science in ancient egypt

 

Metadaten

Bezeichnung
Ostrakon Armytage
Weitere Bezeichnungen
oUppsala VM Inv. 2364
Aufbewahrungsort
S, Uppsala, Victoriamuseet för Egyptiska Fornsaker

Laut der Identifikation von J. F. Quack befindet sich das Ostrakon heute unter der Inventarnummer 2364 im Victoria Museum of Egyptian Antiquities des Universitätsmuseums Gustavianum in Uppsala (E-Mail Quack an Stegbauer und Dils, 08.12.2015).

Erwerbsgeschichte

Im Jahr der Publikation durch Shorter befand sich das Ostrakon im Besitz von „Mr. E. Armytage“, der Shorter die Publikationserlaubnis gab (Shorter 1936, 165). Wie dieser an das Ostrakon gelangte (erst vor kurzem in Ägypten angekauft?), ist unbekannt. In den 1940er Jahren gelangte es als Geschenk oder als Verkauf durch A. H. Gardiner nach Uppsala (E-Mail von Andreas Dorn an P. Dils, 04.08.2020) in das Victoriamuseet för Egyptiska Fornsaker. Wie es von E. Armytage zu A. H. Gardiner und von ihm nach Schweden (durch Vermittlung von Torgny Säve-Söderbergh?) kam, ist noch unklar.

Herkunft
Ägypten, genaue Provenienz unbekannt

Da der Erwerbsumstand unbekannt ist, ist auch die Provenienz nicht belegt. Shorter, 1936, 165 vermutet, dass das Ostrakon aus Deir el-Medineh stammen könnte, gibt aber außer der Feststellung, dass zur damaligen Zeit viele Ostraka in diesem Ort gefunden und bekannt wurden, keine weitere Begründung dafür.

Datierung
Neues Reich, Ramessidenzeit, 19.–20. Dynastie, ca. 1292–1077 v. Chr.

Shorter 1936, 165 datierte das Ostrakon aus paläographischen Gründen in die 19. oder 20. Dynastie. Eine grammatische Beobachtung, das systematische Weglassen der Präposition r im Futur-III, passt eher zur späten 20. Dynastie.

Textsorte
magische Sprüche
Inhalt

Auf dem Ostrakon befinden sich zwei Sprüche, die dazu dienen, einen Mann niederzustrecken (ḥwi̯ z), der angreift. Der Text ist also als reaktiver Schutzzauber gegen eine gefährliche Person gedacht, wird aber auch gern als Schadenszauber eingestuft (Dieleman 2019, 103: curse rituals; Quack 2010, 43: private Schadensmagie), weil der Zauberer selber als Akt der Selbstverteidigung seinem Gegner Gewalt androht. Die Formulierung „ein Mann, der gegen mich vorgeht“ passt zu einem Angriff, der im Gange ist, und hat eine reaktive Handlung des Zauberers zur Folge, keine präventive oder kurative. Die Vorgehensweise ist dieselbe, wie bei einem dämonischen Angreifer, einem Krankheitserreger oder einem giftigen Tier, nur ist der Angreifer hier ein „Mann“ (im Sinne von „einem Menschen“ oder im Sinne von „einem reichen und mächtigen Mann“?). Im ersten wird die gefährliche Person als „Jungstier“ (mnḥ n(.j) kꜣ) bezeichnet, der den Rezitator attackieren will. Es werden kriegerische Götter wie Month und Seth als helfende Entitäten genannt, die zur Abwehr dienen sollen und/oder mit denen der Zauberer sich identifiziert. Der Zauberer nimmt Bodenstaub/Bodenerde als magisches Hilfsmittel mit der rechten Hand und wirft es in die linke. Er wendet sich mit einem Spruch an Month und schlüpft anschließend selbst in die Rolle des Month, wobei er dem Angreifer, der zuvor als Jungstier bezeichnet wurde, droht, seinen Vorderschenkel (wie den eines Opferrindes) zu packen. Schlussendlich folgt die Anweisung, diesen Spruch über dem Bodenstaub in seiner Hand zu rezitieren.
Der zweite Spruch beschwört den Herbeikommenden innezuhalten. Der Zauberer bezeichnet sich selbst als einer, der [...]-gekleidet eintritt und gegürtet (?) hervorgeht, als eine Frau (?), die als Mann/Kämpfer handelt (d.h. wie die Kriegsgöttin Anat). Er will sich in eine Fliege transformieren und den Angreifer von innen heraus drangsalieren. Zuletzt setzt er sich mit Horus, dem Sohn der Isis, gleich, um somit seiner Drohung stärkeres Gewicht zu verleihen (Shorter 1936, 165–166).

Ursprünglicher Verwendungskontext

Im zweiten Spruch droht der Zauberer, dass die Worte des Angreifers wirkungslos sein werden und nicht gehört werden. Quack 2010, 44 fragt sich, ob dies ein Hinweis sein kann, dass der Zauberspruch in einer gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien zum Einsatz kommen könnte. Der Text des ersten Spruchs ist jedoch so weit anonymisiert, dass der Angreifer als „NN, geboren von NN“ bezeichnet wird.

Material
Kalkstein
Objekttyp
Ostrakon
Technische Daten

Das Ostrakon hat eine annähernd rechteckige Form mit 20,3 cm Breite und 12,7 cm Höhe (Shorter 1936, 165: 8 inch × 5 inch). Nur an der oberen linken Ecke finden sich wenige Beschädigungen, die die Lesbarkeit aber nicht beeinträchtigen. Die Rückseite ist unbeschriftet, ihre Beschaffenheit ist unbekannt.

Schrift
Hieratisch

Der Text wurde mit schwarzer Tinte „in a clear hand“ geschrieben. Zudem ist er durch rote Punkte gegliedert (Shorter 1936, 165).

Sprache
Neuägyptisch

Es werden zahlreiche neuägyptische Formen, wie Futur III, fortgesetzt mit dem Konjunktiv mtw=f, das Possessivpronomen tꜣy=j, die substantivierte Relativphrase pꜣ n.tj (m/ḥr) jy oder die Negationspartikel bn im Optativ bn sḏm=f genutzt.

Bearbeitungsgeschichte

Die Erstpublikation legte 1936 A. W. Shorter mit Beschreibung, Photographie, Transliteration, Übersetzung und Kommentierung vor. Borghouts 1978 übersetzte den ersten Spruch erneut und erkannte die Bezeichnung des Angreifes als „Jungstier“. Rezente Neuübersetzungen beider Sprüche liefern Quack 2010 und Dieleman 2019, wobei Quack für den zweiten Spruch neue Lesungen vorschlägt.

Editionen

- Shorter 1936: A. W. Shorter, A Magical Ostracon, in: Journal of Egyptian Archaeology 22, 1936, 165–168 und Taf. 8–9.

Literatur zu den Metadaten

- Borghouts 1978: J. F. Borghouts, Ancient Egyptian Magical Texts, Religious Texts Translation Series NISABA 9 (Leiden 1978), 1 (Nr. 2).

- Dieleman 2019: J. Dieleman, Egypt in: D. Frankfurter (Hrsg.), Guide to the Study of Ancient Magic, Religions in the Graeco-Roman World 189 (Leiden/Boston 2019), 87–114, hier: 109–110.

- Quack 2010: J. F. Quack, Zwischen Landesverteidigung und Liebeswunsch, in: T. Pfeiffer (Hrsg.), Zauber und Magie. Sammelband der Vorträge des Studiums Generale der Ruprecht-Karls Universität Heidelberg im Sommersemester 2008 (Heidelberg 2010), 33–61, hier S. 43–44.

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Bearbeiter
Dr. Katharina Stegbauer
Bearbeitungsdatum
06.08.2020

Übersetzung und Kommentar

Spruch 1

[1] Ein anderer ⟨Spruch⟩, einen Mann niederzustrecken:
O (du), der, der gegen mich vorgeht, indem er ein Jungstier ist, ⟨der⟩ (?) seine Hörner spürt (lit: schmeckt), wenn [er] bekämpft wird (?)1 (oder: dessen Horn nach Kampf riecht; wörtl.: indem der Geschmack seines Horns kämpferisch ist)2:
[2] Month ist gekommen, damit er deine Hörner packt!
Seth ist gekommen, damit er ⟨dich⟩ niederstreckt!
Wenn du mich an mein Bein packen willst, bin ich Month!
Wenn du [mich] töten willst, [3] bin ich Osiris!
O Re, oh Atum!
O Ältester(?)3 der ältesten(?)3 Götter!
Ich werde Erde/Bodenstaub mit meiner rechten Hand nehmen, ich werde (sie/es) in meine [4] Linke werfen!
Ich werde sagen: "Komm zu mir, Month, oh Herr des Heute!
Komm und gib mir den NN., geboren von (Frau) NN., in meine Hand wie ein jṯjṯ-Insekt4 [5] in den Schnabel eines ꜥḫy-Vogels4!"
Stehst du still? (oder: Du sollst stehen bleiben!) Wo bist du ⟨in Bezug zu⟩ mir?
Ich bin Month, der (Morgen?)stern der Götter!
Ich werde deine Knochen zerschneiden und dein Fleisch verzehren!
[6] Ich werde deinen Schwertarm/Vorderschenkel wegnehmen, der ⟨in⟩ meine {deine}5 Hand gegeben ist (oder: und ihn in meine Hand legen).
Die Worte werden rezitiert über Erde/Bodenstaub in deiner (d.h. des Zauberers) Hand.

1 ꜥḥꜣ: Das Zeilenende ist beschädigt und Shorter, in: JEA 22, 1936, 166, Anm. (4) erwägt zwei Ergänzungen: ꜥḥꜣ [r=f] und ꜥḥꜣ[=f], eventuell sogar ꜥḥꜣ[=f r=f]. Weil der Verspunkt am Zeilenende noch teilweise erhalten ist, kann, trotz der kleinen Lücke in Z. 2, kaum etwas fehlen.
2 Statt zu jw=⟨f⟩ (ḥr) dp zu emendieren (was eigentlich auf eine überholte Interpretation von Shorter von mnḥ n kꜣ.w als "Stierhüter" zurückgeht), könnte der Satz auch "wobei der Geschmack seines Horns gewalttätig ist" lauten (E-Mail Quack, 08.12.2015; vgl. Quack 2010, 43: "indem er ein junger Stier ist, der Geschmack seines Hornes gewalttätig"), d.h. ein Umstandssatz des Präsens-I. Borghouts, Ancient Egyptian Magical Texts, NISABA 9, Leiden 1978, 1 (Nr. 2) übersetzt "whose horn has tasted (the effect of) a fight" (gefolgt von Dieleman 2019, 109), d.h. ein Umstandssatz des neuägyptischen Präteritum sḏm=f als Relativkonstruktion nach unbestimmtem Bezugswort. Bei den Interpretationen von Quack und Borghouts fehlt kaum etwas am Zeilenende. Noch eine andere Deutung könnte sein jw dp(.t) db=f ⟨m⟩ ꜥḥꜣ (vgl. das fehlende m im vorangehenden Umstandssatz).
3 Shorter schlägt keine Übersetzung für dieses mit Gottesdeterminativ versehene Wort vor und kann nur auf den Lokalheiligen Isi von Edfu (LGG I, 556b) verweisen. Das Lemma ist im Handwörterbuch von Hannig (Marburger Edition), 115 {3848} als "e. *Gottheit (od. e. Bez.)" verzeichnet. Borghouts, Borghouts, Ancient Egyptian Magical Texts, NISABA 9, Leiden 1978, 1 (Nr. 2) übersetzt "oh very ancient one (? ı͗sw ı͗sw) of the gods".
J.F. Quack vermutet in jsw eine Graphie von "Widder" (zrsrsjwjswⲉⲥⲟⲟⲩ) (E-Mail Quack, 08.12.2015). Das Lemma jsw wurde nicht in LGG aufgenommen.
4 jṯjṯ und ꜥḫy: Beide fliegenden Tiere sind bislang nicht identifiziert.
- jṯjṯ: Shorter, in: JEA 22, 1936, 167, Anm. 12 und Fußnote denkt bei jṯjṯ an ein Insekt und vermutet einen Zusammenhang mit dem Verb jṯṯ, daher "a flying or fluttering insect of some sort".
- ꜥḫy: Shorter, in: JEA 22, 1936, 167, Anm. 12 verweist auf Griffith, in: JEA 13, 1927, 199, der "roasting-birds (?)" übersetzt und daher einen Zusammenhang mit ꜥḫ: "Feuerbecken" erkennt.

- Borghouts, Ancient Egyptian Magical Texts, NISABA 9, Leiden 1978, 1 (Nr. 2): "like a fluttering bird (ı͗ṯı͗ṯ) in the beak of an ꜥḫy-bird".
- Borghouts, in: Demarée & Janssen (Hrsg.), Gleanings from Deir el-Medîna, Leiden 1982, 60, Anm. 129: "like a fluttering bird in the mouth of the falcon".
- Quack, Zwischen Landesverteidigung und Liebeswunsch, in: Thomas Pfeiffer (Hrsg.), Zauber und Magie, Heidelber 2010, 44: "wie ein Itjitj-Insekt im Mund eines Achi-Vogels".
- Dieleman, Egypt, in: D. Frankfurter (Hrsg.), Guide to the Study of Ancient Magic, Brill, Leiden/Boston 2019, 110: "like a fluttering bird in the beak of a raptor".
5 ḏr.t=j oder ḏr.t=k: Alle Bearbeiter lesen hier ḏr.t=j, weil dies die einzig logische Übersetzung ist. Das bedeutet, dass in der Handlungsanweisung im nächsten Satz ḏr.t=k sich auf den Zauberer beziehen muss.

Spruch 2

Ein anderer Spruch:
Du sollst stillstehen, der du kommst ⟨gegen mich⟩!
Ich bin einer, der [7] auf der Schlafmatte(?) eintritt,1 der ⟨auf⟩(?) dem Fußboden(?) herauskommt,2 Frau(?), die als Mann(?) agiert3!
Stehst du still? Wo bist du in Bezug zu mir?
Ich werde deinen Bauch betreten als Fliege4 und [8] deinen Leib von innen5 sehen.
Ich werde dein Gesicht zu den (Teilen) deines Hinterkopfes machen, das Vordere deiner Füße zu deinen Hacken!
Deine Rede werde unwirksam, sie werde nicht gehört.
[9] Deine Glieder werden schwach, deine Knie werden weich!
Du sollst stehenbleiben!
Ich bin Horus, der Sohn der Isis.
⟨Ich⟩ werde auf meinen beiden Beinen herauskommen!6

1 ꜥq m ⸮sḏr? ⸮ꜣm?: Shorter, in: JEA 22, 1936, 165 übersetzt "I am one that enters the bed (?) and comes forth upon the ground" (ähnlich Dieleman). Er versteht die ganze Gruppe von Zeichen nach der Präposition m bis pri̯ als ein Wort. Quack, Zwischen Landesverteidigung und Liebeswunsch, in: Thomas Pfeiffer (Hrsg.), Zauber und Magie, Heidelberg 2010, 44 denkt an: "Ich bin es, der eintritt in [...] der gegürtet herauskommt; eine Frau, die als Mann agiert."
2 Statt der Emendation pri̯ ⟨ḥr⟩ zꜣṯw (so Shorter, in: JEA 22, 1936, 167-168, Anm. 17) kann man vielleicht auch pri̯ sd(.w) lesen: "der gegürtet herauskommt" (mit sꜣtw als Graphie von sd: "gekleidet sein" (Wb. IV, 365.1-6) (E-Mail J.F. Quack, 08.12.2015). Das Determinativ ähnelt mehr einem nw-Topf (Shorter) oder einer Stoffschleife (V6) als einem Landzeichen (N23).
3 Shorter, in: JEA 22, 1936, 167-168, Anm. 17 liest ꜥꜣ{.t} jri̯ ꜥḥꜣ.w (mit Fragezeichen bzw. "sic" bei ꜥꜣ): "a great fighter (?)", wörtl. "a great one who makes war". Als alternative Lesung hält er z.j bzw. z.t (mit "sic"): "a man who fights" für möglich. J.F. Quack möchte hingegen den Text als z.t jri̯ ꜥḥꜣ.wtj: "Frau, die als Mann agiert", eine Bezeichnung der Göttin Anat, verstehen (E-Mail Quack, 08.12.2015).
4 ꜥf⟨f⟩: Shorter, in: JEA 22, 1936, 168, Anm. 20 meint, dass hier eher das Wort für "Fliege" als das Wort für "Biene" stehen wird; gefolgt von Quack und Dieleman. Zur Fliege als bedrohliches Tier, das durch den Mund in den Körper eindringen kann, siehe weitere Belege bei Eschweilier, Bildzauber im alten Ägypten, OBO 137, Freibung/Göttingen 1994, 214-215; Theis, Magie und Raum, ORA 13, Tübingen 2014, 321 und 613.
5 m-ẖnw=f: Ist die Innenseite der Fliege gemeint?
6 pri̯ m: Shorter, in: JEA 22, 1936, 168, Anm. 24 fragt sich, ob der Zauberer aus dem Leib des Angreifers herauskommt. Shorter (und Dieleman) übersetzen "I come forth on my feet", während Quack mit einem Partizip arbeitet: "ich bin Horus, ..., der aus den Füßen herauskam".