Ostrakon Berlin P 5570

Metadaten

Alternative Namen
TM 89695
Aufbewahrungsort
Europa » Deutschland » (Städte A-G) » Berlin » Ägyptisches Museum und Papyrussammlung

Inventarnummer: P 5570

Erwerbsgeschichte

Im Inventarbuch des Berliner Museums werden keine Angaben zur Erwerbung gemacht, jedoch muss sich das Ostrakon mindestens seit 1911, dem Jahr seiner Erstpublizierung (Generalverwaltung (Hrsg.) 1911, 37–38, Taf. 27a–27), im Berliner Museum befinden.

Herkunft
(unbekannt)

W. Westendorf gibt als Herkunft "unbekannt" an (Westendorf 1999, 64).

Datierung
(Epochen und Dynastien) » Griechisch-Römische Zeit » Römische Zeit

Das Ostrakon wurde von G. Möller in die "Römische Zeit" datiert (Generalverwaltung (Hrsg.) 1911, 38, Taf. 27), ohne dies jedoch zu begründen. Hauptgrund hierfür dürfte die Paläographie gewesen sein. Die Trismegistos-Datenbank schränkt die unspezifische Datierung, ebenfalls ohne Angabe von Gründen, in die Zeit vor der Tetrarchie ein (30 v. Chr. – 284 n. Chr.).

Textsorte
Rezept(e)
Inhalt

Das Ostrakon ist nur fragmentarisch erhalten, jedoch sind sechs unvollständig erhaltene Rezepte zu erkennen. Bei dreien (Zeile 3, 5 und 6) ist noch die Überschrift „Ein anderes (Heilmittel)“ zu lesen. Die Zuweisung zu einer bestimmten Krankheit kann nicht unternommen werden. Die Vermutung von W. Westendorf aufgrund der Anwendungsanweisung sdm „schminken“ (Zeile 4), dass die Krankheit im Bereich des Kopfes oder noch genauer der Augenpartie zu lokalisieren sei (Westendorf 1999, 65), muss zurückgewiesen werden, denn sie beruht auf einer Fehllesung. In Wirklichkeit steht an der Stelle die Zubereitungsanweisung "werde fein gerieben zu [einer] Masse" (Quack 1999, 146, Anm. 9). Trotzdem spricht eine andere Anwendungsanweisung mit dem Verb gs „salben“ (Zeile 6) für eine äußerliche Anwendung des Heilmittels.

Material
Künstliche Materialien » Keramik
Objekttyp
Artefakt » Schriftmedien » Ostrakon
Technische Daten

Tonscherbe, mit schwarzer Tinte beschrieben, H × B 11,6 × 10 cm. Die ursprünglichen Maße des Textträgers sind nicht mehr auszumachen, da das Ostrakon am unteren, oberen und linken Rand nicht vollständig erhalten ist. Insgesamt befinden sich 9 Zeilen Text auf dem konvexen Recto (ehemalige Außenseite des Gefäßes) der Tonscherbe, wobei der Beginn der 8. Zeile ausradiert wurde und der Anfang der 9. Zeile zerstört ist. Die Leserichtung verläuft von rechts nach links. Das konkave Verso (ehemalige Innenseite des Gefäßes) ist unbeschriftet.

Schrift
Hieratisch

Es existieren keine Rubra.

Sprache
Ägyptisch-Koptisch » Ägyptisch » Mittelägyptisch

Der Text besteht im Wesentlichen aus einer Auflistung von Produkten sowie zwei knappen Anwendungshinweisen (unpersönliches Passiv), wie sie in mittelägyptischen medizinischen Texten anzutreffen sind. Es gibt keinen Hinweis auf die Verwendung jüngerer Sprachformen.

Bearbeitungsgeschichte

Ein Faksimile mit hieroglyphischer Umschrift des Ostrakons wurde 1911 von der Generalverwaltung der Königlichen Museen zu Berlin (Generalverwaltung (Hrsg.) 1911, 37–38, Taf. 27a–27) veröffentlicht. Danach wurde es von F. Jonckheere (Jonckheere 1954, 56–59) und im „Grundriss der Medizin der alten Ägypter“ (von Deines – Grapow – Westendorf 1958 I, 315; von Deines – Grapow – Westendorf 1958 II, 236; Grapow 1958, 542–543) mit hieroglyphischer Transkription, Übersetzung sowie Kommentar, von T. Bardinet mit Übersetzung (Bardinet 1995, 479) und schließlich von W. Westendorf (Westendorf 1999, 64–65), ebenfalls mit Übersetzung und Kommentar, veröffentlicht.

Editionen

- Bardinet 1995: T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l'Égypte pharaonique. Traduction intégrale et commentaire (Paris 1995), 479.

- von Deines – Grapow – Westendorf 1958 I: H. von Deines – H. Grapow – W. Westendorf, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. IV,1. Übersetzung der medizinischen Texte (Berlin 1958), 315.

- von Deines – Grapow – Westendorf 1958 II: H. von Deines – H. Grapow – W. Westendorf, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. IV,2. Übersetzung der medizinischen Texte. Erläuterungen (Berlin 1958), 236.

- Generalverwaltung (Hrsg.) 1911: Generalverwaltung (Hrsg.), Schriftstücke der VI. Dynastie aus Elephantine. Zaubersprüche für Mutter und Kind. Ostraka, Hieratische Papyrus aus den Königlichen Museen zu Berlin 3 (Leipzig 1911), 37–38, Taf. 27a–27.

- Grapow 1958: H. Grapow, Grundriss der Medizin der alten Ägypter. V. Die medizinischen Texte in hieroglyphischer Umschreibung autographiert (Berlin 1958), 542–543.

- Jonckheere 1954: F. Jonckheere, Prescriptions médicales sur ostraca hiératiques, in: Chronique d’Égypte 29 (57), 1954, 46–61, hier: 56–59.

- Westendorf 1999: W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I 36,1 (Leiden/Boston/Köln 1999), 64–65.

Literatur zu den Metadaten

- Quack 1999: J. Quack, Ein neues medizinisches Fragment der Spätzeit (pAshmolean Museum 1984.55 rt.), in: ZÄS 126, 1999, 141–149 und Taf. 13, hier: 146, Anm. 9.

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Autoren
Dr. Ines Köhler

Übersetzung und Kommentar

oBerlin P 5570

[... ... …], [x+1] tbt.t-Pflanze, Wasser, Leber (?), [… ... ...
… ... ...], Dill, šꜣms-Pflanze, [… ... ... (werde gesalbt? o.ä.)] damit (?).
Ein anderes (Heilmittel):
frischer Weihrauch,1 Sesamöl, Dickmilch, [… ... ...
… ... ...] Blatt der Tamariske.
(Es) werde zerrieben zu [einer] Masse2 [... ... ...
[…] [x+5] an vier Tagen3.
Eine wirklich erfolgreiche Methode!
Ein anderes (Heilmittel):
frisches Fett, [… ... ...
Ein anderes (Heilmittel):
frische Dickmilch, njꜣjꜣ-Pflanze.
(Es) werde gesalbt [... ... ...
[Ein anderes (Heilmittel):]
… ... ...], Weihrauch, ḫt-ds-Baum, njꜣjꜣ-Pflanze4, ebenso.
(Ein anderes Heilmittel:)
Frischer Weihrauch, njꜣjꜣ-Pflanze, […]
... ...], ...?..., frischer Abschaum/Bodensatz, [... ... ...

1 snṯr wꜣḏ: wꜣḏ wurde lange als Quantenangabe oder ein (zweites) Topf-Determinativ angenommen (ähnlich der tj-Keule: G. Möller, Hieratische Paläographie. Die ägyptische Buchschrift in ihrer Entwicklung von der fünften Dynastie bis zur römischen Kaiserzeit. Bd. 3. Von der zweiundzwanzigsten Dynastie bis zum dritten Jahrhundert nach Chr. (Osnabrück 1965 (= 1936)), Nr. 401, oder Topf: G. Möller, Hieratische Paläographie. Die ägyptische Buchschrift in ihrer Entwicklung von der fünften Dynastie bis zur römischen Kaiserzeit. Bd. 3. Von der zweiundzwanzigsten Dynastie bis zum dritten Jahrhundert nach Chr. (Osnabrück 1965 (= 1936)), Nr. 498); das Zeichen tritt insgesamt fünfmal auf: bei Weihrauchharz (snṯr) (2mal), (Rinder-)Fett (ꜥḏj), Sauermilch (smj) und gꜣš-Flüssigkeit (Abschaum? Hefe ?). Mittlerweile darf die Lesung als wꜣḏ „frisch“ (s. dazu in P Wien x+VIII, 9–14 snṯr wꜣḏ „frischer Weihrauch“, J. F. Quack, [Review] W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I 36,1 (Leiden/Boston/Köln 1999), in: Orientalische Literaturzeitung 94, 1999, 455462, hier: 462 und Quack 1999, 146, Anm. 9) als gesichert gelten (E-Mail 29.01.2015 von Juliane Unger/Heidelberg).
2 nḏ m (j)ḫ.t [wꜥ.t]: „es werde zerrieben zu einer Masse“: siehe Quack 1999, 146, Anm. 9 für diese Korrektur. Früher wurde 1/64 sdm.t: "5 ro, Schminke/werde geschminkt" gelesen.
3 vier Tage: Die Behandlungsdauer (Zeile 5) gibt Jonckheere 1954, 56; 58 als Besonderheit mit „5 Tagen“ an (so auch Möller in der Erstedition). Das Zahlzeichen 4 ist jedoch wie das in einer Datumsangabe (G. Möller, Hieratische Paläographie. Die ägyptische Buchschrift in ihrer Entwicklung von der fünften Dynastie bis zur römischen Kaiserzeit. Bd. 3. Von der zweiundzwanzigsten Dynastie bis zum dritten Jahrhundert nach Chr. (Osnabrück 1965 (= 1936)), Nr. 659) geschrieben (berichtigt von von Deines – Grapow – Westendorf 1958 II, 236, Anm. 5; Westendorf 1999, 64, Anm. 85).
4 njꜣjꜣ-Pflanze: Auch jnjw geschrieben. Vermutlich Polei-Minze (Mentha pulegium), die im pEbers bei Magenbeschwerden u.ä. eingesetzt wird. Möglich ist auch eine Behandlung im gynäkologischen Zusammenhang; B. Long, A propos de l’usage des menthes dans l’Égypte ancienne, in: Anonymous (Hrsg.), Mélanges Adolphe Gutbub (Montpellier 1984), 145–159: zur Geburtserleichterung. Möglich wäre das, da der Haupbestandteil Pulegon zu Krämpfen im Unterleib führt; wahrscheinlich aber scheint die Verwendung als Mittel zum Abbruch einer Schwangerschaft (R. Jütte, Lust ohne Last. Geschichte der Empfängnisverhütung (München 2003), 68).