science in ancient egypt

 

Technical Data

Name of Text
Papyrus Ashmolean 1984-55 Recto
Alternative Designations
TM 56143 (Recto)
TM 91337 (Verso)
Present Location
GB, Oxford, Ashmolean Museum
Acquisition and Previous Ownership

Der Papyrus stammt aus dem Privatbesitz von F. Ll. Griffith und wurde zusammen mit dessen Papieren im Griffith Institute in Oxford aufbewahrt. Im Jahr 1984, d.h. 50 Jahre nach Griffith’s Tod, wurde der Papyrus dem Ashmolean Museum in Oxford übertragen (Westendorf 1999, 78–79; Quack 1999, 141). Er erhielt die Inventarnummer 1984-55. Weitere Hintergründe über den Erwerb des Objekts sind nicht bekannt.

Provenance
Ägypten, genaue Provenienz unbekannt

Für die Herkunft des Textes findet sich die Angabe Dime/Soknopaiou Nesos im Inventar des Ashmolean Museum (Westendorf 1999, 78). Tatsächlich gehören zu den zusammen mit diesem Papyrus inventarisierten Papyri Ritualfragmente zugunsten von Sobek von Schedet (d.h. Krokodilopolis) sowie ein Bruchstück des Buches vom Fayum, was generell für eine Herkunft aus dem Fayum spricht. J. F. Quack kommentiert die Inventarangabe wie folgt: „Ob diese Herkunft auf Händlerangaben oder lediglich auf den internen Indizien der Texte beruht, ist heutzutage nicht mehr auszumachen. (...) Ich möchte immerhin darauf hinweisen, dass das von Westendorf veröffentlichte medizinische Fragment pBerlin 10456 [d.h. pRubensohn] aus Elephantine einen sehr ähnlichen Duktus zeigt.“ (Quack 1999, 141). Somit ist eine Herkunft aus dem Fayum zwar möglich, eine andere Provenienz kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, zumal sich der Papyrus in Inhalt und Schriftduktus von den übrigen Papyri der Gruppe unterscheidet.

Date
Ende Spätzeit bis Anfang Ptolemäerzeit, Ende 4. Jh. – Anfang 3. Jh. v. Chr.

Nach Angabe im „Handbuch der Medizin“ datiert der Text in die Ptolemäerzeit (Westendorf 1999, 78). J. F. Quack schlägt aus paläographischen Gründen ein etwas früheres Datum vor, nämlich die 30. Dynastie bis frühe Ptolemäerzeit (Quack 1999, 142; in der Zusammenfassung auf S. 149 wird nur das 4. Jh. genannt). Darüber hinaus bemerkt er, dass es sich bei dem Text um die Abschrift einer weitaus älteren Vorlage handeln könnte. Dies schließt er aus der Verwendung mittelägyptischer Sprachformen (Quack 1999, 148–149). Der Eintrag in der Trismegistos-Datenbank (BC 380–250) entspricht der Spannbreite vom Beginn der 30. Dynastie bis zum Anfang der Ptolemäerzeit.

Text Genre
medizinisches Fachbuch
Content

Die Vorderseite des Papyrus Ashmolean 1984-55 umfasst einen Lehrtext medizinischen Inhalts, der nicht genauer bestimmt werden kann. Von diesem ist genug erhalten, um dessen Aufbau und Organisation zu rekonstruieren, die grundsätzlich dem Schema einer Sammlung von Lehrtexten (šsꜣw) mit Titel, Diagnose, Verdikt und Behandlung folgt. Eingeleitet wird jede Gesundheitsbeschwerde mit dem Wort šsꜣw sowie dem Namen der jeweiligen Krankheit. Diese wird als Rubrum hervorgehoben. Darauf folgen verschiedene Schritte der Untersuchung (u. a. Abtasten) sowie die Feststellung des Leidens, eingeleitet durch das Rubrum ḏd.jn=k r=s "Dann sollst du dazu sagen" (Diagnose und Verdikt). Anschließend werden die entsprechende Heilungsmethode und das jeweilige Medikament genannt. Magische Komponenten finden sich in den erhaltenen Textabschnitten nicht. Der Patient scheint ein Mann mit Beschwerden im Kopf- und Halsbereich zu sein. An Leiden werden auf dem erhaltenen Fragment das unbekannte dnw des Kopfes, die ꜥꜥ.wt/ꜥꜣ-wt-Geschwüre (?), ein Schlag (?) bzw. eine schlimme Einwirkung auf die Kehle und möglicherweise ein Problem beim Schlucken genannt. In den beiden Fällen, in denen die Anwendung des Medikaments erhalten ist, soll es getrunken werden. Es gibt keinen Grund, um mit H. Whitehouse von einem gynäkologischen Text zu sprechen (in: Westendorf, 1999, 78). Vermutlich hat sie ḏd.jn=k r=s fälschlicherweise als "Dann sollst du über sie (die Patientin) sagen" aufgefasst.
Auf der Rückseite steht ein schlecht lesbarer demotischer Text, der einige hieratische Gruppen enthält (Quack 1999, 142) und nicht genauer identifiziert ist.

Original Use

Die erhaltenen Fragmente sprechen für ein medizinisches Handbuch. Über der vierten Zeile der ersten Kolumne des größeren Fragmentes befindet sich "ein schwieriger und offenbar weitgehend demotisch geschriebener Zusatz" (d.h. eine Glosse), die "von tatsächlicher inhaltlicher Beschäftigung mit dem Text" zeugt (Quack 1999, 149). Das Handbuch war also kein reines Bibliotheksexemplar, sondern wurde tatsächlich konsultiert und mit Notizen versehen.

Material
Papyrus
Type of Object
Papyrusrolle
Description and Condition

Von der ehemaligen Papyrusrolle sind zwei Fragmente überliefert, deren relative Position nicht rekonstruiert werden kann. Das größere Fragment (A) misst 13,5 × 9,7 cm und das kleinere (B) 5,7 × 2,7 cm. Die Vorderseite wurde vorliniert. Unter den beiden Textkolumnen von Fragment A ist der Fußsteg von 3 cm Breite erhalten. Sofern im Interkolumnium von Fragment A das Wort "Kot" steht, wäre oben eventuell noch ein Zeichen zu ergänzen, was die Ergänzung von ca. 4 zusätzlichen Zeilen sowie des Kopfstegs bedeuten würde und eine ursprüngliche Höhe von ca. 19 bis 20 cm ergäbe. Der Papyrus weist im oberen Bereich eine relativ dunkle Färbung auf. Nach Zeile x + 8 geht er in einen helleren Farbton über. Als Grund dafür vermutet J. F. Quack, dass bei der Fabrikation Material von unterschiedlicher Qualität verwendet worden sei (Quack 1999, 141). In der linken oberen Ecke des Hauptfragments sind einige Fasern extrem schräg gezogen. Die Beschriftung darauf indiziert, dass die Schrägstellung bereits während der Fabrikation des Papyrus geschehen ist, also vor der Beschriftung des Papyrus'. Am Beginn von Fragment (A) sind ebenfalls einige Fasern stark verzogen, dies geschah allerdings nach der Beschriftung und erschwert die Lesung an dieser Stelle erheblich (Quack 1999, 141–142).

Type of Script
Hieratisch

Der Text auf der Vorderseite ist „in einer sauberen und geübten, relativ kleinen hieratischen Buchschrift“ bzw. einer „späthieratische(n) Handschrift“ verfasst (Quack 1999, 142, 149). Einige Textpassagen sind in Rubra geschrieben, einmal wird ein neuer Absatz innerhalb derselben Zeile rot und zusätzlich durch ein vorangehendes Spatium abgesetzt. Auf dem größeren Fragment stehen zwei Textkolumnen. Im Interkolumnium (ca. 1 cm breit) sind einige hieratische Zeichen eingetragen, die wohl von oben nach unten zu lesen sind.
Auf der Rückseite steht ein demotischer Text, der einige hieratische Schriftgruppen enthält und dessen Inhalt bislang nicht publiziert ist (Quack 1999, 142).

Language
Spätmittelägyptisch

Zur weitgehend mittelägyptischen Sprachform des Textes bemerkte J. F. Quack: „Allerdings ist die Formelsprache, wie sich aus der obigen Analyse ergibt, trotz phraseologischer Ähnlichkeit in einigen Punkten anders formuliert als alle bisher bekannten medizinischen Texte.“ (Quack 1999, 149). Spätmittelägyptische Merkmale finden sich in Z. A.x+1.x+2: jwf=f (ḥr) nhs.y: Auslassung ḥr und Infinitiv mit .y und in Z. A.x+2.x+8: [...]=sn jw (für r) ḏr.t=f.

Research History

Zusammen mit dem Papyrus wird eine Transkription von J. Černý aufbewahrt, d.h., dass dieser den Text bereits untersucht hat. Die Transkription ist, wie J. F. Quack feststellen konnte, „überraschend fehlerhaft“ (Quack 1999, 142), vermutlich weil Černý kein Spezialist für Späthieratisch oder diese Art von Text war. Eine erste Bearbeitung und Edition des Textes auf dem Recto legte J. F. Quack im Jahre 1999 vor (Hieroglyphische Umsetzung, Transkription, Übersetzung, Kommentar: Quack 1999, 141–149).

Text Editions

- Quack 1999: J. F. Quack, Ein neues medizinisches Fragment der Spätzeit (pAshmolean Museum 1984.55 rt.), in: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde 126, 1999, 141–149 und Taf. 13.

List of References

- Westendorf 1999: W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin, Handbuch der Orientalistik I 36,1 (Leiden/Boston/Köln 1999), 78–79.

Eine vollständige Bibliographie finden Sie hier.

Entry by
Dr. Anke Ilona Blöbaum
Modification date
10.07.2019

Translation and Commentary

Fragment A

[A, Kol. x+1, Z. x+1] […]
[… … …] sein Fleisch springt auf (?)1 bei/während […] wie [… … …].
[… … …] des (?) Kopfes (?)2 eine Ballung von Kahlheit (?)3.

1 nhsy: Hier ist die erst demotisch belegte Bedeutung „aufspringen“ für nhsi̯ sinnvoller als „erwachen, aufwecken“ (Wb 2, 287.3–9), vgl. demot. nhs(ꜣ) „aufwecken, sich erheben, aufspringen“ (Erichsen, Glossar, 222; CDD n, 100–101), s. Quack, in: ZÄS 126 (1999), 142.
2 [⸮n.w?] [⸮tp?]: Reste von zwei Gruppen sind erhalten. Von der ersten Gruppe, sieht man nicht mehr als das obere Ende eines senkrechten Strichs, vermutlich ein Semogramm-Strich. Quack (in: ZÄS 126 (1999), 142) liest entsprechend n.w, wobei ḥr ebenso möglich wäre. Von der zweiten Gruppe ist lediglich der obere Teil des ersten Zeichens zu sehen. Quack (ebd.) schlägt tp „Kopf“ (Wb 5, 263.3–265.10; 266.5–6) vor mit Verweis auf n.w tp in Zeile x+9 in derselben Kolumne.
3 swš n(.j) jꜣ⸮s?: Die Bedeutung des letzten Bestandteils der Phrase, jꜣs, ist unsicher. Der Klassifikator (A7) findet sich auch in mindestens einem Beleg bei jꜣs „kahl“ (Wb 1, 33.8), s. Clère, Chauves d’Hathor, 67 (pBM 10257, sh. 5). Quack (in: ZÄS 126 (1999), 144 [b]) vermutet aufgrund des Klassifikators eher einen Erschöpfungszustand, vor allem weil der Ausdruck „Ballung von Kahlheit/Kahlsein“ ihm nicht sinnvoll erscheint. Wollte man dennoch versuchen, diesen Ausdruck mit einem Sinn zu füllen, so wäre eventuell möglich, hierin die Beschreibung eines spezifischen Kahlseins zu erkennen, vielleicht in der Art von örtlich begrenzten rund-ovalen kahlen Stellen der Kopfhaut wie sie beispielsweise bei Alopecia Areata, vermutlich einer Autoimmunkrankheit, auftreten (Pschyrembel 2013, 264. Auflage, 59) oder auch in der Art von knotigen Abszessen am behaarten Kopf, wie sie bei einer Pilzinfektion durch Trychophyten vorkommen (Psychrembel 2013, 264. Auflage, 2128), o.ä. Eindeutige Hinweise auf derartige Krankheiten bzw. konkretere Beschreibungen dieser Symptomatik für das pharaonische Ägypten liegen allerdings nicht vor. Der Begriff „Alopecia“ als Bezeichnung für pathologischen Haarausfall ist auf griech. ἀλώπεκία „Fuchsräude, Haarausfall“ zurückzuführen, die im Corpus Hippocraticum (Περὶ παθῶν bzw. De affectionibus) in einer Aufzählung unterschiedlicher Hautkrankheiten genannt ist, s. Littré, Œuvres complètes d’Hippocrate, VI, 246,5.
Da die Lesung des s allerdings durch eine kaputte Stelle im Papyrus nicht ganz gesichert ist, könnte die Bezeichnung auch mit der weiter unten im Text (Z. 5 u. 6) vorkommenden [_]jꜣ-Krankheit zusammenhängen, die sonst nicht bekannt ist. Allerdings weist die Orthographie der beiden Belege der [_]jꜣ-Krankheit vor allem in der Auswahl der Klassifikatoren von derjenigen der hier bezeichneten Krankheit ab. Zudem ist weder in Z. 5 noch in Z. 6 der Beginn des Wortes erhalten, so dass der vollständige Lautbestand und somit auch die Vergleichbarkeit beider Begriffe nicht zweifelsfrei festgestellt werden können. Der fragmentierte Zustand des Textes macht eine sichere Deutung unmöglich.

Eine Krankheit [… … …].4
[… (Rezeptzutaten) …] (?), süßes Bier: werde durchgepresst, werde getrunken 4 Tage lang.

4 Ob hier das Verdikt der Diagnose anfangen könnte, auch wenn kein Rubrum vorangeht (vgl. A, Kol. x+1, Z. x+6)?

Ein anderes (Heilmittel): [A, Kol. x+1, Z. x+5] [… (Rezeptzutaten und Behandlungsanweisung) …].

[A, Kol. x+1, Z. x+5a] [… … …] Es entsteht deswegen (?) wiederum (?) Fett.5
[Erfahrungswissen (Diagnostik) zum] hoch(gradig)en (?) [_j]ꜣ-Phänomen:6 Wenn du aber deinen Finger darauf legst [… … …] das hoch(gradig)e (?) [_]jꜣ-Phänomen (?).
(Es ist) ein Krankheitserreger, mit dem zu kämpfen ist.7
[… (Rezeptzutaten) …]: werde durchgepresst (?), werde getrunken 4 Tage lang.8

5 ⸮j:jri̯? ⸮qn.pl? ḫpr (r)-ḏbꜥ⸢.t⸣ =⸢s⸣ ⸮ꜥn?: Lesung nach Quack, in: ZÄS 126 (1999), 144 [c]; es handelt sich um eine Glosse, die zwischen der vierten und fünften erhaltenen Zeile eingeschrieben ist. Der Anfang ist nicht erhalten. In dem nur sehr schlecht zu identifizierenden Text wechseln hieratische mit demotischen Schreibungen.
(Bemerkung: Als Glosse angehängt an das folgende šsꜣ.w n(.j) [_j]ꜣ qꜣı͗).
6 [šsꜣ.w n(.j)] [_j]ꜣ ⸮qꜣi̯?: Ergänzung nach dem im weiteren Text (A, Kol. 2, Z. x+4 und x+9) vorkommenden Formular. Quack (in: ZÄS 126 (1999), 144 [d]) liest die hier als [_]jꜣ qꜣi̯ gedeutete Gruppe insgesamt jꜣ bzw. jꜣw und vermutet hierin eine unbekannte Bezeichnung einer Krankheit, wobei allerdings durch den zerstörten Anfang der Zeilen nicht eindeutig zu entscheiden ist, ob wir mit den erhaltenen Zeichen den vollständigen Lautbestand überliefert haben. Auch weist die in beiden Zeilen sowohl nach jꜣ als auch nach dem Mann mit den erhobenen Armen (A 28) gesetzte Buchrolle (Y1) m. E. deutlich auf zwei Begriffe hin. Da der Kontext unklar ist, ist auch qꜣi̯ „hoch sein“ (MedWb 876) nicht leicht zu deuten. Es könnte durchaus wörtlich gemeint sein, wenn mit [_jꜣ] eine Art von Geschwür oder Schwellung bezeichnet wäre, doch erwartet man dann als Klassifikator eher das schlechte Paket (Aa2) als eine Buchrolle (Y1). Es ist auch möglich, dass der Grad der Erkrankung bezeichnet wird, ähnlich wie in Eb 855h, s. Popko, Papyrus Ebers, Übersetzung und Kommentar. Da bei dem ersten Begriff nicht klar ist, ob der Anfang erhalten ist, wäre eventuell ein Zusammenhang mit tjꜣ „akute Schmerzen/Zahnschmerzen“ (Wb 5, 241.4; MedWb, 937) denkbar, wobei aber auch hier die Klassifikation mit der Buchrolle (Y1) erklärungsbedürftig wäre.
7 mḥr n(.j) ꜥḥꜣw ḥnꜥ=f: Variante des 2. Verdikts, das üblicherweise persönlich formuliert ist: mḥr ꜥḥꜣ=j ḥnꜥ „Ein Krankheitsfall, mit dem ich kämpfen will“, s. Westendorf, Handbuch 84.
8 ꜥtḫ zwr r hrw 4: Vgl. die gleichlautende Behandlungsanweisung in A, Kol. x+1, Z. x+4; die erste Anweisung ꜥtḫ ist nur teilweise erhalten: Man erkennt den Rest eines Arms, wobei es sich am ehesten um den schlagenden Arm (D40) handeln sollte, wie späte Schreibungen des Wortes zeigen, s. Wilson, Ptol. Lexikon, 185 [1–2]. Darüber befindet sich ein Punkt, den Quack (in: ZÄS 126 (1999), 143) als Gefäß W22 liest. Ob es sich hier ebenso wie in Z. x+4 um eine Abkürzung handelt oder hier eine ausführliche Schreibung vorliegt, von der lediglich die Klassifikatoren erhalten sind, ist nicht zu entscheiden.

Ein anderes (Heilmittel): Dillblätter9 [… (Rezeptzutaten und Behandlungsanweisung) …].

9 ḏrḏ jms(t): Vom Dill ist medizinisch zumeist der Gebrauch der Samen (pr.t) belegt, s. Germer, Handbuch, 27. Die Schreibung ḏrḏ ist allerdings hier in diesem Papyrus paläographisch unzweifelhaft, s. Quack, in: ZÄS 126 (1999), 144 [e]. Zur Identifikation von jmst mit Dill (Anethum graveolens L.), s. Germer, (ebd.); Pommerening, in: Dils/Popko, Zwischen Philologie und Lexikographie, 100–101.

– Spatium – Erfahrungswissen (Diagnostik) zu dnw-Phänomenen des [Kopfes (?) … … …].
Dann sollst du dazu sagen: Einer, der unter dnw-Phänomenen des Kopfes10 leidet [A, Kol. x+1, Z. x+10] [… … …].
[… … …], der Leib (oder: Penis?)11 eines Mannes ist groß (angeschwollen?), indem er sehr lang ist wie etwas, [das] [… … …] Schleim.
Dies geschieht weil, [… … …].
Dann sollst du dazu sagen: „Einer, der leidet an ꜥꜥw.t-Geschwüren (?)12 am [A, Kol. x+2, Z. x+1] [… … …]“.
[Interkolumnium] Kot (?)13
(?) [… … …].14
[(Rezeptzutaten), ... ... ..., ein Baum15], Honig: werde gekocht [… … …].
unterägyptisches (oder: dichtes bzw. grobes ?)16 […], Fett (vom) Ab[__]-Tier17, [… (Handlungsanweisung) …].

10 dnw n.w [tp]: Ergänzung analog zur nächsten Zeile. Da der Beginn der Zeilen nicht erhalten ist, könnte es sich allerdings ebenso um einen mit tp zusammengesetzten Ausdruck handeln, beispielsweise um tp.jw-ꜥ.wj „Fingerspitzen“ (MedWb, 943 [C.c]) oder tp.jw-ꜥw.t „Gliedmaßen“ (Wb 5, 285.3), s. Quack, in: ZÄS 126 (1999), 145 [k]. Der Krankheitsbegriff dnw wird von Quack (in: ZÄS 126 (1999), 144–145) mit tnj „Alterserscheinung“ (MedWb, 957; Wb 5,310.14) in Verbindung gebracht, wobei er die Auffassung vertritt, dass der Begriff hier in diesem Papyrus ebenso wie im pEdwin Smith 22,9 vermutlich ein konkreteres Leiden bezeichnet, dessen Natur allerdings nicht bekannt ist. Im Papyrus Edwin Smith 22,9 wird tnj im Zusammenhang mit weiteren nicht näher zu bestimmenden, offenbar altersbedingten Krankheiten sowie mit der srf.t-Krankheit genannt, bei der es sich um eine entzündliche Hautkrankheit handelt, s. MedWb, 781–782; Quack, in: Fischer-Elfert, Papyrus Ebers, 70.
11 ḏ.t n.t s: Quack (in: ZÄS 126 (1999), 145 [h]) bemerkt, dass es sich inhaltlich ebenso gut um den Penis eines Mannes handeln könnte. Allerdings ist ḏ.t mit der Bedeutung „Penis“ (Wb 5, 506.13–17; Wilson, Ptol. Lexikon, 1249–1250) medizinisch bisher nicht belegt und sonst zumeist entsprechend klassifiziert. Andererseits ist ḏ.t „Körper“ in den medizinischen Texten ebenfalls nur zweimal bezeugt: einmal in Bezug auf den Körper einer Patientin (pBerlin P 3038, Bln 197); der zweite Beleg bezeichnet im magischen Kontext den Körper des Gottes Re (Eb 2). Die Zeichenreste zu Beginn der Zeile sind jedoch so eindeutig, dass die Lesung ḏ.t nicht in Frage steht. Der Kontext hingegen, vor allem der Verweis auf die Länge, spricht allerdings eher für Penis.
12 ꜥꜥw.t: Wird von Quack (in: ZÄS 126 (1999), 145 [i]) als sonst nicht belegte Schreibung von ꜥꜣw.t „Geschwüre“ (MedWb, 123–128) aufgefasst.
13 ⸮ḥz?: Im Zwischenraum zwischen den beiden erhaltenen Kolumnen von Fragment A sind in Höhe der zweiten, sechsten und elften erhaltenen Zeile drei einzelne Zeichen eingeschrieben. Es ist nicht ersichtlich, ob sie in irgendeiner Form mit der Gliederung des Textes oder mit inhaltlichen Komponenten der Kolumnen korrespondieren. Quack (in: ZÄS 126 (1999), 142) interpretiert die Zeichen senkrecht gelesen als Schreibung von ḥz „Kot“ (MedWb 631–632), wobei er das erste Zeichen als ḥz-Vase (W14) auffasst, was für ḥs „Kot“ ungewöhnlich ist. Welcher Sinn dahinter stehen mag, ist durch den fragmentierten Zustand des Textes leider nicht mehr nachzuvollziehen.
14 [___].pl: Da sich in der nächsten Zeile Drogennamen erhalten haben, könnte es sich auch hier um einen solchen handeln. Da aber nicht mehr als die Pluralstriche erhalten sind, ist eine eindeutige Aussage nicht möglich.
15 [____].pl: Außer dem Baum-Klassifikator (M1) zu Beginn der Zeile ist nichts von diesem Drogennamen erhalten.
16 mḥ.w: Der Begriff mḥ.w „unterägyptisch, nördlich“ (Wb 2, 124.1–7) ist hier als Bestandteil einer zweiteiligen Drogenbezeichnung aufgefasst. Quack in seinem Kommentar zu dieser Stelle (in: ZÄS 126 (1999), 145) verweist auf die Diskussion von Bartel/Hallof (in: GM 148 (1995), 23–27), in der die Autoren bei Mineralbezeichnungen die Spezifizierung durch šmꜥmḥw nicht auf eine mögliche Herkunftsangabe beziehen, sondern – sehr überzeugend – als Qualität des Materials im Sinne von „licht“ (d.h. transparent bzw. transluzent) und „dicht“ (d.h. opak) auffassen. In eine ähnliche Richtung gehen schon die Überlegungen von Wollermann (in: VA 3 (1987), 39–47) in Bezug auf die sog. „ober- und unterägyptische Gerste“, die sie als „schmal“ (d.h. vierzeilige) und „voll“ (d.h. sechszeilige) Gerste versteht. Anders als Bartel/Hallof favorisiert Quack allerdings eine Materialangabe von Mineralien im Sinne von „fein“ – „grob“.
17 mrḥ.t ꜣb[__]: Quack (in: ZÄS 126 (1999), 145 [l]) ergänzt zu mrḥ.t ꜣb[ḏw], um die erhaltenen Zeichenreste zu einem bekannten Tiernamen zu ergänzen. Allerdings ist medizinisch Fett vom Abdu-Fisch bisher nicht belegt, vgl. DrogWb 258–268; es findet entweder der ganze Fisch oder seine Galle Verwendung, vgl. DrogWb 4. Zur Diskussion stünden ebenfalls ꜣbj „Panther“ (Wb 1, 7.14) und ꜣbw „Elefant“ (Wb 1, 7.15), die gleichermaßen nicht als Lieferanten von Fett belegt sind. Während Produkte vom Elefanten generell nicht nachgewiesen sind, so ist medizinisch Pantherkot und auch die Haut als Drogenbestandteil immerhin einmal belegt, s. DrogWb, 3.

Erfahrungswissen (Diagnostik) zu einem, der an [… … …] leidet:
[A, Kol. x+2, Z. x+5] wie Bündel (?)17 [… … …] nach draußen18.
Du sollst nicht [… … …].19
jede Hitze/Entzündung (?)20 in seinem Hals und [du] findest [… … …] (und?) sie [… … …]21 an/gegen deine Hand.
Dann [sollst du dazu] sagen: [… … …].22

17 gꜣ⸢w⸣(t): Aufgrund der am linken Rand erkennbaren Reste von zwei horizontalen Zeichen ergänzt Quack (in: ZÄS 126 (1999), 144) zu gꜣw.t „Bündel“ (Wb 5, 153.3–7).
18 n rw.tj: Quack (in: ZÄS 126 (1999) liest n für m und vermutet hier einen erläuternden Zusatz über den Eintritt von Dämonen, der für gewöhnlich mit den Worten ꜥq m rw.tj „Eintreten von außen“ (vgl. MedWb, 626, [2a]) formuliert ist, zur Präposition m-rw.tj s. De Meulenaere, in: BIFAO 53 (1953), 91–105. In diesem Text ist allerdings deutlich n rw.tj geschrieben. Daher könnte es sich ebenfalls um eine weitere Beschreibung von Symptomen handeln, bei denen etwas „nach außen“ tritt. Dies ist z.B. im Papyrus Ebers (Eb 877c) von Flüssigkeit aus einem Geschwür belegt, wobei anzumerken sei, dass diese Stelle unterschiedlich aufgefasst wird, s. Popko, Papyrus Ebers, Übersetzung und Kommentar.
19 jm(j)=k [___]: Quack (in: ZÄS 126 (1999), 148) überlegt zu jm(j)=k ꜥq r=f: „du sollst nicht gegen ihn eintreten/vorgehen“ zu ergänzen und hier eine Variante zum negativen Verdikt ähnlich wie Eb 205 zu sehen. Gleichwohl könnte es sich ebenfalls um eine Handlungsanweisung handeln, wie sie im Geschwulstbuch des Papyrus Ebers belegt ist: Eb 873: jmi̯=k wdj ꜥ r mj,t(j).t „Du sollst nicht Hand an dergleichen legen“ und Eb 874: jmi̯=k jri̯ (j)ḫ,t nb.t ((r)) ((=s)) „Du sollst nichts dagegen tun“, s. Popko, Papyurs Ebers, Übersetzung und Kommentar.
20 [___] nb.t: Die Zeile beginnt mit dem Zeichen Q7. Es ist anzunehmen, dass es sich um den Klassifikator für einen Begriff aus dem Feld „Fieber/Hitze/Entzündung“ handelt, der mit dem Ende der vorhergehenden Zeile verloren ist. Quack (in ZÄS 126 (1999), 144–145) schlägt šmm.t „Hitze“/Entzündung“ (MedWb, 854) vor. Weitere entsprechend klassifizierte Begriffe sind tꜣ.w/tꜣj.t „Hitze“ (MedWb, 933–935), hh(.t) „Hitze“ (MedWb, 572) oder srf(.t) „(Haut)entzündung“ (Wb 4, 196.15; MedWb 781–782), die sonst am „Körper“ (ḥꜥw) oder an „jeder Körperstelle“ (ꜥ.t nb.t) lokalisiert ist, aber auch möglicherweise in einem Fall im Gesicht (ḥr) des Patienten in einem Amulett-Spruch (pLeiden I 353, 1), s. Azzam, in: GM 253, 15; wobei die Autorin die Angabe nt.j m ḥr n(j) NN als „which is facing NN“ missversteht (Fischer-Elfert, pers. Mitteilung). Eine allgemeine Übersicht über Wärmeformen in der altägyptischen Medizin gibt Blersch, in: Medizinhistorisches Journal, Bd. 8, H. 2/3 (1973), 160–178.
21 [___]=sn: Quack (in: ZÄS 126 (1999), 144) vermutet ein Verb wie „zucken“ o.ä.
22 ḏd[.jn] [=k] [r] [=s]: Ergänzung analog zum auch sonst im Text verwendeten Formular. Entweder ist das Verdikt negativ und es ist nichts zu machen, oder die Zeilen waren ziemlich lang und reichten aus, um Verdikt, Rezept und Handlungsanweisung zu ergänzen.

Erfahrungswissen (Diagnostik) zu einer (negativen) Einwirkung23 an/in der Kehle24 [… … …].
[A, Kol. x+2, Z. x+10] Darauf soll […] rufen [… … ...] wie […].
Darauf soll […] sich nach vorn bewegen25 [… … …] sein Nacken/Hals.
Dann sollst du [dazu] sagen:26 [… … …].

23 ꜥ(.w): Hier ist ꜥ.w „Arm“ in einer für magische Texte speziellen Bedeutung als „negative Einwirkung einer übelwollenden Macht“ verstanden, s. Quack, in: ZÄS 126 (1999), 145 [p], mit Verweis auf Quack, Merikare, 80–81.
24 jḥt[,j]: „Kehle, Luftröhre“ (Wb 1, 123; Walker, Anatom. Term., 266, 273), vgl. ḥty.t (Wb 3, 181.4–16) ist hier durch den im Vorfeld genannten Hals (ḫḫ: A, Kol. x+2, Z. x+6) plausibler als jḥ.tj „Oberschenkel“.
25 kꜣ ḫnti̯: Zur Bedeutung vgl. ḫdi̯-ḫnti̯ „sich hin- und her bewegen (von Schmerzstoffen im Körper)“ (MedWb 663).
26 ḏd.jn =k [r] [=s]: Ergänzung analog zum auch sonst im Text verwendeten Formular.

Fragment B

[B, Z. x+1] [… … …] Mittel (?)1 [… … …].

1 ⸮zp?: Auf dem stark beschädigten oberen Teil von Fragment B lassen sich noch die Reste von zwei Zeichen ausmachen: der z-Türriegel (O34) über dem p-Sitz (Q3). Eventuell könnte man hier zp „Mittel“ (MedWb, 736–737) oder „Krankheitsfall“ (MedWb, 738) lesen, s. Quack, in: ZÄS 126 (1999), 146. Durch den hohen Grad der Zerstörung ist kaum eine sichere Lesung möglich.

[… … …] Ein anderes (Heilmittel):2 geritzte Sykomorenfrüchte [… … …].
[… … …] gekocht in Harz (?)3 [… … …].

2 k.t: Aus dem winzigen Rest des Rubrums kann auf die Einleitung k(j).t(j) geschlossen werden (vgl. Frgm. A, Kol. x+1, Z. x+4), s. Quack, in: ZÄS 126 (1999), 146.
3 ꜥqꜣ_: Quack vermutet hierin eine bisher nicht belegte Schreibung von ꜥꜣgy.t/ꜥgꜣy.t (DrogWb, 80–81), das ein Produkt bezeichnet, das von verschiedenen Bäumen (jmꜣ, jqrw und snḏ.t „Akazie“) stammen kann. Germer vermutet hierin ein „Pulver aus gerbstoffhaltigen Früchten oder Rindenteilen“ (Arzneimittelpflanzen, 39). Der Zusammenhang mit der Akazie und einer Klassifikation als Flüssigkeit oder mit dem Mineralkügelchen N33, die bei einem Teil der Belege zu beobachten sind, lassen vermuten, dass es sich um eine Art Harz handeln könnte (DrogWb, 80–81).
Auf dieser Grundlage schlägt Lüchtrath (in: Edfu: Bericht über drei Surveys, 123) vor, das im Kyphi-Rezept belegte ꜥgꜣj, dessen Schreibung dem Wort im pAshmolean etwas näher kommt, als Bezeichnung einer einheimischen Varietät von Gummi arabicum aufzufassen (von der Acacia nilotica (L.) Willd. ex Del.), die neben der gut bezeugten Bezeichnung qmy.t (Wb 5, 39.3–15, DrogWb 516–519) gebraucht worden sein könnte (Lüchtrath, in: Edfu: Bericht über drei Surveys, 123–124), das die afrikanische „echte“ Varietät (von der Acacia senegal Willd.) bezeichnet. Sowohl ꜥgꜣj als auch qmy.t sind mit dem Zusatz n(j).t šnḏ.t „von der Nilakazie“ belegt (Germer, Handbuch 137–139), was auf einen Unterschied in der Art des Produkts deutet.
Loret übersetzte in seiner Bearbeitung des Kyphi-Rezepts ꜥgꜣy als Minze (Mentha piperit b.), s. Loret, in: JA 10 (1887), 117–118; RecTrav 4 (1883), 21, Anm. 7; vgl. ebenfalls Flore, 53 [79]) mit Verweis auf Lauth (in: ZÄS 4 (1866), 66). Diese Identifizierung ist allerdings mittlerweile als veraltet zu betrachten. Bereits Jéquier (in: BIFAO 19 (1922), 62) zweifelte die Identifikation mit Mentha piperita L. an, weil die verwendeten Klassifikatoren (Edfou II, 203.8: Mineralkügelchen N33; Edfou II, 211.7: Baum M1) gegen eine krautige Pflanze wie die Minze sprechen. Auch Keimer (Gartenpflanzen, 138–139) sieht keinen „auch nur einigermaßen hinreichenden Grund zur Übersetzung mit Mentha“.

[Erfahrungswissen (Diagnostik) zu einem, der leidet an …] (?) des Schluckens4 [… … …].
[B, Z. x+5] [… … …] wegen des/mit Blut(es) des Hinterteils [… … …].
[… … …] [d]er Schläfe (?) [… … …].5

4 ꜥmꜣ: Späte Schreibung von ꜥm „schlucken“ (MedWb, 138–139), vgl. Wilson, Ptol. Lexikon, 152.
5 _[__]: Quack (in: ZÄS 126 (1999), 143, Abb. 1, 145) liest auf dem Bruch noch die Reste von einem p-Sitz (Q3), der eventuell zu einem pw ergänzt werden kann. Vermutlich ist also hier die Diagnose formuliert: „Es handelt sich um die [….]-Krankheit der Schläfe“ o.ä.