science in ancient egypt

 

Technical Data

Name of Text
Papyrus Provv. 861
Alternative Designations
Papyrus Turin CGT 54003
Papyrus Turin N. 54003
TM 755025
Present Location
IT, Turin, Museo Egizio
Acquisition and Previous Ownership

Die Erwerbsgeschichte ist unbekannt. Roccati fand den Papyrus Ende 1966 zusammen mit Totenbuchfragmenten verglast (Roccati 1970, 9); darauf wird sich der etwas kryptische Vermerk bei Morenz 2016, 36, Anm. 94 beziehen, Roccati habe den Papyrus „in den 60er Jahren in einer Turiner Museumsarchäologie ohne Kontextinformation“ gefunden.
Nach Ausweis der Sammlungsdatenbank des Museo Egizio wurde der Papyrus vor 1888 erworben.

Provenance
Ägypten, genaue Provenienz unbekannt

Die Herkunft ist unbekannt (Roccati 1970, 9). Olette-Pelletier 2016, 59 mutmaßt, dass er aus Gebelein stammen könnte, da zahlreiche andere Papyri in Turin ebenfalls von dort kommen. Die Turiner Papyri aus Gebelein sind allerdings nicht nur viel früheren Datums, nämlich aus dem Alten Reich, sondern stammen auch aus Grabungen des Turiner Museums aus dem 20. Jh., v.a. aus dem Jahr 1935 (Demichelis 2003, 246–247 zu einem Fund von Schiaparelli von 1911 und Posener-Kriéger 2004, 13 sowie Moiso 2016, 106 zu den Funden von 1935). Das passt nicht zu der auf der alten Turiner Website (07.08.2017) bei diesem Objekt vermerkten Notiz „Acquired before 1888“, wobei wiederum die Basis für diesen Terminus ante quem unbekannt ist. Die Turiner Papyrusdatenbank gibt keine Herkunftsangaben.

Date
Mittleres Reich, 11.–12. Dynastie, ca. 2080–1760 v. Chr.

Die Datierung erfolgte aufgrund paläographischer, orthographischer und inhaltlicher Vergleiche. Roccati 1970, 12 datiert den Papyrus in die 11. Dynastie, maximal an den Anfang der 12. Dynastie. Goedicke 1988, xxiii grenzt die Datierung, ebenfalls aus paläographischen Gründen, auf die frühe 12. Dynastie ein: Ihm zufolge ist der Text ungefähr aus derselben Zeit wie das Heqanachte-Archiv. Etwas früher setzt dagegen Brovarski 2018, 135, Anm. 286 und 392, Anm. 13 den Papyrus an. Er sieht mehr Ähnlichkeiten mit den Zeichenformen des etwas früheren Gefäßständers Chicago OIM 13945 mit einem Brief an die Toten und den hieratischen Zeichen auf dem Sarg des Henuy aus Gebelein. Den Sarg datiert er in die Zeit Mentuhoteps II. aus der Mitte der 11. Dynastie, dem Begründer des Mittleren Reiches, und setzt damit auch pTurin CGT 54003 in ungefähr dieselbe Epoche.

Text Genre
magische Sprüche
Content

Auf dem Recto stehen zunächst vier Sprüche, die sich gegen Schlangen richten bzw. vor diesen schützen sollen. Danach folgen, bis zum Ende des Rectos und auf dem Verso fortgesetzt, sechs Sprüche zum Schutz der Augen vor verschiedenen (übernatürlichen) Gefahren und Krankheiten. Ca. ab der Mitte des Versos stehen noch zwei Sprüche, die anzuwenden sind, wenn man eine Fischgräte im Hals hat, und abschließend ein Spruch bei Schmerzen in der Schulter (wahrscheinlicher als Schmerzen in den Körperseiten, s. den Kommentar zu den fraglichen Termini) (Roccati 1970, 23–38).

Original Use

Der derzeitige Stand der Informationen erlaubt keine Rückschlüsse auf den ursprünglichen Verwendungskontext.

Material
Papyrus
Type of Object
Papyrusrolle
Description and Condition

Der Papyrus hat die Maße 25,5 × 56,5 cm (Höhe × Länge) (Turiner Papyrusdatenbank) und wurde beidseitig beschriftet (über die Schmalseite gewendet, d.h. die Oberseite des Rectos ist auch die Oberseite des Versos). Die Höhe entspricht etwa derjenigen des hieratischen pBerlin P 10482 mit Sargtextsprüchen, der in die 11.–12. Dynastie datiert (26,5 × 82 cm). Klebungen sind nicht erkennbar; es liegt also ein einzelnes Blatt vor. Der Papyrus ist ein Palimpsest (Roccati 1970, 11).
Die charakteristischen Zerstörungsspuren durch Insektenfraß in der unteren Hälfte, und die ebenso charakteristische Form des oberen Blattrandes zeigen, dass der Papyrus relativ eng aufgerollt war. Die zunehmende Zerstörung von rechts nach links ist ferner ein Hinweis, dass er von links nach rechts gerollt war, also mit dem Beginn des Rectos außen. Auffällig ist ferner ein horizontaler Riss in der Mitte der Blatthöhe, der sich mehr oder weniger über die gesamte Länge zieht. Ob er durch eine Verschnürung verursacht wurde, die sich im Laufe der Zeit in die Rolle eingeschnitten hat, eine (gewollte oder ungewollte) Lagerung im geknickten Zustand oder irgendeinen anderen mechanischen Druck, lässt sich nicht sagen.
Das rechte Ende der Vorderseite ist stark beschädigt, weshalb weder der Anfang der Vorderseite noch das Ende der Rückseite erhalten sind.
Der linke Rand des Rectos zeigt einen sauberen und relativ geraden Schnitt; laut Roccati 1970, 11 handelt es sich um den originalen Seitenrand und damit den inneren Rand der Rolle. Den auf dem Recto erkennbaren, über die gesamte Blatthöhe noch aufgetragenen Papyrusstreifen direkt am Blattrand erklärt Roccati als Verstärkung der Rolle (vergleichbar dem Umbilicus klassisch-antiker Papyri). Es ist darauf hinzuweisen, dass auf der Rückseite in der oberen Blatthälfte direkt an dieser Kante mehrere Zeichenreste erhalten sind, die eigentlich dagegensprechen, dass dort das originale Ende der Papyrusrolle vorliegt. Andererseits gibt es inhaltliche Indizien, die dafürsprechen, dass die erste Kolumne der Rückseite die letzten Kolumnen der Vorderseite fortsetzen. Roccati äußert sich nicht zu diesem Widerspruch; es wäre denkbar, dass er sie zu den Spuren des früheren Textes gerechnet hat.

Type of Script
Hieratisch

Das Recto besitzt, soweit erhalten, 29, das Verso 26 senkrechte Zeilen unterschiedlicher Länge. Neue Sprüche werden gelegentlich durch senkrechte Linien vom vorhergehenden abgetrennt: vor Spruch 2, 3 und 7 nur im oberen Viertel der Kolumnen, wobei die senkrechte Linie vor Spruch 7 eine Verlängerung der Finger der eigentlichen Spruchendmarkierung, dem grḥ-Zeichen, bildet; vor Spruch 11 über die gesamte und vor Spruch 12 über fast die gesamte Kolumnenhöhe; außerdem zwischen den beiden Teilen von Spruch 11. Zusätzlich wurde im ersten Teil von Spruch 11 eine kurze waagerechte Linie über der Rezitationsanweisung gezogen, die diese vom Inhalt des Spruches abtrennt. Die Linie zwischen den Enden von Kolumne Rto. 16 und 17 ist weniger eine Trennlinie zwischen Spruch 3 und 4 als vielmehr eine Hilfslinie, die verdeutlichen soll, welche Hieroglyphen zu Kol. 16 und welche zu Kol. 17 gehören. Dasselbe gilt auf dem Verso für die Linie zwischen Kolumne x+4 und x+5 sowie zwischen x+13 und x+14.
Auf dem Recto finden sich rubrizierte waagerechte Überschriften über Spruch 2 und Spruch 3, wobei offenbleibt, ob sich die Überschrift über Spruch 3 nur auf diesen bezieht oder auf Spruch 3 und 4. Auf der Rückseite hat nur Text 11, die beiden Sprüche gegen Fischgräten, eine waagerechte Überschrift. Im Gegensatz zu den beiden Überschriften auf dem Recto ist sie schwarz, aber dafür durch eine waagerechte Linie von den beiden eigentlichen Sprüchen getrennt. Das kleine Fragment unsicherer Platzierung scheint den Rest einer weiteren rubrizierten Überschrift zu tragen.
Der Text ist hauptsächlich schwarz geschrieben. Rot sind geschrieben: die beiden Überschriften auf dem Recto sowie die Spruch-Trennlinie vor Spruch 2; die Überschrift(?) auf dem unverbundenen Fragment; die Rezitations- und Verarbeitungsanweisungen von Spruch 3 und 4 auf dem Recto; die Rezitations- und Applikationsanweisung von Spruch 7(bis) und 8 auf dem Verso; die Strophenendmarkierung (grḥ) von Spruch 9 (die andere auf dem Recto [Spruch 8] und die beiden auf Verso [Spruch 5 und 6] sind dagegen schwarz).
Die Schrift zeichnet sich durch die Verwendung weniger Ligaturen und teilweise selten bis nur einmal belegter Zeichenformen aus (Roccati 1970, 11). Mehrfach finden sich ungewöhnliche Zeichenanordnungen und Nachträge. Auf dem Verso finden sich vereinzelte Partien, die in gespaltener Kolumne geschrieben wurden, und solche, wo man eine gespaltene Kolumne für die Vorlagen postulieren kann.

Language
Mittelägyptisch
Research History

Der Papyrus war bis 1966 zusammen mit Totenbuchfragmenten verglast (Roccati 1970, 9). A. Roccati vermutet, dass G. Farina, vormaliger Direktor des Museo Egizio, die Fragmente zusammengesetzt und untersucht hat, aber da dessen Notizen nicht im Museum aufbewahrt wurden, konnte er diese Vermutung nicht bestätigen. Die Erstedition erfolgte durch Roccati 1970. Daraufhin wurden zu zahlreichen Sprüchen Einzeluntersuchungen bzw. neue Übersetzungen vorgelegt: Borghouts 1978 (Spruch 2, 3 und 11), Osing 1992 (Spruch 3), Ritner 1993 (Spruch 8), Fischer-Elfert 2018 (Spruch 3), Waraksa 2009 (Spruch 3), Olette-Pelletier 2016 (Spruch 9 und 10) und Gräßler 2017 (Spruch 5, 8, 10). Eine kleine Farbabbildung des Rectos findet sich bei Einaudi 1999, 72, Cat. 64.

Text Editions

- Roccati 1970: A. Roccati, Papiro ieratico N. 54003. Estratti magici e rituali del Primo Medio Regno, Catalogo del Museuo Egizio di Torino. Serie prima – Monumenti e testi 2 (Torino 1970).

List of References

- Borghouts 1978: J. F. Borghouts, Ancient Egyptian Magical Texts. Translated, Nisaba 9 (Leiden 1978).

- Brovarski 2018: E. Brovarski, Naga ed-Dêr in the First Intermediate Period (Atlanta, GA 2018).

- Einaudi 1999: S. Einaudi, Religione, magia, medicina, in: F. Tiradritti (Hrsg.), Il cammino di Harwa. L’uomo di fronte al mistero: l’Egitto (Milano 1999), 68–73.

- Demichelis 2003: S. Demichelis, Le papyrus Suppl. 14062, in: E. Fiore Marochetti, et al., „Le paquet“. Sépulture anonyme de la IVe dynastie provenant de Gébélein, in: Bulletin de l’Institut Français d’Archéologie Orientale 103, 2003, 235–256.

- Fischer-Elfert 2018: H.-W. Fischer-Elfert, Altägyptische Zaubersprüche, Reclams Universal-Bibliothek 18375 (Stuttgart 2018).

- Goedicke 1988: H. Goedicke, Old Hieratic Paleography (Baltimore 1988).

- Gräßler 2017: N. Gräßler, Konzepte des Auges im alten Ägypten, Studien zur Altägyptischen Kultur, Beihefte 20 (Hamburg 2017).

- Moiso 2016: B. Moiso, La storia del Museo Egizio (Modena 2016).

- Morenz 2016: L. D. Morenz, Hoffen und Handeln. Vom altägyptischen Heka, Hans-Bonnet-Studien zur ägyptischen Religion 2 (Berlin 2016).

- Olette-Pelletier 2016: J.-G. Olette-Pelletier, Note sur l’emploi d’une rubrique cryptographique dans un papyrus du Moyen Empire, in: NeHeT 4, 2016, 59–64.

- Osing 1992: J. Osing, Zu einigen magischen Texten, in: U. Luft (Hrsg.), The Intellectual Heritage of Egypt. Studies Presented to László Kákosy by Friends and Colleagues on the Occasion of his 60th Birthday, Studia Aegyptiaca 14 (Budapest 1992), 473–480.

- Posener-Kriéger 2004: P. Posener-Kriéger, I papiri di Gebelein. Scavi G. Farina 1935, Studi del Museo Egizio di Torino: Gebelein 1 (Torino 2004).

- Ritner 1993: R. K. Ritner, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice, Studies in Ancient Oriental Civilization 54 (Chicago 1993).

- Waraksa 2009: E. A. Waraksa, Female Figurines from the Mut Precinct. Context and Ritual Function, Orbis Biblicus et Orientalis 240 (Fribourg, Göttingen 2009).

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Entry by
Dr. Lutz Popko/Dr. Katharina Stegbauer
Modification date
30.03.2020

Translation and Commentary

Spruch 1

Übersetzung: Katharina Stegbauer

[---]?1
---Anfänge zweier sonst komplett zerstörter Kolumnen--- [---]
[Rto. 1] [---]
⸢Komm doch hervor⸣ [---]!2
[Als] das Unheil gegen ihn [kam]3, sprach sie zu [ihrem] Sohn:
Das ist die Erklärung:
Ich fand [...], was in der Sykomore (?) ist.4
[---] Beutel tragen (?)5 entsprechend deiner Worte.
[---] [Rto. 5] deine Glieder.
Ich bin der, der ausgesandt ist zu dem Patienten, damit ich ff6 tue, um den, den er angegriffen hat,7 zu schützen.
Ich kann nicht seinen Weg finden infolge des Hauchs8 (oder: der Nf.w-Dämonen(?)8) [---] sein Mund.
sitzen [...] Weg.
((Ich)) will dir meine Sachen auf deine Sachen geben.
Ich will ihn dir abweisen, damit er fällt durch dich.
Komm zur Erde herauf!
Dein (f.) Blut – die Carob.9
Dein (f.) Gift – das, was im Holz ist.
Deine (f.) Mutter ist das Holz.
Deine Schwester ist die Carob.

1 Auf dem Foto bei Roccati 1970 ist, kopfüberstehend, noch ein kleines Fragment zu sehen, dass nicht mit dem Papyrus verbunden ist. Dieses Fragment hat Roccati provisorisch an den rechten Rand des Rectos positioniert; da über den Zeichen relativ viel freier Raum zu erkennen ist, liegt sicher der obere Papyrusrand vor. Roccati hat allerdings das Fragment gegenüber dem Foto (d.h. gegenüber der alten Verglasung?) gedreht: Die Seite des Fragments, die auf dem Foto als Recto abgebildet ist, hat er dem Verso zugeordnet, und umgekehrt. Dadurch beginnt seine erste Recto-Kolumne mit den Worten n.t Ꜣs.t: „... di Isi ...“ (s. seine hieroglyphische Transliteration auf der Falttafel sowie seine Übersetzung S. 23). Dieser Positionierung des Fragments folgt K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 189 (n.t Ꜣs.t: „der Isis“ versehentlich in eckige Klammern gesetzt, als wäre es komplett ergänzt).
Auf dem aktuellen Turiner Foto ist das Fragment ebenfalls an dieser Stelle positioniert, allerdings wieder mit derselben Ausrichtung wie auf dem alten Turiner Foto, d.h. Roccatis Recto ist wieder zum Verso geworden. Soweit am Foto zu beurteilen, passt diese Orientierung besser zum Faser- und Farbverlauf des Papyrus. Auch passen die roten Zeichenspuren auf der Fotovorderseite = Roccatis Rückseite nicht ganz zum Versotext, denn zum einen wirken sie wie eine der waagerechten Titelüberschriften; und wenn dies der Fall ist, würde Roccatis Positionierung keinen Platz für den Beginn dieser Überschrift lassen. Zum zweiten ist die einzige Titelzeile des Versos schwarz, wohingegen die Spuren auf dem Fragment rot sind wie die beiden Überschriftenzeilen auf dem Recto. Aus diesem Grund wird hier in der Zuordnung der Seiten dem alten und aktuellen Foto der Vorrang vor Roccatis Transliteration gegeben. Allerdings sind Zweifel angebracht, ob das Fragment wirklich direkt an den Papyrus anpasst, wie es das aktuelle Turiner Foto vorgibt. Denn Kolumne Recto 3 beginnt mit einem nw-Dechsel, dessen rechter Strich über die Abbruchkante verläuft, und dessen Ende demzufolge auf dem Fragment vorhanden sein müsste, wenn es direkt anpasst. Das ist jedoch nicht der Fall, und nach dem aktuellen Foto zu schließen, ist an dieser Stelle die Oberfläche des Fragments auch nicht beschädigt. Daher ist nicht völlig sicher, ob die Reste der beiden waagerechten Kolumnen wirklich den oberen Abschluss von Kol. 1 und 2 bilden, wie die derzeitige Montage vorgibt, oder ob sie weiter nach rechts verschoben werden müssen. [LP]
2 Durch die Zerstörung ist fast nichts sicher übersetzbar. [KS]
3 [jwi̯].n: Ergänzung nach K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 189.
4 Inhalt: Ich folge hier Roccati 1970, 23. Da bei nh.t jedoch das Determinativ zerstört ist, könnte es sich auch um ein anderes Lemma handeln. [KS]
5 Zu ṯꜣi̯ ṯnf.t vgl. Roccati 1970, 24, n. c. [KS]
6 ff + sitzender Mann: Unklar. Roccati 1970, 23 und 24, Anm. d denkt an „un derivato” von f: „Viper“, verweist aber noch auf den Personennamen Ffj (H. Ranke, Die ägyptischen Personennamen. Band. I. Verzeichnis der Namen (Glückstadt 1935), 142.8). G. Andreu – S. Cauville, Vocabulaire absent du Wörterbuch (II), in: Revue d’égyptologie 30, 1978, 13 („sens ?“) zitiert das Wort nur mit Verweis auf Roccati. D. Meeks, Année lexicographique. Égypte ancienne. Tome 2. 1978 (Paris 1981), 78.1571 verweist wiederum nur auf G. Andreu – S. Cauville, Vocabulaire absent du Wörterbuch (II), Revue d’égyptologie 30, 1978; er sieht hierin ebenfalls ein Substantiv. Ebenso S. Uljas, The Modal System of Earlier Egyptian Complement Clauses. A Study in Pragmatics in a Dead Language, Probleme der Ägyptologie 26 (Leiden 2007), 293, Ex. 377, der im s ff wohl eine Art Dämonenbezeichnung sieht: „the man of Fef (?)“.K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 189 und 190, Anm. zu 19,4 vermutet dagegen darin ein adverbial untergeordnetes sḏm=f, ohne einen Übersetzungsvorschlag bringen zu können. [LP]
7 Zum Vorschlag, die Zeichenreste zu pḥ zu ergänzen, s. schon Roccati 1970, 24, Anm. d: „colui che è assalito“. Stegbauer (DigitalHeka, Version von 2006 = TLA, 15. Aktualisierung, 31. Oktober 2014) liest den waagerechten Zeichenrest darunter zudem als f und kommt damit zu pḥ=f: „den, den er angegriffen hat“. In K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 189 schlägt sie mit derselben Ergänzung eine passivische Lesung vor: „den, der angegriffen wurde“, womit sie sich wieder Roccati anschließt. Diese Übersetzung ist jedoch bei einer Ergänzung zu pḥ=f nicht möglich. [LP]
8 Roccati 1970, 23 und 59 löste die Schreibung des mit dem Segel geschriebenen Wortes als nf.w: „Schiffer“ auf (Wb 2, 362.1–7); jedoch ergibt dieser hier wenig Sinn, weswegen Roccati auch keine Übersetzung vorgeschlagen hat.
Ob hier vielleicht die nf.w-Dämonen von A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts VII. Texts of spells 787-1185, Oriental Institute Publications 87 (Chicago 1961), 487g (= Spruch 1141) gemeint sind? Vgl. R. van der Molen, A Hieroglyphic Dictionary of Egyptian Coffin Texts, Probleme der Ägyptologie 15 (Leiden 2000), 222 = D. Meeks, Année lexicographique. Égypte ancienne. Tome 2. 1978 (Paris 1981), 78.2084. Bei einer Interpretation von nf.w als Dämonenbezeichnung wäre es verführerisch zu ergänzen: „die aus seinem Mund hervorkommen“ oder „die in seinen Mund eintreten“, doch ist die Lücke vor dafür zu klein.
Die Klassifizierung mit sitzendem Mann mit Hand am Mund ist in jedem Falle ungewöhnlich. [LP]
9 Die beiden Linien am Kolumnenende unter ḏꜣr.t, in denen Roccati 1970, Falttafel, Anm. b hieratische Zeichen vermutet, sind vielleicht nur Trennlinien zwischen diesem Spruch und dem Folgenden, wie sie, wenn auch senkrecht statt waagerecht, auch zwischen anderen Sprüchen dieses Papyrus gesetzt sind. Zwar geht der Spruch noch eine Kolumne weiter, aber da diese nicht vollgeschrieben wurde und weiter oben endete, könnte der Schreiber sie übersehen haben, als er nachträglich die verschiedenen Trennlinien zog. [LP]

Spruch 2

Übersetzung: Katharina Stegbauer

Spruch, um in das Gestrüpp hinabzusteigen:
Zurück, Schlange, die in ihrem Hügel ist, Ringler, der in seinem Gestrüpp ist!
Zerbrochen sind [Rto. 10] deine Zähne!
Abgetrennt ist dein Gift!
Denn Re hat dein Zustoßen1 und dein Ausspucken2 von mir abgewehrt.
Du sollst ausspucken, ((Schlange,)) die aus der Erde hervorkam, Schwarzer, der in seinem Loch ist!
Wahrlich, wenn du gedacht haben solltest, ((dass du die Rechyt angreifen könntest,))3 wird das Horusauge die Hitze (?) löschen!
Sei still [---]4! --Rest der Kolumne leergelassen--

1 ṯwn ist nach H. Schäfer, Das Zeichen für ṯwn, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 43, 1908, 74–76 wohl mit dem Stier im Moment seiner höchsten Erregung beim Zweikampf zu verbinden. Vgl. hierzu auch J. M. Galán, Bullfight Scenes in Ancient Egyptian Tombs, The Journal of Egyptian Archaeology 80, 1994, 81–96, bes. 90 und n. 75. KS]
2 ḫꜣꜥ hat die Grundbedeutung „werfen, legen“, in Bezug auf Gift auch „spucken“ (R. Hannig, Die Sprache der Pharaonen. Großes Handwörterbuch Ägyptisch – Deutsch (2800–950 v. Chr.) – Marburger Edition –, Kulturgeschichte der Antiken Welt 64, 4. Auflage (Mainz am Rhein 2006), 625, Nr. {22688}). Gemeint ist wohl, dass Re den Schlangenangriff, der sich aus einem plötzlichen Hervorschnellen der Schlange und deren Biss mit anschließender Injektion des Giftes zusammensetzt, verhindert habe. [KS]
3 Die Wörter wḏi̯=k ꜥ r rḫ.yt sind im Zwischenraum zwischen Kolumne 12 und 13 nachgetragen; die kleinere Zeichengröße sowie die Gedrängtheit machen deutlich, dass es sich technisch tatsächlich um einen Nachtrag handelt, der erst erfolgte, als Kolumne 13 schon dastand. Roccati 1970, 24–25 fügt diesen Nachtrag nach hh.yt ein (jw ms jr ḏd n=k ꜥḫm jr.t Ḥr.w hh.yt wdi̯=k ꜥ r rḫ.yt gr rmṯ(.t) (?)) und übersetzt: „Invero se ti è detto di estinguere l’occhio di Horo infocato o di compiere un’azione contro la gente, state silenziosi (?)“. Ebenso J. F. Borghouts, The Magical Texts of Papyrus Leiden I 348 (Leiden 1971), 98, Anm. 170: „but / you have said that ⟨you⟩ would extinguish the glowing eye of Horus / and that you would agitate against (wdı͗.k ꜥ r) mankind!“ Borghouts 1978, 91 fügt den Nachtrag dagegen direkt nach ḏd.n=k ein (d.h. de facto jw ms jr ḏd.n=k wdi̯=k ꜥ r rḫ.yt ꜥḫm jr.t Ḥr.w hh.yt gr rmṯ(.t) (?)) und übersetzt: „However, if you mean to direct an attack against mankind, the flaming eye of Horus will extinguish and people (rm[ṯ(?)]) will become silent!“ Letzterer Anordnung folgt P. Vernus, Future at Issue. Tense, Mood and Aspect in Middle Egyptian: Studies in Syntax and Semantics, Yale Egyptological Studies 4 (New Haven 1990), 32: „If you have said that you will direct (your) arm against mankind, the flaming eye of Horus shall go out and men shall fall silent.“ (ihm wiederum folgt S. Uljas, The Modal System of Earlier Egyptian Complement Clauses. A Study in Pragmatics in a Dead Language, Probleme der Ägyptologie 26 (Leiden 2007), 60, Ex. 31). Beide Übersetzungen sind inhaltlich schwierig. In der Version von Borghouts wird der Schlange mehr oder minder der Erfolg ihrer Absicht in Aussicht gestellt. Was also sollte sie an ihrem Angriff hindern? In der Übersetzung Roccatis tritt eine dritte Partei hinzu, die der Schlange ihre bösen Taten eingibt. Diese Konstellation ist jedoch sehr unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass die Bedeutung „denken, (Böses) ersinnen“ für ḏd in den Ächtungstexten gut bezeugt ist. Die Interpretation des Satzes steht und fällt mit zwei schwierigen Wörtern:
1. hh.yt: Roccati fühlt sich an den Satz sḫni̯=f ꜥḫm jr.t Ḥr.w von A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts V. Texts of Spells 355-471, Oriental Institute Publications 73 (Chicago 1954), 233k erinnert: „Er sucht das Auge des Horus auszulöschen.“ Daher fasst er jr.t Ḥr.w als direktes Objekt von ꜥḫm auf. Das direkt folgende hh.yt, das von seinem Konsonantenbestand her höchstwahrscheinlich mit hh: „Gluthauch u.ä.“ zusammenhängt, erinnert ihn wiederum an die Verbindung jr.t Ḥr.w ḫ.t.yt: „igneo occhio die Horo“ von A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts IV. Texts of Spells 268-354, Oriental Institute Publications 67 (Chicago 1951), 98a, und daher fasst er hh.yt ebenfalls als Adjektiv auf. Diese adjektivische Bedeutung ist übernommen von G. Andreu – S. Cauville, Vocabulaire absent du Wörterbuch (II), in: Revue d’égyptologie 30, 1978, 15 und D. Meeks, Année lexicographique. Égypte ancienne. Tome 2. 1978 (Paris 1981), 78.2515: „igné“; und auch Borghouts schließt sich dieser adjektivischen Deutung an. Ein Adjektiv hh: „feurig“, mit Feuerpfanne klassifiziert, kommt möglicherweise in A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts II. Texts of Spells 76-163, Oriental Institute Publications 49 (Chicago 1938), 18a vor, vgl. R. O. Faulkner, The Ancient Egyptian Coffin Texts. Vol. I. Spells 1-354 (Warminster 1973), 80 = P. Barguet, Les textes des sarcophages égyptiens du Moyen Empire. Introduction et traduction, Littératures anciennes du Proche Orient 12 (Paris 1986), 468. Auf diesen Beleg bezieht sich auch die Referenz von R. Hannig, Die Sprache der Pharaonen. Großes Handwörterbuch Ägyptisch – Deutsch (2800–950 v. Chr.) – Marburger Edition –, Kulturgeschichte der Antiken Welt 64, 4. Auflage (Mainz am Rhein 2006), 530, Nr. {19186} für das Adjektivverb „feurig sein“, vgl. den zugehörigen Referenzband R. Hannig, Ägyptisches Wörterbuch II. Mittleres Reich und Zweite Zwischenzeit. Band 1, Hannig-Lexica 5, Kulturgeschichte der antiken Welt 112 (Mainz am Rhein 2006), 1580. Im HWb hat Hannig das Adjektivverb aber mit dem schlagenden Mann klassifiziert, was nicht zu der Referenz aus den Sargtexten passt, wo hh eben mit Feuerpfanne geschrieben ist. Der schlagende Mann passt dagegen nur zu pTurin CGT 54003, den Hannig im Referenzband aber, mit Verweis auf Roccati, dem Lemma hhy.t: „Ohrensausen“ (d.i. das hhj.t: „Betäubung“ und hwh: „Unempfindlichkeit“ von H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Zweite Hälfte (h-), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.2 (Berlin 1962), 573) zuordnet. Da aber in pTurin CGT 54003 dieser Krankheitsterminus kaum passt und zudem von Roccati auch gar nicht genannt wird, ist wohl anzunehmen, dass Hannig diesen Beleg nur versehentlich dem Substantiv zugeordnet hat und ihn eigentlich dem Adjektivverb hhy: „feurig sein“ zuordnen wollte.
Könnte in pTurin CGT 54003 aber nicht auch ein Substantiv vorliegen? Das Determinativ A24, das hier nach hh.yt steht, ist zu unspezifisch, als dass sich daraus mit Sicherheit die Bedeutung „flammend, feurig“ ergeben muss. Im Gegenteil: Keines der zahlreichen Wörter für „Feuer“ wird mit A24 determiniert (vgl. C. Cannuyer, Recherches sur l’onomasiologie du feu en Ancien Egyptien, in: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde 117, 1990, 103–111, bes. 104). So muss letztendlich die Bedeutung von hh.yt offenbleiben und es bleibt für die Verbindung von hhy.t mit hh einzig die Bedeutung des vorangehenden Verbes ꜥḫm, „löschen“, die freilich eine Interpretation aus dem Bedeutungsfeld „Feuer, Hitze“ nahelegt. Durch die grammatikalische Struktur des gesamten Satzes liegt m.E. eine Auffassung als direktes Objekt zu ꜥḫm näher als die Ansetzung eines Adjektivs. Könnte das hier stehende hh.yt ein substantiviertes Partizip von hhi̯ sein, etwa: „das Feurigseiende“?
2. Sehr problematisch ist auch der letzte Teil des Satzes. Roccati und Borghouts lesen rmṯ (von Roccati aber unübersetzt), wobei mir der Platz unter dem als zu klein für ein Determinativ A1*B1:Z2 vorkommt. Eine Auffassung als Imperativ + verstärkendes r=ṯ erscheint dagegen möglich, ist jedoch wegen des ursprünglich vorhandenen und heute tlw. zerstörten Determinativs unter ebenfalls strittig. Letztendlich muss die Übersetzung des Satzes daher als provisorisch gelten. [KS/LP]
4 Unter dem sind noch Zeichenreste erhalten. Roccati 1970, 24 transkribiert rmṯ(t) (?), übersetzt dann aber auf der Folgeseite „state silenzio (?)“, als hätte er gr r=ṯ o.ä. gelesen. Borghouts 1978, 91 und P. Vernus, Future at Issue. Tense, Mood and Aspect in Middle Egyptian: Studies in Syntax and Semantics, Yale Egyptological Studies 4 (New Haven 1990), 32 lesen beide rmṯ: „people“ bzw. “men“. K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 191–192 hält die Lücke unter dem für zu klein für die Klassifikatoren von rmṯ. Daher erwägt sie gr r=ṯ, zweifelt das aber wegen der noch erhaltenen Zeichenreste unter   an, die definitiv auf das Vorhandensein weiterer Zeichen und damit eines möglichen Klassifikators hinweisen. In ihrer Übersetzung bietet sie zwar weiterhin das sich aus ihrer imperativischen Auffassung ergebende, singularische „Sei still!“, bietet aber die pluralische Transkription gr r=ṯ(n). Diskutabel wäre auch eine Ergänzung zu grḥ, der Strophenendmarkierung. Doch passen die Reste nicht ganz zu der sehr geschwungenen Form des Oberarms in den anderen Belegen des Papyrus. [LP]

Spruch 3

Übersetzung: Katharina Stegbauer

Spruch, um eine Schlange unschädlich zu machen:
Deine Rage ist abgewehrt, der (du) ausgesandt (b)ist mit seiner Aggression!
Denn ich habe deine Fangzähne (wörtl.: deine Pflöcke)1 eingegossen2 in diesen Ton der Isis, der aus der Achselhöhle der Serqet hervorgekommen ist.
Mein Finger, er soll den Ton bewachen, damit er (sie) umschließt.
[Rto. 15] Wo denn? Wo denn?
Siehe, es ist hier an der (richtigen) Stelle.3
Greife nicht den Knochen an, spalte nicht den Muskel (wörtl.: das mt-Gefäß), bis du angegriffen wirst, (du) mit unversehrtem Maul!4
Worte zu sprechen über einem Tonklumpen, in den ein Messer5 eingeschlossen6 ist (oder: mit dem die Wunde verschlossen wurde), das (oder: die) Leinen7, db.yt-Stoff8 oder Halfagras9 verschnürt halten (soll).

1 mḏꜣ.t: Posener, in einem Brief an Roccati vom 30.06.1969, vermutet hierin das Wort für „Meißel“ (Wb 2, 188.6–10) als Metapher für die Zähne der Schlange, was Roccati als „scalpelli“ übernimmt (Roccati 1970, 26 mit Anmerkung c). Dieser Idee folgt prinzipiell auch Osing 1992, 473 und 474, Anm. b), der aber nicht an das Wort für „Meißel“, sondern an „Holzpflock“ denkt, weil in den Sargtexten einmal die mḏꜣ.t-Pflöcke eines Vogelnetzes mit den Zähnen des Osiris verglichen werden. Dem folgen P. Eschweiler, Bildzauber im alten Ägypten. Die Verwendung von Bildern und Gegenständen in magischen Handlungen nach den Texten des Mittleren und Neuen Reiches, Orbis Biblicus et Orientalis 137 (Freiburg (Schweiz), Göttingen 1994), 221–222, Fischer-Elfert 2018, 54 und K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 192.
Borghouts 1978, 91 und 111, Anm. 311 vermutet dagegen, dass der Schlange hier die Verwendung von „magical books“ unterstellt wird. Dieser Idee folgt Waraksa 2009, 134–135 mit Anm. 606. Den Vorschlag Poseners und Osings zweifelt sie an, weil in pTurin CGT 54003 der für das Wort „Meißel“ typische Metallklassifikator fehlen würde und dieses Wort erst im Totenbuch, also später als pTurin CGT 54003, mit der Buchrolle geschrieben wurde. Sie übersieht allerdings, dass Osing Poseners ursprüngliche Idee „Meißel“ zum „Holzfplock“ modifiziert hatte; und dieses Wort kann nach R. van der Molen, A Hieroglyphic Dictionary of Egyptian Coffin Texts, Probleme der Ägyptologie 15 (Leiden 2000), 194 in den Sargtexten tatsächlich, wie in pTurin CGT 54003, mit der Buchrolle und ohne spezifischen Klassifikator geschrieben werden. Das macht Osings Idee sehr plausibel, zumal man sich fragt, was man sich andernfalls unter magischen Büchern vorzustellen habe, die mit dem Ton der Isis verstreut (Borghouts) oder ausgeschüttet (Waraksa) worden sind. Man könnte allenfalls auf die Aufforderung der Pyramidentexte verweisen, nach denen ein Schreiber seine Schreibgeräte, u.a. auch Papyrusollen, zerstören soll, um Platz für den verstorbenen König zu machen (H. Grapow, Zur Bedeutung und Geschichte einer Hieroglyphe, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 49, 116–117, worauf schon Posener in dem genannten Brief verweist). Allerdings bliebe dann zu überprüfen, was genau mit dieser Aufforderung gemeint ist und ob sie wirklich mit der Situation in pTurin CGT 54003 verglichen werden kann. [LP]
2 ṯtf bezeichnet das Ausgießen einer Flüssigkeit, Objekt ist meist die Flüssigkeit; nur einmal erscheint der Mund, d.h. der Behälter, als Objekt (DZA 31.311.640). Die genaue Bedeutung an der vorliegenden Stelle ist diskutabel. Posener vermutet „salir, barbouiller“ (Brief an Roccati vom 30.06.1969, Roccati 1970, 26, Anm. c). Roccati übernimmt diesen Vorschlag: „Ho bagnato i tuoi scalpelli“. Vergleichbar auch Osing 1992, 473 („Ich habe deine ‚Pflöcke‘ (= Zähne) übergossen“), Fischer-Elfert 2018, 54 („Ich habe deine Pflöcke (= Zähne) (...) übergossen“). und K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 192 („weil ich deine Fangzähne eingegossen habe). Alle diese Übersetzungen gehen davon aus, dass die Zähne der Schlange mit Lehm beschmiert oder sogar darin „eingegossen“ und damit unschädlich gemacht werden. In dem Fall ist der Lehm quasi das affizierte Objekt von ṯtf: Er ist das, was gegossen wird (nämlich über die Zähne).
Borghouts 1978, 91 versteht ṯtf dagegen eher im übertragenen Sinn und macht die magischen Bücher nicht nur zum grammatischen Objekt, sondern auch zum affizierten Objekt: „I have scattered (ṯtf) your books“. Bei dieser Übersetzung ist unklar, wie er das direkt anschließende „with this clay of Isis“ interpretiert. Welche Funktion hat bei seiner Interpretation von ṯtf der Lehm der Isis? Waraksa 2009, 134–135 mit Anm. 605 („I have poured out your magical books“) verwendet für ṯtf die vermutliche Grundbedeutung „ausgießen“; aber da sie in der Übersetzung von mḏꜣ.t Borghouts folgt, bleibt bei ihr „the exact sense of the verb (...) elusive“ (Anm. 605). Sie vermutet, dass ṯtf mit Roccati vielleicht „I have wet“ oder „I have drenched“ heißen könnte und hält auch eine Bedeutung „overflowed“ für möglich. [LP]
3 Wörtl: „Es ist hier an der Stelle davon.“ J. Osing, Zu einigen magischen Texten, in: U. Luft (Hrsg.), The Intellectual Heritage of Egypt. Studies Presented to László Kákosy by Friends and Colleagues on the Occasion of his 60th Birthday, Studia Aegyptiaca 14 (Budapest 1992), 473–480 473: „Siehe, sie (sc. Finger und Lehm) sind hier an ihrer richtigen Stelle.“ [KS]
4 Ich folge hier der Interpretation Fischer-Elfert 2018, 54). Dagegen setzt Osing den absoluten Gebrauch des Verbums pḥ an und übersetzt: „bis du verendet bist“. (Osing 1992, 474, n. e). Eventuell wäre auch eine Übersetzung mit „Greife nicht den Knochen (= das Skelett) an, spalte nicht den Muskel (= das Gewebe), bevor du angreifst, o der mit wohlbehaltenem Maul!“, doch bleibt dabei der Sinn vollkommen im Dunkeln. [KS]
5 dm.t: Vgl. Wb 5, 451, 4: dm.wt: „Verletzung o.ä.“ Schon Roccati 1970, 26 tendiert zu dieser Bedeutung und übersetzt „un taglio“ (genauer gesagt scheint er an ein substantiviertes Partizip gedacht zu haben, denn er führt diese Stelle im Wortregister auf S. 62 als Beleg für das Verb dm: „tagliare“ auf). J. F. Quack, [Review:] W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I 36,1 (Leiden/Boston/Köln 1999), in: Orientalische Literaturzeitung 94, 1999, 462 verweist für die vorliegende Stelle explizit auf dieses Lemma dm.wt. Dem folgt auch Fischer-Elfert 2018, 54. Osing 1992, 473–474 übersetzt dagegen mit „Messer“ und vermutet hierin einen Analogiezauber: „Ebenso wie der Lehmklumpen in der Hand des Zeuberers [sic] ein umschnürtes Messer verschlossen hält, sollen auch die Giftzähne im Maul einer Schlange unschädlich gemacht werden.“ An ein Messer denken Waraksa 2009, 136 und P. Eschweiler, Bildzauber im alten Ägypten. Die Verwendung von Bildern und Gegenständen in magischen Handlungen nach den Texten des Mittleren und Neuen Reiches, Orbis Biblicus et Orientalis 137 (Freiburg (Schweiz), Göttingen 1994), 221–222. [LP]
6 šꜣr.t: Roccati 1970, 26 sieht hierin einen Beleg für das Wort šꜣr.w: „Bündel“ und verweist für dieses auf B. Gunn, [Review:] A. H. Gardiner – K. Sethe, Egyptian Letters to the Dead. Mainly from the Old and Middle Kingdoms. Copied, Translated and Edited (London 1928), in: Journal of Egyptian Archaeology 16, 1930, 151 und T. G. H. James, The Ḥeḳanakhte Papers and other Early Middle Kingdom Documents, Publications of the Metropolitan Museum of Art. Egyptian Expedition 19 (New York 1962), 58. Darauf geht R. Hannig, Die Sprache der Pharaonen. Großes Handwörterbuch Ägyptisch – Deutsch (2800–950 v. Chr.) – Marburger Edition –, Kulturgeschichte der Antiken Welt 64, 4. Auflage (Mainz am Rhein 2006), 869, Nr. {32183} zurück, der in der direkt auf die Phonogramme folgenden Lücke den Pflanzenstängel Gardiner M2 als Klassifikator rekonstruiert. Diese Rekonstruktion lehnt Waraksa 2009, 136–137, Anm. 615 ab, weil nach der Lücke ein Wachtelküken steht und daher in der Lücke ein Wort zu ergänzen ist und für einen Klassifikator kein Platz ist. Davon abgesehen hält sie die Lesung als „Bündel“ für möglich, gibt aber eine etwas allgemeinere Bedeutung „a measure“ an, weil sie in pTurin CGT 54003 die spezifische Bedeutung „Bündel“ für zu unsicher hält.
Dass in der Lücke nach šꜣr.t kein Platz für ein Klassifikator ist, hat auch schon Osing 1992, 474, Anm. g) erkannt; anders als Roccati sieht er in šꜣr.t eine Relativform des Verbs šꜣr (s. dazu R. van der Molen, A Hieroglyphic Dictionary of Egyptian Coffin Texts, Probleme der Ägyptologie 15 (Leiden 2000), 602), das er mit dem koptischen ϣⲟⲗ: „Bündel“ zusammenbringt (das seinerseits das Derivat von šꜣr.w: „Bündel“ ist) und mit „zusammenbinden“ übersetzt, s. J. Osing, Die Nominalbildung des Ägyptischen, Sonderschrift des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo 3 (Mainz 1976), 236 und 805, Anm. 1034. Seiner Deutung als Relativform folgt Fischer-Elfert 2018, 54. Bei dieser Deutung muss das Bezugswort feminin sein, es kommt also nur dm.t in Betracht, was der Übersetzung als „Wunde“ weiteres Gewicht verleiht. [LP]
7 [ꜥꜣ].w: Erhalten sind nur die untere Hälfte eines Wachtelkükens, der Stoffklassifikator Gardiner S28 sowie die Pluralstriche. Roccati 1970, 26 und 27, Anm. i) macht keinen Vorschlag, vermutet aber, „che il termine in lacuna si riferisse a ‚lino‘, o a un tessuto equivalente“. Darauf geht Waraksas Vorschlag [ḥbs].w: „[of cloth]“ zurück (Waraksa 2009, 134 und 136). Osing 1992, 473 ergänzt dagegen ohne weiteren Kommentar, wenn auch mit Fragezeichen in der Übersetzung, zu [ꜥꜣ].w, d.h. ꜥꜣ.t (Wb 1, 166.6): „Art Leinen“. Hierfür müsste man eine Schreibung ohne t annehmen; eine solche Schreibung findet sich vielleicht schon auf einem Sarg der 6. Dynastie, s. DZA 21.654.430. [LP]
8 dbj.t ist mit einem Zeichen klassifiziert, das Roccati 1970, Falttafel als Kanalzeichen Gardiner N23 transliteriert, Osing 1992, 473 und Waraksa 2009, 133 dagegen als aufgerollte Schnur, Gardiner V1. Roccati 1970, 27, Anm. l) denkt an die dbj.t-Pflanze von H. Grapow – H. von Deines, Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VI (Berlin 1959), 576, übersetzt es aber zusammen mit dem folgenden ꜥnb genitivisch als „un fastello di fuscilli“. Osing 1992, 473 analysiert dbj.t und ꜥnb als asyndetische Koordination und übersetzt zusammen mit dem vorangehenden [ꜥꜣ].w als: „[Lein?]en, dbj.t oder Halfa-Gras“. Dem folgen erneut Fischer-Elfert 2018, 54 und Waraksa 2009, 136. Während Fischer-Elfert, wie Osing, dbj.t ohne Übersetzung lässt, verbindet es Waraksa, ebenso wie Roccati, mit der dbj.t-Pflanze aus DrogWb.
Das Tertium comparationis aller drei Bezeichnungen [ꜥꜣ].w(?), dbj.t und ꜥnb ist, dass es Dinge sein müssen, mit denen ein Tonklumpen auf einer Wunde(?) fixiert werden kann. Unter dieser Prämisse können für dbj.t noch zwei weitere Lemmata diskutiert werden:
- Das eine ist die db.yt-Substanz von Wb 5, 434.14, die mit Rohstoffklassifikator N33+Pluralstrichen geschrieben ist. Da sie nur einmal in einem wenig aussagekräftigen Kontext vorkommt, kann ihre Bedeutung nicht sicher bestimmt werden, aber J. R. Harris, Lexicographical Studies in Ancient Egyptian Minerals, Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Institut für Orientforschung. Veröffentlichungen 54 (Berlin 1961), 216 vermutet, dass sie „most likely (...) represents some kind of sand or mud“. Je nachdem, welche Konsistenz man einem solchen „mud“ zugesteht, wäre bei aller Vorsicht vorstellbar, dass er vielleicht in der Lage wäre, den Tonklumpen festzukleben – aber dagegen ließe sich sofort einwenden, dass man das mit dem Klumpen allein bewerkstelligen könnte und keine zweite Lehmsorte o.ä. bräuchte.
- Das zweite diskutable Wort wäre der einmal in pAnastasi V, 17,5 vorkommende Gegenstand db.y (mask.), mit dem Tierfell klassifiziert. Es handelt sich um einen Gegenstand, mit dem der faule Schreiberschüler geschlagen werden kann, und deswegen wird oft vermutet, dass das Wort mit dbj: „Nilpferd“ zusammenhängt und eine Nilpferdpeitsche meint. Könnte dieses maskuline neuäygptische Wort, das mit Tierfell klassifiziert und daher vielleicht aus Leder war, mit dem mittelägyptischen femininen Wort aus pTurin CGT 54003 zusammenhängen, das vielleicht mit der Schnur klassifiziert war? Ob beide oder eines von beiden tatsächlich mit dbj: „Nilpferd“ zusammenhing, ist dieser Frage vielleicht nachgeordnet. [LP]
9 dbj.t ꜥnb ist von seiner Platzierung links neben dem Wortende von ꜥꜣ.t(?) nach zu schließen vielleicht ein Nachtrag. Auch das abschließende rʾ-pw könnte ein Nachtrag sein, da es schon unterhalb des „Satzspiegels“ der vorangegangenen Kolumnen steht und auch etwas kleiner geschrieben wirkt. [LP]

Spruch 4

Übersetzung: Katharina Stegbauer

Komm heraus, Mächtiger, aus der Erde, die er (= der Mächtige) gebissen (oder: die er durchstoßen) hat!1
Falle vom Himmel herab, den er beseitigt hat(???)2!
Habe ich (es) (nicht) mit (lit.: zwischen) meinen Nägeln ergriffen?
(Ich) gehe und komme doch, nachdem (ich) den Knochen angegriffen habe.
Du sollst (es) sprechen, während du das Messer mit deinen Nägeln3 packst.

1 K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 194 und DigitalHeka, Version von 2006 = TLA, 15. Aktualisierung, 31. Oktober 2014 übersetzt: „Komm heraus, Mächtiger, aus der Erde, die er gebissen hat!“ Bezüglich des Nachsatzes überlegt sie: „Ob die Schlange ihr Gift bereits an ein Beutetier abgegeben haben soll, wenn man sie fängt?“ Könnte das Verb dm stattdessen vielleicht auch darauf abzielen, dass die Schlange beim Herauskommen aus der Erde diese „durchstoßen“ muss? Vgl. dazu vielleicht den mehrfachen Gebrauch von dm, um auszudrücken, dass etwas (ein Gebäude oder die Federkrone) den Himmel „durchstößt“ (Wb 5, 449.5–7). [LP]
2 Durch das Verb nach p.t verläuft ein Riss, wodurch es tlw. unlesbar ist. Zwischen d und dem Infix n ist nur Platz für ein schmales, horizontales Zeichen, dass entweder Phonogramm oder Klassifikator ist. Das erstere ist wahrscheinlicher, da sonst außer (r)ḏi̯ und (w)di̯ kein Verb infrage kommt, was aber auch keinen Sinn ergibt. Das bedeutet allerdings, dass das Verb ohne Klassifikator geschrieben ist. Von dem Zeichen unter dem d ist noch eine leicht gebogene Linie in der rechten Kolumnenhälfte erhalten. Außerdem zeigen die Fotos auf Roccatis Falttafel (Roccati 1970) und in der Turiner Papyrusdatenbank am linken Kolumnenrand einen kleinen schwarzen Fleck – hier müsste am Original geprüft werden, ob das ebenfalls ein Zeichenrest ist, oder ob es nur ein Loch im Papyrus ist wie links daneben, durch das der dunkle Hintergrund durchscheint. In jedem Falle könnte die gebogene Linie zu einem r gehören, und dann käme eigentlich nur das Verb dr: „beseitigen, vertreiben“ infrage, das im Mittleren Reich gelegentlich tatsächlich ohne Klassifikator geschrieben werden kann, s. DZA 31.427.930. Die Bedeutung der Stelle bleibt allerdings problematisch: Der Satz dürfte parallel zum vorigen konstruiert sein, was aus dr eine Relativform macht. Ist also von einem Himmel die Rede, den er, der Mächtige, beseitigt hat? Aber was sollte man sich darunter vorstellen? Außerdem wäre bei einer Deutung als Relativform ein feminines dr.t.n=f zu erwarten. [LP]
3 ꜥ⟨n⟩.tj ist neben und unter die Präposition geschrieben, als wolle der Schreiber es unbedingt noch am Kolumnenende unterbringen und mit der nächsten Kolumne einen neuen Abschnitt beginnen. Um diese letzten Wörter von dem ebenfalls ans Kolumnenende gedrängten Nachtrag(?) der vorigen Kolumne optisch zu trennen, hat er zwischen beiden Kolumnenenden eine schwarze Trennlinie gezogen. [LP]

Spruch 5

Übersetzung und Kommentar: Lutz Popko

Erglänzt der Tag durch das Auge des Re, (dann) wird also das Auge des Thot jubeln über dieses vollkommene Auge des Horus.1 [Rto. 20] Siehe, (es) wurde geholt, ergriffen, ⟨für vollständig/unversehrt⟩(?) befunden2 und an seine (ihm gebührende) Stelle gesetzt aus Furcht davor, dass dein (d.h. des Osiris) Bruder Seth über ihn (d.h. Horus) triumphieren3 könnte (wörtl.: triumphieren wird), der ihm (d.h. dem Auge) etwas Schlechtes angetan hat.
Setze du (scil.: Horusauge) dich auf deinen vollkommenen Altar (???, oder: auf deine vollkommene ḫꜣ.t-Perücke?)4, die deine Amme (oder: deine (göttliche) „Amme“ (d.h. Isis oder Nephthys)) für dich gefertigt hat!5
Dein Schwarzes (d.h. dein Irisbereich)6 ist in deiner Mitte; dein Glän[zendes] ist an deinen beiden Seiten.
Sei nicht zerhauen7!
Sei nicht verstümmelt!
Verlange keinen Überschuss!8Pausezeichen.
---Rest der Kolumne freigelassen---

1 Ungewöhnlich ist die Kollokation wbn hrw: Üblicherweise erglänzen die Sonne, der Mond oder andere Gestirne, aber nicht der Tag selbst. Die Präpositionalverbindung m jr.t Rꜥ wird hier instrumental aufgefasst, denn das „Auge des Re“ wird die Sonne sein (so auch Roccati), die den Tag zum Erglänzen bringt.
Notierenswert ist ferner, dass das Auge des Re und das Auge des Horus hier gleichgesetzt werden, deutlich durch den pronominalen Rückbezug durch tw.
2 Wenn man gmi̯ wörtlich als „finden“ versteht, wäre die Reihenfolge der Verben unerwartet: man erwartet es aus semantischen Gründen an erster Stelle. Ob gmi̯.t(w) eher ein „befinden“ ausdrückt und dahinter ein Stativ, etwa km.tj: „vollständig“ oder wḏꜣ.tj: „unversehrt“, ausgefallen ist, wie in der von Roccati 1970, 28, Anm. b zitierten Beinahe-Parallele A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts III. Texts of Spells 164-267, Oriental Institute Publications 64 (Chicago 1947), 343b–g, so dass ursprünglich zu lesen war: „Siehe, (es) wurde geholt, ergriffen, für vollständig/unversehrt (o.ä.) befunden und an seine Stelle gesetzt“?
3 nḥni̯: Zur Bedeutung „triumphieren“ s. R. van der Molen, A Hieroglyphic Dictionary of Egyptian Coffin Texts, Probleme der Ägyptologie 15 (Leiden 2000), 239. Zum Anschluss an snḏ vgl. vielleicht DZA 29.362.390.
4 ḫꜣ.t: Mit Buchrolle klassifiziert, ein unklarer Gegenstand. Sowohl Roccati 1970 als auch Gräßler 2017 vermuten einen Altar (Letztere denkt konkret an ḫꜣw.t, Wb 3, 226.11–19 = TLA-Lemmanummer 113720), sicher weil das Horusauge eine Bezeichnung für Opfergaben sein kann. Es muss jedenfalls etwas sein, was eine Amme oder eine Priesterin mit der Bezeichnung „Amme“ herstellen kann. Ob es vielleicht auch das ḫꜣ.t-Kopftuch ist, mit einem zur Buchrolle verschriebenen Stoffstreifen S28? Das Horusauge, das in diesem Spruch eben auch mit dem Auge des Re gleichgesetzt wird, wird oft mit der Uräusschlange assoziiert, und diese ist regelmäßiger Bestandteil der von Königen getragenen ḫꜣ.t-Perücke.
5 Es ist darauf hinzuweisen, dass die Passage vom bjn.t des vorigen Satzes bis zum nfr.t dieses Satzes eine ungewöhnliche Zeichenstellung und mehrere verschmierte Tintenreste aufweist. Vermutlich ist die Stelle also nachträglich korrigiert worden.
6 km.t: Die Gegenüberstellung von km.t und bꜣẖ.t („Glänzendes“) in pTurin CGT 54003 deutet laut Gräßler 2017, 90 darauf hin, dass km.t nicht nur die Pupille allein, sondern die Kombination aus Pupille und Iris bezeichnet.
7 jsp: Mit dem schlagenden Arm klassifiziert. Gräßler 2017, 89 denkt an das ebenso klassifizierte Verb „Hunger leiden“, Wb 1, 132.13, doch das ist bislang erst ab dem Neuen Reich belegt. Daher wird mit Roccati 1970 das Verb „hauen, einschlagen“ u.ä. (Wb 1, 129.6–7) vorgezogen, was auch zum folgenden Verb passt. Es wird sicher auf den unversehrten Zustand des Horusauges angespielt, wobei syntaktisch interessant ist, dass dies mithilfe von Vetitiven und nicht mit negierten Subjunktiven formuliert wird.
8 H.-W. Fischer-Elfert (mdl. Mitteilung) vermutet, dass mit den letzten Sätzen von Spruch 5 der Wunsch ausgedrückt sein könnte, dass die Proportionen zwischen dem Schwarzen und dem Weißen des Auges gleich bleiben sollen und nicht das eine mal mehr und mal weniger haben soll.

Spruch 6

Übersetzung und Kommentar: Lutz Popko

Erwache, erwache, (o) Horusauge!
(So, wie) du Re erblickst, (so) erblickt Re dich.
Täglich erblickst du Re aufs Neue1.2
Das Abbild des Auges ist an deiner Vorderseite hoch aufgerichtet (und) an deiner Hinterseite erhoben.3
Erstrahle du, so dass wir [Rto. 25] vollständig sehen!
Pausezeichen.4

1 Ergänzung der Lücke mit Roccati 1970, 29–30, Anm. b.
2 Wortspiel zwischen mꜣ: „sehen“ und mꜣ(w): „aufs Neue“ sowie zwischen dem Götternamen „Re“ und rꜥ-nb: „täglich“.
3 Unklare Aussage. Roccati 1970, 29 und 30, Anm. c vermutet, dass sich das maskuline Pronomen =k: „dein“ auf den Sonnengott Re bezieht. Es kann sich jedenfalls nicht auf das Horusauge beziehen, weil wḏꜣ.t feminin ist. Das twt n jr.t: „Abbild des Auges“ bezeichnet laut Gräßler 2017, 84–87 die Iris oder den Irisbereich. In der vorliegenden Stelle fragt sich allerdings, ob wirklich diese Bedeutung gemeint ist. Da twt auch das Abbild von Gottheiten bezeichnen kann, und in Anbetracht der Tatsache, dass das Horusauge schon im Alten Reich mit der Uräusschlange assoziiert werden kann, fragt sich, ob nicht auch hier mit dem „Abbild des (Horus)auges“ die Uräusschlange gemeint sein könnte, die sich an der Stirn des Re befindet. Diese wäre tatsächlich an seiner Vorderseite hochaufgerichtet. Gegen diese Deutung spricht, dass die Uräusschlange zwar über den Kopf des Re (oder des Königs) läuft und ihr Schwanz auf dessen Hinterseite wäre, dort aber gerade herabhängt nicht „erhoben“ ist.
4 grḥ: Von der Handfläche geht eine senkrechte Kolumentrennlinie nach oben und trennt damit scheinbar diese Kolumne von der vorherigen ab.

Spruch 7

Übersetzung und Kommentar: Lutz Popko

(Es) kommt das Wasser, (es) kommt der Pflanzenbrei, (es) kommt diese kühle ...-Flüssigkeit1, mit der(?) Horus seine Augen [benetzt (o.ä.)] hat(?), aus Furcht vor Erblindung2, aus Furcht vor einer Verletzung (und) aus Furcht, dass er Unheil3 auslösen könnte (wörtl.: dass sein Unheil entstehen wird).
Horus möge nicht erblinden!
Er möge kein Unheil auslösen (wörtl.: Sein Unheil möge nicht entstehen)!
Es möge ihm kein anderer/s aufgrund seines Rechtsanspruches gegeben werden!4
[(So) möge (auch)] ich [nicht erblinden!]5
(So) möge kein Unheil entstehen, mein Unheil (nicht) entstehen!6
(Und so) möge (mir) kein anderer/s aufgrund meines Rechtsanspruches gegeben werden!7
Sehen [---] diese meine beiden Augen; sehen [---]8
[---]9 [Vso. 1] die beiden Augen ...(?) zum Ende von ...(?)10
(Diese) Worte (sind) zu sprechen über Wasser und Pflanzenbrei.
[Werde] am Morgen [an]11 die Augen gegeben.

1 Das Subjekt von jyi̯ ist partiell zerstört und kann nicht mit Sicherheit ergänzt werden. Klar erkennbar sind noch die Endung aus zwei Schilfblättern und t sowie der Klassifikator in Form von drei Wasserlinien. Dies und die Parallelität zu den vorigen Sätzen macht deutlich, dass eine Flüssigkeit gemeint ist; das Demonstrativpronomen stellt zudem die Gleichsetzung mit einer dieser beiden Flüssigkeiten, dem Wasser oder dem Pflanzenbrei, fest. Ebenfalls aus dem Demonstrativpronomen sowie aus dem später auf das Substantiv zurückweisende jm=s wird deutlich, dass ein Singular vorliegt. Roccati 1970, 30, Anm. b erwägt mw.yt: „Flüssigkeit; Urin“ oder nw.yt: „Wasser“ und legt sich in seiner Transkription und Übersetzung auf mw.yt fest. Die erhaltenen Zeichenspuren sprechen jedoch gerade gegen diese Schreibung, denn zwischen den beiden waagerechten Zeichenresten sind zwei kurze diagonale Striche erhalten, die sich nicht zu den drei Wasserlinien ergänzen lassen. Der rechte der beiden diagonalen Striche endet direkt auf dem unteren senkrechten Zeichen und gibt ihm dadurch das Aussehen des schlagenden Armes, der jedoch an dieser Stelle, vor der .y-Endung, nicht vorkommen kann.
2 šp.t: Eine feminine Ableitung von dem Verb šp, die bislang nur im pEbers belegt war. Üblicher ist die maskuline Ableitung šp/šp.w. Das Verb šp kann neben dem ab dem Neuen Reich auftretenden kꜣmn den Zustand der Blindheit ausdrücken. Es bezeichnet dabei eher den Verlust oder die Beeinträchtigung der Sehkraft und allgemein einen Zustand, der auch geheilt werden kann, wohingegen kꜣmn mit der physischen Beeinträchtigung des Augapfels verbunden ist und keine Heilung ermöglicht, vgl. Gräßler 2017, 234, 256–262 mit weiterer Literatur. Nach H.-W. Fischer-Elfert, Medizin im Alltag von Deir el-Medineh oder Wie spricht man eigentlich über Krankheit, Pharmaka und deren Drogenquanten? (in Vorbereitung) ist šp vielleicht eher eine angeborene Blindheit. Dagegen spricht jedoch die Tatsache, dass es in medizinischen Texten Rezepte zumindest gegen das feminine šp.t gibt. Auch kann das Verb šp progressiv gebraucht werden (vgl. Gräßler 2017, 242, Bsp. T.5.26, und 270, T.5.75), drückt also potenziell auch einen Vorgang und keinen Zustand aus. Dafür spricht auch die Stelle in pTurin CGT 54003, Rto. 26, in der Horus fürchtet, dass dieser Zustand eintreten könnte. Daher wird dort die Übersetzung „Erblindung“ statt „Blindheit“ gewählt.
3 jjj: Mit drei Schilfblättern geschrieben und dem schlagenden Mann klassifiziert; es ist laut Roccati 1970, 22 und 31, Anm. d, eine Graphie von jw: „Böses, Unglück“ u.ä. (Wb 1, 48.5-10); zur Schreibung mit drei Schilfblättern verweist er auf K. Sethe, Die altägyptischen Pyramidentexte nach den Papierabdrücken und Photographien des Berliner Museums neu herausgegeben und erläutert. Bd. 1. Text, erste Hälfte, Spruch 1–468 (Pyr. 1–905) (Leipzig 1908), PT 215, § 142b (dort komplett ohne Klassifikator geschrieben). Gemeint ist etwas Schlechtes, was man selbst verursacht hat, nicht etwa ein Unheil, das einen von außen trifft, vgl. J. J. Clère, Un passage de la stèle du général Antef (Glyptothèque Ny Carlsberg, Copenhague), in: Bulletin de l’Institut français d’archéologie orientale 30, 1930, 446, u.a. mit Verweis auf die Piye-Stele, wo „kein jw gegen einen Fürsten getan“ werden soll, und auf Tb 17, wo jw „vertrieben (dr)“ werden soll. Auf Letzteres verweist auch J. Zandee, Death as an Enemy According to Ancient Egyptian Conceptions, Studies in the History of Religions 5 (Leiden 1960), 286, der jw mit „sin“ übersetzt. Auch der von E. Edel, Beitrage zum ägyptischen Lexikon II, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 81, 1956, 8 angeführte Beleg Urk. I 204,9 spricht für diese Konnotation, denn dort distanziert sich der Redner davon, eine jḫ.t ... jw.t, eine „böse Sache“, gesagt zu haben. Wenn Horus in pTurin CGT 54003 demzufolge Furcht davor hat, dass jjj=f entsteht, so ist das keine Furcht davor, dass ihm ein Unheil zustößt (Genitivus objectivus), sondern davor, dass er selbst Unheil anrichtet (scil. infolge seiner Blindheit???).
4 Unklarer Satz. Aufgrund des Kontextes ist ein passiver Subjunktiv zu erwarten, der aber mit P. Vernus, Future at Issue. Tense, Mood and Aspect in Middle Egyptian: Studies in Syntax and Semantics, Yale Egyptological Studies 4 (New Haven 1990), 125, Anm. 26 rḏi̯.t(w) und nicht nur ḏi̯.t(w) lauten müsste. Vernus verweist hierfür auf sein Kapitel 2, vgl. konkret die Beispiele 72 (S. 35) und 83 (S. 39), beide allerdings affirmativ. So aufgefasst, würde dieser Satz die in der Formentabelle bei W. Schenkel, Tübinger Einführung in die klassisch-ägyptische Sprache und Schrift (Tübingen 2012), 245 noch unbelegte Position eines negierten passiven Subjunktivs in Prädikatsposition einnehmen.
Roccati 1970, 30 übersetzt: „non gli sarà posto un altro nei suoi diritti“; für ẖr ꜥ=f verweist er in Anm. e auf Wb 1, 158.2 (sic, nach seiner Übersetzung zu schließen, meint er eher Wb 1, 159.2: n ꜥ=f r: „keinen Rechtsanspruch haben auf“ o.ä.). Für die Verbindung ẖr ꜥ als Bezeichnung eines Rechtsanspruchs „aufgrund einer Urkunde“ s. ferner S. Lippert, Einführung in die altägyptische Rechtsgeschichte, Einführungen und Quellentexte zur Ägyptologie 5 (Berlin/Münster 2008), 26; ihr Beleg ist die (partiell ergänzte) Stelle Urk. I, 116.14 (Inschrift des Idw Snnj), vgl. zu ihr die Diskussion von E. Edel, Inschriften des Alten Reichs (6. Folge), in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 83, 1958, 16 und H. Goedicke, Die privaten Rechtsinschriften aus dem Alten Reich, Beihefte zur Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 5 (Wien 1970), 188, Anm. 9, beide mit der zusätzlichen Stelle Urk. I, 147.3.
Unklar ist, worauf sich in pTurin CGT 54003 das Wort ky: „anderer“ bezieht. Dieses Wort kann zwar syntaktisch unabhängig vorkommen, sollte aber ein Bezugswort haben, zu dem es einen Kontrast aufbaut. Das nächstliegende infrage kommende ist das im vorigen Satz erwähnte „Unheil“. Ob gemeint ist, dass Horus weder von sich aus ein Unheil anrichten soll noch, dass ihm „ein anderes (Unheil)“ von jemandem zugeschrieben werden soll? Nur wie ist das anschließende ẖr ꜥ=f kotextuell einzubinden?
5 Ergänzung mit Roccati 1970, 30.
6 Kolumne 28 besteht nur aus diesem einen(?) Satz, der in der unteren Hälfte des Papyrus zwischen Kolumne 27 und 29 gequetscht wurde. Es ist aber kein sekundärer Nachtrag, wie sich an dem Umstand zeigt, dass zwischen den beiden Kolumnen 27 und 29 genügend Platz ist, um diese Halbkolumne aufzunehmen, und nur in der oberen Hälfte Kolumne 27 und 29 ohne größeren Zwischenraum nebeneinanderstehen. Die zeitliche Reihenfolge der Beschriftung entspricht also der Lesefolge: Kolumne 27, 28 und dann 29. Es fragt sich aber, wie es zu diesem merkwürdigen Layout und der unklaren Syntax gekommen ist. Das untere ḫpr steht etwa auf derselben Höhe wie das von Roccati ergänzte šp des vorherigen Satzes. Möglicherweise könnte man postulieren, dass ursprünglich eine gespaltene Kolumne angedacht war, in der sich die Negation nn sowohl auf šp=j als auch auf ḫpr jjj=j bezog. Hat dann der Schreiber vielleicht das Gefühl bekommen, dass der Satz unklar ist, und infolgedessen das nn doch noch darüber ergänzt? Aber das erklärt nicht, warum er nicht nur das nn ergänzte, sondern fast den gesamten Satz nn ḫpr jjj, nur unter Auslassung des =j, wiederholte.
7 Dieselbe unklare Aussage wie zwei Kolumnen zuvor. S. den dortigen Kommentar.
8 Das Satzende lässt sich nicht mehr ergänzen.
9 In der oberen Blatthälfte sind rechts von Kolumne Vso. 1, direkt an der Kante des Papyrus, mehrere Zeichenreste erhalten. Diese würden darauf hindeuten, dass vor Vso. 1 mindestens eine weitere Kolumne zu rekonstruieren wäre. Daraus folgend wäre die Zeilennummerierung zu korrigieren, und es wäre zu überlegen, ob die ersten Kolumnen wirklich die Fortsetzung des letzten Textabschnitts bilden. Laut Roccati 1970, 11 handelt es sich aber um den originalen Seitenrand; und in der Rezitationsanweisung von Vso. 1 werden genau die Ingredienzien erwähnt, die am Beginn von Abschnitt 7 angerufen werden. Daher liegt wohl doch ein einziger magischer Spruch vor. Roccati äußert sich nicht zu den Zeichenresten; da der Text ein Palimpsest ist (Roccati 1970), wäre es denkbar, dass er sie zu den Spuren des früheren Textes gerechnet hat.
10 Das letzte Wort des Satzes ist wohl mit dem Kanalzeichen klassifiziert. In seinem Index vermutet Roccati 1970, 61 darin einen Beleg für den „ramo“, d.h. den „Ast, Zweig“, Wb 3, 419.19, obwohl es in dem Fall genauso gut der „Balken“, Wb 2, 419.14–17 sein könnte. In seiner Übersetzung auf S. 30 lässt er die Stelle aber unübersetzt. Insgesamt ist Roccatis Lösung zweifelhaft, denn weder der „Zweig“ noch der „Balken“ werden mit dem Kanalzeichen klassifiziert – vielmehr werden sie mit dem Ast geschrieben. Durch das Kanalzeichen erinnert das Wort an Schreibungen von zꜣṯ.w: „Erdboden“, für die aber das t fehlt. Außerdem wäre unklar, was das „Ende des Erdbodens“ sein sollte.
11 Ergänzung mit Roccati 1970, 30–31 mit Anm. h.

Spruch 8

Übersetzung und Kommentar: Lutz Popko

Meine Augen sind durch den Großen (Gott?)1 geöffnet.
⟨Meine Augen⟩2 sind durch die (Göttin(?) namens) „Öffnerin“3 geöffnet.
Geöffnet sind die Augen ⟨der Hathor im⟩ Statuenhaus(?).4
Geöffnet sind die Augen der Hathor im Gold⟨haus⟩(?), so dass sie auf dieses rote [---]-Reptil5 blickt, während es sein Maul aufreißt, seine Zahnreihen(?)6 entblößt (wörtl.: aufmacht) (und) es auf diesen Augapfel(?)7 [Vso. 5] aus Gold, ((Fayence)), Quarz (und) Karneol blickt, indem es (oder: Fleisch)8 auf/über den Augen der Majestät des Ptah gewachsen ist.
(So, wie) Isis sich darüber (d.h. das Augenpaar des Ptah) beugte (und) es ableckte, (so) beugte ich mich über mein Augenpaar (und) ich leckte es ab. Von diesem meinem Gesicht (und) von diesen meinen Augen vertrieb ich die Einwirkung eines Gottes, einer Göttin, eines (Un-)Toten, einer (Un-)Toten.
Die Verschleierung ist beseitigt, indem sie völlig (wörtl.: sehr) entschleiert ist.
(So, wie) Schu(?)9 ableckte, was für ihn getan wurde, (so) leckte Schut(?)9 ab, was für sie getan wurde.
Der Patient (wörtl.: Ein Mann) soll (das) sagen, während er Wasser in seine Augen gibt.
Pausezeichen.

1 Wr: Mit dem sitzenden Gott klassifiziert. Vor dem r wurde im Interkolumnium ein Schilfblatt nachgetragen, das allenfalls nach dem r, vielleicht als Endung(?), gelesen werden kann. Nach Roccati 1970, 32, Anm. a ist die Hinzufügung „[i]nesplicabile“. Während Roccati 1970 hierin mit Verweis auf A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts VI. Texts of spells 472-786, Oriental Institute Publications 81 (Chicago 1956), 13b–c und 16i einen Priestertitel vermutet, ordnet C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. II. -b, Orientalia Lovaniensia Analecta 111 (Leuven 2002), 420b–421c diese Stelle der Gottesbezeichnung Wr: „Der Große“ zu (Beleg Nr. 59).
2 Den Ausfall von jr.t.j=j erklärt Roccati 1970, 32, Anm. a damit, dass die Vorlage in gespaltener Kolumne geschrieben gewesen sei, bei der sich ein wn jr.t.j=j jn sowohl auf Wr als auch auf Wn.t bezog. Diese sei vom Schreiber von pTurin CGT 54003 falsch aufgelöst worden, indem er zwar das wn und das jn vor der Wn.t wiederholte, aber das jr.t.j=j vergaß.
3 Wn.t: Mit dem Türflügel und der sitzenden Frau klassifiziert; da sie parallel zum Wr des vorigen Satzes steht, muss sie zur selben Klasse von Lebewesen gehören. Roccati 1970, 31–32 mit Anm. a denkt an eine Priesterin und verweist auf die wn.t (allein mit der sitzenden Göttin klassifiziert) von Wb 1, 315.3. Für diese Bezeichnung kennt das Wb bislang nur einen Beleg, nämlich aus den Soubassements von Edfu, konkret zum Hermopolitanischen Gau. Vgl. zu diesem Priesterinnentitel, deren etymologische Herkunft umstritten ist, die kurzen Bemerkungen von D. Klotz, Regionally Specific Sacerdotal Titles in Late Period Egypt. Soubassements vs. Private Monuments, in: A. Rickert – B. Ventker (Hrsg.), Altägyptische Enzyklopädien. Die Soubassements in den Tempeln der griechisch-römischen Zeit. Soubassementstudien I. Bd. 2.2, Studien zur spätägyptischen Religion 7.2 (Wiesbaden 2014), 717–792, hier 774 (126) und C. Leitz, Die Gaumonographien in Edfu und ihre Papyrusvarianten. Ein überregionaler Kanon im spätzeitlichen Ägypten. Soubassementstudien III, Studien zur spätägyptischen Religion 9 (Wiesbaden 2014), Bd. 1, 126 und Bd. 2, Taf. 33–34. Anders als Roccati sieht C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. II. -b, Orientalia Lovaniensia Analecta 111 (Leuven 2002), 386b–c in wn.t die Bezeichnung einer Göttin, allerdings nur mit pTurin 54003 als einzigem Beleg.
4 Emendation mit Roccati 1970, 31 und 32, Anm. b. Wie im vorigen Satz überlegt er, ob eine Schreibung in gespaltener Kolumne aufgelöst wurde: Möglicherweise stand in der Vorlage wn jr.t.j Ḥw.t-Ḥr.w m pr, und darunter dann nebeneinander rpy.t und nbw. Bezüglich pr-nbw ist er sich nicht sicher, ob die Ergänzung zutrifft, denn „questa espresione non è attestata nel senso di ḥwt-nbw“ (meint er damit, dass es nicht als Tempelbezeichnung belegt sei? Vgl. dazu aber vielleicht Wb 1, 517.9). Aufgrund dieser Unsicherheit übersetzt er auf S. 31 den Satz nur mit „sono aperti gli occhi di Hathor con l’oro“. Bezüglich des pr-rpy.t verweist er auf eine entsprechende Bezeichnung in Dendera, wenn auch erst aus griechisch-römischer Zeit (Wb 2, 415.10). Auch hier ist die Gleichsetzung der Termini nicht völlig sicher, denn dem pr-rpy.t von pTurin CGT 54003 fehlt der Ortsklassifikator; Roccati übersetzt berechtigt vorsichtig nur unspezifisch mit „casa della statua“.
5 ṯ[_].w: Ein unbekanntes Tier. Der Klassifikator ist teilweise zerstört, lässt sich aber noch mit großer Sicherheit als Eidechse, Gardiner Sign-list I1, identifizieren. Vom ersten Konsonanten ist noch der linke Teil des hieratischen -Seils erkennbar. Über dem Klassifikator sind noch Zeichenreste erkennbar, die Roccati 1970 recht plausibel zu einem Wachtelküken ergänzt. Der mittlere Teil ist nicht mehr rekonstruierbar. Der ägyptische Wortschatz zu Echsen (nach moderner Taxonomie) ist im Gegensatz zu dem der Schlangen, Schildkröten und Krokodile kaum ausgeprägt oder kaum bekannt. Eine Identifizierung des Tieres von pTurin CGT 54003 ist daher nicht möglich. Nach dem Text zu schließen, kann dieses Tier rot (dšr) sein, kann aber wohl auch andere Färbungen besitzen, weil andernfalls die explizite Nennung der Farbe tautologisch wäre. Das Demonstrativpronomen pw scheint darauf hinzudeuten, dass während des Rituals, zu dem der Spruch gehört, ein physisches Exemplar des Tieres verwendet wurde; keinesfalls ist es ein Rückbezug auf eine frühere Stelle im Text, weil dafür nichts infrage kommt. Das Reptil wird beschrieben als eines, das ḥbḏ rʾ=f: „sein Maul aufreißt“ – eine sehr seltene Phrase, die in Tb 149 als Dämonenbezeichnung vorkommt. In den Vignetten zu diesem Spruch im neureichszeitlichen pBM EA 10477 (Totenbuchprojekt Bonn, TM 134299) ist dieser Dämon in derselben Ikonographie wie die Göttin Thoëris dargestellt, d.h. mit Krokodilskopf, -rücken und ‑schwanz, Nilpferdkörper und Löwenbeinen. Diese Vignette hilft allerdings nicht bei der Identifizierung des Tieres von pTurin CGT 54003. Denn zum einen weist der Dämon von Tb 149 zwar reptilische Bestandteile auf, aber eben von einem Krokodil, das von den Ägyptern in eine andere Tierkategorie eingeordnet wurde als Echsen. Ferner ist auch eines der Wesen in der Vignette zum benachbarten Textteil in derselben Weise dargestellt, so dass sie nicht einmal textintern spezifisch für den Dämon ḥbḏ-rʾ=f ist.
6 šn.wt: Mit dem Zahn klassifiziert; ein Hapax legomenon. Roccati 1970, 32, Anm. c vergleicht diese Passage mit A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts I. Texts of Spells 1–75, Oriental Institute Publications 34 (Chicago 1935), 11a–b, wo steht: wn n=k tꜣ rʾ=f zn n=k Gb ꜥr.tj=f ...: „Die Erde öffnet dir ihren Mund, Geb macht dir seine Kieferbacken auf“ und sieht im šn.wt des pTurin CGT 54003 daher ein Wort für „mascelle“. Ähnlich R. K. Ritner, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice, Studies in Ancient Oriental Civilization 54, 4. Auflage (Chicago 2008) 95: „jaws(?)“.
Etymologisch dürfte šn.wt wohl mit šni̯: „rund sein, umkreisen“ zusammenhängen; das Benennungsmotiv könnte daher vielleicht die Form der Zahnbögen sein, die die Mundhöhle umgeben. Die Wortbildung erinnert an šn.wt: den „Hofstaat“, d.h. die personelle Umgebung des Königs. Daher vergleicht T. Bardinet, Dents et mâchoires dans les représentations religieuses et la pratique médicale de l’Égypte ancienne, Studia Pohl. Series Maior 15 (Roma 1990), 25 dieses Wort mit der Bezeichnung ṯs.t: „Gebiss“, deren Wortbildung er wiederum mit ṯs.t: „Truppe“ gleichsetzt. Bei šn.wt läge ihm zufolge eine „idée analogue“ vor, und er gibt als Bedeutung an: „l’entourage, le cercle des dents“.
7 bꜣ[ꜣ] pw: Ergänzung mit Roccati 1970, Falttafel und S. 31. Zur Interpretation von bꜣꜣ als Augapfel bzw. als (sichtbarer Teil der) Sklera ohne Irisbereich s. Gräßler 2017, 52–60. Konkret in pTurin 54003 Vso. 4–5 vermutet sie eine Bezeichnung einer Augeneinlage oder eines Augenamuletts. Dazu passt nicht nur, wie Gräßler schreibt, dass im folgenden Satz Isis daran leckt, sondern auch das Demonstrativum pw: Da es zuvor kein Wort gibt, auf das es zurückverweisen könnte – infrage käme nur das jr.t: „Auge“ der Hathor, aber Gräßler 2017, 52–60 verweist auf die Unterschiede zwischen bꜣꜣ und jr.t –, wird es ein deiktisches Element sein, das auf ein Objekt außerhalb des Textes verweist, das im Zusammenhang mit diesem Spruch Anwendung findet.
8 jf: Mit Fleischstück klassifiziert. Roccati 1970, 31 geht kommentarlos davon aus, dass hier eine Schreibung von jw=f vorliegt (diese Kolumne unter den Belegen von jw einsortiert auch im Wortindex auf S. 56). Für diese Schreibung von jw=f vgl. Wb 1, 42 und 1,70. Die so angesetzte Form jw=f rd(.w) übersetzt er untergeordnet bzw. konkret relativisch: „che crescre ...“. Dem folgt R. K. Ritner, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice, Studies in Ancient Oriental Civilization 54, 4. Auflage (Chicago 2008), 95 („which flourishes (literally ‚grows‘) ...”). Gräßler 2017, 54 übersetzt nicht relativisch, bleibt aber unterordnend: „indem er ... gewachsen ist“. Die Partikel jw als Partikel zur Unterordnung ist zwar bereits im Mittelägyptischen bekannt (W. Schenkel, Tübinger Einführung in die klassisch-ägyptische Sprache und Schrift (Tübingen 2012), 88: „Rang-VII-Erweiterung“, W. Schenkel, Die Partikel ı͗w und die Intuition des Interpreten. Randbemerkungen zu Antonio Loprieno, „On fuzzy boundaries in Egyptian syntax“, in: Lingua Aegyptia 15, 161–201) und ist etwa für medizinische Texte nicht unplausibel (s. die Übersetzung des pEbers im TLA, contra W. Schenkel, Die Partikel ı͗w und die Intuition des Interpreten. Randbemerkungen zu Antonio Loprieno, „On fuzzy boundaries in Egyptian syntax“, in: Lingua Aegyptia 15, 161–201, der gerade dort eher von parenthetischen Hauptsatz-jws ausgeht), ist aber an der vorliegenden Stelle nicht die einzige Option. Denn wenn wirklich ein jw=f vorliegt, dann ist es zunächst naheliegend, dass das Suffixpronomen dasselbe Bezugswort hat wie diejenigen zuvor. Das Bezugswort der unmittelbar vorangehenden Suffixpronomina ist aber wohl das Reptil am Ende von Vso. 3. Doch wie kann dieses über die Augen gewachsen sein? Nach den Beschreibungen zu schließen, scheint dieses ṯ[_]w-Tier keine Metapher für eine Krankheit zu sein. Daher wäre zu überlegen, das fragliche jf alternativ als Schreibung für jwf: „Fleisch“ aufzufassen, s. Wb 1, 70. Damit läge ein einfacher Adverbialsatz jwf rd(.w) ḥr jr.t.j ḥm n Ptḥ vor, der im Mittelägyptischen adverbial untergeordnet sein kann. Gräßler 2017, 55 vermutet, dass im vorliegenden Fall etwas beschrieben war, bei dem „der Irisbereich nicht mehr klar zu sehen war“. Könnte mit dem jwf das gemeint sein, was sich über die Iris gelegt hat? Zur Bandbreite von jwf vgl. J. H. Walker, Studies in Ancient Egyptian Anatomical Terminology, Australian Centre for Egyptology. Studies 4 (Warminster 1996), 33–50, spez. 41–44, wo er die Möglichkeit diskutiert, ob und inwieweit jwf auch die Haut bezeichnen könnte.
9 Die Götternamen sind unsicher; der erste ist zudem partiell zerstört. Der Göttinnenname ist mit der Feder geschrieben, Gardiner Sign-list H6 bzw. genau genommen die Form H6A mit diakritischem Strich, der auf die Lesung šw verweist (G. Möller, Hieratische Paläographie. Die ägyptische Buchschrift in ihrer Entwicklung von der fünften Dynastie bis zur römischen Kaiserzeit. Bd. 1. Bis zum Beginn der achtzehnten Dynastie (Osnabrück 1965 (= 1927)), Nr. 237); darauf folgen ein kleiner Punkt, der die Femininendung t sein wird, und eine sitzende Göttin. Vom männlichen Pendant ist der klassifizierende sitzende Gott noch fast vollständig erhalten; vor ihm ist noch ein senkrechter, oben leicht gebogener Zeichenrest erhalten, der sich gut ebenfalls zu H6A ergänzen ließe und von Roccati 1970, Falttafel auch so in der hieroglyphischen Transliteration ergänzt wurde. Auf S. 33, Anm. m hält er eine Lesung als šw und šw.t allerdings für „[i]mprobabile“, weil der Göttername Schu in der folgenden Kol. 9 anders geschrieben sei (nämlich zusätzlich zur Feder mit komplementierendem Wachtelküken). Mit Verweis auf Kolumne 19 und 24–25, wo ein Wort H6A+Fleischstück: „parte (maschio)“ und ein feminines Pendant mit zusätzlicher t-Endung: „parte (femmina)“ (Übersetzung nach Roccati 1970, 37) vorkommt, schlägt er eine Lesung als qꜥḥ bzw. qꜥḥ.t vor; für die Schreibung von qꜥḥ mit H6A verweist er auf Wb 5, 19 und A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts II. Texts of Spells 76-163, Oriental Institute Publications 49 (Chicago 1938), 314a und 315a. Tatsächlich ist dort H6A (oder ein homographes Hieratogramm?) sowohl als Klassifikator(?) als auch als Logogramm für qꜥḥ zu finden – die Pleneschreibung sichert die Lesung ab, und das Zeichen kommt in den Sargtexten auch sonst bei dieser Wortfamilie vor, vgl. R. van der Molen, A Hieroglyphic Dictionary of Egyptian Coffin Texts, Probleme der Ägyptologie 15 (Leiden 2000), 649. Allerdings sind die Gottheiten *Qꜥḥ und *Qꜥḥ.t sonst nicht belegt. In seiner Übersetzung der Stelle auf Seite 31 transkribiert Roccati dann, gegen seinen Kommentar, auch Šw und Šwt (jeweils mit Fragezeichen); ein Rest seines Zweifels an der Lesung zeigt sich immerhin darin, dass er in der Übersetzung „Sheu“ und „Sheuet“ schreibt, wohingegen er den Gott Šw von Kol. 9 durch „Shu“ wiedergibt. Auch in seinem Wortindex auf S. 61 differiert er zwischen diesen Entitäten. NB: Gegen seinen eigenen Vorschlag von Seite 33, Anm. m, die Wörter H6A (+t) + Fleischstück in Kol. 19 und 24–25 als qꜥḥ zu lesen, transkribiert er auf S. 37 und 61 als šw und šw.t und vermutet eben den „parte“ (37) bzw. „lato“ (61), d.h. Wb 4, 425.16–426.3, und nicht den „omero e spalla“ von Wb 5, 19.6–14.
R. K. Ritner, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice, Studies in Ancient Oriental Civilization 54, 4. Auflage (Chicago 2008), 95 vermutet, anders als Roccati, die Gottheiten „Shu“ und „Maat(?)“ – obwohl die Schreibung des Göttinnennamens mit H6A gerade gegen die Lesung mꜣꜥ spricht. C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. VII. š-, Orientalia Lovaniensia Analecta 116 (Leuven 2002), 44b–c liest, wie Roccati, Šw und Šwt und nimmt sie als separate Gottheiten auf.

Spruch 9

Übersetzung und Kommentar: Lutz Popko

Meine beiden Augen – meine beiden Augen werden nicht versetzt werden –, (und) meine Augäpfel – (meine) Augäpfel werden nicht versetzt werden in den Griff des Schu, in die Umarmung der Finsternis, in die [...] [Vso. 10] des Tages (?; oder: am Tag?)1 durch den Morgenstern.2
(O) Min, gib (mir) meine Augen, damit ich mit ihnen sehen (kann)!
Weil ich mit ihnen sehen (will), gibst du mir meine Augen.
Pausezeichen.

1 n [_]w | hrw: Vom Wortstamm sind nur noch der Rest eines senkrechten und der eines waagerechten Zeichens erhalten sowie unter der waagerechten Linie noch ein winziger Zeichenrest an der Abbruchkante. Darunter folgt eine Gruppe aus einem Wachtelküken und davor Zeichenreste, die Roccati 1970, Falttafel unsicher zu einem sitzenden Mann ergänzt; die Position vor dem Wachtelküken spricht tatsächlich dagegen, auch wenn die erhaltenen Zeichenreste gut dazu passen würden. Unter dem Wachtelküken sind Pluralstriche erhalten. Die nächste Kolumne beginnt mit einer Sonnenscheibe neben Logogrammstrich, was alle Bearbeiter dieses Spruches als logographische Schreibung von hrw: „Tag“ interpretieren.
Eine Ergänzung des zerstörten Wortes ist nicht möglich. Roccati 1970, 34, Anm. c geht zumindest von einem Verb aus (vermutlich, weil die Konstruktion parallel zu n ꜣmm ... n ḥpt ... steht) und hält eine Bedeutung „sottrarre o simili“ für „plausibile“. Die gesamte Phrase inklusive des folgenden m-ꜥ nṯr Dwꜣ.y übersetzt er auf S. 33 mit „a colore che sottraggnono (?) il giorno al Dio mattutino“. Wo die „colore“ steht, ist unklar. Olette-Pelletier 2016, 60–61 unterlässt einen Ergänzungsvorschlag und übersetzt den Beginn von Kolumne 10 mit: „le jour présidé par l’Étoile du matin“. Gräßler 2017, 55 schließt sich Roccatis Deutung als Verb im Allgemeinen an, unterlässt aber ebenfalls einen Ergänzungsvorschlag. Wie Roccati sieht sie diese Wortgruppe parallel zu den vorigen Präpositionalgruppen, erkennbar daran, dass sie das n mit „(und) für“ übersetzt. Den Beginn von Kolumne 10 übersetzt sie mit: „(am) Tag aus der Hand des Gottes Duau.“
2 Die erste Aussage des Spruches 9 von pTurin CGT 54003 ist kryptisch. Roccati 1970, 33 übersetzt: „I miei occhî, non son dati i miei occhî; le mie pupille, non son date le mie pupille – alla cattura di Shu, all’abbraccio delle tenebre”. Olette-Pelletier 2016, 60 übersetzt: „Mes yeux, je n’ai pas donné mes yeux. MES globes oculaires, je n’ai pas donné (mes) globes oculaires ni pour contrer la lumière-Shou, ni pour étreindre les ténèbres“ (das groß geschriebene „MES“ markiert die vermeintliche Rubrizierung). Gräßler 2017, 55 hat: „Meine beiden Augen, meine beiden Augen wurden nicht gegeben. Meine bꜣꜣ, meine bꜣꜣ wurden nicht gegeben für das Packen des Schu, für die Umarmung der Finsternis“.
NB: Die Lösung von J. R. Ogdon, Studies in Ancient Egyptian magical writing, I. Apropos the Verbs ꜣmm and ꜣm, in: Göttinger Miszellen 155, 1996, 69 (n ꜣmm(=j) (j)n Šw: „I (= the magician) am not grasped by Shu“) ist nicht möglich, weil n hier die Präposition ist und nicht die Negativpartikel.
Roccati 1970, 34, Anm. a verweist für diesen Satz u.a. auf A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts II. Texts of Spells 76-163, Oriental Institute Publications 49 (Chicago 1938), 45b–c, wo steht: n rḏi̯=j jr.t.j=j n bꜣ.wj n jꜥr.t.j=j ṯwt jr.t.j=j n ḫfꜥ Šw n ꜣmm kk.w. Faulkner (R. O. Faulkner, The ancient Egyptian Coffin Texts. Vol. I. Spells 1-354 (Warminster 1973), 87–88) übersetzt: „(...) I have not given my eyes to my souls or to my uraei. My eyes are for the grasp of Shu and for the grip of darkness”. Er vermutet in ṯwt eine Bezeichnung für das Auge und schreibt (88, Anm. 4): „Ṯwt with det[erminative] [Gardiner Sign-list D4] here (...) is not recorded [scil.: in the dictionary, L.P.], but no translation other than ‚eye‘ seems possible. This spell is most obscure, and its real meaning escapes me“. Während Faulkner sich wohl von den Versionen B2L und B1P leiten lässt, in denen tatsächlich auf ṯwt zwei Augen folgen (daher sein englischer Plural < ägyptischer Dual), bezieht sich Roccati 1970, 34, Anm. a eher auf B1C, wo deutlich ṯwt jr.t.j geschrieben ist, und übersetzt „non do i miei occhî alle mie due anime, i miei urei; a te sono i miei occhî, per gli afferratori di Shu e per gli impugnatori delle tenebre“. Er hat ṯwt also als das Possessivpronomen „a te“ aufgefasst. Dieses ist jedoch neuägyptisch, wohingegen das altägyptische ṯwt laut W. Schenkel, Tübinger Einführung in die klassisch-ägyptische Sprache und Schrift (Tübingen 2012), 114 im Mittelägyptischen nicht in Possessivkonstruktionen vorkommt. J. F. Borghouts, The Magical Texts of Papyrus Leiden I 348 (Leiden 1971), 46, Anm. 27 interpretiert das fragliche Wort als frühen Beleg für twt: „Pupille“, Wb 5, 256.13–14 (Spezialübersetzung von „Abbild“). Dem schließt sich Gräßler 2017, 86–87 an und übersetzt den zweiten Satz des CT-Belegs mit: „Das Abbild (?) meiner Augen ist für das Ergreifen des Schu (und) das Packen der Finsternis.“ Im Grundtenor denkt sie aber wie Faulkner: „Auch inhaltlich ist der Spruch nicht gut zu erschließen.“
Neben diesem Sargtextspruch verweist Roccati 1970, 34, Anm. a noch auf A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts II. Texts of Spells 76-163, Oriental Institute Publications 49 (Chicago 1938), 112e–g und A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts VI. Texts of spells 472-786, Oriental Institute Publications 81 (Chicago 1956), 95m, wo der Verstorbene sagt, dass Schu ihn nicht „gepackt“ (ḫfꜥ) hat.
Die Sargtext-Passagen und Spruch 9 von pTurin CGT 54003 stehen aber weder in einem Vorlage-Kopie-Verhältnis zueinander, noch sind es Parallelen; das Verhältnis ist vielleicht eher als Inspirationsquelle zu werten, wie Olette-Pelletier 2016, 63, Anm. 28 schreibt. Die Interpretation des Spruchbeginns wird jedenfalls durch zwei Faktoren beeinflusst: (1) die Syntax der Verbform und (2) die Art des adverbiellen Anschlusses.
(1) n rḏi̯: Roccati 1970, 33 übersetzt präsentisch bzw. perfektiv („non son dati“). Ähnlich Gräßler 2017, 55: („wurden nicht gegeben“); beide vermuten wohl ein prädikatives präteritales sḏm(.w)=f. Olette-Pelletier 2016, 63, Anm. 28 denkt dagegen an eine aktive Verbalform: „je n’ai pas donné“. Aktive Formen dieses Verbs werden in diesem Papyrus aber sonst nur ḏi̯ geschrieben, s. auch Roccati 1970, 21.
(2) n ꜣmm ... n ḥpt: Roccati übersetzt die beiden Begriffe substantivisch (wobei er die beiden Wörter im Index auf S. 56 und 60 als Verben aufnimmt) und interpretiert die Präposition n lokal/direktiv. Auch Gräßler übersetzt die Begriffe substantivisch bzw. im ersten Fall mangels eines deutschen Substantivs mithilfe eines substantivierten Infinitivs. Die Präposition n übersetzt sie mit „für“ (ebenso im Falle des Sargtextspruches, s. oben). Olette-Pelletier übersetzt die Begriffe infinitivisch und versteht die Präposition final. Von diesen drei Lösungen ist diejenige von Roccati die semantisch und syntaktisch plausibelste, denn Gräßlers Lösung bleibt inhaltlich unklar, und für Olette-Pelletiers Lösung wäre vielleicht eher die Präposition r als n zu erwarten.
Satzsyntaktisch scheint Roccati beide Präpositionalverbindungen gleichzeitig auf die beiden negierten Satzkerne zu beziehen, auch wenn er sie durch einen Gedankenstrich davon trennt. Olette-Pelletier und Gräßler suggerieren durch ihre Satzzeichen dagegen, dass sie die Präpositionalverbindungen nur an den zweiten Satzkern anschließen. Streng genommen lässt die ägyptische Wortgliedstellung auch nur das Letztere zu. Da aber weiter vorn im Papyrus Textfehler vorliegen, die auf falsch übernommene gespaltene Kolumnen zurückgehen könnten, wäre zu überlegen, ob nicht auch hier in der Vorlage eine gespaltene Kolumne gestanden hat, in der beide negierten Satzkerne nebeneinanderstanden und dann von den Präpositionalverbindungen gefolgt wurden, die sich dort auf beide Satzkerne bezogen.
Die beiden Faktoren (1) und (2) zusammengenommen, stellt sich die Frage nach dem Sinn des gesamten Satzes. Wäre er affirmativ – „meine Augen wurden gegeben“ –, wäre er als Hinführung zum Thema des Spruches (so auch die Funktion dieses Satzes nach Olette-Pelletier 2016, 63) sinnvoll: Dann wären darin Sehprobleme angesprochen, die im Folgenden behoben werden sollen. Da die Aussage aber negiert ist, fragt sich, ob bei n rḏi̯ nicht eher das prädikative passive Futur sḏmm=f/jri̯=f von W. Schenkel, Tübinger Einführung in die klassisch-ägyptische Sprache und Schrift (Tübingen 2012), 226–228 vorliegt. In dem Fall würde der Spruch direkt mit dem Wunsch beginnen, dass der Patient eben gerade keine Sehprobleme haben möchte – je nachdem, ob dieses Futur eine subjunktivische Nuance haben kann oder nicht, als reinen Wunsch oder quasi schon als feste (Selbst-)Versicherung formuliert.
Da Schu der Gott der lichtdurchfluteten Luft ist, wäre es unter der Prämisse einer futurischen Interpretation verführerisch, zu übersetzen mit „meine Augen ... werden nicht aus dem Griff des (Lichtgottes) Schu in die Umarmung der Finsternis versetzt“. Allerdings fragt sich, ob eine solche Konstruktion rḏi̯ NN n A n B: „NN von A nach B versetzen“ grammatisch überhaupt zulässig wäre. Zudem scheint der schon von Roccati genannte Sargtextspruch trotz der vielen Verständnisschwierigkeiten zu zeigen, dass der Zugriff des Schu und der Griff der Dunkelheit durchaus parallel gesetzt werden können.

Spruch 10

Übersetzung und Kommentar: Lutz Popko

Du mögest ausgespuckt sein(?)1, tḫn-Verletzung, auf(?)2 die hdn-Rohrpflanze(?)3, die [in]mitten des nꜣy.t-Gebüschs4 ist, nachdem der Hirte sein Langhornrind holte und nachdem ihn/es die grüne hdn-Pflanze stach!5
Steige nicht hinab ((auf das Schwarze6))!
Schlängel7 dich nicht auf das Glänzende6!
Zerhacke nicht die gegründeten Hügel!8
(O) Min, gib mir meine Augen, so dass ich mit ihnen sehen werde!
Mir gibst du ⟨sie⟩, damit ich mit ihnen sehe.

1 tp=k: Deutlich so und nicht tš=k, wie Olette-Pelletier 2016, 61 mit Verweis auf R. Hannig, Ägyptisches Wörterbuch II. Mittleres Reich und Zweite Zwischenzeit, Hannig-Lexica 5 (Mainz 2006), Bd. 2, 2706, Nr. {37428} (= R. van der Molen, A Hieroglyphic Dictionary of Egyptian Coffin Texts, Probleme der Ägyptologie 15 (Leiden 2000), 741) angibt. Daher liegt ein weiterer – und früher – Beleg für das Verb dp/tp, Wb 5, 445.12, vor. Möglicherweise ist tp verwandt mit tf; der Wechsel p ~ f erinnert an denjenigen bei psi̯ ~ fsi̯: „kochen“, vgl. zu Letzterem die Diskussion bei U. Verhoeven, Grillen, kochen, backen im Alltag und im Ritual Altägyptens. Ein lexikographischer Beitrag, Rites égyptiens 4 (Bruxelles 1984), 85–89 mit weiterer Literatur sowie P. Vernus, A propos de la fluctuation p/f, in: G. Dreyer – J. Osing (Hrsg.), Form und Mass: Beiträge zur Literatur, Sprache und Kunst des alten Ägypten. Festschrift für Gerhard Fecht zum 65. Geburtstag am 6. Februar 1987, Ägypten und Altes Testament 12 (Wiesbaden 1987), 450–455 mit weiteren Fällen.
Der Schreibung von tp mit dem spuckenden Mund und einigen Kontexten zufolge bedeutet das Verb in etwa „ausspeien/ausspucken“, vgl. auch R. K. Ritner, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice, Studies in Ancient Oriental Civilization 54, 4. Auflage (Chicago 2008), 74, der es unter den Verben des Ausspuckens aufzählt, ohne auf die Differenzen zwischen diesen Verben einzugehen. Die aktive, progressive Bedeutung „spucken“ kommt etwa im spätzeitlichen pLouvre N 3129 zum Tragen, wo als magische Handlung „gegen“ (r) jemanden dp-gemacht wird (DZA 31.388.790; DZA 31.388.800).
In anderen Passagen dieses Papyrus und dem Apophisbuch (pBremner-Rhind II) sind dagegen etwa Apophis, Seth und andere negativ besetzte Wesen das grammatische Subjekt, daher die Wb-Übersetzung „zu Grunde gehen“.
Gardiner bot für den Beleg in pChester Beatty VII, Vso. 5,10 (zerstörter Kontext) eine Übersetzung als Imperativ des Zustandspassivs an: „sei ausgespuckt“ (DZA 31.388.810) bzw. „[b]e spewed out“ (A. H. Gardiner, Hieratic Papyri in the British Museum. Third Series: Chester Beatty Gift. Bd. 1. Text (London 1935), 64). Diese Nuance würde auch im vorliegenden Spruch besser passen, wobei aufgrund des Suffixpronomens eher der Konjunktiv eines Zustandspassivs angesetzt werden müsste: „du mögest ausgespuckt sein“. Denn unter den verschiedenen Funktionen des Spuckens, die das Spucken in magischen Kontexten hat (s. R. K. Ritner, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice, Studies in Ancient Oriental Civilization 54, 4. Auflage (Chicago 2008), 74–88) dürfte das Verb tp hier und in den anderen Fällen, in denen das Subjekt eine negative Entität ist, wie Apophis in pBremner-Rhind II, die Funktion haben, die Ritner als „Spittle as corruption“ bezeichnet: Die Entität oder das Gift soll durch Ausspucken ausgeschieden und damit unschädlich gemacht werden (S. 81–85). Die tḫn-Krankheit ist also nicht das, was ausspuckt (so Roccati 1970, 34 und Gräßler 2017, 89 [beide imperativisch] sowie Olette-Pelletier 2016, 61), sondern das, was ausgespuckt wird; d.h. die tḫn-Krankheit ist zwar grammatisches Subjekt, aber semantisches Objekt. Das ist nur möglich, wenn das Verb an sich eine mediopassivische Bedeutung hat. Wenn eine solche Grundbedeutung nicht vorliegt, könnte man als Alternative erwägen, hier ein prädikatives passives Futur sḏmm=f/jri̯(.w)=f anzusetzen; es wäre allerdings zu untersuchen, ob man diese Form auch noch für den späten pBremer-Rhind ansetzen kann.
2 dp hdn: Im medizinischen Rezept Eb 337 (pEbers 56,10) wird die Droge dp.t hdn gegen die tḫn-Verletzung verschrieben. J.-C. Goyon, Une identification possible de la plante hdn des anciens Égyptiens, in: F. Junge (Hrsg.), Studien zu Sprache und Religion Ägyptens. Zu Ehren von Wolfhart Westendorf überreicht von seinen Freunden and Schülern. Bd. 1. Sprache 1 (Göttingen 1984), 245 geht davon aus, dass in pTurin CGT 54003 dieselbe Wortverbindung vorliegt; er übersetzt aber den Satz nicht und klärt daher nicht auf, wie er dp hdn syntaktisch in den Satz einbinden würde. Anders sind die Lösungen von Roccati 1970, 34 (vgl. auch S. 62), Olette-Pelletier 2016, 61 und Gräßler 2017, 89: Roccati versteht dp als Nisbe-Adjektiv dp(.j): „che è sopra; che sta sulla“; Olette-Pelletier und Gräßler als Präposition „auf“. Während Olette-Pelletier die Verbindung eher direktiv deutet („Tu expulseras ... sur ...“), sieht Gräßler hierin eher eine Lokalbestimmung („Spuck aus ... auf der hdn-Pflanze ...“). Diese lokale Deutung ergibt sich aus ihrer Interpretation der anschließenden weiteren Adverbialbestimmung ḥr.j-jb nꜣy.t: Gräßler 2017, 90 zufolge wird die tḫn-Verletzung durch die Kollokation mit nꜣy.t mit einer Schlange oder einem anderen stechenden/beißenden Tier gleichgesetzt, weil nꜣy.t als Wohnort von Schlangen bekannt ist. Sie versteht also ḥr.j-jb nꜣy.t als Präpositionalattribut zu tḫn, und daher liegt es näher, auch dp hdn als Präpositionalattribut und nicht als präpositionale Ergänzung des Verbs aufzufassen. Anders sind die Lösungen von Roccati und Olette-Pelletier, die beide ḥr.j-jb nꜣy.t als Präpositionalattribut der hdn-Pflanze verstehen: nicht die Verletzung, sondern diese Pflanze ist inmitten (Olette-Pelletier: „mélangé à“) der hdn-Pflanze. Gräßlers Interpretation hat einiges für sich, zumal „spucken auf (eine Sache)“ bei den verschiedenen Verben des Spuckens eher mit den Präpositionen ḥr oder r als mit dp gebildet wird; sie hängt aber auch an der Konnotation des Verbs tp=k und der Identität der hdn-Pflanze (s. den separaten Kommentar zu ihr). Da die Aussage von tp=k wohl darauf abzielt, die Krankheit/Verletzung als aus dem Auge hinausbefördert zu kennzeichnen (s. den Kommentar dort), scheint eine direktive Übersetzung semantisch sinnvoller.
Die Entscheidung zwischen lokal und direktiv beeinflusst auch die Interpretation von Eb 337: Wird dort die hdn-Pflanze verwendet, weil die tḫn-Verletzung zu irgendeiner Zeit auf ihr lokalisiert oder anderweitig mit ihr assoziiert werden kann? Dann wäre die hdn-Pflanze in Eb 337 ein Sympathiemittel. Oder wird die hdn-Pflanze in beiden Fällen wegen einer anderen Wirkung verwendet?
3 hdn: Eine seltene Pflanzenbezeichnung; in den medizinischen Texten nur einmal im pEbers, Rezept Eb 337 belegt, wo dessen dp.t-Teil genannt wird. Das Rezept lässt keine Rückschlüsse auf eine Identifizierung zu: Es ist gegen eine tḫn-Verletzung des Auges gerichtet, und der Rezeptteil, in dem die hdn-Pflanze vorkommt, ist konkret für den Fall gedacht, dass Flüssigkeit aus dem Auge tritt: In diesem Fall soll der dp.t-Teil der hdn-Pflanze zusammen mit Weihrauch, Malachit und einer unbekannten, vielleicht mineralischen, Droge zu einem Mittel verkocht werden, das den Namen ꜥꜥf-s(j)(?): „Es-werde-ausgewrungen“(?) trägt. Der dp.t-Teil ist unbekannt; er wird aber auch in dieser femininen und in maskuliner Form von anderen Pflanzen genannt und wird i.d.R. mit dem Wort „Kopf“ in Verbindung gebracht (pars pro toto H. Grapow – H. von Deines, Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VI (Berlin 1959), 554), also als oberes Ende oder vielleicht kugelförmiges Ende einer Pflanze gedacht (auf dieser Assoziation wird etwa Ebbells „panicle“ basieren [B. Ebbell, The Papyrus Ebers. The Greatest Egyptian Medical Document (Copenhagen/London 1937), 68]). M.-T. Derchain-Urtel, Thot à travers ses épithètes dans les scènes d’offrandes des temples d’époque gréco-romaine, Rites égyptiens 3 (Bruxelles 1981), 114 denkt dagegen an eine „partie ‚excellente‘“ und hier konkret an das Rhizom (s.u.). Sie denkt also eher an einen Zusammenhang mit dem Nisbe-Adjektiv dp.j: „erster, bester“; und in dem Fall würde das Wort zum nächsten Lemma von H. Grapow – H. von Deines, Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VI (Berlin 1959), 554 gehören.
Bezüglich der Seltenheit der Nennung der hdn-Pflanze in den medizinischen Texten ist jedoch darauf hinzuweisen, dass in Eb 337 alle Drogen mit dem Einerstrich versehen sind. Da laut T. Pommerening, „Was verbirgt sich hinter der Quantenangabe ‚1‘ in den Rezepten für ein Maß?“, in: M. Brose et al. (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-Werner Fischer-Elfert 2, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde – Beihefte 7 (Berlin 2019), 831–848 dieser Einerstrich die dem ägyptischen Arzt bekannte Menge bezeichnet, wird man wohl annehmen können, dass auch die hdn-Pflanze häufig genug in der ägyptischen Medizin vorkam, um mit ihr eine „Standardmenge“ verbinden zu können. Es könnte also reiner Zufall sein, dass sie bislang in keinem anderen „medizinischen“ Text belegt ist.
In magiko-medizinischen Kontexten ist die Pflanze noch genannt im pTurin CGT 54003, Vso. x+11–12: zum einen in der Konstruktion dp hdn, die entweder eine Präpositionalverbindung „auf der/die hdn-Pflanze“ ist (so Gräßler 2017, 89, Olette-Pelletier 2016, 61) oder dieselbe Verbindung dp(.t)-hdn darstellt wie im pEbers (so J.-C. Goyon, Une identification possible de la plante hdn des anciens Égyptiens, in: F. Junge (Hrsg.), Studien zu Sprache und Religion Ägyptens. Zu Ehren von Wolfhart Westendorf überreicht von seinen Freunden and Schülern. Bd. 1. Sprache 1 (Göttingen 1984), 245); zum anderen als hdn wꜣḏ: „grüne hdn-Pflanze“, die den Hirten „sticht“ (tbs). Einen weiteren magiko-medizinischen Beleg bildet ein magischer Spruch gegen Skorpione in pChester Beatty VII, Rto. 7,5. Aber dort ist der Kontext zerstört und hilft bei der Identifizierung nicht weiter; vor dem Hintergrund des Turiner Textes könnte man sich fragen, ob ihr Vorkommen in einem Spruch gegen Skorpione durch die Tatsache motiviert sein könnte, dass die Pflanze stechen kann.
Auch außerhalb magisch-medizinischer Kontexte ist diese Pflanze selten genannt. In den Pyramidentexten (PT 400, Pyr. § 696e–g) wird die Gottheit Hdnw.t angerufen, den Geruch sṯj der hdn-Pflanze nicht gegen den König zu wenden; d.h., dass sie mehr oder weniger geruchsintensiv ist und apotropäisch wirken kann (und eben daher nicht gegen den König eingesetzt werden soll), s. H. Altenmüller, Eine neue Deutung der Zeremonie des ı͗nı͗t rd, in: The Journal of Egyptian Archaeology 57, 1971, 150 und 152. In dieselbe Richtung könnte es weisen, dass die hdn-Pflanze in späterer Zeit beim „Verwischen der Fußspur“ (jn.t-rd) am Ende des Opferrituals verwendet wird: Darstellungen der hdn-Pflanze, möglicherweise des Wedels, finden sich in Abydos, s. hier: DZA 26.411.030, und auch im Grab des Amenemhet, TT 82, N. d. G. Davies, The Tomb of Amenemhēt (no. 82), Theban Tomb Series 1 (London 1915), Taf. 18, oberes Register, in der Hand der ersten erhaltenen Person von links. Weitere Darstellungen und Literatur bei N. El-Shohoumi, Der Tod im Leben. Eine vergleichende Analyse altägyptischer und rezenter ägyptischer Totenbräuche. Eine phänomenologische Studie, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Denkschriften der Gesamtakademie 27 (Wien 2004), 226–231, s. ferner N. Tacke, Das Opferritual des ägyptischen Neuen Reiches, Orientalia Lovaniensia Analecta 222 (Leuven/Paris/Walpole, MA 2013), Bd. 2, 156–158. Dieser Ritualteil soll verhindern, dass „Widersacher“ in den Tempel eindringen; daher vermutet K. Sethe, Übersetzung und Kommentar zu den altägyptischen Pyramidentexten. Bd. 3. Spruch 326-435 (§§ 534-787) (Glückstadt/Hamburg/New York 1937) 273–274, dass der Geruch der hdn-Pflanze sozusagen den Geruch des Weihrauchs aufheben soll; ebenso N. Tacke, Das Opferritual des ägyptischen Neuen Reiches, Orientalia Lovaniensia Analecta 222 (Leuven/Paris/Walpole, MA 2013), Bd. 2, 157, Anm. 243.
Die hdn-Pflanze kommt auch ein paar Mal in den Sargtexten vor, allerdings mit wenig aussagekräftigen Informationen zur Identifizierung. Die einzige Zusatzinformation bietet Sargtextspruch 678, in dem es heißt: n šwi̯ jdb.w hdn (A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts VI. Texts of spells 472-786, Oriental Institute Publications 81 (Chicago 1956), 305d). Die Übersetzung ist unsicher, P. Barguet, Les textes des sarcophages égyptiens du Moyen Empire. Introduction et traduction, Littératures anciennes du Proche Orient 12 (Paris 1986), 430 schlägt vor: „les rives non pas été exemptes de la plante-hdn“, R. O. Faulkner, The Ancient Egyptian Coffin Texts. Vol. II. Spells 355-787 (Warminster 1977), 245 übersetzt: „the riparian lands do not lack the hdn-plant“ (gefolgt von U. Verhoeven, Grillen, kochen, backen im Alltag und im Ritual Altägyptens. Ein lexikographischer Beitrag, Rites égyptiens 4 (Bruxelles 1984), 139: „Den Uferländern fehlt es nicht an der hdn-Pflanze“). Barguet folgend, zieht M.-T. Derchain-Urtel, Thot à travers ses épithètes dans les scènes d’offrandes des temples d’époque gréco-romaine, Rites égyptiens 3 (Bruxelles 1981), 115 aus dieser Stelle den Schluss, dass die hdn-Pflanze am Ufer wächst. Dieser Schluss läge noch näher, wenn man der Übersetzung Verhoevens folgt.
In der Sonnenlitanei wird die hdn-Pflanze von Sia, der vergöttlichten „Erkenntnis“, zum Wachsen gebracht, um Unkenntnis zu vertreiben.
Nach einer größeren Beleglücke im 1. Jt. erscheint die Pflanze wieder in einer spätzeitlichen Opferliste: DZA 26.411.010 = 26.411.070 und DZA 26.411.080 (= G. Daressy, Une inscription d’Achmoun et la géographie du nome libyque, in: Annales du service des antiquités de l'Égypte  16, 1916, 223, Nr. III.6 und 226, Nr. VIII.10). Dort wird „1 Handvoll“ geliefert. Die Pflanze Nr. VIII.10 stammt n s.t tn: „von diesem Ort/Platz“, und in einer weiteren Spalte steht noch m Wꜣwꜣ.t: „in Unternubien“. Das ist von Daressy und ihm folgend vom Wb so interpretiert worden, dass diese Pflanze (auch) aus Unternubien kommen kann. Darauf bezieht sich auch die Angabe bei H. Grapow – H. von Deines, Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen, Grundriß der Medizin der alten Ägypter VI (Berlin 1959), 331, dass sie als Import aus Nubien genannt sei. Nach einer genauen Untersuchung des Formulars schließt aber . J.-C. Goyon, Une identification possible de la plante hdn des anciens Égyptiens, in: F. Junge (Hrsg.), Studien zu Sprache und Religion Ägyptens. Zu Ehren von Wolfhart Westendorf überreicht von seinen Freunden and Schülern. Bd. 1. Sprache 1 (Göttingen 1984), 242, Anm. 11 jeglichen Bezug der hdn-Pflanze zu Unternubien aus. Vielmehr gehöre der Ortsname zu einem anderen Textteil, und die Hinzufügung von n s.t tn zur hdn-Pflanze würde sich auf den aktuellen Gau, d.h. den 3. unterägyptischen Gau, beziehen.
Schließlich wird die Pflanze v.a. in ptolemäischen Texten mehrfach inner- und außerhalb des Götterepithetons nb-hdn für Thot erwähnt, s. dazu im Folgenden.
H. Brugsch, Hieroglyphisch-demotisches Wörterbuch. Enthaltend in wissenschaftlicher Anordnung und Folge den Wortschatz der heiligen- und der Volks-Sprache und -Schrift der alten Ägypter. Nebst deren Erklärung der einzelnen Stämme und der davon abgeleiteten Formen unter Hinweis auf ihre Verwandtschaft mit den entsprechenden Wörtern des Koptischen und der semitischen Idiome. Bd. VI (Leipzig 1881), 768–771 erwägt eine Verbindung des Pflanzennamens mit koptisch (ϩ)ⲁϭⲓⲛ, der Gartenminze. (Diese Verbindung zu einer aromatischen Pflanze zieht er bemerkenswerterweise ohne Verweis auf die Pyramidentexte als einzige Belege, wo die Geruchswirkung der Pflanze angesprochen wird; diese Textgattung wurde erst im selben Jahr wie dieser Band von Brugschs Wörterbuch publiziert.) Brugschs Etymologie kann allerdings als überholt gelten, denn J. Černý, Coptic Etymological Dictionary (Cambridge 1976), 307 und W. Vycichl, Dictionnaire étymologique de la langue copte (Leuven 1983), 321 verbinden das koptische Wort mit ḥkn.w, einem der sieben heiligen Öle – Černý verbindet sie direkt miteinander, Vycichl führt beide Wörter vorsichtiger auf dieselbe Wurzel zurück.

Zur Identifizierung der Pflanze sind verschiedene Vorschläge gemacht worden:
1) Unbekannt/Offen
2) Papyrus
3) Schilfrohr (Phragmites communis)
4) Ceruana pratensis
5) Eine Pflanze aus der Gattung Bupleurum (Hasenohren).

1) L. Stern, Glossarium, in: G. Ebers (Hrsg.), Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die Arzeneimittel der alten Ägypter in hieratischer Schrift. Vol. 2 (Leipzig 1875), 14a hat keinen Vorschlag, sondern belässt es bei einem allgemeinen „n[omen] herbae“. Auch B. Ebbell, The Papyrus Ebers. The Greatest Egyptian Medical Document (Copenhagen/London 1937), 68 unterlässt eine Identifizierung und schreibt nur „hdn“.
E. Hornung, Das Buch der Anbetung des Re im Westen (Sonnenlitanei). Nach den Versionen des Neuen Reiches. Teil 2. Übersetzung und Kommentar, Aegyptiaca Helvetica 3 (Genève 1976) scheint ebenfalls skeptisch zu sein, ob sich die Pflanze identifizieren lässt. Die schon von Brugsch angeführte Passage aus der Sonnenlitanei übersetzt er (S. 83, Vers 178–179) mit: „Sia ist es, der in meinem Schutz ist, der das hedjen-Kraut wachsen läßt, so daß ich nicht unwissend bin.“ In der zugehörigen Anm. 405 auf S. 137 verweist er auch auf Thot als Herrn der hdn-Pflanze und die mögliche Herkunft aus Nubien (s. dazu oben) und sieht daher hierin ein „Märchenkraut (...), das Wissen und Einsicht verleiht“.
R. Germer, Untersuchung über Arzneimittelpflanzen im Alten Ägypten. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg (Hamburg 1979), 371 erwähnt es nur in der Liste äußerlich verwendeter Heilmittel, ohne eine Deutung anzubieten.
2) Auch wenn Brugsch den Pflanzennamen provisorisch mit (ϩ)ⲁϭⲓⲛ verbindet, bedeutet er doch ihm zufolge im Ritualteil jn.t-rd „sicherlich etwas anderes“: Da beim jn.t-rd auch vom Verschließen der Tür die Rede ist, vermutet er, dass hdn einen Teil der Verriegelung bildet. Ferner führt er eine Darstellung auf dem Pylon des Chons-Tempels von Karnak an (d.h. eigentlich dem Euergetestor, vgl. M.-T. Derchain-Urtel, Thot à travers ses épithètes dans les scènes d’offrandes des temples d’époque gréco-romaine, Rites égyptiens 3 (Bruxelles 1981), 120), wo dem Chons eine Schreibtafel überreicht wird. In der Beischrift ist u.a. davon die Rede, dass die Faust des Chons eine hdn-Pflanze fasst, was nach Brugsch darauf hindeute, dass sie ein Teil der Schreibutensilien sei. Schließlich würde in der Sonnenlitanei die hdn-Pflanze in Zusammenhang mit den Vergöttlichungen Hu („Ausspruch“) und Sia („Erkenntnis“) gebracht (s. DZA 26.411.040 und 26.411.050 und oben Nr. 1); und diese stehen wiederum auf dem Pylon des Chons-Tempels „im Zusammenhang mit der Schrift“. Aus diesen drei Faktoren zieht Brugsch den Schluss, dass hdn „eine besondere Benennung des Papyrus“ sei, und konkret einen Papyrusstreifen zum Schließen der Tür beim jn.t-rd meine und Papyrusblätter als Beschreibmaterial bei Chons; die Erzeugung von Papyrus bilde schließlich die Grundlage für die „Erkenntnis“. Auf ihn bezieht sich A. Moret, Le rituel du culte divin journalier en Égypte. D’après les papyrus de Berlin et les textes du temple de Séti Ier, à Abydos, Annales du Musée Guimet, Bibliothèque d’études 14 (Paris 1902), 103, Anm. 2, wenn er die Pflanze mit „papyrus“ übersetzt; und vermutlich gehen auch – vielleicht direkt, vielleicht auch indirekt über Moret – G. Daressy, Une inscription d’Achmoun et la géographie du nome libyque, in: Annales du service des antiquités de l'Égypte  16, 1916, 223, 226 und 239 („papyrus“ bezüglich der Opferliste) und H. Joachim, Papyros Ebers. Das älteste Buch über Heilkunde (Berlin 1890), 83 („Papyruspflanze“ bezüglich des pEbers) zurück.
3) Ähnlich zu Brugschs Ausführungen, wenn auch viel kürzer, ist die Erklärung von P. Boylan, Thoth, the Hermes of Egypt. A Study of Some Aspects of Theological Thought in Ancient Egypt (London 1922), 213. Er verweist auf eine Opferszene aus Edfu, in der Thot eine jr-sḏm-Palette (zu ihr s. die kurzen Bemerkungen von M.-T. Derchain-Urtel, Thot à travers ses épithètes dans les scènes d’offrandes des temples d’époque gréco-romaine, Rites égyptiens 3 (Bruxelles 1981), 147a, Anm. 3, die alternativ die Lesung mꜣꜣ-sḏm für möglich hält, und E. Brunner-Traut, Der Sehgott und der Hörgott in Literatur und Theologie, in: J. Assmann – E. Feucht – R. Grieshammer (Hrsg.), Fragen an die altägyptische Literatur. Studien zum Gedenken an Eberhard Otto (Wiesbaden 1977), 137 sowie S. Cauville, À propos des désignations de la palette de scribe, in: Revue d'Égyptologie 38, 1987, 186, laut denen hiermit das Epitheton des Thot als Jr-Sḏm: „Seh- und Hörgott“ vorliegt, das antonomastisch auf die Schreibpalette übertragen wurde) und eine hdn-Pflanze ergreift. Diese Kombination von jr-sḏm und hdn und der Umstand, dass Thot in einer vergleichbaren Szene die ꜥr-Binse erhält, nimmt Boylan zum Anlass, in hdn den Kalamos zu sehen (warum es nicht auch die Binse sein könnte, schreibt er nicht). Das Epitheton nb-hdn, das Thot in ptolemäischer Zeit trägt, wäre laut Boylan demzufolge als „Lord of the calamus“ zu verstehen. Als „reed brush for writing“ ist hdn dann auch bei P. Wilson, A Ptolemaic Lexikon. A Lexicographical Study of the Texts in the Temple of Edfu, Orientalia Lovaniensia Analecta 78 (Leuven 1997), 609 eingetragen.
M.-T. Derchain-Urtel, Thot à travers ses épithètes dans les scènes d’offrandes des temples d’époque gréco-romaine, Rites égyptiens 3 (Bruxelles 1981), 110–126 diskutiert die Bedeutung des Epithetons nb-hdn: „Herr der hdn-Pflanze“, das Thot in ptolemäischen Texten trägt, und in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung von hdn. Sie ist, wie Boylan (vielleicht auf ihn zurückgehend?), der Ansicht, das hdn das Schilfrohr, Phragmites Communis, und damit den Kalamos bezeichne. In der Benennung des Thot als „Herr der hdn-Pflanze“ spiegele sich der Wechsel der ägyptischen Schreiber von der Schreibbinse hin zum Kalamos. Das Fehlen des Wortes hdn in Opferszenen, in denen dem Thot Schreibutensilien dargebracht würden, erklärt sie damit, dass für Opfergaben „instruments traditionels“ reserviert seien und daher dort das Wort ꜥr: „Binse“ vorherrscht (S. 117). Eine wesentliche Bestätigung der Identifizierung mit dem Schilfrohr sieht sie in einem Besen aus Schilf, den W. M. Flinders Petrie, Objects of Daily Use. With over 1800 Figures from University College, London, British School of Archaeology in Egypt and Egyptian Research Account [42] (London 1927), 49 und Taf. 42, Nr. 178 publiziert, und in dem sie einen Besen von derselben Machart vermutet, wie er im jn.t-rd-Ritual verwendet würde. (NB: Die Skepsis von H. H. Nelson, The Rite of „Bringing the Foot“ as Portrayed in Temple Reliefs, in: The Journal of Egyptian Archaeology 35, 1949, 84, dass der hdn-Gegenstand bei diesem Ritual nur bei einer einzigen Darstellung den Boden berühre und es daher unklar sei, ob überhaupt ein Kehren damit ausgedrückt würde, ist vielleicht etwas zu pessimistisch: vgl. die oben genannten Darstellungen bei El-Shohoumi.) Unter den verschiedenen Klassifikatoren, mit denen hdn inner- und außerhalb dieses Epithetons geschrieben werden kann, findet sich schließlich nach Derchain-Urtel (S. 116) auch einer, der ein „dessin exact“ von Arundo Donax L. sei, dem Pfahlrohr „de l’espèce phragmites communis“ (S. 122). Allerdings ist es zweifelhaft, ob Arundo Donax überhaupt vor dem Neuen Reich bekannt war, s. R. Germer, Flora des pharaonischen Ägypten, Deutsches Archäologisches Institut. Abteilung Kairo. Sonderschrift 14 (Mainz 1985), 203–204 mit Literatur. Tatsächlich auf eine Rohrpflanze könnte immerhin die von Derchain-Urtel nicht weiter diskutierte Klassifizierung mit dem knöchernen Harpunenkopf T19 hinweisen, die laut R. Germer, Untersuchung über Arzneimittelpflanzen im Alten Ägypten. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg (Hamburg 1979), 188 generell auf Rohrpflanzen hindeuten kann; gleiches gilt vielleicht für den Baumklassifikator, der zumindest auch für das nbj.t-Rohr belegt ist, s. R. Germer, Untersuchung über Arzneimittelpflanzen im Alten Ägypten. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg (Hamburg 1979), 192. Ob auch der Holzklassifikator hierzu passt, bliebe zu überprüfen. Ferner bliebe zu diskutieren, wieso Thot schon in der Chronik des Prinzen Osorkon einmal als nb-hdn bezeichnet wird – die Vermutung, dass die Verwendung dieses Epithetons in ptolemäischer Zeit durch den Wechsel der ägyptischen Schreiber von der Binse zu Kalamos bedingt sei, kann für diesen frühen Text jedenfalls nicht geltend gemacht werden. R. A. Caminos, The Chronicle of Prince Osorkon, Analecta Orientalia 37 (Roma 1958), 44, Anm. m steht der Übersetzung von hdn als Kalamos skeptisch gegenüber.
In der Droge dp.t hdn des Rezeptes Eb 337 vermutet sie schließlich (S. 114) eher die „partie ‚excellente‘“ als einen oberen Teil (s. oben); und weil in der ägyptischen Medizin das Rhizom des Schilfrohrs verwendet würde (vgl. M.-T. Derchain-Urtel, Thot à travers ses épithètes dans les scènes d’offrandes des temples d’époque gréco-romaine, Rites égyptiens 3 (Bruxelles 1981), 111 mit Verweis auf V. Täckholm – G. Täckholm, Flora of Egypt. Vo. I. Pterydophyta, Gymnospermae and Angiospermae, part Monocotyledones: Typhaceae-Gramineae, Bulletin of the Faculty of Science, Cairo University 17 (Cairo 1941 [= 1973]), 206ff. und 213 [non vidi]), vermutet sie im dp.t hdn, dem *„besten Teil der hdn-Pflanze“, eben das Rhizom des Schilfrohrs.
4) V. Täckholm, Flora, in: W. Helck – W. Westendorf (Hrsg.), Lexikon der Ägyptologie II. Erntefest-Hordjedef (Wiesbaden 1977), 273 sieht hierin etwas apodiktisch Ceruana pratensis, dieselbe Pflanze, aus der die zur Bestattung verwendeten geflochtenen Särge seien (s. L. Keimer, Ceruana pratensis Forsk. dans l’Égypte ancienne et moderne, Annales du Service des Antiquités de l’Égypte 32 (Le Caire 1932), 32 und Taf. 3–4). Das wird abgelehnt von J.-C. Goyon, Une identification possible de la plante hdn des anciens Égyptiens, in: F. Junge (Hrsg.), Studien zu Sprache und Religion Ägyptens. Zu Ehren von Wolfhart Westendorf überreicht von seinen Freunden and Schülern. Bd. 1. Sprache 1 (Göttingen 1984), 241–242, weil diese Pflanze weder in der Antike noch in der Moderne medizinisch verwendet würde und auch keinen bemerkenswerten Geruch habe.
5) J.-C. Goyon, Une identification possible de la plante hdn des anciens Égyptiens, in: F. Junge (Hrsg.), Studien zu Sprache und Religion Ägyptens. Zu Ehren von Wolfhart Westendorf überreicht von seinen Freunden and Schülern. Bd. 1. Sprache 1 (Göttingen 1984), 243–244 steht Derchain-Urtels Argumenten skeptisch gegenüber. Die Parallelisierung der Wörter hdn und ꜥr in ptolemäischen Inschriften besage ihm zufolge nicht, dass ersteres ebenfalls ein Schreibgerät sei. Das Tertium comparationis zu Thot sei nicht die Schreibkunst, sondern „l’idée de connaissance“, da in der Sonnenlitanei hdn mit der „Erkenntnis“ (sjꜣ) verbunden werde. Es sei also eine „plante du savoir“. Nach den Sargtexten wachse die Pflanze am Ufer, also zumindest in Feuchtgebieten, und sie sei nach der spätzeitlichen Opferliste in Ägypten heimisch (s. oben). Das Rezept des pEbers bzw. konkret der Teil mit der hdn-Pflanze sei ihm zufolge (S. 247–248) dazu gedacht, den Augendruck zu erhalten oder wiederherzustellen, wozu im Altertum Augenbäder verwendet wurden. Dazu würden beruhigende und/oder adstringierende Ingredienzien verwendet, und letzteres Kriterium würde auf die Ingredienzien zutreffen, die zusammen mit hdn verwendet wurden. Vergleiche man diese Ingredienzien mit denen des „arsenal de la pharmacopée copte“, würde man sehen, dass dort Doldenblütler verwendet würden, so dass man für hdn annehmen könne, dass es ebenfalls ein Doldenblütengewächs sei. Das dp.t des pEbers sei eine solche Dolde, die reich an Alkaloiden sei. Zu dieser These passe auch, dass alle Doldenblütengewächse einen aromatischen Duft abgeben würden. Für die genaue Identifizierung von hdn käme ferner hinzu, dass die Pflanze heimisch in Ägypten sein muss (vgl. die Opferliste) und dass sie in irgendeiner Weise zu Besen verarbeitet werden kann (jn.t–rd-Ritual). Diese Kriterien treffen gut auf die Pflanzengattung Bupleurum, Hasenohren, zu, von der Bupleurum Falcatum und Bupleurum Rotundifolium heute wegen der adstringierenden Wirkung verwendet werden, und aus Bupleurum Rigidum L. würden auch Besen hergestellt werden. Dazu, v.a. zu letzterem Kriterium, verweist Goyon auf H. Wolff, Umbelliferae-Apioideae-Bupleurum, Trinia et reliquae Ammineae heteroclitae, Das Pflanzenreich. Regni vegetabilis conspectus IV.228, Heft 43 (Leipzig 1910), 24 und 152–153; einschränkend ist zu bemerken, dass sich laut ebd., 154 der Hinweis auf die Herstellung von Besen auf Aragon, also (das neuzeitliche?) Spanien, bezieht.
Auch Goyon bespricht nicht die Belege mit Holz- und Baumklassifikator, die gegen Bupleurum noch mehr sprechen als gegen Schilfrohr; ferner zitiert er zwar den Beleg von pTurin CGT 54003, berücksichtigt in seiner Argumentation aber nicht den Umstand, dass das hdn wꜣḏ den Hirten sticht: Es wird dort als Subjekt des Verbs tbs verwendet, das zwar bislang nur drei Belege hat, die aber in allen drei Fälle in Kollokation mit sr.t, dem „Dorn, Stachel“ stehen, so dass tbs wohl „stechen“ meint – das koptische Derivat ist ⲧⲱⲃⲥ: „stechen > aufstacheln“ (TLA Lemma Nr. C4127 (ⲧⲱⲃⲥ), in: Coptic Dictionary Online, ed. by the Koptische/Coptic Electronic Language and Literature International Alliance (KELLIA) (letzter Zugriff 2020-02-05)).
R. Germer, Handbuch der altägyptischen Heilpflanzen, Philippika 21 (Wiesbaden 2008), 93 lässt zwar die Bedeutung offen, zitiert aber als einzigen Deutungsversuch den von Goyon, den sie auch nicht ablehnt.
4 nꜣy.t: Eine unbekannte Pflanzenbezeichnung, die bislang nur aus den Pyramidentexten (inklusive spätzeitlicher Zitate) und pTurin CGT 54003 bekannt ist. Als einziges Kriterium ist bekannt, dass sich darin Schlangen aufhalten; darauf wird der Übersetzungsvorschlag als Kollektivum („Gestrüpp“, R. Hannig, Die Sprache der Pharaonen. Großes Handwörterbuch Ägyptisch – Deutsch (2800–950 v. Chr.) – Marburger Edition –, Kulturgeschichte der Antiken Welt 64, 4. Auflage (Mainz am Rhein 2006),  413, Nr. {14833}) basieren.
5 jni̯.n Mnj.w ngꜣ.w=f tbs.n sw hḏn wꜣḏ: Es ist nicht eindeutig, ob Haupt- oder Nebensätze vorliegen. Unabhängig von dieser syntaktischen Diskussion stellt sich auch die Frage nach dem Inhalt dieser Aussage. Den Hirten, der hier mit Götterklassifikator geschrieben ist, identifiziert Roccati, a.a.O., 35, Anm. b mit dem Gott Min. Olette-Pelletier, a.a.O., 61, Anm. 14 verweist auf C. Leitz (Hrsg.), Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. III. p-nbw, Orientalia Lovaniensia Analecta 112 (Leuven 2002) 296c(–297a) und dass nach den dortigen Belegen der göttliche Hirte auch mit Mechenti-irti assoziiert wurde. Diese Gottheit, deren Augen Sonne und Mond waren, konnte Augenkrankheiten heilen und wurde später mit Horus identifiziert; daher möchte Olette-Pelletier in dem göttlichen Hirten eher eine Anspielung auf Horus sehen. In jedem Fall steht wohl zu vermuten, dass mit diesen (Neben)sätzen eine Anspielung auf einen mythischen Präzedenzfall, eine Historiola, vorliegt.
6 km.t und bꜣẖ.t beziehen sich auf das Schwarze und Weiße der Augen, also den Irisbereich und die sichtbaren Teile der Sklera.
7 ḥnbꜣbꜣ: Mit laufenden Beinchen klassifiziert; ein Hapax legomenon. Aufgrund des Parallelismus zum vorigen Satz kann man annehmen, dass es etwas Ähnliches wie hꜣi̯: „hinabsteigen, fallen“ bedeutet oder etwas dazu Gegenteiliges. Roccati 1970, 34 und 35, Anm. e stellt mögliche Kognaten vor, von denen ḥbrbr: „auf dem Boden rutschen“ (Wb 3, 64.1) = ϩⲃⲟⲣⲃⲣ: „niederwerfen, herabwerfen; herabsteigen“ (W. Westendorf, Koptisches Handwörterbuch, 2. Auflage (Heidelberg 2008) 355) dem Kontext nach am besten passt. Außerdem führt er eine Schlangenbezeichnung ḥnbꜣꜣ aus den Sargtexten an (s. R. van der Molen, A Hieroglyphic Dictionary of Egyptian Coffin Texts, Probleme der Ägyptologie 15 (Leiden 2000), 338), die er mit „strisciante“ übersetzt. W. A. Ward, The Four Egyptian Homographic Roots B-. Etymological and Egypto-Semitic Studies, Studia Pohl. Series Maior 6 (Rome 1978), 29, § 46 folgt ihm darin, empfindet aber aufgrund der Schlangenbezeichnung eine Übersetzung „to wriggle“ noch passender. Eine solche Bedeutung würde auch gut zu der von Gräßler 2017, 90 vermuteten Assoziation der tḫn-Verletzung mit einer Schlange passen.
Olette-Pelletier 2016, 61 mit Anm. 17 verknüpft das Verb dagegen mit dem Wort ḥnbꜣbꜣ des pEbers in der Bedeutung „kugelig“ von H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Zweite Hälfte (h-), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.2 (Berlin 1962), 607 (auch W. A. Ward, The Four Egyptian Homographic Roots B-. Etymological and Egypto-Semitic Studies, Studia Pohl. Series Maior 6 (Rome 1978), 29–31 bringt beide Wörter zusammen, will aber das Lemma des pEbers eher mit „throb“ übersetzen). Außerdem übersieht Olette-Pelletier das m am Ende von Kolumne 12 und übersetzt die beiden m vor ḥnbꜣbꜣ und vor ḫbꜣ als Präpositionen: „Application sur la partie noire (de l’œil) en massant sur le blanc (de l’œil) et en détruisant les furoncles établis.“ Die Verbindung m ḥnbꜣbꜣ entspricht hier dem „en massant“, „Littéralement ‚en frottant de manière sphériques (?)‘“. Diese Übersetzung ist aus mehreren Gründen nicht möglich: (1) In seiner Übersetzung fehlt eben das m vom Ende von Kolumne 12. (2) Das Verb hꜣi̯ hat nicht die medizinische Bedeutung *„appliquer“, diese wird gewöhnlich von rḏi̯ übernommen. (3) ḥnbꜣbꜣ ist kein Aktionsverb; die laufenden Beinchen klassifizieren keine Aktionsverben, sondern Verben der Bewegung.
8 Unklare Aussage; in pRamesseum III, Kolumne A14 steht in einem Spruch gegen Wimpern im Auge: m ḫbꜣ grg.t n sn.wt ṯ[___]: „Zerstöre nicht das Fundament (o.ä.) der Flaggenmasten(?) ...“ (vgl. W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I.36 (Leiden 1999), 155 und s. im TLA). Leider ist das unmittelbar Anschließende zerstört, so dass sich die Aussage des Satzes ebenso wenig erschließt. H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Zweite Hälfte (h-), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.2 (Berlin 1962), 922, Anm. 1 vermutet, dass grg hier eine Relativform sein könnte; dieselbe Annahme findet sich bei Roccati 1970, 35, Anm. f: m ḫbꜣ grg.t.n sn.t=ṯ: „non distruggere ciò che la tua sorella (?) ha fecondato“. Konkret bezüglich pTurin CGT 54003 verweist er auf die Erzählung vom Beredten Bauern, Version B1, Zeile (neu) 173–174 = (alt) 142–143, wo davon die Rede ist, dass zerstörte Hügel (jꜣ.wt ḫbꜣ.t) (neu) gegründet (grg) werden, und er übersetzt den Satz von pTurin CGT 54003 mit „non guastare terreni fertili“. So auch W. A. Ward, The Four Egyptian Homographic Roots B-. Etymological and Egypto-Semitic Studies, Studia Pohl. Series Maior 6 (Rome 1978), 29: „do not damage fertile land“. Gräßler 2017, 89 mit Anm. 561 empfindet dagegen die Übersetzung „fertili“ für grg als zu präzise und schlägt vor: „zerhacke nicht den gegründeten Hügel“. Weder Roccati noch Gräßler äußern sich zur Bedeutung des Satzes im gegebenen Kontext. Olette-Pelletier 2016, 61–61 vermutet in jꜣ.t eine Metapher für „furoncles“, die sich im Zusammenhang mit dem tḫn-Phänomen gebildet haben könnten, und übersetzt die Wortfolge mit „en détruisant les furoncles établis“. Prinzipiell eine interessante Idee, scheitert sie an seiner Deutung von m als Präposition. Fasst man das m, wie die vorigen, als Imperativ auf und den Satz damit als Vetitiv, erhält man ein *„Zerhacke nicht die entstandenen (< gegründeten) Furunkel!“, obwohl sicherlich genau das Gegenteil erwünscht wäre.

Spruch 11

Übersetzung und Kommentar: Lutz Popko

[waagerechte Zeile über Kolumne 15–18] Spruch zum Richten (d.h. Entfernen) einer Fischgräte:

Spruch 11a1

[Vso. 15] „Einziger: zu(?) mir, Einziger: zu(?) mir, mein Gefolgsmann(?); Einziger: zu(?) mir, Einziger: zu(?) mir!2
Das Brot ist in der Stadt, während Portionen einer Mahlzeit im Feld sind (oder: während Nahrung im ꜥb-Zustand sind und Brot-Fisch-Vögel (d.h. Speise) (???) auf dem Felde).3
Gräte(?)4, sei richtig (d.h. wo du hingehörst, also jedenfalls nicht im Hals)!“
Der (davon betroffene) Mann möge diesen Spruch ⟨über⟩ einem fqꜣ-Kuchen sprechen.
(Dieser Kuchen) werde von dem Mann verschluckt, in dessen Hals eine Fischgräte ist.

1 Die Benennung der vier Kolumnen Vso. 15–18 als ein einziger Spruch geht auf Roccati 1970 zurück und basiert wohl darauf, dass sie mit einer singularischen Überschrift überschrieben sind. Aber im Grunde sind es zwei Sprüche, die jeweils zwei Kolumnen lang sind. Das zeigt sich zum einen darin, dass jeder dieser Teilsprüche seinen eigenen Verwendungshinweis („Ein Mann möge diesen Spruch sprechen ...“) besitzt, und zum anderen darin, dass zwischen beiden Teilsprüchen, d.h. zwischen Kolumne 16 und 17, eine vertikale Kolumnentrennlinie gezogen wurde – läge hier nur ein einziger Spruch vor, wäre das der einzige des Papyrus, bei dem innerhalb des Spruches eine solche Linie gezogen wurde. Auch die singularische Überschrift spricht nicht dagegen, zwei Sprüche anzusetzen. Denn auf der Vorderseite des Papyrus dürfte sich die ebenfalls singularische Überschrift rʾ n šnꜥ.t n ḥfꜣ.w: „Spruch zum Unschädlich-Machen einer Schlange“ wohl gleichzeitig auf die beiden Sprüche 3 und 4 beziehen. Man könnte sogar überlegen, ob die Überschrift, die in beiden Fällen waagerecht über den Kolumnen steht, auch dementsprechend am Anfang beider Sprüche zu lesen ist; dieses Notationssystem würde H. Grapow, Sprachliche und schriftliche Formung ägyptischer Texte, Leipziger ägyptologische Studien 7 (Glückstadt 1936) 43, Nr. 2 entsprechen. In jedem Falle wird hier diesen Faktoren Rechnung getragen und die beiden Sprüche zusätzlich in 11a und 11b unterteilt.
2 Unklarer Satz. Roccati 1970, 36 („L’unico a me ...“) und Borghouts 1978, 23 („The Unique One belongs to me“) verstehen die Folge wꜥ.w n=j als Ausdruck der Zugehörigkeit. Es könnte aber auch ein elliptischer Hilferuf vorliegen: „Einziger, (komm) zu mir!“
3 Unklarer Satz. Roccati 1970, 36 mit Anm. b vergleicht das Ende von Kolumne 15 mit A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts III. Texts of Spells 164-267, Oriental Institute Publications 64 (Chicago 1947), 1a: jw jḫ.t[=j] m jꜥb.t r ḥw.t-nṯr: „il mio pasto è il cibo annesso ai templi“ (vgl. R. O. Faulkner, The ancient Egyptian Coffin Texts. Vol. I. Spells 1-354 (Warminster 1973), 142: „[My] portion is a meal at the temples“ und P. Barguet, Les textes des sarcophages égyptiens du Moyen Empire. Introduction et traduction, Littératures anciennes du Proche Orient 12 (Paris 1986), 376: „Les nourritures sont le repas destiné aux temples“). Mit Verweis auf diese Stelle und Wb 1, 175.19–20 (ꜥb.w-rʾ) vermutet Roccati in ꜥb.t ein Wort für Mahlzeit. Tatsächlich ist das Wort jꜥb.t in der Sargtextparallele mit den beiden Broten klassifiziert, wie sie in pTurin CGT 54003, dort zusätzlich noch mit Pluralstrichen, ebenfalls unter ꜥb.t stehen. In dem Papyrus folgen darauf noch ein Fisch, ein Vogel und nochmals Pluralstriche, was Roccati 1970, 36, Anm. d als zusätzliche Klassifikatoren von ꜥb.t interpretiert. Den fraglichen Satzteil übersetzt er: „il pasto quale pranzo (di pane e cacciagione) è nella campagna-ḏꜣ“. Dem folgt weitestgehend Borghouts 1978, 23: „⟨my⟩ portion of meals is in the field“. Auffällig ist jedoch die ungewöhnliche Schreibung von ꜥb.t: Zum einen weist sie eben doppelte Pluralstriche auf – einmal unter den Broten und ein zweites Mal nach dem Vogel – ,um anderen steht zwischen b und der t-Endung noch ein sitzender Mann mit Hand am Mund. Daher ist nicht auszuschließen, dass eigentlich ein Wort ꜥb mit sitzendem Mann mit Hand am Mund vorliegt, und das t zusammen mit den beiden folgenden Broten eigentlich das Wort : „Brot“ meint, auch wenn die Zeichenanordnung etwas anders ist als weiter oben in der Kolumne. Wenn man dann den Fisch und den Vogel logographisch liest, würde man ein Dreiergespann aus Brot, Fisch und Vögeln erhalten, die hier vielleicht meronymisch einen weiteren Ausdruck für Nahrung bilden. Insgesamt bestünde dann der Satz aus drei Teilsätzen und nicht nur aus zweien. Dieser Satz würde ferner an das Ende von Rezept Eb 205c erinnern, wo gegen eine Magenkrankheit die Drogen tʾ m ꜥwꜣ (j)ḫ.t m ꜥb tʾ m ꜣpd.w: „Brot im Fäulniszustand, etwas (d.h. Nahrung?) im ꜥb-Zustand und Brot von Vögeln“ verwendet werden. Leider sind beide Stellen inhaltlich problematisch, so dass ein Vergleich weder die eine noch die andere verständlicher macht. Aber immerhin könnte die Ebers-Stelle die hier für pTurin CGT 54003 vorgeschlagene alternative Auflösung unterstützen, weil im pEbers das Wort ꜣpd.w ausgeschrieben ist. Umgekehrt könnte man als vorsichtige Hypothese vorschlagen, dass das m vor dem ꜣpd.w in Eb 205c vielleicht nur der Rest eines unvollständig kopierten rm ist und dort eigentlich derselbe dreiteilige Ausdruck *tʾ-rm-ꜣpd.w: „Brot-Fisch-Vögel“ vorliegt.
4 ḏꜣ: Roccati 1970, 36 zieht den Feuerbohrer und komplementierenden Schmutzgeier noch zum vorigen Wort und liest ein Kompositum sḫ.t-ḏꜣ, für das er auf das sḫ.t-ḏꜣḏꜣ von A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts IV. Texts of Spells 268-354, Oriental Institute Publications 67 (Chicago 1951), 385j verweist. Den Knochen und das folgende Fleischstück liest er dann logographisch als qsn. Borghouts 1978, 23 und 102, Anm. 77 geht dagegen von einem Wort ḏꜣ: „bone“ aus; in dem Fall wäre auch der Knochen ein Klassifikator. Borghouts verweist dafür auf das klassifikatorlose ḏꜣ in ḏꜣ n ꜥd.w: „ḏꜣ der Meeräsche“ (pBerlin P 3027, Rto. 9,2–3, s. N. Yamazaki, Zaubersprüche für Mutter und Kind. Papyrus Berlin 3027, Achet B 2 (Berlin 2003), 32–33, die in ihrer Anm. u allerdings vermutet, dass hiermit der Fischkopf gemeint ist, weil zuvor vom hnn-Schädel dieses Fisches die Rede war). Wenn hier wirklich ein anderes Wort vorliegt als im Spruchtitel, dessen Bedeutung ohnehin nur geraten ist, könnte man aufgrund des Kontextes auch spekulieren, ob das Wort konkret die Bedeutung „Gräte“ oder „Fischknochen“ hat.

Spruch 11b

„Mein Weg ist der Weg des ‚Niederwerfenden‘.
Meine vortrefflichen Belohnungen sind im Feld ausgebreitet.
Gräte(?), ziehe dich selbst heraus (o.ä.)1!“
Der (davon betroffene) Mann möge diesen Spruch über einem fqꜣ-Kuchen sprechen.
(Dieser Kuchen) werde zu(?)2 einem anderen gegeben, um ihn zu verschlucken,3 wobei (man) an der Seite des (betroffenen) Mannes ist.4

1 sẖꜣ: Roccati 1970, 36 mit Anm. i vermutet eine Schreibvariante von sḫꜣ: „sich erinnern“, das er mit „ricordati“ übersetzt. Borghouts 1978, 23 vermutet „slip through“. So hat es dann D. Meeks, Année lexicographique. Égypte ancienne. Tome 2. 1978 (Paris 1981), 78.3791 übernommen („se dégager“). Der TLA sieht hierin das Wort sẖꜣ, WCN 143360 = Wb 4, 268.1.
2 ⸢⸮n?⸣: Die Interpretation der Zeichenreste ist unsicher. In den medizinischen Texten wird „Droge A zu (dem eigentlichen Medikamententräger) Droge B hinzugeben“ üblicherweise mit rḏi̯ ḥr ausgedrückt; wenn Droge A in Droge B (darunter auch fqꜣ-Kuchen) eingeschlossen werden soll, wird auch rḏi̯ m verwendet, s. H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Erste Hälfte (-r), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.1 (Berlin 1961), 546–548. Möglicherweise hat sich Roccati 1970, Falttafel und 36 mit Anm. l davon leiten lassen, als er eine Ergänzung zu m vorschlug. Vermutlich hat er den schrägen Strich links von der Abbruchkante als hinteres Ohr der Eule interpretiert. Angesichts der Formen der hieratischen Eule im Mittelhieratischen allgemein und im vorliegenden Text speziell wäre dann aber zu erwarten, dass darunter noch der Rest des Hinterteils der Eule erhalten wäre, vgl. allein die Form der Eule drei Schreibquadrate weiter unten. Außerdem ist auf den Papyrusfasern, die in die Mitte der Zerstörung hineinragen, noch ein Tintenrest erhalten, der wie eine Verlängerung dieser schrägen Linie links der Zerstörung wirkt, und die ebenso wenig zu einer hieratischen Eule passt. Ein hieratisches ḥr passt allerdings noch weniger. Sollte in der Lücke daher vielleicht eher ein etwas schräg geratenes n gestanden haben? Die Zeichendisposition wäre ungewöhnlich, aber der Papyrus zeigt auch an anderen Stellen ein wenig elegantes Schriftbild. Auch die Kollokation rḏi̯ n ist belegt, s. H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Erste Hälfte (-r), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.1 (Berlin 1961), 547–548, allerdings nur dann, wenn auf das n ein Suffixpronomen folgt. Dieser Alternativvorschlag ist also ebenfalls spekulativ.
3 r ꜥm=f: Der Grund, warum die Applikation als Finalis angehängt wird und keine der üblichen Formeln verwendet wird, wie etwa ꜥm jn s: „werde verschluckt von dem (betroffenen) Mann“, wie im vorigen Teilspruch, ist unklar. In den medizinischen Texten des Neuen Reiches wird das Kausativum sꜥm: „schlucken lassen; (vielleicht besser:) schluckbar machen“ gern benutzt, wenn ein offenbar schlecht schmeckendes Medikament mithilfe eines angenehmeren Hilfsmittels, wie süßem Bier, Wein oder Milch, hinuntergespült werden soll (H. von Deines – W. Westendorf, Wörterbuch der medizinischen Texte. Zweite Hälfte (h-), Grundriß der Medizin der alten Ägypter VII.2 (Berlin 1962), 718–719). Ob in pTurin CGT 54003 das Simplex ꜥm demselben Konzept dienen soll, indem ein schlecht schmeckendes Medikament, in dem Fall der besprochene und magisch aufgeladene Kuchen, durch einen besser schmeckenden, quasi „unbehandelten“, Kuchen „versüßt“ werden soll?
4 Bemerkenswert ist die ungewöhnliche explizite Erwähnung einer Hilfestellung durch eine zweite Person. Es bleibt zwar offen, wie diese Art der Hilfestellung aussieht, aber allein, dass offenbar jemand neben dem Patienten stehen soll, deutet eine Hilfestellung an.

Spruch 12

Übersetzung und Kommentar: Lutz Popko

Komm(t) du doch zu mir, meine Mutter Isis, meine Tante1 Nephthys!
Siehe, meine Körperseite (oder: Schulter)2 schmerzt doch, meine Körperseite (oder: Schulter)2 [Vso. 20] zittert!
Meine beiden Arme sind ...(?).
Meine Finger hören nicht auf mich; (ich) kann keinen Stock ergreifen.
[---]3, mein Sohn Horus!
Ich habe mit deinem Onkel Seth gekämpft, der mit ihm ge[___] hatte (?)4 vor/auf/in(?) dem oberen [---] und dem Feld der Unut (???).5
Dass du existiertest, ist, indem du nicht übersetzt seinen [---] (?).
Du sollst mich retten vor seiner Kraft, denn was diese meine Körperseite (oder: Schulter) angeht, das ist (der Gott) Herischef!
Werde gegeben hin zu/durch(???) [---], denn was diese meine Körperseite (oder: Schulter) angeht: das ist (die Göttin) Uto!
[---]-Flüssigkeit (???) für die (?) Götter, hinter/um herum (?)6 [---] [Vso. 25] der Isis7 [---] an jenem Tag, da die Götter kämpfen auf/bei [---]
[---]8

1 sn.t: Roccati 1970, 37 übersetzt mit „sorella“. Wenn hier der Redner aber Isis als seine Mutter anruft, dann identifiziert er sich mit Horus, und das macht ihn zum Neffen der Nephthys und nicht zu deren Bruder. Das Wort sn.t kann nicht nur die Schwester bezeichnen, sondern auch die Tante, s. D. Franke, Altägyptische Verwandtschaftsbezeichnungen im Mittleren Reich, Hamburger Ägyptologische Studien 3 (Hamburg 1983), 73 und 162, und entsprechend sollte auch übersetzt werden.
2 šw und šw.t sind logographisch mit der Feder, Gardiner Sign-list H6A, im Fall von šw.t dem t, sowie einem Fleischstück geschrieben. Roccati 1970, 37 liest und übersetzt die Begriffe eben als šw und šw.t: „parte (maschio)“ und „parte (femmina)“ (gefolgt von J. F. Borghouts, The Magical Texts of Papyrus Leiden I 348 (Leiden 1971), 92, Anm. 155). Er sieht hierin also die „Körperseite“, Wb 4, 425.16–426.3. Dieses Wort ist bislang nur feminin belegt; im Sinne des Dualitätsprinzips, nach dem in magischen Kontexten oft männliche und weibliche Entitäten angerufen werden, wäre dann hier ad hoc ein maskulines Gegenstück gebildet worden.
Bei den ebenfalls logographisch mit H6A geschriebenen Gottheiten in Kolumne Vso. 7–8 hat Roccati 1970, 33, Anm. m allerdings, unter Verweis auf Wb 5, 19 und A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts II. Texts of Spells 76-163, Oriental Institute Publications 49 (Chicago 1938), 314a und 315a, eine Alternativlesung qꜥḥ und qꜥḥ.t erwogen (wenn auch letztlich nicht übernommen). Tatsächlich ist bei den angegebenen Sargtextstellen H6A (oder ein homographes Hieratogramm?) sowohl als Klassifikator(?) als auch als Logogramm für qꜥḥ zu finden – die Pleneschreibung sichert die Lesung ab, und das Zeichen kommt in den Sargtexten auch sonst bei dieser Wortfamilie vor, vgl. R. van der Molen, A Hieroglyphic Dictionary of Egyptian Coffin Texts, Probleme der Ägyptologie 15 (Leiden 2000), 649. Während bei den beiden Götternamen die Lesung qꜥḥ unwahrscheinlich ist, weil es solche Götternamen nicht gibt, ist im vorliegenden Satz eine solche Lesung durchaus denkbar. Dann würde der vorliegende Spruch bei Schmerzen in den Armen helfen und nicht bei Schmerzen in den Körperseiten. Eine Lesung qꜥḥ und qꜥḥ.t hätte im Gegensatz zur Lesung šw und šw.t auch den zusätzlichen Vorteil, dass es neben der normalen Form qꜥḥ auch eine feminine Form qꜥḥ.t gibt: Wb 5, 19.15; dort nur mit einem einzigen Beleg (immerhin aus dem Mittleren Reich!), aber dem könnten vielleicht auch die neuägyptischen Belege hinzugefügt werden, die Wb 5, 19 als falsche neuägyptische Schreibungen dem maskulinen qꜥḥ hinzugefügt hat. Zur Lesung qꜥḥ passt letztlich auch die folgende Nennung der Arme und Finger.
3 Vom letzten Wort von Kolumne 20 sind nur Zeichenreste erhalten: Eine waagerechte Linie; ein senkrechter, leicht schräger Zeichenrest und ein hakenförmiger, waagerecht nach rechts gehender Zeichenrest, die zusammen vielleicht das Hieratogramm eines Vogels bilden könnten; und abschließend ein Zeichen, das Roccati 1970 auf der Falttafel als Arm mit Spitzbrot transliteriert, dessen Linienführung aber von anderen Armen mit Spitzbrot (s. die Paläographie bei Roccati 1970, 48) abweicht.
Aufgrund dieser Unsicherheit ist unklar, ob dieses Wort zum letzten Satz von Kolumne 20 gehört oder den ersten Satz von Kolumne 21 beginnt. Roccati 1970, 37 tendiert in seiner Übersetzung zu Ersterem, gibt aber weder einen Transkriptions- noch Übersetzungsvorschlag, sondern setzt nur drei Punkte.
4 pꜣ: Erhalten sind ein kleines p (allerdings ohne waagerechte Linie unten) sowie der Rest des auffliegenden oder landenden Vogels (Gardiner Sign-list G40/41). Danach folgt eine Lücke von etwa zwei Quadraten, dann eine waagerechte Linie, die vielleicht ein n ist, und dann der schlagende Mann. Roccati 1970, 37 schlägt vorsichtig vor: „che è stato giudicato (?)“. Angesichts des sprachlichen Zustandes des Papyrus wird es kaum der Artikel pꜣ sein, sondern wohl eher das Verb pꜣu̯: „etwas getan haben“. Dieses wird im Mittelägyptischen gewöhnlich mit zusätzlichem, komplementierenden Schmutzgeier geschrieben; doch ob dieser neben oder unter G40/41 gestanden hat, kann aufgrund der Zerstörung nicht gesagt werden. Ein Rückschluss auf die Länge des anschließenden Worts ist also nicht möglich.
5 [___].w-ḥr.t sḫ.t-Wnw.t: Syntaktischer Anschluss, Ergänzung der Präposition und Übersetzung sind rein geraten; Roccati 1970, 37 bietet keinen Vorschlag. Liegen zwei mythische Schauplätze des Kampfes zwischen Horus und Seth vor?
6 Die Syntax ist unklar. Vom ersten Wort ist nur eine schräge Linie an der Abbruchkante des Papyrus erhalten. Die ersten Zeichen nach der Lücke sind die drei Wasserlinien, gefolgt von n nṯr.w. Falls nach dem Namen der Uto eine Satzgrenze liegt, dürfte das erste Wort des neuen Satzes ein Verb sein, so dass sich etwa die Aussage: „Flüssigkeit [x] [werde] den Göttern [gespendet]“ ergäbe. Welche Flüssigkeit gemeint ist, bliebe zu klären. Am nächsten liegt Wasser als die häufigste Flüssigkeit, die gespendet wird. Das hätte außerdem den Vorteil, dass mw: „Wasser“ in der Regel logographisch geschrieben wird, so auch hier im Papyrus. Mit den erhaltenen drei Wasserlinien wäre die Schreibung also bereits vollständig, und man könnte die ganze Länge der Lücke für das Verb veranschlagen. Der Kontext lässt jedoch daran zweifeln, dass plötzlich von Wasserspenden an Götter die Rede ist. Als weitere Möglichkeit ist ein Wunsch denkbar, vielleicht vergleichbar zu A. de Buck, The Egyptian Coffin Texts IV. Texts of Spells 268-354, Oriental Institute Publications 67 (Chicago 1951), 107a, wo der Verstorbene, mit Horus identifiziert, sagt: ḥtp.t ḥꜣ=j m ꜣḫ.t nsb(.t) m(w)t m(w)t.t nb: „Opferspeisen sind um mich herum durch/als(?) das Glanzauge (des Horus), das jeden (Un-)Toten und (Un-)Tote aufleckt“. Während R. K. Ritner, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice, Studies in Ancient Oriental Civilization 54, 4. Auflage (Chicago 2008), 98 diese Stelle als Beleg für „hostile licking (...) as a threat to the deceased“ auffasst (ähnlich wohl J. Zandee, Death as an Enemy According to Ancient Egyptian Conceptions, Studies in the History of Religions 5 (Leiden 1960), 137), scheint das aus Perspektive des Horus ein positiver Vorgang zu sein. Könnte die vorliegende Stelle in pTurin CGT 54003 einen ähnlichen Wunsch haben, dass nämlich ‚Wasser(?)spenden für die Götter um ihn herum‘ sind und er dadurch vor negativen Einflüssen geschützt ist?
7 n.t Ꜣs.t steht auf einem kleinen Fragment, das kopfüber auf der Falttafel von Roccati 1970 in der unteren linken Ecke des Fotos vom Verso (d.h. in der alten Verglasung?) platziert war. Roccati hat dieses Fragment dem Recto zugeordnet, s. die hieroglyphische Transliteration des Rectos auf derselben Falttafel, dort oben rechts als Beginn der ersten (erhaltenen Kolumne), und vgl. seine Transkription und Übersetzung auf Seite 23 (gefolgt von K. Stegbauer, Magie als Waffe gegen Schlangen in der ägyptischen Bronzezeit (Borsdorf 2015), 189). Eine Begründung für diese Platzierung des Fragments gibt Roccati nicht; er schreibt nur in Anm. e zum Recto der Falttafel: „posizione ipotetica“.
In der aktuellen Verglasung ist das Fragment an derselben Stelle positioniert, wie Roccati erwägt. Allerdings ist die Seite mit den Worten n.t Ꜣs.t wieder – bzw. immer noch, wie auf dem alten Foto – dem Verso zugeordnet. Außerdem ist das Fragment nun direkt an den Papyrus angepasst, wohingegen Roccatis nur hieroglyphisch umgesetzter Vorschlag zur Folge hätte, dass zwischen dem Fragment und dem Hauptstück des Papyrus noch eine Lücke von der Breite einer Kolumne (nämlich Rto. 2) war. Auf dem aktuellen Turiner Foto scheinen sowohl Faserverlauf wie Farbverlauf des Papyrus die aktuelle Montage zu bestätigen, und die Bruchkanten passen direkt aneinander. Gegen einen direkten Join spricht allerdings Folgendes: Das erste Zeichen von Rto. 3 ist der hieratische Dechsel, dessen rechter Abstrich über die Abbruchkante hinausgeht. Wenn das kleine Fragment direkt an das Hauptfragment anpasst, müsste eigentlich an dessen linker Abbruchkante = der Kante zum Hauptfragment der Rest des Abstriches vom Dechsel erhalten sein. Das ist allerdings nicht der Fall, und zumindest auf dem Foto sieht es nicht so aus, als wäre die Papyrusoberfläche an dieser Stelle abgerieben. Daher wäre die Platzierung des Fragments erneut am Original zu prüfen.
8 Der Zwischenraum zwischen Kolumne 25 und 26 ist etwas größer als die vorigen (s. schon Roccati 1970, Falttafel, Anm. g zum Verso). Aber das impliziert nicht, dass damit ein neuer Textabschnitt begann, vgl. bspw. den größeren Zwischenraum zwischen den fortlaufenden Kolumnen Vso. 6 und 7.