Papyrus Wien KHM 3925 Recto

Metadaten

Wissensbereiche
Aufbewahrungsort
Europa » Österreich » Wien » Kunsthistorisches Museum

Inventarnummer: 3925

Digitaler Katalog
Erwerbsgeschichte

Der Papyrus wurde 1877/1878 von E. Ritter von Bergmann (1844–1892) in Ägypten angekauft (Website KHM).

Herkunft
Niltal südlich von Assiut bis zum 1. Katarakt » Theben » westliches Ufer

Der Papyrus wurde im Antikenhandel angekauft, seine exakte Herkunft ist deshalb unbekannt. Auf der Rückseite steht eine Liste von Personen mit Berufen und Filiationsangaben, von denen einige mit Arbeiterfamilien aus Deir el-Medina in der Zeit Ramses’ III.-IV. verknüpft werden können (KRI VII, 348-349; Salah el-Kholi 2006, 41-42). Deshalb kann der Papyrus im Umfeld von Deir el-Medina angesetzt werden.

Datierung
von: (Epochen und Dynastien) » Pharaonische Zeit » Neues Reich » 19. Dynastie bis: (Epochen und Dynastien) » Pharaonische Zeit » Neues Reich » 20. Dynastie

Der magische Text auf der Vorderseite wird paläographisch in die erste Hälfte der 19. Dynastie datiert (Salah el-Kholi 2006, 14). Satzinger spricht von „frühramessidisch“ (Satzinger 2002, 85). Die Sprachstufe des magischen Textes könnte ebenfalls für einen frühramessidischen Text sprechen. Der Text auf der Rückseite stammt von einer Wiederverwendung des Papyrus, die aufgrund der genannten Personen in die Zeit Ramses’ III.–IV. gehört. Quack (2008, 614) spricht pauschal von „ramessidisch“.

Textsorte
Sammelhandschrift, Rezitation(en) » Beschwörung(en)
Inhalt

Das Recto enthält mindestens zwei Beschwörungen, die erste gegen Schlangen, die zweite gegen Skorpione. Vom zweiten Text ist so gut wie nichts erhalten. Der erste Text ist einer der frühesten Vertreter von „Spruch A“ der Horusstelen und Heilstatuen. Diese Handschrift ist die einzige Version, die nach dem eigentlichen Spruch einen Anwendungsvermerk enthält, mit einer Beschreibung der Horusstatue, über der der Spruch rezitiert werden soll. In diesem Spruch wendet sich Thot an Horus, der ihn retten möge mithilfe von Zaubersprüchen, die er (d.h. Horus) selbst von seinen (Groß-)Eltern Geb und Nut oder Isis sowie seinem Bruder/Onkel, dem Vorsteher von Letopolis, erfahren oder gelehrt bekommen hat. Der Spruch soll gegen gefährliche Tiere auf dem Land oder im Wasser gesprochen werden (d.h. gegen Löwen, Krokodile, Schlangen), gleichzeitig auch gegen Gift von Schlangen oder Skorpionen. Horus soll sie unschädlich machen wie Geröll der Wüste oder Topfscherben auf der Straße. Er wird am Anfang als „Gott, Sohn eines Gottes“ und „Stier, Sohn eines Stieres“ angeredet und am Ende „Horus, der Retter“ oder „Horus, der Beschwörer“ genannt.
Von dem übrigen Text sind nur Reste erhalten, die jedoch vermuten lassen, dass er einen ähnlichen Inhalt hatte (Website KHM; el-Kholi 2006, 5–6; Quack 2008, 614; Theis 2014, 157, Anm. 201).
Die Rückseite enthält die Reste einer Liste mit Namen, deren Sinn aufgrund des zerstörten Kontextes nicht ganz eindeutig ist. Wegen einer Zahl zu Beginn vermutet el-Kholi, dass sie sich auf die Ausgabe von Rationen, vermutlich Getreide, bezieht (el-Kholi 2006, 39 und 41).

Ursprünglicher Verwendungskontext

Der erhaltene Text des Rectos lässt eine Verortung im Tempel oder in der Bibliothek eines Magiers/Heilers denkbar erscheinen. Da für magische Schriften in einem Tempel eher ein frischer Papyrus zu erwarten wäre, scheint die zweite Variante wahrscheinlicher. Dagegen spricht allerdings der Inhalt des Versos, der zwar profaner Natur, aber immer noch offiziell ist (Ausgabe staatlicher Rationen). El-Kholi 2006, 42 vermutet, dass die Rückseite vielleicht in Verbindung mit dem Arbeiterstreik am Ende der Regierungszeit Ramses’ III.  stehen könnte.

Material
Organisch » Faser, Pflanzliche und Tierische » Papyrus
Objekttyp
Artefakt » Schriftmedien » Schriftrolle
Technische Daten

Der Papyrus ist auf beiden Seiten beschrieben, die Rückseite wurde später abgewaschen und wiederverwendet. Es könnte sein, dass der heutige Anfang auf der Vorderseite fast mit dem originalen Anfang übereinstimmt, denn der Text auf der Rückseite fängt an derselben Stelle an, lässt aber einen größeren Schutzstreifen frei. Für die Beschriftung der Rückseite wurde der Papyrus um die Längsachse gedreht (unteres Ende der Vorderseite = oberes Ende der Rückseite). Die heutigen Maße betragen 20,7 cm (Höhe) x 27,2 cm (Breite). Der obere Rand der Vorderseite bzw. der untere Rand der Rückseite ist nicht erhalten. Die ursprüngliche Kolumnenbreite könnte ca. 23 cm betragen haben, mit einer Marge von 2,5 cm zwischen den Kolumnen und 2,3 cm unter der Kolumne. Sollte die erste Zeile der Vorderseite die original erste sein, könnte die ursprüngliche Höhe der Rolle mindestens 23 cm betragen haben, was zu einer für andere Papyri dieser Zeit belegten Normhöhe von 24 cm passen könnte (vgl. Černý 1952, 17). In der Marge zwischen den beiden Kolumnen findet sich eine Blattklebung.

Schrift
Hieratisch

Überwiegend wurde schwarze Tinte verwendet. Beim Recto findet sich  zusätzlich verschiedentlich ein Rubrum. Soweit zu erkennen, handelt es sich dabei entweder um Spruchanfänge oder Rezitationsanweisungen. Das Verso wurde von einer anderen Hand beschreiben als das Recto, die zudem deutlich kursiver ist (el-Kholi 2006, 42 sowie Taf. 1 und 4; Website KHM).

Sprache
Ägyptisch-Koptisch » Ägyptisch » Mittelägyptisch » spätes Mittelägyptisch mit neuägyptischen Einflüssen

Der magische Text ist überwiegend Mittelägyptisch, aber mit eindeutigen neuägyptischen Einflüssen. Der Imperativ sowie ein zweites Tempus werden mit j-Augment gebildet, bei einem vierradikaligen Verb wird die periphrastische Konjugation mit jri̯, verwendet, einmal findet sich die Umschreibung mit dem Relativpronomen in n.tj m gꜣw [ḥtyt] (schon mittelägyptisch belegt) und zweimal wird der Artikel verwendet in tꜣ mtw.t (oder noch mittelägyptisches deiktisches Pronomen?). Orthographisch sind der Status pronominalis der Präposition ḥr-r=j und des Substantivs mk.ṱ=k sowie das Prospektiv Passiv von rḏi̯ als ḏi̯ḏi̯.y.tw (laut Winand 1992, 320 nur Ramses IV. bis 21. Dynastie!) zu vermerken. Der zweite Spruch ist sehr stark zerstört, aber einmal erkennt man einen Konjunktiv. Der Text kann daher auch insgesamt als ein frühes Neuägyptisch eingestuft werden.

Bearbeitungsgeschichte

Eine Ersterwähnung findet der Papyrus bei Bergmann 1886 mit einer kurzen Beschreibung und einer Photographie. Als Synopse bzw. als Ergänzung zur Metternich-Stele wurde er zumindest teilweise bei Bourghouts 1978, 83–84 (Nr. 123) herangezogen. Eine weitere Erwähnung und kurze Beschreibung lieferte Satzinger 1984, 34. 1989 legte Kitchen eine Transliteration des Versos vor, der 2014 die Übersetzung folgte. Eine eingehendere Besprechung der Nachschrift von Spruch A auf dem Recto stammt von Satzinger 2002, 86. Die komplette Erstedition wurde von el-Kholi 2006 vorgenommen. Korrekturvorschläge dazu bietet Quack 2008.

Editionen

- von Bergmann 1886: E. von Bergmann, Hieratische und hieratisch-demotische Texte der Sammlung aegyptischer Alterthümer des allerhöchsten Kaiserhauses (Wien 1886), Vorwort, VI–VIII und Taf. V.

- Kitchen 1989: K. A. Kitchen, Ramesside Inscriptions. Historical and Biographical. VII (Oxford 1989), 348–349.

- Kitchen 2014: K. A. Kitchen, Ramesside Inscriptions. Translated & Annotated :Translations. Volume VII (Oxford 2014), 233.

- Salah el-Kholi 2006: M. Salah el-Kholi, Papyri und Ostraka aus der Ramessidenzeit, Monografie del Museo del Papiro 5 (Siracusa 2006), 1–14 und Taf. I–IA.

- Satzinger 2002: H. Satzinger, „Horus auf den Krokodilen“: Stele oder Statue?, in: Festschrift Arne Eggebrecht zum 65. Geburtstag am 12. März 2000, Hildesheimer Ägyptologische Beiträge 48 (Hildesheim 2002), 85–88, hier: 86 (zu x+1.x+11–14).

Literatur zu den Metadaten

- Borghouts 1978: J. F. Borghouts, Ancient Egyptian Magical Texts, Religious Texts Translation Series NISABA 9 (Leiden 1978), 83–84 (Nr. 123).

 - Černý 1952: J. Černý, Paper and Books in Ancient Egypt (London 1952).

- Quack 2008: J. F. Quack, [Review:] M. Salah el-Kholi, Papyri und Ostraka aus der Ramessidenzeit, Monografie del Museo del Papiro 5 (Siracusa 2006), 1–14 und Taf. I–IA, in: Bibliotheca Orientalis 65, 2008, 614–615.

- Satzinger 1984: H. Satzinger, Übersicht über die Papyri der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung in Wien, in: Göttinger Miszellen 75, 1984, 31–35, hier: 34.

- Theis 2014: C. Theis, Magie und Raum. Der magische Schutz ausgewählter Räume im alten Ägypten nebst einem Vergleich zu angrenzenden Kulturbereichen (Tübingen 2014), 157 (Anm. 201) und 406 (Anm. 106).

 - Winand 1992: J. Winand. Études de néo-égyptien. 1. La morphologie verbale, Aegyptiaca Leodiensia 2 (Liège 1992).

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Online-Ressourcen
Autoren
Dr. Peter Dils

Übersetzung und Kommentar

Horusstelentext A = Metternichstele Spruch 10 = Torso Wien ÄS 40 Spruch 2

[x+1.x+1] (Titel: .................) jede [_]my-Schlange (?)1.
Das Verehren des Horus, das Verklären seiner Beschwörungen (?)2.
[Zu sprechen auf/über dem Wasser und]3 auf/über dem Land/Erdboden.
Sei gegrüßt, du Gott, [Sohn eines]4 Gottes. Sei gegrüßt, du Erbe, Sohn eines Erben. Sei gegrüßt, du Stier, Sohn [eines Stieres], den die göttliche Kuh geboren hat. Sei gegrüßt, du Horus, der aus Osiris hervorgegangen ist, den Isis, die Göttliche/Göttin, geboren hat.
Rezitiere für mich mit deiner Magie! Besprich5 für mich mit [deinen Zaubersprüchen!] Beschwöre für mich mit deinen (Spruch)-Schöpfungen.
Es sind die Kunstfertigkeiten deines Mundes, die dein (Groß)vater Geb dir anvertraut hat, die deine Mutter Isis dir gegeben hat, die dein Bruder, der Vorsteher von Letopolis, dich gelehrt hat, [x+1.x+5] um deinen zꜣ-Schutz zu bereiten, um deine mk.t-Protektion/Sicherheit zu wiederholen, um das Maul von jedem giftigen Gewürm zu verschließen, das in der Luft (wörtl.: im Himmel) ist, das auf dem Land ist, das im Wasser ist, um die Menschen wiederzubeleben, um die Götter zufriedenzustellen, um Re mit deinen Anflehungen/Gebeten zu verklären.

1 Salah el-Kholi 2006, 6, Anm. a erwägt als Ergänzungen die [k]my-Schlange (C. Leitz, Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Band VII. š, Orientalia Lovaniensia Analecta 116 (Leuven/Paris/Dudley, MA 2002), 284) und die jm.jw-jꜣ.t.y-Schlangen (belegt in Ostrakon Deir el-Medineh 1681, Z. x+5). Die am Anfang vor my erhaltene Zeichenspur passt zu keiner der beiden Ergänzungen.

2 Lesung nach Quack 2008, 615. Auf der Metternichstele (Z. 101) steht : „Das Verehren des Horus, um ihn zu verklären“.

3 Ergänzt nach der Metternichstele, Z. 101–102.

4 Das Wort „Sohn“ fehlt oder war sehr reduziert geschrieben. 

5 Der Imperativ steht ebenfalls auf einer Horusstele des Benitehhor vom Anfang der 26. Dynastie (H. Altenmüller, Der Sockel einer Horusstele des Vorstehers der Wab-Priester der Sachmet Benitehhor, in: Studien zur altägyptischen Kultur 22, 1995, 1–20, hier: 3).

Komme zu mir! Beeile dich! Beeile dich, so wie (wenn) du [im Gottes]schiff als Steuermann agierst (oder: das Steuerruder bedienst).
Mögest du 〈für mich〉 jeden Löwen in der Wüste und alle beißenden Schlangen in ihren Höhlen abwehren. Mache sie mir wie einen Kieselstein im (wörtl.: auf dem) Gebirge, wie das Bruchstück eines Biertopfes (= eine Topfscherbe) auf/entlang der Straßen. Mögest du mir das/dieses (hier vorliegende) Gift wegnehmen, das im Körper von NN, geboren von NN, ist.
Der betreffende Schutz bildet deine Worte (oder: dein Sprechen) über mich.1
Siehe, dein Name ist darin am heutigen Tag.
Mögest Du dein Ansehen und deine Magie entstehen lassen, mögest Du [deine] wirksamen Zaubersprüche funktionsfähig machen. [x+1.x+10] Mögest Du wiederbeleben den, der eine beengte Kehle hat. Möge dir Lobpreis gegeben werden durch die Untertanen/Rechit-Leute. Mögen die Beiden Wahrheiten dich verehren. Möge deine Statue hergestellt werden. [Möge dein Name gerufen werden] am heutigen Tag: "Ich bin Horus, der Beschwörer2."
Dieser Spruch werde gesprochen über eine Statue des Horus, (mit) einer Schlange in seiner rechten und [seiner] ⸢linken⸣3 Hand, [wobei er sie bei] ihren Köpfen [packt]4. Ein Krokodil ist unter seinem rechten Fuß, ein Skorpion unter seinem linken Fuß.
Eingrav[ieren ... ... ... aus] Tamariske(nholz).
Brot, Bier und Weihrauch auf dem Feuer werden ihm geopfert, sein Mund werde geöffnet, seine Reinigung werde gemacht.
Werde gelegt an den Hals [des Patienten.]
Dieser Spruch werde [rezitiert], um jede beißende Schlange abzuwehren.

1 Lesung und Übersetzung gemäß Quack 2008, 615.

2 Wird in anderen Übersetzungen auch gern als „Horus, der Retter“ übersetzt, ist aber in den meisten Textkopien ohne Determinativ geschrieben. Daher ist die Deutung als „Retter“ (so viele Bearbeitungen seit A. Moret, Horus Sauveur, in: Annales du Service des Antiquités de l'Égypte 72, Paris 1915, 213–287, hier: 249) nicht sicher. In Papyrus Wien KHM 3925 Recto liegt eindeutig das Determinativ des Mannes mit Hand am Mund vor, was für den „Beschwörer“ spricht.

3 Lesung bzw. Ergänzung gemäß Quack 2008, 616.

4 Ergänzung in Anlehnung an Salah el-Kholi 2006 (auf S. 13, Anm. r als Ergänzung von Satzinger identifiziert). Vgl. Satzinger 2002, 86: „[wobei er] ihre Köpfe [packt(?)]“.

Ein anderer Beschwörungsspruch des Skorpions.
[x+2.x+1] [... ... ...]
...] es sagen [... (oder: ...] der es gesagt hat1 [...) 
[... ... ...]
[x+2.x+5] ...] nordwärts fahren; und er steht (?) [...
[... ... ...]
...] Geb, geboren [von ...
...] an/von ihrem Ort. Wegnehmen/Rezitieren (?) [...
[x+2.x+10] ...] Würgegriff/gefangen nehmen (?) [...
...] das/dieses Gift [...
...] suchen, vereinigen (?) [...
... einsper]ren [...
...] schlagen auf (?) [...

1 Quack 2008, 616 denkt an die Formel, mit der der Zauberer sich schützt: „Nicht ich bin es, der es gesagt hat!“