science in ancient egypt

 

Technical Data

Name of Text
Papyrus Kahun London UC 32271B
Present Location
GB, London, University College, Petrie Museum of Egyptian Archaeology
Acquisition and Previous Ownership

Der Papyrus stammt aus den Ausgrabungen W. M. F. Petries in Illahun und befindet sich deshalb seit 1890 in dem nach ihm benannten Museum in London.

Provenance
Unterägypten, Illahun

Die Papyrusfragmente wurden während der Ausgrabungen der Arbeiter- und Priestersiedlung von El-Lahun (auch: Illahun) bei der Pyramide Sesostris' II. durch W. M. F. Petrie entdeckt (Collier – Quirke 2002, v–ix). Petrie nannte die Siedlung Kahun oder Medinet Kahun, was es ihm erlaubte, zwischen dem Pyramidenbereich (Illahun) und der Siedlung (Kahun) zu differenzieren (David 1998, ix–x; Luft 1998, 1). Er arbeitete dort zwischen April 1889 und Januar 1890 (Gallorini 1998, 42). Die Papyrusfragmente gehören nicht zu einem der Konvolute, die aus den Grabungsunterlagen von Petrie oder aus der Publikation der Konvolut-Papyri durch Griffith identifizierbar sind, so dass der Fundort innerhalb der Siedlung nicht genauer bestimmt werden kann.

Date
Mittleres Reich, zweite Hälfte 12. – erste Hälfte 13. Dynastie, ca. 1850–1700 v. Chr.

Die Datierung des Papyrus basiert auf dem archäologischen Kontext des Fundorts. Dieser wurde in der Arbeitersiedlung Sesostris' II. (Beckerath 1997, 189: 1882–1872 v. Chr.; Hornung – Krauss – Warburton 2006, 492: 1845–1837 v. Chr.) in El-Lahun entdeckt. Laut Quirke florierte sie vor allem ab der zweiten Hälfte der 12. Dynastie in der Zeit 1850–1750 v. Chr. (Quirke 2005, 42). Die meisten datierbaren Verwaltungstexte aus El-Lahun stammen aus der späteren 12. Dynastie (ab Sesostris III. und vor allem Amenemhet III.), einige aus der 13. Dynastie (u.a. Sechemrechutawi [Sobekhotep I.?] und Sechemkare [Amenemhat V.?]) (siehe Ryholt 1997, Quellen 13.1.1, 13.17.6, 13.32.2, P.5.2) (Datierung der 13. Dynastie nach Beckerath 1997, 189: 1794/93–1648/1645 v. Chr.; nach Hornung – Krauss – Warburton 2006, 492: 1759–ca. 1630 v. Chr.). Eine genauere paläographische Datierung des Papyrus ist kaum möglich.

Text Genre
magico-medizinischer Text
Content

Das Fragment enthält Texte unterschiedlicher Natur auf Vorder- und Rückseite. Der Text auf der Vorderseite besteht abwechselnd aus einem Spruch oder einer kurzen Rede in der ersten Person Singular ("ich"), geschrieben in schwarzer Tinte, und aus Anweisungen, wann und wie der Spruch zu verwenden ist, in roter Tinte. Ziele der Verwendung sind Schutz und Rettung aus [...]. Deshalb kann das Fragment zu den "incantations for good health" (Collier – Quirke 2004, 69) gerechnet werden. Der Text auf der Rückseite ist aus der ich-Perspektive geschrieben. Der ich-Person werden Sachen, Anmut und Beliebtheit durch Torhüter der Domäne und Esser von Lotosblüten gegeben. Collier & Quirke identifizieren den Text als eine "literary composition" (Collier – Quirke 2004, 51).

Material
Papyrus
Type of Object
Papyrusrolle
Description and Condition

Das größte Papyrusfragment ist 14,5 cm hoch, weist eine Breite von 11,5 cm auf und ist beidseitig beschrieben. Ein kleineres Fragment (3 cm hoch × 3,5 cm breit) gehört dazu, vielleicht noch weitere 14 sehr kleine Papyrussplitter (Collier – Quirke 2004, 69). Die erhaltene Höhe ist fast die Originalhöhe. Der untere Rand (aus der Perspektive des Recto) ist erhalten, der obere Rand ist ausgefranst. Auf der Vorderseite ist der obere Rand der senkrechten Textzeilen ganz erhalten, auf der Rückseite könnte der untere Rand der Textkolumnen gerade mit dem ausgefransten Papyrusrand zusammenfallen. Auf dem Recto befinden sich sechs Textzeilen in roter und schwarzer Tinte, die Spuren einer siebten sind zu erahnen. Auf dem Verso sind fünf senkrechte Textzeilen in schwarzer Tinte erhalten (Collier – Quirke 2004, 51).

Type of Script
Hieratisch

Auf der Vorderseite sind die Überschriften und Anweisungen in roter und die Wörter, die rezitiert werden sollen, in schwarzer Tinte geschrieben. Auf der Rückseite wird nur schwarze Tinte verwendet. Auf der Vorderseite erkennt man vier schwarze, horizontale Hilfslinien, die darauf hinweisen, dass die Rolle ursprünglich für einen Verwaltungstext mit Abrechnungstabellen vorgesehen war (vgl. Parkinson 1991, xiv–xv). Für die Beschriftung der Rückseite wurde der Papyrus um die Längsachse gedreht: der untere Rand der Vorderseite ist der obere Rand der Rückseite.

Language
Mittelägyptisch
Research History

Das Fragment wurde von Collier – Quirke 2004 ediert mit Photo, hieroglyphischer Umschrift, Transkription und Übersetzung. Sie identifizierten den Text auf der Vorderseite als zugehörig zu den "Papyri for healing and health", der eine Serie "incantations" enthält, den Text auf der Rückseite als literarisch.

Text Editions

- Collier – Quirke 2004: M. A. Collier – S. G. C. Quirke, The UCL Lahun Papyri. Religious, Literary, Legal, Mathematical, and Medical, British Archaeological Reports – International Series 1209 (Oxford 2004), 50–51 und 68–69.

List of References

- Beckerath 1997: J. v. Beckerath, Chronologie des pharaonischen Ägypten, Münchner Ägyptologische Studien 46 (Mainz 1997).

- Collier – Quirke 2002: M. Collier – S. Quirke, The UCL Lahun Papyri: Letters, British Archaeological Reports – International Series 1083 (Oxford 2002).

- David 1998: R. David, Foreword: Petrie at "Kahun", in: S. Quirke (Hrsg.), Lahun Studies (Reigate 1998), ix–xiii.

- Gallorini 1998: C. Gallorini, A reconstruction of Petrie's excavation at the Middle Kingdom settlement of Kahun, in: S. Quirke (Hrsg.), Lahun Studies (Reigate 1998), 42–59.

- Hornung – Krauss – Warburton 2006: E. Hornung – Rolf Krauss – D. A. Warburton, Ancient Egyptian Chronology, Handbook of Oriental Studies. I, 83 (Leiden/Boston 2006).

- Luft 1998: U. Luft, The Ancient Town of el-Lâhûn, in: S. Quirke (Hrsg.), Lahun Studies (Reigate 1998), 1–41.

- Parkinson 1991: R. B. Parkinson, The Tale of the Eloquent Peasant (Oxford 1991).

- Quirke 2005: S. Quirke, Lahun. A town in Egypt 1800 BC, and the history of its landscape (London 2005).

- Ryholt 1997: K. S. B. Ryholt, The Political Situation in Egypt during the Second Intermediate Period c. 1800-1550 B.C., Carsten Niebuhr Institute Publications 20 (Copenhagen 1997).

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Entry by
Dr. Peter Dils
Modification date
15.07.2019

Translation and Commentary

Recto: Beschwörungen

[x+1] ...] "Ich habe sie (?) gefesselt auf (?)1 dem Boden (?) [... / ...] "ich habe gefesselt für euch (?) [...
...] mich (?) gegen jegliche Sache."
Ein Mann möge diesen Spruch sagen, (damit) er seinen Schutz [bereitet], (während) er vorbeizieht im Innern des / innerhalb von ...?...
"Ich bin der, der im geschlossenen/geblendeten2 Udjat-Auge ist; ich bin sein (d.h. des Auges) Schutz."3
Ein Mann möge diesen Spruch sagen, (indem) er ein Auge macht (d.h. malt) auf seiner Hand mit [x+5] (gelbem?) Ocker, nachdem er seinen Namen festgesetzt hat in seiner (des Auges?) Kammer (?)4 in Schrift. Daraufhin muss er es (das Auge?) [...]. Das bedeutet seine Rettung aus dem See (?) [...
[...]

[...]

[kleines Fragment x+1] ...] ⸢...⸣.
"[Ich (?)] bezwinge [... ... ...] ⸢...⸣"
Ein Mann möge [diesen] Spruch sagen, [...

1 wnp: Für die Bedeutung "fesseln", die mit dem Determinativ der Schnur (Gardiner V1) vereinbar ist, siehe Meeks, Mythe et légendes du Delta, 116, Anm. 364 (Belege in Urk. VI und im Papyrus du Delta). Meeks verweist darauf, dass in Urk. VI, 77.4-5 Mittelägyptisch (Égyptien de tradition) wnp in der Neuägyptischen Version durch snḥ: "binden, festbinden, fesseln" wiedergegeben wird. Collier & Quirke, 69 übersetzen mit "to pluck", was auf Meeks, ALex 78.0983 zurückgeht, ein in Wb. 2 fehlendes Lemma wnpi̯: "arracher (le lin)". Es findet sich bei einer Darstellung der Flachsernte in der AR-Mastaba des Achethotep im Louvre: Chr. Ziegler, Le mastaba d'Akhethetep. Une chapelle funéraire de l'Ancien Empire, Paris 1993, 126 (2. Reg.) und 146; Chr. Ziegler (Hg.), Le mastaba d'Akhethetep (Fouilles du Louvre à Saqqara, 1), Louvain/Paris 2007, 102 und Fig. 37. Die Übersetzung "(Flachs) ausreißen" geht auf einen Vorschlag von Vandier, Manuel VI, 77 für die betreffende Szene zurück.
2 ꜥẖn (jüngere Schreibungen ꜥḫn und ꜥšn): Wb. 1, 226.14: "die Augen schliessen"; Meeks, ALex 78.0798: "fermer les yeux"; Van der Molen, Dictionary of Coffin Texts, 79: "close eyes"; Wilson, Ptol. Lex., 179: "to shut"; nicht bei Faulkner, CDME. Abweichende Übersetzungen bei Collier & Quirke, 69: "blinded" und Hannig, HWB 171: "*blinzeln" {5947} (als unsichere Bedeutung markiert); Carrier, Textes des sarcophages, II, 1113 und 1121: "cligner" = "blinzeln; zusammenkneifen" (zu CT V, 369g und 384g). Brugsch, Hierogl.-dem. Wb. 1, 1867, 217-218 hat neben "die Augen schließen" auch "schlafen" als Bedeutung vorgeschlagen (Suppl. 5, 1880, 280: (nur noch) "schließen").
Das Verb impliziert ein Verschließen der Augen, wodurch Dunkelheit entsteht. Als Antonyme funktionieren die Verben wn: "öffnen", auch : "öffnen" und rs: "wachen" (Clère, Porte d'Évergète, Tf. 2B: pꜣ nb rs bw.t ꜥḫn m nṯr[.tj]: "der Herr des Überwachens, (dessen) Abscheu das Schlafen/Blind-sein (?) in/mit den beiden Augen(?) ist"). Das Verb kann sowohl in Kombination mit einem Substantiv für "Auge" (transitiv) als auch ohne Objekt (absolut) verwendet werden. Wenn der Sonnengott seine Augen schließt, entsteht die Dunkelheit (pTurin Cat. 1993, Isis und Re = pCGT 54051 Recto, 4.8; Roccati, Magica Taurinensia, 70 und 142 [263-264]: jnk wn jr.tj=f(j) ḫpr ḥḏḏw.t / ꜥḫn jr.tj=fj ḫpr kkw: "Ich bin der, der seine Augen öffnet und die Helligkeit entsteht, der seine Augen schließt und die Dunkelheit entsteht."; Metternichstele, 83: wn=f jr.t=f ḫpr šww / ꜥḫn=f s(j) ḫpr kkw: "Wenn er sein Auge öffnet, entsteht das Licht; wenn er es schließt, entsteht die Dunkelheit.") oder wird es Nacht (Tb. 64: Lapp, Die prt-m-hrw-Sprüche (Tb 2, 64-72), Totenbuchtexte 7, Basel 2011, 32-34: ꜥḫn jr.tj m mšrw s:nw tm m wšꜣ: "der die Augen am Abend schließt, so dass das Erblicken lassen (?) aufgehört hat (?) in der tiefen Finsternis / so dass das Ganze dahingeht (?) in der tiefen Finsternis."). Dieses Verschließen kann negativ empfunden werden, denn Dämonen können einem die Augen absichtlich verschließen (pBudapest 51.1961, Kol. 2.6 und 2.7). Auch beim Udjatauge ist für ꜥẖm von einem unerwünschten Zustand auszugehen. Im Grab des Iymiseba (TT 65; 20. Dyn.) wird ꜥẖn ohne Objekt verwendet: ḫpr šzp ḏi̯=f sw m ḥr.t / ꜥḫ{m}⟨n⟩=sn n ḥtp=f m ꜥnḫ.t: "Das Licht entsteht, wenn er sich am Himmel zeigt; sie (d.h. die Menschen) erblinden (?) bei seinem Untergang im Totenreich/Westen." (DZA 21.978.310). Aus dieser Stelle leitete Hannig vermutlich die unsichere Bedeutung "blinzeln" ab: ꜥẖn=sn n ḥtp=f: "sie schauen blinzelnd auf seinen Untergang (der Sonne)" {5948}.
3 jnk jm.j wḏꜣ.t ⟨m⟩ ꜥẖn.t / jw=j m mk.t=s: Diese zwei Sätze stehen in Totenbuch Kap. 42: Lapp, Die Feindabwehrsprüche (Tb 31–37, 39–42) (Totenbuchtexte 10), Basel 2017, 232.d-235.c. Im Totenbuch steht wḏꜣ.t m ꜥẖn.t mit Präposition: "das Udjatauge als etwas, das geblendet ist".
4 jz.t=s: Lesung unsicher. Collier & Quirke, 69 transkribieren jt=s (?) und übersetzen "its pupil (?)", aber ein solches Wort ist unbekannt.

Verso: literarischer Text

[x+1] ...] grünen/gedeihen (?)1 ... ... indem ich geliebt bin.
Mir wurden Sachen gegeben.
Mir werde Süßes/Anmut2 gegeben, mir werde Beliebtheit gegeben durch die Pförtner des Hauses, durch diejenigen, die Lotosblumen verschlucken3.
Möge [x+5] meine [Beliebtheit]4 sich nun ausbreiten im Leib von jedermann.

[kleines Fragment x+1] ...] Wasser ausbreiten/aufteilen [...

1 wꜣḫ: Die Schreibung mit der Buchrolle als Determinativ ist nicht üblich (MR-Belege bei Van der Molen, Hieroglyphic Dictionary, 84).
2 bnj.t: Das Determinativ des "schlechten Pakets" ist unerwartet, aber die Kombination von bnj.t und mrw.t ist mehrfach belegt (siehe DZA-Belege s.v. bnj.t).
3 ꜥm: Collier & Quirke, 51 übersetzen mit "the consumers of lotus-plants" und paraphrasieren mit "lotus-eaters", aber ꜥm ist nicht das normale Verb für "Nahrung essen", das ist wnm.
4 zš mrw.t: Lesung und Ergänzung nach Collier & Quirke, 50-51. Sie sind sich der Lesung nicht sicher und sie übersetzen mit "to surpass(?)". Die Kombination zš mrw.t ist nicht gängig. Siehe mr(w.t) zš.tj m ẖ.t=sn in Tb. 182 (DZA 28.674.470). Sie findet sich auch in der göttlichen Gegengabe von ptolemäischen Ritualszenen (E VII, 68.9; vielleicht E VIII, 33.16; weitere Belege bei Wilson, Ptol. Lex., 922).