Papyrus Ramesseum IX

Metadaten

Wissensbereiche
Alternative Namen
Papyrus London BM EA 10762 Papyrus Ramesseum 9 TM 380891
Aufbewahrungsort
Europa » Großbritannien » (Städte K-N) » London » British Museum

Inventarnummer: BM EA 10762

Erwerbsgeschichte

Der Papyrus wurde 1896 bei den von der British School of Archaeology in Egypt finanzierten und von W. M. Flinders Petrie und J. E. Quibell durchgeführten Grabungen im Ramesseum gefunden. 1956 wurde er zusammen mit einem größeren Konvolut der Ramesseumspapyri von der British School of Archaeology in Egypt und von A. H. Gardiner, dem die Bearbeitung übertragen worden war, an das British Museum in London gestiftet (ausführlich zur Erwerbungs- und Bearbeitungsgeschichte siehe u.a. Leach 2006, 225–227; Gardiner 1955, 1–6).

Herkunft
Niltal südlich von Assiut bis zum 1. Katarakt » Theben » westliches Ufer » Ramesseum

Der Papyrus wurde von J. E. Quibell im Jahre 1896 innerhalb des Ramesseums am Fuße eines bereits geplünderten Grabschachts gefunden (Quibell – Paget – Pirie [Quibell] 1898, 3–4, Taf. 1–3; Parkinson 1991, XI–XIII, XXVI–XXVIII; Parkinson 2009, 139–140). Dieser Grabschacht gehört zu einer Nekropole aus der Zeit des Mittleren Reiches bis zum Anfang der 18. Dynastie (Leblanc 2005, 33–34; Nelson 2006, 115–117, 127; Parkinson 2009, 139–140), die in der 19. Dynastie durch den Totentempel („Millionenjahrhaus“) Ramses’ II. überbaut wurde. Der Schacht, in dem die Papyri gefunden wurden, liegt laut Quibell unter einem der Ziegelmagazine an der Nordwest-Ecke des Ramesseums (Parkinson 2009, 139–140), unter Magazin 5 auf dem Plan von Quibell (Quibell – Paget – Pirie [Quibell] 1898, Taf. 1), nach heutiger Zählung STI.SA.08. Eine exakte Lokalisierung innerhalb dieses Magazins ist bislang nicht gelungen, da der Fundort auf dem Plan von Quibell nicht eindeutig verzeichnet ist und mehrere Schächte in Betracht kommen (eine vergebliche Suche bei Nelson 2006). Laut einer neu entdeckten Notiz von Newberry aus dem Jahr 1938 (Downing – Parkinson 2016), der bei der Auffindung der Papyri zugegen war, befand sich der Schacht im beschrifteten Korridor des Grabes des Sehetepibre (Porter – Moss 1964, 679), der unter den Magazinräumen 5–7 des Ramesseums nach dem Plan von Quibell läuft, nach heutiger Zählung unter STI.TR bis STI.SA.08. Sollte dies zutreffen (Newberry widerspricht dezidiert Quibell [Quibell – Paget – Pirie [Quibell] 1898, 3], der den Papyrus-Schacht nicht mit diesem Grab verbindet), kann der Schacht oder sein Inhalt schwer zum ursprünglichen Grab des Sehetepibre gehört haben, denn Letzteres wird früher datiert als das Papyruskonvolut, d.h. der Priester (ḥm-nṯr) Sehetepibre kann nicht der ursprüngliche Eigentümer der Ramesseumspapyri gewesen sein (Downing – Parkinson 2016, 40–41). Eine neue archäologische Untersuchung des Grabes des Sehetepibre wäre erforderlich, um Klarheit zu bekommen.
Der Papyrus befand sich zusammen mit 23 weiteren Papyri und einem Bündel Schilfrohr in einer Holzkiste (Auflistung der Papyri bei Parkinson 2009, 151–153, Tab. 6.1) auf dem Boden des Schachtes. Die Papyri enthalten medizinische, medico-magische und magische Texte, aber auch literarische Texte (z.B. Beredter Bauer und Sinuhe), liturgische Texte (z.B. Dramatischer Ramesseumspapyrus und Sobek-Hymnus) sowie administrative Texte wie die Semna-Dispatches. Heute ist dieses Papyruskonvolut auf das British Museum in London und das Ägyptische Museum und Papyrussammlung in Berlin verteilt. Das Schilfrohrbündel, bei dem es sich um Rohmaterial für Schreiberbinsen handelt, wird im Manchester Museum aufbewahrt (Inv.-Nr. 1882). Der Verbleib des Holzkastens, der mit weißem Stuck überzogen und mit der Zeichnung eines Schakals dekoriert war (Quibell – Paget – Pirie [Quibell] 1898, 3), ist unbekannt (z.B. Leach 2006, 225, Anm. 2). Hermann 1957, 113, Anm. 1 erwähnt eine Nachricht von Anthony J. Arkell, dem damaligen „honorary curator“ der Petrie Collection, dass dieser Kasten vermutlich mit den anderen Objekten von Flinders Petrie in die Sammlung des University College London liegen könnte: Flinders Petrie hatte im Jahr 1913 seine Sammlung dem University College London verkauft (https://www.ucl.ac.uk/culture/node/21/about, letzter Zugriff: 03.07.2020), und nachdem sie im 2. Weltkrieg ausgelagert worden war, widmete sich Arkell Anfang der 1950er Jahre dem Auspacken, Katalogisieren und Ausstellen der Objekte (s. Smith 1981, 146). Die Sammlung war daher Hermann noch nicht zugänglich (s. Hermann, a.a.O.) und die Verifizierung dieser Vermutung steht noch aus.
Weiterhin wurden verschiedene magische Gegenstände im Schacht gefunden. Ein Überblick der Fundsituation findet sich bei Geisen 2018, 2–7; eine Auflistung der von Quibell genannten Objekte mit ihren modernen Inventarnummern findet sich ferner auch schon bei Parkinson 1991, XII-XIII und Kemp – Merrillees 1980, 166.

Datierung
von: (Epochen und Dynastien) » Pharaonische Zeit » Mittleres Reich » 11. Dynastie (nach der Reichseinigung) bis: (Epochen und Dynastien) » Pharaonische Zeit » Zweite Zwischenzeit » 13. Dynastie

Die Datierung des Papyrus basiert zum einen auf der Einordnung des archäologischen Fundkontextes, zum anderen auf text- bzw. konvolutinteren Überlegungen. Die Nekropole, in der das Konvolut gefunden wurde, kann in das Mittlere Reich und die frühe Zweite Zwischenzeit datiert werden (Leblanc 2005, 33–34; Nelson 2006, 115–116; Parkinson 2009, 71). Über die im Grabschacht gefundenen Objekte ist keine chronologische Eingrenzung möglich, da viele dieser Gegenstände in Bestattungen des späten Mittleren Reiches gut belegt sind, teils sogar bis in die frühe 18. Dynastie fortlaufen (Parkinson 2009, 143–145). Laut Geisen 2018, 7, 10–15 würden Streufunde in der Umgebung sowie die Grabfunde selbst in Kombination mit Informationen aus den Papyri für eine Datierung der Bestattung in die mittlere 13. Dynastie sprechen.
Die Papyri selbst sind unterschiedlichen Alters und erstrecken sich paläographisch (hieratisch) über einen Zeitraum von etwa einem Jahrhundert (Gardiner 1955, 1–2; Parkinson 2009, 149). Einen Terminus post quem für die Zusammenstellung des Konvoluts geben der Papyrus Ramesseum VI (Sobek-Hymnus) mit der Nennung Amenemhets III. (12. Dynastie, ca. 1818–1773 v. Chr.) sowie das Onomastikon auf Papyrus Ramesseum D, das ein mit dem Namen Sesostris’ III. (ca. 1837–1818 v. Chr.) gebildetes Toponym aufweist. Die älteste Gruppe bilden mit R. B. Parkinson die kursiv-hieroglyphischen Texte aus der späten 12. Dynastie, zu denen bspw. Papyrus Ramesseum V gehört (Parkinson 2009, 149). Die jüngsten Texte gehören in die späte 13. Dynastie (bis ca. 1630 v. Chr.), da sie dem mathematischen Papyrus Rhind und dem Papyrus Boulaq 18 paläographisch aufgrund der runden Formen und stärkeren Verwendung von Ligaturen nahestehen. Laut Parkinson 2009, 150 ähnelt die Handschrift von Papyrus Ramesseum IX derjenigen von Papyrus Ramesseum A mit der Erzählung des Sinuhe und dem Beredten Bauern, die er in die mittlere Phase einordnet, die zeitlich zwischen den literarischen Handschriften der 12. Dynastie und den Papyrus Boulaq 18 gehören.

Textsorte
Sammelhandschrift
Inhalt

Papyrus Ramesseum IX enthält, soweit erhalten, Reste von vier (?, Einteilung nach Stegbauer 2015, 195–203) magischen Sprüchen gegen Schlangen: Zumindest einmal, in Zeile 2,1, ist eine Überschrift erhalten, die den nachfolgenden Spruch als „Schriftstück zum Befreien des Hauses von jeglichem Untoten, jeglicher Untoten, jeglicher männlichen Schlange und jeglicher weiblichen Schlange“ ausweist.

Ursprünglicher Verwendungskontext

Der Fundzusammenhang und die Herkunft aus einem gesicherten archäologischen Kontext erlauben eine detailliertere Betrachtung. Der Papyrus war Bestandteil eines Konvoluts von 24 Papyri und befand sich zusammen mit einem Bündel von 118 Schilfrohren (Schreibbinsen) von je ca. 40 cm Länge in einem Holzkasten. Auf diesem Kasten war das Zeichen eines Schakales zu erkennen, das als Schreibung für den Priestertitel ḥr.j-sšt „Hüter des Geheimnisses“ gelesen werden kann. Es ist daher anzunehmen, dass der Besitzer ein Priester war (Parkinson 2009, 141; Parkinson 1991). Unter den weiteren im Grabschacht gefundenen Objekten befanden sich ein aus einem Kupfergemisch gefertigter Schlangenstab, der mit menschlichen Haaren umwickelt ist (Fitzwilliam Museum, Cambridge, E.63.1896), die Elfenbeinfigur eines Zwerges, der ein Kalb trägt (University of Pennsylvania, Museum of Archaeology and Anthropology, E.13405), sowie diverse magische Objekte im Manchester-Museum (Fayencefigur eines nackten Mädchens (Inv.-Nr. 1787), eine aus Elfenbein gefertigte Klapper (Inv.-Nr. 1796), eine Fayencefigur in Gestalt eines Pavians (Inv.-Nr. 1835) sowie ein Djed-Pfeiler-Amulett (Inv.-Nr. 1838) (Parkinson 2009, 141–145)). Diese Utensilien stellen nach A. H. Gardiner „the professional outfit of a magician and medical practitioner“ (Gardiner 1955, 1) dar. Dazu passt, dass die Mehrheit der Papyri (15 der 24 Papyri) medizinische, medico-magische oder magische Inhalte aufweisen. Der Inhaber war demnach vermutlich ein Arzt und Magier, der auch Priesterfunktionen innehatte, oder umgekehrt ein Priester, der auch als Magier und Arzt agierte (Gnirs 2009, 128–156; Morenz 1996, 144–146; Geisen 2018, 15–29, Meyrat 2019, 196–199).
Das differierende Alter der Papyri und die verschiedenen Arten von Texten (medizinisch/magisch, literarisch, liturgisch, administrativ) lassen vermuten, dass die Papyri über mehrere Generationen gesammelt und vererbt wurden, bis der letzte Eigentümer sie als Grabbeigabe erhielt (Parkinson 2009, 149). Die administrativen Angaben auf dem Verso von Papyrus Ramesseum III und Papyrus Ramesseum IV zeigen, dass eine sekundäre wirtschaftliche Nutzung dieser medizinischen Papyri vorliegt, was wiederum nahelegt, dass die Papyri – zumindest in Teilen – aus verschiedenen Quellen zusammengetragen wurden und die Identifizierung des letzten Inhabers als Arzt daher nicht zwingend notwendig ist.

Material
Organisch » Faser, Pflanzliche und Tierische » Papyrus
Objekttyp
Artefakt » Schriftmedien » Schriftrolle
Technische Daten

Der Papyrus ist, wie auch die anderen Ramesseumspapyri, aufgrund der Lagerung in der feuchten Umgebung des Grabschachts in einem schlechten und fragmentarischen Zustand (Leach 2006, 227). Erhalten sind die Reste von drei Kolumnen Text. Allerdings ist an der rechten Abbruchkante des Papyrus, vor der ersten erhaltenen Kolumne, noch ein Zeichenrest erhalten; und ebenso sind Zeichenreste an der linken Abbruchkante der Fragmente mit der dritten Kolumne erhalten – die drei erhaltenen Kolumnen waren also weder die ersten noch die letzten der Rolle. Meyrat 2019, 74 gibt die Seitenbreite mit etwa 20 cm an; die Breite der erhaltenen Kolumnen beträgt insgesamt etwa 65 cm. Der untere Rand ist zerstört, aber Meyrat schätzt die Originalhöhe des Dokuments (also der Seite inklusive des oberen und unteren Randes) mit etwa 16 cm.
Die Rückseite ist unbeschrieben.

Schrift
Hieratisch

Der Text ist in waagerechten Zeilen geschrieben; wie im Hieratischen üblich, von rechts nach links. Die eine erhaltene Überschrift in Zeile 2,1 ist rot geschrieben. Reste zweier weiterer Rubra sind in der ersten erhaltenen Kolumne vorhanden; diese könnten vielleicht zu Verwendungsanweisungen gehören, die in magischen Texten ebenfalls rot geschrieben sein können.

Sprache
Ägyptisch-Koptisch » Ägyptisch » Mittelägyptisch

Die erhaltenen Satzkonstruktionen sprechen, sofern sie überhaupt aussagekräftig sind, für Mittelägyptisch.

Bearbeitungsgeschichte

Die Bearbeitung der Papyri sollte zunächst durch F. Ll. Griffith erfolgen, wurde dann aber an P. Newberry übergeben, der erste konservatorische Maßnahmen durchführte und erste Abschriften anfertigte (Gardiner 1955, 2; Leach 2006, 226). Auf Vermittlung A. H. Gardiners wurde die Restaurierung dann an H. Ibscher (Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Berlin) übertragen, der sie restaurierte, ordnete und rahmte. Da P. Newberry kein weiteres Interesse an der philologischen Bearbeitung hatte, gingen die Papyri schließlich in den Privatbesitz von A. H. Gardiner über, den W. M. Flinders Petrie als geeignet für die Veröffentlichung ansah. A. H. Gardiner schreibt dazu: „realizing, that the cost of conservation and publication would be considerable, Petrie himself suggested that if I acquitted myself of both obligations, I could regard the papyri as my own and dispose of them as I thought best“ (Gardiner 1955, 2). Um die aufwendigen Konservierungsmaßnahmen bezahlen zu können, verkaufte A. H. Gardiner 1910 Papyrus Ramesseum D mit dem Onomastikon an das Berliner Ägyptische Museum. Den Papyrus Ramesseum A, der die Geschichte des Beredten Bauern und den Sinuhe enthält, hatte A. H. Gardiner bereits 1906 dem Berliner Ägyptischen Museum überlassen – unter der Bedingung, dass das Museum die Kosten für die Publikation tragen würde (Leach 2006, 226).
Im Jahr 1903/04 wurde pRamesseum IX von Hugo Ibscher in Berlin restauriert und verglast (Leach 2006, 226 + 233), der sie ohne weitere Klebemittel direkt auf Karton legte (a.a.O., 232). Im Jahr 1992 wurden die drei Glasrahmen geprüft, aber aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes nicht geöffnet (Leach, 2006, 239).
Während die medizinischen Papyri Ramesseum III-V mehrfach übersetzt wurden, blieben die „magischen“ Papyri, darunter auch Papyrus Ramesseum IX, relativ unbeachtet. Eine erste Übersetzung der ersten beiden Kolumnen legte Gardiner selbst vor (Gardiner 1955, 12–13); eine weitere Übersetzung erfolgte von Stegbauer 2015 [= 2. Auflage 2019], 195–203. Eine Gesamtbearbeitung der magischen Papyri, auch von Ramesseum IX, legte Meyrat 2019, spez. 74–80, 324–329, vor.

Editionen

- Gardiner 1955: A. H. Gardiner, The Ramesseum Papyri (Oxford 1955), 12–13, Taf. 40–42.

- Meyrat 2019: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 74–80, 324–329.

- Stegbauer 2015: K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015 [= 2. Auflage 2019]), 195–203.

Literatur zu den Metadaten

- Barns 1956: J. W. B. Barns, Five Ramesseum Papyri (Oxford 1956).

- Downing – Parkinson 2016: M. Downing – R. B. Parkinson, The Tomb of the Ramesseum Papyri in the Newberry Papers, The Griffith Institute Oxford, in: British Museum Studies in Ancient Egypt and Sudan 23, 2016, 35–45.

- Geisen 2018: C. Geisen, A Commemoration Ritual for Senwosret I. P. BM EA 10610.1-5/P. Ramesseum B (Ramesseum Dramatic Papyrus), Yale Egyptological Studies 11 (New Haven, CT 2018).

- Gnirs 2009: A. M. Gnirs, Nilpferdstoßzähne und Schlangenstäbe. Zu den magischen Geräten des so genannten Ramesseumsfundes, in: D. Kessler, et al. (Hrsg.), Texte – Theben – Tonfragmente. Festschrift für Günter Burkard, Ägypten und Altes Testament 76 (Wiesbaden 2009), 128–156.

- Hermann 1957: A. Hermann, Buchillustrationen auf ägyptischen Bücherkästen, in: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo 15, 1957, 112–119.

- Kemp – Merrillees 1980: B. J. Kemp – R. S. Merrillees, Minoan Pottery in Second Millennium Egypt, Sonderschrift, Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Kairo 7 (Mainz 1980).

- Leach 2006: B. Leach, A Conservation History of the Ramesseum Papyri, in: Journal of Egyptian Archaeology 92, 2006, 225–240.

- Leblanc 2005: C. Leblanc, Recherches et travaux réalisés au Ramesseum durant la mission d’octobre 2004 à janvier 2005, in: Memnonia 16, 2005, 19–45.

- Morenz 1996: L. D. Morenz, Beiträge zur Schriftlichkeitskultur im Mittleren Reich und in der 2. Zwischenzeit, Ägypten und Altes Testament 29 (Wiesbaden 1996).

- Nelson 2006: M. Nelson, La tombe d’une nourrice royale du début de la XVIIIème dynastie découverte au Ramesseum. Concession funéraire STI.Sa05/pu01, in: Memnonia 17, 2006, 115–129.

- Parkinson 1991: R. B. Parkinson, The Tale of the Eloquent Peasant (Oxford 1991).

- Parkinson 2009: R. B. Parkinson, Reading Ancient Egyptian Poetry. Among Other Histories (Chichester, Malden, MA 2009).

- Porter – Moss 1964: B. Porter – R. L. B. Moss, Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Reliefs, and Paintings. Vol. I. The Theban Necropolis. Part 2: Royal Tombs and Smaller Cemeteries (Oxford 1964).

- Quibell – Paget – Pirie [Quibell] 1898: J. E. Quibell – R. F. E. Paget – A. A. Pirie [Quibell], The Ramesseum / The Tomb of Ptah-Hetep, British School of Archaeology in Egypt and Egyptian Research Account [2] (London 1898).

- Smith 1981: H. S. Smith, The Reverend Dr Anthony J. Arkell, in: Journal of Egyptian Archaeology 67, 1981, 143–148.

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Autoren
Dr. Katharina Stegbauer
Mitwirkende
Dr. Lutz Popko

Übersetzung und Kommentar

Spruch x+1

Übersetzung: K. Stegbauer; Kommentare: K. Stegbauer und L. Popko

[---] [1,1] [---] in Ägypten. Der große Gott ist der, der deine Zunge abschneidet (oder: Der große Gott, (er) schneidet deine Zunge ab),1 während ich beschwöre [---]. [--- welche] im Stadtviertel [sind]. Zaubersprüche sind darauf (oder: bei ihr).

1 (L. Popko) A. H. Gardiner, The Ramesseum Papyri. Plates (Oxford 1955), 12 fasst nṯr ꜥꜣ als Anrede auf: „great god, thy tongue is cut off“. K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015 [= 2. Auflage 2019]), 195 vermutet in šꜥ dagegen ein aktive Partizip, weil es keinen Grund gäbe anzunehmen, dass dem großen Gott die Zunge herausgeschnitten werden sollte. Das ergäbe jedoch ein „participial statement“ alias jn-Konstruktion, die als solche eben ein jn vor dem Subjekt verlangt. Sollte als Alternative vielleicht eine Erklärung als NN sḏm=∅: „NN, (er) hört“ möglich sein? P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 75 und 77 denkt zwar ebenfalls, wie Gardiner, an eine Konstruktion mit Pseudopartizip, übersetzt aber trotzdem aktivisch („Le grand dieu a coupé ...“), was in dem Fall nicht möglich ist.

Spruch x+2

Übersetzung und Kommentare K. Stegbauer.

[---] Siehe (?), die Erde liegt im Schweigen; ein jeder Gott verbringt die Nacht unter den Großen (?)1 [---] sein/ihn (?) [---]. [Isi]s kam eilends, Isis kam eilends, sie brachte ihre Zaubersprüche mit sich! [---], [1,5] was von dir stammt, was von dir stammt! Wenn die Dinge fallen, die du gebracht hast [---], die du gebracht hast. Dieser Zauber ist auf ihm. Wenn die Dinge nicht hinabfallen, die du gebracht hast, [---]
[---] für ihn die Sachen. Wenn etwas davon auf den Erdboden fällt [---] deswegen. [--- fallen]. Du (fem.) bist es! [---] mit dem Spruch (?) [---]
[---] [1,10] [---] gebären(?) [---]2

1 (K. Stegbauer) „ein jeder Gott verbringt die Nacht unter den Großen (?)“ Der Beginn des Verses ist mit einem Vers aus dem großen Atonhymnus (Z. 4) identisch (vgl. G. Fecht, Stilistische Kunst, in: B. Altenmüller – B. Spuler (Hrsg.), Ägyptologie. Literatur, Handbuch der Orientalistik I.2, Zweite, verbesserte und erweiterte Auflage (Leiden, Köln 1970), 19–51, hier 44f. und 49f. sowie M. Sandman, Texts from the Time of Akhenaten, Bibliotheca Aegyptiaca 8 (Bruxelles 1938), 94).

2 (K. Stegbauer) Einziger Rest der Zeile.

Spruch x+3

Übersetzung: K. Stegbauer; Kommentare: K. Stegbauer und L. Popko

[2,1] Schriftstück des Befreiens des Hauses von einem jeden Untoten, einer jeden Untoten, einem jeden Schlangenmännchen und einem jeden Schlangenweibchen:
Zurück1 ihr! Möge euer {Vorderteil} 〈Gesicht〉 auf euer Gesicht fallen,2 (ihr) Rebellen3 der Nacht und des Tages,4 (ihr), die (ihr euch) befindet unter roten Kopftüchern und Leinenbinden, (ihr) Rebellen, mitten im Kampf, (ihr) Gegner5, die Krach machen, die Rebellion5 angezettelt hatten,6 die Unruhe5 gestiftet haben, (ihr) Bande [2,5] jenes Übels (d.h. des Seth), des Sohns der Nut, [der zustoßend mit] den Hörnern [war] (oder: [___] doppelzüngig)7 im Leib seiner Mutter Nut, bevor er auf die Erde herauskam! Der [mit den Zähnen (?)] knirscht8, [der] Unruhe [anzettelt (?)]!“ sprach Horus.
Nachdem du getötet hast 〈meinen〉 Vater Osiris, bin ich gekommen, nachdem ich mich in meine Gestalt transfiguriert habe zu meinem Sohn und Erben,9 [---] indem ich angriff die, die das Waisenkind niederwerfen lassen10, das um sein Einziges11 weint. Töten [---] uneben/heftig(?).12 Ich bin Horus, der Sohn [2,10] der Isis, der Erbe des Osiris! [Sein Vater ist im Einbalsamierungshaus]13 an der Stätte des Müdherzigen.
Auf [eure] Gesicht[er]! [---]14 Duft, den empfängt (???)15 [---] [---] [---] Isis(?) [---] [3,1] Es spricht [...] gegen mich als Prügeln, als Zögern, als ... (?)16, als Anhalten17 [...], als Verknoten (oder: als Emporsteigen?)18, [als] Rücken-Ausstrecken, als ‚Sieh ihn, sieh ihn‘ (?)19, als {das Bringen des Sieges (?)} 〈Mächtiger〉20, als das Zermalmen, als [...], als das Töten, als das R[auben](???)21, als das Schlachten, das Zerschneiden, das Pfählen (?)22, das Überfahren zum Osten, [???]23“, so sagt er zu ihnen. Es ist dieser mein Stab (?)24 aus Feuer, das sich befindet auf [...] in diesem Atem [3,5] seiner beiden Na[senlöcher]. Weicht vor ihm zurück! Sein Abscheu ist [...] Der Erbe des [Osiris], dessen Vater im Balsamierungshaus an der Stätte des Müdherzigen ist.

1 (K. Stegbauer) Die Präposition ḥꜣ wird schon in den Pyramidentexten zum Zurücktreiben von Schlangen benutzt (z.B. in PT 504a).

2 (L. Popko) Nach dem ḥꜣ=tn des vorigen Satzes stehen: Plazenta () über Löwenvorderteil (Gardiner Sign-list F4), danach ein Schilfblatt, dann das Suffix(?)pronomen =tn sowie ḥr ḥr.w=tn. A.H. Gardiner, The Ramesseum Papyri. Plates (Oxford 1955), Taf. 41A, Anm. 2a hält Plazenta + Löwenvorderteil für eine ungewöhnliche Schreibung für ḫr und das Schilfblatt vor dem Pronomen ebd., Anm. 2b für eine fehlerhafte Schreibung für j〈r〉=tn. Das ḫrw hält er für einen Imperativ (S. 13, Anm. 2) und übersetzt: „fall ye upon your faces“. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 75–77 transkribiert ḫr=tn ḥr ḥrw=tn und übersetzt: „vous tombes sur vos faces“. Er schließt sich also generell Gardiners Vorschlag an, die Gruppe aus Plazenta und Löwenvorderteil als ḫr zu lesen, hat aber, anders als Gardiner, das Schilfblatt als Teil der ungewöhnlichen Graphie dieses Verbs angesehen und ein sḏm=f konstruiert. K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015 [= 2. Auflage 2019]), 198 und 200 schließt sich Gardiner ebenfalls darin an, dass am Satzanfang das Verb ḫrw steht, und sie analysiert es wie Meyrat ebenfalls als sḏm=f anstelle als Imperativ. Allerdings interpretiert sie nur die Plazenta allein als Schreibung dieses ḫrw. Das darunter stehende Löwenvorderteil sowie das Schilfblatt – bzw. nur das Löwenvorderteil allein bei Tilgung des Schilfblattes – interpretiert sie als mögliche Verwechslung des Wortes ḥꜣ.t: „Vorderseite“ mit ḥr: „Gesicht“, so dass sie eigentlich liest: ḫ〈r〉 {ḥꜣ.t} {j} 〈ḥr〉=tn ḥr ḥr.w=tn: „Möge euer Gesicht auf euer Gesicht fallen!“ Hierfür verweist sie als Parallelen nicht nur auf Zeile 2,11 (ḥr ḥr[.w=tn]: „auf [eure] Gesicht[er]!“), sondern auch auf noch vollständigere Parallelen in PT 228, § 228a (ḫr ḥr r ḥr: „Ein Gesicht ist auf ein Gesicht gefallen.“ und PT 290 [sic, nicht 295], § 431a (ḫr ḥr ḥr ḥr: „Ein Gesicht ist auf ein Gesicht gefallen.“). Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage nach dem Sinn dieser Aussage.

3 (K. Stegbauer) [sbj]⸢.w⸣ ist laut J.F. Quack, Demagogen, Aufrührer und Rebellen. Zum Spektrum politischer Feinde in Lebenslehren des Mittleren Reiches, in: H. Felber (Hrsg.), Feinde und Aufrührer. Konzepte von Gegnerschaft in ägyptischen Texten besonders des Mittleren Reiches, Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse 78 (5) (Leipzig, Stuttgart 2005), 74–85, hier 82 zum einen ein häufiger Begriff für den politischen Gegner, zum anderen korreliert damit auch der Kultfrevler.

4 (L. Popko) Satzgrenzen unsicher.

5 (K. Stegbauer) ḫft.jw, ḫr(w).y[w] und ẖnn.w: Nach J.F. Quack, Demagogen, Aufrührer und Rebellen. Zum Spektrum politischer Feinde in Lebenslehren des Mittleren Reiches, in: H. Felber (Hrsg.), Feinde und Aufrührer. Konzepte von Gegnerschaft in ägyptischen Texten besonders des Mittleren Reiches, Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse 78 (5) (Leipzig, Stuttgart 2005), 74–85, hier 81f. gehören die Begriffe ḫft.j und ẖnn.w in die religiöse Sphäre. D. Franke, Schlagworte. Über den Umgang mit Gegnern in Memorialtexten des Mittleren Reiches, in: H. Felber (Hrsg.), Feinde und Aufrührer. Konzepte von Gegnerschaft in ägyptischen Texten besonders des Mittleren Reiches, Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse 78 (5) (Leipzig, Stuttgart 2005), 89–110, hier 110 rechnet ḫryw zu den physischen Gegnern, also solchen, die handgreiflich werden.

6 (L. Popko) pꜣu̯.w ḫr(w).y[w]: Semantisch unsichere Phrase. pꜣ.w ist nur als Personengruppe mit sitzendem Mann über Pluralstrichen klassifiziert; die Klassifikatoren von ḫrw.yw sind zerstört. Aufgrund des Kontextes muss es eine abwertende Bezeichnung für Rebellen, Unruhestifter o.ä. sein. A.H. Gardiner, The Ramesseum Papyri. Plates (Oxford 1955), 13 übersetzt kommentarlos „originators of warfare“; P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 76 versteht sie als „fomenteurs de révolte“; ähnlich K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015 [= 2. Auflage 2019]), 198: „die Rebellion angezettelt haben“. In ihrer Bearbeitung des TLA hat sie pꜣ.w als Partizip des Verb pꜣu̯: „etw. in der Vergangenheit getan haben“ verstanden, und tatsächlich kommt sonst kein anderes Wort infrage. Daher werden wohl auch Gardiners und Meyrats Übersetzungen lediglich freiere Versuche sein, die auf die Vergangenheit bezogene Aussage des Verbs wiederzugeben. Es ist allerdings zu beachten, dass pꜣu̯ normalerweise mit einem davon abhängigen Verb konstruiert wird: *pꜣu̯=f sḏm: „er hatte (in der Vergangenheit) gehört…“. Daher muss man entweder annehmen, dass hier ein Verb ausgefallen ist, also wohl jri̯ (s. Wb 3, 326.3), oder dass ḫrw.y ein bislang unbelegtes Verb ist, wogegen aber die Endung spricht.

7 (L. Popko) Vom Wort in der Lücke sind nur noch zwei Schilfblätter und ein t sowie der klassifizierende schlagende Mann erhalten; es könnte demzufolge ein Aktionsverb sein. Das Wort danach ist offenbar logographisch geschrieben: A.H. Gardiner, The Ramesseum Papyri. Plates (Oxford 1955), Taf. 41A transliteriert das Hieratische als zwei Zungen und übersetzt auf S. 13: „… two tongues(?)“. Ebenso P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 75–76: […]yt nswy (vgl. auch seine Transkription auf S. 327): „[…] deux langues“. Laut S. 78 deutet das auf die Doppelzüngigkeit des Seth hin. K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015 [= 2. Auflage 2019]), 199–200 zweifelt diese Deutung dagegen an und möchte eher [khb].yt db.wj lesen: „[der] mit beiden Hörnern [zustieß]“. Das heißt, sie liest zwei Hörner statt zwei Zungen, weil die hieratische Schreibung von ns: „Zunge“ in Zeile 1,1 anders aussieht (NB: ihr Verweis auf Gardiner ist inkorrekt, da dieser ebenfalls ns.wj liest). Insgesamt betrachtet, ist allerdings Gardiners und Meyrats Lesung plausibler: Es trifft zwar zu, dass die Zunge in Zeile 1,1 etwas anders aussieht als hier und dort zudem noch mit einem Fleischstück klassifiziert ist; allerdings kommt ihr die Form in Zeile 2,5 doch recht nahe und jedenfalls näher als hieratischen Formen des Horns.

8 (K. Stegbauer) Die Wortbedeutung „mit den Zähnen knirschen“ ist T. Bardinet, Dents et mâchoires dans les représentations religieuses et la pratique médicale de l’Égypte ancienne, Studia Pohl. Series Maior 15 (Roma 1990), 8 entnommen. Hier wohl als Ausdruck der Wut zu bewerten und evtl. auch als Zähne fletschen zu interpretieren.

9 (K. Stegbauer) jri̯.n=j ḫpr.w=j m jr.w=j n zꜣ =j jwꜥ[.w=j]: Zur Übersetzung vgl. H. Buchberger, Transformation und Transformat. Sargtextstudien 1, Ägyptologische Abhandlungen 52 (Wiesbaden 1993), 231.

10 (K. Stegbauer) sḥdb.w: Die Übersetzung stützt sich auf die Annahme, daß sḥdb das Kausativum von ḥdb „niederwerfen“ ist.

11 (K. Stegbauer) Mit wꜥ.t scheint hier das Sonnenauge gemeint zu sein (vgl. C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. II. b, Orientalia Lovaniensia Analecta 111 (Leuven 2002), 286).

12 (K. Stegbauer) Wahrscheinlich wird ein weiterer Vorwurf gegen die Bande des Seth erhoben.

13 (K. Stegbauer) Ergänzung nach 3,6.

14 (L. Popko) Dier Ergänzung am Zeilenbeginn folgt A.H. Gardiner, The Ramesseum Papyri. Plates (Oxford 1955), Taf. 41A. Basierend auf der Länge von ḥr ḥr.w=tn in Zeile 2,2, wäre die anschließende Lücke nur etwa ein Schreibquadrat groß; an ihrem linken Rand ist noch ein kleiner Zeichenrest zu erkennen. Das darauf folgende senkrechte Zeichen transliteriert Gardiner als Krummstab(?) (mit Fragezeichen darüber). Danach folgen eine w-Schleife und ein rundliches, nicht identifizierbares Zeichen, bevor das vordere Fragment dieser Kolumne abbricht. Das hintere Fragment setzt nach einer etwa 6 Schreibgruppen langen Lücke wieder ein.
Das von Gardiner als Krummstab interpretierte Zeichen gibt P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 327 als Wurfholz wieder, und das runde Zeichen als Rest eines liegenden Feindes, dem Blut aus dem Kopf strömt. Dementsprechend nimmt er auf. S. 76 an, dass hier „ennemies (?)“ genannt seien, ohne auf S. 75 einen konkreten Transliterationsvorschlag anbieten zu können. Die Form des Zeichens unterscheidet sich allerdings etwas von den anderen Wurfhölzern in Zeile 2,2 und 2,3; zudem wäre die Position der w-Schleife hinter und nicht vor dem Wurfholz auffällig.

15 (L. Popko) sṯj šzp [---]: Identifizierung der Wörter und noch viel mehr ihre Übersetzung sind unsicher. Das Wort nach šzp scheint eine Kleidungsbezeichnung zu sein; es wäre verführerisch anzunehmen, dass hier davon die Rede ist, dass irgendein Kleidungsstück irgendeinen Duft annimmt. A.H. Gardiner, The Ramesseum Papyri. Plates (Oxford 1955), Taf. 41A ergänzte die Zeichenreste als Schnur mit den Enden nach oben sowie den Logogrammstrich. Darauf basiert die Transliteration bei K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015 [= 2. Auflage 2019]), 199. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 327 schlägt dagegen keine Ergänzung der Zeichenspuren vor. Die Zeichenreste danach sind wohl die Opfermatte sowie das Stoffstück S28.

16 (L. Popko) dḥ.t: Unbekanntes Verb(?); mit dem Schiff klassifiziert. Den ersten Konsonanten geben A. H. Gardiner, The Ramesseum Papyri. Plates (Oxford 1955), Taf. 42A wie P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 329 als d wieder, wobei ein r als Alternative nicht ganz ausgeschlossen erscheint. Das Zeichen über dem Schiff gibt Gardiner als langgezogenes t wieder (also dḥ.t, eher als dḥt), hält aber ein r (also dḥr) nicht für ausgeschlossen. Meyrat entscheidet sich stattdessen für eine Transliteration als d (also dḥd). Keiner von beiden kann das Wort identifizieren.

17 (L. Popko) ẖn: P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 76 übersetzt das Ende von Zeile 3,1 mit „en jou[ant de la musique]“ und scheint sich damit bei ḫn für das Verb „tanzen; musizieren“ (Wb 3, 286.2–6, 288.7) entschieden zu haben. K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015 [= 2. Auflage 2019]), 199 übersetzt „Anhalten“ und denkt damit an Wb 3, 287.3–288.3. Letzteres scheint hier etwas wahrscheinlicher, v.a. nach dem jhm weiter vorn in der Aufzählung. Ob die Lücke danach ein (langes) oder zwei (kurze) Wörter enthielt, ist unklar.

18 (L. Popko) ṯs interpretieren K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015 [= 2. Auflage 2019]), 199 wie P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 76 als „knoten, verknüpfen, anfügen“. Ob es angesichts der nachfolgenden Phrase nicht vielleicht das Verb „aufrichten; emporsteigen“ ist?

19 (L. Popko) m=k sw zp-2: In ihrer TLA-Version von 2006/2007 hatte K. Stegbauer hier noch eine substantivierte Partizipialkonstruktion angesetzt: mki̯ sw zp-2: „als der, der sich beschützt“. Ebenso, nur transitiv statt reflexiv, P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 76: „en le protégeant deux fois“. In K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015 [= 2. Auflage 2019]), 199 hat sie stattdessen einen nominalisierten Satz angenommen: m=k sw zp-2: „als ‚Sieh ihn, sieh ihn‘“; und sie verweist (S. 200) auf eine mdl. Mitteilung von Quack, der vorschlug, darin eine Umschreibung für einen Vogelfreien zu sehen.

20 (K. Stegbauer) Die Wörter vor m nḏ bereiten Deutungsschwierigkeiten. Ist m jni̯.t nḫt: „den Sieg bringen“ zu lesen? Aber nḫt sollte im Hieratischen phonetisch geschrieben werden. Vermutlich handelt es sich daher um eine Verschreibung: statt jni̯.t muss sḫm gelesen werden, wodurch der schlagende Mann als Determinativ aufgefaßt werden kann. Quack (mdl. Mitteilung) schlägt eine seltsame Schreibung für jntj: „zurücktreiben, weichen“ (Wb 1, 102.2–7) vor, das sonst mit dem Fisch geschrieben ist.

21 (L. Popko) ḥꜥ[__]: Erhalten sind der Docht und der Beginn eines Zeichens, das A.H. Gardiner, The Ramesseum Papyri. Plates (Oxford 1955), Taf. 42A mit Fragezeichen zu einem Arm ergänzt. K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015 [= 2. Auflage 2019]), 199 und 201 verliest das zu ḫꜣ⸢ꜥ⸣ und denkt mit Verweis auf W. Westendorf, Das strandende Schiff. Zur Lesung und Übersetzung von Bauer B 1,58 = R 101, in: J. Assmann – E. Feucht – R. Grieshammer (Hrsg.), Fragen an die altägyptische Literatur. Studien zum Gedenken an Eberhard Otto (Wiesbaden 1977), 503–509, hier 508 an eine Bedeutung „vom Weg abkommen, stranden“. P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 329 und 76 liest ebenfalls ḥꜥ[___], hat aber keinen Vorschlag zur Ergänzung. Ob es das Verb ḥꜥḏꜣ: „rauben, plündern“ ist? Dieses würde die Lücke gut füllen, wenn es auch bei der aktuellen Montage vielleicht eine Kleinigkeit zu lang dafür scheint.

22 (L. Popko) wdi̯.t tp ḫt: So die Interpretation von K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015 [= 2. Auflage 2019]), 199; vgl. dazu die Phrase rḏi̯ ḥr tp ḫt: „jmd. auf die Spitze des ‚Holzes‘ (oder: auf das ‚Holz‘) geben“, Wb 3, 341.1. In der hieroglyphischen Transliteration von P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 329 ist das t unter dem Ast etwas nach vorn gerückt und steht somit vor dem Ast. Dadurch wird es zur Endung eines Substantivs tp.t: „Balken“ (vgl. Wb 5, 294.6). Dementsprechend übersetzt Meyrat auf S. 76 mit „en érigeant un pieu“ und verweist S. 79 auf Wb 1, 386.8 („Bäume pflanzen“). Da tpj.t aber auch den Pfahl meinen kann, der zum Pfählen benutzt wird, würden sich Meyrats und Stegbauers Auffassung der Stelle nicht generell ausschließen, auch wenn in juristischen Texten im Zusammenhang mit dem Pfählen immer das Verb rḏi̯ statt wdi̯ verwendet wird (mdl. Mitteilung B. Böhm).

23 (L. Popko) h[__]: Unsicher, ob in der Lücke ein oder zwei Wörter standen. Da der Anfang ein deutliches h ist, kann dies keine letzte Verbindung aus m + NN sein. Ob es vielleicht Nomen rectum einer Genitivverbindung jꜣb.tt NN: „der Osten des …“ ist? Allerdings verbietet der fragmentierte Zustand des Satzes einen Rekonstruktionsversuch. Irgendwo in dieser kurzen Lücke, entweder davor oder an ihrem Ende, muss auch die wörtliche Rede enden, die mit der Redemarkierung ḫru̯-fj endet.

24 (K. Stegbauer) mqrr: Aufgrund des Determinativs ist das Wort sicher nicht mit qrr „Brandopfer“, das als Substantiv erst Ende des NR fassbar ist, identisch. Es muß sich um ein Holzobjekt handeln. Wb 2, 159.3 ist zwar auch erst ab dem Neuen Reich belegt, kommt der Lautung jedoch noch am nächsten.

Spruch x+4

Übersetzung: K. Stegbauer; Kommentare: K. Stegbauer und L. Popko

[---] der lebt wegen der Worte Sias für die Götter [...]1 für das „Sonnenvolk“, der den Himmel erschuf, [...], der das Wasser erschuf, damit Meh-Weret entstünde, der schuf für (?) [...], [der den Stier erschuf für] die Kuh, der seine Augen öffnet [und es tagt, der seine Augen schließt und es wird] dunkel, [der, auf dessen Komm]an[do [3,15] der Nil flutet] [---]2
[---] sehen [---] [---] [---]3

1 (L. Popko) Nach nṯr.w folgt eine kleine Lücke im Papyrus von etwa zwei Schreibgruppen Länge. Das erste wieder komplett erhaltene Zeichen ist der sitzende Mann mit Hand am Mund, der ein Klassifikator sein muss. Ob in der Lücke nur ein einziges Wort gestanden hat oder zwei sehr kurze, ist unsicher: An der Abbruchkante nach nṯr.w sind noch Zeichenreste erhalten, zu denen A.H. Gardiner, The Ramesseum Papyri. Plates (Oxford 1955), 42A, Anm. 7a schreibt: „Hardly 𓊡?“ Trotzdem ergänzt P. Meyrat, Les papyrus magiques du Ramesseum. Recherches sur une bibliothèque privée de la fin du Moyen Empire, Bibliothèque d’étude 172 (Le Caire 2019), 329 die Zeichenreste doch zum Mast mit Segel und denkt an das Wort ṯꜣw: „souffle“ (s. S. 76–77). Dieses Wort könnte zwar u.U. mit einem sitzenden Mann mit Hand am Mund klassifiziert sein (vgl. vielleicht den ebenfalls aus dem Mittleren Reich stammenden magischen pTurin CGG 54003, Rto. 6, s. die Falttafel bei A. Roccati, Papiro Ieratico N. 54003. Estratti magici e rituali del Primo Medio Regno, Catalogo del Museo Egizio di Torino. Seria Prima- Monumenti e Testi 2 (Torino 1970); aber vgl. auch den Kommentar zur Stelle im TLA); aber die Lücke ist eigentlich etwas zu lang dafür. Daher hat auch Meyrat, a.a.O., 76–77 nach ṯꜣw noch eine kleine Lücke gelassen. Ob man vielleicht noch Ḥw, den personifizierten Ausspruch, ergänzen könnte, und der sitzende Mann mit Hand am Mund ein ungewöhnlicher Klassifikator dieser Personifikation ist? Hat man m[dw] n(.j) Sjꜣ n nṯr.w ṯꜣ[w Ḥw] n ḥnmm.t zu lesen: „die W[orte] von Sia für die Götter und den Hauch [von Hu] für das Sonnenvolk“? Allerdings wäre dafür die Lücke wiederum zu kurz, selbst wenn man davon ausgeht, dass hier keine Genitiv-Nisbe gestanden hat.

2 (K. Stegbauer) G. Posener, Notes de transcription, in: Revue d’égyptologie 28, 1976, 146–148, hier 148 hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Verse denen aus pTurin Cat. 1993 (= pTurin CGT 54051), W. Pleyte – F. Rossi, Papyrus de Turin (Leiden 1869), Taf. 133, 6–10 ähnlich sind. Jedoch scheint die grammatikalische Struktur abzuweichen. In pTurin 1993 liegt eine Reihung von jnk-Sätzen vor. Im vorliegenden Text sind offensichtlich nur Epitheta aneinander gereiht, ohne jeweils mit einem eigenen Subjektspronomen versehen zu sein. So bleibt der Bezug der Epitheta durch die großflächigen Zerstörungen grammatikalisch unklar. Inhaltlich wird freilich der Schöpfergott gepriesen. Auch die Reihenfolge der Verse weicht von der der späteren Überlieferung ab. Da die Spuren zu Beginn von Z. 8 nicht zu der in pTurin 1993 erhaltenen Fortführung des Satzes passen, wurde auf eine Rekonstruktion anhand der Parallele verzichtet. Gleiches gilt für die Lücke am Ende von Z. 9.

3 (K. Stegbauer) Bruchstücke, nicht mehr übersetzbar.