

Unbekannt, aber die Verwendung von Verspunkten ist typisch für literarische und para-literarische Texte und kommt vor allem in Textkopien zum Einsatz, die im Rahmen der Schreiberausbildung situiert werden. Sofern dieses Argument zutreffen sollte, wäre der Text also nicht ein von einem Heiler für einen konkreten Fall kopiertes Dokument.

Material
Kalkstein
Objekttyp
Ostrakon
Technische Daten

Maße: 15 × 11 cm (Höhe × Breite). Auf der rechten Seite scheint ein erheblicher Teil abgebrochen zu sein, mindestens eine Verslänge; dies ergibt sich aus der Setzung der Verspunkte und der Parallelität zu pLeiden I 343 + I 345 rt. 6,2–8,10 (siehe Beck 2015, 127 mit Anm. 346). Ob links ebenfalls ein Stück weggebrochen ist, ist unklar: Auf der Rückseite scheint der linke Rand original erhalten zu sein, auf der Vorderseite ist nur in der unteren Hälfte (Zl. 6–11) eindeutig ein Bruch vorhanden. Auf der Vorderseite befinden sich 11 Zeilen Text, auf der Rückseite 5 Zeilen. Der untere Teil der Vorderseite ist der obere Teil der Rückseite. Auf der Vorderseite im oberen Bereich und partiell auf der Rückseite ist die Oberfläche etwas fleckig, die Tinte ist aber in weiten Teilen gut lesbar (Beck 2015, 127).

Schrift
Hieratisch

Die Leserichtung ist von rechts nach links. Es wird ausgiebiger Gebrauch von Verspunkten gemacht. Rubren sind keine vorhanden. „Die Schrift wurde durch einen geübten Schreiber in Buchhandschrift verfasst …“ (Beck 2015, 127).

Sprache
Mittelägyptisch

Entsprechend der Parallele pLeiden I 343 + I 345 rt. 6,2-8,10, die in einem traditionellen Mittelägyptisch verfasst ist (dazu Beck 2015, 99). Mathieu 2000, 248 möchte in der Textversion auf dem Ostrakon eine etwas ältere Stufe der Sprache als auf pLeiden erkennen.

Bearbeitungsgeschichte

Die editio princeps erfolgte durch Koenig 1997 (Facsimile, hieroglyphische Transkription und Foto). Eine lateinische Umschrift mit Übersetzung legte Mathieu 2000 vor. Von Müller 2000 stammen eine Reihe von Korrekturen an der hieroglyphischen Transkription. Eine Neubearbeitung mit Transkription, Übersetzung und Kommentar unternahm Beck 2015.

Editionen

- Koenig 1997: Y. Koenig, Les ostraca hiératiques inédits de la Bibliothèque Nationale et Universitaire de Strasbourg, Documents de fouilles de l’Institut français d’archéologie orientale du Caire 33 (Kairo 1997), 10 und Tf. 50–52, 117.

Literatur zu den Metadaten

- Beck 2015: S. Beck, Sāmānu. Ein vorderasiatischer Dämon in Ägypten, Ägypten und Altes Testament 83 (Wiesbaden 2015), 126–140.

- Mathieu 2000: B. Mathieu, Hieratische Ostraca, in: Orientalistische Literaturzeitung 95, 2000, 245–255, hier: 248–249.

- Müller 2000: M. Müller, [Review:] Yvan Koenig, Les Ostraca Hiératiques Inédits de la Bibliothèque Nationale et Universitaire de Strasbourg, in: Lingua Aegyptia. Journal of Egyptian Language Studies 7, 2000, 271–288, hier: 280–281.

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Bearbeiter
Dr. Marc Brose
Bearbeitungsdatum
08.12.2017

Übersetzung und Kommentar

Beschwörung gegen die Samanu-Krankheit

[rt. 1] Oh Samanu, der eingetaucht ist:1
[Es soll dich trinken …, wenn er / es durstig ist].
Es soll dich trinken die Wüste, wenn sie verdorrt ist.
[Es soll dich trinken der Acker], der nicht gesättigt ist vom Regenwasser (?) […] des Re.
Sie sind es, die veranlassen werden, dass sie [dich trinken … d]u, [rt. 5] der eingetaucht ist, in seine beiden Füße […], [… die] eilen, in sein Hinterteil, dass [sich] beugt […], [in] se[in]e zwei Schultern, in seinen Nacken, in [seine] Händ[e]2, […], in sein jmr3, in seine Eingeweide, die in Ordnung sind, […], [in] seine Lunge und die Seitengegend, […], [rt. 10] [in seine] zwei [Lippen], die reden, in seine Nase … (?) […], [in seine] zwei Augen, die sehen, in [… … …].
[vs. 1] [Dann werden die Götter] von deinem Tod [erfahren].4
Dann werden die Hathoren erfahren [von …].5
Das Gehörte wird das Haus [des Re] erreicht haben, [mit den Worten]:
[„Horus hat den Samanu besiegt … (?)], der ohne Kraft ist.“
[…] [vs. 5] dich töten.

1 Der Text ist eine Parallele zur Beschwörung pLeiden I 343 + I 345 rt. 6,2–8,10 (genau: 7,6–8,8), mit kleinen Abweichungen. Ergänzungen und Emendationen hier beruhen weitgehend auf dieser Parallele und den Angaben bei Mathieu, in: OLZ 95, 2000, 248–249, wurden aber nur dann vorgenommen, wenn kein berechtigter Zweifel darüber bestand. Die Segmentierung richtet sich ebenfalls nach dem Paralleltext.
2 ḏꜣ.tj: Lesung nach Koenig, Les ostraca hiératiques, pl. 51, und Mathieu, OLZ 95, 2000, 248–249. Dagegen Beck, Sāmānu, 131 Nr. 25 m nḥb.t=f wḏꜣ.t „an seinem Nacken, der unversehrt ist.“
3 jwmꜥrꜥ: Sonst unbekanntes Organ. Auch die Parallelstelle pLeiden I 343 + I 345 hat an dieser Stelle (rt. 8,1) ein Organ jḏmn stehen, dass nur hier belegt ist. Nach Müller, in: TUAT N.F. 4, 2008, 284–285 Anm. 182 ist hier zu jw~⟨ḏ⟩ꜣ~mꜥ~rʾ zu emendieren, wobei der letzte Konsonant /n/ bzw. /r/ für /l/ steht; Müller setzt ein Fremdwort ’ṣml an, gibt aber keinen Deutungsvorschlag. Beck, Sāmānu, 139 ad 26a denkt an eine mögliche Herkunft von jmr aus Nordwestsemitisch ʾbr „Extremität“ (nach Hofttijzer & Jongeling, Dictionary of the Northwest Semitic Inscriptions, HdO I 21, 1995, Bd. I, 7). Vgl. noch den Kommentar zur Parallelstelle pLeiden I 343 + I 345 rt. 8,1 s.v. jw~ḏꜣ~mꜥj~nꜣ.
4 Die Lücken des Verso lassen sich hier und in den folgenden Sätzen recht gut ergänzen, weil diese Passage in pLeiden I 343 + I 345 mehrfach erhalten ist; siehe A. Massart, The Leiden Magical Papyrus I 343 + I 345, OMRO Supplement 34, Leiden 1954, 69 Anm. 27.
5 Den Parallelstellen zufolge sollte die Ergänzung lauten: (r-ḏd) ḥꜣ.tj=k pri̯ r-bnr „dass dein Herz herausgegangen ist“ (pLeiden I 343 + I 345, rt. 5, 12) bzw. pꜣ pri̯ n(,j) ḥꜣ.tj=k „das Herausgehen deines Herzens“ (ibid. rt. 8,5, rt. 10,4); siehe Massart, The Leiden Magical Papyrus, 69 Anm. 27. Die erhaltenen Zeichenreste zu Beginn von Z. vs. 2 passen aber zu beidem nicht.