science in ancient egypt

 

Metadaten

Bezeichnung
Innensarg des Gouverneurs Djehutinacht, B2Bo
Weitere Bezeichnungen
Inv.-Nr. Boston: 21.962a+b und 21.963
Aufbewahrungsort
USA, Boston, Museum of Fine Arts
Digitaler Katalog
Erwerbsgeschichte

Der Sarg wurde im Mai 1915 durch die „Harvard University–Boston Museum of Fine Arts Expedition“ in Deir el-Berscheh ausgegraben. Nach dem Transport nach Kairo gelangte er durch die damals gängige Fundteilung ans Museum of Fine Arts, Boston, wo er aber erst nach dem Ersten Weltkrieg hin verschifft und am 1. März 1921 unter der Nr. 21.962a inventarisiert wurde. Seitdem befindet er sich dort (Homepage Boston MFA). Das Kopfende des Sarges war von Grabräubern abgebrochen und deshalb separat inventarisiert worden (Inv. 21.962b), ebenso der lose aufliegende Deckel (Inv. 21.963). Aus Sicherheitsgründen wurden der innere und der äußere Sarg des Djehutinacht separat verschifft, so dass der äußere Sarg schon ein Jahr vorher inventarisiert worden war (Inv. 20.1822–1827).

Herkunft
Oberägypten, Deir el-Berscheh

Der Sarg wurde im Mai 1915 durch die „Harvard University–Boston Museum of Fine Arts Expedition“ unter der Leitung von G. A. Reisner in Deir el-Berscheh in Grab 10, Schacht A durch H. L. Story ausgegraben (Freed et al. 2009, 95–100 und 190, Fig. 145 [Fundskizze]). Das Grab wird in den aktuellen Grabungen der Universität Leuven unter der Leitung von H. Willems als 17L04/1 geführt. Die oberirdische Grabkapelle ist durch Steinbruchaktivitäten weitestgehend zerstört und enthält keine Dekoration (mehr), die den Grabeigentümer hätte identifizieren können. Aufgrund des Grabinventars wurde das Grab einem Provinzgouverneur Djehutinacht und seiner gleichnamigen Frau Djehutinacht zugewiesen (Homepage Boston MFA; zum Grab siehe De Meyer – Dils 2012). Der Innensarg von Gouverneur Djehutinacht befand sich im Außensarg desselben.

Datierung
Mittleres Reich, ca. 1980–1760 v. Chr.

Weil der Oberbau des Grabes durch Steinbruchaktivitäten weitestgehend zerstört wurde, sind keine historischen Inschriften erhalten. Das Grab liegt zwischen den ähnlich großen Komplexen der Gouverneure Nehri I. (weiter im Norden) und Ahanacht I. (unmittelbar südlich), wobei Nehri I. als Gouverneur chronologisch nach Ahanacht I. einzuordnen ist. Die Datierung des Grabes basiert ausschließlich auf einer typologischen und stilistischen Untersuchung der Grabfunde, insbesondere des Sarges (Freed et al. 2009, 183–188). Die übrigen Grabfunde sprechen für eine Datierung vor der Mitte der 12. Dynastie, wobei der innere Sarg des Djehutinacht (B2Bo) und beide Särge seiner Frau vom Dekor her und in der Orthographie einiger Textwörter laut Brovarski sogar in die späte Erste Zwischenzeit oder 11. Dynastie einzuordnen wären (Brovarski 1981, 23–25, vor allem Anm. 75). Sargtypologische Überlegungen setzen den äußeren Sarg des Djehutinacht (B1Bo) in dieselbe Gruppe wie die von Ahanacht I., dessen Grab unmittelbar südlich des Grabes des Djehutinacht liegt und in die spätere/späte 11. Dynastie datiert wird (zur Datierung von Ahanacht I. siehe Willems 2007, 84–88). Kunsthistorische Argumente der Sargdekoration des Außensarges verweisen auf die Zeit nach der Reichseinigung durch Montuhotep II. Nebhepetre und am ehesten auf die Regierung Amenemhets I. Während dieser Zeit lebten zwei Provinzgouverneure mit dem Namen Djehutinacht, einer ist Djehutinacht IV., der Sohn von Ahanacht I., ein anderer ist Djehutinacht V., der Sohn von Nehri I. Je nachdem, ob es sich bei unserem Sargbesitzer um Djehutinacht IV. oder V. handelt, ist eine Datierung von der Zeit Mentuhoteps IV. bis zu dessen Nachfolger Amenemhet I. möglich (ca. 1947–1910) (Willems 1988, 70–72; De Meyer – Dils 2012, 57). Lapp ordnet ihn typologisch eher der 11. Dynastie zu (Lapp 1993, 71, 76, 88 und 276), was dann Mentuhotep IV. entsprechen würde.
Homepage Boston MFA nimmt eine Datierung in die „late Dyn. 11–early Dyn. [12]; 2010–1961 B.C.“ vor.

Textsorte
magische Sprüche
Inhalt

Folgende Sargtextsprüche mit Schlangenbeschwörungstexten befinden sich auf dem Sarg: Sprüche 375, 377, 434, 435 und 436, wobei Spruch 436 zweimal nacheinander eingeschnitten wurde.

Übersicht der Schlangenbeschwörungssprüche auf B2Bo:
Spruch 375 = CT V, 38 = Kol. 349–351 (Stegbauer 2015, 158–159, Spruch 5)
Spruch 377 = CT V, 39–40 = Kol. 352–354 (Stegbauer 2015, 159–160, Spruch 6)
Spruch 434 = CT V, 283–285 = Kol. 396–398 (Stegbauer 2015, 166–167, Spruch 11)
Spruch 435 = CT V, 286 = Kol. 343–345 (Stegbauer 2015, 167–168, Spruch 12)
Spruch 436 (x2) = CT V, 287–289 = Kol. 345–347 und ein 2. Mal Kol. 347–349 (Stegbauer 2015,
168–169, Spruch 13)
Kol. 343–354 auf der „Vorderseite“ des Sarges (mit den Augen) (Front = Kol. 324–582)
Kol. 396–398 auf der „Vorderseite“ des Sarges (mit den Augen) (Front = Kol. 324–582)

Material
Holz
Objekttyp
Sarg
Technische Daten

Bei dem Objekt B2Bo handelt es sich um den inneren Sarg des Djehutinacht in der Form eines rechteckigen Kastens. Er besteht aus Zedernholz mit den Maßen 224 × 75 × 80 cm (Länge × Breite × Höhe), wobei die Dicke des Deckels noch hinzuzufügen ist (Maßangabe nicht publiziert). Die Sargtextsprüche befinden sich auf den Innenseiten der Wände, des Deckels und des Bodens (Homepage Boston MFA, Sargwanne, Kopfende, Deckel). Die Sprüche 435, 436, 375 und 377 schließen fast unmittelbar aneinander an in den Kol. 343–354 auf der Innenwand der „Vorderseite“ des Sarges (die Seite mit den Augen außen und der Scheintür innen: Freed et al. 2009, 125, Fig. 78). Spruch 434 steht etwas weiter auf derselben Wand (Kol. 396–398). Auf dieser Wand finden sich die Kol. 324–582 (Lesko 1979, 18–19). Sofern die Kolumnen nahe dem Kopfende anfangen sollten (auf den publizierten Photos nicht überprüfbar), stünden alle Sprüche im Kopf- und Brustbereich des Toten, ansonsten wären sie eher im Beinbereich.

Schrift
Kursiv-Hieroglyphisch

Die Hieroglyphen sind in die Kolumnen eingeschnitten und dann ausgemalt. Es wurde schwarze und rote Tinte genutzt. Manche Überschriften wurden horizontal über mehreren Kolumnen gemeinsam angebracht.

Sprache
Mittelägyptisch
Bearbeitungsgeschichte

Die Inschriften wurden für das Sargtextprojekt von Gardiner und de Buck kopiert und von de Buck 1954 unter der Sigle B2Bo ediert. Lapp 1993 benutzt nicht die Publikationsnummer B2Bo der Sargtextpublikation, sondern in seiner Nummerierung ist der Sarg B22b. Übersetzungen der Schlangensprüche finden sich bei Faulkner (1977), Barguet (1986) und Carrier (2004). Stegbauer (2015) segmentiert die Schlangensprüche in Strophen und Verse und kommentiert sie.

Editionen

- de Buck 1954: A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts. V. Texts of Spells 355-471, Oriental Institute Publications 73 (Chicago/Ill 1954), V 38a–38e (CT 375), 39c–40d (CT 377), 283c–285e (CT 434, 286c–g (CT 435), 287a–289b (CT 436 – Version a), 287b–289b (CT 436 – Version b).

Literatur zu den Metadaten

- Barguet 1986: P. Barguet, Les textes des sarcophages égyptiens du Moyen Empire (Paris 1986), 327 (CT 375), 320 (CT 377), 327 (CT 434), 328 (CT 435 sowie CT 436 – Version a).

- Brovarski 1981: E. Brovarski, Ahanakht of Bersheh and the Hare Nome in the First Intermediate Period and Middle Kingdom, in: W. K. Simpson – W. M. Davis (Hrsg.), Studies in Ancient Egypt, the Aegean, and the Sudan. Essays in Honor of Dows Dunham on the Occasion of his 90th Birthday, June 1, 1980 (Boston 1981), 14–30.

- Carrier 2004: C. Carrier, Textes des sarcophages du Moyen Empire égyptien. Tome II: spells [355] à [787] (Monaco 2004), 908–909 (CT 375), 910–911 (CT 377), 1050–1051 (CT 434 und CT 435), 1052–1053 (CT 346).

- De Meyer – Dils 2012: M. De Meyer – P. Dils, Fowl for the Governor: The Tomb of Governor Djehutinakht IV or V at Dayr al-Barshā Reinvestigated. I. Architecture and Archaeology, in: Journal of Egyptian Archaeology 98, 2012, 55–72.

- Faulkner 1977: R. O. Faulkner, The Ancient Egyptian Coffin Texts. Volume II Spells 355 - 787 (Warminster 1977), 11 (CT 375), 11–12 (CT 377), 74 (CT 434), 74–75 (CT 435), 75 (CT 436).

- Freed et al. 2009: R. E. Freed et al. (Hrsg.), The Secrets of Tomb 10A. Egypt 2000 BC (Boston 2009).

- Lapp 1993: G. Lapp, Typologie der Särge und Sargkammern von der 6. bis 13. Dynastie, Studien zur Archäologie und Geschichte Altägyptens 7 (Heidelberg 1993), Kat.-Nr. B22b.

- Lesko 1979: L. H. Lesko, Index of the Spells on Egyptian Middle Kingdom Coffins and Related Documents (Berkeley 1979).

- Stegbauer 2015: K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 158–160 (Sprüche 5–6 = 377 und 378) und 166–169 (Sprüche 11–13 = 434, 435 und 436) (doi.org/10.11588/propylaeum.529).

- Willems 1988: H. Willems, Chests of Life. A Study of the Typology and Conceptual Development of Middle Kingdom Standard Class Coffins, Mededelingen en Verhandelingen van het vooraziatisch-egyptisch Genootschap „Es Oriente Lux“ 15  (Leiden 1988).

- Willems 2007: H. Willems, Dayr al-Barshā. Volume I. The Rock Tombs of Djehutinakht (No. 17K74/1), Khnumnakht (No. 17K74/2), and Iha (No. 17K74/3). With an Essay on the History and Nature of Nomarchal Rule in the Early Middle Kingdom, Orientalia Lovaniensia Analecta 155 (Leuven/Paris/Dudley 2007).

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Bearbeiter
Dr. Peter Dils/Dr. Katharina Stegbauer
Bearbeitungsdatum
05.08.2020

Übersetzung und Kommentar

CT 375

[350] Dass ein Mann nicht von irgendeiner Schlange gefressen wird im Totenreich:1

Überschrift

[349] Dass ein Mann nicht von einer Schlange gefressen wird im Totenreich:

1. Strophe

„[O] Schu!“ sprach der Busirit und umgekehrt.
„Neith unter ⟨ihrem⟩ Kopftuch!
Hathor, Freund[in] (?) des Osiris!“
Wer ist es, der sie fressen will, der mich fressen will?
(Pause)

1 Als waagerechte Überschrift über den Kolumnen 351–356.

CT 377

1. Strophe

[352] O sšn-Barke, erlöse mich, beschütze mich und umgekehrt!
Seksek-Schlange, die in ihrem Wermutstrauch1 ist, [353] hüte dich vor dem Winzer!
Osiris ist es, wenn er um ein Begräbnis bittet!
Komm hervor, Feuer, gegen Geb!

2. Strophe

O der, den Neheb-Kau verbrennt2!
[354] Komm hervor, Männchen der Ringelschlange3, demgemäß, dass die Knochen [des ?] seinetwegen erbeben4.
Meide doch seinen Lauch5!

1 Zur Lesung sꜥm vgl. F. Daumas, Remarques sur l’absinthe et le gattilier dans l‘Égypte antique, in: M. Görg – E. Pusch (Hrsg.), Festschrift Elmar Edel. 12. März 1979, Ägypten und Altes Testament 1 (Wiesbaden 1979), S. 66–89, hier: 70. Es handelt sich vermutlich um den Wermut, der auch in Rezepten gegen Schlangenbisse Verwendung fand: vgl. S. Sauneron, Un traité égyptien d’ophiologie. Papyrus du Brooklyn Museum No. 47.218.48 et 85, Bibliothèque générale 11 (Le Caire 1989), 79.
2 H. Willems, The Coffin of Heqata (Cairo JdE 36418). A Case Study of Egyptian Funerary Culture of the Early Middle Kingdom, Orientalia Lovaniensia Analecta 70 (Leuven 1996), 255, Anm. 1415 gibt ꜣm Nḥb-kꜣ.w mit "brazier of Nehebkau" wieder.
3 Die Wiedergabe mit „Ringelschlange“ erfolgt aufgrund der Grundbedeutung von sꜣb, wodurch das gesprenkelte oder gefleckte Fell von Tieren, besonders aber des jungen Horusfalken, bezeichnet wird. Vgl. hierzu J. Kenning, Zum Begriff śꜣb-šwt – ein Zugang aus der Falknerei, in Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde 129, 2002, 43–48.
4 Vgl. Carrier 2004, 911: „frissonner“.
5 Zu jꜣḳ: Faulkner 1977, S. 12, schreibt: „Beware of the leaper“ und sieht in  ein Determinativ. Da Var. M23C das Wort jedoch mit dem Pflanzendeterminativ  schreibt, muss es sich hier ebenfalls um eine Pflanze handeln. Nach G. Charpentier, Recueil de materiaux epigraphiques relatifs à la botanique egyptienne (Paris 1979), 51 (Nr. 74), ist jꜣḳ.t als allium porrum (Lauch) zu identifizieren. Die Formel kommt auch in CT 209, III, 163, vor. Vgl. hierzu auch H. Willems, The Coffin of Heqata (Cairo JdE 36418). A Case Study of Egyptian Funerary Culture of the Early Middle Kingdom, Orientalia Lovaniensia Analecta 70 (Leuven 1996), S. 255 f.

CT 434

[398] Vorbeigehen am Urgestaltigen:1

Überschrift

[396] Vorbeigehen am Urgestaltigen:2

1. Strophe

Als Elende3 bin ich zum Haus der Elenden3 gekommen.
Ich bin die, die sich befindet in den ḫꜣ.w4 des Horus (?)5.
Ich suche Osiris [399] bei On.
Ich bin gesandt von diesem Großen, dem Herrn, Atum, der nicht sterben kann.6

1 Horizontale Überschrift über Kol. 396 und 399
2 B1Y hat einen weiteren Vers. Eine Überschrift findet sich nur in den Textzeugen: B2Bo und B1Y, S2C und M22C, wobei sie in den letzten drei Fällen zerstört ist.
3 ḥwr.t ist m.E. auf die Isis zu beziehen, die als arme Witwe nach Osiris sucht.
4 Die Bedeutung von ḫꜣ.w ist unklar.
5 Da das Grundmotiv des Textes die Suche der Isis nach ihrem Gatten ist (vgl. den nächsten Vers) muss  m.E. als Schreibung für Horus aufgefasst werden (vgl. B9C).
6 Wörtl. „der kein Anlanden hat“.

CT 435

1. Strophe

Nachdem ich dein Zittern vertrieben habe, große Ka-Schlange, – das ist dein Gift, das in deinem Kopf ist – wird dein Gifthauch zu deiner Schlachtung werden und umgekehrt.

2. Strophe

[…]
Gib mir dieses, das auf deinem Mund ist!
Ich bin doch einer von euch hinter dem Maschesed.

CT 436a

Überschrift

[345] Den Rerek vertreiben und sein Gift vernichten:
[346] Den Rerek, der die Kas zerstört, vertreiben:

1. Strophe

[O der, der die Köpfe abschneidet und die Hälse] dieser Feinde des Osiris, [durchtrennt]!

2. Strophe

Bist du stolz wegen dessen, was auf deinem Maul ist, was dir ⟨deine⟩ Mutter Selkis (?) gegeben hat?
Deine Mutter soll gegen dich herauskommen!
Weiche zurück vor der, die du erblickt hast (oder: die dich erblickt), Schwacher!

CT 436b

Überschrift

[347] Den Ka-Zerstörer vertreiben:

1. Strophe

O der, der die Köpfe abschneidet und [348] die drei (?) Hälse dieser Feinde des Osiris, durchtrennt!
O Henbaa-Schlange ohne Arme und Beine!

2. Strophe

Bist du stolz wegen dessen, was auf deinem Maul ist, [349] was dir [deine] Mutter [Selkis(?)] gegeben hat?
Weiche zurück vor der, die du erblickt hast (oder: die dich erblickt), Schwacher!

Übersetzung nach Stegbauer 2015, 158–160 (Sprüche 5–6 = 377 und 378) und 166–169 (Sprüche 11–13 = 434, 435 und 436).