science in ancient egypt

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Glossar

Bandwurm
Definition:

Ägyptisch pnd (zu ḥfꜣ.t, was in älteren Bearbeitungen als Bandwurm angesehen wird, s. den Kommentar dort): Schon H. Joachim, Papyros Ebers. Das älteste Buch über Heilkunde (Berlin 1890), XVII vermutet hierin Taenia, einen Bandwurm, genauer Taenia mediocanellata (alias Taenia saginata), den Rinderbandwurm, wobei er als einziges Argument aber anführt, dass nach Plinius, N.H. XXVII, Kap. 119 [sic, korrekt wäre Kap. 120, s. hier: https://archive.org/details/dienatugeschicht01plin = N.H. XXVII,24] Bandwürmer in Ägypten verbreitet seien; und da „die alten Aegypter das Schweinefleisch verschmähten“, käme nur Taenia mediocanellata in Frage. Auch B. Ebbell, Alt-ägyptische Bezeichnungen für Krankheiten und Symptome, Skrifter utgitt av Det Norske Videnskaps-Akademi i Oslo. II. Hist.-Filos. Klasse 1938 (Oslo 1938), 34 sieht in pnd eine Bezeichnung des Bandwurmes, v.a. von Taenia mediocanellata, wenn auch mit anderer Argumentation: Neben pnd wird im pEbers noch der ḥfꜣ.t-Wurm genannt. Da Letzteres (genauer eigentlich: ḥfꜣ.w) auch die Schlange bezeichnen könne, würde damit wohl eher ein runder Wurm gemeint sein, und daher würde pnd vielleicht eher den Bandwurm meinen, dessen Glieder beim Stuhlgang abgingen und der deshalb erkennbar war. Die späteren Übersetzer des pEbers sind dagegen zurückhaltend und bleiben bei „pnd-Wurm“ u.ä.

Jüngst hat sich T. Pommerening, Medical Re-Enactments. Ancient Egyptian Prescriptions from an Emic Viewpoint, in: M. C. Guidotti – G. Rosati (Hrsg.), Proceedings of the XI[th] International Congress of Egyptologists, Florence Egyptian Museum, Florence, 23-30 August 2015, Archeopress Egyptology 19 (Oxford 2017), 519–526 wieder für die Identifizierung von pnd mit Taenia und dessen Proglottiden ausgesprochen, ohne dies aber auf eine bestimmte Taenia-Art einzuschränken. Das von Ebbell angeführte Argument der Form hält sie für unwahrscheinlich (ohne explizit auf Ebbell zu referieren), da es in der ägyptischen Sprache keine konkreten Adjektive für die Unterscheidung rund–flach gebe (S. 520-521). Durch Nachkochversuche kommt sie zu dem Schluss, dass ḥfꜣ.t wohl ein Oberbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Eingeweidewürmer sein könnte. Für pnd würde dagegen „Bandwurm“ recht gut passen, weil in Eb 67 die njꜣjꜣ-Pflanze (= Polei-Minze?) dagegen verschrieben wurde und auch in arabischen Texten Minze gegen Bandwürmer verschrieben würde (S. 252 mit Anm. 13).

L.P.

Blätter/Zweige (?)
Definition:

Ägyptisch ꜥẖm.w. H. Grapow – H. von Deines, Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VI (Berlin 1959), 108-109 vermuten, dass es sich um kleine Zweige handeln könnte, an denen die Blätter noch dran sind. Eine genaue Bedeutung des Wortes lässt sich nicht festlegen.

L.P.

Blutfraß
Definition:

Die Identität der Krankheit wnm znf: „Fressen des Blutes” ist umstritten; trotz scheinbar ähnlicher Wortbildung ist sie wohl nicht identisch mit dem koptischen Kompositum ⲟⲩⲁⲙⲥⲛⲟϥ, wörtl.: „das, was das Blut frisst“ (erwähnt bei W.C. Till, Die Arzneikunde der Kopten (Berlin 1951), 35 = W.E. Crum, A Coptic Dictionary (Oxford 1939), 479a = Rossi, Papiri copti 1.4, S. 64c (Kap. 24), vgl. S. 99 = L.-T. Lefort, Les pères apostoliques en copte édités, Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium 135 (Louvain 1952), 86a (Kap. VII.3)). Denn bei der Krankheit wnm (n) znf scheint das Blut selbst zu fressen (s. Eb 722), es liegt Infinitiv + semantisches Subjekt/Agens vor. Das koptische ⲟⲩⲁⲙⲥⲛⲟϥ ist dagegen Participium coniunctum + Objekt.

B. Ebbell, Die ägyptischen Krankheitsnamen, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 63 1928, 71-75, 115-121, hier 118-119 denkt bei wnm (n) znf an Skorbut, vorrangig weil die Krankheit den jeweiligen Kontexten nach an verschiedenen Stellen der Körperoberfläche auftritt, einmal jedoch auch dezidiert an den Zähnen, und weil sie mit Blutaustritten verbunden ist. Dass in die ägyptische Krankheitsbezeichnung auch andere hämorrhagische Krankheiten eingeschlossen sein könnten, schließt er aber nicht generell aus. In B. Ebbell, The Papyrus Ebers. The Greatest Egyptian Medical Document (Copenhagen, London 1937), 102 übersetzt er dann „‚blood-eating‘ (i.e. scurvy)“. Auf seine Identifikation gehen die Hinweise auf Skorbut im Alten Ägypten zurück, hauptsächlich innerhalb der Medizingeschichte (vgl. explizit etwa G.H. Bourne, Vitamin C in the Animal Cell, in: L. V. Heilbrunn – F. Weber (Hrsg.), Protoplasmatologia. Handbuch der Protoplasmaforschung. Bd. II.B.2.b.α (Wien 1957), 71-161, hier 72 [= S. 2]), oder H. Zöllner & R. Giebelmann, Kulturhistorische Betrachtungen über Vitamin C, in: Ernährungslehre und Praxis 5 2005, 17-20, hier 17), aber auch innerhalb der Ägyptologie (bspw. G. Keil, Der Papyrus Ebers und die Medizin des Abendlandes, in: H.-W. Fischer-Elfert (Hrsg.), Papyrus Ebers und die antike Heilkunde. Akten der Tagung vom 15.-16.3.2002 in der Albertina/UB der Universität Leipzig (Wiesbaden 2005), 11-39, hier 29 mit Bezug auf das Rezept Eb 749, das „Skorbut, Epulis oder Parulis“ bespreche). Die wenigen Informationen, die aus den Kontexten zu gewinnen sind, sind allerdings nicht ausreichend für eine sichere Identifikation des ägyptischen Begriffs wnm (n) znf mit Skorbut, auch wenn Skorbut als selbst an Mumien nachgewiesen ist (Pommerening, Krankheit und Heilung (Ägypten), 2009, in: www.bibelwissenschaft.de/stichwort/24048 (zuletzt geprüft: 01.02.2019)). H. Grapow, Kranker, Krankheiten und Arzt. Vom gesunden und kranken Ägypter, von den Krankheiten, vom Arzt und von der ärztlichen Tätigkeit, Grundriß der Medizin der alten Ägypter III (Berlin 1956), 68 listet Skorbut unter den Termini auf, bei denen Vorsicht geboten ist, und H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Erste Hälfte (ꜣ-r), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.1 (Berlin 1961), 187 zieht sich auf ein rein wörtlich übersetztes „Blutfraß“ zurück. Weder T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l’Égypte pharaonique, Penser le médecine (Paris 1995), noch W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), sprechen bei wnm (n) znf von Skorbut.

L.P.

Datteltrester
Definition:

Ägyptisch zrm.t, einmal, in Eb 54, nur zrm. Den Kontexten nach ein Dattelprodukt. Während diese Droge in den medizinischen Texten nur mit dem Krug, also als Flüssigkeit, klassifiziert ist, gibt es außerhalb der medizinischen Texte auch Schreibungen mit dem Rohstoffklassifikator Gardiner N33. Im Grab des Antefoqer dient zrm.t als Speise und nicht als Getränk, und in den medizinischen Texten sollen fast alle Medikamente, in denen zrm.t vorkommt, gegessen und nicht getrunken werden. Aus diesem Grund vermutet R. Germer, Untersuchung über Arzneimittelpflanzen im Alten Ägypten. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg (Universität Hamburg 1979), 160-161, dass es neben dem zrm.t-Dattelgetränk auch eine feste zrm.t-Substanz gab, die vielleicht aus dem Rückstand (Trester) gepresster Datteln bestand.

A.H. Gardiner, Ancient Egyptian Onomastica. Vol. II (Oxford 1947), 234*-235*, Anm. 563 vermutet ebenso, dass zrm.t „grain-like or at least semi-solid in the dry state“ sei. Als Argumente dienen ihm

  • das Grab des Ptah-schepses in Abusir, in dem zrm.t zusammen mit einer Getreidesorte und Erdmandeln genannt ist und mit drei Getreidekörnern determiniert ist (Gardiner Sign-list M33 und nicht nur die unspezifischeren drei Kreise N33A, wie Gardiner, AEO sie wiedergibt; vgl. das Foto in M. Verner, Abusir I. The Mastaba of Ptahshepses, Excavations of the Czech Institute of Egyptology (Prague 1977), 187, Abb. 10);
  • generell die Klassifizierung mit Gardiner N33A und Pluralstrichen;
  • die Position des zrm.t unter den Getreidearten im Onomastikon des Amenemope.

Das koptische Derivat ist ⲥⲟⲣⲙ: „Hefe, Bodensatz“.

L.P.

Dja
Definition:

1 (NR-)Dja = 300 ccm.

Für die Lesung des hieratischen Zeichens (in der Literatur aus pragmatischen Gründen manchmal vereinfachend mithilfe des +-Zeichens wiedergegeben) als Abkürzung für die Einheit 1 Dja, und für das Dja als Standardmaßeinheit vordemotischer medizinischer Texte, s. etwa T. Pommerening, Neues zu den Hohlmassen und zum Medizinalmasssystem, in: S. Bickel – A. Loprieno (Hrsg.), Basel Egyptology Prize 1. Junior Research in Egyptian History, Archaeology, and Philology (Basel 2003), 201–219; Dies., Altägyptische Rezepturen metrologisch neu interpretiert, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 26 (1), 2003, 1–16; oder Dies., Healing Measures. Dja and Oipe in Ancient Egyptian Pharmacy and Medicine, in: R. David – J. Cockitt (Hrsg.), Pharmacy and Medicine in Ancient Egypt. Proceedings of the Conferences Held in Cairo (2007) and Manchester (2008), BAR International Series 2141 (Oxford 2010), 132–137.
Das Dja-Maß bezieht sich auf das Scheffelmaß Hekat, d.h. im Mittleren Reich auf das einfache oder das doppelte Hekat, in den medizinischen Texten vermutlich auf das einfache Hekat. Das Dja des Neuen Reiches und damit auch der „großen“ medizinischen Handschriften, wie dem Papyrus Ebers, Papyrus Hearst oder Papyrus Berlin P. 3038, bezieht sich auf das Vierfach-Heqat = die Oipe (19,2 Liter). Daher ist 1 NR-Dja = 1/64 Oipe = 300 ccm, s. T. Pommerening, Die altägyptischen Hohlmaße, Studien zur Altägyptischen Kultur, Beihefte 10 (Hamburg 2005), 267-268 und die oben genannte Literatur.
Das Maßsystem der medizinischen Texte des Neuen Reiches stellt sich damit wie in der folgenden Tabelle dar:

 
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Das Zeichenset der Reihe (a) ist dasselbe, mit dem auch der Scheffel bemessen wurde, und wird daher in hieroglyphischen Transliterationen der hieratischen medizinischen Texte traditionell mit den Bestandteilen des Horusauges wiedergegeben. Während in der Literatur regelmäßig ein linkes Auge abgebildet wird, wird es hier gespiegelt, um den Abgleich mit transkribierten hieratischen Texten zu erleichtern, die der Schriftrichtung des Hieratischen gemäß in neueren Edition von rechts nach links geschieben sind:

                               

 

Hieroglyphisch sind die Teile des Horusauges allerdings erst im Neuen Reich belegt, und die Gleichsetzung mit den älteren hieratischen Zeichen ist wohl nur sekundär (für eine Zusammenfassung der Diskussion s. J. Ritter, Closing the Eye of Horus. The Rise and Fall of „Horus-eye Fractions“, in: A. Imhausen – J. M. Steele (Hrsg.), Under One Sky. Astronomy and Mathematics in the Ancient Near East, AOAT 297 (Münster 2002), 297–323). Besonders die Brüche für 1/2 und 1/16 zeigen keine Ähnlichkeit mit dem Hieroglyphischen, sondern wirken sogar so, als wäre die Position der Augenwinkel miteinander vertauscht.

Das Zeichenset der Reihe (b) besteht aus ganz normalen Bruchzahlen.

Diese unterschiedliche Notation der Brüche, und das unklare Bezugssystem v.a. der Reihe (b) hat lange Zeit die Analyse der Rezeptmengen erschwert. Ältere Umrechungen sind im Grunde seit der Analyse von Pommerening obsolet. Das betrifft zunächst das Scheffelmaß selbst: Schon sehr früh wurde erkannt, dass die hieratischen Zeichen der Reihe (a) Äquivalente eben der Bestandteile des Horusauges waren und damit grundsätzlich dem Scheffelmaß „Hekat“ entsprachen. Allerdings wurden die so geschriebenen Brüche der medizinischen Texte bislang stets auf das einfache Hekat bezogen, während Pommerening herausarbeitete, dass dies nur für die medizinischen Texte des Mittleren Reiches zutrifft (s. dazu auch den Eintrag zum MR-Dja), während sich das Dja des Neuen Reiches auf das vierfache Hekat und damit die vierfache Menge bezieht.
Das Bezugssystem der Reihe (b) und damit das Verhältnis zwischen den Reihen (a) und (b) stellte lange Zeit ein Problem dar. Aus den Aufgaben 66 und 88 des mathematischen Papyrus Rhind ergibt sich die Gleichung 1 Hekat = 10 Hin = 320 Ro; daraus folgt: 1/64 Hekat = 5 Ro (kurioserweise auch in deutschen Übersetzungen meist klein geschrieben: „ro“, wohingegen das Hin-Maß, deutschen Rechtschreibregeln entsprechend, groß geschrieben wird: „Hin“). Die Verhältnisse der Maße zueinander wurde dagegen lange kontrovers diskutiert:

  • In der grundlegenden Arbeit zum Maßssystem speziell des Papyrus Ebers und generell der medizinischen Texte (F.L. Griffith, The Metrology of the Medical Papyrus Ebers, in: Proceedings of the Society of Biblical Archaeology 13, 1891, 392–406 und 526–538) schlug Griffith (S. 396-397) vor, die Reihe (b) auf das Hin zu beziehen, weil die dadurch erreichten Werte gut zu den Umrechnungen von Hekat in Hin des mathematischen Papyrus Rhind, Nr. 80-81, passen. Dem Bezug auf das Hin folgt B. Ebbell, The Papyrus Ebers. The Greatest Egyptian Medical Document (Copenhagen, London 1937), 16; und noch W. Westendorf, Grammatik der medizinischen Texte, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VIII (Berlin 1962), § 161 favorisiert diesen Ansatz, wenn er auch den Ansatz von Grundriß der Medizin IX schon nennt.
  • Im Jahr 1958 waren die Mitarbeiter des Berliner Wörterbuches noch unsicher, wie sich die Reihen (a) und (b) zueinander verhalten (vgl. H. von Deines – H. Grapow – W. Westendorf, Übersetzung der medizinischen Texte, Grundriß der Medizin der alten Ägypter IV.1 (Berlin 1958), vi). Während die Reihe (a) im Grundriß der Medizin IV/1 in „ro“ umgerechnet wird, wird die Reihe (b) als reine Stammbrüche ohne Einheit wiedergegeben. Im Jahr 1973 schlagen dann H. von Deines – H. Grapow – W. Westendorf, Ergänzungen. Drogenquanten, Sachgruppen, Nachträge, Bibliographie, Generalregister, Grundriß der Medizin der alten Ägypter IX (Berlin 1973), 4-5 vor, in den 1/64 Hekat = 5 Ro das Standardmaß der medizinischen Texte zu sehen. Grundlage dafür bildet, dass schon K. Sethe, Von Zahlen und Zahlworten bei den alten Ägyptern und was für andere Völker und Sprachen daraus zu lernen ist. Ein Beitrag zur Geschichte von Rechenkunst und Sprache, Schriften der Wissenschaftlichen Gesellschaft in Straßburg 25 (Straßburg 1916), 81 und A.H. Gardiner, Egyptian Grammar Being an Introduction to the Study of Hieroglyphs 3(Oxford 1957 (Repr. 2001)), § 266, S. 198 schreiben, dass das Ro mithilfe der normalen Stammbrüche unterteilt würde, also genau so, wie die Brüche der Reihe (b) aussehen. Hauptargument des Grundrisses war jedoch, dass bei einem Bezug auf Hekat oder Hin in Mitteln, die getrunken werden sollen, das Verhältnis von festen zu flüssigen Bestandteilen nicht stimmen würde. Die denkbare, noch kleinere Einheit von 1 Ro als Bezugsmaß schließt der Grundriß wiederum aus, weil dann „der kleinste Bruch von 1/64 ro praktisch wohl kaum meßbar gewesen ist.“ Außerdem würde sich so die Bruchreihe der Scheffelmaße logisch fortsetzen.
  • W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999) will schließlich die Reihe (b) nicht auf 5 Ro, sondern auf das kleinere 1 Ro beziehen; in dem oft vorkommenden „Einerstrich“ sieht er zum einen eine Verkürzung von zu einem senkrechten Strich, alias „5 Ro“, daneben aber auch eine Schreibung für „1 Ro“, was im mathematischen Papyrus Rhind  und  geschrieben ist (G. Möller, Hieratische Paläographie. Die ägyptische Buchschrift in ihrer Entwicklung von der fünften Dynastie bis zur römischen Kaiserzeit. Bd. 1. Bis zum Beginn der achtzehnten Dynastie (Osnabrück 1965 (= 1927)), Nr. 714). (NB: Diese Belegung des Striches mit doppelter Bedeutung veranlasst ihn, im Rezept Eb 119 zwei verschiedene Maße als Alternative anzugeben.) Die Fälle, in denen 2, 3 oder 4 Einerstriche geschrieben sind, interpretiert er als Abkürzung für die entsprechenden Maße „2 ro“, „3 ro“ und „4 ro“. Unterstützung sieht er durch ein Set von Messbechern, das sich mit diesen Maßen deckt (vgl. dagegen Pommerening, in: Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte 26/1, 5).
  • Die französischsprachigen Editionen tendierten meist dazu, die Reihe (b) auf das Hekat zu beziehen, also in der Reihe (a) und (b) nur unterschiedliche Notationen desselben Maßsystems zu postulieren: So zuerst F. Jonckheere, Le papyrus médical Chester Beatty, La médecine égyptienne 2 (Bruxelles 1947), 60, später G. Lefebvre, Essai sur la médecine égyptienne de l’époque pharaonique (Paris 1956), 61 (vgl. auch seine Grammaire de l’égyptien classique, Bibliothèque d’étude 12 (Le Caire, 2. Auflage, 1955), § 213bis [noch nicht in der 1. Auflage von 1940]); beide schreiben indifferent 1/x. Jonckheere setzt zusätzlich die Umrechnung in Ro dahinter. S. Sauneron, Un traité égyptien d’ophiologie. Papyrus du Brooklyn Museum No. 47.218.48 et .85, Bibliothèque générale 11 (Le Caire 1989), 196-197 bezieht ebenfalls beide Reihen auf das Hekat und vermutet in Reihe (a) das Notationssystem für Flüssigmaße und in Reihe (b) das Äquivalent für Raummaße. Auch T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l’Égypte pharaonique, Penser le médecine (Paris 1995) bezieht beide Reihen auf das Hekat. Seine Fließübersetzung scheint zwar noch eine ähnliche Unsicherheit wie im Grundriß der Medizin IV/1 widerzuspiegeln und rechnet nur die Reihe (a) in die Maßeinheit Ro um, während die Reihe (b) ebenfalls ohne Einheit bleibt. Doch zeigt seine Einleitung, S. 29, dass er die so geschriebenen Brüche auf das Hekat umrechnet.
    Erst B. Lalanne – G. Métra, Le texte médical du Papyrus Ebers. Transcription hiéroglyphique, translittération, traduction, glossaire et index, Langues et cultures anciennes 28 (Bruxelles 2017), 264 brechen mit der französischsprachigen Tradition und beziehen Reihe (b), wohl implizit Westendorf folgend, auf 1 Ro.

Zusammenfassend stellt sich damit das favorisierte Bezugssystem der Reihe (b) so dar*:
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[*nach Grundriß der Medizin IX, 5. NB: Die zum Dja gegebenen Umrechnungswerte sind durch die von Pommerening gegebenen zu ersetzen; s. dazu die obere Tabelle.]

L.P.

ḏwjw
Definition:

Nur in den Rezepten Eb 45 und Eb 47 genannt; beide Male in derselben Verbindung mit sḫt. Es ist geschrieben, als wäre es der Topf von Wb 5, 551.6-7. Da sḫt in den wenigen anderen Fällen ein Teil oder Produkt von Gans und Ente zu sein scheint, könnte man auch ḏwjw trotz der Schreibung als Vogelbezeichnung verstehen (vgl. auch H. Grapow – H. von Deines, Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VI (Berlin 1959), 462). Ähnlich auch W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 511, der eine Verschreibung für möglich hält. Er verweist dazu auf den ähnlich geschriebenen Vogel von Wb 5, 551.8 und R. van der Molen, A Hieroglyphic Dictionary of Egyptian Coffin Texts, Probleme der Ägyptologie 15 (Leiden 2000), 826.

L.P.

ḏꜣꜥ
Definition:

Eine nur selten genannte Droge. In Eb 38 für das Regeln von Bauchbeschwerden und in Eb 548 gegen Hautblasen verwendet. Nach einer Angabe des Brooklyner Schlangenpapyrus, § 65c handelt es sich dabei um eine sm.w-Pflanze, die in der „Sprache der Asiaten“ grbn genannt würde und „überall wächst“ (rd m s.t nb.t). S. Sauneron, Un traité égyptien d’ophiologie. Papyrus du Brooklyn Museum No. 47.218.48 et .85, Bibliothèque générale 11 (Le Caire 1989), 90-91 verbindet die Bezeichnung grbn mit arabisch (< persisch(?)) „gulban“ und damit der Saat-Blatterbse, Lathyrus sativus L. Diese Vermutung wird zitiert bei R. Germer, Handbuch der altägyptischen Heilpflanzen, Philippika 21 (Wiesbaden 2008), 165-166, die aber skeptisch bleibt, weil die Saat-Blatterbse „in der ägyptischen Volksmedizin“ nicht verwendet würde. H.-W. Fischer-Elfert (mdl. Hinweis) erwägt einen Zusammenhang mit akkadisch kirbānu (eqli), der wilden Kamille(???).

L.P.

Feder-des-Nemti
Definition:

In einer Glosse in Edfu II 211,7 als Bezeichnung für „Rohr aus Kusch“ genannt, das aber bislang nicht identifiziert ist. Früher wurde der Name „Thots Feder“ gelesen, mit dem Pflanzennamen πτερόν ἴβεως, „Ibisfeder“, des Pseudo-Apuleius verglichen, dem πεντάφυλλον des Dioskurides, und als Kriechendes Fünffingerkraut identifiziert (ähnlicher Name und ähnlicher Gebrauch, vgl. W.R. Dawson, Studies in Egyptian Medical Texts–IV, in: Journal of Egyptian Archaeology 20, 1934, 185-188, hier, 186). Zu der neuen Lesung als „Feder des Nemti“ s. E. Graefe, Der Drogenname Šwt-Nmtj (zu Berlev’s Aufsatz in der Festschrift Korostovtsev 1975), in: Göttinger Miszellen 18, 1975, 15–20. Die Gleichung mit dem πτερόν ἴβεως ist damit nicht mehr möglich, weil die Assoziation „Thot“ = „Ibis“ entfällt. W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 306-307 hält es dagegen für denkbar, dass es aufgrund der Schreibvarianten in der Spätzeit zu Verwechslungen von Thots und Nemtis Namen gekommen sein könnte und daher die Identifizierung mit πτερόν ἴβεως nicht ganz auszuschließen ist.

L.P.

Gänsefett
Definition:
Fett eines nicht genau identifizierbaren Vogels, vielleicht der Gans. Weiterlesen...

Die hier gewählte Übersetzung gibt die beiden ägyptischen Drogennamen mrḥ.t + Vogel sowie ꜥḏ + Vogel wieder. Mrḥ.t und ꜥḏ können beide Fett und Öl bezeichen, und beide Drogen, Vogel-mrḥ.t und Vogel-ꜥḏ, werden ähnlich verwendet und können auch füreinander eintreten, vgl. H. Grapow – H. von Deines, Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VI (Berlin 1959), 120, 268-269 und 606-607. Die genaue Lesung des Vogels ist allerdings unsicher. In den medizinischen Texten kommt Vogel-ꜥḏ nur in dieser abgekürzten Schreibung vor. Außerhalb der medizinischen Texte gibt es auch noch ꜥḏ-Fett von der -Gans (pHarris I, 15a,8 und 63c,15) sowie von der sr(j)-Gans (pAnastasi IV, 15,10 und oGardiner 25, Zl. 6). Auf den Anastasi-Beleg verweist auch J.W.B. Barns, Five Ramesseum Papyri (Oxford 1956), 26, Kommentar zu Kolumne C,8, wo er mit Verweis auf Gardiner vorschlägt, den abgekürzt geschriebenen Beleg im pRamesseum IV ebenfalls ꜥḏ-sr zu lesen. Vogel-mrḥ.t gibt es in den medizinischen Texten auch noch von njw: „Strauß“, von z.t: „Spießente“, dem gn.w-Vogel und der ṯrp-Gans (s. DrogWb, 259). Insgesamt sieht jedoch DrogWb, 607 keinen Grund, dass die abgekürzte Schreibung für eine dieser spezifischeren Drogennamen steht, und spricht sich auf S. 606 dafür aus, den Vogel schlicht als Abkürzung für das generische Wort ꜣpd: „Vogel“ zu lesen, hauptsächlich deswegen, weil die koptische Medizin die Drogenbezeichnung ⲱⲧ ⲛ̄ ⲱⲃⲧ̄ < *ꜥḏ n ꜣpd kennt. (NB: Darauf verweist bereits L. Stern, Glossarium, in: G. Ebers (Hrsg.), Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die Arzeneimittel der alten Ägypter in hieratischer Schrift. Vol. 2 (Leipzig 1875), 1–63, hier, 11, der trotzdem als Lesung ꜥḏ s.t vorschlägt, die einzige Kollokation, die bislang nicht belegt ist. Für Vogel-mrḥ.t schlägt er ebd., 24, die Lesungen mrḥ.t s.t oder mrḥ.t rʾ vor; G. Ebers, Papyrus Ebers. Die Maasse und das Kapitel über die Augenkrankheiten, in: Abhandlungen der Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 25 (2-3), 1889, 133–336, hier, 205 (und passim) entscheidet sich für mrḥ.t s.t.)

Neben der Lesung wäre auch die Bedeutung zu klären. Die gängige Eingrenzung auf Gänsefett (H. Joachim, Papyros Ebers. Das älteste Buch über Heilkunde (Berlin 1890); B. Ebbell, The Papyrus Ebers. The Greatest Egyptian Medical Document (Copenhagen, London 1937); G. Lefebvre, Essai sur la médecine égyptienne de l’époque pharaonique (Paris 1956); H. von Deines – H. Grapow – W. Westendorf, Übersetzung der medizinischen Texte, Grundriß der Medizin der alten Ägypter IV.1 (Berlin 1958); T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l’Égypte pharaonique, Penser le médecine (Paris 1995); W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999)) dürfte jedenfalls in erster Linie reine Konvention sein und geht vielleicht auf Georg Ebers selbst zurück, der in Ebers, Kapitel über die Augenkrankheiten, 205 (und passim) mit „Gänseschmalz“ übersetzt (obwohl gerade für die Vogelart s.t, die er als Lesung ansetzt, bereits zu seiner Zeit auch eine Identifikation als Ente diskutiert wurde, s. hier [letzter Zugriff: 26.01.2017]). Wenn man den Vogel ꜣpd liest, sollte dann unspezifisches Vogelfett gemeint sein, d.h. Fett eines beliebigen Vogels? Oder ist doch das Fett eines spezifischeren Vogels gemeint? Ursprünglich scheint das Wort ꜣpd wohl eine Ente bezeichnet zu haben (R.O. Faulkner, ꜣpd = „duck“, in: Journal of Egyptian Archaeology 38, 1952, 128) und wurde (ob als prototypischer Vogel schlechthin?) durch Bedeutungserweiterung zum Terminus für "Vogel". Ökonomisch betrachtet scheinen jedoch in Ägypten eher Gänse als prototypische Vögel gegolten zu haben. Zumindest sind Vogelnamen und -bezeichnungen hieroglyphisch eher mit der Gans als der Ente klassifiziert worden (s. Gardiner Sign-list, G 38 und G 39). Das ins Mittlere Reich zu datierende Ramesseumsonomastikon beginnt außerdem die Sektion zu den Vogelnamen mit Gänsenamen, konkret mit der -Gans. Im Demotischen und Koptischen konnte das Wort ꜣpd: „Vogel“ schließlich über eine Bedeutungseinengung konkret auch die Gans bezeichnen, W. Erichsen, Demotisches Glossar (Kopenhagen 1954), 29, W. Westendorf, Koptisches Handwörterbuch (Heidelberg 2008), 289. Das koptische ⲱⲧ ⲛ̄ ⲱⲃⲧ̄ kann also konkret „Gänsefett“ sein; und unter Berücksichtigung des Ramesseumsonomastikons könnte man vielleicht für die medizinischen Texte des Neuen Reiches ähnliches annehmen, zumal unter den Fetten, als deren Herkunft spezifischere Vögel genannt werden (s. oben), Fette von Gänsearten dominieren. Auch Bardinet und Westendorf übersetzen mit Gänsefett, wobei sie sich nicht dazu äußern, ob aus ähnlichen Gründen wie den hier geschriebenen oder aus anderen.

Das heißt, die Droge ist zwar als „Vogelfett“ zu lesen, aber es ist vielleicht „Gänsefett“ als das „Vogelfett“ par excellence gemeint.

 L.P.

Gebrochenes (?) von Datteln
Definition:

Ägyptisch wḏꜥ n bnr. wḏꜥ ist spezifischer Dattelteil. Der älteste Beleg, im pKahun, schreibt das Wort mit den gekreuzten Stäben, dem Klassifikator für das semantische Feld „trennen“ (vgl. den Kommentar bei Gardiner, Sign-list Z9). Dies lässt einen Zusammenhang mit wḏꜥ: „abtrennen“ zumindest vermuten, auch wenn dieses Verb sonst nicht mit den gekreuzten Stäben geschrieben ist. Auch R. Germer, Untersuchung über Arzneimittelpflanzen im Alten Ägypten. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg (Universität Hamburg 1979), 155 vemutet einen Zerkleinerungszustand der Dattel.

L.P.

geraden Darm
Definition:

Ägyptisch qꜣb-mꜣꜥ: Nur in Eb 191 und dem Parallelrezept Eb 194 genannt. L. Stern, Glossarium, in: G. Ebers (Hrsg.), Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die Arzeneimittel der alten Ägypter in hieratischer Schrift. Vol. 2 (Leipzig 1875), 1-63, hier 21b vermutet hier einen Beleg von mꜣꜥ in der Bedeutung „offen sein, sich zeigen u.ä.“ („patere, patefacere, praebere, efficere“); vgl. zu dieser angenommenen Grundbedeutung von mꜣꜥ: „richtig sein, richtig machen“ H. Brugsch, Hieroglyphisch-demotisches Wörterbuch. Bd. II (Leipzig 1968), 574. Ob Stern hier wirklich an einen „offenen Darm“ dachte, ist mangels einer Übersetzung unklar.
Die von Brugsch übernommene Grundbedeutung ist inzwischen obsolet, die Grundbdeutung von mꜣꜥ ist eher „wahr sein, richtig sein“ (Wb-Vormanuskript, Blatt 7440). G. Takács, Etymological Dictionary of Egyptian. Vol. 3, m-, Handbuch der Orientalistik I.48.3 (Leiden 2008), 46 meint, die „original idea“ der Wortfamilie mꜣꜥ durch „to (be) direct(ed) in the right direction“ zusammenfassen zu können. Von der Grundbedeutung „richtig, wahr“ ausgehend, übersetzen H. Joachim, Papyros Ebers. Das älteste Buch über Heilkunde (Berlin 1890), 41 („wirkliche[r] Darmkanal“) und B. Ebbell, The Papyrus Ebers. The Greatest Egyptian Medical Document (Copenhagen, London 1937), 48 („the real intestine (rectum?)“). Ebbels Präzisierung auf „rectum“ geht vielleicht auf Wb 5, 9.18 zurück, wo qꜣb-mꜣꜥ apodiktisch mit „Mastdarm (rectum)“ übersetzt ist – ob dies wiederum auf dieselbe Grundbedeutung „richtiger Darm“ zurückgeht (vgl. H. Grapow, Anatomie und Physiologie, Grundriß der Medizin der alten Ägypter I (Berlin 1954), 80) oder auf die Idee, hier den „geraden Darm“ zu haben (so H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Zweite Hälfte (h-ḏ), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.2 (Berlin 1962), 877; die Wortbildung würde dem intestinum rectum entsprechen), ist unklar. Ähnlich verkürzt sind dann G. Lefebvre, Essai sur la médecine égyptienne de l’époque pharaonique (Paris 1956), 129 („rectum“) sowie H. von Deines – H. Grapow – W. Westendorf, Übersetzung der medizinischen Texte, Grundriß der Medizin der alten Ägypter IV.1 (Berlin 1958), 89, W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 579 und S. Radestock, Prinzipien der ägyptischen Medizin. Medizinische Lehrtexte der Papyri Ebers und Smith. Eine wissenschaftstheoretische Annäherung, Wahrnehmungen und Spuren Altägyptens 4 (Würzburg 2015), 139 (jeweils „Mastdarm“). T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l’Égypte pharaonique, Penser le médecine (Paris 1995), 277 scheint das Wort übergangen zu haben, denn er übersetzt nur „les intestines“.
Wenn man mit J.H. Walker, Studies in Ancient Egyptian Anatomical Terminology, Australian Centre for Egyptology. Studies 4 (Warminster 1996), 221-245 annimmt, dass pḥ.wyt das Rektum ist, kann qꜣb-mꜣꜥ allerdings nicht dasselbe meinen, weil Eb 191 = 194 dann tautologisch wäre. Walker selbst diskutiert dieses Rezept nicht.
Etwas anders ist die Übersetzung von B. Lalanne – G. Métra, Le texte médical du Papyrus Ebers. Transcription hiéroglyphique, translittération, traduction, glossaire et index, Langues et cultures anciennes 28 (Bruxelles 2017), 79, die in mꜣꜥ einen Einschub sehen: „dans les intestines, en vérité, jusqu’à l’anus“. Als Einschub wirkt mꜣꜥ etwas unmotiviert, es fragt sich aber tatsächlich, ob es wirklich ein Attribut zu qꜣb sein muss. Sollte es ein Stativ sein, etwa von „führen“, der parallel zu hꜣi̯.y zu interpretieren ist: „hinabgestiegen zum Darm und geführt zum Rektum“? Dies würde auch den Wechsel der Präposition erklären: r pḥ.wyt in Eb 191, n pḥ.wyt in Eb 194, denn mꜣꜥ kann beide Präpositionen nach sich ziehen. Als Gegenargument müsste man allerdings geltend machen, dass mꜣꜥ: „führen, leiten“ sonst in den medizinischen Texten nicht belegt ist, außer höchstens in der ganz unsicheren Stelle Eb 873d.

L.P.

gngn.t
Definition:
Eine unbekannte Pflanze. Weiterlesen...

Eine unbekannte Pflanze. B. Ebbell, The Papyrus Ebers. The Greatest Egyptian Medical Document (Copenhagen, London 1937), 133 schlägt eine Identifizierung als „Senna“ vor. G. Charpentier, Recueil de matériaux épigraphiques relatifs à la botanique de l’Égypte antique (Paris 1981), Nr. 1302 vergleicht mit koptisch ϭⲓⲛϭⲓⲛ, das vielleicht die Rauke bezeichnet. Diesem Vorschlag folgt W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 509. R. Germer, Handbuch der altägyptischen Heilpflanzen, Philippika 21 (Wiesbaden 2008), 148 zweifelt dagegen einen Zusammenhang mit der koptischen Pflanze an, weil (1) die Blätter von gngn.t, im Gegensatz zu denen von ϭⲓⲛϭⲓⲛ, nicht in offizineller Anwendung belegt sind, und weil (2) in manchen Rezepten „Mehl“ von gngn.t verwendet würde, was nicht zur Rauke passen würde. Gegen Ersteres ist einzuwenden, dass sich die Verwendung der Pflanze zum Koptischen hin geändert haben könnte. Zweites ist sicher ein wichtiges Argument; und selbst wenn man „Früchte“ statt „Mehl“ liest – die beiden Wörter sind im Ägyptischen homograph, was in manchen Kontexten die Übersetzung erschwert – widerspricht das ebenfalls einer Deutung als Rauke, weil Raukengewächse keine „Früchte“ besitzen. Bardinet, Papyrus médicaux gibt die Pflanze mit „fève-gengenet“ wieder; seine Spezifizierung als Bohnengewächs basiert sicher darauf, dass die Pflanze in Eb 28 mit der „kretischen Langbohne“ verglichen wird.

L.P.

Großer-Schutz
Definition:

Wörtliche Übersetzung des ägyptischen Drogennamens zꜣ-wr. Dieser ist mit dem Rohstoffklassifikator Gardiner Sign-list N33 geschrieben, der allgemein auf ein Mineral, eine Frucht oder einen anderen Pflanzenbestandteil hindeuten kann.

J. Lieblein, Bemerkungen zum Papyrus Ebers, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 18, 1880, 127-129, hier 129 nimmt die Bedeutung „großer Schutz“ wörtlich und bringt das ägyptische Kompositum mit einer Clematis-Art zusammen, die laut Dioskurides, De Materia Medica IV, 7 von den Ägyptern φυλάκουον bezeichnet würde. Da dies kein ägyptischer Name sei, hält Lieblein es für eine Lehnbildung nach dem Ägyptischen, die sich des griechischen Wortfeldes φυλάσσω: „bewachen“ etc. bediene.

H.L.E. Lüring, Die über die medicinischen Kenntnisse der alten Ägypter berichtenden Papyri verglichen mit den medicinischen Schriften griechischer und römischer Autoren (Leipzig 1888), 92 lehnt diese Gleichsetzung ab, weil er die Zuverlässigkeit des Dioskurides bei der Nennung ägyptischer Namen anzweifelt. Stattdessen sieht er ebd. und auf S. 145, Anm. 1 im ägyptischen zꜣ-wr den Ursprung des σῶρυ des Dioskurides, das er für ein echt ägyptisches Wort hält. Neben der vermuteten Ähnlichkeit der beiden Wörter findet er Parallelen in der Anwendung von zꜣ-wr bei Augenleiden sowie in Brech- und Abführmitteln mit derjenigen von σῶρυ bei Dioskurides und Plinius bei Augenleiden und in Mitteln gegen Harnprobleme. Lürings Gleichsetzung des ägyptischen und griechischen Drogennamens ist seitdem oft gefolgt worden, etwa von B. Ebbell, The Papyrus Ebers. The Greatest Egyptian Medical Document (Copenhagen, London 1937), 133. Auch J.R. Harris, Lexicographical Studies in Ancient Egyptian Minerals, Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Institut für Orientforschung. Veröffentlichungen 54 (Berlin 1961), 179-180 hält eine Gleichsetzung von zꜣ-wr mit σῶρυ weiterhin für denkbar, zumal die Schreibung des demotischen Belegs dafür spräche, dass zꜣ-wr „a stone“ sei.

Allerdings ist überhaupt unklar, worum genau es sich bei σῶρυ handelt, weshalb es selbst bei einer Gleichsetzung mit der ägyptischen Droge unklar bliebe, was diese ist: Liddell/Scott denken an „a kind of ore, perhaps ferrous sulphate, melanterite“, Bailey an „disintegrating pyrites“ (Lit. nach Harris). Auf diese Kommentierung geht sicher der Eintrag bei R. Hannig, Großes Handwörterbuch Ägyptisch - Deutsch (2800-950 v. Chr.). Die Sprache der Pharaonen (Marburger Edition), Kulturgeschichte der Antiken Welt 64, 4. Auflage (Mainz am Rhein 2006), 707, Nr. 25818 zurück, wenn er zu zꜣ-wr schreibt: „*Sory-Mineral/Erz (kupfer- od. eisenhaltig)“. Folgt Harris auch Lüring bezüglich der Verknüpfung von zꜣ-wr mit σῶρυ, so folgt er allerdings dessen Etymologie nur partiell. Harris führt das oft mit σῶρυ zusammen genannte μίσυ an, das sich vom akkadischen „musu“ herleite; analog dazu hält Harris ein gemeinsames akkadisches Wort bzw., allgemeiner: eine semitische Wurzel für denkbar, worauf einerseits das ägyptische zꜣ-wr und andererseits das griechische σῶρυ zurückgehen.

Dawson (nach J.W.B. Barns, Five Ramesseum Papyri (Oxford 1956), 16) spricht sich gegen die Gleichsetzung von zꜣ-wr mit σῶρυ aus. Aufgrund der Anwendungsgebiete von zꜣ-wr vermutet Dawson darin eher ein Harz als ein Mineral. Dieser Deutung als Harz wird etwa in frankophonen Arbeiten, wie T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l’Égypte pharaonique, Penser le médecine (Paris 1995), passim gefolgt. J.-C. Goyon, Le recueil de prophylaxie contre les agressions des animaux venimeux du Musée de Brooklyn. Papyrus Wilbour 47.218.138, Studien zur spätägyptischen Religion 5 (Wiesbaden 2012), 69, Anm. 2 vergleicht sogar mit hebräisch צרי: „Harz“. H.-W. Fischer-Elfert, Rez. zu: Goyon, Jean-Claude, Le recueil de prophylaxie contre les agressions des animaux venimeux du Musée de Brooklyn. Papyrus Wilbour 47.218.138, 2012, in: Lingua Aegyptia 20, 2012, 281-288, hier 285 lehnt in seiner Rezension zu Goyon diese Gleichsetzung aus phonologischen Gründen jedoch ab.

R. Germer, Untersuchung über Arzneimittelpflanzen im Alten Ägypten. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg (Universität Hamburg 1979), 181-183 und R. Germer, Handbuch der altägyptischen Heilpflanzen, Philippika 21 (Wiesbaden 2008), 106-107 ist bezüglich der Identifizierung unsicher. Ihrer Meinung nach spricht das Fehlen eines Pflanzenklassifikators gegen ein Pflanzenharz, das Vorkommen in Räuchermitteln eher dafür, weil brennbare duftende Substanzen eher unter Pflanzenharzen zu finden seien. W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 504 weist darauf hin, dass G. Charpentier, Recueil de matériaux épigraphiques relatifs à la botanique de l’Égypte antique (Paris 1981) zꜣ-wr nicht aufgenommen, es also wohl nicht für eine Pflanze gehalten hat. Er selbst bietet keinen weiteren Vorschlag, sondern belässt es in seiner Übersetzung bei „‚Großer Schutz‘ (Harz/Mineral) (zꜣ-wr)“.

L.P.

ḥfꜣ.t
Definition:

Meist, aber wohl fälschlich, mit dem Spulwurm identifiziert:

Sowohl H. Joachim, Papyros Ebers. Das älteste Buch über Heilkunde (Berlin 1890), XVII-XVIII, als auch B. Ebbell, Alt-ägyptische Bezeichnungen für Krankheiten und Symptome, Skrifter utgitt av Det Norske Videnskaps-Akademi i Oslo. II. Hist.-Filos. Klasse 1938 (Oslo 1938), 34, identifizieren ḥfꜣ.t mit Ascaris lumbricoides; und wohl über Ebbells Übersetzung des Papyrus Ebers (B. Ebbell, The Papyrus Ebers. The Greatest Egyptian Medical Document (Copenhagen, London 1937), 130) dürfte diese Identifikation in medizinhistorische Arbeiten eingegangen sein. Die Argumente sind allerdings kaum ausreichend: Joachim verweist dazu auf pEbers 66,1 (= Rezept Eb 461), wo ein „schwarzer ḥfꜣ.t-Wurm“ gegen Ergrauen eingesetzt werden soll, und diese Farbcharakterisierung würde nicht zum Bandwurm, dafür aber zu Ascaris lumbricoides passen – obwohl dieser eher rosafarben bis weiß ist. Ebbell führt dagegen als Argument an, dass mit diesem Wort ḥfꜣ.t (korrekter wäre eigentlich: das maskuline Gegenstück ḥfꜣ.w) auch Schlangen bezeichnet würden und ḥfꜣ.t daher wohl generell einen rundlichen Wurm bezeichnet. Und da Ascaris lumbricoides in Ägypyten „sehr verbreitet ist, und da derselbe oft mit dem Stuhlgang abgeht, groß und deshalb leicht erkennbar ist, muß man ohne Zweifel an denselben denken“.

R. Germer, Untersuchung über Arzneimittelpflanzen im Alten Ägypten. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg (Universität Hamburg 1979), 56-57 und R. Germer, Handbuch der altägyptischen Heilpflanzen, Philippika 21 (Wiesbaden 2008), 30 denkt bei ḥfꜣ.t dagegen an den Bandwurm. Denn in vier Rezepten wird mnj.t n.t jnhm: „Wurzel des Granatapfelbaumes“ dagegen verschrieben. Die Rinde von Stamm und Wurzel enthält ein Alkaloid, das „ein sicheres Bandwurmmittel“ ist (Arzneimittelpflanzen, 57), das aber „keine anderen Wurmarten abtötet“ (Handbuch, 30), und deswegen geht sie davon aus, dass ḥfꜣ.t eben den Bandwurm bezeichnet.

T. Pommerening, Medical Re-Enactments. Ancient Egyptian Prescriptions from an Emic Viewpoint, in: M. C. Guidotti – G. Rosati (Hrsg.), Proceedings of the XI[th] International Congress of Egyptologists, Florence Egyptian Museum, Florence, 23-30 August 2015, Archeopress Egyptology 19 (Oxford 2017), 519-526 kommt in ihrer detaillierten Besprechung des Rezepts Eb 63 zu einem anderen Ergebnis: Germers Interpretation lehnt sie ab, weil sie voraussetzen würde, dass die Ägypter empirisches Wissen über die pharmaologische Überlegenheit der Granatapfelwurzel auf Bandwürmer gegenüber anderen Würmern habe (S. 520). Durch Nachkochversuche des Rezeptes Eb 63, in dem Granatapfelwurzeln zerstoßen und in Bier stehengelassen werden sollen, stellt Pommerening fest, dass eher das Wirkprinzip „similia similibus curantur“ vorliegt, denn das Ergebnis sieht aus wie eine Ansammlung von Würmern im Stuhl (s. eindrücklich S. 525, Abb. 8A/B). Einer Eingrenzung auf eine spezifische Gattung oder Art steht sie skeptisch gegenüber; sie vermutet in ḥfꜣ.t eher „a general term for intestinal ‚winding‘ worms“ (S. 525), der auch Taenia einschließe, ohne auf diesen beschränkt zu sein. Zu Pommerenings Argumenten ist aber einschränkend anzumerken, dass in Eb 66 der ḥfꜣ.t-Wurm und der pnd-Wurm nebeneinander genannt sind, und da letzterer eine spezifische Wurmart zu bezeichnen scheint, ist es eigentlich naheliegend, dass auch ersterer eine spezifischere Bedeutung hat.

L.P.

ḥm.w
Definition:

ḥm.w: Das Wb kennt vier verschiedene Lemmata:

  1. Wb 3, 81.20-21, ḥm.w: „in offizineller Verwendung“; mit dem Pflanzenklassifikator oder dem Korn N33 geschrieben;
  2. Wb 3, 82.1, ḥm.w: „Art Getreide“, mit dem Kornmaß mit Körnern (Gardiner Sign-List U 9) geschrieben. Beide Lemmata können auch mit doppeltem Schilfblatt geschrieben werden. Außerdem wird noch
  3. ein feminines ḥmw.t (Wb 3, 81.22, „in offizineller Verwendung“) und
  4. ein ebenfalls feminines ḥmy.t (Wb 3, 82.4) gelistet.

Auf den ersten Wb-Zetteln beider femininen Wörter wird auf das jeweils andere verwiesen. Bei Nr. (4) wird im Wb eine Lesung als ḥmꜣ.t: „Salz“ erwogen. In H. Grapow – H. von Deines, Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VI (Berlin 1959), 349 ist Nr. (1) noch einmal aufgespalten in ein eigenes Lemma für 81.20 und eines für 81.21 (als Bestandteil von kꜣkꜣ). Nr. (2), das in medizinischen Texten nicht verwendet wird, ist im DrogWb nicht extra genannt. Nr. (3) ist auf S. 350 als eigener Eintrag gelistet; Nr. (4) ist auf S. 345 als Schreibvariante von ḥmꜣj.t genannt, weil es in derselben Verbindung erscheint (vgl. S. 347). Das ḥmꜣj.t identifiziert V. Loret, Pour transformer un vieillard en jeune homme (Pap. Smith, XXI,9-XXII,10), in: Anonymous (Hrsg.), Mélanges Maspero I: Orient ancien, MIFAO 66 (Le Caire 1938), 853-877, hier, 866-876 mit dem Bockshornklee, weil die Gewinnung der Körner derjenigen von Graupen entspricht, die Pflanze allem Anschein nach bitter ist, man aus den Körnern ein Öl erhält und auch heute Öl aus Bockshornsamen offizinell verwendet wird; und weil die äußere Anwendung von ḥmꜣj.t im pSmith derjenigen entspricht, die in griechischen und arabischen Papyri mit diesem Öl verbunden wird. A.H. Gardiner, Ancient Egyptian Onomastica. Vol. I (Oxford 1947), 21 widerspricht dem, weil laut L. Keimer, Sur quelques petits fruits en faïence émaillée datant du Moyen Empire, in: Bulletin de l’Institut Français d’Archéologie Orientale 28, 1929, 49-97, hier 84 Bockshornklee ein später Import nach Ägypten sei, und Gardiner vermutet mit Verweis auf eine Stele Ramses’ II. in ḥmꜣj.t „the name of a fruit“. W. Helck, Materialien zur Wirtschaftsgeschichte des Neuen Reiches (Teil V). III. Eigentum und Besitz an verschiedenen Dingen des täglichen Lebens. Kapitel AI - AL: Einzelbetrachtungen von Lebensmitteln und Materialien, Akademie der Wissenschaften und der Literatur (Mainz): Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse 1964.4 (Mainz, Wiesbaden 1965), 194 (802) schließt sich Lorets Deutung von ḥmꜣj.t als Bockshornklee an und vermutet ferner in (hier:) Nr. (2) dasselbe Wort. J.J. Janssen, Commodity Prices from the Ramessid Period. An Economic Study of the Village of Necropolis Workmen at Thebes (Leiden 1975), 357-358 bespricht kurz Nr. (2), wofür er auf Lorets Identifizierung und Gardiners Zweifel hinweist, obwohl zumindest in Lorets Besprechung das Wb-Lemma Nr. (2) keine Rolle spielt. Über die Möglichkeit, dass es sich dabei um ein Getreide handelt, kommt er aber nicht hinaus. Zur Identifizierung von ḥm.w als Bestandteil von kꜣkꜣ trägt diese Diskussion allerdings nichts bei. Auf den DZA-Zetteln ist für ḥm.w in der Verbindung mit kꜣkꜣ die Bedeutung „Blätter“ angegeben.

L.P.

ḥsb.w
Definition:

ḥsb.w n wꜣḏ: „ḥsb.w-Paste (?) aus Malachit“: In medizinischen Kontexten nur im pEbers und dort nur drei Mal belegt: in Eb 533, 613 und 766b. Das Wort vor n wꜣḏ ist in allen drei Fällen mit dem „schlechten Paket“, Gardiner Sign-list Aa2, geschrieben, das in Eb 533 als Klassikator dient und in den anderen beiden Fällen als Logogramm; in Eb 613 und 766b hat es zusätzlich eine w-Endung und in Eb 766b ein Rechteck als Klassifikator. Die Lesung ist scheinbar durch Eb 533 vorgegeben, das die Einkonsonantenzeichen und p vor dem schlechten Paket stehen hat. Das suggeriert, dass es dasselbe Wort ẖp(ꜣ) ist, das als Bestandteil der ꜥš-Konifere, des Wacholders, des Afrikanischen Ebenholzbaumes und des Weihrauchs bekannt ist (H. Grapow – H. von Deines, Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VI (Berlin 1959), 412-413). Die Übersetzungen und Kommentierungen gehen tatsächlich davon aus, dass es sich um dasselbe Wort handelt (zu den entsprechenden Übersetzungen s. daher auch den Kommentar zur ẖpꜣ-Droge); aber immerhin nimmt DrogWb es als separates Lemma auf (413-414). J.J. Clère hatte dagegen in einem 1947-1948 vorbereiteten Artikel aufgrund von Pleneschreibungen in Tb 100/129 für die logographisch geschriebenen Belege die Lesung ḥsb.w vorgeschlagen, s. E. Iversen, Some Ancient Egyptian Paints and Pigments. A Lexicographical Study, Det Kongelige Danske Videnskabernes Selskab. Historisk-filologiske Meddelelser 34.4 (København 1955), 17. Iversen vergleicht daraufhin dieses ḥsb.w mit dem ḥsb.t-Gewürm und vermutet hinter dem ḥsb.w n wꜣḏ die Bezeichnungen ἰὸς σκώληξ: „Grünspan-Wurm“ von Dioskurides V 92 bzw. scolecia von Plinius, N.H. 34,28. Diese Interpretation wird von DrogWb, 127-128, Anm. 2 und 413-414, eben mit Verweis auf die Pleneschreibung ẖp(ꜣ) in Eb 533, zurückgewiesen. Ohne auf die Problematik der scheinbaren Pleneschreibung einzugehen, akzeptiert J.R. Harris, Lexicographical Studies in Ancient Egyptian Minerals, Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Institut für Orientforschung. Veröffentlichungen 54 (Berlin 1961), 144-145 die Lesung ḥsb.w (n wꜣḏ); Iversens Vergleich mit ἰὸς σκώληξ und scolecia lehnt er dennoch ab, weil sich der wurmähnliche Zustand dieses Produktes durch künstliches Rollen ergebe und kein natürlicher Zustand sei. Neben der Totenbuch-Passage, wonach ḥsb.w n wꜣḏ zur Herstellung einer magischen Barke verwendet werden soll, verweist Harris auf die Herstellung eines Siegels in Edfu aus demselben Material; außerdem verweist er darauf, dass es im Totenbuch als dq.w n ḥm.t wꜣḏ.t: „Pulver von grüner Fritte“ bezeichnet sei. Insgesamt hält er ḥsb.w n wꜣḏ für „related to frit, possibly the crushed malachite used in making it“ (S. 145). Eine ausführliche Diskussion des Wortes ḥsb.w, inklusive Auflistung und Besprechung der einzelnen auch hier angeführten Belege, findet sich dann in dem erwähnten Artikel von Clère, der erst 1979 in überarbeiteter Fassung erschienen ist (J.J. Clère, Recherches sur le mot [Aa2*Z7:O39] des textes gréco-romains et sur d’autres mots apparentes, in: Bulletin de l’Institut Français d’Archéologie Orientale 79, 1979, 285-310, zur Entstehungsgeschichte vgl. S. 309-310). Zu ḥsb.w n wꜣḏ und einem sicher gleichbedeutenden ḥsb.w wꜣḏ (mit Adjektiv statt Genitivverbindung) s. bes. 300-306. Nach Diskussion der Belege vermutet Clère auf S. 308 hinter ḥsb.w „une matière pâteuse ou plastique (qu’elle soit ou non de couleur verte)“. Für die Droge der medizinischen Texte hält er aufgrund der Pleneschreibung von Eb 533 dennoch eine Lesung ẖpꜣ n wꜣḏ für möglich (S. 306). Dennoch ist es denkbar, auch diese Belege denen von Clère hinzuzufügen: Eine Lösung findet sich schon bei W. Westendorf, Grammatik der medizinischen Texte, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VIII (Berlin 1962), § 9.d, der in Eb 533 eine „falsche Komplementierung eines Ideogramms“ vermutet. Es wäre also denkbar, dass sich der Schreiber in Eb 533 von der Droge ẖpꜣ hat leiten lassen – entweder aufgrund der ähnlichen Klassifizierung oder vielleicht eines äußerlichen Tertium comparationis, das allerdings bis zur genauen Identifizierung der ẖpꜣ-Droge unbekannt ist.

L.P.

ḫꜣs.yt
Definition:

W.R. Dawson, Studies in Egyptian Medical Texts-III, in: Journal of Egyptian Archaeology 20, 1934, 41-46, hier 45 vermutet aufgrund der Verwendungsweise und der Erwähnung von Ranken in dieser Pflanze die Zaunrübe (Bryonia). Diese Identifizierung wird von R. Germer, Untersuchung über Arzneimittelpflanzen im Alten Ägypten. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg (Universität Hamburg 1979), 291-292 abgelehnt, weil die genannten Anwendungsgebiete von ḫꜣs.yt zu allgemein sind, um es mit Bryonia zu vergleichen bzw. sich gerade die zu erwartenden Bestandteile bzw. Wirkungen von Bryonia kaum bis gar nicht in den Verwendungsbereichen von ḫꜣs.yt widerspiegeln. Dementsprechend lässt auch W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 550 die Übersetzung offen. T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l’Égypte pharaonique, Penser le médecine (Paris 1995), 253 bleibt bei „bryone“, versieht es aber mit einem Fragezeichen.

L.P.

Johannisbrot
Definition:

Ägyptisch ḏꜣr.t. V. Loret, Recherches sur plusieurs plantes connues des anciens Égyptiens (suite), in: Recueil de travaux relatifs à la philologie et à l’archéologie égyptiennes et assyriennes 15, 1893, 105-130, hier 124-130 (mit Besprechung älterer Vorschläge) versteht hierunter das Fruchtfleisch des Johannisbrotbaums, das getrocknet in den Rezepten als Süßstoff diente. In ptolemäischer Zeit sei die Bedeutung auf den ganzen Baum ausgedehnt worden und lebt im koptischen ϫⲓⲓⲣⲓ weiter, das Lorets Argumentationsbasis bildet. W.R. Dawson, Studies in Egyptian Medical Texts-III, in: Journal of Egyptian Archaeology 20, 1934, 41-46, hier 41-44 schließt Lorets Meinung aus, weil der Johannisbrotbaum medizinisch nutzlos sei und ḏꜣr.t nicht in Nahrungsmittellisten auftauche. Die Verwendung seines „Inneren“ und seines „Saftes“ spräche für eine fleischige Pflanze; die Klassifizierung mit dem Korn (Gardiner Sign-list N33) sei ein Indikator für kugelige Früchte. Dies, die Hinweise auf eine adstringierende Wirkung und den bitteren Geschmack, und schließlich Ähnlichkeiten in der Anwendung von ḏꜣr.t und der Koloquinte bei Ibn el-Beithar lässt ihn eher an die Koloquinte denken. Seine Deutung ist lang akzeptiert gewesen. R. Germer, Untersuchung über Arzneimittelpflanzen im Alten Ägypten. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg (Universität Hamburg 1979), 350-360 zweifelt dagegen Dawsons Deutung an, v.a. weil es angesichts der abführenden Wirkung der Koloquinte merkwürdig sei, nur viermal ḏꜣr.t in Abführmitteln zu finden. Sie enthält sich einer Identifizierung. S. Aufrère, Études de lexicologie et d’histoire naturelle I-III, in: Bulletin de l’Institut Français d’Archéologie Orientale 83, 1983, 1-31, hier 28-31 weist Dawsons Argument der Determinierung zu Recht als wenig aussagekräftig zurück (Gardiner Sign-list N33 dürfte tatsächlich eher als Klassifikator für [ROHSTOFF] angesehen werden als einer für [RUND]). Außerdem, so Aufrère, sei der Johannisbrotbaum zwar nicht in Ägypten heimisch, aber sein Holz sei seit der 12. Dynastie verwendet und der Baum damit importiert worden. Schließlich sei angesichts der starken Wirkung der Koloquinte die Häufigkeit und v.a. die Quantität, in der ḏꜣr.t in den Rezepten vorkommt, auffällig. Er schließt sich daher wieder Loret an und deutet ḏꜣr.t als Johannisbrot. Es ist jedoch zumindest anzumerken, dass in den medizinischen Texten auch die pr.t: „Frucht“ der ḏꜣr.t genannt wird, so dass anzunehmen ist, dass das Wort auch schon vor der ptolemäischen Zeit den ganzen Baum bezeichnen kann, sofern mit pr.t nicht die in den Schoten befindlichen Samen gemeint sind.

L.P.

Kauens
Definition:

Kauen, ägyptisch wšꜥ.w

Herkunft

Die ägyptische Krankheitserscheinung wšꜥ.w ist eine Ableitung vom Verb wšꜥ, bei dem es sich klar um ein Verb der Nahrungsaufnahme handelt. Das ist gesichert durch die Klassifizierung mit dem Elephantenzahn (Gardiner Sign-list F19), der auf einen Zusammenhang mit Zähnen hindeutet, und den sitzenden Mann mit Hand am Mund (Gardiner Sign-list A2), der bei Wörtern der geistigen Betätigung und der Nahrungsaufnahme steht, und zum anderen durch die Kontexte der Belege.

  1. Der primäre Fokus des Verbs scheint auf dem Vorgang des Kauens zu liegen. Denn es gibt Stellen im Papyrus Ebers (Eb 25, Eb 314), in denen der Patient angewiesen ist, mit einem Heilmittel wšꜥ zu machen und es dann mit einer Flüssigkeit (als Schluckhilfe?) hinunterzuschlucken (sꜥm). Auch das wšꜥ-machen von Natron und Weihrauch im Rahmen ritueller Reinigungen etwa in Tb 172 meint zunächst das Kauen und nicht zwangsläufig auch das Hinunterschlucken.
  2. In einem erweiterten Gebrauch kann das Verb dann auch den gesamten Vorgang der Nahrungsaufnahme inklusive dem Hinunterschlucken bezeichnen. Denn es steht bspw. in den Pyramidentexten, PT 688, in einer Konstruktion parallel zu dem Verb wnm, dem allgemeinen Oberbegriff für „essen“; und in Edfu (Edfou VII, 122, 12-15) werden dem Horus „jꜣrr.t-Weintrauben mit Saft“ angeboten, und er soll die Flüssigkeit „hinunterschlucken“ (ꜥm) und die Trauben/Rosinen (wnš) wšꜥ-machen. Diese und die anderen Belege zeigen, dass wšꜥ sich auf die Aufnahme fester Nahrung bezieht. Die Tatsache, dass es zuerst in den Pyramidentexten belegt ist und auch sonst häufig in religiösen Texten, wie dem Totenbuch oder dem Ritualtext zur Niederwerfung des Apophis, vorkommt, sowie die Tatsache, dass auch Feuer wšꜥ machen kann, dürfte der Grund sein, weswegen bei Übersetzungen gelegentlich ein Verb des gehobeneren Sprachregisters (wie „verzehren“) verwendet wird, etwa in Wb 1, 370.9-12.
  3. Im Neuägyptischen kann es dann auch von Tieren gesagt sein: So wird in pLansing 6,6 der verzweifelte Bauer beschrieben, der morgens sein Gespann nicht mehr findet, weil Schakale damit wšꜥ gemacht haben, und im Märchen von Wahrheit und Lüge auf pChester Beatty II, Z. 3,3-4 wird jemand einem wilden Löwen vorgeworfen, der anscheinend – die Stelle ist etwas verderbt – sofort wšꜥ mit ihm macht. In diesen Fällen könnte man wšꜥ vielleicht mit „(auf)fressen“ oder „verschlingen“ übersetzen.
  4. (4) Der demotische Nachfolger ist wš(e) (W. Erichsen, Demotisches Glossar (Kopenhagen 1954), 101), der koptische ⲟⲩⲱ(ⲱ)ϣⲉ, W. Westendorf, Koptisches Handwörterbuch, 2. Auflage (Heidelberg 2008), 282. Beide beziehen sich auf das Verzehren des Feuers.

Vorkommen

Das Substantiv wšꜥ.w ist bislang auf medizinische Texte beschränkt, scheint also ein Terminus technicus zu sein.

Der älteste Beleg, aus der 12.-13 Dynastie, stammt aus dem Veterinärmedizinischen Papyrus Kahun (dort nur mit dem Zahn und dem Wachtelküken geschrieben, was aber im Prinzip der Abkürung mit Zahn, w-Schleife und Pluralstrichen von Eb 615 entspricht). Dort ist der letzte noch erhaltene Krankheitsfall diesem Phänomen gewidmet, das zu unterschiedlichen Jahreszeiten an einem männlichen Rind auftritt oder zumindest zu unterschiedlichen Jahreszeiten an ihm beobachtet werden kann – die Beschreibung ist nicht eindeutig. Die Erscheinung geht mit krankhaften, aber nicht sicher spezifizierbaren Zuständen der Augen einher und soll mit einem Einschnitt oder Einstich behandelt werden.
Später taucht es nur in den großen Sammelhandschriften der späten 2. Zwischenzeit / des frühen Neuen Reiches auf: den Papyri Ebers, Hearst und Louvre E 32847. Außerdem kommt es noch je einmal auf pChester Beatty VI und auf pBerlin P 3038 vor, beide aus der 19. Dynastie. Das sollte jedoch nicht dahingehend missverstanden werden, dass dieses Phänomen zunächst bei Tieren beobachtet wurde und erst später dasselbe Konzept für dasselbe oder ähnliche Phänomen bei Menschen angewendet worden wäre. Vielmehr wird es Zufall sein, dass es nicht in den wenigen und bruchstückhaften (human)medizinischen Papyri des Mittleren Reiches vorkommt; und andererseits gibt es nur diesen einen veterinärmedizinischen Papyrus, so dass keine Aussage möglich ist, ob das Phänomen nicht auch noch in späterer Zeit bei Tieren beobachtet wurde.

In den (human)medizinischen Papyri kann wšꜥ.w prinzipiell an „allen  Körperteilen“ (ꜥ.t nb.t) vorkommen, explizit genannt werden im Papyrus Ebers Beine und Knie (H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Erste Hälfte (ꜣ-r), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.1 (Berlin 1961), 223) und im pLouvre E 32847, Vso. 4,6-11 die Arme (T. Bardinet, Médecins et magiciens à la cour du pharaon. Une étude du papyrus médical Louvre E 32847 (Paris 2018), 182-183). In der Beschwörung einer kranken Brust (Eb 811) werden die Untoten beschoren, kein wšꜥ.w zu verursachen; d.h. es kann prinzipiell auch im Brustbereich auftreten. Mit Eb 742 ist zudem ein Heilmittel für einen Zahn gegeben, dessen Zahnfleisch an der Öffnung im Zustand wšꜥ ist – hier ist ein Partizip des Verbs verwendet, nicht das Substantiv, aber prinzipiell sollte diese Stelle mit berücksichtigt werden.
Neben diesen Stellen, die eher für eine Lokalisierung von wšꜥ.w auf der Körperoberfläche sprechen, gibt es auch wenige Fälle, nach denen es im Körperinneren vorkommen kann. Deutlich ist Eb 662, ein Rezept gegen „wšꜥ.w eines mt-Gefäßes“. Mit mt.w sind alle strangartigen Teile im Inneren des Körpers gemeint, wie Adern, Venen, Sehnen, Nerven, Muskelfasern usw. – wenn B. Ebbell, Alt-ägyptische Bezeichnungen für Krankheiten und Symptome, Skrifter utgitt av Det Norske Videnskaps-Akademi i Oslo. II. Hist.-Filos. Klasse 1938 (Oslo 1938), 48-49 davon ausgeht, dass mt auch den Penis bezeichnen kann und auch Eb 662 zu den äußeren Krankheiten zu rechnen ist, dann nur deswegen, weil er für wšꜥ.w a priori die Bedeutung „jucken“ ansetzt (s.u.), was eben ein innenliegender Teil des Körpers nicht könne. Diese Behauptung wird zu Recht von allen anderen Bearbeitern implizit oder explizit abgelehnt; H. Grapow, Anatomie und Physiologie, Grundriß der Medizin der alten Ägypter I (Berlin 1954), 75 verweist darauf, dass schon zwei Wörter für den Penis verwendet würden und ein drittes daher unwahrscheinlich wäre. Eher im Inneren des Körpers zu lokalisieren ist wšꜥ.w auch in pLouvre E32847, Recto x+1,2-3 (leider mit zerstörtem Anfang). Dort soll eine Frau mit einer bnn.t-Geschwulst/Geschwür während der Menstruation, wenn die „Wurzel des Kanals“ Eiter hat und die Lunge gefüllt ist (?), einen Dämon anrufen, der sich in ihrem Körper befindet und der in ihrem Leisten-/Beckenbereich (npḥ.w) wšꜥ macht (Bardinet, ebd., 48-49).

Ziel der Rezepte ist meist sgr.t wšꜥ.w: „stillen (wörtl.: still/stumm machen) von wšꜥ.w“. Das Verb sgr.t kommt sonst in den medizinischen Rezepten nur noch im Zusammenhang mit Husten vor und lässt daher an einen Reiz denken. Die pharmakologische Behandlung erfolgt stets durch Salben und Verbinden der betroffenen Körperstelle, wie es für äußere Erscheinungen üblich ist – bemerkenswerterweise auch in Eb 662, so dass man in Betracht ziehen sollte, den Genitiv „wšꜥ.w eines mt-Gefäßes“ ernst zu nehmen und darin eine Art von wšꜥ.w zu verstehen, die zwar von einem mt-Gefäß im Körperinneren verursacht wurde, sich aber an der Körperoberfläche bemerkbar macht und dort behandelt werden soll.

Insgesamt tritt wšꜥ.w oft zusammen mit šf.wt auf. Letzteres ist eine Ableitung von šfu̯: „anschwellen“ und bedeutet wohl eine Art Schwellung.B. Ebbell, Die ägyptischen Krankheitsnamen, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 64 1929, 117-122, vermutet darin „Nässen, nässende Hautflechte“, denn es komme oft mit „Jucken“ vor (wšꜥ.w, s.u.); Eb 565 ist ein Mittel „zum Herausholen des Wassers“ aus šf.wt, und Eb 567 = H 128 ist dazu da, das Wasser aus šf.wt abgehen zu lassen. Außerdem käme es am gesamten Körper vor, mit „Vorliebe für die unteren Extremitäten“. Aus diesen Gründen sei es wohl eine äußerliche Erscheinung. Nur in Eb 39 und 585 erscheint es im Körper, was Ebbell damit erklärt, dass šf.wt von den Ägyptern wie andere Symptome und Krankheiten als von einer Materia peccans, einer krankmachenden Substanz im Körper, verursacht gedacht würde und daher auch schon dort bekämpft werden könne. Dass šf.wt generell Nässen bedeutet, lehnt H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Zweite Hälfte (h-ḏ), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.2 (Berlin 1962), 850 dagegen ab, weil das zu selten genannt ist und weil nie „Trocknen“ als Behandlung genannt sei; generell geht MedWb davon aus, dass šf.wt ein allgemeiner Begriff für eine Schwellung ist.
Weil in den Rezepten, in denen šf.wt und wšꜥ.w zusammen vorkommen, wšꜥ.w immer nach šf.wt genannt wird, nehmen H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Erste Hälfte (ꜣ-r), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.1 (Berlin 1961), 224 und W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 295 an, dass wšꜥ.w eine Folgeerscheinung von šf.wt ist. Dies war zunächst nur eine Hypothese, könnte aber nun durch pLouvre E 32847, Rto. 28,1-9 bestätigt werden, wo in einer Beschwörung die šff.yw und bnn.yw (und vielleicht weitere, in der Lücke stehende Entitäten?), d.h. wohl die für šf.wt bzw. bnn.wt verantwortlichen Dämonen, angerufen werden, neben anderen Dingen kein wšꜥ.w zu verursachen (T. Bardinet, Médecins et magiciens à la cour du pharaon. Une étude du papyrus médical Louvre E 32847 (Paris 2018), 155-156). In dem Lehrtext über šf.wt auf pLouvre E32847, Vso. 4,6-11 wird wšꜥ.w ferner als Teil oder Begleiterscheinung genannt, Bardinet, ebd., 182-183.

In Recto 21,1-4 wird in einer Beschwörung gegen die „Chons-Geschwulst“ (ꜥꜣ.t n.t Ḫns.w) eine nichtägyptische Form des Thot als „Pavian des Berges Laban“ angerufen, seinen feurigen Atem u.a. gegen šf.wt, ꜥ(r)ꜥ.wt und wšꜥ.w einzusetzen. Sowohl šf.wt als auch wšꜥ.w sind also ferner konstituierende Element der Chons-Geschwulst (Bardinet, ebd., 135-137). Auch im anschließenden Spruch gegen das Blut, das wohl bei der Behandlung der Chons-Geschwulst fließt, werden diese drei Elemente angesprochen und sollen vertrieben/beseitigt (dr) werden, Bardinet, ebd., 142.

Weiterhin sei erwähnt, dass die Rezeptgruppe Eb 592-602, die mit „Heilmittel gegen ‚Blutfraß‘ (wnm-snf) und wšꜥ.w“ überschrieben ist, auch ein Heilmittel zum „Beseitigen eines ‚Blutnestes‘ (sš-n-snf)“ und eines zum Beseitigen von Blut von einer Körperseite, eines zum „Herannahen-Lassen (d.h. Hervorbringen? stkn) von Eiter“ und eines zum Beseitigen einer Krankheit, die „im Inneren des Körpers ist“ enthält. Auch nach pLouvre E 32847, Rto. x+25,5-6 befindet sich Eiter im wšꜥ.w, vgl. Bardinet, ebd., 151. Je nachdem, wie sich „Blutfraß“, dessen Identität noch unklar ist (s. den Kommentar dort), und wšꜥ.w zueinander verhalten, und wie sich die in der Rezeptgruppe genannten Einzelrezepte zu diesen beiden Erscheinungen verhalten, könnte dies weiteren Aufschluss über die Identität dieser Erscheinung geben.

Bedeutung

Rein von der Grundbedeutung des Verbs wšꜥ ausgehend, könnte man das Nomen wšꜥ.w zunächst wertneutral als „Kauen“, „Verzehr/Verzehren“ oder „Fressen“ übersetzen. Klasssifiziert ist es meist mit dem Elephantenzahn allein (nur einmal noch zusätzlich mit dem Mann mit Hand am Mund) sowie mit Pluralstrichen, die aber keinen echten, grammatischen Plural anzeigen, sondern das Wort als Abstraktum klassifizieren. Im Rezept Eb 811 wird es statt mit Zahn und Pluralstrichen mit dem „schlechten Paket“ (Gardiner Aa2) und Pluralstrichen geschrieben, dem typischen Klassifikator medizinischer Texte für Krankheitserscheinungen, genauer: für Symptome und Urheber, vgl. T. Pommerening, Heilkundliche Texte aus dem Alten Ägypten: Vorschläge zur Kommentierung und Übersetzung, in: A. Imhausen – T. Pommerening (Hrsg.), Translating Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Greece and Rome. Methodological Aspects with Examples, BzA 344 (Berlin, Boston 2016), 175-279, hier 192. In vier anderen Rezepten, Eb 556, 591, 592 und 662, wird es mit dem Mineralienkorn und Pluralstrichen geschrieben, eigentlich einem typischen Klassifikator für Samen, Früchte, Mineralien u.ä. kugel- und/oder körnerförmige Drogennamen, sowie einmal, in Bln 24, mit dem Ei und Pluralstrichen, was für Zähflüssiges gebraucht wird (s. zu beidem u.a. Pommerening, ebd., 194). Die Ägypter scheinem dem wšꜥ.w-Phänomen demzufolge mitunter auch eine stoffliche Qualität zugeschrieben zu haben. Dafür spricht wohl auch, dass es in der Beschwörung von Eb 811 zwischen wsš.t: „Ausscheidung“ und snf: „Blut“ genannt wird. Außerdem wird es in pLouvre E 32847, Rto. 28,3 in einer Aufzählung von schädlichen Entitäten, die nicht im Körper entstehen sollen, neben mw: „Wasser, Flüssigkeit“ und ry.t: „Eiter“ genannt (Bardinet, ebd., 156; nebenbei bemerkt wird es dort noch zusätzlich mit der knöchernen Harpunenspitze Gardiner Sign-list T19 klassifiziert, als ob es etwas Knöchernen oder Knochenhartes wäre; aber die Schreibung wäre zunächst an einem Foto zu prüfen, bevor sie als sicher gelten kann).

Die in der Literatur oft zu findende Bedeutung „Jucken“ u.ä. basiert auf L. Stern, Glossarium, in: G. Ebers (Hrsg.), Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die Arzeneimittel der alten Ägypter in hieratischer Schrift. Vol. 2 (Leipzig 1875), 1-63, hier 57b, der wšꜥ.w mit „prurigo; mordacitas“ übersetzte, d.h. mit „Juckreiz; Bissigkeit, Beißen, Stechen“, wobei zu beachten ist, dass Stern alle Wörter ins Lateinische und nicht ins Deutsche übersetzte und daher hinter „prurigo“ nicht der medizinische Fachterminus mit allen ihm innewohnenden Charakteristika stecken mag, sondern nur das allgemeine lateinische Substantiv, das sowohl medizinische wie metaphorische Bedeutungen haben kann, s. C.T. Lewis – C. Short, A Latin Dictionary (Oxford 1879), s.v. „prurigo“. Erstmals explizit als „Symptom“ bezeichnet und damit als medizinischer Fachterminus verstanden, findet sich das „Jucken“ in Ebbells Besprechung von šf.wt (B. Ebbell, Die ägyptischen Krankheitsnamen, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 64 1929, 117-122). Sterns Bedeutung ist etwas apodiktisch vom Verb abgeleitet, das er ebd. mit „mandere, manducare, arrondere, inde cruciare“ übersetzte, d.h. als „kauen, nagen, und daher peinigen“; seine Assoziationskette für das Substantiv war also „Kauen“ > „Beißen“ > „Stechen“ > „Jucken“. Dass die späteren Übersetzungen des Wortes als „Jucken“ oder „Juckreiz“ direkt auf ihn zurückgehen, zeigt sich am deutlichsten in der Ebers-Übersetzung von H. Joachim, Papyros Ebers. Das älteste Buch über Heilkunde (Berlin 1890), der in 145, Anm. 1 die Gleichung „ušāu = prurigo“ gibt und es im Haupttext mit „Jucken“ übersetzt. Schon wenige Jahre später ist das Wort bei H.L.E. Lüring, Die über die medicinischen Kenntnisse der alten Ägypter berichtenden Papyri verglichen mit den medicinischen Schriften griechischer und römischer Autoren (Leipzig 1888), 35 ganz selbstverständlich als „Jucken und Kitzeln“ übersetzt und nicht weiter hinterfragt. W. Wreszinski, Der grosse medizinische Papyrus des Berliner Museums (Pap. Berlin 3038). In Facsimile und Umschrift mit Übersetzung, Kommentar und Glossar, Die Medizin der alten Ägypter 1 (Leipzig 1909), 53 (zu Bln 24) umschreibt die Bedeutung immerhin noch mit: „ein Leiden, das einen ‚kauenden‘ Schmerz hervorruft, also Jucken oder Stechen“. Im Wb 1, 370, 14 steht nur noch: „das Beissen, das Jucken (als Krankheitserscheinung)“, vgl. schon DZA 22.618.430. Ebbell, ebd. geht in seiner Besprechung des Wortes šf.wt davon aus, dass „wšꜥw unzweifelhaft die Bezeichnung für das Symptom ‚Jucken‘“ ist. Abschließend erwähnt er eine kurze Stelle bei G. Zoëga, Catalogus codicum Copticorum manu scriptorum qui in Museo Borgiano velitris adservantur (Romae 1810), 626-627, wo das Ende eines Rezeptes vorkommt, in dem mit ϣⲁⲃⲉ ein mögliches koptisches Derivat von šf.wt genannt ist, direkt gefolgt von einem Rezeptanfang gegen ⲯⲱⲣⲁ: „Scabies“ und ϩⲱⲕⲉ: „Jucken“ (aber nicht ⲟⲩⲱ(ⲱ)ϣⲉ!). Obwohl von Ebbell nicht explizit mit wšꜥ.w verbunden, könnte man vermuten, dass ihn dieser Text in seiner Annahme, dass šf.wt von Jucken begleitet ist und im pEbers eben wšꜥ.w dieses Jucken ist, weiter bestätigte. Auch spätere Übersetzungen gehen schlicht von der Bedeutung „Jucken“ aus. So B. Ebbell, The Papyrus Ebers. The Greatest Egyptian Medical Document (Copenhagen, London 1937), 87 („itching“), F. Jonckheere, Le papyrus médical Chester Beatty, La médecine égyptienne 2 (Bruxelles 1947), 17 („le prurit“), G. Lefebvre, Essai sur la médecine égyptienne de l’époque pharaonique (Paris 1956), 99 („démangeaisons“). H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Erste Hälfte (ꜣ-r), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.1 (Berlin 1961), 223 geht dagegen wieder zur Grundbedeutung zurück und übersetzt mit „Fressen“; W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 295 vermutet aufgrund des Zusammenhangs mit šf.wt und des zweimaligen Vorkommens mit „Blut“ bzw. „Blutfraß“ (wnm-snf), dass es eine „Schwellung“ sein könnte, „die in ein fressendes Geschwür übergeht“. Vermutlich wegen der oben genannten, von den Ägyptern angenommenen stofflichen Qualität hat T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l’Égypte pharaonique, Penser le médecine (Paris 1995), 205 u.ö. wšꜥ.w stets mit „substances-qui-rongent“ übersetzt.

L.P.

Knoblauchzehe
Definition:

Die vaginale Darreichungsform von ṯꜣ n.j ḥḏ.w (vgl. Papyrus Carlsberg VIII [Clb IV,1,x+4-x+6]) deutet darauf hin, dass es sich bei dieser Droge allem Anschein nach um die Zehe einer Knoblauchzwiebel handelt. Das altägyptische ṯꜣ ist im medizinischen Sinne auch als Klümpchen und in der Verbindung mit dem Wort ḥḏ.w als Maßangabe für diese Pflanze anzutreffen, vielleicht: Knolle oder Zehe. Wb 5, 342.1 schreibt: „von den kleinen Zwiebeln des Knoblauch“. Belegstelle in pKahun 28 3,17-19: ṯꜣ n.j ḥḏ.w; pEbers Kol. 97, 20-21: ṯꜣ n.j ḥḏ.w; pEbers Kol. 70, 8-9. Das Pflanzen-Determinativ M2 statt N33 („Kügelchen“) weist ebenfalls darauf hin, dass es sich um die Mengenangabe eines pflanzlichen Produktes handelt. Die Knoblauchzehe eignet sich ihrer Form nach gut zur vaginalen oder rektalen Applikation, vgl. etwa mit einem Zäpfchen. Knoblauchzehen als Vaginalzäpfchen kommen auch in der modernen naturheilkundlichen Gynäkologie zum Einsatz. 

Das altägyptische ḥḏ.w meint wortwörtlich eine helle (Gemüse)pflanze und kommt in den medizinischen Anweisungen sehr häufig zur Anwendung (T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l’Égypte pharaonique, Penser le médecine (Paris 1995), 244). Während V. Loret die Pflanze als Zwiebel (Allium cepa) identifiziert, gibt das Wörterbuch die zusätzliche Übersetzung als Knoblauch (Allium sativum) an. Zur Bedeutung und Verwendung der Zwiebel im Alten Ägypten siehe: R. Germer, Flora des pharaonischen Ägypten, Sonderschrift, Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Kairo 14 (Mainz 1985), 192. Zur Bedeutung und Verwendung von Knoblauch siehe: Germer, ebd., 195. Der medizinisch verwendete Teil der Pflanze – die Knoblauchwiebel – besteht auch 6-10 Zehen, die von einer weißen Hülle umschlossen sind. Dabei könnte eben diese weiße Hülle namengebend für die Pflanze sein. Der Körper einer Zwiebel ist von einer rot-bräunlichen Zwiebelschale umgeben, und weist rötlich-weißes Zwiebelfleisch auf. Laut Keimer wird daran eindeutig die Verbindung zwischen ḥḏ (weiß) und ḥḏ.w (Zwiebel) ersichtlich (L. Keimer, Die Gartenpflanzen im alten Ägypten. Bd. 2, Sonderschrift, Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Kairo 13 (Mainz 1984), 56). Die Verbindung zwischen weißer Farbe und Pflanzenname lässt sich bei beiden Lauchformen anbringen und kann deshalb nicht als Identifizierungsmerkmal herangezogen werden. Keimer weist darüber hinaus darauf hin, dass die ägyptische Schreibung für Knoblauch ḫṯn lautet und sich bis ins Koptische ϣϫⲏⲛ tradiert hat (Keimer, ebd., 60-61).

A.H.

Konyza (?)
Definition:

Ägyptisch jnnk.

V. Loret, La flore pharaonique d’après les documents hiéroglyphiques et les spécimens découverts dans les tombes, 2., erweiterte Auflage (Paris 1892), 68 erwähnt mit Verweis auf A. Bsciai, Peut-on trouver encore des mots nouveaux dans la langue Copte? Lettre a M. Revillout, in: Recueil de travaux relatifs à la philologie et à l’archéologie égyptiennes et assyriennes 7, 1885, 15-31, hier 25 den koptischen Pflanzennamen ⲉⲛⲅ, Var. ⲉⲛⲟⲩⲕ, der nach koptischen Versionen von Jesaja 55,13 [sic; Bsciais Angabe Jesaja 15,13 ist inkorrekt, vgl. W.E. Crum, A Coptic Dictionary (Oxford 1939), 56] dem griechischen Pflanzennamen κόνυζα entspricht, welche wiederum „par les botanistes“ mit Erigeron identifiziert worden sei (Loret, ebd., 67). Dieses koptische Wort entspricht Loret, ebd., 68 zufolge dem jnnk der medizinischen Texte, und beide bezeichnen ihm zufolge Erigeron aegyptiacus als einzige Erigeron-Art, die in Ägypten heimisch sei. Daneben verweist er auf eine weitere mögliche koptische Bezeichnung ⲛⲟⲩⲛⲕ, die nach den Scalae, Msc. par. XLIV, 338 einem arabischen „Sa’bar“ entspreche (d.h. eigentlich ṣaʿabar, صعبر, vgl. G. Jéquier, Matériaux pour servir à l’établissement d’un dictionnaire d’archéologie égyptienne, in: Bulletin de l’Institut Français d’Archéologie Orientale 19, 1-271, hier 140); und da diese Pflanzenbezeichnung unbekannt sei, korrigiert Loret sie zu „Sa’atar“ (d.h. ṣaʿatar, صعتر; wobei H. Munier, La Scala copte 44 de la Bibliothèque nationale de Paris. Transcription et vocabulaire. Tome 1. Transcription, Bibliothèque d’études coptes 2 (Paris 1930), 168, Zeile 33 und A.F. Khouzam, La langue Égyptienne au moyen âge. Le manuscrit Copte 44 de Paris de la Bibliothèque Nationale de France. Vol. IIa. Folios 47v-86v. Répertoires et Annexes (Paris 2006), 146, Zeile 25 bereits diese Form wiedergeben, so dass unklar ist, ob Loret und Jéquier sich verlesen haben oder Munier und Khouzam eine schon korrigierte Version abdrucken; variante Formen sind ferner سعتر und زعتر, s. H. Wehr – J.M. Cowan, A Dictionary of Modern Written Arabic, 3rd edition (New York 1976), 377 und 514).

Jéquier, ebd., 139-140 spricht beide Identifizierungsvorschläge kurz an und spricht sich eher für eine Gleichsetzung mit dem Thymian aus, weil die Eigenschaften von jnnk gegen Konyza sprechen würden. Sowohl Loret als auch Jéquier scheinen implizit davon auszugehen, dass es sich bei ⲉⲛⲅ und ⲛⲟⲩⲛⲕ um zwei verschiedene Pflanzen handelt, was sich in späteren koptischen Wörterbüchern allerdings nicht widerspiegelt.

Dawson vermutet in jnnk eher Mentha aquatica (J.W.B. Barns, Five Ramesseum Papyri (Oxford 1956),17).

R. Germer, Untersuchung über Arzneimittelpflanzen im Alten Ägypten. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg (Universität Hamburg 1979), 238-241 steht allen bisherigen Identifizierungsversuchen skeptisch gegenüber. Immerhin führt sie einen Hinweis von Helck an, demzufolge jnnk im pRamessum E, Fragment a (s. A.H. Gardiner, A Unique Funerary Liturgy, in: Journal of Egyptian Archaeology 41, 1955, 9-17, hier Taf. VI) als Räuchermittel im Bestattungsritual verwendet würde, wozu manche Anwendungen in medizinischen Texten passen würden. Allerdings ist der Beleg höchst unsicher: Weder wird das dort stehende jnn[---] nach dem Kotext zu schließen als Räuchermittel eingesetzt, noch ist überhaupt eine Verbindung des dortigen Wortes mit der jnnk-Pflanze sicher.

S. Aufrère, Études de lexicologie et d’histoire naturelle. VIII-XVII. Remarques au sujet des végétaux interdits dans le temple d’Isis à Philae, in: Bulletin de l’Institut Français d’Archéologie Orientale 86, 1986, 1-32, hier 24-26 vergleicht mit demotisch jng und, wie schon Loret, koptisch ⲉⲛⲅ. In Bln 78 wird ein Rezept mit jnnk als Mittel gegen einen Skorpionstich empfohlen, was s.E. eher für Konyza als für Thymian spricht, weil Letzteres nie als Mittel gegen tierische Gifte eingesetzt wird, Ersteres durchaus. Er spricht sich erneut für Konyza aus, ohne dies jedoch auf eine bestimmte Art einschränken zu wollen.

L.P.

Krankheitsauslöser (?)
Definition:

Ägyptisch wḫd.w. Zu dessen Deutung als allgemeine Bezeichnung für alle möglichen krankheitsauslösenden Entitäten, seien diese nun physisch greifbar (wie es Westendorfs Übersetzung „Schmerzstoffe“ impliziert) oder nicht, s. die Diskussion bei K.S. Kolta – H. Tessenow, „Schmerzen“, „Schmerzstoffe“ oder „Fäulnisprinzip“? Zur Bedeutung von wḫdw, einem zentralen Terminus der altägyptischen Medizin, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 127, 2000, 38-52.

L.P.

Kreuzkümmel
Definition:
Cuminum Cyminum L. Weiterlesen...

Cuminum Cyminum L. Seit L. Stern, Glossarium, in: G. Ebers (Hrsg.), Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die Arzeneimittel der alten Ägypter in hieratischer Schrift. Vol. 2 (Leipzig 1875), 1-63, hier 49 als Vorläufer des koptischen ⲧⲁⲡⲉⲛ, ⲧⲁⲡⲛ erkannt. Dessen Bedeutung „Kreuzkümmel“ wurde über Belegstellen im Alten und Neuen Testament und über arabische Erklärungen als „weißer Kümmel“ erschlossen (vgl. W.E. Crum, A Coptic Dictionary (Oxford 1939), 423). Die Indikationen von tpnn in den Rezepten korrespondieren gut mit der pharmazeutischen Wirkung von Kreuzkümmel (R. Germer, Handbuch der altägyptischen Heilpflanzen, Philippika 21 (Wiesbaden 2008), 154).

L.P.

kꜣkꜣ
Definition:

Das ägyptische kꜣkꜣ ist seit L. Stern, Glossarium, in: G. Ebers (Hrsg.), Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die Arzeneimittel der alten Ägypter in hieratischer Schrift. Vol. 2 (Leipzig 1875), 1-63, hier 34a oft für Rizinus gehalten worden – seit der Identifizierung von dgm mit Rizinus wäre das die zweite Bezeichnung dafür. Das basiert vor allem auf Herodot II, 94 und anderen griechischen Autoren, die schreiben, dass die Ägypter diese Pflanze als κίκι bezeichnet hätten (eine Zusammenstellung der Belege findet sich bei W.R. Dawson, Studies in Medical History. (a) The Origin of the Herbal. (b) Castor-Oil in Antiquity, in: Aegyptus 10, 1929, 49-72, hier 57-61). H. Brugsch, Hieroglyphisch-demotisches Wörterbuch. Enthaltend in wissenschaftlicher Anordnung und Folge den Wortschatz der Heiligen-und der Volks-Sprache und-Schrift der alten Ägypter. Nebst Erklärung der einzelnen Stämme und der davon abgeleiteten Formen unter Hinweis auf ihre Verwandtschaft mit den entsprechenden Wörtern des koptischen und der semitischen Idiome. Bd. VII (Leipzig 1882), 1237 bringt es mit hebräisch קיקיון: „Rizinus“ zusammen und kommt so, ohne Verweis auf das Griechische, ebenfalls zu dieser Bedeutung. Es gibt auch im Koptischen ein Wort ⲕⲓⲕⲓ, das laut W. Vycichl, Dictionnaire étymologique de la langue copte (Leuven 1983), 74 ebenfalls den Rizinus bezeichnet, genauer: die Pflanze, während ihm zufolge dgm die Bezeichnung der Rizinussamen sei. Das kann zumindest für die ältere Zeit nicht zutreffen, weil im pEbers mehrfach pr.t dgm: „Samen vom dgm“ und in Eb 251 auch mn.wt=f: „seine (nämlich des zuvor genannten dgm) Wurzeln“ genannt werden. Dgm kann also keine Bezeichnung von Samen sein, weil dann pr.t dgm tautologisch wäre, sondern muss eine Pflanzenbezeichnung sein. Auch fürs Koptische ist diese Unterscheidung problematisch, wenn die Scala Magna koptisches ⲕⲓⲕⲓ mit arabisch ﺣﺐ الخروع: „Samen vom Rizinus“ übersetzt (V. Loret, Les livres III et IV (animaux et végétaux) de la Scala Magna de Schams-ar-Riâsah, in: Annales du Service des Antiquités de l’Égypte 1, 1900, 48-63, hier 58, Nr. 192, auch erwähnt von Vycichl).

Die Übersetzung von kꜣkꜣ mit Rizinus ist auch schon früh angezweifelt worden: Bereits Gardiner zweifelte an der Identifizierung mit irgendeiner spezifischen Pflanze; mit Verweis auf pTurin Pleyte/Rossi 121 = pTurin CGT 54050, wo Tod durch kꜣkꜣ als Todesart zwischen Tod durch nh(.wt): „Bäume“ und Tod durch nbj.t: „Schilfrohr“ genannt wird, vermutet er, dass kꜣkꜣ eine allgemeine Bezeichnung für Pflanzen sei, und vermutet „a weed“ (DZA 30.562.270). Unter anderem mit Verweis darauf zweifelt auch Dawson, ebd., 66-67 an der Gleichsetzung kꜣkꜣ = κίκι. Als Ausschlussargumente führt R. Germer, Handbuch der altägyptischen Heilpflanzen, Philippika 21 (Wiesbaden 2008), 144 zudem an, dass nie Öl oder Samen von kꜣkꜣ genannt würden und das Wort auch nie mit dem Baum klassifiziert sei, was sie für Rizinus erwarten würde (und was bspw. für dgm auch belegt ist). Neben dem bereits von Gardiner angeführten Text gibt es weitere Textstellen, die eher dafür sprechen, dass dieses kꜣkꜣ zunächst eine allgemeine Pflanzenbezeichnung ist. D. Meeks, Mythes et légendes du Delta d’après le papyrus Brooklyn 47.218.84, Mémoires publiés par les membres de l’Institut français d’archéologie orientale 125 (Le Caire 2006), 83-84, Anm. 203 geht davon aus, dass es vielleicht eher „Buschwerk“ meinen könnte (so auch schon Dawson, ebd., 67: „scrub or brushwood“), da in diesem Papyrus, Zeile x+7,2 davon die Rede ist, dass unter dem Gott Schu das Wasser hervorquillt und die kꜣkꜣ-Pflanzen wachsen lässt – warum sollte es dort nur um Rizinus gehen? Auch wenn Ramses II. in den Beischriften zu den Kadeschschlacht-Reliefs, § 18 unter den Feinden wütet „wie Feuer in den kꜣkꜣ-Pflanzen”, würde eine Bedeutung wie „Buschwerk“ besser passen als „Rizinus“. T. Pommerening, Wege zur Identifikation altägyptischer Drogennamen. Eine kritische Betrachtung, in: P. Dils – L. Popko (Hrsg.), Zwischen Philologie und Lexikographie des Ägyptisch-Koptischen. Akten der Leipziger Abschlusstagung des Akademienprojekts „Altägyptisches Wörterbuch“, Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse 84 (3) (Leipzig, Stuttgart 2016), 82-111, hier 100-101, Anm. 115 hält diese Identifikation für „überzeugend“.

Es fragt sich, ob man dieses kꜣkꜣ mit dem kk.wt des pBremner Rhind, 18,25 (so schon R.O. Faulkner, The Bremner-Rhind Papyrus – II, in: Journal of Egyptian Archaeology 23, 1937, 10-16, hier 15) und dem kk der ptolemäischen Texte zusammenbringen kann (so auch P. Wilson, A Ptolemaic Lexikon. A Lexicographical Study of the Texts in the Temple of Edfu, Orientalia Lovaniensia Analecta 78 (Leuven 1997), 1091; anders offenbar G. Charpentier, Recueil de matériaux épigraphiques relatifs à la botanique de l’Égypte antique (Paris 1981), der unter Nr. 1239 zwar kꜣkꜣ und das kk.wt des pBremner Rhind verweist, aber keine Querverweise zwischen dieser Pflanze und kk, Nr. 1273 einfügt). Letzteres scheint ebenfalls eine allgemeine Pflanzenbezeichnung zu sein, denn Isis fordert in Edfu VI 66,11 Horus auf, auf Seth zu schießen, da er gerade auf einem Hügel ohne kk.w sei, demzufolge freie Sicht habe (s. Wilson). H. Brugsch, Hieroglyphisch-demotisches Wörterbuch. Bd. IV (Leipzig 1868), 1502, brachte dieses kk dagegen mit koptisch ⲕⲏⲕ, ⲕⲟⲩⲕⲓ, ⲕⲟⲩⲕⲉ zusammen, das „Rinde, Haut“ heißt. Hierfür brachte er eine geographische Inschrift aus Edfu an, derzufolge kk.w entfernt (? šzp) und durch „neue“ ersetzt werden sollen, woraus er schließt, das kk „eine vertrocknete, gleichsam zu bloßer Rinde gewordene Blume oder Pflanze“ meine. Die von ihm genannten koptischen Wörter gehen aber wohl vielleicht auf ägyptisches qq.t (Wb 5, 71.13), demotisches qwq (W. Erichsen, Demotisches Glossar (Kopenhagen 1954), 533) und qq.t (Erichsen, ebd., 551) zurück, vgl. W. Westendorf, Koptisches Handwörterbuch, 2. Auflage (Heidelberg 2008), 59.

Darüber hinaus muss kꜣkꜣ gelegentlich aber doch auch eine spezifischere Pflanze meinen. Dafür spricht nicht zuletzt der Gebrauch in den medizinischen Rezepten, wo man eine spezifische Pflanze erwartet. Ob man auch in dieser Hinsicht mit ptolemäischem kk vergleichen kann? In Dendera gibt es die Pflanzenbezeichnung kk Nḥsj, „nubisches kk“, und laut A. Lüchtrath, Das Kyphirezept, in: D. Kurth (Hrsg.), Edfu: Bericht über drei Surveys. Materialien und Studien, Die Inschriften des Tempels von Edfu: Begleitheft 5 (Wiesbaden 1999), 97-145, hier 115-117 könnte das eine von mehreren Bezeichnungen für Kalmus sein, das getrocknete Rhizom von Acorus calamus L. Laut Lüchtrath oder besser, laut P. Derchain, La recette du kyphi, in: Revue d’égyptologie 28, 1976, 61-65, auf den sie sich hierfür beruft, ist diese Pflanze vielleicht aus verschiedenen Regionen eingeführt worden. Dies würde die verschiedenen Namen erklären. Ob man diese Bedeutung dann auch für den pEbers übernehmen kann, ist aber zu unsicher. Sollte man dies tun, müsste man auch das šw.t-Nmtj in der Diskussion um die Identifikation berücksichtigen, die nach dieser Theorie ebenfalls diese Pflanze, nur eben aus einer anderen Region importiert, bezeichnen würde.

Als Vorläufer des griechischen κίκι und Entsprechung des hebräischen קיקיון vermutet W. Helck, Die Beziehungen Ägyptens zu Vorderasien im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr, Ägyptologische Abhandlungen 5, 2. Auflage (Wiesbaden 1971), 522, Nr. 238 nicht kꜣkꜣ, sondern das mit einem Baum klassifizierte qꜣqꜣ im Ortsnamen Pꜣ-qꜣqꜣ des pWilbour B13,8. Ein Beleg für dieses Wort außerhalb des Ortsnamens findet sich auf oDeM 922, Zeile 4, wo pr.t qꜣqꜣ: „Samen von qꜣqꜣ“ mit einer (heute zerstörten) Gewichtsangabe verzeichnet sind, P. Grandet, Catalogue des ostraca hiératiques non littéraires de Deir el-Médinéh. Tome IX. Nos 831–1000, Documents de fouilles de l’Institut français d’archéologie orientale 41 (Le Caire 2003), 99 und 359. Grandet erwähnt mit Verweis auf Helck die mögliche Identifikation dieser Pflanze mit Rizinus, weist aber (mit Verweis auf R. Germer, Flora des pharaonischen Ägypten, Sonderschrift, Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Kairo 14 (Mainz 1985), 103-104) auf die scheinbare Kritik an dieser Identifikation hin und lässt das Wort daher ohne Übersetzung. Allerdings hat er sich hier von Germers Transkription ḳꜣḳꜣ, d.h. qꜣqꜣ, fehlleiten lassen; den dort angegebenen Referenzen nach ist Germers Kritik an der Identifikation auf kꜣkꜣ zu beziehen. Meeks, a.a.O. greift den Vorschlag, in qꜣqꜣ den Vorläufer des griechischen κίκι zu sehen, wieder auf.

L.P.

Leinsamen (?)
Definition:

Ägyptisch dšr.

Insgesamt sind folgende dšr-Drogen/-Mineralien bekannt:

  1. dšr mit Abkürzungsstrich, Mineralienklassifikator, Pluralstrichen.
  2. dšr/dšr.w mit Pflanzenstängel (2 Belege) und in einem Fall zusätzlichen Pluralstrichen.
  3. dšr, teilweise syllabisch (d.h. nicht mit r, sondern mit der syllabischen Gruppe rw) und mit Baumklassifikator geschrieben.
  4. Eine oder mehrere dšr genannte Holzprodukte (s. unten).
  5. dšr.w mit Abkürzungsstrich, Mineralienklassifikator, Pluralstrichen. Also dieselbe Graphie wie (1), nur mit zusätzlicher w-Schleife.

Zu (1): Brugsch, Wb VII, 1375 nimmt es als eigenes Lemma auf und vergleicht es mit koptisch ⲑⲉⲣⲉϣ: „Leinsamen“. Auch das Wb 5, 491.5-6 nimmt es als eigenes Lemma auf: „Körner (roter Farbe?)“. Neben den Belegen aus den medizinischen Texten wird noch ein Beleg aus dem Pyramidentempel des Sahure angeführt, wo es einer Abbildung beigeschrieben ist (Borchardt, Sahure II, Text, 78; vgl. Abbildungsblätter, Bild 3). Das dortige Wort ist allerdings nicht mit Einkonsonantenzeichen, sondern mit dem Flamingo (dšr) und drei Mineralienklassifikatoren geschrieben. Sowohl der Wortanfang als auch das abgebildete Produkt sind aber teilweise zerstört; die Abbildung hilft also bei der Identifizierung nicht weiter. Sethe (in: Borchardt, Sahure II, Text, 78) erwägt als Bedeutung „Rötel“. Allerdings spielen weder Sethes Vorschlag noch überhaupt das Sahure-Relief in späteren Besprechungen eine Rolle. DrogWb, 581 interpretiert Graphie (1) und (2) als Varianten derselben Droge. Dem folgt Charpentier, Recueil II, Nr. 1459. Germer, Arzneimittelpflanzen, 348-350 denkt an eine pflanzliche Droge mit einem roten Farbstoff. Alkanna tinctoria oder Rubia tinctorium (Färberkrapp) schließt sie aber jedenfalls aus. Westendorf, Handbuch Medizin, 510 nennt mit Verweis auf Černý, CED, 43 wieder die Verbindung mit koptisch ⲑⲉⲣⲉϣ. Diese nennt auch Germer, Handbuch, 163-164. Sie schließt aber dennoch eine Bedeutung „Leinsamen“ aus, denn in Bln 185 wird „rotes Öl“, mrḥ.t dšr, genannt. Weil aber Leinsamen Öl nicht rot färben könne, das Öl in Bln 185 aber seiner Bezeichnung nach sonst keine färbenden Bestandteile habe, zweifelt sie die Bedeutung „Leinsamen“ an. Als Letztes nennt sie Eb 197, wo dšr zusammen mit djdj: „nubischer Hämatit“ genannt sei. Ihre Argumentation ist jedoch fehlerbehaftet: Das Benennungsmotiv der dšr-Droge ist unsicher; contra Germer, Arzneimittelpflanzen, 349 und Handbuch, 164 muss der Name nicht zwangsläufig auf einen roten Farbstoff zurückgehen. Er könnte sich ebenso gut auf die Farbe der Droge selbst beziehen. Leinsamen etwa hat eine gelbliche bis bräunliche Farbe, ein Spektrum, das durchaus innerhalb der Bandbreite der ägyptischen Farbbezeichnung dšr liegt. Ferner ist mrḥ.t dšr, wenn man es mit der Droge (1) verbindet, keine Verbindung aus Substantiv + attributivem Farbadjektiv (#Öl + rot#), sondern eine Genitivverbindung, bestehend aus Substantiv + Substantiv (#Öl (von) dšr-Droge#); es wäre also kein *rotes Öl, sondern, wenn man an der Gleichung dšr = Leinsamen festhält, „Leinöl“. Ein viel aussagekräftigeres Argument gegen die Bedeutung „Leinsamen“ ist das von Germer nicht genannte Rezept Eb 663, in dem dšr zusammen mit (j)ny.t n.t mḥj: „jny.t vom Flachs“ genannt ist. Die Droge jny.t ist auch als Bestandteil von Datteln bekannt und wird dort mit Vorsicht als Kern aufgefasst; bei jny.t von Flachs wird analog dazu von den „Samen“ ausgegangen (s. DrogWb, 36). Das würde aber im Fall von Eb 663 bedeuten, dass Leinsamen zwei Mal genannt sind, nämlich unter der Bezeichnung dšr und unter der Bezeichnung jny.t n.t mḥj. Da in den medizinischen Rezepten eine Droge nie zwei Mal genannt ist, würde dies bedeuten:
(a) dšr ist kein Leinsamen.
(b) dšr ist Leinsamen, aber vielleicht in einem bereits weiterverarbeiteten Zustand, der von den Ägyptern als so verschieden von einfachen Leinsamen verstanden wurde, dass er mit einem eigenen Begriff versehen wurde und neben „normalem“ Leinsamen in einem Rezept vorkommen kann, vgl. etwa das gemeinsame Vorkommen von jt und jt wꜣḏ: „Gerste“ und „frischer Gerste“ in Eb 422.
(c) jny.t hat in Verbindung mit mḥj eine andere Bedeutung als „Samen“.

Zu (2): Brugsch, Wb VII, 1375 nimmt es als eigenes, von (1) separiertes Lemma auf und hält es für dasselbe Wort wie (3). Wb 5, 491.3 trennt es sowohl von (1) als auch von (3). DrogWb, 581 und Germer, Handbuch, 163-164 interpretieren es wiederum als Variante von (1).

Zu (3): Wenn Nr. (1) „Leinsamen“ ist, ist Nr. (3) definitiv davon zu trennen, denn daraus können den Belegen zufolge Bretter gewonnen werden, und das ist von Flachs nicht möglich. Wohl daher ist das Wort von Brugsch, Wb VII, 1375, von Wb 5, 491.1 wie auch von Charpentier, Recueil II, Nr. 1458 als separates Lemma aufgenommen. Da es nicht in medizinischen Texten vorkommt, spielt es in Analysen von Drogennamen bislang keine Rolle.

Zu (4): In Wb 5, 491.4 findet sich noch ein weiteres separates Lemma dšr, das wie (1) geschrieben ist, aber in der Verbindung ḫt-dšr vorkommt. Es ist ein Hapax legomenon, das in pHearst, H 185 vorkommt. Laut DrogWb, 407 kann es kein „Holz der dšr-Pflanze“ sein, weil dann ein indirekter Genitiv zu erwarten wäre. Germer, Arzneimittelpflanzen, 300 und Germer, Handbuch, 105 nennt es schlicht „Rotes Holz“. Entgegen DrogWb gibt es jedoch, zumindest in ptolemäischen Texten, durchaus ein ḫt-n-dšr im indirekten Genitiv (Dümichen, Geogr. Inschriften II, 88 – unsicher, ob wirklich dieses Lemma – und Mariette, Dend. IV, 36, 45, § 46). Dieses ist von Wb 5, 491.2 dem dšr-Baum (3) untergeordnet. Chassinat, Khoiak, 368 vermutet dagegen in ḫt-dšr und ḫt-n-dšr Varianten desselben Wortes, das von (3) zu unterscheiden wäre. Das ḫt-n-dšr von Denderah wird beschrieben als etwas, dessen Anfang (ḥꜣ.t) schwarz und dessen Ende (pḥ) weiß sei (Wilson, Ptol. Lexikon, 1208 übersetzt dagegen ḥꜣ.t mit „Äußeres“ und pḥ mit „Inneres“) und sein Inneres mkrr. Wenn man es zermahle, würde es „rot wie Gold“; es rieche sehr angenehm. Chassinat vermutet daher darin Gummiharz. Er übersetzt mit „bois rouge“, geht also von einer Verbindung aus Nomen + Adjektiv aus. Im Fall des ausgeschriebenen Genitiv-n in Denderah wäre diese Erklärung aber nicht möglich, denn dort liegt eben ein Genitiv vor. Zählt man die unterschiedlichen Genitivverbindungen zur selben Pflanze, hat man entweder die Möglichkeit, die Denderah-Graphie für falsch zu erklären; dann kann man bei der Übersetzung „Roter Baum“ bleiben. Oder man nimmt im Gegenteil die Denderah-Stelle als Beleg dafür, dass in allen Fällen ein Genitiv vorliegt. In diesem letzteren Fall spräche dann zumindest graphisch nichts dagegen, das dortige dšr mit dem dšr von (3) zu verbinden. Auch Charpentier, Recueil II listet die Belege für ḫt-dšr und ḫt-n-dšr zusammen auf: Nr. 865 (S. 436). Im Gegensatz zu Chassinat trennt er dieses ḫt-(n-)dšr auch nicht von Nr. (3) ab. In jedem Falle auszuschließen wäre wieder eine Verbindung mit (1), sofern dieses „Leinsamen“ ist.

Zu (5): Wohl eher eine Art Zerkleinerungsprodukt als ein konkreter Pflanzenteil: In Eb 191b steht dšr.w n.w sẖ.t, im Parallelrezept Eb 194 dḏw n.w sẖ.t. Ein Produkt dḏw sẖ.t (im direkten Genitiv) ist schon aus dem Alten Reich bekannt. Dḏw ist dort ein Produkt der Müllerin, etwas, was nach den Szenen des täglichen Lebens gesiebt werden kann und damit einen Zwischenschritt zur Mehlherstellung bildet. Edel, QH II, 1.2, 25-27 vermutet eine Kombination aus Kleie und Mehl, weist aber darauf hin, dass dies noch zu beweisen wäre. Hannig, HWb, 2. Auflage, S. 1063 gibt, darauf basierend, die Übersetzungsvorschläge „(ungesiebtes) Mehl, Grobmehl“ an. Dšr.w könnte daher ein ähnliches „Zerkleinerungsprodukt“ (so Germer, Arzneimittelpflanzen, 148) sein. Westendorfs Alternativvorschlag „zerriebene Körner“ (Handbuch Medizin, 510) ist daher seiner Hauptübersetzung „Körner“ vielleicht vorzuziehen. Bardinets Vorschlag „rouille“ basiert sicher auf der Etymologie von dšr.

L.P.

mhwj
Definition:

Schreibung und Wortvarianten:
Laut DrogWb, 280 besteht kein Unterschied zwischen mhwj mit Krugklassifikator und mhwj mit Rohstoffklassifikator N 33 und auch kein Unterschied zwischen mhwj und mhw.t. Laut Wilson, Ptolemaic Lexikon, 448 könnte auch das mhꜣy aus griechisch-römischen Texten aus Edfu damit identisch sein. Sollte dies zutreffen, wäre zu überlegen, ob auch das mhꜣ (oder nur syllabisch mh zu lesen?) des pTurin B, vso. 1,10 hierher gehört. Doch letzteres Wort steht in Kombination mit einem anderen unsicheren Terminus, was es unsicher macht, diesen Terminus als weitere Variante von mhwj zu identifizieren. Weiterhin gibt es noch ein Wort mhj.t im pHarris I (Wb 2, 114.6), das aber sicher ein separates Lemma zu sein scheint.

Zur Bedeutung:
Breasted, Surgical Papyrus, 287 vermutet in mhwj Milch oder, da es auch aus mrḥ.t-Öl/Fett gemacht werden kann, vielleicht eine Creme. Die einzige Stelle, die über die Natur der Droge vielleicht etwas Genaueres aussagt, ist Eb 310. Dort heißt es: „Kuhmilch. Werde gekocht. Nachdem die mhw.t-Droge zermahlen/verrührt (nḏ) worden ist, werde Dickmilch/Sauermilch (smj) darauf/dazu gegeben.“ Die mhw.t-Droge bezeichnet demzufolge etwas, was beim Kochen von Milch entsteht, am wahrscheinlichsten Milchhaut. Unter dieser Voraussetzung wäre es denkbar, dass es einen etymologischen Zusammenhang mit der Wortfamilie mhr: „melken“, mhr: „Melker“, mhr: „Milchkrug“ gibt.

L.P.

mnjꜣ
Definition:

Ein Körperteil:
In den medizinischen Texten nur drei Mal vorkommend; zwei Mal mit dem Arm (D41) klassifiziert, einmal mit dem Fleischstück. In allen drei Belegen ist es mit dem Finger palpabel, aber sicher nicht der Fötus, wie Bardinet, Papyrus médicaux, übersetzt („littéralement: ‚celui qui palpite‘, S. 442), denn in Bln 197 ist in diesem Zusammhang davon die Rede, dass das Gefäß im Arm njꜣ mache; MedWb 372 bring dieses Verb mit nj: „abweisen, zurückweisen“ zusammen (so auch schon Wb 1, 201,4-5) und vermutet eine Bezeichnung des Pulses („stoßen“ > „pulsieren“, unter Vergleich mit lat. pellere > Puls). Davon ausgehend, erwägt MedWb in mnjꜣ eine m-Ableitung des Ortes und vermutet darin die Bezeichnung des „Pulses (am Unterarm)“. Um die Nuance des Ortes zu betonen, macht Westendorf, Handbuch Medizin, 434 daraus die „Pulsstelle“ (vgl. ebd., 172).
Die von Griffith vorsichtig erwogene Bedeutung „Schulter“ findet sich scheinbar verfestigt bei Strouhal e.a. wieder, wird aber durch nichts begründet.
Die Beschreibung in Bln könnte nähere Auskunft über den Ort der mnjꜣ geben, ist aber tlw. nicht sicher zu übersetzen. Außerhalb der medizinischen Texte findet sich das Wort mnjꜣ noch ein Mal, in Sargetxtspruch 400 (CT V 168d-e und 169b), in dem eine jenseitige Fähre beschrieben wird, und darin werden Bug- und Heckzier bzw. Vorder- und Achtersteven mit dem mnjꜣ (im Singular) der Skorpiongöttin Hededet verglichen. Faulkner denkt hierbei an das Scheerenpaar, weil die Beschreibung eben eine paarige Erscheinung suggeriert, hält daneben aber auch den Schwanz für denkbar (FECT II, 44, Anm. 5). Darauf ruhen Van der Molens Vorschlag „claw?“, Dictionary of Coffin Texts, 168, und Hannigs Übersetzung „*Arm (mit Hand)“ (für den Gebrauch in den medizinischen Texten) und „Schere (des Skorpions)“ (für CT 400), HWb, Marburger Edition, 357-358. Dieser außermedizinische Beleg trägt zur Bedeutungsfindung nur wenig bei, außer der Information, dass es wohl etwas anderes als die „Pulsstelle“ sein muss, weil das in der Beschreibung der Barke wenig sinnvoll erscheint.

L.P.

MR-Dja
Definition:

1 MR-Dja = ca. 75 ccm.

Für die Lesung des hieratischen Zeichens (in der Literatur aus pragmatischen Gründen manchmal vereinfachend mithilfe des +-Zeichens wiedergegeben) als Abkürzung für die Einheit 1 Dja und für das Dja als Maßeinheit vordemotischer medizinischer Texte s. etwa T. Pommerening, Neues zu den Hohlmassen und zum Medizinalmasssystem, in: S. Bickel, A. Loprieno (Hrsg.), Basel Egyptology prize 1. Junior research in Egyptian history, archaeology, and philology, Aegyptiaca Helvetica 17 (Basel 2003), 201-219 oder dies., Healing measures: dja and oipe in ancient Egyptian pharmacy and medicine, in: J. Cockitt, R. David (Hrsg.), Pharmacy and medicine in ancient Egypt. Proceedings of the conferences held in Cairo (2007) and Manchester (2008), BAR International Series 2141 (Oxford 2010), 132-137.

Wie im Neuen Reich (NR), so bezieht sich das Dja-Maß auch im Mittleren Reich (MR) auf die Scheffelmaße. Das Basis-Scheffelmaß im Neuen Reich und damit in den „großen“ medizinischen Handschriften, wie dem Papyrus Ebers, Papyrus Hearst oder Papyrus Berlin P. 3038, ist das Vierfach-Hekat = die Oipe (19,2 Liter), so dass 1 NR-Dja = 1/64 Oipe = 300 ccm entspricht (s. auch den Kommentar hier). Das Basis-Scheffelmaß des Mittleren Reiches ist dagegen noch das einfache oder doppelte Hekat, und das Dja der medizinischen Kahun-Papyri, die in diese Epoche datieren, beziehen sich am wahrscheinlichsten auf das einfache Hekat (4,8 Liter), so dass 1 MR-Dja = 1/64 Hekat = 75 ccm entspricht, s. T. Pommerening, Die altägyptischen Hohlmaße, Studien zur Altägyptischen Kultur, Beihefte 10 (Hamburg 2005), 82, 251-252 und 267-268.

L.P.

mt-Gefäß
Definition:
Übergreifender Begriff für Hohlgefäße sowie Muskel- und Sehnenstränge.

Ist ein wichtiger Begriff der ägyptischen Anatomie, der sowohl Hohlgefäße (Blutgefäße, Lymphgefäße) als auch Stränge (Muskeln, Sehnen) bezeichnet (MedWb I, 400-408). Es gibt keinen entsprechenden Begriff im Deutschen ("Gefäßstrang"?).

nḥd.t
Definition:

Geschrieben wie der nḥḏ.t-Eckzahn, aber DrogWb 311-319 trennt zwischen beiden Drogen, weil die nḥd.t-Droge auch mit dem Rohstoffklassifikator N33 geschrieben werden kann, der Zahn dagegen nicht, und weil der Zahn in den beiden Belegen, in denen er vorkommt, durch eine Tierbezeichnung weiter spezifiziert wird.

Germer, Arzneimittelpflanzen, 179 schreibt dezidiert, dass die Droge nur in medizinischen Texten genannt ist. Ob man daraus schließen kann, dass sie die Belege aus den ptolemäischen Tempelinschriften (s. im Folgenden) nicht kannte, oder ob sie in Letzterem ein anderes, nicht mit der Droge zusammenhängendes Wort vermutete, ist unbekannt. Wilson, Ptolemaic Lexikon, 537 sieht hierin dasselbe Wort.

Die Bedeutung ist unsicher. Zumindest das nḥd(.t) der ptolemäischen Texte ist eine Myrrheart, vgl. Wilson, Ptolemaic Lexikon, 537. Und auf diesen späten Belegen beruhen, in manchen Fällen mit explizitem Bezug, in anderen mit zu vermutendem Bezug, alle Versuche, den Drogennamen in der Übersetzungssprache auf ein Harz einzugrenzen:

  • Ebers, Papyrus Ebers. Teil 2, Das Kapitel über die Augenkrankheiten. Umschrift, Übersetzung und Commentar, Leipzig 1889, 69 („eine Weihrauchart“), der sich auf S. 144-145, Anm. 115 auf von Dümichen publizierte Texte, d.h. diese ptolemäischen Inschriften, stützt, in denen diese Droge unter „den Produkten der Balsamsträucher“ genannt sei;
  • Joachim, Papyros Ebers, 74 („neḥedet-Harz“) und 116 („neḥed-Harz“), der aber ganz unsystematisch an anderen Stellen auch „Korn“, „Körner“ und im Index sogar „Samen“ hinzufügt und mit Letzterem „Zahnkrautkörner“ meint (womit er sich dezidiert auf Ebers, ebd. stützt, der, wohl basierend auf der Homographie mit dem nḥḏ.t-Zahn, tatsächlich S. 69 „Zahnkörner“ und  S. 144 „Zahn(kraut?) Körner“ schreibt und auf S. 69, Anm. 4 den „aegyptischen Zahnbaum, balanites aegyptiaca“ nennt, der aber eine Gleichsetzung der Droge mit Teilen oder Produkten dieses Baumes auf S. 144-145 letztendlich doch ablehnt);
  • sicher auch Ebbells kommentarlose und durch nichts begründete Eingrenzung auf „Gum ammoniac“ (das ist ein Harz von Dorema ammoniacum) in Papyrus Ebers, 132;
  • Meeks, AL, 79.1597 („un aromate“) und
  • Westendorf, Handbuch Medizin, 501 („nḥd.t-Duftstoff”), der ferner Dieter Kurths persönliche Mitteilung „Weihrauch“ nennt.

Ebers hatte neben Dümichen auch auf „Brugsch’s Wörterb., ser. II S. 251“ d.h. Brugsch, Wb V, 251, verwiesen, wo nḥd.t mit einem Harz namens mamama (Brugsch, Wb II, 585 = das mmꜣꜥ... von Wb 2, 59.4) gleichgesetzt würde (dieses Harz ist laut dem einzigen Beleg, DZA 24.003.720, eine „trockene Myrrhe“ von karneolartiger Farbe und sehr süßem/angenehmen Duft). Brugschs Beleg stammt ebenfalls aus Dümichens Texten, nämlich aus J. Dümichen, Geographische Inschriften altägyptischer Denkmäler nebst einem Anhange, enthaltend die im Tempel von Edfu aufgefundenen Recepte in den Jahren 1863-65 an Ort und Stelle gesammelt und erläutert, 2. Abtheilung, Tafeln, Leipzig 1866, Taf. 86, Zeile 5 (= Edfu II, 206,3). Chr. Leitz, in: A. Rickert, B. Ventker (Hg.), Altägyptische Enzyklopädien. Die Soubassements in den Tempeln der griechisch-römischen Zeit. Soubassementstudien I, Bd. 1. SSR 7, Wiesbaden 2014, 483-516, hier 512 nennt zwei weitere Belege für diese Myrrheart, die er vergleichbar mit Brugsch als mꜥmꜥm und mꜥmꜣm transkribiert; und er ruft dazu auf zu prüfen, ob sie mit griechisch μαμάλι, arab. „Maʿmal“ identifiziert werden könnte. Der von Brugsch, Wb II, 585 genannte Hauptbeleg für dieses Lemma ist dagegen zu streichen, weil es sich dabei um die mꜥmꜥ: „Dumpalme“ handelt (vgl. eine fast identische Schreibung bei Wilson, Ptolemaic Lexikon, 403).

L.P.

nšꜣ
Definition:

Zu einer Zusammenfassung der bisherigen Identifikationsversuche und der Erwägung, hierin eine Art Wasserpflanze zu erkennen, s. demnächst T. Pommerening, Wege zur Identifikation altägyptischer Drogennamen - eine kritische Betrachtung, in: NN (ed.), Zwischen Philologie und Lexikographie des Ägyptisch-Koptischen. Akten der Leipziger Abschlusstagung des Akademienprojekts "Altägyptisches Wörterbuch".

L.P.

Olivenöl
Definition:
Früher für Moringabaum-Öl gehalten. Weiterlesen ...

Ägyptisch bꜣq. Ältere Übersetzungen identifizieren es mit dem Öl des Moringabaumes. Zum Vorschlag, hierin eine ältere Bezeichnung für das Olivenöl zu sehen, s. Quack. Zur Frage der botanischen Natur des bꜣq-Baumes und des von ihm gewonnenen Öls, in: Fs NN (in Vorb.).

L.P.

Pflanzenbrei
Definition:

Ägyptisch ḥsꜣ: Die gelegentlich zu findende Übersetzung mit „Pflanzenschleim“ (etwa im DrogWb oder Westendorf, Handbuch Medizin) oder „mucilage“ (etwa Bardinet, Papyrus médicaux) ist u.U. fehlleitend, weil mit diesen Wörtern verschiedene zähflüssige Pflanzenbestandteile oder -ausscheidungen benannt werden können. Das ägyptische ḥsꜣ bezeichnet dagegen ein wohl künstliches Produkt, das aus Getreidekörnern oder Brot (d.h. Brotstückchen?) hergestellt werden kann, s. DrogWb 368. Ein ḥsꜣ-Teig wird auch bei Szenen der Brotherstellung genannt; im Grab des Djehutihotep in Deir el-Bescheh aus dem Mittleren Reich ist bspw. im Zusammenhang mit Brotherstellung eine Frau abgebildet, der jri̯.t ḥsꜣ: „ḥsꜣ machen” beigeschrieben ist, s. Newberry, El Bersheh I, Taf. 25. Es handelt sich vielleicht um eine Art Getreidebrei oder Teig.

L.P.

Polei-Minze (?)
Definition:

Ägyptisch njꜣjꜣ. Schon Joachim, Papyros Ebers, passim, vermutete hierin eine Minze, speziell die Pfefferminze, gab aber keine Begründung für seine Übersetzung an. DrogWb, 294 hält die Pflanze dagegen für nicht identifiziert. B. Long, A propos de l’usage des menthes dans l’Égypte ancienne, in: Fs Gutbub, 145–159 identifiziert die Pflanze mit der Polei-Minze (Mentha pulegium) oder „une menthe sauvage proche du pouliot“ (S. 157). Als Argumente dienten ihm die verschiedenen Gebrauchsweisen, die auf eine anthelminthische, atmungserleichternde und beruhigende Wirkung hinweisen, und die dafür sprechen, dass die Pflanze ein Geruchsträger sei. Hauptargument für die Identifizierung ist die Verwendung in gynäkologischen Texten (manchmal als alleiniges Mittel), etwa zur Geburtserleichterung. Diese Gebrauchsweisen vergleicht er mit hippokratischen Texten zu Uterusbeschwerden, wo er 10 Pflanzen verwendet vorfindet, davon zwei häufiger, und diskutiert mögliche Ähnlichkeiten des Anwendungs- und Wirkspektrums dieser Pflanzen mit der njꜣjꜣ-Pflanze. Die meisten Übereinstimmungen findet er bei der Pflanze, die im Griechischen γλήχων genannt wird, eine Pflanze, in der man i.d.R. die Polei-Minze vermutet (aber der griechische Name scheint auch gelegentlich für Katzenminze oder Origanum Dictamnus gebraucht zu werden, vgl. den entsprechenden Eintrag bei Liddl/Scott/Jones, A Greek-English Lexicon). Außerdem bespricht Long eine mögliche Verwandtschaft des ägyptischen njꜣjꜣ mit dem arabischen Wort für Minze, „Nana“. S. Aufrère, in: L’univers mineral, 253–254, Anm. g (nicht in: Fs Gutbub, 253–254, wie Germer, Handbuch, 82 und 299 angibt) bekräftigt Longs Identifizierungsvorschlag, v.a. wegen der Geruchswirkung der Pflanze. Germer, Handbuch, 81 und 298 erwähnt Longs und Aufrères Identifizierungsvorschlag, ohne zu dessen Tragfähigkeit Stellung zu beziehen.

L.P.

pꜣ-jb
Definition:

Eine unbekannte Substanz, nach der Schreibung eine Flüssigkeit. Auf DZA 23.119.890 wird "Quellwasser (?)" vorgeschlagen. Aber das Wort ist bislang nur hier belegt und jeglicher Identifizierungsvorschlag bleibt vorerst eine unbeweisbare Spekulation.

L.P.

pꜣw.t
Definition:

Nur in Eb 61 und in Bln 189 belegt; beide Male in der Phrase wḥꜥ pꜣw.t. Im pEbers mit dem sitzenden Mann mit dem Becher auf dem Kopf, im pBerlin mit zwei pꜣw.t-Broten determiniert. Die Frage, welche der beiden Lesungen die signifikantere ist, beeinflusst auch die Identifikationsversuche:

  • Ebbell, The Papyrus Ebers, 35, Wb 1, 498.4 und MedWb, 258 vermuten als Bedeutung "Last" und nehmen damit die Schreibung des pEbers als ausschlaggebend an.
  • Wreszinski hat anscheinend die Version des Berliner Textes als korrekte Schreibung angesehen; jedenfalls wäre das die einzige Erklärung, warum er das Wort in Papyrus Ebers, 17 mit einem "sic" versah. Auch Borghouts, Mag. Texts, 46 und Anm. 175 auf S. 106 geht in seiner Übersetzung von Bln 189 davon aus, dass diese Version die korrekte ist, und denkt an das Wort pꜣ(w).t: "Opferkuchen u.ä." (Wb 1, 495.6-8), das er als Metapher für "scabs (?)" deutet.
  • Bardinet, 52 gibt das Wort als "les morceaux-paout (fur détaché)" wieder und vermutet hierin eine "référence à l'éviscération de la momie faite morceau par morceau par la fente d'éviscération". Vermutlich dachte er ebenfalls an eine metaphorische Verwendung des Wortes pꜣ(w).t: "Opferkuchen u.ä.". Den konkret funerären Kontext des Spruches in Eb 61 sieht er durch die Nennung der šꜣms-Pflanze gegeben, die von Balsamierern verwendet wurde, weil sie Insekten abwehren würde.
qꜣd.t
Definition:

Westendorf, in FS Winter, 265-267 erwägt einen Zusammenhang mit der qꜣdj-Schlange des Brooklyner Schlangenpapyrus, die vielleicht namengebend für das Kraut gewesen sein könnte. Über eine Identifikation der Pflanze sagt das aber nichts. Es könnte sich als naheliegende Möglichkeit um eine Pflanze mit Ranken handeln, aber das Tertium comparationis könnte auch irgendein anderer sein (Lebensraum, Färbung etc.). Da die Identifikation der qꜣdj-Schlange unbekannt ist und der Zusammenhang nichts weiter als eine vage Option, verbietet sich jede darauf basierende Überlegung.

L.P.

Realgar
Definition:

Ägyptisch ꜣw.t-jb: „Herzensfreude“. Ältere, obsolete Identifikationen sind: ein aromatisches Harz (Brugsch und Lüring), ein Salz oder Harz (Daressy) oder „Art Myrrhe o.ä.“ (Wb 1, 5.1), s. Harris, Minerals, 141. Schon Ebbell, Papyrus Ebers, 131 schlug als Übersetzung vor: „realgar or orpiment“. Inzwischen scheint die Deutung als Realgar allgemein akzeptiert zu sein. Näher diskutiert wurde sie von Iversen, Paints and Pigments, 39-42: Er weist darauf hin, dass es in Opferlisten üblicherweise zusammen mit Farben und Pigmenten genannt wird und demzufolge wohl auch ein Pigment ist (zu weiteren Belegen in Pigmentlisten vgl. auch Harris Minerals, 142), und dass es immer im Zusammenhang mit qnj.t genannt wird, einmal sogar als eine Art qnj.t bezeichnet wird. Letzteres identifizierte Iversen, ebd., 34-39 mit Orpiment; hauptsächlich, weil es den Belegen nach als gelbe Farbe verwendet wurde und weil nach Lucas, Materials für Ägypten nur gelber Ocker und Orpiment als Lieferanten gelber Farbe belegt seien. Da gelber Ocker als stj bezeichnet würde, so Iversen, bleibt für qnj.t nach dem Ausschlussprinzip nur Orpiment übrig. Dass qnj.t und ꜣw.t-jb immer gemeinsam vorkommen und einmal sogar miteinander identifiziert werden, erinnert ihn an die häufige gemeinsame Nennung von Orpiment und Realgar (resp. ἀρσενικόν und σανδαράχη) in griechischen und lateinischen Quellen. Nach Harris, Minerals, 142 sind auch im Koptischen Orpiment und Realgar als miteinander verwandt verstanden worden, da Realgar sowohl als ⲥⲁⲛⲧⲁⲣⲁⲭⲏⲥ: „Sandarak“ als auch als ⲁⲥⲥⲉⲣⲛⲏϩ ⲉⲧⲧⲟⲣϣ̄ und ⲁⲥⲥⲉⲣⲛⲏϩ ⲛ̄ⲕⲟⲕⲟⲥ: „rotes Arsenikon“ bezeichnet wurde. Die Verwendung in einem Inhalationsmittel gegen Husten in Eb 325 erinnert Iversen ferner spezifisch an eine Passage bei Dioskurides, in der σανδαράχη gegen Husten verwendet wird. Insgesamt schließt sich Harris, Minerals den Argumenten von Iversen an. Er warnt aber davor, ꜣw.t-jb mit „Sandarak“ zu übersetzen, weil das Sandarak der griechischen und, davon abgeleitet, der mittelalterlichen Texte neben Realgar möglicherweise auch andere rote Mineralien bezeichnen kann. Er präferiert eine konkrete Übersetzung mit „Realgar“. NB: Seine Warnung hat Einfluss auf Iversens Vergleich der Anwendung von ꜣw.t-jb im Ebers mit derjenigen von σανδαράχη im Rezept des Dioskurides; die anderen Argumente von Iversen und Harris bleiben aber davon unberührt. Vor dem Hintergrund, dass Realgar giftig ist, erscheint die ägyptische Benennung als ꜣw.t-jb: „Herzensfreude“ im Übrigen anmerkenswert (vgl. auch das deutsche Synonym „Rauschrot“).

L.P.

Reduktion
Definition:

Das ägyptische Wort thb ist ein seltener, auf medizinische Texte beschränkter Fachterminus mit nicht ganz klarer Bedeutung. Darauf folgt eine Zahlenangabe, die oft kleiner ist als die zuvor genannten Ingredienzen. Daraus schließen von Deines/Grapow/Westendorf, Grundriß der Medizin IX, 14 darauf, dass eine Art Reduktion gemeint sein könnte.

Im Rezept Eb 23 ist das Resultat ausnahmsweise größer als die Gesamtmenge der Bestandteile; zudem weicht auch die Grammatik des Satzes von den anderen Belegen ab. Demzufolge könnte dort entweder ein Textfehler vorliegen oder das Wort hat eine andere Bedeutung. Nach Grundriß der Medizin IX, 14-15 ist das Rezept Eb 23 unklar, und vielleicht ist mit einer ungenannten Menge Wasser als weiterem Bestandteil des Rezepts zu rechnen.

rmn.t
Definition:

Eine bislang vielleicht nur im pEbers belegte Gefäßbezeichnung. Lacau und Lauer, La pyramide à degrès, Bd. 5, 29-31 erwähnen ein Wort rmn, das im Alten Reich dreimal zusammen mit einer Zahlenangabe auf Krugscherben belegt ist, und sie vermuten darin eine sonst unbekannte Hohlmaßangabe, die neben den bekannteren und weitaus häufiger belegten gleichlautenden Längen- und Flächenmaßen existierte. Pommerening, Hohlmaße, 73, Anm. 8 vermutet dagegen auch in diesem rmn der Krugscherben das Längenmaß; ein Zusammenhang mit dem rmn.t-Gefäß des pEbers wäre damit auszuschließen. In Edfu ist eine Gefäßbezeichnung rmnw belegt, hinter der Wilson, Ptol. Lexikon, 583 dieselbe Gefäßart wie im pEbers vermutet. Stern, in: Ebers, Papyros Ebers, 36 schlägt vor, im koptischen ⲁⲙⲓⲛ ein späteres Derivat von rmn.t zu sehen. Dieses koptische Wort geht jedoch eher auf die Gefäßbezeichnung mn zurück (Wb 2, 66.4-11, Westendorf, KHWb, 486), wohingegen im Fall des rmn.t-Gefäßes, nach der Determinierung mit dem Arm zu schließen, ein Zusammenhang mit der Wortfamilie rmn: „Schulter; Seite, Hälfte“, rmni̯: „tragen“ vorliegt.

MedWb 1, 528 vermutet konkret eine Ableitung von der Bedeutung „Hälfte“ (Wb 2, 418.12-16) in dem Sinne, dass ein durch ein Sieb zweigeteilter Topf vorliege, und schlägt die Bezeichnung „gehälfteter Topf“ vor. Diese Übersetzung ist von Westendorf, Handbuch Medizin, 604 übernommen worden. Auch Pommerening, Hohlmaße, 73 übersetzt mit „gehälfteter Topf“.

Möglich wäre aber ebenso, dass bei der Wortbildung der Aspekt des Tragens eine Rolle spielt und es sich demzufolge um ein besonderes Transportgefäß handelt. Bardinet, Papyrs médicaux, 298 schreibt unspezifisch „un pot“.

L.P.

Rötel (?)
Definition:

Ägyptisch mnj. Eine unbekannte Droge, vielleicht Rötel?

  1. Das mnj von Eb 325 (bislang in den medizinischen Texten nur dort belegt). Stern, in: Ebers, Papyros Ebers, Bd. 2, 23 nennt als weiteren Beleg pEbers 68,10 (Eb 490); dieser ist jedoch zu streichen, denn das dort stehende Wort ist mnḥ: „Wachs“, vgl. explizit Harris, Minerals, 172, Anm. 7. Ein möglicher weiterer Beleg in Totenbuchspruch 64 in der Version auf dem Papyrus des Juya (pCairo CG 51189; TM 134267; Munro, Totenbuch-Handschriften des Neuen Reiches, Tf. 59, Zl. 477; vgl. hier im TLA) mit leicht variierender Schreibung bringt keine zusätzlichen, für die Identifizierungen nützlichen Informationen: Er steht in der Verbindung pr-mnj: „Haus des ...“ im Zusammenhang von Epitheta, mit denen der Verstorbene sich vor Osiris rechtfertigt.
    Lüring, Medicinische Kenntnisse der alten Ägypter, 29, Anm. 1 vermutet in mnj eine Schreibvariante des Produkts mnnn, das bei der Balsamierung und als Bestandteil von Harzen genannt wird, und er vermutet in beidem „eines der aromatischen Harze“. Chassinat, in: Fs Champollion, 463, Anm. 8 und ders., Manuscrit magique copte No 42573, 65-74, der Lürings Gleichsetzung von mnj mit mnnn folgt (und noch mit Stern Eb 490 für einen zweiten Beleg hält), bespricht die Belege für mnnn. Aufgrund der Verwendung v.a. bei der Balsamierung, die er mit der angeblichen Verwendung von Bitumen in den Berichten der klassischen Autoren vergleicht, sowie aufgrund der in den Texten genannten schwarzen Farbe und der festen Konsistenz kommt er zu dem Ergebnis, dass es sich dabei um Bitumen handeln könnte. Auf dieser Gleichsetzung von mnj mit mnnn beruht Ebbells Übersetzung (Papyrus Ebers, 132) von mnj mit „bitumen?“, die Iversen, Paints and Pigments, 40, Anm. 2 für „very doubtful“ hält. Aber auch die Vorschläge im Grundriß der Medizin IV/1, 166 („mnj-Harz (?)“) und im DrogWb („mnj ist unbekannt. Vielleicht ist es ein Harz“), Bardinet, Papyrus médicaux, 300 („résine-men“) und Aufrère, L’univers mineral, 657 gehen letztlich hierauf zurück.
    Harris, Minerals, 173 und 234 zweifelt die Bedeutung „Bitumen“ für mnnn jedoch an, weil in der vorpersischen Zeit kein Bitumen bei der Mumifizierung verwendet wurde und mnnn in vorpersischen Belegen daher etwas anderes bezeichnen muss. Er vermutet eher Holzteer oder ein Koniferenharz (Aussage leicht modifiziert, aber nicht grundlegend geändert im Nachtrag S. 234). Die Gleichsetzung mit dem mnj des pEbers schließt er implizit aus, was man daran erkennt, dass er dieses an anderer Stelle diskutiert.
  2. Ein Wort mn.y, geschrieben wie in Eb 325, nur mit doppeltem Schilfblatt anstelle der doppelten diagonalen Linie (Gardiner, Sign-list Z 4), ist im Liebeslied Nr. 43, pChester Beatty I, Recto 17,3 belegt. Gardiner, Chester Beatty Library 1, 37, Anm. 1 verbindet es explizit mit dem mnj des pEbers. Der Beleg steht im Kontext der Brandmarkung von Rindern und parallel zu ḫtm: „Siegel“; Gardiner vermutet die Bedeutung „ruddle“. Fox, Love Songs, 73 emendiert dagegen zu mn.tj: „die beiden Beine“, was Mathieu, Poésie amoureuse, 50, Anm. 134 wiederum ablehnt, weil der Klassifikator und die verwendete Possessivkonstruktion pꜣy=f mn.y gegen einen Körperteil sprächen; man würde dann mn⟨.tj⟩=f erwarten. Als weiteren Beleg für dieses Wort führt Caminos, Literary Fragments, 34 die Geschichte vom „Sporting King“, Zl. C2,2, an; der Beleg ist mit Gardiner Z 4 geschrieben und mit den gekreuzten Linien (Gardiner Z 9) klassifiziert.
  3. Einen weiteren möglichen Beleg für Nr. 2 findet Janssen, Commodity Prices, 309-310 auf oDeM 579, Zl. 16. Die Bedeutung „ruddle“ lehnt er allerdings ab und vermutet ein Metall-, konkret: Schmuckobjekt, weil das Wort innerhalb einer Aufzählung von Metallobjekten steht und mit der Quantität „1“ sowie einem Preis von einem Deben gelistet ist. Ob er die Bedeutung „Rötel“ nur für das Lemma dieses Ostrakons ablehnt oder generell, wird nicht klar. Im Kontext von Liebeslied Nr. 43 würde ein Metallobjekt weniger gut passen; ganz auszuschließen ist es allerdings nicht.
  4. Mathieu, Poésie amoureuse erwähnt noch einen angeblichen weiteren Beleg auf oBM EA 5631 Recto, Zl. 7 (vgl. Černý/Gardiner, HO, Tf. 88). Dort steht aber nicht mn.y, sondern die Gewichtseinheit mnn: „Mine“, vgl. Hoch, Semitic Words, 127, Nr. 162.

L.P.

Schirmakazie
Definition:
Ägyptisch ksb.t. Weiterlesen...

Das ägyptische Wort ist ksb.t. Zum diesem Baum im Allgemeinen vgl. den Identifizierungsvorschlag bei Baum, Arbres et arbustes, 154-162: Die Pflanze scheint in ganz Ägypten von Nubien bis etwa zum 30. Grad nördlicher Breite belegt zu sein; sie wächst im Niltal, aber auch in den Wadis, was auf ein natürliches Vorkommen schließen lässt. Im Alten Reich erscheint sie einmal, in einer Darstellung im Grab des Anchmahor, bei der Herstellung einer Statue, wobei die Interpretation dieser Darstellung nicht unumstritten ist: Abgebildet sind zwei Maler, die mit Spachtel bzw. Pinsel an je einer Statue arbeiten. Diese sind überschrieben mit twt n ksb.t, "Statue von ksb.t", bzw. twt n špnn, "Statue von špnn" (Kanawati/Hassan, Teti Cemetery II, Tf. 7a und 40). Drenkhahn, Handwerker, 58-59 lehnt die ältere Deutung, im jeweils zweiten Bestandteil der Beischrift eine Materialangabe zu verstehen, ab, weil bei derartigen Darstellungen nie der Werkstoff der Statuen genannt würde (Anm. 20). Sie vermutet darin eher Pflanzen, aus denen Farben, Farbgrundstoffe oder aber eine Grundierung gewonnen worden sein könne. Bei špnn denkt sie explizit an die homographen Mohnkörner; und tatsächlich ist bislang keine Holzbezeichnung špnn belegt. Gegen Drenkhahns Erwägungen können jedoch zwei Argumente vorgebracht werden:

(1) Die Parallelität der beiden Pflanzenbezeichnungen ist nur bedingt von Nutzen. Denn auch wenn es bislang keinen weiteren Beleg für einen špnn-Baum gibt, basiert doch die Identifizierung der Pflanze mit dem - scil. holzlosen - Schlafmohn einzig auf ihrer Verwendung in einem Mittel gegen Kindergeschrei und ist laut Germer, Handbuch, 132 "reine Spekulation". Welche Pflanze genau mit špnn gemeint sei, ist also überhaupt nicht sicher. St. Grunert, in: GM 183, 2001, 7-8 vermutet bezüglich der Darstellung bei Anchmahor sogar, dass gar nicht twt n špnn zu lesen sei, sondern twt n š pn nn: "Gleich/Äquivalent zu dieser (Stein-)Arbeit dort". In dem Fall gäbe es gar keinen Parallelismus in der Formulierung.

(2) Es fragt sich, welche Art Genitiv nach Drenkhahn in der Darstellung des Anchmahor vorliegen sollte. In Genitivkonstruktionen im Allgemeinen und bei twt-Statuen im Besonderen bezeichnet nämlich das Nomen rectum, wenn es eine Stoffangabe ist, in der Regel tatsächlich das Material, aus dem das Nomen regens ist. Das heißt, eine twt-Statue "von" ksb.t ist eine twt-Statue *aus* ksb.t.

Wenn damit also tatsächlich das Material zur Statuenherstellung gemeint sei, muss man davon ausgehen, dass die Pflanze eine gewisse Größe und Festigkeit aufweist. Dies und auch die Schreibung lässt Baum, Arbres et arbustes, ebd. annehmen, dass ksb.t konkret eben ein Baum ist. Die Frucht trägt denselben Namen wie der Baum. Es ist aber unbekannt, ob sie ein normales Nahrungsmittel ist; in Opferlisten ist sie jedenfalls nie genannt. Eine Verwendung von Bestandteilen, wie Ölen etc., ist nicht bekannt. Der ksb.t-Baum ist ein paar Mal mit dem Gott Min verbunden. Auf der späten Stele Lyon E 328 ist Min im Schatten eines Baumes dargestellt, bei dem es sich bei aller Stilisierung um einen ksb.t-Baum handeln könnte. In späten Texten wird der ksb.t oft zusammen mit tropischen Baumarten genannt.

Aufgrund aller dieser Anhaltspunkte vermutet Baum in ksb.t Acacia tortilis (Forssk.) Hayne mit den Unterarten raddiana und tortilis.

Germer, Handbuch, 145 folgt der Deutung des Pflanzennamens als Baumart (so auch schon in Germer, Arzneimittelpflanzen, 336-337), steht aber der konkreten Identifizierung mit Acacia tortilis (Forssk.) Hayne skeptisch gegenüber, weil die ẖr-Teile des ksb.t-Baumes, was auch immer das für Teile sind, in mehreren Wurmmitteln Anwendung finden, wohingegen von der Akazie "keine (...) medizinische Nutzung als Wurmmittel belegt" sei. Das zweimal genannte jmj n ksb.t: "Inneres des ksb.t-Baumes" hält Gerner, ebd. außerdem für ein Ausflussprodukt, analog zum jmj n šwꜣb, das sie (Handbuch, 130) als "Milchsaft der Persea" versteht. Harzgewinnung sei jedoch für die Akazie ebenfalls nicht belegt. In den Pflanzen im Grab des Anchmahor vermutet Germer, Arzneimittelpflanzen, 336-337 konkret die Ausgangspflanzen für ein Imprägnierungsmittel aus einem gerbstoffhaltigen Auszug. Da Gerbstoffe oft anthelminthische Substanzen enthalten, sieht sie hierin eine Verbindung zu der Darstellung im Grab des Anchmahor und zur Verwendung von ksb.t in Wurmmitteln. Einen Vorschlag, mit welchem Baum sie ksb.t stattdessen identifizieren will, wenn sie die Schirmakazie ablehnt, unterbreitet Germer aber nicht.

L.P.

šf.wt
Definition:

šf.wt: „Schwellung“ o.ä. Etymologisch mit großer Wahrscheinlichkeit von šfi̯: „anschwellen“ abzuleiten. Sicher ist es sprachlich auch verwandt mit dem koptischen ϣⲁϥⲉ, einer Bezeichnung für Geschwülste (Till, Arzneikunde der Kopten, 27-28, Nr. S.1-2); aber es ist unklar, ob es dasselbe Wort ist, denn šf.wt ist feminin, ϣⲁϥⲉ maskulin, und um so mehr, ob beide dasselbe Phänomen bezeichnen. Ebbell, in: ZÄS 64, 1919, 117-118 verweist auf die große Zahl an Rezepten gegen šf.wt, was für ein häufig vorkommendes Phänomen spreche; es sei wohl mit Jucken verbunden, weil es oft mit wšꜥ.w vergesellschaftet sei, das eben „Jucken“ bedeute; es könne auf jedem Körperteil auftreten, sei aber v.a. eine äußere Erscheinung und sei von Nässen begleitet. Da es auch bei Wunden vorkommen kann, schließt er eine konkrete Krankheitsbezeichnung aus und denkt an ein allgemeineres Symptom. MedWb 2, 850 lehnt Ebbells Hinweise auf Nässen ab, weil die Verbindung mit Feuchtigkeit zu selten genannt sei, als dass Nässen ein integraler Bestandteil von šf.wt sei; insgesamt schließt es sich aber Ebbells Deutung als allgemeine Bezeichnung für „Schwellung“ an.

Am Rande sei der Vorschlag auf DZA 30.049.620 erwähnt, das Phänomen mit dem von Flavius Josephus, Contra Apionem II, 2.27 genannten Leiden σαββὼ in Beziehung zu setzen, laut ihm die ägyptische Bezeichnung für schmerzhaft geschwollene Drüsen. Darüber hinaus referiert Josephus eine von Apion vorgebrachte Ätiologie zum Wort Sabbath (II, 2.22): Dieses Wort stamme daher, dass die Hebräer während des Exodus nach sechstägiger Wanderung geschollene Drüsen bekommen hätten, und weil die Ägypter dieses Phänomen σαββάτωσις nennen würden, hätten die Hebräer den Tag eben Sabbath genannt. Diese Ätiologie lehnt schon Josephus selbst ab, weil sich das Wort Sabbath innerhebräisch sinnvoll erklären ließe und mit den ägyptischen Krankheitsbezeichnungen nichts zu tun hätte.

L.P.

sḫt
Definition:

Nur im pEbers und dort nur viermal belegt; davon steht es zweimal im Genitiv als Bestandteil oder Produkt eines Vogels (einmal -Gans und einmal s.t-Spießente) und zweimal in der Verbindung mit ḏwjw in den sehr ähnlichen Rezepten Eb 45 und Eb 47. Ebbell, Papyrus Ebers, 33 übersetzt mit „yolk of egg“. Ob es mit sḫtw, Meeks, AL 78.3784 (= Erzählung „The Pleasures of Fishing and Fowling“, C2, x+1) zusammenhängt, das Caminos, Literary Fragments, 17 vorschlagsweise als Fleisch eines mit der Falle (sḫt) gefangenen Wildvogels identifiziert?

L.P.

smt
Definition:

Eine unbekannte Droge; sicher nicht feminin, wie Germers Transkription suggeriert (Arzneimittelpflanzen, 183; vgl. auch Charpentier, Recueil, Nr. 951), sondern der Schreibung nach maskulin. Im DrogWb, 442 wird darin ein Harz oder eine tpnn-, d.h. Kreuzkümmel-ähnliche Frucht vermutet. Germer, Arzneimittelpflanzen, 183-184 enthält sich eines Identifizierungsversuches. Manniche, Herbal, 162 und 166 erwähnt Dioskurides II 184, wo der Kresse (von Dioskurides Κάρδαμον genannt) der ägyptische Name Σεμέθ zugeschrieben wird. Daher identifiziert sie, wie schon Charpentier, smt mit Lepidum sativum. Berendes, Pedanios Dioskurides Arzneimittellehre, 236 merkt allerdings an, dass die von Dioskurides in II 205 unter Ἴβηρις (nach II 184 eine andere Bezeichnung von Κάρδαμον) gegebene Beschreibung der fraglichen Pflanze eher auf die Orientalische Kresse (Erucaria aleppica Gärtn.) als auf Lepidum sativum passen würde. Diese letztere Kresse kommt in Ägypten nicht vor. Vgl. Germer, Handbuch, 115, die ebd. in smt ein pflanzliches Produkt vermutet, ohne dies weiter einzugrenzen. Der Schreibung mit zusätzlichem Ohr-Klassifikator könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Drogenbezeichnung vom Wortfeld smt: „hören, lauschen“ abgeleitet ist, ohne dass sich anhand der wenigen Belege Benennungsgrund oder -motiv für die Droge feststellen ließe.

snwt.t
Definition:

Eine der wenigen Pflanzen, für die die medizinischen Texte weitere Informationen geben, auch wenn sie nur rudimentär sind. In Eb 294 findet sich eine nähere Beschreibung: Sie wächst wie die qꜣd.t-Pflanze „auf ihrem Bauch“ (leider ist diese Pflanze unidentifizierbar; aufgrund dieser kurzen Notiz sowie eines möglichen etymologischen Zusammenhangs mit der qꜣdj-Schlange besteht die Möglichkeit, dass sie Ranken bildet), treibt Blüten wie der zšn-Lotos und Blätter „wie weißes Holz“, ein Myrrhelieferant. (Ob gemeint ist: „wie (die Blätter von) ‚weißem Holz‘“? Eine derartige Verkürzung eines Vergleiches ist im Ägyptischen durchaus gebräuchlich.)
Aufgrund dieser Beschreibung dachte Dawson, in: JEA 20, 1934, 186-187 an eine Convulvulus-(Winden-)Art, speziell an Convulvulus hystrix, für die es archäobotanische Nachweise gäbe. Germer, Handbuch, 116 schlägt, ebenfalls aufgrund der Beschreibung, Convulvulus arvensis L. vor; deren Teile hätten eine leicht laxierende Wirkung, weshalb es vorstellbar sei, dass sie in der Medizin verwendet worden sei. Auch die Wortbildung – eine Zusammensetzung mit der Schlangenbezeichnung wt.t (?) – könnte eine Interpretation als Windenart stützen (dieses Argument schon vorgeschlagen in Wb 4, 157 und aufgegriffen von Aufrère, in: BIFAO 86, 1986, 15).
Naville, in: ASAE 16, 1916, 188 (mit Verweis auf Loret) vermutet in snwt.t dagegen eine alternative Graphie der snw-Pflanze (Wb 4, 157.6) – auch das Wb deutet ebd. eine derartige Möglichkeit an. Aufrère, in: BIFAO 87, 1987, 31-35 diskutiert diese letztere Pflanze und die Frage, ob es sich um Blauen Lotos (so die ältere Interpretation) oder um den Weißen Lotos (so sein Neuvorschlag) gehandelt hat. Obwohl schon Dawson Navilles Vorschlag abgelehnt hat, weil er auf einem Missverständnis der Beschreibung „sie wächst auf ihrem Bauch“ basieren würde, geht noch Bardinets Übersetzung (Papyrus médicaux, 261) der snwt.t-Pflanze als „lotus bleu“ hierauf zurück. Später, in ENiM 6, 2013, 45, distanziert sich Bardinet jedoch ebenfalls von dieser Gleichsetzung. Auch Charpentier, Recueil, trennt beide Lemmata voneinander. In sn(n)w-p.t, Nr. 966, vermutet er Senf, Sinapis arvensis L., in snwt.t, Nr. 967, „probablement le liseron“, Convolvulus Hystrix L.

L.P.

Starkbier
Definition:

Ägyptisch ḏsr.t: Eine besondere Bierart, die wohl von höherer Qualität war als normale, ḥ(n)q.t, genannte Bier, vgl. den von Westendorf, Handbuch Medizin, 511 angeführten Beleg bei Helck, in: LÄ IV, 1982, Sp. 55, s.v. "Menqet" mit Verweis auf die 4. Stunde, 16. Szene des Pfortenbuches, wo ḥnq.t und ḏsr.t ins selbe Verhältnis zueinander gesetzt werden wie Wasser und Wein. Vielleicht begründet durch dasselbe Verhältnis, gibt Caminos, LEM, 425 als Übersetzung "strong ale".

Nach Helck, in: LÄ I, 1975, Sp. 789-792, s.v. "Bier", spez. Sp. 790 handelt es sich vielleicht auch um ein Bier aus ḏsr.t-Körnerfrüchten. Ähnlich vermutet auch Germer, Arzneimittelpflanzen, 362-363 einen Zusammenhang mit der ḏsr.t-Pflanze. Angesichts der seltenen Erwähnung der ḏsr.t-Pflanze ist es allerdings seltsam, dass ein daraus hergestelltes Getränk so viel häufiger genannt sein soll: Für diese Pflanze kennt das Wb nur drei Belegzettel mit nur zwei Belegen, wohingegen unter dem ḏsr.t-Getränk 245 Belegzettel abgelegt sind.

Hoffmeier, Sacred, 57 leitet die Bezeichnung dagegen vom Verb ḏsr im Sinne von "besonders, abgesondert sein" her. Basierend auf der (allerdings falschen) Beobachtung, das Getränk käme ausschließlich in funerären Texten des Alten Reiches vor, vermutet er darin einen "special drink reserved for the dead". Ähnlich vermutet Grunert, in: GM 173, 1999, 99 darin ein "besonderes" Bier, vielleicht sei es ein "erster Abguss" oder ein Konzentrat.

Abadir, in: DE 45, 1999, 7-22 denkt eher an ein Anis-haltiges Getränk, weil es in Hustenmitteln verwendet wird, als Aroma in Brot und anderen Bäckereiprodukten, sowie als Räuchermittel, und weil es gelegentlich als "weiß/hell" bezeichnet wird und in kotextueller Nähe zur Milch steht. Laut Germer, Flora, 139 sind allerdings bislang keine Anisreste in Ägypten archäologisch nachgewiesen.

L.P.

Stechholz
Definition:

Ägyptische ḫt-ds: Der zweite Bestandteil des Kompositums war im Wb 3, 342.9-12 noch nicht sicher gelesen worden. Als Vorschlag wurde ws (< wsi̯: „sägen“) unterbreitet. Darauf beruht Saunerons Übersetzung „sciure de bois“ (BIFAO 57, 1958, 158). Die Lesung ḫt-ds ergibt sich aus der Pleneschreibung des pEdwin Smith. Ebbell, Papyrus Ebers, 133, der ebenfalls noch ḫt-ws liest, schlägt ohne Begründung „myrtle?“ vor, was Germer, Arzneimittelpflanzen, 300 anzweifelt. S. Aufrère, in BIFAO 86, 1986, 19-24 lehnt Ebbells Deutung ebenfalls ab, u.a. mit dem Verweis, dass die Myrte auf Koptisch ⲙⲟⲧⲣⲁ hieße (dem können noch die Formen ⲙⲟⲩⲗⲥⲏⲛⲏ, ⲙⲟⲣⲥⲩⲛⲁ u.ä. hinzugefügt werden, vgl. E. Chassinat, Un papyrus médical copte, MIFAO 32, Le Caire 1921, 314-315). In BIFAO 87, 1987, 29-30 schlägt Aufère vor, ḫt-ds mit dem demotischen ḫts und dem koptischen ϣⲏⲧⲥ zu verbinden und darin, basierend auf den Belegen für Letztere, vielleicht mit dem Mönchspfeffer oder eher noch mit Sesbania sesban (L.) Merill zu verbinden. Bardinet, in: ENiM 6, 2013, 33-78 identifiziert dagegen snw (Wb 4, 157.6) mit dem Mönchspfeffer, so dass diese Identifikationsmöglichkeit für ḫt-ds ausscheiden wird. T. Pommerening, Bäume, Sträucher und Früchte in altägyptischen Listen - eine Betrachtung zur Kategorisierung und Ordnung, in: S. Deicher, E. Maroko (Hg.). Die Liste: Ordnungen von Dingen und Menschen in Ägypten. Ancient Egyptian design, contemporary design history and anthropology of design 1. Berlin 2015, 138-139 mit Anm. 38 spricht sich für eine wörtliche Übersetzung „Stechbaum“ bzw. „Stechholz“ aus; ausgehend von einem derart signifikanten Benennungsgrund bringt sie ferner den Anabaum, Faidherbia albida, in die Diskussion ein, weil dieser in moderner Zeit ähnlich als „Stechholz“ bezeichnet würde und dessen Teile in Ägypten seit der prädynastischen Zeit nachweisbar seien. Zusammenfassend wird aber keiner der vorgebrachten Vorschlägen von dem jeweiligen Urheber als sicher erachtet.

L.P.

šzp.t
Definition:

šzp.t: DrogWb, 505-507 differenziert zwischen drei verschiedenen beinahe-homographen Drogen und in verschiedenen Kollokationen. Zu šzp.t allein oder ḫꜣ.w n.w šzp.t s. Nr. (1), zu šzp.t n.t jꜣrr.t und šzp.t n.t qmy.t s. Nr. (2), zu šzp.t n.t ḥmꜣ.yt s. Nr. (3):

(1) [= Wb 4, 537.1-2] Eine Droge, die mit dem Ei (?, Gardiner Sign-list H 8; oft für Zähflüssiges verwendet; vielleicht eher das einzelne Saatkorn, M 33B) und/oder dem allgemeinen Pflanzenklassifikator (Gardiner M 2) geschrieben ist. Trotz der ungewöhnlichen Klassifizierung scheint es sich um eine Pflanzenbezeichnung zu handeln, denn sie ist u.a. in der Kollokation ḫꜣ.w n.w šzp.t belegt, und ḫꜣ.w bezeichnet Wurzeln, Stängel und/oder Blätter (am wahrscheinlichsten Letzteres, s. die Diskussion beim diesem Lemma).
Die Identifizierung schwankt zwischen Gurke und Melonenarten, bewegt sich also im Rahmen der Familie der Kürbisgewächse: Stern, in: Ebers, Papyros Ebers, 2. Bd., 46b vergleicht es mit koptisch ϣⲟⲡ, ϣⲱⲡⲉ u.ä. und sieht darin Cucumis melo (d.h. die Zuckermelone? Oder die Chate?). Loret, Flore pharaonique, 2. Auflage, 75, Nr. 129 und 130 hält aber die Nachweise für Cucumis melo L., zumindest in vorgriechischer Zeit, für zweifelhaft. Ihm zufolge entspricht das koptische ϣⲟⲡ griechischem σίκυος, und in den mittelalterlichen Scalae sei ϣⲟⲡ nur einmal mit arabisch „Battikh“, der Zuckermelone, und sonst immer mit „Faqqous“ gleichgesetzt. Zusammen mit anderen Bezeichnungen für die Melone bespricht er diesen Beleg unter Nr. 129: Cucumis sativus, d.h. der Gurke, und diese Bezeichnung ist dann auch von Wb 4, 284.11 und 536 unten übernommen worden. Tatsächlich entspricht griechisches σίκυος dieser Pflanze (s. Liddell/Scott/Jones, Greek-English Lexicon, s.v. σίκυος), aber „Battikh“ ist die Wassermelone, Citrullus lanatus, und „Faqqous“ scheint weniger die Gurke zu sein, wie Loret schreibt, als vielmehr die Chate, Cucumis melo L. var. chate (L.) Naud ex Boiss., vgl. Keimer, Gartenpflanzen I, 15 und zum vollständigen lateinischen Namen Germer, Flora, 128. Die in koptischen Wörterbüchern gegebene, zusätzliche Bedeutung „gourd“ (Crum, CD, 581a), „courge“ (Vycichl, Dictionnaire etymologique, 268) ist potenziell fehlleitend, wenn ihr im Deutschen die scheinbare Entsprechung „Kürbis“ zur Seite gestellt wird (so etwa Westendorf, KHWb, 322 und Quack, in: Enchoria 21, 1994, 72 für demotisches špy, zur „Gurke“ korrigiert in Hoffmann/Quack, Anthologie der demotischen Literatur, 182): Deutsches „Kürbis“ ist enger gefasst als (botanisch nicht festgelegtes) englisches „gourd“ oder französisches „courge“ und bezeichnet Pflanzenarten der Gattung Cucurbita, die aber aus Südamerika stammen (vgl. für den Riesenkürbis Keimer, ebd., 13, Germer, Flora, 130).
Keimer, ebd., 15-16 weist darauf hin, dass es kaum möglich ist, die verschiedenen Varietäten der Kürbisgewächse sicher mit vorkoptischen Bezeichnungen versehen zu können; auf S. 130 scheint er aber unter Referenz auf Loret für šzp.t zur Chate zu tendieren. Die Unsicherheit in der Benennung spiegelt sich auch im DrogWb wider, wo unter Verweis auf Keimer Cucumis melo genannt, in der Hauptübersetzung aber „Gurke“ geschrieben wird. „Die Gurke Cucumis sativus“ war aber laut Germer, Arzneimittelpflanzen, 125, „mit ziemlicher Sicherheit dem Alten Ägypter unbekannt.“ Auf S. 126 erwähnt sie kurz, dass šzp.t als Melone identifiziert wird, legt sich aber nicht weiter fest. Ferner erwähnt sie S. 126-127, dass die Verwendung von ḫꜣ.w n.w šzp.t seine Entsprechung „in der Volksmedizin“ haben könne, wo die Wurzel von Cucumis melo L. benutzt würde. „Das sind aber nur Vermutungen, da nicht bekannt ist, ob die altägyptischen Melonensorten ähnliche Eigenschaften hatten wie die heutige Cucumis melo L.“ Außerdem hängt dies auch von der Bedeutung von ḫꜣ.w ab, das vielleicht eher Blätter als Wurzeln bezeichnet, s. den entsprechenden Kommentar. In Flora, 128-129 erwähnt Germer das šzp.t unter der Wassermelone nicht mehr (und gibt vielmehr an, dass deren Name nicht bekannt sei), sondern nur noch unter der Chate (versehentlich šsb.t statt šsp.t transkribiert). Auch Charpentier, Recueil de materiaux epigraphiques, Nr. 1144 und Grandet, Papyrus Harris I, Vol. 2, 152, Anm. 613 legen sich, u.a. mit Verweis auf Germer, ebenfalls auf Chate fest. Germer, Handbuch, 140, 228 und 243 erwähnt wieder die Möglichkeiten, dass šzp.t die Wassermelone oder die Chate sein könnte, lässt aber die Entscheidung offen.
In einer Lieferliste des Mittleren Reiches auf pBerlin P. 10035 Recto, x+10 erscheint ein šzp.t mit einem Klassifikator, der am ehesten Gardiner N 33 entspricht, U. Luft, Urkunden zur Chronologie der späten 12. Dynastie: Briefe aus Illahun, Österreichische Akademie der Wissenschaften. Denkschriften der Gesamtakademie 34, Wien 2006, 70 und Taf. 20. Luft übersetzt das Wort auf Seite 71 mit Chate und interpretiert es damit als Beleg für Nr. (1). Dieser Papyrus enthält einen Nachtrag m sꜣn ṯb.wt: „von der sꜣn-Pflanze (?), ṯb.wt-Maß (?)“. Die Lesung und Übersetzung dieses Nachtrags ist unsicher, vgl. die Kommentare bei Luft, 72. Auch die Zuordnung zu šzp.t scheint pace Luft nicht ganz sicher zu sein.
Die Frage, ob dieses Lemma identisch oder zumindest zu vergleichen ist mit sšp.t, Wb 4, 284.11, wird meist implizit bejaht, indem beide Lemma aufeinander verwiesen werden (so etwa das Wb, auch Charpentier, Recueil de materiaux epigraphiques, der aber šzp.t eben als Chate versteht, sšp.t, Nr. 1002, dagegen als Gurke, arabisch خيار). Auch die Frage zum Verhältnis von šzp.t (und sšp.t) mit šb.t, Wb 4, 438.2-3, wäre zu klären, das, wohl ebenfalls unter Rückführung auf koptisches ϣⲱⲡⲉ und dessen Identifikation mit Cucumis sativus, ebenfalls mit „Gurke“ übersetzt wird, so jedenfalls im Wb. Letztlich wäre zu klären, auf welches dieser Wörter koptisches ϣⲱⲡⲉ zurückgeht (auf šzp.t eben laut Stern oder Loret; auf sšp.t laut Wb 4, 284, Vicychl, Dictionnaire etymologique, 268, Chicago Demotic Dictionary, Š, 104; auf šb.t bspw. Erichsen, Demotisches Glossar, 503), sofern nicht ein Zusammenfall aller drei Lemmata vorliegt (so Černý, CED, 249, Westendorf, KHWb, 322). Zumindest im pEbers muss es sich bei šb.t und šzp.t um separate Drogen gehandelt haben, da sie anders geschrieben wurden und auch in unterschiedlichen Kollokationen vorkommen. [NB: Interessanterweise kennt das Koptische auch ⲃⲣⲁϣⲱⲡⲉ, was wohl pr.t ... entspricht und damit an die Verwendung von pr.t šb.t im pEbers erinnert.]

(2) [= Wb 4, 537.3-4] Eine Droge, die mit einem runden Zeichen klassifiziert ist – welches, ist unsicher: Die Belege des pEbers sind in bisherigen hieroglyphischen Transliterationen als Kreis (Brugsch, Wb VII, 1129; Grundriß der Medizin V und DrogWb, 506; Hannig, HWb, Marburger Edition, 904), als zweiphasiger Mond resp. Mond mit Erdschein (?), Gardiner, Sign-list N 9 (Stern, in: Ebers, Papyros Ebers, Bd. 2, 46; Brugsch, Wb VII, 1129; wohl abgelehnt von Möller, der jedenfalls in seiner Hieratischen Paläographie, Nr. 573 keinen Ebers-Beleg für diese Hieroglyphe verzeichnet) resp. das Brot X 6 / X 6A (Wreszinski, Papyrus Ebers; Wb 4, 536; explizit die Berliner Zeichenliste, s.v. X 7) wiedergegeben wurde. Die hieratische Form spricht am ehesten für das Brot oder aber für eine Sonnenscheibe. Im pChester Beatty VI scheint es eher mit dem Korn geschrieben zu sein. Anders als Droge (1) ist es nur ein Drogenbestandteil und ist in den Kollokationen šzp.t n.t jꜣrr.t und šzp.t n.t qmy.t: „šzp.t von Weintrauben“ und „šzp.t von qmy.t-Harz“, belegt. Meist wird darin ein und dasselbe Lemma gesehen, s. Stern, in: Ebers, Papyros Ebers, 2. Bd., 46b; Wb 4, 537.3-4 und DrogWb, 506. Einzig Brugsch, Wb VII, 1129 und Charpentier, Recueil des materiaux epigraphiques, Nr. 1141 und 1142 trennen in zwei Lemmata auf. Die Bedeutung ist bislang unklar: Ausgehend von der Verbindung mit jꜣrr.wt, denkt Stern an „bacca, acinus“, also an kleine Früchte, hier konkret an die Weinbeere. Ebenso Brugsch. Loret, Flore pharaonique, 2. Auflage, 101 (dort „Shep“ transkribiert) sieht hierin apodiktisch „Le Raisin séché au soleil“. Hierauf dürfte wohl letztendlich Jonckheeres unkommentierte Übersetzung als „raisin sec“ zurückgehen (Jonckheere, Papyrus Medical, 30 (Nr. 23)). Ebbell, Papyrus Ebers, Grundriß der Medizin und Bardinet, Papyrus médicaux enthalten sich einer Deutung. Germer, Arzneimittelpflanzen, 89-90 hält aufgrund der Verbindung mit dem Harz und dem ḥmꜣ.yt (s. hier Nr. (3)), in dem sie Salz (also ḥmꜣ.t) vermutet, eine Grundbedeutung „Körnchen“ o.ä. für denkbar, bei Weintrauben dementsprechend die Kerne. Darauf basieren die Übersetzungsvorschläge von Westendorf, Handbuch Medizin, 577, 631: „Kerne“ bzw. 585: „Kügelchen“, sowie Hannig, HWb, Marburger Edition, 904: „*Traube; *Kern; *Kügelchen“. Auf dieser Bedeutung baut auch A. Lüchtrath, in: D. Kurth (Hg.), Edfu: Bericht über drei Surveys. Materialien und Studien. Die Inschriften des Tempels von Edfu: Begleitheft 5, Wiesbaden 1999, 97-145, hier 104-108 und 134-141 in ihrer Analyse des šzp(.t) des ptolemäerzeitlichen Kyphi-Rezeptes auf, das sie für dasselbe Wort hält. Das im Kyphi-Rezept verwendete šzp(.t) [= Wb 4, 537.7] ist mit der Herkunftsangabe Dsds versehen, kommt also aus der Oase Bahariya, und wird laut dem Rezept auch als jꜣrr.t wḥꜣ.t: „Weintrauben der Oase“ bezeichnet. Darin, und dass es in Philae mit dem sšp.t-Wein gleichgesetzt wird, sieht Lüchtrath bestätigt, dass diese Substanz des Kyphi-Rezeptes „eine weinähnliche Substanz“ sein müsse. Aus den im Rezept angegebenen Mengen-Gewicht-Verhältnissen schließt sie ferner, dass die Substanz leichter als Wein sein müsse und daher vielleicht Traubenkernöl bezeiche. Dies würde ihr zufolge auch dazu passen, dass im beschriebenen Herstellungsvorgang bislang kein Öl genannt sei, die Zugabe von Öl aber notwendig sei.
Die bisherige Deutung als Kügelchen, Kerne und davon ausgehend Traubenkernöl wird einzig dadurch erschwert, dass šzp.t jꜣrr.t (ohne die Genitiv-Nisbe der medizinischen Texte) in einigen Opferlisten des Alten Reiches erwähnt wird. Dass es sich auch hierbei um ein attributives Verhältnis und nicht etwa um eine asyndetische Koordination (etwa „šzp.t und Weintrauben“), zeigt sich am besten in den hieratischen Zusätzen im Grab Pepianchs des Mittleren, wo šzp.t jꜣrr.t eine gemeinsame Mengenangabe besitzt (N. Kanawati, The Cemetery of Meir, Vol. 1, The Tomb of Pepyankh the Middle, The Australian Centre for Egyptology: Reports 31, Oxford 2012, 62 und Taf. 63a und 92). Dort findet es sich vereint mit verschiedenen Getreidesorten, Datteln, wnš-Weinbeeren/-Rosinen, Feigen u.a. Während šzp.t jꜣrr.t dort nur ein sekundärer Zusatz zur primären Darstellung von mehreren aufgehäuften Früchten u.ä. ist, ist es im Grab des Anchmahor originär einem dieser Haufen beigeschrieben, s. N. Kanawati, A. Hassan, The Teti Cemetery at Saqqara, Vol. 2, The Tomb of Ankhmahor, The Australian Centre for Egyptology: Reports 9, Warminster 1997, 60 und Taf. 63. Dort befindet sich ein Haufen von šzp.t jꜣrr.t zwischen Haufen von Erdmandeln (wꜥḥ), Christdornfrüchten (nbs) und Broten davon, Wüstendatteln (jšd), Feigen (dꜣb.t) und sẖ.t-Getreide(?). Leider ist die Binnenzeichnung des šzp.t-jꜣrr.t-Haufens größtenteils zerstört, aber er scheint eine braune Färbung gehabt zu haben (s. Kanawati/Hassan, 67). Im Grab von Nikau-Isesi schließlich ist ein Haufen von šzp.t jꜣrr.t vereint mit Haufen von Feigen, wnš-Weinbeeren/-Rosinen, Christdornfrüchten (nbs) und Wüstendatteln (jšd), sowie zahlreichen Broten von Christdornfrüchten, s. N. Kanawati, M. Abder-Raziq, The Teti Cemetery at Saqqara, Vol. 4, The Tomb of Nikauisesi, The Australian Centre for Egyptology: Reports 14, Warminster 2000, Taf. 55 (leider keine Angabe der Farbe auf S. 57, also vielleicht nicht mehr vorhanden). Diese Belege werfen die Frage auf, ob šzp.t, wenn auf jꜣrr.t bezogen, wirklich die Kerne bezeichnet, oder nicht doch mehr – vielleicht die ganze Weinbeere? Dazu würde auch passen, dass in Edfu II, 184.3 šzp(.w) nb dp ḫt=sn: „alle šzp.w auf ihrem Holz (d.h. auf ihren Reben? auf ihren Stängeln?)“ erwähnt werden, wozu schon Lüchtrath, 139 schreibt, dass hier die Bedeutung „Kern“ nicht passe. Sie erwägt ebd., dass es sich in dem Fall um unreife Weinbeeren handeln könnte (was wiederum in den Opferlisten des Alten Reiches unerwartet wäre). T. Pommerening, Bäume, Sträucher und Früchte in altägyptischen Listen - eine Betrachtung zur Kategorisierung und Ordnung, in: S. Deicher, E. Maroko (Hg.). Die Liste: Ordnungen von Dingen und Menschen in Ägypten. Ancient Egyptian design, contemporary design history and anthropology of design 1. Berlin 2015, 148 geht davon aus, in diesen Listen eine ontologische Kategorie [essbare Baum-/Strauchfrucht] präsentiert zu haben, was dann auch šzp.t jꜣrr.t einschließt. Im Grab von Nianchchnum und Chnumhotep schließlich findet man šzp.t (sicher eine Abkürzung für šzp.t jꜣrr.t) als Beischrift zu einer Amphore neben Amphoren mit Wein (d.h. dem Getränk: jrp) und Erdmandeln (wꜥḥ), vgl. Pommerening, ebd., 131, Abb. 2 und 151.
Ein Produkt jꜣrr.t zšp, (als Kompositum?) mit Pflanzenklassifikator versehen und in -Schüsseln lieferbar, erscheint schließlich zwischen anderen Früchten auch im pHarris I, Zeile 39,4. Ob hier dasselbe Produkt vorliegt oder ein anderes, ist unklar. Die Übersetzer gehen gelegentlich davon aus, vgl. etwa Breasted, ARE IV, 158, § 300 mit Anm. b (seine wörtliche Übersetzung „raisin-berries“ wird den Vorschlag von Stern wieder aufnehmen). Grandet, Papyrus Harris I, Vol. 2, 151, Anm. 607, verbindet es mit der Weinbezeichnung sšp, Wb 4, 284.12, und bringt Letztere mit der Droge des Kyphi-Rezeptes zusammen. Ob er darin wiederum dasselbe Lemma versteht wie das šzp.t der medizinische Texte (so Lüchtrath) oder ein davon zu unterscheidendes Wort, schreibt er nicht. Da er zudem eine Übersetzung des zšp an dieser Stelle unterlässt, ist auch unklar, in welches syntaktische Verhältnis er jꜣrr.t und zšp setzt.
Welchen Einfluss diese Identifikationsversuche auf die Verbindung šzp.t qmy.t hat, muss weiteren Studien überlassen werden. Diese Verbindung ist bislang nur einmal belegt, in Eb 460, und steht dort im Zeilenumbruch: šzp.t | n.t qmy.t. Daher könnte man sich fragen, ob hier vielleicht ein Abschreibefehler beim Zeilenwechsel vorliegt und man zu šzp.t n.t jꜣrr.t rʾ-... NN⟩ n.t qmy.t ergänzen könnte. qmy.t ist durchaus als Nomen rectum eines indirekten Genitivs belegt, s. DrogWb, 517. Aber keine dieser Verbindungen zeigt im pEbers die feminine Form n.t.

(3) [= Wb 4, 537.5-6] Eine Droge, die wie Nr. (1) mit Ei/Saatkorn oder Pflanzenklassifikator geschrieben werden kann, aber wie (2) eher ein Drogenteil sein muss, weil er nur in der Verbindung mit der ḥmꜣ.yt-Frucht vorkommt. Daher ist trotz der unterschiedlichen Klassifikation die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, sie mit šzp.t (2) gleichzusetzen: Zustimmend Wb 5, 537, das für (1), (2) und (3) nur ein einziges Lemma ansetzt; Germer, Arzneimittelpflanzen, 89. Ablehnend: Stern, in: Ebers, Papyros Ebers (der es wiederum mit Nr. (1) gleichsetzt); DrogWb; Hannig, HWb, Marburger Edition, 904. Da šzp.t ḥmꜣ.yt bis auf ein einziges Mal nie mit einer Mengenangabe versehen ist, wurde verschiedentlich vermutet, dass es sich vielleicht bei šzp.t selbst um eine Mengenangabe und keine Droge handelt, etwa „ein Griff = eine Handvoll“, s. DrogWb, 507. In der nur bruchstückhaft erhaltenen Erzählung von pBM EA 10475 Verso, Zeile x+3,1 kommt auch ein šzp.t n.t bj.t vor, das R.B. Parkinson, Two New „Literary“ Texts on a Second Intermediate Papyrus? A Preliminary Account of P. BM EA 10475, in: J. Assmann, E. Blumenthal (Hrsg.), Literatur und Politik im pharaonischen und ptolemäischen Ägypten. Vorträge der Tagung zum Gedenken an Georges Posener 5.-10. September 1996 in Leipzig, Bibliothèque d’Étude 127, Le Caire 1999, 191, Anm. 90 versuchsweise ebenfalls mit diesem Lemma und der Erwägung einer Maßangabe verbindet: „perhaps a ‚comb‘ of honey?“ [Der Klassifikator ähnelt dagegen eher denen von Nr. (2).]

L.P.

šꜣms
Definition:

Eine noch unidentifizierte Pflanze, von der Blätter, Früchte und Wurzeln offizinell verwendet werden. Aufrère, in: BIFAO 87, 1987, 22-26 vergleicht sie mit der akkadischen Pflanzenbezeichnung šamas, deren Eigenschaften und Beschreibung ihn an Römischen Bertram, Anacyclus pyrethrum D.C. denken lässt. Zur Identifizierung des ägyptischen Pflanzennamens mit dem Römischen Bertram führt er u.a. folgende Argumente an:

  1. Im pEdwin Smith wird die Pflanze u.a. zur Bekämpfung der "Seuche des Jahres" eingesetzt, die nach ägyptischer Vorstellung am Jahresende droht, und Aufrère sieht hierin eine Verbindung mit der insektenvertreibenden Wirkung des Bertram;
  2. die vermeintlichen "Matricaria"-Pollen, die in der Mumie Ramses' II. gefunden wurden, könnten evtl. ebenfalls zum Bertram gehören und würden zur insektenvertreibenden Wirkung dieser Pflanze passen;
  3. die Wurzeln des Bertram würde in der antiken Medizin verwendet, was sich mit der Verwendung der Wurzel der šꜣms-Pflanze deckt;
  4. der Einsatz von šꜣms zum "Weichmachen" von Gliedern könnte einer Nachricht Ibn el-Beithars zur Seite gestellt werden, wonach Bertram bei Gliederbeschwerden eingesetzt würde;
  5. schließlich würde der Einsatz von šꜣms bei Kopfschmerzen zu Ibn el-Beithars Hinweis passen, zerriebener Bertram an der Vorderseite des Kopfes könnte "préserve des afflux d'humeur".

Germer, Handbuch, 126-127 steht einer Identifikation von šꜣms mit Bertram dagegen kritisch gegenüber und lehnt hauptsächlich Aufrères Argument ab, dass sich der medizinische Gebrauch in ägyptischer und antiker Medizin decken würde. Ihr zufolge wird die Wurzel von šꜣms nur ein einziges Mal genannt und die antike Medizin verwendet die Früchte und Blätter vom Bertram gar nicht, was der Verwendung von Früchten und Blättern des šꜣms gegenübersteht.

L.P.

tḥwꜣ
Definition:
Eventuell die Erbse? Weiterlesen...

In den Miscellanies neben ꜥršn: „Linsen“ als Inhalt von Lagerhäusern genannt. W.R. Dawson, in: JEA 21, 1935, 38-39 schreibt, dass die Pflanze „usually“ als „lentil“ identifiziert worden sei, was aber angesichts der parallelen Nennung von tḥwꜣ und ꜥršn in den Miscellanies eben nicht möglich sei. Daher müsse tḥwꜣ eine andere, ähnliche Pflanze bezeichnen und Dawson denkt an Erbsen.

Die Meinung, dass tḥwꜣ eine linsenähnliche Pflanze gewesen sei, scheint einzig von der von Dawson abgelehnten Identifizierung mit der „Linse“ beeinflusst zu sein; jedenfalls liefert Dawson dafür keine Begründung (K.R. Weeks, in: JARCE 16, 1979, 186 nimmt an, dass Dawson u.a. mit der Form des Klassifikators, dem runden Zeichen Gardiner Sign-list N 33, argumentiert hätte – dieser Klassifikator spielt zwar tatsächlich bei Dawsons Diskussion um die Bedeutung von ḏꜣr.t eine Rolle, JEA 20, 1934, 41-44, nicht aber bei seiner Diskussion zu tḥwꜣ). Germer, Flora, 86 zweifelt Dawsons Interpretation wegen fehlender Belege an. Auch K.R. Weeks, in: JARCE 16, 1979, 186-187 zweifelt Dawsons Deutung an: tḥwꜣ sei nur einmal, eben in den Miscellanies, neben ꜥršn genannt, was als Beleg nicht ausreicht, eine Ähnlichkeit der Pflanzenarten anzunehmen. In medizinischen Kontexten sei tḥwꜣ oft genannt worden, aber nicht als Verdickungsmittel, wie dies von Erbsen in „modern folk medical treatments“ bekannt sei; in antiken und mittelalterlichen medizinischen Texten sei die Erbse gar nicht genannt, was implizieren würde, dass sie nach häufiger Verwendung in Ägypten zunächst komplett aus der Apotheke verschwunden wäre. Als Alternative weist Weeks auf die gelegentliche Austauschbarkeit von tḥwꜣ mit ḥḏ.w in medizinischen Texten hin, was darin zu begründen sei, dass beide Drogen ähnliche Substanzen beinhalten oder ähnliche Eigenschaften besäßen. Da er ḥḏ.w mit der Communis opinio als Zwiebeln interpretiert (s. dort), vermutet er in tḥwꜣ „Knoblauch“.

L.P.

tjꜥm
Definition:
Eine nur in medizinischen ... Weiterlesen...

Eine nur aus medizinischen Texten bekannte Pflanze. Stern, in: Ebers, Papyros Ebers, Vol. 2, schlägt mit Verweis auf Chabas, in: Mélanges égyptologiques III.2, 100 einen Zusammenhang mit der tjmw-Pflanze vor, die in pAnastasi IV, 8,2 vorkommt. Diese ist jedoch von Gardiner, LEM, 42a, Anm. 16a zum jmꜣ-Baum emendiert worden und fällt damit als zusätzlicher Beleg weg. Die anderen von Chabas genannten Belege für die ṯꜥm-Pflanze sind ebenfalls zu streichen, da das Wort, auf das er referiert, dgm zu lesen ist, vgl. Chabas' Verweis auf Le Page Renouf, in: ZÄS 5, 1867, 33. Sterns Vorschlag, in tjꜥm einen Nussbaum zu sehen, beruht einzig auf Chabas' Interpretation dieser vermeintlichen, nunmehr obsoleten Belege. Germer, Handbuch, 149-150 gibt keinen Identifikationsvorschlag.

Sauneron, Ophiologie, 152-153, Anm. 8 deutet den Namen der im § 22 des Brooklyner Schlangenpapyrus genannten tjꜥm-Schlange als "Die von Asien", erklärt als Verkürzung aus tj-n.t-ꜥꜣm. Als Parallele führt er die tj-n.t-ꜥꜣmw, die "Asiatenkrankheit" der medizinischen Texte auf, eine Bezeichnung, die auf dieselbe Weise gebildet wäre. Außerdem ist in § 18 eine kꜣ-n-ꜥm-Schlange genannt, also ein weiterer Schlangenname, der mit ꜥm gebildet ist. Dies erhärtet den Verdacht, dass bei der tjꜥm-Schlange eine Zusammensetzung mit einem Wort ꜥm vorliegen könnte. Auffällig ist jedoch, dass das ꜥm im Namen der Schlange nicht mit dem Wurfholz geschrieben ist, wie es für das Wort ꜥꜣm: "Asiat" üblich ist. Immerhin ist diese vor dem Schlangendeterminativ noch mit dem Ersatzstrich für den Gefangenen determniert, was Sauneron als Argument für seine Interpretation wertet. Sollte man diesen Schlangennamen mit dem homographen Pflanzennamen in einen Zusammenhang bringen können? Falls ja, gäbe es zwei Möglichkeiten der Erklärung: (1) Es handelt sich in beiden Fällen um eine parallele Bildung; man hätte einmal eine Schlange "Die von Asien", und einmal eine Pflanze "Die von Asien" (eine solche Benennung würde zugegebenermaßen der Identifikation der Pflanze nur minimal weiterhelfen). Immerhin ist die Pflanze auch in der Schreibung tjꜥꜣm belegt, was, als tj(-n.t)-ꜥꜣm aufgelöst, dem Konsonantenbestand von ꜥꜣm: "Asiat" sogar noch näher kommt. Andererseits ist auch die Pflanze nicht mit dem Wurfholz, noch mit dem Ersatzstrich oder anderen signifikanten Klassifikatoren geschrieben, die eine solche Überlegung stützen könnten. (2) Die zweite Möglichkeit wäre, dass das eine nach dem anderen benannt ist: die Pflanze nach der Schlange oder die Schlange nach der Pflanze (etwa, weil sie sich einen Lebensraum teilen oder aufgrund anderer Tertia comparationes). Hierfür ließe sich als denkbare Parallele die qꜣd.t-Pflanze anführen, für die Westendorf, in FS Winter, 265-267 einen Zusammenhang mit der fast homographen qꜣdj-Schlange vermutet (Westendorf denkt in diesem Falle konkret an eine äußere Ähnlichkeit).

L.P.

twn
Definition:

Stern, in: Ebers, Papyros Ebers, 2. Bd., 49a vergleicht es mit dem tjwn-Baum aus dem Grab des Ineni, TT 81, und der koptischen Pflanzenbezeichnung ϣⲉⲛⲑⲓⲛⲟⲛ, die er (in Anlehnung an G. Parthey, Vocabularium Coptico-Latinum et Latino-Copticum e Peyroni et Tattami lexicis, Berlin 1844, 199?) mit lignum spinosum: „stacheliges Holz“ wiedergibt. Peyron selbst (Lexicon Copticum, Berlin 1896) gibt S. 53 für ⲑⲉⲓⲛⲟⲛ die Bedeutung Ebenus (mit Verweis auf Kircher, Linguae Aegyptiaca restitua, 175) und für ϣⲉⲛⲑⲉⲓⲛⲟⲛ die Übersetzung lignum platani Indicae. (Unsicher, welcher Baum gemeint. Das von Peyron gegebene arabische ﺞﺎﺳ bezeichnet den Teakbaum, Tectona grandis.) Für das Kompositum ϣⲉⲛⲑⲓⲛⲟⲛ verweist Peyron auf Kircher, 379, der dort Lignum Sethinu angibt, für Sethinus aber als Entsprechung wiederum ﺞﺎﺳ, den Teakbaum. Außerdem verweist Peyron für ϣⲉⲛⲑⲉⲓⲛⲟⲛ auf griechisch ξύλον θύϊνον (Offenbarung des Johannes, 18:12, eines der Güter der Kaufleute Babylons, die im Zuge von dessen Untergang niemand mehr kaufen will). Das Wort θύϊνον ist laut „Middle Liddell“ (Liddell/Scott/Jones, The Greek-English Lexicon – Abridged) „of the tree θυία, of cedar“ und θυία wiederum bezeichnet laut Liddell/Scott/Jones Juniperus foetidissima, den „Stinkenden Wacholder“. Allerdings kennt Liddell/Scott/Jones auch ein Wort θύον mit der Bedeutung „thyine-wood, citron-wood, Callitris quadrivalvis“, was besser zur lateinischen Entsprechung passt. Die Vulgata gibt nämlich dieselbe Bibelstelle durch lignum thyinum wieder. Das Lateinische thyinum ist laut Lewis & Short „made of the citrus-tree“. Daraus macht die Luther-Bibel lediglich „wohlriechende Hölzer“ und die King-James-Bibel „Thyine wood”, laut Merriam Webster „the fragrant and ornamental wood of the sandarac tree“. Wenn nun koptisches ϣⲉⲛⲑⲉⲓⲛⲟⲛ nur griechisches ξύλον θύϊνον wiedergibt, was recht wahrscheinlich sein dürfte, dann ist das koptische ⲑⲉⲓⲛⲟⲛ nur ein Lehnwort und eine Verbindung mit älterem twn ausgeschlossen. Auch wenn es doch ein genuin koptisches Wort wäre, ist aufgrund des eine Verbindung mit twn nicht unproblematisch.

Brugsch, Wb VII, 1347 verbindet das tjwn des Ineni dagegen mit hebräisch תְּאֵנָה, der Gemeinen Feige. Die Gleichsetzung der twn-Pflanze (mit Pflanzenklassifikator) und der tjwn-Pflanze (mit Baumklassifikator) wird meist akzeptiert. Ebbell, Papyrus Ebers, 133 gibt, ohne jegliche Erklärung (ob inspiriert durch den Klassifikator der Pyramidentextbelege, der einem Akazienzweig ähnelt?), die Bedeutung Acacia Seyal. Germer, Arzneimittelpflanzen, 212-213 hält diese Identifizierung für denkbar, u.a. ebenfalls wegen dieser Klassifikation. Das Rind, mit dem die Pflanze oft zusätzlich klassifiziert wird, hält sie für einen Hinweis darauf, dass die twn-Pflanze eine Futterpflanze sein könnte (contra Germer könnte dieser Klassifikator aber vielleicht eher auf einen Zusammenhang mit der Wortfamilie ṯwn: „zustoßen“ hinweisen, die mit dieser Hieroglyphe klassifiziert wird), und sie verweist dazu auf Darstellungen in Gräbern, in denen Ziegen Akazienblätter fressen; und der Anwendungsbereich in der Medizin würde gut zu einer gerbstoffhaltigen Pflanze wie der Akazie passen. Dawson, in: Barns, Five Ramesseum Papyri, 31 kann Ebbells Deutung weder bestätigen noch ablehnen und erwähnt, dass Loret, Flore Pharaonique, Nr. 143 den ꜥš-Baum mit Acacia seyal gleichgesetzt habe (womit er impliziert, dass er diese Möglichkeit für twn eher ausschließt). Er verweist aber ebenfalls darauf, dass die Klassifizierung von twn in den Pyramidentexten zu Akazien passen könnte. Westendorf, Handbuch Medizin 510 folgt Ebbell, Germer und Dawson, schreibt aber in den Übersetzungen vorsichtig „ṯwn-Pflanze (Akazienart ?)“. V. Loret, Le signe hiéroglyphique nn (Jonc des marais), in: Studies presented to F. Ll. Griffith, London 1932, 304-309, hier 307 geht, wie die meisten Ägyptologen, davon aus, dass tjwn und twn dieselbe Pflanze bezeichnet. Die unterschiedliche Klassifizierung mit Baum resp. allgemeinem Pflanzenklassifikator nimmt er zum Anlass, hierin ein strauchartiges, tlw. verholztes Gewächs zu sehen, „peut-être le Ceruana pratensis Forsk.“.

Von diesen Vorschlägen abgesehen, wird die Pflanze meist als unidentifiziert betrachtet, so etwa bei Lefebvre, Essai sur la médecine Égyptienne, 162, Anm. 7, Charpentier, Recueil de matériaux épigraphiques, § 1362 oder DrogWb, 562-564. Baum, Arbres et arbustes de l’Égypte ancienne, 176-179 hält die Möglichkeit offen, dass das tjwn aus dem Grab des Ineni und das dwn ptolemäischer Texte, das ebenfalls mit einem Baum klassifiziert wird, dasselbe Wort sind und einen Baum bezeichnen, der von twn zu differenzieren ist, sie hält es aber für ebenso denkbar, dass tjwn, twn und dwn dieselbe Pflanze bezeichnen; wie Loret sieht sie in letzterem Fall die unterschiedliche Klassifizierung als Hinweis, dass wohl eine teilweise verholzte, strauchartige Pflanze gemeint sein könnte. Einen Identifikationsvorschlag unterbreitet sie nicht.

L.P.

unterägyptisches Salz
Definition:

Die genaue Konnotation der ägyptischen Bezeichnung ist schwer zu fassen.Das Substantiv ḥmꜣ.t allein wird üblicherweise mit dem ϩⲙⲟⲩ des Koptischen verbunden und als das ägyptische Wort für "Salz" aufgefasst. Zu einer gelegentlichen, älteren Annahme, dass damit spezifischer "Meersalz" gemeint sei, vgl. die Diskussion bei Harris, Minerals, 189. Harris schließt diese Möglichkeit nicht aus; ihm zufolge sei aber der größere Teil des ägyptischen Saltze aus Binnenseen und "other similar deposits" gekommen. Die Identifizierung von ḥmꜣ.t wird jüngst wieder von Aufrère, L'univers minéral, 636-637 problematisiert. Aufrère merkt an, dass die Ägypter wohl nicht scharf zwischen Salz (d.h. Natriumchlorid) und Natron (einem Dekahydrat von Natriumkarbonat) unterschieden hätten, wie sich u.a. sehr gut an der Bezeichnung sḫ.t-ḥmꜣ.t: "Salzfeld" für das Wadi en-Natrun zeigt.

Ist also schon die Identifizierung von ḥmꜣ.t allein nicht so sicher, wie die gängigen Wörterbücher suggerieren, ist es gänzlich unsicher, welche Aussage die Qualifizierung von ḥmꜣ.t durch mḥ.t: "(von) Unterägypten/(vom) Norden" beinhaltet. Lefebvre, Médecine Égyptienne, passim belässt es bei einer wörtlichen Übersetzung "sel du Nord" und ebenso DrogWb, 343 und Westendorf, Handbuch Medizin, 550 bei "unterägyptischem Salz". Breasted, Surgical Papyrus, 383 dachte an Natriumchlorid aus der Wüste westlich des Deltas. Bardinet, Papyrus médicaux, 253 vermutet dagegen hinter der Verbindung eine Bezeichnung für "sel marin", was natürlich nur unter der Voraussetzung funktioniert, dass nicht ḥmꜣ.t allein schon das Meersalz bezeichnet. Es sollte auch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass die Attribuierung durch das dualistische Prinzip des ägyptischen Weltbildes motiviert ist und auf die Kulttopographie anspielt. Bei Opferhandlungen werden gelegentlich Opfergaben "aus Unterägypten" neben solchen "aus Oberägypten" genannt. Im Falle der medizinischen Texte könnte evtl. Eb 51 angeführt werden, wo neben ḥmꜣ.t-mḥ.t: "unterägyptischem Salz" jt-šmꜥ: "oberägyptische Gerste" genannt ist (zu dieser Gerste s. den Kommentar in Eb 51).

L.P.

Vierzeilige Gerste
Definition:

Die gängige Übersetzung des Ägyptischen ist "oberägyptische Gerste". Für die Möglichkeit, dass es eigentlich die "schmale", d.h. die vierzeilige Gerste ist, vgl. R. Müller-Wollermann, Die sogenannte ober- und unterägyptische Gerste, in: VA 3, 1987, 39-41. Pommerening, Wege zur Identifikation altägyptischer Drogennamen - eine kritische Betrachtung (im Druck), steht dieser Deutung, zumindest in medizinischen Kontexten, kritisch gegenüber, weil die Nebeneinanderstellung von "oberägyptischen" und "unterägyptischen" Produkten dem Dualitätsprinzip der Alten Ägypter entspricht.

L.P.

weißes Holz
Definition:

Im Ägyptischen steht einfach ḫt ḥḏ: „weißes/helles Holz“. Die Schreibungen im pEbers und im pHearst lassen keine Entscheidung zu, ob eine spezifische Pflanzenbezeichnung vorliegt (etwa *„Weißholz“), oder ob schlicht "helles Holz" gemeint ist. Im DrogWb gibt es keinen eigenen Eintrag, und nicht einmal eine Bemerkung unter dem allgemeinen Lemma ḫt. Bardinet, Papyrus médicaux, 296 übersetzt es kommentarlos mit „sycomore“, setzt aber immerhin noch die wörtliche Übersetzung daneben. Wie er zu dieser Bedeutung kommt, ist unklar. Weder Germer, Arzneimittelpflanzen, noch Germer, Handbuch oder Charpentier, Recueil führen eine entsprechende Pflanze auf. In ptolemäischen Texten ist allerdings ebenfalls ḫt ḥḏ erwähnt (s. Wilson, Ptol. Lexikon, 753) und wird als Styraxlieferant neben ḫt km: „schwarzem Holz“ und ḫt dšr: „rotem Holz“ genannt. Es ist eine „Wiederholung wie das Getrocknete des ḏꜣr.t-Baumes“, d.h. vom Johannisbrotbaum, es wird fest, wenn es zerbrochen wird, ist weich wie der Charakter (?; jwn: „Farbe, Wesen, Charakter“) von Gold, riecht wie tj-šps (der Kampferbaum, vgl. Lüchtrath, in: GM 101, 1988, 43-48); und wenn es auf seine Seite gelegt wird „mit seinem Einschnitt (?)“, ist es wie die Flügelfarbe des sft-Vogels. Vgl. zu diesem Text Chr. Leitz, in: Rickert/Ventker, Altägyptische Enzyklöpädien, Bd. 1, 508-509.

L.P.

wrm.yt
Definition:

Ebbell, Alt-ägyptische Krankheiten, 14 vermutet "Schlacken, Schorfe, Abfallstoffe". Im MedWb wird diese Deutung aufgenommen, aber daneben vermutet, dass die Krankheit nach Windungen (wrm.w) bezeichnet sein könnte und ein Knäuel von Eingeweidewürmern bezeichnet.

L.P.

wꜣm
Definition:
unbekannte Früchte. Weiterlesen...

Die wꜣm-Droge wird oft innerlich gegen Würmer eingesetzt. Aufgrund der Determinierung vermutet Germer, Arzneimittelpflanzen, 262 eher eine Frucht- als eine (allgemeinere) Pflanzenbezeichnung. Aus dem Grab QH 92 stammt ein Gefäß mit der Aufschrift wꜣm (s. schon Germer); ein zweites mit einer solchen Aufschrift, vermutlich aus demselben Grab, befindet sich heute im BM und trägt die Nummer EA 21869, s. Edel, QH I, 1266 und 1267, Fig. 24. Eine Identifizierung der Pflanze ist nicht möglich.

L.P.

ꜥbḫn
Definition:

Schon von Brugsch, Wb V, 209 mit dem sonst nur in Denderah belegten ꜥbnḫ-Tier verbunden. Bei Letzterem handelt es sich aufgrund des Kontextes um einen Froschlurch: Die Bezeichnung ist Darstellungen von froschköpfigen Gottheiten (einmal dem froschköpfig dargestellten Amun, einmal einem froschgesichtigen Affen) beigeschrieben. Die Identifizierung des ꜥbnḫ-Tieres als Froschlurch ist damit gesichert; unklar ist, ob es ein allgemeiner Terminus ist, eine spezifische Froschart, oder ob es den Frosch in einem spezifischen Lebensstadium bezeichnet – so wie es ein eigenes Wort für die „Kaulquappe“, ḥfn, gibt. Als weitere Bezeichnungen für Froschlurche gibt es neben ꜥbḫn noch wḥm-ꜥnḫ („der das Leben wiederholt“ – Anspielung auf die Regenerationsfähigkeit des Frosches), qrr (ein Onomatopoetikum), p(ꜣ)gg.t oder pngg.t (vielleicht ebenfalls onomatopoetisch von einer Wurzel gꜣgꜣ oder ng(g), Cauville, in: RdE 38, 1987, 184; oder „la petite accroupie“ von pꜣg: „kauern“, Mathieu, in: BIFAO 104, 2004, 381, Nr. 10 und 382, Nr. 12); und auch ḥq.t könnte onomatopoetisch sein (Littmann, in: ZÄS 67, 1931, 66), wobei unsicher ist, ob Letzteres, der Name einer Froschgöttin, tatsächlich auch eine Bezeichnung des Tieres ist (als Möglichkeit in Betracht gezogen auch von Kákosy, LÄ II, 1977, Sp. 1123, s.v. „Heqet“). Aufgrund der nur geringen Beleglage lässt sich über das Verhältnis dieser Bezeichnungen zueinander nichts aussagen. Wenn Waitkus, Krypten, 70 und 128 die beiden Belege für ꜥbnḫ der Krypten von Denderah mit „Kröte“ übersetzt, hat dies daher keine Relevanz für eine zoologische Bestimmung des ꜥbḫn-Tieres.

L.P.

ꜥfꜣ
Definition:
Möglicherweise ein Lattichgewächs? Weiterlesen ...

Wb 1, 182 führt die Pflanzennamen ꜥf, ꜥf.t und ꜥfꜣj als drei separate Lemmata auf, fügt ihnen aber Querverweise aufeinander bei. Allerdings vermutet schon Keimer, Gartenpflanzen I, 126, dass die Wörter „wohl identisch seien“. Auch Aufrère, in: BIFAO 86, 1986, 2-6 hält alle Schreibungen für Varianten derselben Pflanze. Nach dem Brooklyner Schlangenpapyrus, pBrooklyn 47.218.48+85, 5,23 kann die damit wohl identische ꜥfj-Pflanze mit dem „Kopf“ der jṯr.w-Pflanze (evtl. die Kapernart Capparis decidua? Vgl. Germer, Handbuch, 37-38) verglichen werden (Sauneron, Ophiologie, 120) und Zeile 6,3 desselben Textes erwähnt „Wasser/Saft“ (mw) dieser Pflanze (Sauneron, Ophiologie, 126).

Zur Bedeutung:
Stern, in Ebers, Papyros Ebers, 2. Bd., 8 vermutet im ꜥfꜣ der medizinischen Texte eine heilige (weil im Tempel von Philae genannt), essbare Pflanze. In seiner Besprechung der Lattichart Lactuca sativa L., dem Garten- bzw. Kopfsalat, führt Loret, Flore, 69 (Nr. 113) dessen koptischen Namen „Pi-ôb“ an (d.h. ⲱⲃ mit maskulinem Artikel); als dessen hieroglyphisch-ägyptischen Vorläufer erwägt er ꜥbw und ꜥfꜣ und tendiert zu Letzterem. Diese Interpretation wird von Keimer, Gartenpflanzen I, 126 abgelehnt; auch Erman/Grapow verbinden in Wb 1, 176.10-12 das koptische Wort eher mit ꜥbw (sicher, weil Letzteres als Opfergabe für Min und den ithyphallischen Amun genannt ist und deren Verbindung mit dem Lattich auch bildlich belegt ist). Dawson, in JEA 20, 1934, 41 schließt den Lattich ebenfalls aus, weil der Gebrauch von ꜥfꜣj gegen eine Identifikation mit Lattich spreche und nicht zuletzt dessen „Egyptian name (...) well known“ sei; sicher denkt er dabei an ꜥbw. Stattdessen denkt er an Honigklee, Melilotus officinalis L., dessen Verwendung nach Dioskurides und Plinius mit derjenigen von ꜥfꜣj vergleichbar sei. Germer, Handbuch, 40 widerspricht wiederum Dawson, weil Honigklee in Ägypten nicht heimisch sei; sie scheint aber auch Lorets Deutung abzulehnen. Auch Aufrère, in: BIFAO 86, 1986, 2-6 zweifelt die Bedeutung „Honigklee“ an, weil keine der Anwendungen von ꜥfꜣj signifikant für Honigklee sei. Vielmehr deuteten die Anwendungsgebiete auf ein „composant ordinaire“ hin, und er vermutet, dass die Pflanze einen narkotisierenden Gummisaft enthalte, „qui est souvent une caractéristique des composées auxquelles appartient la laitue“. Anders als Germer lehnt er sich wieder an Loret an und erwägt eine Verbindung mit dem koptischen ⲱϥ/ⲱⲃ, dem Gartensalat. Dabei akzeptiert er die Gleichung ꜥbw = ⲱϥ/ⲱⲃ; er hält es aber für möglich, dass ꜥfꜣj aufgrund der lautlichen Ähnlichkeit mit ꜥbw dieselbe oder eine verwandte Pflanze sein könnte, vielleicht eine Wildform. Dazu vergleicht er den Gebrauch von ꜥfꜣj gegen die nsj.t-Krankheit in den Augen in Eb 751 mit dem Gebrauch von ⲱⲃ ⲛⲥⲓϣⲉ, „bitterem Lattich“ (vielleicht Lactuca amara oder Lactuca virosa) in einem Mittel gegen Verdunklung von Augen, und schlägt vor, dass ꜥfꜣj Lactuca virosa, der Wilde oder Giftlattich, sein könnte.

L.P.

ꜥnḏ.jjt
Definition:
ein Gefäßtyp. Weiterlesen...

Eine Parallele für die Verwendung dieses Gefäßes findet sich im pEbers 93, 13-16 (DZA 21.889.730). Die Textstelle zeugt jedoch eher davon, dass es sich um ein Gefäß aus einem festen, wasserundurchlässigen Material handelt: "Du sollst veranlassen, dass ein neues Andjet-Gefäß und ein neuer Chentu-Krug die Nacht im Tau verbringen, indem sie mit Wasser gefüllt sind." Die hier verwendete Form entspricht also einer Variante, die aus Stoff gefertigt ist, während andere Gefäßvarianten desselben Typus auch aus anderen Materialien hergestellt werden können.

L.P.

ꜥpnn.t
Definition:

Ein noch unidentifiziertes Tier.

Meist mit einer Schlange; in Eb 427, 727 und (in der Schreibung [p]ꜥnn.t) in Ram III B 8 mit einem Tierfell klassifiziert. In Eb 576 werden sieben Stück davon verwendet. In Eb 474 = H 157 wechselt es mit ꜥnꜥr.t, das mit einer Schlange klassifiziert ist und von dem gesagt wird, dass es im Wasser lebt.

Es gibt folgende Bedeutungsvorschläge:

  1. „Schlange“. Dieser Vorschlag wurde schon von L. Stern, Glossarium, in: G. Ebers (Hrsg.), Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die Arzeneimittel der alten Ägypter in hieratischer Schrift. Vol. 2 (Leipzig 1875), 1-63, hier 9 vorgebracht, der einen Zusammenhang mit koptisch ⲟⲃⲓⲟⲛ erwägt. G. Ebers, Papyrus Ebers. Die Maasse und das Kapitel über die Augenkrankheiten, in: Abhandlungen der Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 25 (2-3), 199-336, hier 169, Anm. 180 weist diese Vermutung zurück, weil koptisch ⲟⲃⲓⲟⲛ wohl auf griechisch ὄφις zurückgehen dürfte. É. Chassinat, Un papyrus médical copte, Mémoires publiés par les membres de l’Institut français d’archéologie orientale 32 (Le Caire 1921), 214-215 schließt sich Ebers’ Argument an. Dennoch hält er es für möglich, dass man ein ꜥpnn.t-Tier mit Schlangenklassifikator von dem ꜥpnn.t-Tier mit Tierfellklassifikator trennen sollte und in ersterem eine Schlange vermuten könnte. Es besteht jedoch kein zwingender Grund, von zwei verschiedenen Tieren auszugehen. Die ägyptische Taxonomie baut ihre Kategorien nach der Prototypensemantik auf, nicht wie die moderne westeuropäische Taxonomie nach der Merkmalssemantik. Die unterschiedliche Schreibung könnte darauf verweisen, dass das ꜥpnn.t-Tier in den „fuzzy boundaries“ zwischen den Tierkategorien [HIDE AND TAIL] und [SWORM] zu suchen ist, vgl. explizit O. Goldwasser, Prophets, Lovers and Giraffes. Wor(l)d Classification in Ancient Egypt. Classification and Categorization in Ancient Egypt 3, Göttinger Orientforschungen IV.38,3 (Wiesbaden 2002), 58, Anm. 3 und zu dem Portmanteauwort „sworm“ < „snake“ + „worm“ O. Goldwasser, A Comparison between Classifier Language and Classifier Script. The case of ancient Egyptian, in: A. Shisha-Halevy – G. Goldenberg (Hrsg.), Egyptian, Semitic and General Grammar. Studies in Memory of H. J. Polotsky, Publications of the Israel Academy of Sciences and Humanities, section of Humanities; Studies in the humanities (Jerusalem 2009), 16-39, hier 19. Die Bedeutung „Schlange“ findet sich ferner ohne Kommentar bei M.M. Luiselli, Der Amun-Re Hymnus des P. Boulaq 17 (P. Kairo CG 58038), Kleine ägyptische Texte 14 (Wiesbaden 2004), 22.
  2. Eine Art von Würmern; quasi als Verkleinerung des Vorschlages „Schlange“. Erstmals vorgebracht von H. Joachim, Papyros Ebers. Das älteste Buch über Heilkunde (Berlin 1890), 126 und 160 für die Belege im pEbers, in denen das Tier mit der Schlange klassifiziert wurde. Er scheint zu differenzieren zwischen den Schreibungen mit Schlange und denen mit Tierfell, bei denen er nur unbestimmt „āpnent-Thier“ schreibt und in Fußnoten jeweils auf Ebers’ Vorschlag „Maulwurf“ (hier Nr. 4) verweist (s. S. 100 und 159). In seinem Wortindex führt er auf S. 209 allerdings nur eine kombinierte Tierbezeichnung „āpnent-Wurm (Maulwurf)“ auf. Die Identifizierung mit Wurm wird von W. Wreszinski, Der Londoner medizinische Papyrus (Brit. Museum Nr. 10059) und der Papyrus Hearst. In Transkription, Übersetzung und Kommentar, Die Medizin der alten Ägypter 2 (Leipzig 1912), übernommen. Im Wb 1, 180.6-7 wird auf Bedeutung 1 und 2 referiert: „Art Wurm oder Schlange“. Erneut reduziert auf die Übersetzung „Wurm“ findet sich das Tier bei S. Schott, Drei Sprüche gegen Feinde, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 65, 35-42, hier 41 und M. Bommas, Zwei magische Sprüche in einem spätägyptischen Ritualhandbuch (pBM EA 10081). Ein weiterer Fall für die „Verborgenheit des Mythos“, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 131, 95-113, hier 102 bezüglich eines ꜥpwn.w (mit Schlangenklassifikator) geschriebenen Tieres auf pBM EA 10081, 36,9.
  3. „Eidechse“. Dieser Vorschlag stammt von H. Brugsch, Sendschreiben an Professor Ebers als Entgegnung auf den vorstehenden Artikel, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 20, 55-86, hier 70, der ꜥpnn.t für den Vorläufer des koptischen ⲁϥⲗⲉⲗⲓ: „Eidechse“ hält. Sein Vorschlag ist nicht weiter verfolgt worden, und tatsächlich dürfte das koptische Wort auf älteres ḥfnn.t zurückgehen, vgl. W. Westendorf, Koptisches Handwörterbuch, 2. Auflage (Heidelberg 2008), 406, s.v. ϩⲁϥⲗⲉ(ⲉ)ⲗⲉ.
  4. „Maulwurf“. Ein vorsichtiger Vorschlag von G. Ebers, Papyrus Ebers. Die Maasse und das Kapitel über die Augenkrankheiten, in: Abhandlungen der Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 25 (2-3), 199-336, hier 301, Anm. 180, der auf dem wechselnden Klassifikator basiert. Der Maulwurf sei ein Tier, „der wie ein Wurm in der Erde lebt und diese durchwühlt“.
  5. „Fischotter“. In Eb 427 wird der ꜥmm-Körperteil des ꜥpnn.t-Tieres (mit Tierfell klassifiziert) verwendet. É. Chassinat, Un papyrus médical copte, Mémoires publiés par les membres de l’Institut français d’archéologie orientale 32 (Le Caire 1921), 214-215 vermutet hierin ein Rezept gegen Trichiasis: Auch in dem von ihm bearbeiteten koptischen Papyrus fände sich nämlich ein Rezept gegen Trichiasis, und weil ꜥmm das Gehirn bezeichne, könne man das ꜥmm n ꜥpnn.t von Eb 427 mit dem koptischen ⲁⲛⲅⲉⲫⲁⲗⲟⲥ ⲛ̅ⲟⲩϩⲟⲣ ⲙⲟⲟⲩ, dem „Gehirn des Fischotters“ verbinden. So dann auch G. Lefebvre, Essai sur la médecine égyptienne de l’époque pharaonique (Paris 1956), 72, immerhin mit Fragezeichen. Jedoch ist die Deutung von ꜥmm als „Gehirn“ nicht völlig sicher und auch die Festlegung auf den Fischotter wirkt etwas apodiktisch und anscheinend dadurch motiviert, das mittelägyptische und das koptische Rezept in Übereinstimmung zu bringen. Den Vorschlag „Fischotter“ übernimmt Stegbauer in ihrer Bearbeitung des Schlangenzaubers auf pBM EA 9997 + 10309 im TLA [15. Aktualisierung, 31.10.2014] und in K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 228 und 233-234 mit der Begründung, dass der Fischotter dem Mungo ähnlich sehe und sich u.a. von Schlangen ernähren würde, weswegen die Verwendung vom Fleisch dieses Tieres gegen Schlangenbisse, wie im Brooklyner Schlangenpapyrus empfohlen, magisch sinnvoll sei.
  6. „Nacktschnecke“ („slug“). W.R. Dawson, Studies in the Egyptian Medical Texts, in: Journal of Egyptian Archaeology 18 (3/4), 150-154, hier 150-151 hält ꜥmm nicht für eine Bezeichnung des Gehirns, sondern für Otolithen und andere kalkartige oder kieselartige Objekte. Das ꜥpnn.t-Tier sei eine Nacktschnecke, weil es ein kriechendes Tier bezeichnen müsse, eben eine kalkartige Absonderung, in dem Fall ein rudimentäres Gehäuse in ihrem Mantel, besitze, und weil nach Eb 576 sieben Stück davon verarbeitet werden und es demnach ein relativ kleines Tier sein muss. Auch in diesem Fall hängt die Identifizierung von ꜥpnn.t wesentlich an derjenigen von ꜥmm. Aus diesem Grund ist es methodisch problematisch, wenn W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 624 einerseits ꜥmm, anders als Dawson, als „Gekröse/Gehirn?“ versteht, andererseits bei ꜥpnn.t mit Verweis auf Dawson an „Schnecke?“ denkt. Die Argumente von Dawson sind von E. Iversen, Some remarks on the terms [D36-G17-G17-H8] and [G1-M17-S29-Aa2], in: Journal of Egyptian Archaeology 33, 47-51, hier 47-51 entkräftet worden, der u.a. das ꜥmm n pgg.t aufführt und darauf verweist, dass pgg.t contra Dawson keine Schnecke bezeichnet, sondern eine Kröte oder einen Frosch, ergo: ein Tier, das keine kieselartigen Objekte im Körper habe.
  7. „Wassermolch“. J.W.B. Barns, Five Ramesseum Papyri (Oxford 1956), 20 verweist auf Dawsons Vorschlag „slug“, diskutiert in der zugehörigen Anmerkung 20 aber auch Chassinats Vorschlag, den er jedoch ablehnt, und macht abschließend den unbegründeten Vorschlag „perhaps ‚newt‘“. Das findet sich auch mit Vorbehalt bei H. Grapow – H. von Deines, Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VI (Berlin 1959), 84 und bei P. Vernus – J. Yoyotte, Bestiaire des pharaons (Paris 2005), 277. Möglicherweise basiert auch Bardinets „salamandre d’eau“ (T. Bardinet, Les papyrus médicaux de l’Égypte pharaonique, Penser le médecine (Paris 1995), 313) hierauf. C. Leitz, Magical and Medical Papyri of the New Kingdom, Hieratic Papyri in the British Museum 7 (London 1999), 7, Anm. 37 wendet dagegen ein, dass es in Ägypten keine Molche gegeben habe.
  8. „Blutegel“. Nach Diskussion früherer Vorschläge und der expliziten Ablehnung der Vorschläge (2) (ohne konkreten Verweis auf Joachim), (5), (6) und (7) kommt D. Meeks, La hiérarchie des êtres vivants selon la conception êgyptienne, in: A. Gasse – F. Servajean – C. Thiers (Hrsg.), Et in Ægypto et ad Ægyptum. Recueil d’études dédiées à Jean-Claude Grenier 3, Cahiers „Égypte Nilotique et Méditerranéenne“ 5 (Montpellier 2012), 517-546, hier 533-535 zu dem Ergebnis, dass es sich bei ꜥpnn.t vielleicht um eine Blutegel-Art handeln könnte. Als Argument diente ihm hierbei, dass es groß genug sei, um es zur Verwendung in magischen und medizinischen Kontexten zu zerteilen, dass es andererseits klein genug sei, um (in Eb 576) zusammen mit Fliegen und Käfern verwendet wird. Im magischen pBM EA 9997 + 10309, Zeile 2,15-16 wird es in einem Kontext genannt, in dem Isis den Schlangen Arme und Beine nimmt, so dass Meeks daraus schließt, dass das ꜥpnn.t-Tier eben keine Beine habe (wobei der Kontext dieser Stelle weniger klar ist, als Meeks suggeriert). Im pBoulaq 17 wird es zwischen Fischen + Vögeln und Insekten + Würmern genannt, im späten pBM EA 10081, 36,9 (s. oben unter Nr. (3)) dagegen vor den Kriechtieren, den [ḥrj.w]-ẖt=sn. Daraus schließt Meeks, ebd., 534 auf einen „place charnière“ zwischen diesen Tiergruppen. Außerdem verweist er auf die Rezeptparallele Eb 474 = H 157: Während im pEbers das ꜥpnn.t-Tier verarbeitet wird, soll im pHearst das ꜥnꜥr.t-Tier verwendet werden. Dieses, noch ebenfalls unidentifizierte, Tier wird mit der Schlange klassifiziert. Ferner wird im chirurgischen pEdwin Smith, Fall 12, ein Blutgerinnsel in der Nase ꜥnꜥr.t genannt und mit dem ꜥnꜥr.t-Tier verglichen, „das im Wasser ist“ (ꜥnꜥr.t wnn.t m-m mw, Zeile 6,3). Das Tertium comparationis zwischen dem Blutgerinnsel und dem Tier ist unsicher, neben der Farbe („peut-être“ mit Meeks, ebd., 535) könnte man auch an die Form denken. All das lässt ihn in Betracht ziehen, in ꜥnꜥr.t und ꜥpnn.t zwei Arten von Blutegeln zu sehen.  

L.P.